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	<title>kontext &#187; Urheberrecht</title>
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		<title>In angenehmer Wissensgesellschaft: Eindrücke von einer Konferenz zum &#8220;Wissen und Eigentum im digitalen Kapitalismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 18:15:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war schon ein stückweit Wohlfühlatmosphäre, die der Bundestagsfraktion DIE LINKE für die Suche nach der Antwort auf die Frage, wem denn das Wissen (im digitalen Kapitalismus) gehöre, gelang. Mittelhochoben im vierten Stockwerk des Filmhauses nahe dem Potsdamer Platz  mit schönem Ausblick in den Innenhof des Sony-Centers und in die Wohnzimmer der Esplanade Residence [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war schon ein stückweit Wohlfühlatmosphäre, die der Bundestagsfraktion DIE LINKE für die Suche nach der Antwort auf die Frage, <a href="http://www.linksfraktion.de/termin_der_fraktion.php?artikel=1669249795">wem denn das Wissen (im digitalen Kapitalismus) gehöre</a>, gelang. Mittelhochoben im vierten Stockwerk des Filmhauses nahe dem Potsdamer Platz  mit schönem Ausblick in den Innenhof des Sony-Centers und in die Wohnzimmer der <em>Esplanade Residence</em> fand sich der Besucher in einem weitgehend dissensarmen Raum – was die <em>Panels</em> vor 16 Uhr betrifft – mit recht üppigem Catering und vor einer guten Zusammenfassung dessen, was mehr oder weniger dieser Tage als zeitgemäße Sicht auf die Digitalität in Deutschland zu bewerten ist.</p>
<p>Hätte Matthias Spielkamp nicht während seines <em>Panels</em> zur Internetkultur, das in der Umsetzung den „Kommunismus“ im Titel zugunsten eines pragmatischeren Ansetzens an der Frage nach möglichen, sinnvollen und mehr oder weniger zweckgemäßen Vergütungsmodellen verlor, nicht darauf hingewiesen, dass es andernorts ganz andere Denkmuster gibt, die eben nicht, wie seine <em>Panel</em>partner Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats und sogar Stefan Michalk, Geschäftsführer des Bundesverbands der Musikindustrie, dem Musiker Billy Bragg darin zustimmen – und zwar nicht einmal zähneknirschend –  dass die Zahnpasta (=Inhalte) aus ihrer Dose (=materielle und daher halbwegs kontrollierbare Datenträger) unwiederbringlich in die Mundhöhle des Internets gedrückt wurde und dort auf <em>Torrent</em>- und anderen -basen vor sich hin schäumt, man hätte fast glauben können, die Zeitungen lögen wie gedruckt und es gäbe  gar kein substantielles Problem zwischen der Netzkultur und der etablierten Kreativindustrie.</p>
<p>Kleine Differenzen gibt es schon. Stefan Michalk sieht z.B.  erwartungsgemäß in der Remix-und Kreativ-Kultur bislang keineswegs den freien Nährboden für hochwertige und einer industriegeförderten Tonkunst vergleichbaren Leistungsmusik (die <em>Arctic Monkeys</em> explizit und zwei, drei andere implizit ausgenommen). Er hielt sich aber fernab davon, Zeter und Mordio und den Untergang des musikalischen Abendlandes in die Runde zu schmettern, und blieb durchgängig sachlich und fast pragmatisch. Da ist die Musikbranche doch mancher Stimme aus dem Verlagsumfeld tatsächlich ein paar Jahre voraus.</p>
<p>Das Realitätsbewusstsein war also in diesem <em>Panel</em> bei allen Teilnehmern etwa auf dem gleichen Niveau und in der nahezu gültigen Einschätzung des übergewichtigen Maßes an Ungewissheit, was denn morgen sein wird, ebenfalls. Die Kulturflatrate wurde hineinjongliert und hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzung fast schon wieder verworfen. Raubkopierer sind auch nicht mehr <em>per se</em> Verbrecher, sondern manchmal auch Söhne von Branchenrepräsentanten und aus dem Publikum kam die Anregung, <em>Filesharing</em> doch bitte als Kulturtechnik zu begreifen. Da ging dann nicht mehr jeder mit, aber begrüßt wurde die Überlegung als Beitrag zu Diskussion trotzdem und beinahe herzlich. Denn, so der Konsens, die Welt bewegt sich und wir sollten darüber reden, was wir mit dieser Tatsache anfangen können.<br />
Herausgehoben interessant für diejenigen mit einem an der Frage nach der Wissenschaftskommunikation im Internet ausgerichteten Blick war natürlich das <em>Panel</em> zu „Open Access und Creative Commons“, dessen programmatische Nachfrage „Ende oder Beginn freier Wissenschaft?“ allerdings keine ausdrückliche Antwort fand.</p>
<p>Der Heidelberger Appell schwebte selbstverständlich über dieser Runde und Sabine Cofalla vom Berliner Akademie-Verlag lobte ihn noch einmal für seine in der Tat eindrucksvollste Leistung: die Debatte zu entzünden. Ansonsten ist aber über seinen widersprüchlichen Charakter und z.T. hanebüchenen Inhalt derart viel an anderen Stelle geschrieben und gesagt worden, dass er und sein Initiator Roland Reuß zwar als festes Symbol mit auf dem Podium sitzen, inhaltlich aber kein weiterer Kommentar notwendig erscheint.</p>
<p>Die mittelständischen Verlage, so Sabine Cofalla, haben eigentlich kein Problem mit Open Access, wohl aber mit einem pauschalen Ansatz, der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation als etwas Homogenes begreift. Denn es sind die Geisteswissenschaftler doch deutlich anders ausgerichtet, als die STM-Vertreter. Für die Erstgenannten geht die Sorgfalt der Publikation (auch in handwerklicher Hinsicht) in der Regel über die Publikationsgeschwindigkeit. Sie sind oft nach wie vor mit dem Medium Buch ganz zufrieden.</p>
<p>Man hätte obendrein auch einmal nachfragen können, ob die innovationsausgerichteten STM-Fächer nicht strukturell sogar weitaus stärker einem auf Funktionalität und Effizienz setzenden Muster folgen, also diskursökonomisch optimierter als die Geisteswissenschaften sind, deren Kommunikationsmuster sich zu einem gewissen Anteil auch an ästhetischen Kriterien orientieren und sich daher auch gern mit einem  adäquaten Rahmen präsentieren. Wo in der Naturwissenschaft einerseits der eindeutige Fakt zählt und andererseits – unter der Beachtung von Phänomenen wie dem <em>Impact Factor</em> – <em>wo</em> er bekannt gemacht wird, sucht die Geisteswissenschaft das Argument, die Interpretation und achtet dementsprechend stärker darauf, <em>wie</em> etwas gesagt wird. Da diese Idee erst hinterher dazu perlte und auf dem Podium ohnehin die Zeit knapp war, bleibt nur, sie hier kurz zu notieren und weiter zu bedenken.</p>
<p>Abgesehen von der empirisch noch zu klärenden Frage, inwiefern Akzeptanzprobleme des Open Access in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten auf rezeptionsästhetischen Ursachen beruht, bleibt natürlich auch das Problem der Finanzierung. Zurecht wurde angemerkt, dass die Etats in den Naturwissenschaften und damit auch die finanziellen Mittel, um Publikationen auf dem goldenen Weg in die allgemeine Zugänglichkeit zu führen, ganz andere Dimensionen erreichen, als in geisteswissenschaftlichen Disziplinen.</p>
<p>Was Christoph Bruch von der Max-Planck-Gesellschaft einfach als Umlagerung der Subskriptionskosten in Vorfinanzierung ansieht, also vom Ende der Publikationskette an ihren Beginn, funktioniert vielleicht in den Zeitschriftenwissenschaften. Bei den Buchwissenschaften scheint dagegen so manche Holprigkeit zu überwinden. Die Beispielrechnung, die Matthias Spielkamp einwarf, nämlich, dass bei einem Druckkostenzuschuß von 5000 Euro und den Absatz von 200 Exemplaren  à 100 Euro an Universitätsbibliotheken die öffentliche Hand ja bereits 25.000 Euro an den geisteswissenschaftlichen Verlag auszahlt, ließ Sabine Cofalla souverän mit der Entgegnung abblitzen, dass die Bücher ihres Verlages eben keine 100 oder 150 Euro kosten und sie mit diesen dennoch gern die schwarze Null erreichen würde. Bei einem Modell, dass eine einmalig Zahlung für die Verlagsdienstleistungen vorsieht, wäre die Chance, weitere Exemplare auch an Privatpersonen abzusetzen und darüber Einnahmen zu generieren, dahin.</p>
<p>Nicht erwähnt wurde dabei, dass sich womöglich gar nicht 200 Bibliotheken finden, die das Buch erwerben, u.a. weil – wie der ebenfalls auf dem Podium anwesende Wolfgang Coy von der Humboldt-Universität einmal an anderer Stelle bemerkte &#8211; Akteure wie Elsevier versuchen, den gesamten Bibliotheksetat gleich auf ihr Konto umzuleiten. Da bleibt nicht mehr viel für Monographien des Akademie-Verlags. Die Zeitschriftenkrise ist auch in den Naturwissenschaften trotz relativ elaborierten OA-Formen noch längst nicht vorbei.</p>
<p>Überhaupt war die Verlagsleiterin des Akademie-Verlags eine Vertreterin, die nun nicht unbedingt ins initiale Problemfeld des Open Access passt: Ein hochsympathischer Verlag mit einem wunderbaren Programm, angefüllt mit Titeln, die man auch gern privat am Abend im Wohnzimmer zur persönlichen Wissenserweiterung lesen würde und dem man zweifellos ein langes und gedeihliches Leben wünscht, gehört kaum in die Reihe derer, die die Motivation zur Entwicklung alternativer Publikationsmodelle aufgrund ihrer Preispolitik nennenswert beschleunigt haben.</p>
<p>Unglücklicherweise hat man in Heidelberg den Ursprungshintergrund der OA-Bewegung nicht verstanden und unglücklicherweise hat vielleicht bei der DFG auch etwas Sensibilität gefehlt. Wenn die Sage denn stimmt, stellte sie eine Projektförderung für Roland Reuß in die Abhängigkeit davon, dass er sein Resultat auch frei zugänglich macht, wofür ihm sein Verlag den Korb gab und das Projekt platzte und darauf dem Abgelehnten der Kragen. Den Rest kann man in der FAZ und in der Frankfurter Rundschau nachlesen. Dafür, dass die Vorgeschichte so stimmt, übernehme ich keine Garantie, nur klingt das Lied der Spatzen von den Dächern so ähnlich.</p>
<p>Verbindlich ist dagegen, dass auch Christoph Bruch die Möglichkeit, nicht zureichend Aufklärungsarbeit hinsichtlich Open Access bei den Geisteswissenschaftlern (und ihren Stammverlagen) geleistet zu haben, einräumte. Das passt gut in die Forderung von Sabine Cofalla, dass Open Access in den Verträgen mit den Verlagen differenziert behandelt wird. Sehr viel ist möglich, man muss es nur absprechen und aushandeln.</p>
<p>Dies erfordert von den institutionellen Anbietern bei der Gestaltung von Mandaten einen flexibleren Ansatz, wobei angemerkt wurde, dass deutsche Mandate relativ zurückhaltend formuliert sind. Dass das Urheberrecht, welches man bei den Diskussion gern und oft mit dem Nutzungs- und Verwertungsrecht verwechselt, durch Open Access nicht verletzt wird, versteht sich eigentlich von selbst, muss wohl aber zur Präzisierung immer wieder mal klar gestellt werden. Die Einmengung des Ausdrucks <em>Copyright</em> in die Urheberrechtsdebatte, die immer zwangsläufig immer dann erfolgt, wenn die geographische Betrachtungsgrenze überschritten wird, ist natürlich wenig hilfreich und führt regelmäßig zu Missverständnissen. Für eine global orientierte Wissenschaft ist das natürlich sehr problematisch. Denn gerade Naturwissenschaftler publizieren vergleichsweise selten in deutschen Publikationen (selbst <em>Springer Science+Business Media</em> ist halb luxemburgisch). Deutsche Geisteswissenschaftler dagegen eher schon. Auch das wird häufig in der Diskussion übersehen.</p>
<p>Auf dem Podium wurde die Unveräußerlichkeit des Urheberrechts frühzeitig betont. Nicht so klar war dagegen so manchem im Publikum angesichts des freundlichen argumentativen Miteinanders der Diskutierenden, wo denn eigentlich das Problem sei. Jedenfalls merkte Olaf Zimmermann dies in seinem Zwischenruf an. Die grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit, so sein Argument, stelle doch jedem frei nach dem Open Access-Verfahren zu publizieren. Dass Wissenschaftler bisher dennoch zu den Verlagen gingen, läge wohl auch daran, dass die Wissenschaftsinstitutionen bislang keinen befriedigenden Ersatz für die Verlagsdienstleistungen entwickeln konnten. Wer einmal versucht hat, ein fertiges Dokument nach einer Formatvorlage für ein Repositorium anspruchsgerecht umzuformatieren, mag ihm zustimmen. Wer aber einmal seinen Text ebenfalls selbst nach Vorgabe formatiert und als druckfertiges PDF zu einem größeren Zeitschriftenverlag eingereicht hat, fragt zu Recht: welche Dienstleistung? Hier ist wirklich und dringlich zwischen den Zeitschriftenverlagen und den Buchverlagen mit den damit assoziierbaren Wissenschaftskulturen zu unterscheiden.</p>
<p>Ein weiterer Aspekt, den Wolfgang Coy in der Erwiderung in die Diskussion steuerte, ist das Argument, dass Wissenschaftsfreiheit nicht eine uneingeschränkte Publikationsfreiheit bedeutet. Das mag Volker Rieble (vgl. <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=6829">hier</a>) ganz anders sehen, aber zu bedenken ist allemal – und besonders auch im Vergleich zu anderen Erzeugern von Kreativerzeugnissen – ob jemand, der als festangestellter Wissenschaftler dafür bezahlt wird, <em>dass</em> er publiziert, nicht auch darauf verpflichtet werden kann, <em>wo</em> er (parallel) publiziert. Wohlgemerkt: Nicht darauf, <em>was</em> er publiziert! Das Gelände ist verminter als man auf den ersten Blick annimmt, denn wie will man einem Hochschulprofessor nachweisen, dass er sein Lehrbuch nicht in seiner Freizeit, also unabhängig von seiner bezahlten Arbeitszeit, verfasst hat. Und wie will man die Autonomie der Wissenschaftsgemeinschaft, die auch auf die Strukturen der Wissenschaftskommunikation unabhängig von der konkreten institutionellen Anbindung ihrer Mitglieder zurückwirkt, an dieser Stelle berücksichtigen. Mit Zwangsmandaten wird man hier nicht allzu weit kommen. Da sind Embargo-Zeiträume schon eine bessere Alternative, die selbst bei eher konservativ eingestellten Wissenschaftsverlagen fruchten könnte.</p>
<p>Auch wenn allgemein angenommen wird, dass das Internet schon aus den Kinderschuhen heraus ist, zeigt es sich, dass es bei vielen Buchverlagen (meist jenseits der Wissenschaft) erst jetzt als potentiell primäre Textplattform erkannt wird. Auslöser ist wohl die Aussicht auf die kommerzielle Verwertbarkeit der vom Trägermedium losgelösten Inhalte, die Amazon und Sony mit ihren E-Book-Ambitionen in den letzten zwei Jahren massiv beförderten. Dass sich aber schon weitaus länger und spätestens mit der Durchsetzung des so genannten Web 2.0 eine unglaubliche Textproduktion ausschließlich im Web vollzieht, die auch die Wissenschaftskommunikation beeinflusst, dämmert den traditionellen Buchverlagen erst allmählich. Wenn Christoph Speer daran anschließend in seinem Zwischenruf aber davon ausgeht, dass Texte generell ins Internet abwandern und dann bei besonderer Popularität von Verlagen als „qualifizierten Druckereien“ in Bücher geformt werden, dann folgt er zwar einem naheliegenden <em>Print on Demand</em>-Gedanken, spannt den Bogen aber doch ein wenig weit ins Ungewisse. Und unterschätzt womöglich die Trägheit (buchstäblich und wertfrei gemeint) von bestimmten wissenschaftlichen Kommunikationspraxen.</p>
<p>Schließlich wurde noch sehr richtig angemerkt, dass ein Hemmschuh für das Open Access und gleichzeitig das Treibmittel für die Spirale der Preissteigerungen im Zeitschriftenbereich, in einem eigenwilligen bis „kaputten“ Zitationssystem zu suchen ist, das mithilfe eines „Impact Factors“  im Prinzip die Währung der Wissenschaft „Reputation“ in die Währung des Marktes „Geld“ übersetzt, an sich aber an Objektivität zu wünschen übrig lässt. Daran, dass die „Reputation“ ihren Stellenwert im Sozialsystem Wissenschaft behalten wird, zweifelt wohl niemand. Nur müssen, so die Ansicht, neue, am besten web-gerechte <em>Ranking</em>-Verfahren entwickelt werden.</p>
<p>Ebenfalls eindeutig ist, was Olaf Zimmermann weiterhin anmerkte: Der institutionell angestellte Wissenschaftler muss im Gegensatz zu den Künstlern nicht von seinen Publikationen leben. Er könnte es in der Regel auch nicht, denn im Normalfall bekommt er von den Verlagen sein Honorar nicht in Geld sondern in potentiellem Reputationsgewinn dank Verlängerung der Publikationsliste. Die Dienstleistungen zur formalen Sicherung der Wissenschaftskommunikation (inklusive der Begutachtungsverfahren) müssen natürlich erbracht und bezahlt werden. Darüber hinaus besteht aber eigentlich keine Notwendigkeit, Wissenschaftspublikationen den Bedingungen des allgemeinen Buchmarkts zu unterwerfen. Wohin die Debatte also führen sollte, ist eindeutig: Zu einer Differenzierung des urheber- und verwertungsrechtlichen Rahmens für wissenschaftliche Publikationen.</p>
<p>Und die Antwort auf die Frage, wem Wissen gehört? Bis 16 Uhr gab es sie nicht und danach musste ich fort. Ein klassischer Leitsatz der Informationsökonomie lautet aber: Information ist keine Ware wie jede andere. Wissen, das über die Verknüpfung von Informationen (und manchmal Bauchgefühl) und immer individuell erzeugt wird, ist noch weniger in einem Warenbegriff fasslich. Das Wissen gehört dem, der es hat und da es wunderbar dynamisch ist, kann selbst der es nicht festhalten. Nur versuchen, es aufzuschreiben. Während man also den Zugang zu Wissensrepräsentationen regulieren kann, scheint sich das Wissen an sich der Diskussion zu entziehen. Kurz: Wir verhandeln nicht das Wissen, wir verhandeln die Bedingungen für seine Entstehung. Und die sollten in einer Wissenschaftsgesellschaft möglichst für und nicht gegen die Allgemeinheit wirken.</p>
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		<title>Ein freier Download ist noch kein Open Access. Die FAZ zu einer Tagung.</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Apr 2009 10:17:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Thomas Thiel]]></category>
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		<description><![CDATA[Oha! Der Wagen läuft und läuft und die Debatte zur Themenkonstellation Internet – Gratismentalität – Kulturverfall – Piraten gibt dem Betrachter das Gefühl, er taumele geradewegs über die Monkey Island. Dies gilt besonders und bedauerlicherweise für die Qualitätspresse, die hier Textbaustein an Textbaustein reiht um schließlich die LeChucks der sieben Webmeere mit Malzbier zu bezwingen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oha! Der Wagen läuft und läuft und die Debatte zur Themenkonstellation Internet – Gratismentalität – Kulturverfall – Piraten gibt dem Betrachter das Gefühl, er taumele geradewegs über die Monkey Island. Dies gilt besonders und bedauerlicherweise für die Qualitätspresse, die hier Textbaustein an Textbaustein reiht um schließlich die LeChucks der sieben Webmeere mit Malzbier zu bezwingen. Man könnte nun sagen, dieses Schiff sei längst abgefahren.</p>
<p>Man könnte aber auch sagen, dass so mancher Journalist in seiner hanebüchenen Annäherung an das Thema dahingehend offenbart, dass er nicht einmal mit Wasser kocht. Heute ist in der Frankfurter Allgemeinen der erstaunlicherweise und sicher für einen Artikel aus seinem Fachgebiet mit dem Axel-Springer- Preis 2008 ausgezeichnete Germanist und Feuilleton-Mitarbeiter Thomas Thiel an der Reihe, mit bestenfalls Zehntelwissen über das, was „Open Access“ ist, zu brillieren. „Es ist nicht die Zeit für leichtfertige Reden.“ Recht hat er. Warum tut er’s aber?: <a href="http://www.faz.net/p/Rub013457531D514A289550C982F21BCDBF/Dx1~E85dfb0a6f85348027eaca634fe7305ac~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Ein Handyton ist keine Symphonie</a>.</p>
<p>Sein Bericht zur Brüsseler Goethe-Instituts-Konferenz über den „Schutz geistigen Eigentums im digitalen Raum“ beruht nämlich auf der irrigen Annahme, <em>Open Access</em> hätte irgendetwas mit der Musikindustrie zu tun. Den Tipp hat er wohl von seiner Kollegin Sandra Kegel, der ja bereits am Samstag ihr <a href="http://www.faz.net/s/Rub5A6DAB001EA2420BAC082C25414D2760/Doc~EB0BCF2CAEAF146C29F4668106DF43986~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Kommentar auf der Titelseite</a> der FAZ derart entglitten ist, dass man als Kioskleser gleich das ganze Blatt wieder auf den Stapel zurückwarf. Man kann, darf und muss sicher bei dieser Diskussion problematisieren, was das Zeug hält. Das befreit einen aber noch nicht davon, wenigstens einmal in der Wikipedia nachzulesen, was Open Access eigentlich bedeutet. Dann unterbietet man nicht noch Roland Reuß in Unkenntnis der Materie:</p>
<blockquote><p>„Den Vertretern des Open Access reicht meist die Schreckkulisse der vier major labels, die den Musikmarkt im Würgegriff halten, der Medientycoone vom Format Berlusconis oder Murdochs, um mittelständische Betriebe, Kleinverlage oder Garagenlabels in Sippenhaft zu nehmen und die Abschaffung jeder Art von Vermittlungsinstanz zu fordern.“</p></blockquote>
<p><em>Open Access</em> pfeift auf Universal, Sony, Berlusconi und Rupert Murdoch. Und zwar nicht, weil es für freie Unterhaltung für freie Bürger eintritt, sondern weil diese Akteure nichts, aber auch rein gar nichts mit wissenschaftlicher Kommunikation zu tun haben. Und die Open Access-Bewegung möchte auch keinen mittelständigen Verlag und auch kein kleines Garagenlabel enteignen. Nein, wirklich nicht. Sie fordert nirgendwo die Abschaffung für Vermittlungsinstanzen für derartige Kulturprodukte. Sie möchte einzig (vorrangig natur-) wissenschaftliche Publikationen – und zwar nicht einmal ausschließlich sondern gern parallel zu einer Verlagspublikation – für andere Wissenschaftler und mittelbar natürlich für die interessierte Öffentlichkeit ohne große Hürden zugänglich machen.</p>
<p>Die Aussage Thomas Thiels, die Open-Access „favorisiert den Feierabendkünstler, den Sampler und Tüftler, den es vor urheberrechtlichen Behinderungen bei seinen Collagen zu schützen gilt“ zeugt also entweder von einem sehr abwertenden Verständnis von Wissenschaft oder schlicht von einer beeindruckenden Unbedarftheit gegenüber der Materie. Der Physiker als Feierabendkünstler. So dummdreist arrogant müsste man erst einmal sein.</p>
<p>Im Ernst: Natürlich mein der vielfältig studierte Feuilletonist etwas anderes, nämlich die Gruppe, die gemeinhin als Piraten gelabelt wird und zu denen streng genommen jeder gehört, der sich ein Bundesligator oder ein nicht autorisiert eingestelltes Musikvideo bei Youtube anschaut (bzw.<em> entert</em>). Also vermutlich jeden, vielleicht einige Mitglieder der FAZ-Redaktion ausgenommen, was ihren Informationsrückstand in Internetthemen erklären mag. Und eventuell Myriam Diocaretz vom europäischen Schriftstellerverband, die prophezeit:</p>
<blockquote><p>„Open Access wird zum Aussterben des Schriftstellers führen, und zwar des ganzen Berufs“</p></blockquote>
<p>und wohl auch noch mal zur Wikipedia muss. Vielleicht weiß sie aber auch mehr und die DFG zwingt jetzt auch Daniel Kehlmann zur Publikation seiner Wissenschaftsgeschichtsprosa auf freien Servern. Und Rowohlt alle Nabokov-Texte, in denen Anspielungen auf Lepidoptera zu entdecken sind, frei interessierten Zoologen zur Verfügung zu stellen. Was die Debatte anscheinend dringlich braucht, ist eine offene Open Access-Nachschulung und obwohl die dafür notwendigen Dokumente weitgehend frei im Internet verfügbar sind, werden sie anscheinend nicht heruntergeladen. So vervielfältigungsgeil scheint der normale Nutzer also gar nicht zu sein&#8230;</p>
<p>Ein anderer zentraler Aspekt, der auf den ersten Blick irritiert, weil er sich mit dem geläufigen Verständnis von Öffentlichkeit nicht deckt, betrifft ein Argument des Medienwissenschaftlers Geert Lovink, der laut Thomas Thiel davon ausgeht, dass</p>
<blockquote><p>„Wenn die Arbeit von Autoren und Verlegern unbezahlt vervielfältigt würde, […] die Grundlage öffentlicher Meinungsbildung, damit auch die Demokratie bedroht. Es habe sich gezeigt, dass Blogs die umfassende Berichterstattung nicht übernehmen können, und gleichzeitig sorgfältiger publizistischer Arbeit zunehmend die finanzielle Grundlage wegfallen.“</p></blockquote>
<p>Man kann es auch so lesen: Ausgerechnet der freie und damit konsequent öffentliche Zugang zu Information gefährdet die öffentliche Meinungsbildung und damit die Demokratie.</p>
<p>Ein Monatsabo einer der beste Tageszeitungen der Welt kostet immerhin etwa 25 Euro mit Monat, dass der FAZ 39,50. Damit werden bestimmte Gehaltsgruppen konsequent vom Zugang zu solcher „sorgfältigen publizistischer Arbeit“ zunächst einmal ausgeschlossen. Ob diese Zugangsgestaltung die Demokratie fördert, darf man ruhig mal hinterfragen. Ich würde jedenfalls jemandem, der 40 Euro im Monat für Berichterstattung auszugeben bereit ist, in jedem Fall eher zu einer Internet-Flatrate als zu einer Papierflatrate der FAZ raten.</p>
<p>Dass freier Zugriff die Demokratie bedroht, meint Geert Lovink hoffentlich nicht. Er weist wahrscheinlich irgendwie zu Recht auf das Grundproblem hin – und nicht ein Vertreter der Open Access-Bewegung wird ihm da widersprechen – dass auch Autoren, selbst Blogger von etwas leben müssen. Sonst können sie einfach nicht schreiben. Die Frage ist, ob dies im digitalen Umfeld über eine Exemplarabrechnung sein muss.</p>
<p>Diese Brüsseler Zuspitzung ist an sich natürlich fahrlässig, denn der Artikel suggeriert, dass keine Alternative zu den 1,90 Euro, die der FAZ-Leser am Kiosk mittlerweile für eine immer schmalere Handvoll Papier bezahlt, existiert. Dass bisher anscheinend kein anderes praktikables Geschäftsmodell für die Zeitungswirtschaft etabliert ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass das alte nun die ewiglich unumstößliche Variante ist. Thomas Thiel hat verständlicherweise in seinem Abschlusssatz Angst um seinen Lebensunterhalt:</p>
<blockquote><p>„Weil es für all diese Modelle aber keine wirtschaftlichen Kalkulationen gibt, bleibt ihr Erfolg unsicher. Ob sie Autoren eine Lebensgrundlage bieten können, bleibt fraglich.“</p></blockquote>
<p>Vermutlich wird er aber in fünf Jahren in irgendeiner Onlineredaktion zum Festgehalt sitzen und sich wundern, dass alles gar nicht so schlimm kam…</p>
<p>Und schließlich wird unterstellt, jemand hätte ernsthaft Lust, die Zeitungsinhalte zur Tagesberichterstattung raubzukopieren. Das ist doch gar nicht notwendig: Sie stehen oft ohnehin offen im Internet und ansonsten liest man in der Stadtbibliothek.</p>
<p>Es ist obendrein nicht so, dass Blogs unbedingt die umfassende Berichterstattung übernehmen wollen. Man wundert sich immer wieder, wie etablierte Medienwächter, allem, was sie nicht verstehen, den Griff nach der Weltherrschaft unterstellen. Wenn man aber erkennt, dass man sich ihr in der abendländischen Konflikttradition zwischen Orthodoxie und Ketzertum bewegt, ist eine derartige Spaltung der Auffassungen und die Vehemenz im Deutungsstreit wiederum fast vorhersehbar. (Wer es noch nicht erkennt, darf mal bei Carl Amery nachlesen.)</p>
<p>Die Beobachtung, die die FAZ und andere so kirre macht, ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die gern und viel schreiben und ihr Einkommen mit anderer Erwerbsarbeit verdienen und die anscheinend nicht durchgängig als so schlecht angesehen werden, dass man bei ihnen nicht eine Zuwanderung von Zeitungslesern vermuten würde. Das zeugt allerdings von einer sehr begrenzten Fantasie hinsichtlich dem kulturellen Gestaltungs- und Ausdruckswillens gebildeter Menschen. Es geht nicht mehr jedem um totale Verwertung. Der <em>Homo Oeconomicus</em> ist keine sinnvolle und befriedigende Vollzeiteinstellung in der Überflussgesellschaft. Manch einer hat einfach Freude an der Debatte. Manch einer schreibt gern. Dass man als engagierter Demokrat und Medienrezipient mit Interesse beides liest – auch die FAZ-Blogs sind oft weitaus lesenswerter als die Zeitung selbst – bemerkt man in den Gesprächen zur strategischen Produktentwicklung in den Pressehäusern offensichtlich bisher nicht.</p>
<p>Es ist dennoch gut vorstellbar, dass die FAZ der Zukunft ein Verfahren, wie man es schon beim <a href="http://www.freitag.de/">Freitag </a>angedeutet sieht, einführt: Man lädt Leute im großen Stil zum Bloggen ein, sucht sich die jeweils besten Texte für den Druck aus, zahlt eine kleine Aufwandsentschädigung und spart sich somit einen weiteren Teil der Redaktion. Der verbliebene ist den ganzen Tag mit Sichten, Lesen und Redigieren der Blogpostings beschäftigt, so wie er heute noch die Presse- und Agenturmeldung durchblättert. Das Zeitungsgeschäftsmodell der Zukunft wird sich also vor allem mit Anreizsystemen für gute, freie Autoren befassen müssen. Und dann die Überweisung der Kulturflatrate verteilen.</p>
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