Nach der Debatte ist vor der Debatte? Von Heidelberg bleibt jetzt noch Google übrig

Posted in Diskurs, Markt, Open Access on July 18th, 2009 and tagged , , , , , , , , , ,

Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.

Richard Kämmerlings berichtete einmal in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Tagung zu den Auswirkungen der neuen Medien auf die Buchkultur. Auf dieser sprach laut Bericht u.a. der Soziologe Gerhard Wagner über die “Einfalt des vernetzten Hypertextes” im Vergleich zur Vielfalt einer “gewachsenen Buchkultur”. Graham Jefcoate äußerte in Hinblick auf den zunehmenden digitalen Nachweis und die elektronische Bestellbarkeit von Frühdrucken im British Museum, dass diese Titel nun intensiver genutzt und entsprechend abgenutzt, bzw. “zu Tode gelesen” werden und betonte, dass die Digitalkultur den Originalen den Garaus macht, wenn zum Nachweis nicht auch eine digitalisierte Arbeitsversion auf den Bildschirm kommt: “Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.”

Roland Reuss sah das in gewisser Weise anders: “Am Beispiel heute bereits wieder veralteter Medien wie Mikrofilm und Mikrofiche kann man sehen, wie rasch die Konvertierung von Beständen auf neue Speicherformate aktuell wird.” Auch seien die Fragen der Langzeitarchivierung und die Nutzungsdauer von Subskriptionen nicht geklärt. Auch Uwe Jochum betrachtete offenbar die Virtualisierung von Buchbeständen nicht gerade mit Enthusiasmus:

“So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich.”

So las man es im Oktober 1998 (Kämmerlings, Richard:Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1998, S.46) und heftete den Zeitungsausriss mit Randbemerkung in den Leitz-Ordner. Während die “Werkherrschaft” bereits auf dem Programm stand, fehlte vom Urheberrecht noch jeder Spur. Allerdings ging es in Wolfenbüttel auch direkt um die Auswirkungen der Digitaltechnologie auf die Bibliotheken. Dass Endkunden irgendwann elektronische Texte auf ihren Mobiltelefonen lesen wollen und Studierende Lehrbücher womöglich bis zum Tode der Publikationsform auf USB-Sticks aus den Universitätsbibliotheken tragen wollen würde, lag fern fast jeder Vorstellung. Die Suchmaschine “Google” war zu diesem Zeitpunkt in einer Testversion knapp einen Monat online und meldete auf ihrer Startseite: “Index contains ~25 million pages (soon to be much bigger)“. Die Frankfurter Allgemeine meldete ein Jahr später, dass die Suchmaschine „www.google.com“ mit neuen Algorithmen und der Anzeige von ähnlichen Ergebnissen in Betrieb gegangen ist (Ausgabe 14.10.1999, S.30)

Im Jahr 2008 kam das Unternehmen Google auf um die 21,8 Mrd. Dollar Umsatz und lag damit nicht mehr weit unter dem geschätzten Umsatz der US-Verlage, für die 24,3 Mrd. Dollar angegeben werden.

Man kann demnach durchaus von veränderten Vorzeichen sprechen, auch wenn Annabella Weisl von Google in der Diskussion vom Mittwoch ganz richtig betonte: “Wir sind nicht das Internet.” Aber angesichts der Zahlen vergleichsweise doch ein großer Spieler im Webgeschäft, der wahrscheinlich, wenn er wollte, eine ganze Reihe von Verlagen gar nicht zum Vergleich bitten müsste, sondern einfach aufkaufen könnte. Insofern kann man die Aufregung in der Buchbranche schon verstehen: Ein mächtiges Gewölk der digitalen Inhalte türmt sich am Horizont auf und man vermag nicht so recht abzuschätzen, ob es sich um Schön- oder Unwetterwolken halten und ob man demnächst nass bis auf die Knochen im Wolkenbruch steht oder einen Regenbogen ungekannter Schönheit bestaunen kann. Das akute Bedürfnis nach einem festen Dach über dem Kopf ist durchaus nachzuvollziehen, auch wenn in diesem Fall auf Deutschland noch nicht einmal feiner Niesel tropfte. Das Dach heißt in diesem Fall “Urheberrecht”. Google möchte, laut eines aktuellen Berichtes Richard Kämmerlings, die Axt, die laut allgemeinem Sprichwortschatz den Zimmermann im Haus ersetzt, nicht an dieses legen. Aber so richtig will der deutsche Buchhandel nicht an diesen Vorsatz glauben.

In gewisser Weise holt die Buchbranche eine Debatte nach, die vor wenigen Jahren die Bibliotheken stark beschäftigte: Ist Google eine Bedrohung? Davon ist mittlerweile wenig zu spüren, vielleicht weil die Bibliotheken merken, dass die Nutzer trotz Google nicht fortbleiben und vielleicht, weil die Nutzer genügend Erfahrungen mit den Leistungsgrenzen von Google gesammelt haben und beides, die Bibliotheksangebote und Internetsuchmaschinen, verschränkt und pragmatisch je nach Informationsinteresse nutzen. In der Wissenschaft haben sich Bibliotheken jedenfalls weder durch Google noch durch das Internet erledigt und es erscheint ebenso eher unwahrscheinlich, dass die wissenschaftliche Monographie tatsächlich ausstirbt, weil man über Google Books nach Textstellen suchen kann. Dass sich wissenschaftliche Publikationsformen generell verändern und die Druckausgabe eine Optionalform unter verschiedenen Repräsentationsmöglichkeiten von Inhalten darstellt, ist durchaus denkbar. Das entscheiden die Wissenschaftler als wissenschaftliche Kommunizierende. Sie wählen sich ihren Kanal und bestimmen die legitime Form.

Es erscheint aber nicht so, als würde sich gerade Google hier als treibende Kraft bei der Auflösung der Medienform Buch etablieren. Google bleibt auch mit dem Buchscanprogramm ein Akteur, dem es um den Zugang zu Information geht, nicht um die Gestaltung von Trägermedien. Insofern irrt man in der Annahme, dass Google, wenn es vergriffene Titel scannt und verfügbar macht als Verlag agiert. Es gleicht darin eher einem Antiquariat, dessen Regale sich nicht leeren. Oder einer Bibliothek mit Scans und dazu erschlossenen Volltexten. Mit viel Fantasie könnte man die Aktivitäten mit Google mit denen eines Reprint-Verlages vergleichen. Aber letztlich wird eine bisher nicht gegebene Form des Zugangs zu bereits Publiziertem geschaffen. Dahinter steckt immer noch ein Buch. Für die Wissenschaft ist dieses vor Jahren Publizierte zumeist als Quellensammlung interessant. Für die laufende Wissenschaftskommunikation sind dagegen andere Entwicklungen viel relevanter.

Die bisher etablierten Open Access-Verfahren teilen mit Google Books eigentlich nur die Gemeinsamkeit, dass sie dem traditionellen Dokumentenbegriff verhaftet sind: Sie beziehen sich auf Publikationen, die weitgehend analog zu Druckprodukten konzeptioniert und potentiell druckbar sind. Die beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von Primärdaten oder auch der Wissenschaftskommunikation über hypertextuelle Medienformen wie Wikis oder Weblogs vorliegenden Entwicklungen lassen parallel dazu auf Kommunikationsformen schließen, die sich dem Druckparadigma entziehen. Dass Hubert Burda vor einiger Zeit kräftig in Scienceblogs investierte, zeigt, dass auch Verlage hier nach Möglichkeiten suchen. Vielleicht ist das statische Lehrbuch tatsächlich ein Auslaufmodell. Dann aber vermutlich nicht, weil Bibliotheken es gescannt haben, sondern weil Lehrbuchinhalte in einer anderen medialen Form vermittelt werden.

Nachdem man mittlerweile wohl eindeutig geklärt hat, dass in Deutschland kein Wissenschaftler zu einer bestimmten Publikationsform gezwungen werden kann, wäre es für die deutsche Buchbranche an sich vermutlicher sinnvoller, die Kräfte auf den Aushandlungsprozess mit Google zu beschränken. Die Attacken gegen die offenen Kommunikationsformen der Internetkultur, die wenigstens im Zeitungsbereich von den Verlagen auf ihren Webauftritten selbst in großem Umfang und mit Bedacht eingerührt wurden, sorgen zwar nach wie vor für eine hohe weböffentliche Wirkung, sind ansonsten aber perspektivisch unfruchtbarer als jedes Blogposting. Solange Artikel 5 des Grundgesetzes in Kraft ist, wird es im Internet eine Auseinandersetzung mit Inhalten jedweder Art und auf jedweder Stufe intellektueller Feingliedrigkeit geben. Demnächst wird in LIBREAS ein Text von Joachim Losehand erscheinen, der sich mit dieser Kommunikationskultur intensiver befasst.

Richard Kämmerlings ist also nicht gänzlich zuzustimmen, wenn er aktuell Roland Reuß‘ mittlerweile eher peinlich wirkendem Wüten im Wasserglas gegen die DFG und diejenigen, die das Netz frisch, frei und von der Leber weg nutzen, weil sie es können, den Arm um die Schulter legt und schreibt: „Aber Versachlichung ist vielleicht auch nicht immer angemessen.“ Irgendwann wird sie eben doch notwendig, wenn man in der Debatte vorankommen möchte. Eine Fokussierung des Betrachtungsfeldes hilft dabei zusätzlich.

Die Situation stellt sich doch für die Buchbranche ganz gut dar: Das Problem mit dem Open Access ist im Großen geklärt und wird im Kleinen von den Autoren mit ihren Verlagen auf Einzelfallebene ausgehandelt. Als nächste Erkenntnis folgt hoffentlich, dass das Aufreiben an der Blog- und Netzkultur zwar eine fröhliche brancheninterne Bauchpinselei darstellt und vielleicht sozialpsychologisch als Gemeinschaft über Abgrenzung erzeugendes Element eine gewisse Funktion erfüllt. Daran, dass sich Adam Soboczynski und Kollegen an mehr oder unqualifizierten Kommentare zu ihren Artikeln gewöhnen müssen, wird das „Wörterbuch des neuen Unmenschen“ (Roland Reuß) nicht viel ändern. Der Leserkommentar wird so normal, wie es heute in den Bibliotheken die Online-Kataloge und elektronischen Zeitschriften sind. Vor elf Jahren durfte man hinter diese Selbstverständlichkeiten des Bibliothekswesens im frühen 21sten Jahrhundert noch ein Fragezeichen machen.

Übrig bleibt heute ein klarer Interessenkonflikt zwischen dem Einzelakteur Google und den deutschen Verlagen. Die können jetzt auf ihren Urheberrechtstagungen auf Frau Weisl einschimpfen, deren Rolle es wohl mehr der eines Frustfängers als eines Gegenübers entspricht, oder versuchen, sich noch einen anderen Verhandlungspartner aus einer anderen Etage des Unternehmens einzuladen und mit ihm auf einer Sachebene ihr Anliegen zu diskutieren. Die mediale Tingeltour mit Botschaftern wie Roland Reuß und Volker Rieble hat dagegen deutlich an Charme und Anziehungskraft verloren. Die Frankfurter Tagung war nun hoffentlich der letzte Höhepunkt dieser Tournee aus Polemik und haltlosen Ressentiments. Berichte zur Veranstaltung gibt es zahlreiche. Auch Richard Kämmerlings hat wieder eine Zusammenfassung für die FAZ verfasst. Diese kann man hier lesen und mit der eigenen Personomy erschlossen in die Social Bookmarking-Plattform der Wahl ablegen: Den Autor kann niemand entrechten.

Im Gegenteil: Perspektiven auf den Umgang mit digitalen Texten und das Medium Buch

Posted in E-Books, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on April 23rd, 2009 and tagged , , , , , , , , , , , , ,

Debatten in digitalen Räumen

Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke dazwischen reichert man mit einer hemdsärmeligen Analyse an, die zeigt, dass man sich lieber von der Rhetorik als vom Fakt leiten lässt. Gerade wenn sich der Kreisel der Gedanken um die Zukunft des Buches, der Autorenschaft und des Urheberrechts dreht, geht es selten unter dem manifesten Gesamtentwurf der Zukunft. Hier treffen sich das selbsternannte Qualitätsfeuilleton, die progressiven Netzdenker von perlentaucher.de mit den oft beschworenen Heerscharen von Bloggern, die allerdings weniger tatsächlich im Diskurs mitwühlen, als Vertreter der klassischen Medien gemeinhin zu glauben scheinen.

Das liegt wohl daran, dass sie weder Zeit noch Lust haben, die in sich nicht ganz linear und nach überlieferten Medienwahrnehmungspraxen überblickbare Blogosphäre permanent zu beobachten. Das muss auch nicht sein, denn die Konkurrenz zwischen „Güteklasse A“-Journalisten und „Güteklasse B“-Bloggern ist eine künstliche, keine zwangsläufige, die beiden Seiten nützt, wenn es darum geht, Inhalte zu finden.
Die Presselandschaft übersieht dabei gelegentlich, dass bei vielen Bloggern überhaupt gar keine Motivation besteht, irgendeinem Magazin die Leserschaft abzujagen. Es muss nicht immer Journalismus sein. Wohl aber die Fähigkeit, zu differenzieren, wie was warum und vor welchem Hintergrund geschrieben wird. Das Digiversum verwischt hier naturgemäß einst klare Trennlinien. Die rein rechnerische Gewichtungspraxis des Hauptzugangsmittels zu den digitalen Texten im Cyberspace (Google) wirkt in seinem die Inhalte nivellierenden Ansatz in der Tat etwas erschreckend.

Was die Zeitungen etwas verschämt durch die Öffnung für Prinzipien des Web 2.0 immerhin erreicht haben, ist, dass sich unter dem Deckmantel „Leserkommentar“ in ihren Webangeboten tatsächlich so einiges an Stammtisch und den Raum daneben (nicht die Küche) sammelt, was ansonsten in der Blogosphäre wenig Anklang fände. Alternativ zum Angebot der regulären Ausgaben hat man sich dazu oft kontrollierte Blogs ins Haus geholt, um Geschichten zu verwerten, die es sonst nicht ins Blatt schaffen. Erstaunlicherweise sind zum Beispiel die FAZ-Blogs oft lesenswerter als die Frankfurter Allgemeine Senior, die Beiträge aufgrund des Anspruchs einer Druckausgabe gern so zusammenkürzt, dass wenig von all den Hintergründen, die man gerade lesen möchte, bleibt. Andere Zeitungen gehen da ähnlich vor.

Contra: Susanne Gaschke und der Heidelberger Appell

Die aktuelle Ausgabe der ZEIT hebt diese Woche einen Beitrag von der bereits als Internet-Skeptikerin bekannten Susanne Gaschke (Wikipedia) auf die Titelseite, der von der Qualität durchaus auch in einem gehobenen Internetforum Heimat finden könnte, bei einem renommierten und sich seines Renommé bewussten Wochenblatt aber ähnlich die Erwartungen des anspruchsvollen Lesers verfehlt, wie die groteske BILD-Schlagzeile zum Leitthema des Chancen-Buches in der Ausgabe: Macht Studieren dumm? (Der Beitrag selbst ist dann weitaus besser als sein Titel..)

Differenzierungsvermögen im Thema beweist Susanne Gaschke leider nur bedingt und in ihrem letzten Abschnitt, dass sie es offensichtlich nicht nötig hat, sich mit der Sachlage tatsächlich zu befassen. Sonst hätte sie wenigstens darauf hinweisen müssen, dass die Open-Access-Passage im „Heidelberger Appell“ schlicht aus (hoffentlich) himmelschreiender Unkenntnis heraus formulierter Unsinn ist. Selbigen reproduziert sie natürlich, in dem sie „uneingeschränkt zustimmt“. Dass der Appell und seine Befürworter es nötig haben, immer dieselben dicken Namen als Autoritäten herauszukramen, auf die man gern verweist, denn diese „Repräsentanten des deutschen Geistesleben“ (hier wieder: Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und der obligatorische Daniel Kehlmann als Vertreter der erfolgreichen Geistesjugend) sollen wohl mit ihrem guten Namen für die Qualität stehen, zeigt eben, dass bei dürftiger Sachlage und im Kampf um die Deutungshierarchie der Verweis auf populäre Spitzenkräfte der Kulturlandschaft die Richtigkeit einer Aussage stärker zu unterstreichen vermag, als der Gehalt der Aussage selbst.

Natürlich ist die „Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft […] ein hohes Verfassungsgut“ und verfassungsrechtlich traditionell so gut und selbstverständlich geschützt, dass es eigentümlich wirkt, wenn man diesen Grundsatz herauspflückt und doppelt unterstreicht. An vielen leicht zugänglichen Stellen wurde aber doch nachvollziehbar gezeigt, dass es beim Open Access gerade darum geht, die Freiheit der Wissenschaft abzusichern. Dass sich der Heidelberger Appell – übrigens halbwegs nachvollziehbar – auf Google stürzt, aber auf dem wissenschaftlichen Auge die großen Spieler im Verlagsgeschäft wie Reed Elsevier oder Springer Science+Business Media (oder vielleicht auch den Fachinformationsgiganten Thomson) im toten Winkel belässt, mag vielleicht darin begründet sein, dass Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann oder Roland Reuß auch mal bei Google suchen, aber eben nicht ihre Bibliothek überzeugen müssen, 3300 Euro für das Jahresabonnement einer Zeitschrift zum Thema „Gene Regulatory Mechanisms“ zu zahlen.

Das OA-Problem

Das Open-Access-Problem liegt, so glaube ich, darin, dass einerseits einige besonders engagierte Vertreter der OA-Bewegung recht blauäugig das in den STM-Disiziplinen durchaus bewährte Prinzip in die Geisteswissenschaften, für die dieses vielleicht gar nicht analog notwendig (oder praktikabel) ist, zu tragen versuchen, und sich andererseits Literaturwissenschaftler sowie ZEIT- und andere Journalisten ein öffentlich kommuniziertes Kurzschlussurteil über etwas erlaubt haben, dessen Dimension sie nicht ganz erfassen. Natürlich muss sich Roland Reuß nicht mit der Zeitschriftenkrise in der Medizin befassen. Dann sollte er sich aber auch nicht dazu hinreißen lassen, das Problem mit zwei, drei Halbsätzen zu seinem eigenen zu machen.

Es wird sich wohl schwerlich jemand in Reihen der »Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen« finden lassen, der einfordert, geisteswissenschaftliche Publikationen aus den Programmen des Carl Hanser Verlags oder von Hoffmann & Campe oder aus dem Hause Felix Meiner oder vom Libelle Verlag, Lengwil (alles Unterzeichner des Appells) auf das nächstbeste digitale Repositorium zu zwingen.
Eigentlich müssten gerade die Buchverlage der Open-Access-Bewegung aufgeschlossen gegenüberstehen, belasten doch die mit den Preissteigerungen häufig einhergehenden Umverteilungen der Bibliotheksetats zugunsten des Zeitschriftenoligopols gerade das Budget für Monographieerwerbungen und damit deren Geschäft mit den Universitätsbibliotheken. In jedem Fall sollten sie aber wissen – ich bin überzeugt, sie tun dies auch – dass Open Access die Rechte des Urhebers bei zweckmäßiger Anwendung weniger aushöhlt, als der Verwertungsknebel, auf dem die großen Wissenschaftsverlage gemeinhin bestehen. Warum sich Roland Reuß dahingehend in diesem Punkt dermaßen aufklärungsresistent zeigt, bleibt bislang ein Rätsel. Und warum Susanne Gaschke gleich wieder programmatisch und wie im Rausch vom Verlust unserer kulturellen Zukunft donnert, ebenso. Natürlich muss ein Leitartikel nicht stocksachlich verfasst sein. Aber er muss auch nicht immer biblische Dimension annehmen.

Pro: Jürgen Neffe und das Ende des Buches

Mit ein wenig mehr Raum im Blatt stattet die ZEIT dagegen den Schriftsteller Jürgen Neffe (mehr in der Wikipedia) aus, der diesmal dran ist, über eine ganze breite Seite seine Vision vom Ende der „Ära des gedruckten Buches“ aufzuzeichnen. Dass er sich explizit für Open Access ausspricht, mag in seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund wurzeln. Genau kann man dies natürlich nicht sagen. Er sieht aber im Gegensatz zu seiner Kollegin von der Titelseite, darin „allen alle Texte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung [zu] stellen“ keineswegs eine kulturelle Katastrophe, sondern gar den möglichen Weg, „Lesen und Schreiben zu retten“. „Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung“ nennt er das und auch hier scheinen die Augen nun auch wieder etwas blau und sentimental. Den Unsinn mit der Piraterie hätte man dann natürlich erledigt. Den Buchmarkt, der wohl bald konsequenterweise eher „Text-Markt“ heißen sollte, allerdings auch.

Immerhin leistet sich die ZEIT zwei Extrempunkte in der Ausgabe, also eine gewisse Meinungsbalance, wobei Jürgen Neffe die bessere Wahl für die Titelseite gewesen wäre, denn im Vergleich zu Susanne Gaschke ist er einigermaßen originell, wenn auch mit gleichem weit ausschwingenden Deutungsanspruch. Das Leseland ist aber generell auch ein Fantasialand und insofern ist es durchaus legitim. Selbst macht man es als Autor auch nicht anders.

Unglücklicherweise fällt einem als Leser leider eine Inkonsequenz auf, die das Vergnügen an der Tröstung über das verfließende Medium Buch („Kein Grund zur Trauer“) eintrübt. Gleich am Anfang als rhetorischen Trommelwirbel nach dem Paukenschlag der Überschrift verabschiedet Jürgen Neffe nämlich das materielle Medium Buch und die Ära des Buchdrucks sowieso. Leider in der Gesamtschau nicht sehr schlüssig:

„Das Medium der Aufklärung verliert seine Message und mit ihr ein Stück Sinn und Sinnlichkeit. Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten. Selbst eisern Bibliophile werden Gutenbergs Erbe in seiner jetzigen Form nicht erhalten können. Der Niedergang von Buchherstellung und -handel, so bitter wir ihn beklagen, folgt der Logik einer langen Kette bereits untergegangener Handwerke, Manufakturtechniken und Handelsverfahren.“

Aus der Floskel- und Bastakiste stammt die Folgeaussage: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam.“ Die Belegbeispiele reißen einen nicht unbedingt aus dem Schreibtischsessel: „Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine [..]?“ Jawohl. Dass man auf der der Tastatur einer Schreibmaschine nachempfunden Tastatur eines Computers schneller und leiser tippt und dies zunächst provisorisch dank des von der Textverarbeitung simulierten weißen Blatts schneller und leiser und flexibler zu handhaben ist, steht außer Frage. Hier wurde aber das Schreibmedium optimiert, sowie sich der Gänsekiel zum Fineliner entwickelte. Das heißt jedoch zunächst noch nicht, dass man am Bildschirm auch schneller und leiser und flexibler liest.  Oder doch? In jedem Fall anders. Und: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Erleben wir nicht, wie schnell die Mail den Brief verdrängt?“ Dank Postcrossing.com sind aktuell 94.258 altmodische Post- und Ansichtskarten auf ihrem Weg durch die Welt, motiviert durch ein Internet-Portal. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der handschriftliche Gruß dennoch überlebt. Und selbst so etwas scheinbar Überflüssiges wie das klassische Glückwunschtelegramm kann man noch über die Post ausliefern lassen. Das zugegeben als Hochpreisprodukt. Und auch hier: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Allenfalls die Älteren können sich noch eine Welt ohne Internet vorstellen.“ Die letzte ARD/ZDF-online Studie hat 42,7 Millionen Erwachsene (=65,8%) als wenigstens gelegentliche Internet-Nutzer ermittelt (vgl. hier). Das ist durchaus ein Pfund, zeigt aber, dass ein Drittel der Erwachsenen das Medium überhaupt nicht in den Alltag integriert hat. In anderen Teilen der Welt mag es noch eine größere Gruppe sein. Wie weit die Fantasie der Nutzer hinsichtlich der Vorstellung einer Internet-freien Welt reicht, lässt sich schlecht beurteilen. Ich denke aber, dass durchaus einige, nämlich die, die nicht wie wir permanent in Texten graben, sondern z.B. sinnvollerweise die Frühlingstage mit Gartenarbeit verbringen, keine derart große Bindung zum Medium Internet besitzen, wie sie Buch-, Leitartikel- und Blogautoren naturgemäß aufweisen. Man sollte hier und generell seinen persönlichen Standpunkt nicht zum allgemeinen Maßstab überbewerten.

Man nutzt als Feuilletonist und/oder Blogger oft wenig mehr Quellen als die Wikipedia, seine Peer-Medien, die Google-Volltextsuche und besonders seine eigene Erfahrungswelt. Es empfiehlt sich aber, sich dieser Begrenztheit immer bewusst zu sein, gerade die letztgenannte Quelle sehr bewusst einzusetzen und ihre Reichweite halbwegs realistisch abzuschätzen. Aktuell gibt es beispielsweise noch mehr Analphabeten als Arbeitslose in Deutschland (ca. 4 Millionen vgl. hier). Wenn sich dieses Verhältnis demnächst verschiebt, liegt es bestimmt nicht an besserer Nachschulung. Hier gibt es also stabil eine nennenswerte Bevölkerungsgruppe, der die ganze Debatte um die Zukunft des Buches und die Marktchancen von E-Books weitgehend egal sein dürfte. Dem Herzensdiskurs einer zwar recht breit aufgestellten, aber dennoch durchaus als Bildungselite zu bezeichnenden Bevölkerungsgruppe immer universelle Wirkmächtigkeit in die Kernsätze schreiben zu wollen, erscheint nicht immer angemessen. Aber die ZEIT ist nunmal Leitmedium genau dieser Elite und insofern ist es am Ende wahrscheinlich doch legitim, so etwas im Rahmen ihrer Reichweite zu tun.

Dass Jürgen Neffe das Verschwinden des Gedruckten selbst nicht so konsequent sieht, wie er zunächst andeutet, demonstriert er im Fortlauf seines Textes, wenn er das Szenario, was durchaus sinnvoller erscheint, als eine Parallelität von gedruckten und digitalen Texten beschreibt:

“Wir werden mit Büchern leben können wie nie zuvor – und dabei, wenn es uns gefällt, immer noch auf Papierversionen zurückgreifen und sie linear in einem Schwung zu Ende lesen. Solche Bücher wird es immer geben.“

Und später noch mal: „Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.“ Ich vermute sogar in stärkerem Umfang als wir Vinylsingles horten.

Wo ist also das Problem? Und warum soll sich ausgerechnet der Typ „Wörterbuch“ neben dem Roman und der Biografie am längsten gegen die Auflösung im Digitalen sträuben, wo es doch bereits hervorragend nutzbare Online-Nachschlagewerke gibt, die es ermöglichen, jedes Wort zu markieren und sofort die Bedeutung auf den Bildschirm zu bekommen? Erweist sich nicht eher der Coffee Table-Fotoband als am stärksten resistent gegen jede Umwandlung ins iPhone-Format?

Die Frage ist…

Die eigentliche Frage stellt Jürgen Neffe nämlich nicht: Ist das Buch, wenn es denn, wie er vorhersieht, mit dem Rest der Medienwelt verschmolzen ist, überhaupt noch ein Buch? Entspricht Lyrik auf dem Handy („Hauptsache, sie werden gelesen.“) überhaupt noch dem Paradigma des „Buches“?

Ich folge eher der These, dass sich in Webkommunikation ganz andere Textformen – aktuell z.B. Blogtexte, die auf die klassischen Presse- bzw. Massenmedien sowohl stilistisch wie auch in der Form deutlich zurückwirken – entwickeln und dass die Debatte, wie wir “Bücher” digital abbilden eine Zweitrangige ist. Das Hypertextsystem des Internets ist nunmal ein Textsystem. Musik und Film lösen sich in diesem nicht auf, sondern werden eingebettet. Eine Musikstück kann nicht im “Vollton” erschlossen werden, jedes Gedicht, jede Novelle, jeder Roman dagegen im Volltext. Schriftzeichen gehen im Medium Internet voll auf und gerade deshalb im Hypertext gern unter. Ausgerechnet durch die Hypertextifizierbarkeit, so meine These, bieten sich lineare Texte, also die meisten Bücher, bestenfalls als abgeschlossene Einheiten, z.B. in Gestalt von PDF-Dateien, für einen Vertrieb über das Netz an. Dieses bleibt aber die Nebenform, solange sie nach den Normen und Bedingungen, die die Form des Buches erfordert, erzeugt werden. Wird dieser formale Rahmen aufgebrochen, erscheint es mir wenig sinnvoll, noch von Büchern zu sprechen. Vor allem aber besteht wenig Anlass, vehement das Medium Buch ins Netz zu treiben, um es dort zu begraben. Wenn die Verlage sich aus dieser Richtung bedroht sehen, dann fehlt ihnen offensichtlich das Vertrauen in ihr robustes, nach wie vor nachgefragtes und recht zeitloses Produkt.

Die Reader

Die E-Book-Lesegeräte erscheinen in der Tat bestenfalls als Sonderfall der Veränderung im Umgang mit den Texten und haben den entscheidenden Nachteil, zwischen den Möglichkeiten der Digitalität und der Abgeschlossenheit und Linearität des Druckmediums in einer manchmal schmucken, oft schmucklosen Sackgasse zu stehen. Ob sie, wie Jürgen Neffe vermutet, als Türöffner geeignet sind, mag sich noch zeigen. Ich habe aufgrund der zuvor beschriebenen Überlegung meine Zweifel:

“Vielleicht sind die heutigen E-Books nur als trojanische Pferde zu verstehen, die in halbwegs vertrauter Verpackung neuartige Ideen unters Volk schmuggeln sollen. Wer sich einen Faust oder eine Kafka-Biografie herunterladen kann, vergisst leichter seine Berührungsängste.“

Die neuen Ideen sind bereits da und haben wenig mit Kafka-Biografien oder dem Buchmarkt zu tun.

Im Casus des Heidelberger Appells wurde allerdings der Initiator erklärtermaßen gerade erst durch die Konfrontation mit einem Digitalisates aus diesem literarischen Umfeld in seine Berührungsängste gestürzt. Also ist es in der Wirkung nicht jedesmal etwas mit dem “Türöffner”. Mitunter ist es ein Schock, der die Wahrnehmung verriegelt.  In jedem Fall ist das trojanische Pferd ein teures Ross, dessen Wert wohl darin besteht, dass bestimmte Grundprobleme (Preisgestaltung, Formate, rechtliche Grauzonen etc.) für die Verwertung von Textinhalten an ihm durchgespielt werden können, bevor irgendwann eventuell ein massenkompatibles Pony auf dem Hof steht.

Von einer schleichenden Durchsetzung der Lesegesellschaft ist im Alltag – Obacht: Persönliche Erfahrungswelt! – dagegen wenig zu merken und in den Thalia-Filialen oder auch im Kulturkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße stehen die Vorführgeräte mehr wie (nur einmal) bestellt und nicht abgeholt herum, denn wie heiß begehrt, während in den Lesesesseln des Zwischengeschoßes unvermindert eifrig in Papier geblättert und gar exzerpiert wird.

Der Niedergang des Buchhandels jedenfalls in der durchpolierten Variante, die natürlich nicht dem eigenartigen Ideal Jürgen Neffes von einer „Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentliche[m] Erlebnisraum“ entspricht, wird bislang nicht sonderlich spürbar, abgesehen davon, dass Buchhandlungen nie im Wortsinn öffentlich waren, manchmal über Lesungen etwas Kultur veranstaltet haben, vor allem aber verkaufen mussten und wollten. Angesichts der genannten drei Funktionen sollte man den Scheinwerfer vielleicht eher auf die öffentlichen Bibliotheken schwenken.

Ordnung und Aufmerksamkeit

Was Jürgen Neffe in seiner Digitalbuch-Euphorie leider auch übersieht, ist, dass Buchhandlungen wie Verlage eine zwar ambivalente, für den Kunden durchaus relevanter Filter- und Steuerfunktion übernehmen:

„Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen […]“

Hier erklingt ein leicht naives Hohelied auf die ICH-AG, das zwei Kleinigkeiten vernachlässigt:
Erstens den Faktor „Aufmerksamkeit“. Jürgen Neffe schreibt selbst, dass “das Buch als Datensatz im gleichen [sic!] technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.“ Neu ist hieran allerdings wirklich nur, dass Buchinhalte über die gleichen technischen Wege und natürlich nicht im gleichen Format auftauchen. Die Konkurrenz zu Bild und Klang gibt es dagegen schon länger, die zum allgemeinen Leben jenseits der Rezeption über Medien ohnehin.

Zweitens fragt man sich, ob die immateriellen und potentiell unendlich vielen Texte und Textkombinationen, die nach seinem Modell verkaufbar sind, tatsächlich allein über niedrigere Preise in einem Umfang absetzbar sind, dass die Urheber-Verleger davon wirklich leben können. Man kann durchaus auch annehmen, dass sich Akteure wie RandomHouse etc. im Internet zu den Selbstverlegern schlicht aufgrund ihrer Finanzkraft ähnlich durchsetzen, wie im realen Verlagsleben, wo man auch mit einer vergleichsweise kleinen Summe – zugegeben nicht ganz so klein wie im Cyberspace – seinen Text publizieren kann. Ob solche Publikationen – oder überhaupt mit Büchern vergleichbare Texte – wie von Jürgen Neffe vermutet im Netz tatsächlich mehr Leser finden, darf man aufgrund der schieren Größe und Unübersichtlichkeit des Textaufkommens im WWW ruhig noch einmal durchdenken.

Ein letzter Schwachpunkt gerade der wirtschaftlichen Argumentation Jürgen Neffes (und im Verständnis der Verlage) liegt in der Annahme, dass eine heruntergeladene Datei in einer direkten Relation zum Verkauf eines physischen Exemplars stehen muss:

“Jedes einzelne Buch, das als legale oder illegale Kopie oder als Download statt gedruckt über den Ladentisch bezogen wird, fehlt in den Bilanzen derer, die vor Kurzen noch Gutenbergs Erbe verbreitet haben.”

Es könnte auch sein, dass ein Buch, welches als Datei heruntergeladen wird, nie gekauft würde, man den Download aber, aus welchem Grund auch immer, einfach mal mitnimmt. Oder das ein Buch, welches sich nach dem Download als hochgradig lesenswert erweist, doch noch in der antiquierten Druckausgabe (”Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.”) nachgekauft wird und zwar gerade, weil man den Text digital einsehen konnte. Menschen und damit Kunden und ihr Verhalten sind erfahrungsgemäß weitaus breiter gefächert und weniger berechenbar, als man in allgemeinen Prognosen gern annimmt. Manch einer entscheidet sich, wenn er die Wahl zwischen analog oder digital hat, doch gern für das Greifbare. Vielleicht wird offline lesen auch in 15 Jahren wieder so richtig Mode, so wie wir nach wie vor gern Radfahren, auch wenn das Auto bereit steht. Es ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Kulturgesellschaft, dass sie nicht nur dem Notwendigen folgt, sondern auch dem, was ihr einen erstrebenswerten Eigenwert zu haben scheint. Das Rational Choice-Modell, vorausgesetzt die Entscheidung zum Download gegenüber der Printausgabe wäre überhaupt die rationalere, greift bekanntlich nicht in jedem Zusammenhang. Der Schluß, dass jede Kopie im Netz ein verkauftes Realexemplar weniger darstellt, ist also ein reichlich kurzer.

Was bleibt

Entschieden ist hinsichtlich der Zukunft des Buches noch lange nichts, aber die Freude am diskursiven Kampf um die Zukunftsdeutung hält ungebrochen an. Während Jürgen Neffe den Einzug der Literatur dank Akteuren vom „Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe“ auf „iPhone und Co.“ als durchsetzungsfähige Variante erachtet, fragt in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Oliver Jungen: „Welche Konstruktionen gelingen einem Autor, der weiß, er schreibt für ein Handydisplay?“

Sicherlich ganz andere als jemandem, der auf einen sauberen Bleisatz mit schöner Type hinarbeitet. Es gibt Menschen, die kein Problem damit haben, auch 70-mm-Kinofilme im YouTube-Fenster anzuschauen. Dennoch wird hier ein Inhalt in eine Ausgabeform gebracht, die ihm nicht gerecht wird. Gleiches könnte für klassische Texte in digitalen Lesefenstern gelten. Die Literatur für Hypertext-Umgebungen muss jedenfalls in vielen Fällen noch geschrieben werden. Auch hierfür sind Ansätze im WWW zu sehen, die sich aber vor allem durch eines auszeichnen: Sie bilden sich jenseits der Vorstellung von Buch und Verlag.

Jürgen Neffes Fantasie eines postgutenbergschen Zeitalters, in dem immerhin „Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören“, lässt dagegen noch einige Lücken und stolpert über die unzweckmäßige Vorstellung, es ginge darum, das eine in das andere zu übertragen. Nicht zuletzt bleibt die Frage an ihn, warum die von ihm so gerühmten Kulturtechniken Schreiben und Lesen nicht ebenfalls durch technische Innovation genauso forttransformiert werden können, wie anscheinend ihre lange Zeit und im Sinne des Publizierens nach wie vor dominierende mediale Ausdrucksform: das Buch?

Hunde, sollen sie ewig stehlen? Der Heidelberger Appell und sein argumentatives Umfeld

Posted in Diskurs on March 24th, 2009 and tagged , , ,

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Ergänzung, 26.03.2009
Eine üppige Web- und Blogografie zum Thema gibt es auf infobib: Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”
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Oh Schreck, wie infiziert die deutsche Sprache doch ist, wenn es um Heidelberger Appelle und das, was drum herum geschieht, geht.

Matthias Spielkamp teilt sich in seinem Text zum Thema auf perlentaucher.de mit mir den Topf mit dem Quirl und bei Roland Reuß nicht übermäßig überzeugender Replik auf Gudrun Gersmanns Kritik auf seinen eigenartigen Initialartikel findet man das Feuerbild wieder:

»Im Wald, da sind die Räuber« – aber wer kommt deshalb gleich auf den Gedanken, den ganzen Wald brandzuroden?”

Zum Glück ist man nicht bei Holger Fock angelangt, der sich in einer E-Mail bei Roland Reuß über eine File-Sharing-Plattform ausschimpft:

Ich hoffe, die gehen rechtlich gegen diese “onlinearchive” vor (auch gegen die mit jener Seite verlinkten). Das wird sicher nicht einfach: Glauben die Hunde[sic!] doch, sie seien rechtlich auf der sicheren Seite durch den Hinweis, der Download sei natürlich nur erlaubt, wenn der User das Buch in der gedruckten Fassung besitze – das schlägt dem Buch die Seiten weg.

Die Hunde, die! Das ist wirklich 08/15. Es werden also so langsam die härteren Saiten der Sprache aufgezogen. Zumal Roland Reuß quasi zum Festival der Polemik aufruft und sich beklagt, wenn die Gegenseite nicht einstimmt:

Zunächst dies, daß sie meint, es nicht nötig zu haben, auf »eine Polemik mit einer Gegenpolemik zu antworten«. Offenbar spürt sie den Wind des Fortschritts so sehr in den geblähten Segeln, daß sie sich in die staubigen Gefilde des Streites – und sind wir hier nicht tatsächlich auf solchem Terrain? – nicht zu bequemen braucht. Warum eigentlich? Was spricht gegen eine Polemik, wenn die Sache es gebietet?

Wer so das Visier aufklappt, ruft sich womöglich Geister, die er gar nicht rufen wollte. Aber sich selbst bloß stellen, indem man die Diskussion mit dem Argument hinter den Tjost mit der plumpen Zuspitzung zurückstellt, dient der Sache leider wenig. Spricht hier bereits die “gueule de métèque”? So fällt man jedenfalls schnell vom Pferd. Je länger man sich auf www.textkritik.de bewegt, desto weniger gelingt es, das Reuß’sche Rufen wirklich ernst zu nehmen. Fast erscheint es, als würde hier altgediente Wissenschaftler gerade erst verstehen lernen, was Digitalität und digitale Wissenschaft bedeuten. Die Dynamik und Strukturmerkmale der Prozesse sind allerdings offensichtlich noch immer nicht ganz verstanden.
So nimmt sich Uwe Jochum eine(!), im Umfang eher kleine und drei Jahre alte(!) Studie aus einem Repositorium(!) als einschlägige Versicherung dafür, dass Open Access zu teuer ist und ignoriert die vielzitierte Arbeiten John Houghtons (hier eine Präsentation als PDF), während Roland Reuß eine Coda lang an “technokratischem slang” verzweifelt und jedem, der das Wort “barrierefrei” benutzt schon angesichts dieses Sprachgebrauchs ein Legitimationsproblem unterschieben möchte.

Man fürchtet beinahe, ein Mob heißgelaufener Urheber marschiert demnächst mit lodernden Fackeln vor dem nächsten Server-Park auf, um ein Exempel zu statuieren. Wissenschaftlicher Diskurs sieht jedenfalls irgendwie anders aus. Aber darum geht es bei der Gruppenhysterie wohl auch nicht. Der Beobachter staunt leicht amüsiert über das Wüten am Neckar, versteht augenblicklich, dass die Wissenskluft auch generational ausgeprägt ist, und hofft einfach mal, dass es recht bald gelingt, Schimpf und Schande auf Pro und Contra herunterzukühlen.

Allen Unterzeichnern des Schnellschußappells aus Heidelberg sei nachdrücklich die Lektüre von Matthias Spielkamps Text empfohlen, der vielleicht doch die eine Irrung und die andere Wirrung im Verständnis dessen, was hinter Open Access steht, gerade rücken kann:

Dabei muss man wissen, dass die Open-Access-Bewegung in den Wissenschaften aus einer Not heraus entstanden war – und einer paradoxen Situation, die nicht im Sinne irgendwelcher Urheber war und ist. Wissenschaftler, vor allem in den so genannten STM-Disziplinen – Science, Technology, Medicine – erwerben wissenschaftliches Renommee in erster Linie durch Publikationen in Science Journals, Wissenschaftszeitschriften. Diese Zeitschriften erscheinen in zum Teil weltweit operierenden, oft börsennotierten Verlagen, wie dem Springer Wissenschaftsverlag in Heidelberg (der mit der Axel Springer AG nichts zu tun hat) oder Reed Elsevier, einem britisch-niederländischen Konzern.

Um in Zeitschriften solcher Verlage zu veröffentlichen, müssen Wissenschaftler in vielen Fällen den Verlagen die exklusiven Nutzungsrechte an ihren Artikeln abtreten. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Beiträge anschließend nicht mehr an anderer Stelle veröffentlichen dürfen, weder auf der eigenen Website noch der ihrer Universität. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht; im Gegenteil, die Peer Review, also die Begutachtung der Forschungsergebnisse, übernehmen Wissenschaftler ebenfalls ehrenamtlich, also in den meisten Fällen auf Kosten ihrer Arbeitgeber. Also auf Kosten der Steuerzahler, wenn sie an öffentlich geförderten Institutionen arbeiten, wie etwa Universitäten. Der Steuerzahler zahlt, der Konzern schreibt Gewinne: Wer enteignet hier wen?

Die Überschrift die Spielkamp verwendet, verheizt freilich den Urkalauer der Bewegung: Open Excess: Der Heidelberger Appell.