Tigerentensprung: Richard Kämmerlings sieht in der FAZ das Papier vergehen.

Posted in E-Books on February 6th, 2009 and tagged , , , , , ,

Da die dafür eigentlich besser geeignete Blogplattform des ib.weblog (viel mehr Publikum) momentan wieder an der Altersschwäche des tragenden Servers leidet, wundere ich mich hier darüber, was eigentlich mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung los ist. Mittwoch schreibt Oliver Jungen eine bemerkenswert aufgeplusterte Suada gegen das deutsche Bibliothekswesen, das nicht so will wie er und deshalb derart mit Ressentiments zugeknallt wird, dass man es selbst als jemand, der durchaus der manchmal etwas ausgeprägteren Selbstgefälligkeit der Bibliothekswelt einen Tropfen Wermut in den Becher der Selbstbespiegelung wünscht, aber eigentlich eher mehr Mut, nur mit Kopfschütteln ob des hinterm Faust-Zitat lauernden Haudrauf-Journalismus reagieren kann (vgl. auch hier).

Was sich aktuell so an Beiträgen in der FAZ-Welt abspult, greift durchaus in die selbe Schlaufe, an der auch solche Phänomene wie Verringerung des Umfangs, weitläufige und textsparende Layout-Änderung sowie Erhöhung des Einzelverkaufspreises hängen. So hält man weder den Mythos “Qualitätsjournalismus” noch die Auflage hoch, denn weniger für’s Geld ist dem Leser, der sich natürlich auch mit den virtuellen Alternativen auskennt, eigentlich nicht zu vermitteln. Der holt sich dann ein, zwei Mal in der Woche am Zeitungsstand etwas aus Großbritannien und als FAZ-Feuilletonersatz Sinn und Form. Für die Nachrichten geht man heute gleich zu Reuters, da wartet man nicht auf Deutschland und die Welt von morgen. Wir halten keine Aktien an dem Blatt und das Abonnement wurde auch nicht verlängert, insofern könnte man kühl bleiben. Aber online liegt die Zeitung dann doch mit den anderen im Feed zu den Themen des Tages und so entdeckt man gerade, was der Popfeuilletonist Richard Kämmerlings zum Thema E-Books, Papier und Vinyl kommentiert.

Wir verstehen, dass das Feuilleton wie die tagesaktuelle Presse überhaupt am besten mit Alarmismus punktet und erinnern uns als einst treue Leser daran, dass derselbe Autor im Februar 2006 schon mal das Ende der Literaturgattung Lyrik aufziehen sah, wobei allerdings erst vor einigen Wochen der noch halbwegs junge deutsche Nachwuchsdichter Durs Grünbein in der WELT bewies, dass ihm sein Talent tatsächlich nass geworden ist.

Nun hat Richard Kämmerlings auch ein iPhone und zeigt uns, was schon letztes Jahr um diese Zeit problemlos möglich war, als eine die Medienwelt umstürzende Innovation: Er kann Shakespeare auf dem Telefon lesen. Auch unter der Bettdecke. Auch in “schummrigen Dichterkneipen”. Seit mindestens 12 Jahren konnte man Romeo and Juliet aber auch schon auf jedem transportablen Computer durch die Welt tragen, denn seitdem ist das “E-Book”, welches eigentlich eher ein E-Text ist, bei gutenberg.org verfügbar. Mittlerweile sogar auf Finnisch. Gratis zum Download oder zum Lesen am Bildschirm. Dennoch sind aktuell noch dutzende Printausgaben erhältlich. Eine Handvoll E-Book-Varianten ebenso. Das lässt eigentlich mehr auf eine friedliche mediale Koexistenz schließen, als auf eine Revolution, bei dem die Kindle an die Macht der Literaturvermittlung drängen.

Aus irgendeinem verrückten Grund, der seine Ursache wohl im abgrundtiefen Glauben an eine auf medienökonomischen Trivialdarwinismus justierte Wettbewerbsgesellschaft findet, ist Vielfalt für das Feuilleton nicht nur der FAZ selten eine respektable Option. Daher schreckt man dort auch mal hoch aus dem sinnlichen Vergnügen, welches der Apple-Touchscreen vermittelt, wenn Thalia groß verkündet, dass es die Restauflage des Sony-Readers der letzten Saison nun in Deutschland an den Mann zu bringen versuchen wird. Zwar hatte schon die Frankfurter Buchmesse im Herbst einen Showroom für elektronische Lesegeräte, aber da es sie damals schwerlich in Deutschland zu kaufen gab, muss man den Sensationsdiskurs vom Ende des Buchs aus dem Oktober für den März noch einmal aufwärmen. Seit letztem Jahr heißt es dazu so beständig “Amazon wird mit seinem ‘Kindle’ bald nachziehen.”, dass der Satz, besäße er mehr Biss, vielleicht schon zur Spruchweisheit ins kollektive Sprachgut übergewechselt wäre. Es stünde für eine Hornisse, die dem Buchmarkt als Kampfelefant angekündigt wird und irgendwann als etwas wintermüde Schwebfliege hereinflattern wird.

Nun schwächt sich eine nur über ein unbestimmtes “bald” terminierte Drohung mit den Monaten bis Jahren etwas ab, bis sie niemanden mehr stört. Denn selbst im erfolgreichen Amerika hat der Kindle zwar seine Lücke mit schätzungsweise 500.000 Nutzern gefunden aber keinesfalls dazu geführt, dass gerade Amazon keine gedruckten Bücher mehr verkauft.

“Die Medienevolution macht gerade einen Tigersprung” meint dagegen der schlagwortgeschulte FAZ-Kommentator und staunt, dass er überall mit seinem Telefon Texte aus dem Internet ziehen kann. Dass Google dabei sein gescanntes Bucharchiv beisteuert, ist auch nett. Aber beileibe kein “Tigersprung” und wer hier nicht folgen kann, hat einfach seit den 1990ern das Internet verpasst.

Zur Unpässlichkeit, die den Vergleich Buchbranche und Musikindustrie befällt, muss man eigentlich nicht viel sagen. Denn man vergleicht mit dem Buch als Trägermedium für Text und mit der Schallplatte als Trägermedium für aufgezeichneten Klang zwei in der Rezeption vollkommen unterschiedliche Medienformen: Während Lesen nämlich prinzipiell ein aktiver und bewusster Akt ist, bei dem das Auge selbst und ohne Hilfsmittel – es sei denn einer Brille für die Fehlsichtigen – den Datenbestand wenn man so will direkt von der Trägeroberfläche abnimmt, wird aufgezeichnete Musik auch passiv und unbewusst erfahrbar. Kein Ohr muss sich den Klängen nacheilend bewegen. Das Lesen fordert die Bewegung auch im stillsten Bibliothekszimmer. Die Musik versetzt im besten Fall in selbige. Dafür muss sie, wenn nicht zeitgleich dargeboten, aber schon seit der Edison-Walze mittels eines Abspielgerätes wiedergegeben werden. Dass selbiges heute iPod heißt und nicht mehr Technics 1210er bedeutet nichts anderes als eine konkret nicht ganz aber abstrakt durchaus vermutbare Entwicklung der Technik.

Dass sich das Medium Buch dagegen vergleichbar anfällig für einen plötzlichen Sprung auf die Anzeige vermittels Taschendisplay zeigt, ist nicht unbedingt ausgemacht. Der Vorteil der Lesegeräte liegt zweifellos in der Optimierung des Speicherbedarfs, die man sich aber mit dem Aufwand der Synchronisation und der generellen Fehleranfälligkeit digitaler Geräte bis hin zum Formatproblem und der auch und gerade für die Verlage hoch problematischen Rechtesituation erkauft. Datenschutzprobleme – wer liest welches Buch – kann man noch drauf addieren, wenn man denn möchte.
Blöd ist bloß, dass die wirklich schweren Folianten recht alternativlos an die Druckvariante gebunden sind, da der Helmut Newton aus dem Fotoband auf dem iPhone wirklich nur wirkt, wie ein Abziehbildchen aus dem WWW. Den Heinz Strunk als Paperback bekommt man dagegen meist doch noch in die Laptoptasche und wenn der im Zug liegen bleibt, dann ist es vielleicht sogar besser, in jedem Fall kein großer Verlust.

Wer also nicht den permanenten Zugriff auf eine halbe Million Bücher braucht, sondern auf ein bis drei, für den reduziert sich der Vorteil eines E-Book-Readers schnell auf das eingebaute Leselicht. Das kann nett sein und es spricht auch nichts dagegen, solch ein Gerät zu besitzen und zu benutzen. Jedoch die Pferde der Buchbranche immer wieder aufschrecken zu wollen und ihnen zuzurufen, dass ab morgen andere Sattel die einzig richtigen sind, wirkt mittlerweile ziemlich grotesk.

Denn abgesehen von Sony, Amazon und Thalia braucht diese Geräte aktuell fast niemand. Nicht einmal die Verlage. Der Markt für das gedruckte Buch ist im Gegensatz zum CD-Markt am Vorabend des mp3-Formats weitgehend intakt und kaum von Piraterie bedroht. Sinnvoll wäre es, sich ein wenig Zeit zu lassen und zu verstehen, dass die eigentlich relevanten digitalen Texte eigentlich die sind, die im Internet entstehen. Was der Markt für mobiles Lesen und Laden vielmehr sucht, sind nicht die Reader, sondern handliche, lesbare und kleine Sende-und-Empfangsgeräte. Mit denen sich auch schreiben und vielleicht fotografieren, in jedem Fall twittern und bloggen lässt. Das iPhone ist näher am Ball als der Sony Reader und insofern hat Richard Kämmerlings schon richtig investiert. Dass mit solch einem Multifunktionsgerät bei Bedarf auch mal einen Roman oder junge deutsche Lyrik lesen kann, nimmt man gern mit. Zum Weihnachtsfest greift man aber vorerst doch lieber zu einen Leinenbändchen voll mit junger deutscher Lyrik in Geschenkverpackung statt zu einer gezippten Datei mit Shakespeare-Medley.

Die E-Books in der E-Bibliothek. Ein paar weitere Gedanken.

Posted in Bibliothek, E-Books, digitale Bibliothek on October 24th, 2008 and tagged , , , ,

Das e-book ist bereits heftig dabei, die Bibliotheken zu verändern. An vielen wissenschaftlichen Bibliotheken spielen e-books schon seit ein paar Jahren eine große Rolle. Was auf der Buchmesse nur neu war, war das Leseendgerät. Das hat sich eben weiter verbessert und ist jetzt so attraktiv geworden, dass auch die normalen Leser und Benutzer damit arbeiten können. Aber an den Hochschulen werden Texte schon seit einigen Jahren runtergeladen, aber dann eben auf die normalen Laptops und PCs.

Michael Knoche, Leiter der Herzogin Anna-Amalia Bibliothek in Weimar, äußert sich heute in einem ausführlichen Interview mit dem Deutschlandfunk u.a. recht zuversichtlich, aber definitorisch etwas unscharf, zum Thema E-Book. Denn abgesehen vom Project Gutenberg und einigen anderen Unternehmungen, war die Titelanzahl von elektronischen Büchern bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit nicht so breit gestreut, dass sie in der wissenschaftlichen Arbeit verstärkt zum Einsatz kamen. Natürlich gab es immer wieder mal ein paar PDF-Fahnen und manches auch auf CD-ROM. Aber das, worauf die Merkmale, die ich weiter unten als kennzeichnend für ein E-Book herausarbeite, passen, wird erst allmählich zu einem breiten Phänomen.

Aber ich denke, Michael Knoche meint eigentlich das Lesen elektronischer Texte allgemein, was sich mit den elektronischen Zeitschriften tatsächlich zur Standardtätigkeit im wissenschaftlichen Alltag sehr vieler (nicht aller) Disziplinen entwickelt hat.

Deutlich wird hier erneut, dass der Begriff E-Book eher schwierig ist und der Diskurs sich womöglich etwas geschmeidiger vollziehen würde, spräche man von elektronischen Texten und im Zweifelsfall von hypertextuell vorliegenden Inhalten oder von einer displayvermittelten Textrezeption, sofern man auf den Vorgang abzielt.

Der Ausdruck E-Book ist dagegen vor allem gut für das Marketing, denn er schafft die Verbindung zu etwas, was die Zielgruppe kennt und mag. Vielleicht wäre er auch sonst praktikabel, wenn es (a) eine präzise und verbindliche Definition gäbe und sich (b) eine tatsächliche und sinnvolle Entsprechung des Einem im Anderen fände. Wenn man kurz genug sucht, entdeckt man womöglich etwas, das passt. In der Wikipedia nämlich findet sich dahingehend ein ziemlich eindeutiger Ansatz. Dort heißt es aktuell, das E-Book “versucht im weitesten Sinne, das Medium Buch mit seinen medientypischen Eigenarten in digitaler Form verfügbar zu machen.”

Nun muss man sich fragen, (1) inwieweit das, was als E-Book bezeichnet wird, dieses erfüllt und (2) wie medial zweckmäßig solch ein Unterfangen ist. Warum legt man soviel Wert auf eine Imitation in der Form, wenn es nur der Content ist, auf den es ankommt?

Sofern wir tatsächlich am Bildschirm lesen, löst sich die Notwendigkeit zur Anpassung an die Druckseite auf. Textinhalte wie in diesem Weblog werden schon längst mich mehr auf Ausdruckbarkeit hin verfasst und sind in ihrer Hypertextualität oft auch gar nicht adäquat auf Papier abbildbar.

Entspricht also ein HTML-Text oder ein PDF tatsächlich den medientypischen Eigenschaften – gedruckt, gebunden (oder geklebt etc.), nicht periodisch, mindestens 49 Seiten? Die aktuelle Generation der Lesegeräte versucht sich durchaus, wenigstens das Element “Seite” zu erhalten, aber wenn man sich gleich nebenan anschaut, dass die Displays von Mobiltelefonen als Ausgabeoberfläche zunehmen Aufmerksamkeit bekommen, erscheint es fraglich, dass sich in diesem Umfeld das Paradigma Druckseite halten kann. Denn eine Druckseite ist für das iPhone auch auf A5 zu groß.

Für die Simulation der Seitendarstellung, wie sie das PDF als Format für die Druckvorstufe natürlich berücksichtigt, besteht bei der Rezeption am Bildschirm kein Grund. Alle medientypischen Eigenschaften des Buches, die in seiner Materialität gründen, sind ganz offensichtlich nicht digitalisierbar. Was momentan in meinen Augen als einzig gültiges Unterscheidungsmerkmal für das E-Book im Vergleich zum E-Journal herangezogen wird, ist, dass es nicht periodisch erscheint. Zu anderen elektronischen Texten im Internet sind die verlegerischen Berarbeitungen von der Manuskriptauswahl über das Lektorat bis hin zur Gestaltung der Ausgabeform kennzeichnend.

Ein E-Book wäre demnach, dies als eine Zwischendefinition, ein in sich abgegrenzter, nicht-periodisch erscheinender, distribuierbarer und von einem Verlag veröffentlichter Text.

Das E-Book bildet also die materiellen medientypischen Eigenschaften nur äußerst bedingt ab, dafür aber einige formale Entstehungs- und Vertriebskennzeichen. Dass E-Books oft als zu subskribierende Pakete angeboten werden, relativiert den Distributionsaspekt natürlich wieder. Besitzrecht oder Nutzungsrecht, das ist hier zu klären. Langfristig stehen die Zeichen wohl auf die zweite Variante gerichtet.

Auf der Ebene der formalen Imitation bieten die Lesegeräte abgesehen von dem ziemlich leichtgewichtigen Argument, dass man unbegrenzt viele Titel mit sich herumtragen kann, kaum Vorteile. Zwar relativiert sich das Problem des Lagerplatzes, wird aber – sofern man die Texte länger behalten mag – durch die Frage der Langzeitarchivierung, Langzeitlesbarkeit und Migration beim Gerätewechsel von einer neuen Schwierigkeit fast noch größerer Komplexität ersetzt. Perspektivisch werden sich, so meine aktuelle Vermutung, Geräte durchsetzen, die eine beliebige Rezeption und Bearbeitung und vielleicht sogar Produktion von digitalen Texten bzw. auch wieder multimedialen Inhalten zu lassen. Ein kleiner, leichter Laptop mit elektronischer Tinte wird sicher von der Masse der aktiven Leser eher gewünscht, als das Pendant zum digitalen Bilderrahmen.

Nun noch ganz kurz zur E-Bibliothek, auf die die Anschlussfrage des Interviewers abzielt, und die die große Diskrepanz zwischen Fachdiskurs und öffentlichem Diskurs entblößt:

Heinemann: Gibt es dann eines Tages die e-Bibliothek?

Knoche: Die wird es sicher geben. Es wird Bibliotheken geben, die praktisch nur noch einen Ort darstellen, wo man lernen kann, wo man einen Zugang zum Netz hat, aber die keine Bücher mehr enthalten. Es wird Bibliotheken geben, die beides haben, das elektronische Angebot, aber natürlich auch noch die alten Druckschriften. Ich glaube, die Herzogin Anna-Amalia Bibliothek wird zu der zweiten Kategorie von Bibliotheken gehören.

Die Beschreibung der ersten Kategorie passt übrigens auch auf eine Starbucks-Filiale und wer selbige in Universitätsstädten besucht, sieht, dass diese von den Studenten auch gern entsprechend genutzt werden. Natürlich meint Michael Knoche etwas anderes, nämlich das, was wir seit vielleicht einem Jahrzehnt als PC-Pools kennen, die man sicher noch gemütlicher gestalten kann. Die Idee, diese anheimelnder als e-Bibliothek zu bezeichnen ist gar nicht so schlecht, aber natürlich “lipstick on a pig”.

Aufgelöst würde die Bezeichnung aber elektronische Bibliothek heißen, was in der Bibliothekswissenschaft traditionell vor allem auf die Geschäftsgänge und die Katalogisierung ausgerechnet von physischen Medien bezogen war.

Was hier tatsächlich gemeint ist, nannte man virtuelle Bibliothek bzw. nennt man digitale Bibliothek, wobei der bücherlose Lernraum noch nicht einbezogen ist. Man sollte den allgemeinen Radiohörer sicher nicht überfordern, aber wenn man vom Fach kommt, dann ist man selbstverständlicher etwas pedantischer. Und daher soll abschließend vermerkt werden, dass wir die Herzogin Anna-Amalia Bibliothek korrekterweise als viergegliederte Bibliothek begreifen, die übrigens auch in ihrem famosen Studienzentrum die eine oder andere neuere Druckschrift bereithält. Hoffentlich setzt sich E-Bibliothek nicht durch…

“Das Buch ist nur noch eine Metapher.” Und das war es schon im Jahr 2000

Posted in E-Books on October 16th, 2008 and tagged

Als Ergänzung zu den aktuellen Kommentaren zum Thema E-Books im ibi-weblog folgt hier ein schönes Zitat zum Thema E-Books:

Beim Elektronischen Buch, dem E-Book, wurden auf der AKEP-Sitzung noch erneut Visionen statt Zahlen genannt. 2010 sollen zehn Prozent aller Inhalte via E-Book gelesen werden, so AKEP-Sprecher Hans Kreutzfeld, mit Bezug auf die Studie einer Unternehmensberatung.

So schrieb die WELT zur Frankfurter Buchmesse des Jahres 2000 unter der Überschrift: Electronic Publishing setzt sich durch

Und einiges von dem dort beschriebenen hat sich in den acht Jahren, die seit dem ins Leseland gegangen sind, in der Tat entwickelt. Das elektronische Publizieren hat sich der Wissenschaft in den so genannten STM-Disziplinen weiter etabliert. Durchgesetzt war es 2000 natürlich bereits. Die Geisteswissenschaften holten ein bisschen aus, wobei in diesen Fächern mehr rahmende Angebote zu beobachten sind. Weblogs gibt es mittlerweile zu fast allen Disziplinen. Welche Rolle sie tatsächlich in der Wissenschaftskommunikation spielen, ist in diesem Zusammenhang eine höchst untersuchenswerte Fragestellung. Ob das Planziel 10 Prozent Lektüre über E-Book im Jahr 2010 erreicht wird, ist schwer zu beurteilen, da (1) schwer zu definieren ist, was alles unter “E-Book” fällt und (2) nicht mitgeliefert wird, was Hans Kreutzfeld unter E-Book verstand. Eventuell wirkte sich auch seine naturwissenschaftliche Provinienz- er ist Diplom-Physiker – auf sein Urteil aus.

Auf dem Feld der Branchenrhetorik hat sich seit 2000 leider wenig getan, was über das übliche Marketing-Gesalbader hinaus reicht. Eine Aussage wie die folgende, passen auch anno 2008 noch toll in die Diskussion:

“Das Buch ist nur noch eine Metapher. Die technischen Möglichkeiten verlangten nach einer Neudefinition der Branche”, erklärte hier James Lichtenberg von New Yorker Consulting-Firma Lightspeed. “Die Buchindustrie befindet sich in einer kompletten Transformation. Geschäftsinhalt wird das, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet”, sagt Lichtenberg.

Andere Stimmen meinen, dass das Buch (bzw. Book) nur als Bestandteil der Bezeichnung E-Book (viel, viel seltener: E-Buch) eine Metapher sei. Alles, was so gebunden auf den Präsentationsaufstellern herumstellt, bleibt, wenn man es genau nimmt, konkret “Buch”. Und bei den Kunst- bzw. Künstlerbüchern bzw. den bibliophilen Ausgaben finden sich sogar heute noch auf der Messe Stücke, denen ein Lesegerät einfach nicht gewachsen ist.

Selbst wenn man diese Fälle an manchen Stellen bei der Marktbeurteilung als vernachlässigbar ansieht, empfiehlt sich die Differenzierung zwischen dem Buch als Objekt und dem Buch als Inhalt bzw. Text auch ganz allgemein. Dann kann man nämlich fragen, wie hoch der Anteil des Objektcharakters und der des Inhalts eines Buches – in dem sich traditionell beides verbindet, beim elektronischen Buch jedoch nicht mehr – bei der Kauf- und/oder Nutzungsentscheidung ist.

Selbst wenn man mit dieser Sicht unbelehrbar rückständig erscheint, hält sich der Eindruck stabil, dass elektronische Bücher als Geschenk selbst bei nennenswerter Durchdringung mit für diese geeigneten Anzeigegeräten, unattraktiv bleiben. So wie einem zip-Ordner mit mp3-Dateien die Ausstrahlungskraft fehlt, um die mit der Geste des Schenkens verbundene Intitmität zu übertragen, so wird es schwer sein, einem PDF die Wertschätzung anzusehen, die der Schenkende damit verbindet. Als Symbol ist das unberührbare E-Book aufgrund der mangelnden Nähe und die Beschränkung auf den Zweck des Lesens sehr schwer mit darüber hinaus reichender individueller Bedeutung versehbar. Eine digitale Signatur geht bei weitem nicht so zu Herzen geht, wie die Widmung mit dem Füllfederhalter.

Daher ist der Anklang, den die jeweiligen Form – materielles Objekt oder digitaler Inhalt – findet, nicht zuletzt auch mit der Frage verbunden, ob es um Erfahrung des Mediums oder den Konsum des Inhalts geht. Ob das Medium die Botschaft ist oder der Inhalt. Beim E-Book verliert das Buch jedenfalls seine medienspezifische Bedeutung. Das Medium “Buch” ist im unglücklicherweise so benannten E-Book verschwunden. Lesegeräte zu verschenken ist kaum eine Alternative, denn mehr als eines mit sich zu führen, widerspricht dem medialen Sinn dieses Objekts.

Entsprechend abgewogen sind dann Angebote – seitens der Bibliotheken und seitens der kommerziellen Akteure – zu entwickeln. Leser (und auch Kunden und auch Schenkende und Beschenkte) sind nicht zwangsläufig den Nutzen rational kalkulierende Konsumenten mit Spartrieb, sowohl preislich wie auch hinsichtlich der Aspekt Lagerplatz und Gewicht.

Es geht beim E-Book, das so viel billiger, kleiner und leichter sein soll, auf Kundenseite auch überhaupt nicht um das Sparen. Für die Verleger und Anbieter, denen es natürlich gleich ist, ob die Regale in den Lesezimmern der Kunden überfüllt sind und die Reisetaschen schwer, dagegen schon, denn sie haben begriffen, dass eben die Lager-, Vertriebs- und Materialkosten deutlich sinken, wenn das Buch digital an die Kunden ausgeliefert wird. Auch die umständlichen Wege über Zwischenbuchhandel und Buchhandlung kann man verringern, wenn nicht ganz einsparen. Ob die zusätzlich entstehenden Kosten, z.B. für den Kopierschutz, der gerade deswegen notwendig wird, weil digitalen Objekte beliebig und ohne Qualitätseinbußen vervielfältigt werden können, hier am Ende nicht vielleicht größer sind, als die Druckauflage, ist auch noch zu klären.

Auf der Kundenseite ist jedoch eine digitale Kopie, die etwas kostet, selbst bei 20% Abschlag immer noch relativ teuer, sofern der Gegenwert der kreativen Arbeit dahinter und der redaktionellen Betreuung nicht zureichend kommuniziert wird. Zudem hat man den Migrationsaufwand, wenn man irgendwann doch eines Geräte wechseln möchte oder soll, wobei den Hardware-Anbietern sicher an einer entsprechend hohen Austauschhäufigkeit gelegen ist.

Das Argument, welches die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Das E-Buch [sic!] kommt mit Rabatt. In: FAZ, 16.10.2008, Nr. 242, S. 19) anführt, dass die Texte nicht verloren gehen, wenn man seine “elektronische Bibliothek” nur über den PC verwaltet, ignoriert (1) die leidliche Alltagserfahrung eines Festplattencrashes, der u.U. sehr hohe Datenwiederherstellungskosten aufwirft und vernachlässigt (2), dass man bei der aktuellen Entwicklung auch gezwungen, seine PC-Hardware in relativ kurzen Abständen zu wechseln. Die Lebenszeit, die man mit dem Einrichten der jeweils neuen Systeme und dem Überspielen von Daten zubringt, sollte man durchaus mal als Total Cost of Ownership bei jedem digitalen Produkt verrechnen.

Dass die Regale daheim frei werden, wenn man die 1000 Bücher Handbestand als Digitalkopie durch die Welt trägt, ist dagegen unbestritten. Ebenso lässt sich wenig gegen das Reisegewichtargument anbringen, auch wenn mitunter giftige Komentatoren einwerfen, dass man 1000 Bücher auf einer Reise gar nicht lesen kann. Das verfehlt jedoch den Punkt, dass es nicht darum geht, das Vorhandene tatsächlich zu lesen, sondern die Möglichkeit, es lesen zu können. Die tausenden Musikstücke auf dem iPod hört man sich auch nicht permanent an, aber wenn in der Stimmung ist, besitzt man die Möglichkeit, das passende Stück just-in-time verfügbar zu haben. Anders jedoch als die Musik, die schon immer ein Abspielgerät benötigte und daher den Übergang leichter machte, benötigt Literatur bzw. Text, der vom Menschen direkt vom Trägermedium abgelesen werden konnte, nicht unbedingt ein zusätzliche Vermittlung. Eine Optimierung der Anzeigequalität des Buches ist eigentlich nicht notwendig und digital auch nicht möglich, da sich Bücher im Vergleich zu Magnetbändern und Schallplatten in der Benutzung nicht zwangsläufig nennenswert abnutzen.

So bleibt aktuell der Eindruck, dass das E-Book die Prozessierung des Inhalts optimiert, die Rezeption jedoch nicht. Die Möglichkeit, große Quantitäten von Inhaltselementen zusammentragen kommt sicher dem Sammeltrieb des Menschen und damit auch dem Absatzwillen der Inhaltsproduzenten entgegen. Eine schlüssige Antwort, warum das Medium E-Book dem gedruckte in Hinblick auf das Lesen selbst überlegen sein könnte, steht derweil noch aus. Daher sollten Verlage nicht allzuflink auf die Idee aufspringen, dass die Buchdeckel selbst keine Rolle mehr spielen und Rechtemanagement das einzig sinnvolle Geschäftsfeld der Zukunft darstellt. Das war im Jahr 2000 schon unsinnig und entbehrt auch im 2008 jeglichem Realtitätssinn. Gerade wenn man sich – vielleicht außerhalb des Digital Marketplace – über die Buchmesse bewegt, bekommt dies sehr zu spüren: Das Medium Buch in seinen Objektqualitäten befindet sich auf einem beeindrucken hohen Niveau. Im besten Fall harmoniert dies sogar mit den Inhalten.

Was bislang Metapher bleibt, ist das E-Book und bedauerlicherweise führt diese Metapher das deutsche Feuilleton und Teile der Branche selbst reihenweise in die Irre. Sinnvoller wäre es, und das ist anders, als bei der Musik, das elektronische Publizieren von dem, “was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet” als eigenständige und nicht als konkurrierende Entwicklung zu begreifen und der Öffentlichkeit auch so zu präsentieren. Für die Autoren, Verlage und die Anbieter der Technologie wäre es bei dieser Gelegenheit sinnvoll, Inhalte zu entwickeln, die das gedruckte Buch nicht abbilden kann, anstatt dieses einfach – weil es billiger ist – simulieren zu wollen. Bei der Gelegenheit sollten sie sich ein passendere und elegantere Metapher als “E-Buch” ausdenken.