Nach der Debatte ist vor der Debatte? Von Heidelberg bleibt jetzt noch Google übrig

Posted in Diskurs, Markt, Open Access on July 18th, 2009 and tagged , , , , , , , , , ,

Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.

Richard Kämmerlings berichtete einmal in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Tagung zu den Auswirkungen der neuen Medien auf die Buchkultur. Auf dieser sprach laut Bericht u.a. der Soziologe Gerhard Wagner über die “Einfalt des vernetzten Hypertextes” im Vergleich zur Vielfalt einer “gewachsenen Buchkultur”. Graham Jefcoate äußerte in Hinblick auf den zunehmenden digitalen Nachweis und die elektronische Bestellbarkeit von Frühdrucken im British Museum, dass diese Titel nun intensiver genutzt und entsprechend abgenutzt, bzw. “zu Tode gelesen” werden und betonte, dass die Digitalkultur den Originalen den Garaus macht, wenn zum Nachweis nicht auch eine digitalisierte Arbeitsversion auf den Bildschirm kommt: “Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.”

Roland Reuss sah das in gewisser Weise anders: “Am Beispiel heute bereits wieder veralteter Medien wie Mikrofilm und Mikrofiche kann man sehen, wie rasch die Konvertierung von Beständen auf neue Speicherformate aktuell wird.” Auch seien die Fragen der Langzeitarchivierung und die Nutzungsdauer von Subskriptionen nicht geklärt. Auch Uwe Jochum betrachtete offenbar die Virtualisierung von Buchbeständen nicht gerade mit Enthusiasmus:

“So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich.”

So las man es im Oktober 1998 (Kämmerlings, Richard:Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1998, S.46) und heftete den Zeitungsausriss mit Randbemerkung in den Leitz-Ordner. Während die “Werkherrschaft” bereits auf dem Programm stand, fehlte vom Urheberrecht noch jeder Spur. Allerdings ging es in Wolfenbüttel auch direkt um die Auswirkungen der Digitaltechnologie auf die Bibliotheken. Dass Endkunden irgendwann elektronische Texte auf ihren Mobiltelefonen lesen wollen und Studierende Lehrbücher womöglich bis zum Tode der Publikationsform auf USB-Sticks aus den Universitätsbibliotheken tragen wollen würde, lag fern fast jeder Vorstellung. Die Suchmaschine “Google” war zu diesem Zeitpunkt in einer Testversion knapp einen Monat online und meldete auf ihrer Startseite: “Index contains ~25 million pages (soon to be much bigger)“. Die Frankfurter Allgemeine meldete ein Jahr später, dass die Suchmaschine „www.google.com“ mit neuen Algorithmen und der Anzeige von ähnlichen Ergebnissen in Betrieb gegangen ist (Ausgabe 14.10.1999, S.30)

Im Jahr 2008 kam das Unternehmen Google auf um die 21,8 Mrd. Dollar Umsatz und lag damit nicht mehr weit unter dem geschätzten Umsatz der US-Verlage, für die 24,3 Mrd. Dollar angegeben werden.

Man kann demnach durchaus von veränderten Vorzeichen sprechen, auch wenn Annabella Weisl von Google in der Diskussion vom Mittwoch ganz richtig betonte: “Wir sind nicht das Internet.” Aber angesichts der Zahlen vergleichsweise doch ein großer Spieler im Webgeschäft, der wahrscheinlich, wenn er wollte, eine ganze Reihe von Verlagen gar nicht zum Vergleich bitten müsste, sondern einfach aufkaufen könnte. Insofern kann man die Aufregung in der Buchbranche schon verstehen: Ein mächtiges Gewölk der digitalen Inhalte türmt sich am Horizont auf und man vermag nicht so recht abzuschätzen, ob es sich um Schön- oder Unwetterwolken halten und ob man demnächst nass bis auf die Knochen im Wolkenbruch steht oder einen Regenbogen ungekannter Schönheit bestaunen kann. Das akute Bedürfnis nach einem festen Dach über dem Kopf ist durchaus nachzuvollziehen, auch wenn in diesem Fall auf Deutschland noch nicht einmal feiner Niesel tropfte. Das Dach heißt in diesem Fall “Urheberrecht”. Google möchte, laut eines aktuellen Berichtes Richard Kämmerlings, die Axt, die laut allgemeinem Sprichwortschatz den Zimmermann im Haus ersetzt, nicht an dieses legen. Aber so richtig will der deutsche Buchhandel nicht an diesen Vorsatz glauben.

In gewisser Weise holt die Buchbranche eine Debatte nach, die vor wenigen Jahren die Bibliotheken stark beschäftigte: Ist Google eine Bedrohung? Davon ist mittlerweile wenig zu spüren, vielleicht weil die Bibliotheken merken, dass die Nutzer trotz Google nicht fortbleiben und vielleicht, weil die Nutzer genügend Erfahrungen mit den Leistungsgrenzen von Google gesammelt haben und beides, die Bibliotheksangebote und Internetsuchmaschinen, verschränkt und pragmatisch je nach Informationsinteresse nutzen. In der Wissenschaft haben sich Bibliotheken jedenfalls weder durch Google noch durch das Internet erledigt und es erscheint ebenso eher unwahrscheinlich, dass die wissenschaftliche Monographie tatsächlich ausstirbt, weil man über Google Books nach Textstellen suchen kann. Dass sich wissenschaftliche Publikationsformen generell verändern und die Druckausgabe eine Optionalform unter verschiedenen Repräsentationsmöglichkeiten von Inhalten darstellt, ist durchaus denkbar. Das entscheiden die Wissenschaftler als wissenschaftliche Kommunizierende. Sie wählen sich ihren Kanal und bestimmen die legitime Form.

Es erscheint aber nicht so, als würde sich gerade Google hier als treibende Kraft bei der Auflösung der Medienform Buch etablieren. Google bleibt auch mit dem Buchscanprogramm ein Akteur, dem es um den Zugang zu Information geht, nicht um die Gestaltung von Trägermedien. Insofern irrt man in der Annahme, dass Google, wenn es vergriffene Titel scannt und verfügbar macht als Verlag agiert. Es gleicht darin eher einem Antiquariat, dessen Regale sich nicht leeren. Oder einer Bibliothek mit Scans und dazu erschlossenen Volltexten. Mit viel Fantasie könnte man die Aktivitäten mit Google mit denen eines Reprint-Verlages vergleichen. Aber letztlich wird eine bisher nicht gegebene Form des Zugangs zu bereits Publiziertem geschaffen. Dahinter steckt immer noch ein Buch. Für die Wissenschaft ist dieses vor Jahren Publizierte zumeist als Quellensammlung interessant. Für die laufende Wissenschaftskommunikation sind dagegen andere Entwicklungen viel relevanter.

Die bisher etablierten Open Access-Verfahren teilen mit Google Books eigentlich nur die Gemeinsamkeit, dass sie dem traditionellen Dokumentenbegriff verhaftet sind: Sie beziehen sich auf Publikationen, die weitgehend analog zu Druckprodukten konzeptioniert und potentiell druckbar sind. Die beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von Primärdaten oder auch der Wissenschaftskommunikation über hypertextuelle Medienformen wie Wikis oder Weblogs vorliegenden Entwicklungen lassen parallel dazu auf Kommunikationsformen schließen, die sich dem Druckparadigma entziehen. Dass Hubert Burda vor einiger Zeit kräftig in Scienceblogs investierte, zeigt, dass auch Verlage hier nach Möglichkeiten suchen. Vielleicht ist das statische Lehrbuch tatsächlich ein Auslaufmodell. Dann aber vermutlich nicht, weil Bibliotheken es gescannt haben, sondern weil Lehrbuchinhalte in einer anderen medialen Form vermittelt werden.

Nachdem man mittlerweile wohl eindeutig geklärt hat, dass in Deutschland kein Wissenschaftler zu einer bestimmten Publikationsform gezwungen werden kann, wäre es für die deutsche Buchbranche an sich vermutlicher sinnvoller, die Kräfte auf den Aushandlungsprozess mit Google zu beschränken. Die Attacken gegen die offenen Kommunikationsformen der Internetkultur, die wenigstens im Zeitungsbereich von den Verlagen auf ihren Webauftritten selbst in großem Umfang und mit Bedacht eingerührt wurden, sorgen zwar nach wie vor für eine hohe weböffentliche Wirkung, sind ansonsten aber perspektivisch unfruchtbarer als jedes Blogposting. Solange Artikel 5 des Grundgesetzes in Kraft ist, wird es im Internet eine Auseinandersetzung mit Inhalten jedweder Art und auf jedweder Stufe intellektueller Feingliedrigkeit geben. Demnächst wird in LIBREAS ein Text von Joachim Losehand erscheinen, der sich mit dieser Kommunikationskultur intensiver befasst.

Richard Kämmerlings ist also nicht gänzlich zuzustimmen, wenn er aktuell Roland Reuß‘ mittlerweile eher peinlich wirkendem Wüten im Wasserglas gegen die DFG und diejenigen, die das Netz frisch, frei und von der Leber weg nutzen, weil sie es können, den Arm um die Schulter legt und schreibt: „Aber Versachlichung ist vielleicht auch nicht immer angemessen.“ Irgendwann wird sie eben doch notwendig, wenn man in der Debatte vorankommen möchte. Eine Fokussierung des Betrachtungsfeldes hilft dabei zusätzlich.

Die Situation stellt sich doch für die Buchbranche ganz gut dar: Das Problem mit dem Open Access ist im Großen geklärt und wird im Kleinen von den Autoren mit ihren Verlagen auf Einzelfallebene ausgehandelt. Als nächste Erkenntnis folgt hoffentlich, dass das Aufreiben an der Blog- und Netzkultur zwar eine fröhliche brancheninterne Bauchpinselei darstellt und vielleicht sozialpsychologisch als Gemeinschaft über Abgrenzung erzeugendes Element eine gewisse Funktion erfüllt. Daran, dass sich Adam Soboczynski und Kollegen an mehr oder unqualifizierten Kommentare zu ihren Artikeln gewöhnen müssen, wird das „Wörterbuch des neuen Unmenschen“ (Roland Reuß) nicht viel ändern. Der Leserkommentar wird so normal, wie es heute in den Bibliotheken die Online-Kataloge und elektronischen Zeitschriften sind. Vor elf Jahren durfte man hinter diese Selbstverständlichkeiten des Bibliothekswesens im frühen 21sten Jahrhundert noch ein Fragezeichen machen.

Übrig bleibt heute ein klarer Interessenkonflikt zwischen dem Einzelakteur Google und den deutschen Verlagen. Die können jetzt auf ihren Urheberrechtstagungen auf Frau Weisl einschimpfen, deren Rolle es wohl mehr der eines Frustfängers als eines Gegenübers entspricht, oder versuchen, sich noch einen anderen Verhandlungspartner aus einer anderen Etage des Unternehmens einzuladen und mit ihm auf einer Sachebene ihr Anliegen zu diskutieren. Die mediale Tingeltour mit Botschaftern wie Roland Reuß und Volker Rieble hat dagegen deutlich an Charme und Anziehungskraft verloren. Die Frankfurter Tagung war nun hoffentlich der letzte Höhepunkt dieser Tournee aus Polemik und haltlosen Ressentiments. Berichte zur Veranstaltung gibt es zahlreiche. Auch Richard Kämmerlings hat wieder eine Zusammenfassung für die FAZ verfasst. Diese kann man hier lesen und mit der eigenen Personomy erschlossen in die Social Bookmarking-Plattform der Wahl ablegen: Den Autor kann niemand entrechten.

“A mega-corp took advantage of the optimistic hopes of a non-profit and that’s news?”, Googles Verhältnis zu den Bibliotheken

Posted in Bibliothek, Google on June 30th, 2008 and tagged , , , ,

[diesen Text als PDF]

“Yes they used us, and some librarians (not you) were tricked. That’s what businesses do, particularly successful megapowerhouses like Google; it was nothing personal.”

Das ist ein faszinierender Kommentar von einer Melissa zur Frage, inwieweit Google die Bibliotheken benutzt hat und zwar in einer nicht unbedingt altruistischen Weise. Überlegt jedenfalls Steven M. Cohen in seinem Weblog:How Google Used Librarians…and Got Away With It.

In der Tat ist Google Librarian Central aus der letzten Sommerpause nicht wieder zurückgekehrt und ebenso ist es vergleichsweise etwas stiller hinsichtlich des Zusammenwirkens der Institution Bibliothek und dem Informationsunternehmen Google geworden. Steven Cohen scheint es, als würde der marktdominante Suchmaschinist nun, da er von den Bibliotheken das bekommen hat, was er brauchte, das Bibliothekswesen mehr oder weniger im Regen stehen lassen, jedenfalls das Engagement deutlich drosseln:

“So, their marketing department (those sly dogs) decided to buddy up with ALA and the entire library community to gain access to these print treasures so that they can scan and index them. … There is no doubt in my mind that the entire library community was used. ALA was used. Those academic institutions that signed up were used. And those librarians that played a part in the PR stunt were used. “

Allerdings, so Cohen, wird das relativ folgenlos bleiben, denn das typische Fremd- und Selbstbild der Bibliotheken bemühend, sieht der Blogger keine Revolutionsstimmung, sondern nimmt schlicht an, dass sich die Community brav dem Lauf der Zeit fügen wird:

“But even more, I’m disappointed in librarians who actually fell for this blatant marketing scheme. Did they really think that this relationship would continue? Did they grasp the importance of what Google was/is doing? Will they fight back? Or will they fit the stereotype that librarians are passive and let yet another company walk all over them? I hope they won’t, but then again, I won’t be surprised if they do.”

David Rothman von TeleRead weist bei dieser Gelegenheit gleich einmal auf den nächsten üblichen Verdächtigen hin:

You can bet that if Amazon cranks up a major library effort, it, too, could seduce librarians, then abandon certain support efforts. Not to pick on Google alone!

Natürlich nicht. Die ganze Web2.0/Bibliothek2.0-Euphorie weist in diese Richtung, genauso wie weite Teile dessen, was man als Bibliotheksmarketing und Bibliotheksmanagement angeboten bekommt.

Die “non-profit” Nutzerpartizipation und Generierung von Inhalten bis zur Selbstausbeutung wird auf weiter Strecke es gibt natürlich und glücklicherweise Alternativangebote von kommerziellen Akteuren bestimmt, denen es nicht vorrangig darum geht und nach der Definition auch nicht gehen kann, altruistisch tolle Produkte zu verschenken, sondern mit angepassten Geschäftsmodellen in möglichst ertragreiche Nischen vorzustoßen.

Letztlich stellen sie die Werkzeuge, mit denen Millionen Internetnutzer freudig und gut gelaunt für die Interessen d.h. Pageimpressions, Werbeflächen, Nachverwertung von Inhalten, Marktanteile, etc. einer Handvoll von Unternehmen tätig sind. “Will work for fun” ist die Devise und Abhängigkeit das Mittel zum Zweck. Wer sein soziales Netz ausschließlich über Facebook organisiert, begibt sich zwangsläufig in eine Abhängigkeit, aus der auszusteigen nur mit großen Mühen möglich ist. Andererseits kann z.B. eine Zeitung ihre Redaktion und ihren Mitarbeiterstab auf einige Koordinatoren verkleinern, wenn sich genügend “Leserreporter” finden, die das Blatt mit frischen Inhalten beliefern und zwar bestenfalls mit dem Anreiz der Namensnennung und einer Aufwandsentschädigung. Nicht nur für den Journalismus steht eine Deprofessionalisierung im Raum, deren Hauptproblem nicht, wie oft angenommen, darin liegt, ob die Hobbyjournalisten schlechter oder besser als die Profis arbeiten, sondern darin, dass sie bereit sind, dies nahezu ohne Gegenleistung zu tun. Ob das zwangsläufig dem Zeitgeist entspricht, müsste man diskutieren. In jedem Fall sollte man aber auch überlegen, welche Folgen daraus resultieren.

So wie es ausschaut, sind die Bibliotheken entsprechend in einer ähnlichen Situation, da sie mit vergleichsweise geringer Gegenleistung an einen Akteur mit kommerziellen Interessen zuliefern. Auch das ist an sich nicht verwerflich, wenn transparent ist, was, wie, wann mit diesen Zuarbeiten (in diesem Fall Inhalte) geschieht. Und wenn die Zuarbeit eines öffentlichen Akteurs auch wieder der Öffentlichkeit nutzt, also die öffentliche Aufgabe der Bibliothek wenn auch über einen Umweg wieder erfüllt wird. Wenn Google jedoch die Bibliotheken rein als Datenpool nutzt, weil es sonst nicht oder nur mit zähen Verhandlungen mit den oft eher störrischen Verlagen an die Vorlagen zur Digitalisierung gerät, die Bibliotheken also schlicht als Mittel zum einzig eigenen Zweck benutzt, ist es fraglich, ob eine öffentliche Institution sich auf diesen eher Kuhhandel einlassen sollte. Win-Win ist dies vielleicht, aber des Einen Gewinn übersteigt dabei überproportional den des anderen. Ein Hauptproblem gerade bei Google ist, dass nicht ganz deutlich wird, wohin sich das Interesse der Kooperation mit den Bibliotheken tatsächlich richtet, also die Intransparenz.

So wie es beim Privatfernsehen und -radio nicht um die Vermittlung von Inhalten geht, sondern um den Selbsterhalt des Unternehmens über den Verkauf von Werbeflächen, agiert auch Google ein wenig. Im Gegensatz zu Amazon, das klar an Endkunden verkauft, wird dies bei dem Informations-Anbieter aus Mountain View nicht ganz so deutlich. Derjenige, der bei Google eine Suchanfrage stellt oder seine E-Mail verwaltet ist im Prinzip kein Kunde, sondern Anreiz für Kunden, Anzeigen bei Google zu schalten.

Der Nutzer, der in einem OPAC recherchiert, ist dagegen eine Art “Kunde”, auch wenn die Übernahme des Kundenbegriffs in das Bibliothekswesen gern zu Missverständnissen führt und sicher nicht die terminologisch beste Variante darstellt.

Während für das Unternehmen Google der Dienst am Informations-Nutzer gegenüber dem Dienst am Werbekunden sekundär sein muss, ist er für Bibliotheken zentral. Ersteren geht es um die Vermittlung von Werbung, Letzteren im Idealfall um die Vermittlung von Inhalten. Dabei sollte für Bibliotheken das Problem des Selbsterhalts marktextern durch öffentliche Finanzierung gelöst sein. Mit der Fokussierung auf den Marktgedanken auch in öffentlichen Bereichen verliert sich jedoch diese Selbstverständlichkeit, wobei in öffentlichen Verwaltungen unglücklicherweise häufig Wirtschaftlichkeit mit Markterfolg verwechselt wird.

Angesichts des Zurückfahrens dieser Basis und auch des verschwindenden Verständnisses, dass die Bibliothek als Institution mit öffentlicher Funktion für die informationelle Grundversorgung zu erhalten sei, ist es verständlich, dass man sich in einer solchen Public-Private-Partnership, bei der die Partner allerdings recht unterschiedliche Ziele verfolgen, einlässt. Oder sie über Gebühren ganz billig als Einnahmequelle erschließen möchte. Bei Scheitern des Modells ist dann auch gleich ein Argument für die Schließung auf dem Tisch.

Darin, dass Bibliotheken immer wieder eine verschärfte Bedrohungslage vorgezeichnet bekommen und leider auch sich selbst einreden, liegt sicher eine Ursache für das weithin spürbare Verlangen, sich an die (vermeintlich, weil entsprechend vermarkteten) erfolgreichen Akteure und Konzepte im virtuellen Informationsgeschäft zu hängen. Damit wird allerdings die Fähigkeit, sich eigenständig Perspektiven, Lösungen und Angebote zu überlegen, nicht unbedingt gefördert. Kontingenz und Best Practice harmonieren nicht sonderlich.

Ich fürchte, ein Hauptproblem im Bibliothekswesen – und das teilt es mit dem Verlagswesen – ist nach wie vor, dass ihm ein stabiles Selbstbild fehlt, welches Perspektivität und eigenständige Entwicklung zulässt. Man bleibt für sich Underdog, geschockt durch den Erfolg von Google und entsprechend Prinzipien willfährig aufgreifend und zu den eigenen erklärend. Wenn OCLC sich anschickt, das “Google der Bibliotheken” zu werden und Google mit dem Datenbestand des Worldcat bestückt, sollte man sich vielleicht fragen, ob Google mit diesem Datenbestand OCLC überhaupt noch in einer anderen Rolle als die des Zulieferers benötigt. Eine gleichberechtigte Partnerschaft dürfte hier nicht im Raum stehen. Google profitiert von den optimierten Metadaten im MARC-Format für all die Bücher, die zwar gescannt aber nicht entsprechend formal präzise erschlossen wurden. Und OCLC darf dafür die Inhalte anbinden, die man sonst über Google-Books bekommt. Erstaunlicherweise greift man wieder auf das altbekannte Argument der “Visibility” zurück, welches da zugespitzt lautet, dass alles, was Google nicht sieht (bzw. sehen will), im Web nicht sichtbar ist. Allein schon die Existenz dieses Vermittlungsmonopol sollte zur Vorsicht mahnen: Ob “don’t be evil” oder nicht – Google ist kein neutrales Werkzeug ohne eigene Interessen, sondern ein globales Wirtschaftsunternehmen, die teuerste Marke der Welt und in seinem Hauptgeschäft Quasi-Monopolist. Darüber, inwieweit es dem Wettbewerbsprinzip der informationellen Weltwirtschaft gut tut, diese Position weiter aktiv zu stärken, kann man ja mal reflektieren.

Auch in Bibliotheken, die sich jedoch an einer ganz anderen Stelle selbst beschäftigen: Auf der einen Seite steht das nicht tragfähige Beharren auf (vermeintlich) etablierten Qualitäten und auf der anderen das totale Hinterfragen der eigenen Existenzberechtigung. Das Googleversum erscheint hier entweder als Vorhölle oder als Paradies, Google entweder als Todfeind oder als Leitstern. Das Optimum liegt natürlich immer irgendwo dazwischen. Und so sollte man auch handeln: skeptisch offen.

Ein bewussterer Umgang, bei dem man u.a. aggressiv hinterfragt, was sich der Private-Partner von der Kooperation mit dem öffentlichen Akteur eigentlich an Nutzen verspricht, könnte hier durchaus helfen.

“Don’t be evil” ist letztlich nur eine sehr dürftige, zur Besänftigung eventueller Zweifel gestrickte, Phrase, kaum gehaltvoller als Amazons “…and you ‘re done” oder die Beschwichtigungsmimik eines Fußballspielers nach einem Foul. Eigentlich ist die Verwendung einer solchen trivial-ethischen Plattheit, die nicht einmal den ähnlichen, aber immerhin mit einer zugegeben dürftigen und deswegen als halbhohle Werbephrase sofort durchschaubaren Mehrdeutigkeit von der “Wir sind die Guten”-Kampagne des Elektronikhändlers ProMarkt erreicht, sondern mit einem derartigen Leitbild tatsächlich auf Vertrauensbildung aus ist, weitaus verdächtiger, als der klar auf den Allround-Dienstleistungsanspruch von Amazon zugeschnittene Slogan. “Don’t be evil” sollte man sicher nicht für barere Münze nehmen, als den Liebesbeweis von Flickr (Flickr loves you). In einer Welt, in der Bedeutungen derart zu Marketingzwecken gedehnt werden, ist es schwer, noch mit Worten zu überzeugen…

Gerade weil nicht ganz klar ist, was so eine Aussage eigentlich meint bzw. inwieweit Google ein Unternehmen wie jedes andere ist und sein will und wie sehr “don’t be evil” Lippen- oder Herzensbekenntnis oder einfach nur ein griffiges Verkaufsmotto ist, bleibt eine gesunde Skepsis vielleicht doch sinnvoller als allumfassende Affirmation.