“Werden sie kaufen oder leihen?” – Die Verlagsbranche rätselt über den Umgang der Kunden mit den Büchern. Einige Assoziationen.

“So why would you buy an ebook and download it to whatever as opposed to loaning it from a library for free. Why would you pay to even rent it online for a time period when you will be able to rent it for the same period for free?” – Bookseller Association.blogspot.com/April 2008

Das Verlagswesen ist sich momentan offensichtlich noch nicht ganz klar, mit welchen Geschäftsmodellen man den sich langsam entwickelnden E-Book-Markt bedienen will. Folgerichtig kommen die oben gestellten Fragen in der Diskussion auf. Allerdings konnte und kann man sie zunächst einmal auch in Hinblick auf die klassischen Print- Publikationen formulieren: Warum sollte man sich ein Buch kaufen, wenn man es in der Bibliothek gratis bekommt?

Dahingehend fallen mir sofort drei Faktoren ein, warum man sich ein Buch dennoch kauft:

  1. Die Bibliothek hat den gewünschten Titel nicht im Angebot – man bekommt es also tatsächlich nicht, oder erst verzögert (gratis) bei der Bibliothek.
  2. Man möchte das Exemplar gern selbst besitzen, da man dadurch gewisse Nutzungsmöglichkeiten erlangt, die ein Bibliotheksbuch nicht hat. So kann man – was der entscheidende Aspekt ist – als Eigentümer über das Buch dauerhaft verfügen. Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass man, wenn man denn möchte, im Buch ohne erwartbare Sanktion unterstreichen, Seiten anknicken etc. darf, also all die Dinge tun, die persönliche Spuren hinterlassen und eine individuelle Nutzung zulassen.
  3. Der Weg zur Bibliothek ist schlicht zu weit, zu aufwendig oder die Bibliothek nimmt Gebühren, ist also nicht gratis. Für 10 Euro Jahresbeitrag hat man schon zwei Drittel des Kaufpreises für Charlotte Roches Feuchtgebietsbuch allein für Bibliotheksnutzungsmöglichkeit investiert. Die Ersparnis ist also gerade für Wenigleser nicht sehr lockend.

Wendet man dies nun auf E- Books an, deren Merkmal es ist, dass sie digital und daher prinzipiell mit geringem Aufwand und ohne Qualitätsverlust kopiert und verteilt werden können, so löst sich der erste Teil des dritten Arguments schon einmal für all diejenigen, die Zugang zum Internet haben, schlicht auf. Dies werden in naher Zukunft potentiell all diejenigen sein, die ein Mobiltelefon besitzen.

Die dematerialisierten Inhalte..

Die Loslösung vom Ausleihort bringt es mit sich, dass sich prinzipiell auch eine Konkurrenz der Bibliotheken untereinander entwickeln kann. Wie sich dies auf eine entsprechende Gebührenverteilung und mögliche Zugangsregulierungen auswirkt, wird bislang kaum thematisiert. Wer darf die Bestände welcher digitalen öffentlichen Bibliothek nutzen? Und zu welchen Bedingungen? Wie exklusiv, z. B. auf die Einwohnerschaft der die Einrichtung unterstützenden Kommune beschränkt, kann und darf eine öffentliche Bibliothek sein?

Die Frage des Eigentums (Argument 2) stellt sich generell bei digitalen Dokumenten. Social DRM bedeutet eine eindeutige Verknüpfung zwischen einem digitalen Dokument und dem Eigentümer, wobei sich der Eigentümer der entsprechenden offensichtlichen Kennzeichnung mit dem Eigentumsstempel nicht entziehen kann. In diesem Sinne verpflichtet Eigentum tatsächlich und zwar zur Einhaltung der Nutzungsregeln. Während ein gedrucktes Buch beliebig verschenkt oder z. B. antiquarisch weiterveräußert werden kann, wird es für elektronische Publikationen kein Äquivalent zum Antiquariatsmarkt geben.

.. und die Hürden der Materialität

Die Hürden zur unkontrollierten Vervielfältigung des Printprodukts liegen ganz offensichtlich in seiner Materialität begründet. Der Aufwand zur materiellen Reproduktion ist in der Regel abschreckend groß genug, als dass der Verlag befürchten muss, von Raubdruckern in den Ruin gestürzt zu werden. Der finanzielle Aufwand, eine ebenbürtige Kopie mittels Kopierer zu erzeugen, ist relativ gering, so dass sich photokopierte Exemplare bestenfalls als Arbeitsmaterial anbieten. Den Rahmen der materiellen Aufbereitung bieten sie nicht bzw. nur zu Kosten, die sich dem eigentlich Kaufpreis des gedruckten Buches durchaus annähern können.

Digitale Dokumente kommen ohne fixierte Materialität aus. Sie sind einerseits theoretisch zu geringen Kosten (geringer als beinahe jeder vorstellbare Kaufpreis) kopierbar, andererseits jedoch nur mit Hilfsmitteln, d.h. über die Dienstleistungen externer Anbieter rezipierbar. Es ist also anzunehmen, dass eine Eigentumsempfindung in diesem Zusammenhang keine Rolle spielt. Man fordert bestenfalls ein Nutzungs- oder Zugangsrecht ein.

Die Verfügbarkeit dieser Hilfsmittel ist die Voraussetzung für die Nutzung des E-Books und aus dieser Notwendigkeit ergibt sich eine Abhängigkeit des Lesers vom Anbieter der Zugangs- und Lesewerkzeuge. Entsprechend ist davon auszugehen, dass sich die funktionierenden Geschäftsmodelle in diesem Kontext herausbilden werden.

Books are for free..

So stellt sich die Frage eventuell etwas anders. Man kann nämlich annehmen, dass getreu der von Chris Anderson in der Wired-Märzausgabe ausführlich dargelegten $0,00-Geschäftsmodelle, im E-Book-Bereich à la Ryanair-Geschäftsprinzip das Geld nicht mit der Kerndienstleistungen sondern den Dokumenten selbst verdient wird, sondern mit begleitenden Dienstleistungen. Solche Ansätze bieten sich hier, wo die Materialitätskosten vergleichsweise verschwindend gering sind, selbstredend an. Man versucht momentan viel in diesem Bereich und es wird interessant sein, zu beobachten, ob und wie die Wissenschaftsverlage mit Mehrwertdiensten reagieren, um z. B. der Open Access-Bewegung, die steigende Akzeptanz und Relevanz in der Wissenschaftskommunikation verzeichnet, zu begegnen.

Entschieden dürfte sein, dass es zukünftig im E-Book-Bereich mehr denn je um das geht, was um die Inhalte selbst an Dienstleistungen angeboten wird.

..aber Zugang und Rahmen kosten.

Die kommerziellen Anbieter (Verlage) von Inhalten und die Bibliotheken nähern sich dabei insofern aneinander an, als es beiden darum gehen wird, den Zugang zu den Publikationen zu gestalten. Der kommerzielle Anbieter rechnet nicht mehr in Exemplaren und Auflagen sondern mit Abrufen und vielleicht mit verweisenden Dritten.

Bei ähnlichen Angeboten des Anbieters und der Bibliotheken besteht natürlich die Gefahr einer Art Indifferenz seitens der Nutzer. Er wird – nimmt man eine rein ökonomisch-rationale Grundlegung – den Titel dort beziehen, wo ihm die geringsten Nutzungskosten entstehen.

Das Ziel kommerzieller Anbieter ist es, einen möglichst regulierten Zugang einzuräumen, das Ziel der Bibliotheken traditionell einen weitgehend offenen. Allerdings sind Bibliotheken nicht gleichzeitig Hersteller sondern nur Vermittler von Titeln, insofern also von Anbietern abhängig.

Exklusion..

Es ist daher zu erwarten, dass die kommerziellen Anbieter den Bibliotheken mit Nutzungskonditionen entgegentreten, die diese einerseits möglichst stark in der Kundenrolle hält und andererseits es ihnen schwer macht, möglichen individuellen Kunden Angebote zu unterbreiten, die diesem den Bezug eines E-Books über den Verlag attraktiver erscheinen lassen, als die kostenärmere Nutzung über die Bibliothek.

Die postulierte direkte Konkurrenzsituation, die in den Eingangsfragen durchschimmert, ist eigentlich keine, sind doch die Bibliotheken von den Anbietern abhängig, die Anbieter von der öffentlichen Bibliotheken nur bedingt.

Welche Rolle der traditionelle Buchhandel in einem solchen Szenario spielt, ist ein ganz eigenes Kapitel. Für den traditionell stationären Buchhandel bieten E-Books so gut wie keine Geschäftsgrundlage. Die Tortenstücke im Internetbuchhandel sind dagegen perspektivisch schon jetzt zuschreibbar, wobei Amazon mit seinem Kindle-Allroundsystem inklusive DTP-Plattform den Aspekt der Exklusion, hier anderer Marktteilnehmer, schon auf ein sehr hohes Niveau gebracht hat.

..und Mehrwertdienste

Schaut man sich die Angebote bestimmter Akteure wie Questia an und hält man die oben ausgeführte Prämisse, dass in Zukunft das Geld nicht über Primärinhalte, sondern optionale Mehrwerte verdient wird, so erkennt man deutlich die Spuren des Web 2.0-Werkzeuge auch im Bereich der E-Book-Lösungen. Auf diesem Weg lässt sich z.B. die Annotation in im Vergleich zur Bleistiftnotiz deutlich verbesserter Form in entsprechende Dokumentumgebungen einbinden. Diese sind perspektivisch dann insgesamt vernetzbar und aus Social Bookmarking wird Social Annotation. Der Nutzer kann also mit dem E-Text im Rahmen der Funktionalität der Werkzeuge alles Mögliche tun, was die Textrezeption in seinem Sinne optimiert: Er kann zeichengenau Lesezeichen setzen, Unterstreichungen vornehmen und ebenso zeichengenau Randnotizen beifügen, die aber im Unterschied zum Printprodukt nicht durch die Materialität – d.h. den Seitenrand – in ihrem Umfang beschränkt sind. Die Perspektive ist eine über den eigentlichen Dokumenteninhalt gelegte hyptertextuelle Rezeptionsstruktur, die womöglich, manche sagen: sehr wahrscheinlich, die Vorstellung von dem, was ein publizierter Text sei, sukzessive verschiebt. Sicherlich bleibt – ähnlich zur Musik – die Ausgangskomposition ein maßgebliches Merkmal. Andererseits erlebt man bereits jetzt eine mitunter für die Diskurse kontraproduktive, da massiv Redundanzen und Rauschen erzeugende, Remix-Culture, die für eine aktive digitale Textrezeption eine fast zwingend nahe liegende Option darstellt.

Wer macht was?

Die Frage ist allerdings, wer entsprechende Werkzeuge entwickelt, pflegt und durchsetzt: Die Verlage, deren Kerngeschäft bislang eigentlich die Schritte bis zur Rezeption, also die Autoren- und Textakquise, das Lektorat, die Drucklegung, das Marketing etc., sind. Oder die Bibliotheken, die immerhin auch die Rolle des Rezeptionsortes übernehmen und daher auch in ihrer angedacht literaturvermittelten Funktion hier ein neues Kompetenzfeld entwickeln können. Oder dritte Akteure, die entsprechend Werkzeuge an Verlage, Buchhändler und Bibliotheken gleichermaßen zu verkaufen versuchen. Ungeklärt bleibt, inwieweit in den Bibliotheken die Rahmenmöglichkeiten zur Innovation gegeben sind, inwieweit es sich Bibliotheken leisten können, Lösungen einzukaufen oder selbst umzusetzen, wobei die erstere Variante mit anschließender Anpassung an die jeweiligen Bedingungen in der Regel die sinnvollere darstellt, selbst wenn der Markt momentan noch wenig auf diesem Gebiet hergibt.

In dem Bereich dieser Rahmendienstleistungen zur Lektüre eröffnet sich auch ein Feld, auf dem Bibliotheken, so sie dies denn wollen, in Konkurrenz zueinander treten können. Und zu den Verlagen ebenso.

Sollten wir tatsächlich ein solches Szenario Realität werden sehen, dann wird sich auch das erste Argument, das des Vorhandenseins eines Buches im Bestand, relativieren, es sei denn natürlich, die Verlage verknappten gerade den Zugang für die Bibliotheken und während sie die Inhalte an Endkunden für sehr wenig Geld und mit der Hoffnung auf die Nutzung von Zusatzdienstleistungen vermitteln, erhalten Bibliotheken deutlich schlechtere Konditionen für die Weiternutzung der Inhalte. In einer solchen Situation sind dann für die Bibliotheken, so sie denn bestehen wollen, noch ganz andere Strategien notwendig und daher verwundert es nicht, wenn die Bibliothek 2.0-Bewegung mit dem „User Generated Content“ hier eine aufmerksame Zuhörerschaft findet.

Downloadort Bibliothek

Prinzipiell bieten E-Books aufgrund ihrer immateriellen Form den Bibliotheken die Möglichkeit, ein viel breiteres und vielfältigeres Titelangebot anzubieten, da nicht mehr in Regalmetern, sondern in Terrabyte zu planen ist, wobei 10 Terrabyte – in jedem Fall im Verhältnis zum dort ablegbaren Inhalt – immer noch günstiger sein dürften, als 10 Meter Regal. Allerdings sind hier wiederum andere Betriebs- und Instandhaltungskosten und/oder Verbindungskosten zu berücksichtigen. Zudem zahlt der Nutzer, wenn er die virtuellen Angebote nutzt, gerade weil er es Downloaden kann.

Ein Download an sich mag nicht viel kosten, ist aber in jedem Fall nicht gratis, da der Nutzer bisher jedenfalls den Anschluss an die digitale Infrastruktur benötigt, der nicht gratis ist. Und für den Gegenwert eines Monats UMTS-Flatrate, die eigentlich keine ist, bekommt man durchaus einen Bibliotheksausweis für die Staatsbibliothek, und zwar für ein Jahr, und es bleibt immer noch genug Geld über, um sich ein oder zwei Titel von der Bestseller-Liste in der Printversion zu kaufen. Vielleicht werden also gerade die Infrastrukturanbieter im Bereich der E-Book-Vermittlung aktiv, denen es am Ende gleich ist, ob es Bibliotheksnutzer oder Buchhandelskunden sind, die den Download vornehmen. Wichtig ist für alle anbietenden Akteure, dass sie es viel und reichlich tun. Dies käme einem freien und offenen Zugang, wie er dem Bibliothekswesen wohl näher liegt, entgegen.

Quo vadis?

Man bewegt sich hier allerdings insgesamt auf dem dünnen Eis der Spekulation und gerade die eingangs zitierte Frage berücksichtigt die Gemengelage nicht in ihrer Gesamtkomplexität. Dennoch ist sie natürlich berechtigt. Womöglich muss man sie, nachdem die Verlage sie beantwortet haben, umgedreht stellen. Warum sollten die Nutzer einen Titel gratis bei der Bibliothek downloaden, wenn sie ihn ebenso gratis bei einem Verlag bekommen können und gegen mehr oder weniger geringen Obolus und vielleicht ein paar Werbeeinblendungen auch ein paar großartige Werkzeuge zur Lektüre-Verwaltung. Und was macht man, wenn ein UMTS-Anbieter auf einmal einige zehntausend E-Book-Titel seinen Mobilfunkkunden gratis mitliefert? Damit wäre der Lektürebedarf bei einer gewissen attraktiven Auswahl für eine lange Zeit gedeckt und sowohl die Bibliotheken wie auch die Anbieter müssen Wege finden, um hier noch dazwischen zu stoßen.

So ist bislang wieder einmal mächtig unklar, welche Geschäftsmodelle sich am Ende als tragfähig erweisen. Die Bibliotheken sollten aber in jedem Fall dahingehend ein wenig wach sein, wobei ihnen die Bibliothekswissenschaft hoffentlich unter die Arme greift. Denn dafür ist sie schließlich da: Die gegenwärtige Situation in ihrer Komplexität zu erfassen, zu analysieren und perspektivisch Optionen zu formulieren, auf deren Grundlage praktische Schritte entwickelt werden. Und obendrein habe ich die Hoffnung nach wie vor nicht fahren lassen, dass Bibliothekswissenschaft und Bibliotheken durchaus selbst ein gewisses lenkendes Potential besitzen. Dies gilt gerade angesichts der allgemeinen Verunsicherung im Hinblick auf den Umgang mit elektronischen Publikationen. Denn in der Unsicherheit ist Expertise eine ziemlich mächtige Ressource.

One thought on ““Werden sie kaufen oder leihen?” – Die Verlagsbranche rätselt über den Umgang der Kunden mit den Büchern. Einige Assoziationen.

  1. Zunächst einmal ein großes Lob für diese ausführliche und differenzierte Betrachtung zu diesem spannenden Thema. Mit solchen Erkenntnissen kann man im Konkurrenzkampf Bibliothek vs. Verlage sicher erstmal den Bibliotheken einen Punkt zuschreiben. 😉

    Doch kennen Sie jemanden, der E-Books auf dem Mobiltelefon liest? Ich nicht. Wie lange würde man so etwas aushalten? Selbst das neueste E-Reader-Modell von Sony hat noch großen Verbesserungsbedarf, vor allem was Auflösung (vor allem bei Graphiken tauchen hier erhebliche Probleme auf) und Mehrwerte wie die von Ihnen genannten Annotationen angeht. Eine verbesserte Auflösung des PRS-505-Modells und mehr Möglichkeiten zum eigenen Annotieren, etwa im Stile von Questia, und ich würde mein analoges Buch (abgesehen von der Belletristik) in die Ecke legen… sobald natürlich gesichert ist, dass auch wirklich jedes Buch als gut strukturierte E-Version verfügbar ist (und wieder eher ein Punkt für die Bibliotheken als den Verlagen).

    Ich denke, bevor man die große Frage nach Bibliotheken oder Verlagen stellt, muss man am anderen Ende anfangen: den Rezipienten, und das sind im Falle der E-Books gewiss nicht Wenigleser.

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