Die “Bibliothek 2.0” in der deutschen Wikipedia: Vorschlag einer Neudefinition.

Ich habe mir gerade in der deutschsprachigen Wikipedia die Definition zu “Bibliothek 2.0” angesehen und war kurz davor, diese zu ändern. Da diese Änderung jedoch sehr grundlegend ausfallen würde und ich auch noch keine absolut gelungene Formulierung parat hab, bastel ich erst einmal hier daran herum und stelle meinen Entwurf zur Diskussion.

Die aktuelle Definition lautet:

Bibliothek 2.0 (Übersetzung des englisches Begriffes Library 2.0) ist ein nicht fest definiertes Modell für eine modernisierte Form der Bibliothek, in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht.

Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien. Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein. Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten. Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen. Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Dass wir es mit einem “nicht fest definierten Modell” zu tun haben, ist eine durchaus wichtige Feststellung, die man um die Formulierung “z.T. umstritten” ergänzen könnte. Ungeklärt ist in meinen Augen vor allem, welche Merkmale zur Begriffsbestimmung heran gezogen werden können, da man bei all dem, was so unter Bibliothek 2.0 bzw. Library 2.0 eingeordnet wird, ziemlich viel Web 2.0 und Dienstleistungstheorie findet, die allerdings auch im Bibliothekswesen nicht so ganz neu ist.

Mein Vorschlag: Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen.

Problematisch wird es bei “modernisierte Bibliothek“, wobei wir hier auf etwas stoßen, was ich in Anlehnung an Walt Crawfords sehr erhellende und sehr umfassende Diskursanalyse als typischen “Crawford-Manichäismus” bezeichnen möchte, denn er stellt an Michael Casey und einigen anderen die damit verbundene Problematik einer impliziten Zweiteilung der Perspektive auf die Bibliothek heraus. “Modernisiert” bedeutet, dass die vorhergehende Bibliotheksform, “Bibliothek 1.0”, grundsätzlich modernisiert werden muss, also unmodern ist. Dies ist in einer solchen Absolutheit natürlich völliger Unsinn. Auch wenn nicht alle Bibliotheken auf dem neuesten technischen Stand sind und im Vergleich zu den Public Libraries in den USA eventuell den Dienstleistungsgedanken nicht flächendeckend so verinnerlicht haben, wie man es sich wünscht, ist diese pauschale Aburteilung als “unmodern”, auch wenn sie indirekt geschieht, absolut haltlos.
Die andere Variante wäre die, dass man davon ausgeht, dass die Bibliotheken schon mit der ersten Einführung des Dienstleistungsgedanken zur Bibliothek 2.0 geworden sind und die jetzige Bezeichnung einfach nachträglich aufgebügelt wird. Dann bleibt aber die Frage, ob man tatsächlich den “2.0”-Zusatz benötigt oder ob man nicht einfach von einer dienstleistungsorientierten Bibliothek (z.B. im Gegensatz zu einer Repräsentationsbibliothek) sprechen sollte. “Zweinull” wäre für mich in diesem Zusammenhang überflüssig.

Mein Vorschlag: “modernisiert” streichen.

Nun die Passage: “in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht“. “Noch stärker” ist völlig aussagelos, da der Grad der Steigerung nur im Vergleich feststellbar ist und sollte mit dem recht unscharfen “noch” m.E. in Definitions- oder Beschreibungsansätzen grundsätzlich nicht verwendet werden. Denn es müsste in diesem Fall ein Bibliotheksmodell oder etwas anderes existieren, bei dem der Service allgemein stärker und eines, bei dem der Service nicht so stark im Vordergrund steht, geben. Also vielleicht: “das grundsätzlich auf … ausgerichtet ist”.

“benutzerorientierter Service” ist ein Pleonasmus, jedenfalls kann ich mir keinen benutzerangewandten Service (in der Theorie) vorstellen. Also vielleicht: den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen.

Ähnliches gilt für den zweiten Absatz, d.h. das Ziel des “bestmöglichen Service”, welches für mich für eine zeitgemäße Bibliothek ein Allgemeinplatz sein sollte und deswegen keiner expliziten Erwähnung bedarf.

“Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien.”

Darüber, dass sich Elemente und Prinzipien des Web 2.0 in der Bibliothek 2.0 wieder finden, herrscht weitgehend Konsens. Die gegebene Formulierung ist mir allerdings zu schwammig. Vielmehr sollte man genau benennen, um welche Elemente es sich handelt und was die ominösen “gleichen zugrundeliegenden Philosophien” sind.

Mein Vorschlag: Das Konzept der Bibliothek 2.0 greift auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurück. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durch so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet. (Das kann vielleicht auch etwas weniger “gestelzt” ausdrücken, auf die Schnelle ist mir aber die Präzision wichtiger, als die geschmeidige Formulierung… Vorschläge zur Reformulierung sind jederzeit willkommen.

“Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein.”

Soweit ich sehe bezieht sich die Umsetzung der Bibliothek 2.0 bislang vorwiegend auf die Implementierung von Web 2.0-Funktionalitäten in Webangebote von Bibliotheken. Online-Services werden daher nicht eingeschlossen, sondern sind das hauptsächliche Anwendungsfeld. OPAC-Systeme, die als “Online Public Access Catalogue” nicht zwingend identisch mit elektronischen Katalogen sind, spielen dabei zwar eine Rolle, bedürfen meiner Meinung nach an dieser Stelle aber keiner gesonderten Erwähnung. “Ein erhöhter Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek” findet natürlich nicht nur auf elektronischem Weg statt, sondern traditionell in jeder guten Einrichtung auch von Angesicht zu Angesicht oder telefonisch oder über Umfragen auf Papier etc.
Halbwegs neu an der Bibliothek 2.0 ist allerdings, dass es nun abgesehen von der e.mail-Kommunikation auch andere digitale Rückkopplungsformen gibt und vor allem, dass nun relativ aufwandsarm technische Möglichkeiten einrichtbar sind, mittels derer Besucher ohne Serverzugriff und Quellcodebearbeitung auf einfache Art und Weise Seiteninhalte gestalten und – z.B. über Folksonomies und andere Formen – zu vernetzen. Man kann also in Ergänzung zu oder als Ersatz von Webseiten, Webplattformen schaffen, die einen hohen Interaktionsanteil aufweisen. Den Satz selbst würde ich in dieser Form weglassen und den Kerngedanken des “Rückfluss” an anderer stellen unterbringen.

Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten.

Den bestmöglichen Service habe ich schon oben als allgemein erwartbaren Anspruch an eine zeitgemäße Bibliothek benannt. Im Nachtrag ist zu erwähnen, dass das, was “bestmöglich” bedeutet, selbstverständlich von Fall zu Fall und von Zielgruppe zu Zielgruppe konkret zu ermitteln ist. Ebenfalls selbstverständlich sollte es sein, dass die Angebote regelmäßig – genau wie die Bestände – aktualisiert und auf ihren Sinn im jeweiligen Kontext geprüft werden.
Zur Bibliothek 2.0 zählt diess in meinen Augen weniger, als zur Bibliotheksarbeit an sich und ich bin mir – Achtung: “Crawford-Manichäismus”- sicher, dass dies auch schon vor Web und Bibliothek 2.0 als Ideal am Bibliotheksdienstleistungshimmel geschrieben stand. Da es also kein spezifisches Merkmal der Bibliothek 2.0 darstellt, erscheint mir auch dieser Satz als überflüssig.

Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen.

Das kommt dem, was für mich den Kern der Bibliothek 2.0 ausmacht, relativ nahe, jedoch gab es auch dies natürlich über Bibliothekar-Nutzer-Dialoge bereits lange vor dem WWW (2.0). Der engagierte Bibliothekar sprach natürlich schon immer mit seinem Nutzer und aus diesem Gespräch erfuhr er mehr oder weniger direkt, wo es klemmt und wo nicht, was der Nutzer sich wünscht und was er ganz prima findet. Neu ist vermutlich, dass eine solch umfassende Mitgestaltungsmöglichkeit (und womöglich -verpflichtung) der Benutzer ins Grundverständnis der Bibliotheken Einzug hält. Konkret betroffen sind nach meiner Wahrnehmung bislang jedoch – wenn überhaupt – die digitalen Bibliotheksumgebungen.

Was mir allerdings an dieser Stelle in der Wikipedia-Definition grundsätzlich fehlt, ist die Betonung des “Plattform-Charakters”, d.h., dass die traditionell Benutzer-Bibliothekar-Kommunikation um die Möglichkeit der Benutzer-Benutzer-Kommunikation ergänzt wird, bei der z.B. mittels Social Bookmarking eine direkte Benutzer-Benutzer-Vernetzung möglich ist.

Diese Plattformen sind nach meiner Vorstellung analog zu den Web 2.0-Prinzipien personalisiert zu denken: Sie dienen denn Nutzer als persönliche Einstiegspunkte in die digitale Bibliotheksumwelt, von denen aus sie sowohl die Kommunikation mit den Bibliothekaren und anderen Nutzern, wie auch die eigenständige Organisation und Verwaltung des eigenen Rezeptionsverhaltens hinsichtlich der Bibliotheksbestände und Informationsangebote der Bibliothek steueren. Die damit einhergehende Konsequenz ist eine zunehmende “Bemündigung” des Nutzers, und damit auch eine zunehmende Selbstverantwortung. Die damit verbundenen Folgen sind heute allerdings kaum abzuschätzen und bieten entsprechend reichlich bibliothekswissenschaftliche Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten/-notwendigkeiten…

Mein Vorschlag: Die Bibliothek 2.0 bindet Bibliotheksbenutzer grundsätzlich in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen mit ein. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Abgesehen davon, dass ich nicht grundsätzlich von einer traditionellen Einkanalbibliothek ausgehe – wenigstens Anschaffungsvorschläge werden schon lange Zeit eingesammelt – glaube ich, dass es nicht das Ziel sein muss, den traditionellen Service grundsätzlich zu ersetzen, sondern, dort wo er funktioniert beizubehalten, dort wo es hakt zu verbessern und dort, wo es sich anbietet, durch neue Service-Angebote zu ergänzen.

Mein Vorschlag: Anhänger des Konzeptes (zu denen ich mich in gewisser Weise auch zähle) gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote um neue Formen ergänzt werden.

Was haben wir nun? Wenn ich alles zusammenaddiere komme ich folgenden eher Beschreibungs- als Definitionsvorschlag:

Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen. Konsens herrscht weitgehend, dass die Bibliothek 2.0 grundsätzlich auf den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen ausgerichtet ist.

Einigkeit besteht ebenfalls überwiegend dahingehend, dass die Bibliothek 2.0 auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurückgreift. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durchdie so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet.

Ein offensichtlicher Grundbestandteil der Bibliothek 2.0 ist die grundsätzliche Einbindung des Bibliotheksbenutzers in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger des Konzeptes gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote der Bibliotheken um neue Formen ergänzt werden.

Gut genug für die Wikipedia? Anregungen, Kritik, Korrekturen u.ä. sind mir sehr herzlich willkommen.

7 thoughts on “Die “Bibliothek 2.0” in der deutschen Wikipedia: Vorschlag einer Neudefinition.

  1. Ja, ja, ja, wir wissen es nun. Es ist nicht nötig, diesen Beitrag jedesmal wieder in Planet Biblioblog zu stopfen, den ich via Bloglines abonniert habe. Irgendwas ist da faul, er kommt bei jedem Aufruf wieder.

  2. Lieber Herr Graf,

    ich stopfe den Beitrag nirgendwo hin und “Planet Biblioblog” nutze und gestalte ich nicht, Ich denke, dass es eher eine technische als eine willentliche Ursache hat, wenn der Post da ständig hinein gerät. Allerdings freue ich mich schon, wenn er gelesen und kommentiert wird. Gern auch zum Inhalt…

    viele Grüße

    Ben Kaden

  3. Ein Blog finde ich absolut ungeeignet um Veränderungen an einem Text zu diskutieren. Vielleicht kannst du eine Unterseite auf deiner Benutzereite in der Wikipedia anlegegen wo du zunächst die alter Version speicherste und dann die Veränderungen vornimmst, damit man über die Versionsgeschichte sich die Änderungen ansehen kann. Änderungen kann man dann direkt im Text vornehmen.

  4. Danke für den Kommentar. Eigentlich wollte ich ja weniger über die Veränderungen am Text und mehr über das Konzept selbst diskutieren.
    Ich habe meinen Definitionsvorschlag nun in der Wikipedia eingefügt. Dort kann nun jeder seine Änderungsideen hineinbügeln.

  5. Nachdem ich die ausführliche Library 2.0 and “Library 2.0”-Abhandlung von Walt Crawford und ein bisschen die englischsprachige Blogosphäre gelesen hatte, kam ich um diese Einschätzung nicht herum… Der Eintrag in der Wikipedia ist nun noch ein bisschen erweitert.

  6. Schade, dass CommentPress im März hier noch nicht nutzbar war. Denn nun, so denke ich, ließe sich im Blog über den Definitionsansatz zur “Bibliothek 2.0” sogar besser diskutieren, als dies auf den Diskussionsseiten der Wikipedia momentan möglich ist.

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