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	<title>kontext &#187; Debatte</title>
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		<title>Ausgeschwärmt. Zur Journalismusdebatte und der Unsinnigkeit einer Metapher</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Jun 2009 16:47:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der &#8220;Schwarmintelligenz&#8221; ist. Kollektivintelligenz klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des <em>Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA </em>warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der &#8220;Schwarmintelligenz&#8221; ist. <em>Kollektivintelligenz</em> klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären Aufbruchs, den mancher angesichts der kollaborativen Plattformen ausrief, verlangt nach Schlagkraft und das Bild des Schwarms, der immer weiß, wohin er schwenken muss, hat sich irgendwie hineingedrängelt und etabliert. Das ermöglicht den Hütern des Qualitätsjournalismus wie Mathias Döpfner (Axel Springer Verlag) genauso wie diversen ZEIT-Autoren (vgl. <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=7060">auch hier</a>), <a href="http://www.horizont.net/aktuell/medien/pages/protected/Copyrights-Doepfner-ruft-Verlage-zu-Geschlossenheit-auf--Keine-Anti-Google-Kampagne_84833.html">deftig aufzusatteln</a>:</p>
<blockquote><p>Einer undifferenzierten &#8220;Im Netz gehört allen alles&#8221;-Auffassung erteilt er jedenfalls eine Absage. Dies würde dem unabhängigen Journalismus, für den Blogger kein Ersatz sein könnten (&#8221;Neben Schwarmintelligenz gibt es im Internet auch Schwarmdummheit&#8221;), die wirtschaftliche Basis entziehen: &#8220;Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht&#8221;.</p></blockquote>
<p>Man muss jetzt nicht weiter über das Leserreportertum sinnieren. Und auch nicht über die Vermengung einer so unsinnigen, undifferenzierten und inexistenten &#8220;Alles für alle&#8221;-Praxis. Im Netz ist mächtig viel gut reguliert und es gibt wohl niemanden, der von der WELT verlangt, ihr <em>e-paper</em> gratis zur Verfügung zu stellen. Bei einer anderen großen Springer-Publikation würde man sich mitunter gar wünschen, sie würde viel umfassender hinter einer Zugangsbarriere liegen.</p>
<p>Die Blogosphäre zieht jedenfalls nicht aus, um die Zeitungen zu bedrohen. Und die bloggenden Individuen in ihr schon gar nicht. Niemand liest Blogs, um sich die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung zu sparen. Vielmehr entstehen in der Blogosphäre eigene Formen von Inhalten wie auch von Journalismus, die manchmal Schnittmengen  mit dem aufweisen, was Zeitungen bieten. Besonders wenn letztere eigene Blogs aufsetzen. Deren Inhalte finden ein Publikum, dem diese Medienform gefällt. Manche, eher wenige, verlieren darüber den Geschmack an der klassischen Zeitung. Die Ursachen dafür, dass den Zeitungen ihr Publikum verlustig geht, liegen nicht selten darin, dass viele Titel nicht mehr mit den Informationsbedürfnissen der Leser korrespondieren und sich z.B. in Scheindebatten, wie der unbegreiflichen Bedrohung der eigenen gesellschaftlichen Rolle durch das amorphe Internet ergehen. Zuviel Nabelschau macht sie für die potentiellen Zeitungskäufer auf Dauer einfach irrelevant. Genauso das oft gleichschrittige Hinterhereilen hinter vermeintlichen Markttrends. Am Urheberrecht und seiner angenommenen Aushöhlung im WWW liegt es dagegen vermutlich nicht. Die wirkliche Nivellierung erfolgt nicht durch die Blogs, sondern eher, wenn Mathias Döpfner ausruft:</p>
<blockquote><p>&#8220;Für Partikularinteressen gibt es keinen Raum und keinen Anlass&#8221;</p></blockquote>
<p>Wieso eigentlich nicht? Die plurale Wissensgesellschaft mit unterschiedlichsten Bedürfnissen hinsichtlich der Rezeption und Verwertung von Information führt zu einer Vielzahl unterschiedlicher Medienformen auch im Textbereich. Wissenschaftliches Publizieren folgt grundlegend anderen Gesetzmäßigkeiten als die Veröffentlichungspraxis der Publikumsverlage. Die Blogosphäre gehorcht anderen Regeln als der Magazinmarkt. Wenn Raum und Anlass für Partikularinteressen ist, dann jetzt. Während also der Springer-CEO zur Block- oder auch Schwarmbildung aufruft, erkennt man zunehmend, dass der Schwarmbegriff als Metapher ungeeignet ist. In einer Vorlesung vom 02. Februar 1977 bestimmte Roland Barthes sehr anschaulich das Phänomen des Schwarms, dieser &#8220;zusammenhängende[n], massive[n], gleichförmige[n] Ansammlung von Individuen derselben Größe, derselben Farbe und oft desselben Geschlechts, gleich ausgerichtet, in gleichem Abstand voneinander, mit synchronisierten Bewegungen&#8221;:</p>
<blockquote><p>Wie sich Schwärme reproduzieren. Zum Laichen schieben sich Schwärme männlicher Tiere über die Schwärme von Weibchen. Die Eier steigen zusammen auf und durchqueren den Schwarm der Männchen, die ihre Milch ausstoßen. &#8211;&gt; Vermehrung ohne Kontakt, reine Gattung, ohne Subjekte. Erotisches Paradoxon: Die Körper sind eng beieinander, jedoch ohne zu lieben. (Roland Barthes: Wie zusammen leben. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 83f.)</p></blockquote>
<p>In der aktuellen Debatte um Blogs bzw. nutzergenerierte Inhalte im Internet und die professionelle/kommerzielle Produktion von Inhalten in den traditionellen Medien scheint es fasst, als seien erstere die Weibchen, aus denen zweitere unter Zugabe ihrer medialen Aufbereitungsmilch ihre Produkte hervorbringen. Die fallen dann zurück in den Reproduktionszyklus und weiter dreht der Kreisel. Beide Schwärme befinden sich allerdings in diesem Fall in einem Elitendiskurs, der eine ganze Reihe von Akteuren draußen lässt.</p>
<p>Gerade die Massenmedien, also die auf größere Lesermassen ausgerichteten Tageszeitungen, verlieren in diesem Balzkampf einen großen Teil der für sie relevanten Leserschaft aus den Augen. Sie erkennen zu wenig, dass sie in diesem Ententeich nur noch mitschwimmen und ihre gern postulierte Rolle des Schwarmführers längst im Primat der Verkaufbarkeit und der Anpassung an den antizipierten Massengeschmack verloren haben. Statt also von einer Beißerei in die andere zu stolpern, sollten sie in der Diversifikationstendenz, die im Internet eben auch und gerade existiert, das Leitmotiv für ihre eigene Perspektive sehen: Profilierung und zwar möglichst nicht über eine Abwehrhaltung, sondern über inhaltliche Qualität und Relevanz. Am besten in einer produktiven Verschränkung mit den neuen Medienformen, die mehr umfasst, als die Zugabe von etwas Milch. Und die Blogosphäre bzw. der Rest der Webgemeinschaft sollte sich vom Irrbild der Schwarmintelligenz lösen, die auch nur einem halbtrivialen ökonomischen Ansatz folgt. Roland Barthes stellte richtig fest:</p>
<blockquote><p>&#8220;Menschen: individuelle, nicht gattungsspezifische Intelligenz [...] Ethologie liefert visionäre Bilder, nicht Argumente.&#8221; (ebd.)</p></blockquote>
<p>Was dem Schwarmjournalismus wie der Schwarmintelligenz also fehlt, ist die Erotik, das Begehrenswerte, das Anziehende. Die Liebe zu dem/die Leidenschaft für das, was man tut.</p>
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		<title>Das Netz als Feind. Warum ein Intellektueller das Internet mit Wut verfolgt.</title>
		<link>http://kontext.edublogs.org/2009/05/25/das-netz-als-feind/</link>
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		<pubDate>Mon, 25 May 2009 20:47:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Medienverhalten]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Adam Soboczynski]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
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		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[ZEIT]]></category>

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		<description><![CDATA[PDF-Version
Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)
Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), Online) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kontext.edublogs.org/files/2009/06/kommentar_soboczynski_b.pdf">PDF-Version</a></p>
<p><strong>Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)</strong></p>
<p>Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), <a href="http://www.zeit.de/2009/22/Der-Intellektuelle">Online</a>) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe des Kulturpessimismus: Die permanente Bedrohung, das &#8220;Unverstanden sein&#8221; durch die Masse, die am Ende über die Demontage des Intellektuellen sich selbst mit in den Abgrund stürzt. Das erwartet man schon mindestens hundert Jahre und jeder Popularisierungsschritt des Zugangs zu Medien hat den Wärmeofen des Lamentos neu befeuert. Die wahren Gefahren drohten eigentlich immer aus einer anderen Richtung und es gab Zeiten, in denen das kritische Hinterfragen, welches das Markenzeichen des Intellektuellen darstellt, tatsächlich und buchstäblich an die Existenz gehen konnte. Abgesehen von der konkreten Feindschaft solcher politischen Macht, die vom intellektuellen Widerspruchsgeist in ihrer Ausübung nicht gestört werden möchte, existiert eine  latent immer präsente: Die der Masse. Man kann José Ortega y Gassets Klassiker zum „Aufstand der Masse“ dem Jahr 1930 an einer beliebigen Stelle aufschlagen und losjubeln: „Ja, genau so ist es!“ Zum Beispiel:</p>
<blockquote><p>„Wenn man im Leben fortschreitet, bemerkt man bis zum Überdruss, wie wenig Menschen zu einer Anstrengung imstande sind, die ihnen nicht als genaue Antwort auf eine äußere Notwendigkeit auferlegt wird.“</p></blockquote>
<p><span id="more-49"></span><br />
Der vermasste Mensch, so die These, ist nicht fähig, seine Lebenswelt anders als selbstverständlich gegeben zu nehmen und in den Tag hinein oder für schlichte Ziele zu leben. Aus dieser Nachlässigkeit heraus zerstört er seine Lebensgrundlagen:</p>
<blockquote><p>„Bei Hungerrevolten pflegen die Volksmassen Brot zu suchen und zu dem Zweck zerstören sie die Bäckereien. Das kann als Gleichnis für die Art und Weise dienen, wie sich in größeren und verwickelteren Verhältnissen die heutigen Massen gegenüber die Zivilisation aufführen, die sie ernährt.“</p></blockquote>
<p>Interessanterweise führt sich der industrialisierte Massenmensch gerade gegen die natürlichen Rahmenbedingungen seines Daseins entsprechend nachlässig und kurzsichtig auf. Davon abgesehen stürmen die Massen aktuell, so wird oft vermeldet, die sinnstiftenden Backstuben unserer Kultur: die Zeitungen, das Buch, die Deutungshoheit der Intellektuellen. Und so, wie die obigen Revoltierenden blind vor Hunger die Produktionsstätten der Grundnahrung demolieren, ohne es an sich böse zu meinen und nur, weil ihnen die Weitsicht beim Angriff auf die Macht, die ihnen die Lebensmittel vorenthält, sind es – den Gedanken einmal weitergesponnen – die Geltungs- und Bedeutungshungrigen, die die Festen der Sinnproduktion und Welterklärung stürmen. Das geschieht ganz nebenbei. Die Zeitung selbst soll gar nicht brennen, aber man will seinen Senf eben doch dazu tun. Die Masse nimmt also das Versprechen des Pluralismus in erschreckender Konsequenz ernst, in dem sie die Einlösung der Zersplitterung der Großen Erzählungen in Myriaden kleine Stories durch Aktivität einfordert. In den 1990er Jahren hat ihnen das Privatfernsehen vermittelt, dass ihre Stimme in Talk Shows Gewicht hat. Und dem durchblicksarmen Massenmenschen entging, dass nicht die Stimme selbst irrelevant war, sondern dass es darum ging, ihn wie bei einer Völkerschau als Gegenpol zu den Normalen und Projektionsfläche für die freie und wild wuchernde Meinungsbildung preiszugeben. Nun ist es also die Kommunikationswelt des Web 2.0 und nicht einmal mehr eine am kommerziellen Ausschlachten der Schicksale oder auch nur Absurditäten oder auch nur Durchschnittlichkeiten interessierte Vermarktungsinstanz, die zeigt, was die Menschen im Innersten am Rotieren hält.</p>
<p>Wo war der Unterschied zwischen <em>Riverboat</em> und <em>Vera am Mittag</em>, abgesehen vom Sendetermin? Richtig – die Art, die Nähe der Darstellung und die Auswahl des Publikums machten den Unterschied. Irgendwie aber existierten beide miteinander und man kam sich nicht ins Gehege.<br />
Das sieht in einer Kommunikationssphäre wie dem Internet, wo vor einer zentralen Zugangsinstanz alle Äußerungen auf der syntaktischen Ebene gleich sind, etwas anders aus. Im WWW verschwinden die Grenzen und die Abgrenzbarkeit. Typisch postmodern zeigt sich im Netz, dass eben Netz und nicht Kartei heißt, dass die Schubladen Wahrheit und Fiktion, Etablierter und Außenseiter, Profi oder Laie aufgebrochen und höchst durchlässig sind.</p>
<p>Der Aufstand der Massen im Web 2.0 ist vor allem ein Aufstand der bislang Gedeuteten, die nun selbst anfangen zu deuten und somit den Boden bearbeiten, auf den die professionellen Deuter bislang das exklusive Nutzungsrecht beanspruchten. Die Enzyklopädie ist schon bezwungen, die Kunstkritik auf dem besten Weg und die politische Analyse irgendwie auch. Als problembehaftet erweist sich dabei, dass die Laieninhalte nicht durchgängig inhaltlich fragwürdiger und schlechter lesbar als die professionellen sind. In den schön aufgeräumten Barockgarten der etablierten Deutungsvermittler wuchert ein Urwald an Äußerungen, der viel Kraut und Rüben und auch manche Orchidee enthält. Man kann dies als Bedrohung sehen oder als Chance. Dass die Gärtner am Rosenbeet, also z.B. die Zeitungen, vor dem Wildwuchs fürchten, darf man ihnen nicht verübeln. Dass sich aber diejenigen, die von sich behaupten, als Botaniker mit allen Gewächsen umgehen zu können, bedroht sehen, sorgt für Erstaunen. Und noch mehr die Trotzhaltung, mit der man der Situation begegnet: Dann zäunen wir uns eben unsere Wiese ein und mähen alles weg, was uns nicht passt. Das klingt schon ein wenig nach Schrebermentalität. Aber nicht nach den Intellektuellen.</p>
<p><strong>Der Intellektuelle und die Massen</strong></p>
<p>Bei Adam Soboczynski schimmert aber genau diese Einstellung durch die Zeilen. Hier brilliert die Arroganz einer Verzweiflung, die allerdings wenig Grundlage besitzt, außer der, dass in der Diskursökonomie, wo Aufmerksamkeit und Konzentration begrenzte Ressourcen sind, manche Stimmen öfter Beachtung finden als andere. Warum aber fürchtet der geschulte Denk- und Publikationsprofi die Attacken der Hobbykritiker? Wieso fühlt er sich angesichts der Mehrheit so überwältigt? Wieso staunt er Jahrzehnte nach Jean-Paul Sartres präziser Einschätzung derart über die Bedingungen, dass er sie in solcher Form wieder aufkocht:</p>
<blockquote><p>„der Arbeiterklasse suspekt, für die herrschenden Klassen ein Verräter, die eigene Klasse ablehnend, ohne sich ganz von ihr lösen zu können“ (Sartre, 1965)</p></blockquote>
<p>Nur haben sich mittlerweile die Klassen zugunsten von Lebensstilkonzepten aufgefasert und die herrschenden Klassen sollen, wie man hört, in der Globalwirtschaft eher von konkreten Akteuren gelöste systemische Phänomene des freien Marktes sein, die unkontrollierbar noch die mächtigsten Menschen auf dem Spielfeld marionettieren. Eine Systemausprägung, die gerade nicht auf unternehmerisches Handeln zurückzuführen ist, ist die Gruppenerfindung des Internets, in dem mittlerweile selbstverständlich alles durchökonomisiert ist, aber eben anders als noch im 20. Jahrhundert. Die Industrieproduktion und die damit verbundenen Produktionsmittel sind durch Sinnproduktion und symbolerzeugende Werkzeuge ersetzt worden.</p>
<p>Der Text im Web 2.0 unterscheidet sich maßgeblich und in jeder Hinsicht von dem jenseits des Netzes. Zweifellos ist es die Aufgabe des Intellektuellen, auch in diesem Kontext als Kultur- und Gesellschaftskritiker aktiv zu werden. Insofern ist Adam Soboczynskis Artikel durchaus zur rechten Zeit am rechten Ort erschienen. Aber eben inhaltlich derartig hilflos, dass die Krähen in der Masse gar nicht wissen, wo sie zuerst zuhacken sollen. Der Intellektuelle zeigt sich in diesem Text für diese Zeit als Kritiker erschreckend dürftig gewappnet.</p>
<p>Man kann an dieser Stelle nur vermuten, dass er gerade weil ihm das System, dass da in seiner Handlungssphäre wächst, so fremdartig erscheint, einfach ganz prophylaktisch auf Abwehrhaltung geht. Die paar Kommentare, in denen Nutzer mit – wie bitte! – „technokratisch verschlüsselten Namen wie muehl500“ in nicht allzu hochstechend formulierter Ausdrucksweise bemängeln, dass seine Besprechung eines Sloterdjik-Buches zu verschwurbelt und inhaltsarm daher kam – eine Meinung die ich übrigens nicht teile –, werden einen gewieften Intellektuellen doch nicht so aus der Bahn werfen, dass der intellektuelle Störenfried mit Anspruch auf gesellschaftliche Wirkung dem nicht-intellektuellen Quälgeist mit der Reichweite des Kommentarbereichs eines Online-Artikels derart viel Aufmerksamkeit widmet. Oder doch? Man kann als Intellektueller immerhin bequemer auf eine lange Tradition von Anti-Intellektualismus rekurrieren um obendrein einer fröhlichen „Kulturkatastrophe“ zu frönen. Originell ist das freilich nicht und für die Kritik im Jetzt nur ein Winken mit einer Krücke. Im Jahr 1979 klagte z.B. Heinz Friedrich in seinen Nachrufen auf das Abendland über „Stoffhuberei, Informationstechnik, Trivialität und geistiges Gleichheitsprinzip“ als Merkmale der Bildungsdemokratie. Das kann man so im Mai 2009 genauso formuliert in jeder deutschen Tageszeitung unterbringen.<br />
Adam Soboczynski stand 1979 vor dem Einstieg in das Bildungssystem und hat es immerhin doch zu einem erfolgreichen Denker und Autoren und mehr oder weniger anerkannten Intellektuelle geschafft. Der Mensch der 1970er Jahre hat es gelernt, trotz aller Beschwörungen Heinz Friedrichs an die Eindämmung massenmedialer Reizüberflutung, in einer sich seit dem erst so richtig verbreiternden Medienwelt zurechtzufinden und ist jetzt 30 Jahre später im Durchschnitt vermutlich auch nicht dümmer oder klüger als damals. Es ist (fast immer) unglaubwürdig, wenn man behauptet, dass heute alles schlechter ist: Das Leichte und Eingängige überflügelt naturgemäß das Schwere und Sperrige und man wäre Adam Soboczynski dankbar, wenn er ein Zeitalter benennen könnte, in dem das nicht so war. Schiller hatte für seine Zeitschrift „Die Horen“ auch den einen oder anderen Kompromiss in puncto Absatzchance einzugehen. Wohin also die Sehnsucht nach einer prä-nutzerpartizipativen Zeit zielt, ist nicht ganz klar.</p>
<p>Aber angesichts dessen, was man kritischen Intellektuellen in vergangenen Jahrhunderten angetan hat, erscheint es verwunderlich bis zynisch, wenn man sich in einer Zeit, in der es derart einfach ist, seine kritische Stimme überhaupt zu publizieren und ein Publikum finden zu können, dass sogar die Gegenrede direkt zum Text stattfinden kann, über eine Einschränkung seiner Entfaltungsmöglichkeiten beschwert. Dass Intellektualismus zu einem allgemein akzeptierten und teilweise – in manchen Ecken der Hauptstadt – fast zu modisch eingekleideten Lebensstil geworden ist, dass der Intellektuelle frei und wild und hochkritisch denken und schreiben kann, hat als Errungenschaft natürlich die Kehrseite, dass vielfach die Reibung fehlt, an der sich die Wirkung entzündet. Die Stimme klingt, sie wird nur wenig gehört. Der fröhliche Chor einer vielstimmigen und multioptionalen Kommunikationskultur hat ihn in der Tat – je nach Sichtweise – vom Thron gestoßen oder der Dornenkrone beraubt. Er ist nicht mehr naturgegeben der Ungleiche unter den Gleichen, sondern nur ein Verschiedener und Verschiedenen. Die Hauptaufgabe für den Intellektuellen der postmodernen, digital orientierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wird es in dieser Phase sein, sich mit der Situation zurechtzufinden. Der Beitrag Adam Soboczynskis ist stärker unter dieser Intention zu lesen als als Netzkritik. Er ist Ausdruck der schmerzensreichen Erfahrung einer Transformation.</p>
<p>Der Preis für die freie Meinungsäußerung im Netz scheint in der Tat einerseits das Einbrechen von Mustern, die man aus der Warenökonomie kennt und andererseits ein Überborden der getätigten und sichtbar werdenden Äußerungen. So neu ist aber auch das nicht. Der Buchmarkt ist seit je ein steiles Kopfsteinpflaster (bergauf) für quer liegende Gedanken gewesen und hat eher den Massengeschmack hofiert als „Kritisches im alten Wortsinne […]: Artikel, die sich der Kunst filigraner Beurteilung und Unterscheidung, der gewagtem Infragestellung von Sachverhalten widmen.“ Dafür gab es immer ein paar publizistische Inseln und es würde verwundern, dass solche nicht auch im WWW ihre Leserschaft fänden. Es gibt in der Berliner Auguststraße ein Fachgeschäft für Zeitschriften aus aller Welt, die eindeutig die These unterlaufen, dass Print tot sei und es keine klugen Ideen mehr gibt. Es handelt sich zugegeben um Nischenpublikationen für Nischenmärkte, aber egal ob <em>Cabinet</em> oder <em>The Believer</em>: sie finden ihr Publikum. Auch wenn die Idee des <em>Long Tail</em> mittlerweile als überholt gilt, da sie eben doch vom großen <em>Retailer</em> ausging, der ein Komplettsortiment bis in die letzte Verästelung führt: Die symbolische Nische lebt, ist hoch kreativ, nicht durchgängig auf höchstem Niveau, aber dafür auf der Höhe der Zeit. Und es lässt sich in ihr leben.</p>
<p>Der Massenmarkt erodiert und entwickelt gleichzeitig wieder als Ausgleich die Integrationsmedien zwischen intellektueller Elite und zeitgeschichtlichem Interesse. Die ZEIT, deren Auflage mit weit über einer halben Millionen Exemplaren so hoch ist, wie noch nie, erfüllt eine solche Funktion und führt die beiden Interessengruppen an einer Stelle und auch auf einer Webplattform zusammen.<br />
Der durchschnittliche Zeitungskommentar im WWW hat sicher auch in der Webwelt keine Adorno-Ausgabe im Schrank bzw. irgendwann durchexzerpiert. Nun stößt er zufällig auf einen entsprechenden Text, versteht ihn nicht, schreibt nicht besonders feinfühlig „Versteh ich nicht“ drunter. Wo liegt das Problem? Dass der Autor nicht nur Salbung,  sondern mitunter auch einen Knüppel abbekommt. Da hat, nebenbei gesagt, das professionelle Feuilleton der letzten fünfzig, sechzig  Jahre schon ganz anders ausgeteilt. Und dort war es manchmal sogar vorsätzlich bös gemeint. Auf der Diskursebene wurden die Intellektuellen immer noch am stärksten von ihren Klassenkameraden attackiert. Das Massenpublikum hat sie, trotz aller Bemühungen, kaum zur Kenntnis genommen. Nun stellt sich manchmal eine Konfrontation ein und statt sich darüber zu freuen, dass vermehrt eintritt, was man vor einer Handvoll Jahrzehnten noch in Programmschriften beschwor, zeigt man sich angegriffen.</p>
<p>Die Frage lautet also besser nicht, „Wo ist das Problem?“, sondern „Wo liegt die Möglichkeit?“ Antwort: Darin, dass doch jemand der Adorno, Sloterdijk oder Adam Soboczynski bisher nicht vorrangig auf dem Zettel hätte, zufällig hineinstolpert, in seiner Irritation ein Interesse entwickelt und mal nachliest. Dazu braucht er aber auch manchmal einen Text, der ihm die Tür aufschließt. Überheblich loszuwummern, es gäbe einfach keine Leser, die „Unverstandenes als Antrieb begreifen, ihre Bildungs- und Konzentrationsdefizite zu beheben“ drückt vor allem eines aus: Hoffart.</p>
<p>Die symbolische Kultur befindet sich in einem unglaublichen Aufwind. Wer schreibt, entwickelt nahezu zwangsläufig ein Interesse an Text. Das sich dabei alle zu Kleistexegeten entwickeln wollen, ist sicher nicht das Ziel und von den Experten auch nicht gewünscht. Dass sie aber vielleicht irgendwann nach tausend Blogpostings erkennen, welche Qualität in den Texten steckt, da sie gelernt haben, wie schwer es ist, Zusammenhänge sauber und verständlich zu formulieren, darf man schon erwarten. Man erreicht nach wie vor nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Aber einen nennenswert größeren. Sich hinzustellen und der Zeitleserschaft etwas von der Gefährdung der eigenen Art vorzuschreiben, zeigt dagegen, wie wenig man sich selbst in diesem Umfeld zutraut, das am Ende genauso textbasiert ist wie das, in dem man sich traditionell bewegt. Daher ist der vorauseilende Gehorsam mancher Medienberater, die den Trend zum kürzeren Artikel in einer glattgebügelten Sprache (mitreißend, unterhaltend, nicht zu schwer) an vielen Stellen eine Kurzschlussanalyse. Hier wäre eine Kritik Soboczynski’schen Furors auf eine weitaus bessere Adresse gemünzt als bei seiner Leserschaft.</p>
<p>Aus der allgemeinen Wahrnehmung eine systematische Attacke gegen den Intellektualismus an sich und auch gegen die Kultur zu erkennen, folgt zwar gewissen Traditionen,  erscheint aber bei Lichte besehen in der vorliegenden Form mehr als verstiegen. Ein kurzer Blick auf das E-Book-Programm des Meiner-Verlags jedenfalls  führt beispielsweise nicht gerade zu der Erkenntnis, als würde man dort „sogenannten Contents radikal dem internetspezifischen Marktprinzip unterwerfen.“ Die kennen ihre Kunden und gehen damit locker um. „Der Ignorabimus-Streit“ wird sicher deutlich weniger verkauft als Adam Soboczynskis &#8220;Polski Tango&#8221; (den Amazon-Verkaufsrang als Indikator genommen). Und &#8220;<a href="http://www.perlentaucher.de/buch/25037.html">Polski Tango</a>&#8221; wird vielleicht weniger gelesen als ein Posting auf Spreeblick. Und dennoch leben alle ganz gut nebeneinander.</p>
<p><strong>Die Rolle des Intellektuellen</strong></p>
<p>Die Frage, die sich nach der Lektüre des Artikels stellt, lautet, welche Rolle die Intellektuellen, sofern sie überhaupt derart grobmaschig festlegbar sind, spielen und spielen können. Der Intellektuelle nach dem im Artikel propagierten Muster ist der so Wirkmächtige wie dabei Unverstandene am Rande, der „aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt, ist der Einzige, der die Bedingungen der Staatsform, in der er lebt, zu reflektieren vermag. Er stabilisiert Demokratie, indem er sich ihr &#8220;wesenhaft entzieht.“ Seine Stimme zählt und zwar mehr als andere. Gerade in der Demokratie.</p>
<p>Mit solcher Selbstbeschreibung besteigt Adam Soboczynski ein ziemlich hohes Ross und zwar eines, das so hoch ist, dass er sich das Geschmacksurteil von profanen Nutzern wie muehl500 verbitten und sich gern unverstanden fühlen darf. „Was kompliziert scheint, wird verhöhnt.“ Hohn und Spott sind in der Tat beliebte diskursive Werkzeuge derer, die etwas nicht verstehen, sich aber dazu äußern. Warum zeigt sich aber der Intellektuelle, dem dieser Fakt doch klar sein müsste, derart dünnhäutig und schleudert einem Kommentator der ZEIT gleich einen Feuilletonseiten-Artikel an den Kopf? Um zu zeigen, wer hier die Autorität, also die Deutungshosen an hat? Der Intellektuelle, der von sich behauptet, die Gesellschaft in der er sieht, aus der Vogelperspektive, fürchtet sich – nach seiner Logik – vor einem Steinwurf aus dem froschenen Blickwinkel. Auf eine Beschimpfung mit einer gut ausformulierten Gegenbeschimpfung zu antworten demonstriert vielleicht Fingerfertigkeit im Umgang mit der Sprache. Führt aber sicher nicht zu einer Klärung, geschweige denn einer Verständigung.<br />
Wer das Netz aber eine Weile nutzt, weiß in der Regel Bescheid, wie die 1-5 Sterne der Bewertungen, wie Kommentare zu gewichten sind. Nämlich nicht zu hoch. Nicht alles zu glauben, was im WWW steht und gerade die einfachen Urteile kritisch zu hinterfragen, gehört eigentlich zur Grundkompetenz eines jeden, der ein Browserfenster ab und an öffnet oder auch sonst sehenden Auges durch die Welt geht. Wo dem nicht so ist, muss es schon für den Selbstschutz vermittelt werden. Dafür gibt es Institutionen und dafür gibt es auch die Intellektuellen, die in gewisser Weise aufgrund ihres (manchmal nur selbsterklärten) Erkenntnisvorsprungs eine gewisse Aufklärungspflicht besitzen. Dies entspräche dem Verständnis von der Rolle des Intellektuellen, das die Schriftstellerin Sylvia Kabus in der aktuellen Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ für die Intellektuellen in Osteuropa angibt (und explizit im Gegensatz zur DDR):</p>
<blockquote><p>„Intellektuelle, so hängt es im Raum, sind in der DDR beim Volk nicht sonderlich geachtet. In Polen, der CSSR, Ungarn stellen wir uns eine aufrichtigere Nähe zum Volk, zu allen nicht akademisch Gebildeten vor, stärkere intellektuelle und seelische Intensität, auch aus nationaler Leidenschaft erwachsend, das Eintreten für Beleidigte und die Hinnahme von Not und äußerer Erfolglosigkeit, wenn es die Selbstachtung verlangt. Ist das proletarisch? Protestantisch? Indianisch? Frühantik? Es ist die Sehnsucht, eine Art Grundbedürfnis zu stillen: aus dem möglichst zunehmenden, reifenden Ich heraus den Weg auch zu anderen zu finden, fühlbar zu nutzen und anwesend zu sein.“ (Kabus, Sylvia: Kleine Tragödie des Lachens. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 21-22/2009, 18. Mai 2009, <a href="http://www.bpb.de/publikationen/JEVPYM,0,Kleine_Trag%F6die_des_Lachens.html">Online</a>)</p></blockquote>
<p>Wenn man also Leitfigur sein möchte, dann bitte richtig und nicht im Selbstgespräch analog zum Bullenzüchterzirkel. Der Intellektuelle, der als Taucher in die Tiefe geht und nicht auch ab und an irgendeine Perle von dort unten an die Oberfläche bringt, ist natürlich nicht weniger intellektuell nach seinen Begriffen. Aber er bleibt hinter dem gesellschaftswirksamen Anspruch zurück, der ihm eigentlich zusteht. In Jean-Paul Sartres <em>Plädoyer für die Intellektuellen</em> aus dem Jahr 1965 findet sich als eine Aufgabe ausgeführt: „das Wissenskapital, das die herrschende Klasse geliefert hat, zur Hebung der Bildung im Volk verwenden – das heißt, den Grundstein für eine universelle Kultur zu legen“ (S.125)</p>
<p>Bei einem Adam Soboczynski wie er hier aufspielt ist dieser Intellektuelle als „Vermittler praktischen Wissens“ (Sartre) offensichtlich nicht wohl gelitten. Er sieht sich als Opfer zweier Herren: der Masse und ihren Lenkern. Und attackiert wie in einer Übersprunghandlung dort, wo die größte Chance besteht, dieses Verhältnis zu perforieren. Während er  also die Masse in einem schlichten zweipoligen Modell als quasi natürlichen Feind des Intellektuellen ausmacht und in der Möglichkeit, der freien und durchsuchbaren Meinungsäußerung durch die Masse im Internet eine besondere Gefährdung seines Status‘ sieht, wird in Sylvia Kabus‘ Schilderung die Möglichkeit erwogen, den Intellektuellen konkret im Dienst an der Gesellschaft und damit an der Masse zu verstehen. Konfrontation oder Dialog?</p>
<p>Die Kommentare, die Adam Soboczynski so ins Mark trafen, lassen sich im Prinzip als Äußerung der Masse sehen, dass seine Botschaft von ihr nicht verstanden wird. Dass die ZEIT ihm den Raum einräumt, darüber breitseitig zu sinnieren, zeigt, dass sie die Debatte als Zielgruppenadäquate bewertet. Kritik am Web verkauft sich momentan hervorragend und die weit über hundert Leserkommentare auf ZEIT <em>online</em> verweisen auf ein weitaus Vielfaches an Seitenaufrufen, die neben dem eigentlichen Artikel auch Kleinanzeigen mit „DSL-Tarifrechner“ und „5 Tipps für Flachen Bauch“ auf den Bildschirm bringen.</p>
<p>Man kann, wenn man von der Masse verstanden werden will, ankämpfen und sie auffordern, sich gefälligst solange weiter zu bilden (passende Kleinanzeigen liefert ZEIT <em>online </em>mit), bis man sich vielleicht nicht als intellektuell ebenbürtig aber doch als gelehrtes Publikum fühlen darf, das vor allem die Höflichkeit gelernt hat, nicht unqualifiziert dazwischenzufunken. Obschon das Medium explizit dazu einlädt.</p>
<p>Man kann aber ebenso versuchen, auch die ungeschlacht hervorgebrachte Äußerung ernst zu nehmen (und von den reinen Provokationen abzuscheiden). In vorliegenden Fall des „Netz als Feind“ wird ein unglücklicher Zwischenweg gewählt: Eine Publikumsbeschimpfung, die zeigt, dass der Autor ernsthaft getroffen ist, sich aber aufgrund dieses Treffers in den Schmollwinkel verzieht, um sich eins mit all den gehassten Intellektuellen der Weltgeschichte zu fühlen. Der Text in der ZEIT dient zur Bekanntgabe dieses Schrittes und als Ruf nach Bestätigung. In solch einem Massenmedium ist es nicht schwer, gehört zu werden. Und er enthält womöglich auch einige Töne, die man aufnehmen sollte. Aber wirklich folgen möchte man nicht, wenn er dergestalt mit der Tür aus dem Haus fällt.</p>
<p>Bei allem Respekt vor dem Jahrhundertwerk von Ortega y Gasset: Die von 1940 bis heute stabile und mit ähnlichen Formulierungen klingende Klage zeigt doch erstens, dass es hier ein durchgängiges und nicht vom neuen  Medium Web abhängiges Phänomen ist und zweitens, dass die Intellektuellen trotz allem bis heute überlebt haben. Es ist durchaus die These denkbar, dass gerade die Massenkultur, die Medienkonsum verglichen zu Ortegas Zeiten ungeahntem Umfang ermöglicht hat, erst – quasi als immanenten Effekt – die Bedingungen hervorbrachte, die einer größeren Zahl von Menschen die Kulturreflektion und das Leben von dieser Tätigkeit erst möglich machte. Eine Auflage von über 500.000 und vielleicht eine Viertelmillionen Leser, die sich selbst als intellektuell bezeichnen würden: Davon konnte man bei der Weltbühne, die in Glanzzeiten an der 15.000 Exemplare-Grenze kratzte nur träumen. Bei diesem Wert liegt momentan die Auflage von Theater heute. Trotz des wuchernden Internets.</p>
<p>Das Web 2.0 ist eine Fortsetzung dieser Popularisierung von Kultur an sich, die zwar die Massenkultur fördert, aber parallel eben auch die Hochkultur. Nun setzt nach der Durchsetzung der  Massenrezeption die Massenproduktion bzw. ihre Möglichkeit ein. Es erscheint als das passende Werkzeug zur pluralen und reflexiven Gesellschaft, die in sich und allem was sie tut, ambivalent ist. Der Intellektuelle des frühen 21. Jahrhunderts muss das Nicht-Eindeutige, das Vielstimmige und das sich Entziehende denken. Auch das Netz, nicht das manifeste Schema. Er muss sich selbst hinterfragen und lernen, sich nicht übermäßig gewiss zu nehmen. Sein Text ist mehr Uwe Johnson als Thomas Mann.<br />
Eigentlich sollte man meinen, dass sich der Intellektuelle aus seiner überlegenen Warte besonders kompetent und kreativ und kritisch  im Umgang mit neuen Ausdrucksformen umgeht. Und auch als Chance für sich und seine Tätigkeit begreift.</p>
<p><strong>Der Intellektuelle und die „Revolution“</strong></p>
<p>Gerade die Kommunikationsmöglichkeiten des Web 2.0 entheben den Intellektuellen wie auch jeden anderen den Beschränkungen, die ein weitgehend rein auf Verkaufbarkeit orientiertes Publikationssystem zwangsläufig enthält. Die Ökonomie des Bestsellers kann unterlaufen werden. Der feinsinnige Blog kann immerhin entstehen – und bei Bedarf nach fünf Jahren auch noch einmal als Suhrkamp-Band gedruckt werden. Richtig: Man verdient auf der ersten Ebene kein Geld damit. Nur wird jeder Intellektuelle diese Motivation als zweitrangig abhaken. Und auf der zweiten Ebene sammelt man als Experte mitunter soviel soziales Kapital, dass sich über Vorträge oder honorierte Publikationen doch wieder Einnahmen erzielen lassen.</p>
<p>Tatsächlich leben heute viele Journalisten und intellektuell Tätige in Bedingungen, die es ohnehin erfordern, zusätzlich Einkommensmöglichkeiten jenseits des Denkens und darüber Schreibens wahrzunehmen. Das Zeilenhonorar, das für einen oft redaktionell auf den Platz in der Zeitung und mögliche Lesererwartungen passend redigierten Text irgendwann verspätet auf das Konto trudelt, ist nicht selten bestenfalls ein Zubrot. Wem am freien Diskurs gelegen ist, der sollte eigentlich das Ende der Abhängigkeiten von einer über Wohl und Wehe des Textes entscheidenden Redaktion, die dann den lange recherchierten Artikel doch wieder verschiebt, weil inzwischen ein aktuelles Ereignis mehr Aufmerksamkeit bündelt und entsprechend Vorrang hat, begrüßen.</p>
<p>Die mediale Zukunft im Web ist offener denn je. Dass die eigene Arbeit als Erwerbsarbeit untauglich ist, wird ohnehin zu einem Problem, das in einem viel weiterreichenden Rahmen gelöst werden muss. Hier treffen sich Intellektueller und Facharbeiter auf demselben Flur und vielleicht sogar im selben Webforum. Die Aussage  „Ein vom Verlag angestellter Journalist ist gegenüber dem Blogger immer schon im Unrecht“ ist genauso verkehrt wie ihre Umkehrung. Nur wird es womöglich bald keine vom Verlag angestellten Journalisten mehr geben, denn der Einkauf des Beitrags eines Bloggers ist für die Zeitung allemal günstiger. Man muss das nicht gut finden, aber man wird anerkennen müssen, dass es verschiedene Formen der Beziehung zwischen Publikationsmedien und Autoren gibt. Es gibt nicht den „Blogger“. Und es geht hier auch nicht um Recht- und Unrechthaberei.</p>
<p>Immerhin bewirkt der Medienwandel, dass immer mehr Menschen schreiben, mehr oder weniger bewusst mit Medieninhalten hantieren und in eine textuelle Kommunikation treten. Das Niveauist, etwas ungerecht schematisiert,  in der Tat oft mehr BILD als ZEIT. Aber abgesehen von Aspekten wie Lektorat und Stil scheint es nicht unbedingt nennenswert anders verteilt als bei dem, was aus der Gutenberg-Galaxis so alles in den Buchhandel rotiert. Zudem zeigt ein großer Teil dessen, was gerade in Foren oder als Kommentar geäußert wird, deutlich seine Wurzeln in der Oralität: Man schreibt, was man auch sagen würde, wenn denn einen jemand nach der Meinung zu einem Inhalt fragte. Das passiert nun vielleicht in der wirklichen Welt nicht allzu oft, weswegen gerade die sonst wenig Gefragten nun besonders gern mit ihrem Verständnis in die Diskussion eintreten wollen. Dabei sind die „Fetische“ „Kooperation und Austausch“ bestenfalls als <em>Marketing-Buzzwords</em> von Bedeutung. Denn das eigentliche Element, ist die Freude an der Sache. Und vielleicht, aber mit einigem Abstand, die Hoffnung auf den Erwerb sozialen Kapitals. Ohne eine Lust am Text im Web würde es keine Blogosphäre geben. Der Kitzel, den der Blogger dabei empfindet, wenn er über seine Radwanderung durch den Naturpark Dahme-Heideseen berichtet, dürfte sich nicht unbedingt großartig von des Intellektuellen unterscheiden, der gegen das Web anschreibt.</p>
<p>Aber was unterscheidet die Teilnehmer am Laiendiskurs im Web 2.0 vom Intellektuellen Adam Soboczynski? Der Bildungshintergrund? Die Publikationsliste? Das Selbstbild? Die Unbedarftheit? Seine Reaktion auf die Kommentare zu seiner Sloterdijk-Besprechung zeigt deutlich, dass er  bei der Bewertung der Kommunikationskultur im Internet bestenfalls auf einen laienkulturellen Qualifikationsstand zurückgreifen kann. Jede/r ist Laie, irgendwo. Sicher kann man argumentieren, er hat niemanden zum Kommentieren eingeladen. Aber dann muss er sich wirklich einmal als „Gegner selbst noch des Publikationsorgans, für das er schreibt, das ihm – dem ersten Anschein nach in geradezu widersinniger Weise – den Broterwerb sichert“, erweisen und eine Webpublikation seiner Texte untersagen. So erscheint er aber nur wie ein Liebhaber der Neuen Musik, der in einem Technoclub auf dem Tanzboden steht und sich beschwert, dass niemand Karlheinz Stockhausen auflegt.</p>
<p>Der Art von Intellektualität, die sich in „Das Netz als Feind“ äußert und völlig überzogener Weise davon ausgeht, dass das Medium den Boden für einen Hass auf Intellektuelle bereitet, fehlt es offensichtlich und bedauernswerter Weise an Fantasie und Fähigkeit, ihre Diskuspraxis adäquat in digitale Diskursumgebungen zu übertragen. Natürlich scheint es zunächst so, als würde der Nischenblogger mit seinen sorgfältig ausformulierten kulturkritischen Texten angesichts der bloßen Masse weniger elaborierter Sinn- und Symbolangebote untergehen. Unter Strich erreicht aber vielleicht doch mehr Leser als je zuvor. Und womöglich sogar offenere, verständnisvollerer, interessiertere.</p>
<p>Denn das Web als Möglichkeitsraum erlaubt eigentlich einen vielfältigen Dialog jedweder Art. Die Komplexität erweist sich in der Praxis sicher als Grenze und das Hauptproblem. Das heißt nicht, dass man für den Umgang damit nicht eine wunderbare pragmatische Lösung findet, an deren Ende ein „mehr als zuvor“ steht.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Es liegt der Verdacht nahe, dass es in den breit geführten Deutungskämpfen weniger um eine Intellektuellenfeindlichkeit geht, sondern darum, dass sich eine mitunter mehr erklärte denn bewiesene Geistesaristokratie mit einer Entwicklung konfrontiert sieht, die ihren bisherigen Erklärungsmodellen nicht entspricht. Eine besondere Furcht scheint man vor der „free culture“ zu haben, die einerseits – was man noch als Piraterie erklären kann – die Rezeption dem Verwertungsregeln entzieht und andererseits, was für die klassischen Medien und Deutungsinstanzen noch schwerer zu verstehen ist, Inhalte jenseits eines ökonomischen Verwertungsanspruches erstellt und verteilt. Es ist unwahrscheinlich, dass eine nennenswerte Zahl von Akteuren tatsächlich auf Intellektuellenhatz zieht oder das Medium Zeitung ruinieren möchte.</p>
<p>Was vielmehr geschieht, ist, dass sich bestimmte Gruppen Medienumgebungen schaffen, die ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechen. Man kann dies mit pejorativen Kügelchen wie  „Unbedarftheit“ oder „Laienkultur“ beschießen. Man wird sie aber nicht treffen. Die Autoren der Wikipedia schreiben nicht gegen Adam Soboczynski und auch nicht gegen den Brockhaus. Sie schreiben, weil es ihnen Freude macht. Sie erheben gerade nicht den Anspruch, ein fertiges und perfektioniertes Werk abzuliefern. Sie schreiben einen unendlichen Raum, in dem sie ihre Erkenntnis einbringen, verändern, kommentieren und diskutieren. Sie stören sich nicht an Unabgeschlossenheit und an Vorläufigkeit. Sie basteln an ihrer Wirklichkeit.</p>
<p>Die Wikipedia ist weniger eine Enzyklopädie als eine Plattform, auf der Debatte darüber geführt werden, wie bestimmte Phänomene im Allgemeinen beschreibbar sind. Sie ist sozusagen ein dynamisches Volkslexikon. Die Expertenlexika scheitern nicht an der Wikipedia, sondern an den Möglichkeiten eine in komplexen Verästelungen erkannte Welt adäquat und in einer nach ihrem Geschäftsmodell wirtschaftlich tragfähigen Form abzubilden. Die Wikipedia ersetzt sie nicht – bereits die CD-ROM in den 1990er Jahren galt als Ablösung der Printausgaben. Sie stellt eine Nutzungsform des virtuellen Möglichkeitsraums WWW dar.</p>
<p>Es ist an vielen Stellen in den Kommunikationswelten des Web 2.0 sicherlich von einer gewissen Naivität gepaart mit oft erschreckend stumpfer Technikeuphorie  auszugehen. In jedem Fall gibt es auch hier unerfreuliche Nebeneffekte, die zu durchleuchten, zu analysieren und wo möglich auszugleichen sind. Die Intellektuellen haben darüber hinaus auch die Aufgabe, in die Suppe zu spucken, müssen aber auch damit rechnen, selbige im Anschluss wie alle anderen auslöffeln zu müssen. Auch sie sind nur eine Klasse mit beschränkter Weitsicht. In der aktuellen Gesellschaft scheinen sie aber im Gegensatz zum Lärm, den mancher schlägt, eigentlich wenig bedroht und so kann man sich dem Eindruck nicht gänzlich entziehen, dass sie sich eben nicht den geltenden Kommunikationsprinzipien entziehen, sondern fein nach den Regeln mitspielen: Je mehr man öffentlich betont, wie wichtig man ist, desto mehr meint man sich zu legitimieren und abzusichern. Adam Soboczynski irrt, wenn er meint, (mit) &#8220;zum Plumpesten gehört die Kritik an der Kulturkritik.&#8221; Denn die Kritik an der Kritik an der Kulturkritik erweist sich manchmal als noch gröbere beleidigte Leberwurst. Sich hinzustellen und Karl Kraus‘ berühmte Überspitzung „Eine Welt, die ihren Untergang ertrüge, wenn ihr nur seine kinematographische Vorführung nicht versagt bleibt“ auf die Kommunikationstechnologie des frühen 21sten Jahrhunderts zu übertragen, ist zwar ein wohliges Schlammbad im selbstmitleidigen Glück des Unverstandenen. Aber es enthält in der in ihm wohnenden Arroganz der Verzweiflung keinen Funken Lösung. Eine sich mit der Ausrufefrage „Aber auf welchem Niveau?!“ auf eine aus Stilbewusstsein und anspruchsvoller Wahl der Bezugspunkte berufende Autorität wird den Bedingungen, unter den der Intellektuelle im Jahr 2009 lebt und denkt, nicht gerecht. Und lässt die gelassene Überlegenheit vermissen, die den Intellektuellen gemeinhin auszeichnet.</p>
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		<title>Ein freier Download ist noch kein Open Access. Die FAZ zu einer Tagung.</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Apr 2009 10:17:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Oha! Der Wagen läuft und läuft und die Debatte zur Themenkonstellation Internet – Gratismentalität – Kulturverfall – Piraten gibt dem Betrachter das Gefühl, er taumele geradewegs über die Monkey Island. Dies gilt besonders und bedauerlicherweise für die Qualitätspresse, die hier Textbaustein an Textbaustein reiht um schließlich die LeChucks der sieben Webmeere mit Malzbier zu bezwingen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oha! Der Wagen läuft und läuft und die Debatte zur Themenkonstellation Internet – Gratismentalität – Kulturverfall – Piraten gibt dem Betrachter das Gefühl, er taumele geradewegs über die Monkey Island. Dies gilt besonders und bedauerlicherweise für die Qualitätspresse, die hier Textbaustein an Textbaustein reiht um schließlich die LeChucks der sieben Webmeere mit Malzbier zu bezwingen. Man könnte nun sagen, dieses Schiff sei längst abgefahren.</p>
<p>Man könnte aber auch sagen, dass so mancher Journalist in seiner hanebüchenen Annäherung an das Thema dahingehend offenbart, dass er nicht einmal mit Wasser kocht. Heute ist in der Frankfurter Allgemeinen der erstaunlicherweise und sicher für einen Artikel aus seinem Fachgebiet mit dem Axel-Springer- Preis 2008 ausgezeichnete Germanist und Feuilleton-Mitarbeiter Thomas Thiel an der Reihe, mit bestenfalls Zehntelwissen über das, was „Open Access“ ist, zu brillieren. „Es ist nicht die Zeit für leichtfertige Reden.“ Recht hat er. Warum tut er’s aber?: <a href="http://www.faz.net/p/Rub013457531D514A289550C982F21BCDBF/Dx1~E85dfb0a6f85348027eaca634fe7305ac~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Ein Handyton ist keine Symphonie</a>.</p>
<p>Sein Bericht zur Brüsseler Goethe-Instituts-Konferenz über den „Schutz geistigen Eigentums im digitalen Raum“ beruht nämlich auf der irrigen Annahme, <em>Open Access</em> hätte irgendetwas mit der Musikindustrie zu tun. Den Tipp hat er wohl von seiner Kollegin Sandra Kegel, der ja bereits am Samstag ihr <a href="http://www.faz.net/s/Rub5A6DAB001EA2420BAC082C25414D2760/Doc~EB0BCF2CAEAF146C29F4668106DF43986~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Kommentar auf der Titelseite</a> der FAZ derart entglitten ist, dass man als Kioskleser gleich das ganze Blatt wieder auf den Stapel zurückwarf. Man kann, darf und muss sicher bei dieser Diskussion problematisieren, was das Zeug hält. Das befreit einen aber noch nicht davon, wenigstens einmal in der Wikipedia nachzulesen, was Open Access eigentlich bedeutet. Dann unterbietet man nicht noch Roland Reuß in Unkenntnis der Materie:</p>
<blockquote><p>„Den Vertretern des Open Access reicht meist die Schreckkulisse der vier major labels, die den Musikmarkt im Würgegriff halten, der Medientycoone vom Format Berlusconis oder Murdochs, um mittelständische Betriebe, Kleinverlage oder Garagenlabels in Sippenhaft zu nehmen und die Abschaffung jeder Art von Vermittlungsinstanz zu fordern.“</p></blockquote>
<p><em>Open Access</em> pfeift auf Universal, Sony, Berlusconi und Rupert Murdoch. Und zwar nicht, weil es für freie Unterhaltung für freie Bürger eintritt, sondern weil diese Akteure nichts, aber auch rein gar nichts mit wissenschaftlicher Kommunikation zu tun haben. Und die Open Access-Bewegung möchte auch keinen mittelständigen Verlag und auch kein kleines Garagenlabel enteignen. Nein, wirklich nicht. Sie fordert nirgendwo die Abschaffung für Vermittlungsinstanzen für derartige Kulturprodukte. Sie möchte einzig (vorrangig natur-) wissenschaftliche Publikationen – und zwar nicht einmal ausschließlich sondern gern parallel zu einer Verlagspublikation – für andere Wissenschaftler und mittelbar natürlich für die interessierte Öffentlichkeit ohne große Hürden zugänglich machen.</p>
<p>Die Aussage Thomas Thiels, die Open-Access „favorisiert den Feierabendkünstler, den Sampler und Tüftler, den es vor urheberrechtlichen Behinderungen bei seinen Collagen zu schützen gilt“ zeugt also entweder von einem sehr abwertenden Verständnis von Wissenschaft oder schlicht von einer beeindruckenden Unbedarftheit gegenüber der Materie. Der Physiker als Feierabendkünstler. So dummdreist arrogant müsste man erst einmal sein.</p>
<p>Im Ernst: Natürlich mein der vielfältig studierte Feuilletonist etwas anderes, nämlich die Gruppe, die gemeinhin als Piraten gelabelt wird und zu denen streng genommen jeder gehört, der sich ein Bundesligator oder ein nicht autorisiert eingestelltes Musikvideo bei Youtube anschaut (bzw.<em> entert</em>). Also vermutlich jeden, vielleicht einige Mitglieder der FAZ-Redaktion ausgenommen, was ihren Informationsrückstand in Internetthemen erklären mag. Und eventuell Myriam Diocaretz vom europäischen Schriftstellerverband, die prophezeit:</p>
<blockquote><p>„Open Access wird zum Aussterben des Schriftstellers führen, und zwar des ganzen Berufs“</p></blockquote>
<p>und wohl auch noch mal zur Wikipedia muss. Vielleicht weiß sie aber auch mehr und die DFG zwingt jetzt auch Daniel Kehlmann zur Publikation seiner Wissenschaftsgeschichtsprosa auf freien Servern. Und Rowohlt alle Nabokov-Texte, in denen Anspielungen auf Lepidoptera zu entdecken sind, frei interessierten Zoologen zur Verfügung zu stellen. Was die Debatte anscheinend dringlich braucht, ist eine offene Open Access-Nachschulung und obwohl die dafür notwendigen Dokumente weitgehend frei im Internet verfügbar sind, werden sie anscheinend nicht heruntergeladen. So vervielfältigungsgeil scheint der normale Nutzer also gar nicht zu sein&#8230;</p>
<p>Ein anderer zentraler Aspekt, der auf den ersten Blick irritiert, weil er sich mit dem geläufigen Verständnis von Öffentlichkeit nicht deckt, betrifft ein Argument des Medienwissenschaftlers Geert Lovink, der laut Thomas Thiel davon ausgeht, dass</p>
<blockquote><p>„Wenn die Arbeit von Autoren und Verlegern unbezahlt vervielfältigt würde, […] die Grundlage öffentlicher Meinungsbildung, damit auch die Demokratie bedroht. Es habe sich gezeigt, dass Blogs die umfassende Berichterstattung nicht übernehmen können, und gleichzeitig sorgfältiger publizistischer Arbeit zunehmend die finanzielle Grundlage wegfallen.“</p></blockquote>
<p>Man kann es auch so lesen: Ausgerechnet der freie und damit konsequent öffentliche Zugang zu Information gefährdet die öffentliche Meinungsbildung und damit die Demokratie.</p>
<p>Ein Monatsabo einer der beste Tageszeitungen der Welt kostet immerhin etwa 25 Euro mit Monat, dass der FAZ 39,50. Damit werden bestimmte Gehaltsgruppen konsequent vom Zugang zu solcher „sorgfältigen publizistischer Arbeit“ zunächst einmal ausgeschlossen. Ob diese Zugangsgestaltung die Demokratie fördert, darf man ruhig mal hinterfragen. Ich würde jedenfalls jemandem, der 40 Euro im Monat für Berichterstattung auszugeben bereit ist, in jedem Fall eher zu einer Internet-Flatrate als zu einer Papierflatrate der FAZ raten.</p>
<p>Dass freier Zugriff die Demokratie bedroht, meint Geert Lovink hoffentlich nicht. Er weist wahrscheinlich irgendwie zu Recht auf das Grundproblem hin – und nicht ein Vertreter der Open Access-Bewegung wird ihm da widersprechen – dass auch Autoren, selbst Blogger von etwas leben müssen. Sonst können sie einfach nicht schreiben. Die Frage ist, ob dies im digitalen Umfeld über eine Exemplarabrechnung sein muss.</p>
<p>Diese Brüsseler Zuspitzung ist an sich natürlich fahrlässig, denn der Artikel suggeriert, dass keine Alternative zu den 1,90 Euro, die der FAZ-Leser am Kiosk mittlerweile für eine immer schmalere Handvoll Papier bezahlt, existiert. Dass bisher anscheinend kein anderes praktikables Geschäftsmodell für die Zeitungswirtschaft etabliert ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass das alte nun die ewiglich unumstößliche Variante ist. Thomas Thiel hat verständlicherweise in seinem Abschlusssatz Angst um seinen Lebensunterhalt:</p>
<blockquote><p>„Weil es für all diese Modelle aber keine wirtschaftlichen Kalkulationen gibt, bleibt ihr Erfolg unsicher. Ob sie Autoren eine Lebensgrundlage bieten können, bleibt fraglich.“</p></blockquote>
<p>Vermutlich wird er aber in fünf Jahren in irgendeiner Onlineredaktion zum Festgehalt sitzen und sich wundern, dass alles gar nicht so schlimm kam…</p>
<p>Und schließlich wird unterstellt, jemand hätte ernsthaft Lust, die Zeitungsinhalte zur Tagesberichterstattung raubzukopieren. Das ist doch gar nicht notwendig: Sie stehen oft ohnehin offen im Internet und ansonsten liest man in der Stadtbibliothek.</p>
<p>Es ist obendrein nicht so, dass Blogs unbedingt die umfassende Berichterstattung übernehmen wollen. Man wundert sich immer wieder, wie etablierte Medienwächter, allem, was sie nicht verstehen, den Griff nach der Weltherrschaft unterstellen. Wenn man aber erkennt, dass man sich ihr in der abendländischen Konflikttradition zwischen Orthodoxie und Ketzertum bewegt, ist eine derartige Spaltung der Auffassungen und die Vehemenz im Deutungsstreit wiederum fast vorhersehbar. (Wer es noch nicht erkennt, darf mal bei Carl Amery nachlesen.)</p>
<p>Die Beobachtung, die die FAZ und andere so kirre macht, ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die gern und viel schreiben und ihr Einkommen mit anderer Erwerbsarbeit verdienen und die anscheinend nicht durchgängig als so schlecht angesehen werden, dass man bei ihnen nicht eine Zuwanderung von Zeitungslesern vermuten würde. Das zeugt allerdings von einer sehr begrenzten Fantasie hinsichtlich dem kulturellen Gestaltungs- und Ausdruckswillens gebildeter Menschen. Es geht nicht mehr jedem um totale Verwertung. Der <em>Homo Oeconomicus</em> ist keine sinnvolle und befriedigende Vollzeiteinstellung in der Überflussgesellschaft. Manch einer hat einfach Freude an der Debatte. Manch einer schreibt gern. Dass man als engagierter Demokrat und Medienrezipient mit Interesse beides liest – auch die FAZ-Blogs sind oft weitaus lesenswerter als die Zeitung selbst – bemerkt man in den Gesprächen zur strategischen Produktentwicklung in den Pressehäusern offensichtlich bisher nicht.</p>
<p>Es ist dennoch gut vorstellbar, dass die FAZ der Zukunft ein Verfahren, wie man es schon beim <a href="http://www.freitag.de/">Freitag </a>angedeutet sieht, einführt: Man lädt Leute im großen Stil zum Bloggen ein, sucht sich die jeweils besten Texte für den Druck aus, zahlt eine kleine Aufwandsentschädigung und spart sich somit einen weiteren Teil der Redaktion. Der verbliebene ist den ganzen Tag mit Sichten, Lesen und Redigieren der Blogpostings beschäftigt, so wie er heute noch die Presse- und Agenturmeldung durchblättert. Das Zeitungsgeschäftsmodell der Zukunft wird sich also vor allem mit Anreizsystemen für gute, freie Autoren befassen müssen. Und dann die Überweisung der Kulturflatrate verteilen.</p>
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		<title>Im Gegenteil: Perspektiven auf den Umgang mit digitalen Texten und das Medium Buch</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Apr 2009 21:41:55 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Debatten in digitalen Räumen 
Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Debatten in digitalen Räumen </strong></p>
<p>Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.<br />
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke dazwischen reichert man mit einer hemdsärmeligen Analyse an, die zeigt, dass man sich lieber von der Rhetorik als vom Fakt leiten lässt. Gerade wenn sich der Kreisel der Gedanken um die Zukunft des Buches, der Autorenschaft und des Urheberrechts dreht, geht es selten unter dem manifesten Gesamtentwurf der Zukunft. Hier treffen sich das selbsternannte Qualitätsfeuilleton, die progressiven Netzdenker von perlentaucher.de mit den oft beschworenen Heerscharen von Bloggern, die allerdings weniger tatsächlich im Diskurs mitwühlen, als Vertreter der klassischen Medien gemeinhin zu glauben scheinen.</p>
<p>Das liegt wohl daran, dass sie weder Zeit noch Lust haben, die in sich nicht ganz linear und nach überlieferten Medienwahrnehmungspraxen überblickbare Blogosphäre permanent zu beobachten. Das muss auch nicht sein, denn die Konkurrenz zwischen „Güteklasse A“-Journalisten und „Güteklasse B“-Bloggern ist eine künstliche, keine zwangsläufige, die beiden Seiten nützt, wenn es darum geht, Inhalte zu finden.<br />
Die Presselandschaft übersieht dabei gelegentlich, dass bei vielen Bloggern überhaupt gar keine Motivation besteht, irgendeinem Magazin die Leserschaft abzujagen. Es muss nicht immer Journalismus sein. Wohl aber die Fähigkeit, zu differenzieren, <em>wie was warum</em> und <em>vor welchem Hintergrund</em> geschrieben wird. Das Digiversum verwischt hier naturgemäß einst klare Trennlinien. Die rein rechnerische Gewichtungspraxis des Hauptzugangsmittels zu den digitalen Texten im Cyberspace (Google) wirkt in seinem die Inhalte nivellierenden Ansatz in der Tat etwas erschreckend.</p>
<p>Was die Zeitungen etwas verschämt durch die Öffnung für Prinzipien des Web 2.0 immerhin erreicht haben, ist, dass sich unter dem Deckmantel „Leserkommentar“ in ihren Webangeboten tatsächlich so einiges an Stammtisch und den Raum daneben (nicht die Küche) sammelt, was ansonsten in der Blogosphäre wenig Anklang fände. Alternativ zum Angebot der regulären Ausgaben hat man sich dazu oft kontrollierte Blogs ins Haus geholt, um Geschichten zu verwerten, die es sonst nicht ins Blatt schaffen. Erstaunlicherweise sind zum Beispiel die FAZ-Blogs oft lesenswerter als die Frankfurter Allgemeine Senior, die Beiträge aufgrund des Anspruchs einer Druckausgabe gern so zusammenkürzt, dass wenig von all den Hintergründen, die man gerade lesen möchte, bleibt. Andere Zeitungen gehen da ähnlich vor.</p>
<p><strong>Contra: Susanne Gaschke und der Heidelberger Appell<br />
</strong></p>
<p>Die aktuelle Ausgabe der ZEIT hebt diese Woche einen Beitrag von der bereits als Internet-Skeptikerin bekannten Susanne Gaschke (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Gaschke">Wikipedia</a>) auf die Titelseite, der von der Qualität durchaus auch in einem gehobenen Internetforum Heimat finden könnte, bei einem renommierten und sich seines Renommé bewussten Wochenblatt aber ähnlich die Erwartungen des anspruchsvollen Lesers verfehlt, wie die groteske BILD-Schlagzeile zum Leitthema des <em>Chancen</em>-Buches in der Ausgabe: <em>Macht Studieren dumm?</em> (Der <a href="http://www.zeit.de/2009/18/C-Tuebingen">Beitrag</a> selbst ist dann weitaus besser als sein Titel..)</p>
<p>Differenzierungsvermögen im Thema beweist Susanne Gaschke leider nur bedingt und in ihrem letzten Abschnitt, dass sie es offensichtlich nicht nötig hat, sich mit der Sachlage tatsächlich zu befassen. Sonst hätte sie wenigstens darauf hinweisen müssen, dass die Open-Access-Passage im „Heidelberger Appell“ schlicht aus (hoffentlich) himmelschreiender Unkenntnis heraus formulierter Unsinn ist. Selbigen reproduziert sie natürlich, in dem sie „uneingeschränkt zustimmt“. Dass der Appell und seine Befürworter es nötig haben, immer dieselben dicken Namen als Autoritäten herauszukramen, auf die man gern verweist, denn diese „Repräsentanten des deutschen Geistesleben“ (hier wieder: Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und der obligatorische Daniel Kehlmann als Vertreter der erfolgreichen Geistesjugend) sollen wohl mit ihrem guten Namen für die Qualität stehen, zeigt eben, dass bei dürftiger Sachlage und im Kampf um die Deutungshierarchie der Verweis auf populäre Spitzenkräfte der Kulturlandschaft die Richtigkeit einer Aussage stärker zu unterstreichen vermag, als der Gehalt der Aussage selbst.</p>
<p>Natürlich ist die „Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft […] ein hohes Verfassungsgut“ und verfassungsrechtlich traditionell so gut und selbstverständlich geschützt, dass es eigentümlich wirkt, wenn man diesen Grundsatz herauspflückt und doppelt unterstreicht. An vielen leicht zugänglichen Stellen wurde aber doch nachvollziehbar gezeigt, dass es beim Open Access gerade darum geht, die Freiheit der Wissenschaft abzusichern. Dass sich der Heidelberger Appell – übrigens halbwegs nachvollziehbar – auf Google stürzt, aber auf dem wissenschaftlichen Auge die großen Spieler im Verlagsgeschäft wie Reed Elsevier oder Springer Science+Business Media (oder vielleicht auch den Fachinformationsgiganten Thomson) im toten Winkel belässt, mag vielleicht darin begründet sein, dass Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann oder Roland Reuß auch mal bei Google suchen, aber eben nicht ihre Bibliothek überzeugen müssen, 3300 Euro für das Jahresabonnement einer Zeitschrift zum Thema „Gene Regulatory Mechanisms“ zu zahlen.</p>
<p><strong>Das OA-Problem</strong></p>
<p>Das Open-Access-Problem liegt, so glaube ich, darin, dass einerseits einige besonders engagierte Vertreter der OA-Bewegung recht blauäugig das in den STM-Disiziplinen durchaus bewährte Prinzip in die Geisteswissenschaften, für die dieses vielleicht gar nicht analog notwendig (oder praktikabel) ist, zu tragen versuchen, und sich andererseits Literaturwissenschaftler sowie ZEIT- und andere Journalisten ein öffentlich kommuniziertes Kurzschlussurteil über etwas erlaubt haben, dessen Dimension sie nicht ganz erfassen. Natürlich muss sich Roland Reuß nicht mit der Zeitschriftenkrise in der Medizin befassen. Dann sollte er sich aber auch nicht dazu hinreißen lassen, das Problem mit zwei, drei Halbsätzen zu seinem eigenen zu machen.</p>
<p>Es wird sich wohl schwerlich jemand in Reihen der »Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen« finden lassen, der einfordert, geisteswissenschaftliche Publikationen aus den Programmen des Carl Hanser Verlags oder von Hoffmann &amp; Campe oder aus dem Hause Felix Meiner oder vom Libelle Verlag, Lengwil (alles Unterzeichner des Appells) auf das nächstbeste digitale Repositorium zu zwingen.<br />
Eigentlich müssten gerade die Buchverlage der Open-Access-Bewegung aufgeschlossen gegenüberstehen, belasten doch die mit den Preissteigerungen häufig einhergehenden Umverteilungen der Bibliotheksetats zugunsten des Zeitschriftenoligopols gerade das Budget für Monographieerwerbungen und damit deren Geschäft mit den Universitätsbibliotheken. In jedem Fall sollten sie aber wissen – ich bin überzeugt, sie tun dies auch – dass Open Access die Rechte des Urhebers bei zweckmäßiger Anwendung weniger aushöhlt, als der Verwertungsknebel, auf dem die großen Wissenschaftsverlage gemeinhin bestehen. Warum sich Roland Reuß dahingehend in diesem Punkt dermaßen aufklärungsresistent zeigt, bleibt bislang ein Rätsel. Und warum Susanne Gaschke gleich wieder programmatisch und wie im Rausch vom Verlust unserer kulturellen Zukunft donnert, ebenso. Natürlich muss ein Leitartikel nicht stocksachlich verfasst sein. Aber er muss auch nicht immer biblische Dimension annehmen.</p>
<p><strong>Pro: Jürgen Neffe und das Ende des Buches<br />
</strong></p>
<p>Mit ein wenig mehr Raum im Blatt stattet die ZEIT dagegen den Schriftsteller Jürgen Neffe (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Neffe">mehr in der Wikipedia</a>) aus, der diesmal dran ist, über eine ganze breite Seite seine Vision vom Ende der „Ära des gedruckten Buches“ <a href="http://www.zeit.de/2009/18/L-Buch">aufzuzeichnen</a>. Dass er sich explizit für Open Access ausspricht, mag in seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund wurzeln. Genau kann man dies natürlich nicht sagen. Er sieht aber im Gegensatz zu seiner Kollegin von der Titelseite, darin „allen alle Texte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung [zu] stellen“ keineswegs eine kulturelle Katastrophe, sondern gar den möglichen Weg, „Lesen und Schreiben zu retten“. „Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung“ nennt er das und auch hier scheinen die Augen nun auch wieder etwas blau und sentimental. Den Unsinn mit der Piraterie hätte man dann natürlich erledigt. Den Buchmarkt, der wohl bald konsequenterweise eher „Text-Markt“ heißen sollte, allerdings auch.</p>
<p>Immerhin leistet sich die ZEIT zwei Extrempunkte in der Ausgabe, also eine gewisse Meinungsbalance, wobei Jürgen Neffe die bessere Wahl für die Titelseite gewesen wäre, denn im Vergleich zu Susanne Gaschke ist er einigermaßen originell, wenn auch mit gleichem weit ausschwingenden Deutungsanspruch. Das Leseland ist aber generell auch ein Fantasialand und insofern ist es durchaus legitim. Selbst macht man es als Autor auch nicht anders.</p>
<p>Unglücklicherweise fällt einem als Leser leider eine Inkonsequenz auf, die das Vergnügen an der Tröstung über das verfließende Medium Buch („Kein Grund zur Trauer“) eintrübt. Gleich am Anfang als rhetorischen Trommelwirbel nach dem Paukenschlag der Überschrift verabschiedet Jürgen Neffe nämlich das materielle Medium Buch und die Ära des Buchdrucks sowieso. Leider in der Gesamtschau nicht sehr schlüssig:</p>
<blockquote><p>„Das Medium der Aufklärung verliert seine Message und mit ihr ein Stück Sinn und Sinnlichkeit. Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten. Selbst eisern Bibliophile werden Gutenbergs Erbe in seiner jetzigen Form nicht erhalten können. Der Niedergang von Buchherstellung und -handel, so bitter wir ihn beklagen, folgt der Logik einer langen Kette bereits untergegangener Handwerke, Manufakturtechniken und Handelsverfahren.“</p></blockquote>
<p>Aus der Floskel- und Bastakiste stammt die Folgeaussage: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam.“ Die Belegbeispiele reißen einen nicht unbedingt aus dem Schreibtischsessel: „Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine [..]?“ Jawohl. Dass man auf der der Tastatur einer Schreibmaschine nachempfunden Tastatur eines Computers schneller und leiser tippt und dies zunächst provisorisch dank des von der Textverarbeitung simulierten weißen Blatts schneller und leiser und flexibler zu handhaben ist, steht außer Frage. Hier wurde aber das Schreibmedium optimiert, sowie sich der Gänsekiel zum Fineliner entwickelte. Das heißt jedoch zunächst noch nicht, dass man am Bildschirm auch schneller und leiser und flexibler liest.  Oder doch? In jedem Fall anders. Und: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.</p>
<p>„Erleben wir nicht, wie schnell die Mail den Brief verdrängt?“ Dank <a href="http://www.postcrossing.com">Postcrossing.com</a> sind aktuell 94.258 altmodische Post- und Ansichtskarten auf ihrem Weg durch die Welt, motiviert durch ein Internet-Portal. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der handschriftliche Gruß dennoch überlebt. Und selbst so etwas scheinbar Überflüssiges wie das klassische Glückwunschtelegramm kann man noch über die Post ausliefern lassen. Das zugegeben als Hochpreisprodukt. Und auch hier: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.</p>
<p>„Allenfalls die Älteren können sich noch eine Welt ohne Internet vorstellen.“ Die letzte ARD/ZDF-online Studie hat 42,7 Millionen Erwachsene (=65,8%) als wenigstens gelegentliche Internet-Nutzer ermittelt (vgl. <a href="http://www.daserste.de/service/studie.asp">hier</a>). Das ist durchaus ein Pfund, zeigt aber, dass ein Drittel der Erwachsenen das Medium überhaupt nicht in den Alltag integriert hat. In anderen Teilen der Welt mag es noch eine größere Gruppe sein. Wie weit die Fantasie der Nutzer hinsichtlich der Vorstellung einer Internet-freien Welt reicht, lässt sich schlecht beurteilen. Ich denke aber, dass durchaus einige, nämlich die, die nicht wie wir permanent in Texten graben, sondern z.B. sinnvollerweise die Frühlingstage mit Gartenarbeit verbringen, keine derart große Bindung zum Medium Internet besitzen, wie sie Buch-, Leitartikel- und Blogautoren naturgemäß aufweisen. Man sollte hier und generell seinen persönlichen Standpunkt nicht zum allgemeinen Maßstab überbewerten.</p>
<p>Man nutzt als Feuilletonist und/oder Blogger oft wenig mehr Quellen als die Wikipedia, seine Peer-Medien, die Google-Volltextsuche und besonders seine eigene Erfahrungswelt. Es empfiehlt sich aber, sich dieser Begrenztheit immer bewusst zu sein, gerade die letztgenannte Quelle sehr bewusst einzusetzen und ihre Reichweite halbwegs realistisch abzuschätzen. Aktuell gibt es beispielsweise noch mehr Analphabeten als Arbeitslose in Deutschland (ca. 4 Millionen vgl. <a href="http://www.hausderdeutschensprache.eu/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=103&amp;Itemid=64">hier</a>). Wenn sich dieses Verhältnis demnächst verschiebt, liegt es bestimmt nicht an besserer Nachschulung. Hier gibt es also stabil eine nennenswerte Bevölkerungsgruppe, der die ganze Debatte um die Zukunft des Buches und die Marktchancen von E-Books weitgehend egal sein dürfte. Dem Herzensdiskurs einer zwar recht breit aufgestellten, aber dennoch durchaus als Bildungselite zu bezeichnenden Bevölkerungsgruppe immer universelle Wirkmächtigkeit in die Kernsätze schreiben zu wollen, erscheint nicht immer angemessen. Aber die ZEIT ist nunmal Leitmedium genau dieser Elite und insofern ist es am Ende wahrscheinlich doch legitim, so etwas im Rahmen ihrer Reichweite zu tun.</p>
<p>Dass Jürgen Neffe das Verschwinden des Gedruckten selbst nicht so konsequent sieht, wie er zunächst andeutet, demonstriert er im Fortlauf seines Textes, wenn er das Szenario, was durchaus sinnvoller erscheint, als eine Parallelität von gedruckten und digitalen Texten beschreibt:</p>
<blockquote><p>“Wir werden mit Büchern leben können wie nie zuvor – und dabei, wenn es uns gefällt, immer noch auf Papierversionen zurückgreifen und sie linear in einem Schwung zu Ende lesen. Solche Bücher wird es immer geben.“</p></blockquote>
<p>Und später noch mal: „Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.“ Ich vermute sogar in stärkerem Umfang als wir Vinylsingles horten.</p>
<p>Wo ist also das Problem? Und warum soll sich ausgerechnet der Typ „Wörterbuch“ neben dem Roman und der Biografie am längsten gegen die Auflösung im Digitalen sträuben, wo es doch bereits hervorragend nutzbare Online-Nachschlagewerke gibt, die es ermöglichen, jedes Wort zu markieren und sofort die Bedeutung auf den Bildschirm zu bekommen? Erweist sich nicht eher der <em>Coffee Table</em>-Fotoband als am stärksten resistent gegen jede Umwandlung ins iPhone-Format?</p>
<p><strong>Die Frage ist&#8230;</strong></p>
<p>Die eigentliche Frage stellt Jürgen Neffe nämlich nicht: Ist das Buch, wenn es denn, wie er vorhersieht, mit dem Rest der Medienwelt verschmolzen ist, überhaupt noch ein Buch? Entspricht Lyrik auf dem Handy („Hauptsache, sie werden gelesen.“) überhaupt noch dem Paradigma des „Buches“?</p>
<p>Ich folge eher der These, dass sich in Webkommunikation ganz andere Textformen &#8211; aktuell z.B. Blogtexte, die auf die klassischen Presse- bzw. Massenmedien sowohl stilistisch wie auch in der Form deutlich zurückwirken &#8211; entwickeln und dass die Debatte, wie wir &#8220;Bücher&#8221; digital abbilden eine Zweitrangige ist. Das Hypertextsystem des Internets ist nunmal ein Textsystem. Musik und Film lösen sich in diesem nicht auf, sondern werden eingebettet. Eine Musikstück kann nicht im &#8220;Vollton&#8221; erschlossen werden, jedes Gedicht, jede Novelle, jeder Roman dagegen im Volltext. Schriftzeichen gehen im Medium Internet voll auf und gerade deshalb im Hypertext gern unter. Ausgerechnet durch die Hypertextifizierbarkeit, so meine These, bieten sich lineare Texte, also die meisten Bücher, bestenfalls als abgeschlossene Einheiten, z.B. in Gestalt von PDF-Dateien, für einen Vertrieb über das Netz an. Dieses bleibt aber die Nebenform, solange sie nach den Normen und Bedingungen, die die Form des Buches erfordert, erzeugt werden. Wird dieser formale Rahmen aufgebrochen, erscheint es mir wenig sinnvoll, noch von Büchern zu sprechen. Vor allem aber besteht wenig Anlass, vehement das Medium Buch ins Netz zu treiben, um es dort zu begraben. Wenn die Verlage sich aus dieser Richtung bedroht sehen, dann fehlt ihnen offensichtlich das Vertrauen in ihr robustes, nach wie vor nachgefragtes und recht zeitloses Produkt.</p>
<p><strong>Die Reader</strong></p>
<p>Die E-Book-Lesegeräte erscheinen in der Tat bestenfalls als Sonderfall der Veränderung im Umgang mit den Texten und haben den entscheidenden Nachteil, zwischen den Möglichkeiten der Digitalität und der Abgeschlossenheit und Linearität des Druckmediums in einer manchmal schmucken, oft schmucklosen Sackgasse zu stehen. Ob sie, wie Jürgen Neffe vermutet, als Türöffner geeignet sind, mag sich noch zeigen. Ich habe aufgrund der zuvor beschriebenen Überlegung meine Zweifel:</p>
<blockquote><p>“Vielleicht sind die heutigen E-Books nur als trojanische Pferde zu verstehen, die in halbwegs vertrauter Verpackung neuartige Ideen unters Volk schmuggeln sollen. Wer sich einen Faust oder eine Kafka-Biografie herunterladen kann, vergisst leichter seine Berührungsängste.“</p></blockquote>
<p>Die neuen Ideen sind bereits da und haben wenig mit Kafka-Biografien oder dem Buchmarkt zu tun.</p>
<p>Im Casus des Heidelberger Appells wurde allerdings der Initiator erklärtermaßen gerade erst durch die Konfrontation mit einem Digitalisates aus diesem literarischen Umfeld in seine Berührungsängste gestürzt. Also ist es in der Wirkung nicht jedesmal etwas mit dem &#8220;Türöffner&#8221;. Mitunter ist es ein Schock, der die Wahrnehmung verriegelt.  In jedem Fall ist das trojanische Pferd ein teures Ross, dessen Wert wohl darin besteht, dass bestimmte Grundprobleme (Preisgestaltung, Formate, rechtliche Grauzonen etc.) für die Verwertung von Textinhalten an ihm durchgespielt werden können, bevor irgendwann eventuell ein massenkompatibles Pony auf dem Hof steht.</p>
<p>Von einer schleichenden Durchsetzung der Lesegesellschaft ist im Alltag &#8211; <em>Obacht: Persönliche Erfahrungswelt!</em> &#8211; dagegen wenig zu merken und in den Thalia-Filialen oder auch im Kulturkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße stehen die Vorführgeräte mehr wie (nur einmal) bestellt und nicht abgeholt herum, denn wie heiß begehrt, während in den Lesesesseln des Zwischengeschoßes unvermindert eifrig in Papier geblättert und gar exzerpiert wird.</p>
<p>Der Niedergang des Buchhandels jedenfalls in der durchpolierten Variante, die natürlich nicht dem eigenartigen Ideal Jürgen Neffes von einer „Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentliche[m] Erlebnisraum“ entspricht, wird bislang nicht sonderlich spürbar, abgesehen davon, dass Buchhandlungen nie im Wortsinn öffentlich waren, manchmal über Lesungen etwas Kultur veranstaltet haben, vor allem aber verkaufen mussten und wollten. Angesichts der genannten drei Funktionen sollte man den Scheinwerfer vielleicht eher auf die öffentlichen Bibliotheken schwenken.</p>
<p><strong>Ordnung und Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Was Jürgen Neffe in seiner Digitalbuch-Euphorie leider auch übersieht, ist, dass Buchhandlungen wie Verlage eine zwar ambivalente, für den Kunden durchaus relevanter Filter- und Steuerfunktion übernehmen:</p>
<blockquote><p>„Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen […]“</p></blockquote>
<p>Hier erklingt ein leicht naives Hohelied auf die ICH-AG, das zwei Kleinigkeiten vernachlässigt:<br />
Erstens den Faktor „Aufmerksamkeit“. Jürgen Neffe schreibt selbst, dass &#8220;das Buch als Datensatz im gleichen [sic!] technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.“ Neu ist hieran allerdings wirklich nur, dass Buchinhalte über die gleichen technischen Wege und natürlich nicht im gleichen Format auftauchen. Die Konkurrenz zu Bild und Klang gibt es dagegen schon länger, die zum allgemeinen Leben jenseits der Rezeption über Medien ohnehin.</p>
<p>Zweitens fragt man sich, ob die immateriellen und potentiell unendlich vielen Texte und Textkombinationen, die nach seinem Modell verkaufbar sind, tatsächlich allein über niedrigere Preise in einem Umfang absetzbar sind, dass die Urheber-Verleger davon wirklich leben können. Man kann durchaus auch annehmen, dass sich Akteure wie RandomHouse etc. im Internet zu den Selbstverlegern schlicht aufgrund ihrer Finanzkraft ähnlich durchsetzen, wie im realen Verlagsleben, wo man auch mit einer vergleichsweise kleinen Summe – zugegeben nicht ganz so klein wie im Cyberspace – seinen Text publizieren kann. Ob solche Publikationen – oder überhaupt mit Büchern vergleichbare Texte – wie von Jürgen Neffe vermutet im Netz tatsächlich mehr Leser finden, darf man aufgrund der schieren Größe und Unübersichtlichkeit des Textaufkommens im WWW ruhig noch einmal durchdenken.</p>
<p>Ein letzter Schwachpunkt gerade der wirtschaftlichen Argumentation Jürgen Neffes (und im Verständnis der Verlage) liegt in der Annahme, dass eine heruntergeladene Datei in einer direkten Relation zum Verkauf eines physischen Exemplars stehen muss:</p>
<blockquote><p>&#8220;Jedes einzelne Buch, das als legale oder illegale Kopie oder als Download statt gedruckt über den Ladentisch bezogen wird, fehlt in den Bilanzen derer, die vor Kurzen noch Gutenbergs Erbe verbreitet haben.&#8221;</p></blockquote>
<p>Es könnte auch sein, dass ein Buch, welches als Datei heruntergeladen wird, nie gekauft würde, man den Download aber, aus welchem Grund auch immer, einfach mal mitnimmt. Oder das ein Buch, welches sich nach dem Download als hochgradig lesenswert erweist, doch noch in der antiquierten Druckausgabe (&#8221;Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.&#8221;) nachgekauft wird und zwar gerade, weil man den Text digital einsehen konnte. Menschen und damit Kunden und ihr Verhalten sind erfahrungsgemäß weitaus breiter gefächert und weniger berechenbar, als man in allgemeinen Prognosen gern annimmt. Manch einer entscheidet sich, wenn er die Wahl zwischen analog oder digital hat, doch gern für das Greifbare. Vielleicht wird offline lesen auch in 15 Jahren wieder so richtig Mode, so wie wir nach wie vor gern Radfahren, auch wenn das Auto bereit steht. Es ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Kulturgesellschaft, dass sie nicht nur dem Notwendigen folgt, sondern auch dem, was ihr einen erstrebenswerten Eigenwert zu haben scheint. Das <em>Rational Choice</em>-Modell, vorausgesetzt die Entscheidung zum Download gegenüber der Printausgabe wäre überhaupt die rationalere, greift bekanntlich nicht in jedem Zusammenhang. Der Schluß, dass jede Kopie im Netz ein verkauftes Realexemplar weniger darstellt, ist also ein reichlich kurzer.</p>
<p><strong>Was bleibt</strong></p>
<p>Entschieden ist hinsichtlich der Zukunft des Buches noch lange nichts, aber die Freude am diskursiven Kampf um die Zukunftsdeutung hält ungebrochen an. Während Jürgen Neffe den Einzug der Literatur dank Akteuren vom „Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe“ auf „iPhone und Co.“ als durchsetzungsfähige Variante erachtet, fragt in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Oliver Jungen: „Welche Konstruktionen gelingen einem Autor, der weiß, er schreibt für ein Handydisplay?“</p>
<p>Sicherlich ganz andere als jemandem, der auf einen sauberen Bleisatz mit schöner Type hinarbeitet. Es gibt Menschen, die kein Problem damit haben, auch 70-mm-Kinofilme im YouTube-Fenster anzuschauen. Dennoch wird hier ein Inhalt in eine Ausgabeform gebracht, die ihm nicht gerecht wird. Gleiches könnte für klassische Texte in digitalen Lesefenstern gelten. Die Literatur für Hypertext-Umgebungen muss jedenfalls in vielen Fällen noch geschrieben werden. Auch hierfür sind Ansätze im WWW zu sehen, die sich aber vor allem durch eines auszeichnen: Sie bilden sich jenseits der Vorstellung von Buch und Verlag.</p>
<p>Jürgen Neffes Fantasie eines postgutenbergschen Zeitalters, in dem immerhin „Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören“, lässt dagegen noch einige Lücken und stolpert über die unzweckmäßige Vorstellung, es ginge darum, das eine in das andere zu übertragen. Nicht zuletzt bleibt die Frage an ihn, warum die von ihm so gerühmten Kulturtechniken Schreiben und Lesen nicht ebenfalls durch technische Innovation genauso forttransformiert werden können, wie anscheinend ihre lange Zeit und im Sinne des Publizierens nach wie vor dominierende mediale Ausdrucksform: das Buch?</p>
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		<title>Tigerentensprung: Richard Kämmerlings sieht in der FAZ das Papier vergehen.</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Feb 2009 17:40:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Da die dafür eigentlich besser geeignete Blogplattform des ib.weblog (viel mehr Publikum) momentan wieder an der Altersschwäche des tragenden Servers leidet, wundere ich mich hier darüber, was eigentlich mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung los ist. Mittwoch schreibt Oliver Jungen eine bemerkenswert aufgeplusterte Suada gegen das deutsche Bibliothekswesen, das nicht so will wie er und deshalb [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da die dafür eigentlich besser geeignete Blogplattform des <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/">ib.weblog</a> (viel mehr Publikum) momentan wieder an der Altersschwäche des tragenden Servers leidet, wundere ich mich hier darüber, was eigentlich mit der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> los ist. Mittwoch schreibt Oliver Jungen eine bemerkenswert aufgeplusterte <a href="http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E84E3C587F892425BAA8C8D4A01B27D7E~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Suada</a> gegen das deutsche Bibliothekswesen, das nicht so will wie er und deshalb derart mit Ressentiments zugeknallt wird, dass man es selbst als jemand, der durchaus der manchmal etwas ausgeprägteren Selbstgefälligkeit der Bibliothekswelt einen Tropfen Wermut in den Becher der Selbstbespiegelung wünscht, aber eigentlich eher <em>mehr Mut</em>, nur mit Kopfschütteln ob des hinterm Faust-Zitat lauernden Haudrauf-Journalismus reagieren kann (vgl. auch <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=6561">hier</a>).</p>
<p>Was sich aktuell so an Beiträgen in der FAZ-Welt abspult, greift durchaus in die selbe Schlaufe, an der auch solche Phänomene wie Verringerung des Umfangs, weitläufige und textsparende Layout-Änderung sowie Erhöhung des Einzelverkaufspreises hängen. So hält man weder den Mythos &#8220;Qualitätsjournalismus&#8221; noch die Auflage hoch, denn weniger für&#8217;s Geld ist dem Leser, der sich natürlich auch mit den virtuellen Alternativen auskennt, eigentlich nicht zu vermitteln. Der holt sich dann ein, zwei Mal in der Woche am Zeitungsstand etwas aus Großbritannien und als FAZ-Feuilletonersatz Sinn und Form. Für die Nachrichten geht man heute gleich zu Reuters, da wartet man nicht auf Deutschland und die Welt von morgen. Wir halten keine Aktien an dem Blatt und das Abonnement wurde auch nicht verlängert, insofern könnte man kühl bleiben. Aber online liegt die Zeitung dann doch mit den anderen im <em>Feed</em> zu den Themen des Tages und so entdeckt man gerade, was der Popfeuilletonist Richard Kämmerlings zum Thema <a href="http://www.faz.net/s/Rub5A6DAB001EA2420BAC082C25414D2760/Doc~E28A787E545CB468089F695E37557ADAF~ATpl~Ecommon~Scontent.html">E-Books, Papier und Vinyl kommentiert</a>.</p>
<p>Wir verstehen, dass das Feuilleton wie die tagesaktuelle Presse überhaupt am besten mit Alarmismus punktet und erinnern uns als einst treue Leser daran, dass derselbe Autor im Februar 2006 schon mal das Ende der Literaturgattung Lyrik aufziehen sah, wobei allerdings erst vor einigen Wochen der noch halbwegs junge deutsche Nachwuchsdichter Durs Grünbein in der <a href="http://www.welt.de/kultur/article3008077/Ein-letztes-Gedicht-fuer-den-Palast-der-Republik.html">WELT bewies</a>, dass ihm sein Talent tatsächlich nass geworden ist.</p>
<p>Nun hat Richard Kämmerlings auch ein iPhone und zeigt uns, was schon letztes Jahr um diese Zeit problemlos möglich war, als eine die Medienwelt umstürzende Innovation: Er kann Shakespeare auf dem Telefon lesen. Auch unter der Bettdecke. Auch in &#8220;schummrigen Dichterkneipen&#8221;. Seit mindestens 12 Jahren konnte man <em>Romeo and Juliet</em> aber auch schon auf jedem transportablen Computer durch die Welt tragen, denn seitdem ist das &#8220;E-Book&#8221;, welches eigentlich eher ein E-Text ist, bei gutenberg.org <a href="http://www.gutenberg.org/etext/1112">verfügbar</a>. Mittlerweile sogar auf <a href="http://www.gutenberg.org/etext/15643">Finnisch</a>. Gratis zum Download oder zum Lesen am Bildschirm. Dennoch sind aktuell noch dutzende Printausgaben erhältlich. Eine Handvoll E-Book-Varianten ebenso. Das lässt eigentlich mehr auf eine friedliche mediale Koexistenz schließen, als auf eine Revolution, bei dem die <em>Kindle</em> an die Macht der Literaturvermittlung drängen.</p>
<p>Aus irgendeinem verrückten Grund, der seine Ursache wohl im abgrundtiefen Glauben an eine auf medienökonomischen Trivialdarwinismus justierte Wettbewerbsgesellschaft findet, ist Vielfalt für das Feuilleton nicht nur der FAZ selten eine respektable Option. Daher schreckt man dort auch mal hoch aus dem sinnlichen Vergnügen, welches der Apple-Touchscreen vermittelt, wenn Thalia groß verkündet, dass es die Restauflage des Sony-Readers der letzten Saison nun in Deutschland an den Mann zu bringen versuchen wird. Zwar hatte schon die Frankfurter Buchmesse im Herbst einen Showroom für elektronische Lesegeräte, aber da es sie damals schwerlich in Deutschland zu kaufen gab, muss man den Sensationsdiskurs vom <a href="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=common/zwischenseite.asp&amp;dox={F02CF8B6-725C-9517-89E9-1929BC70D9F7}&amp;rub={BE163169-B432-4E24-BA92-AAEB5BDEF0DA}">Ende des Buchs</a> aus dem Oktober für den März noch einmal aufwärmen. Seit letztem Jahr heißt es dazu so beständig &#8220;Amazon wird mit seinem &#8216;Kindle&#8217; bald nachziehen.&#8221;, dass der Satz, besäße er mehr Biss, vielleicht schon zur Spruchweisheit ins kollektive Sprachgut übergewechselt wäre. Es stünde für eine Hornisse, die dem Buchmarkt als Kampfelefant angekündigt wird und irgendwann als etwas wintermüde Schwebfliege hereinflattern wird.</p>
<p>Nun schwächt sich eine nur über ein unbestimmtes &#8220;bald&#8221; terminierte Drohung mit den Monaten bis Jahren etwas ab, bis sie niemanden mehr stört. Denn selbst im erfolgreichen Amerika hat der Kindle zwar seine Lücke mit schätzungsweise <a href="http://www.engadget.com/2009/02/03/citigroup-analyst-says-500-000-kindles-were-sold-in-2008/">500.000 Nutzern</a> gefunden aber keinesfalls dazu geführt, dass gerade Amazon keine gedruckten Bücher mehr verkauft.</p>
<p>&#8220;Die Medienevolution macht gerade einen Tigersprung&#8221; meint dagegen der schlagwortgeschulte FAZ-Kommentator und staunt, dass er überall mit seinem Telefon Texte aus dem Internet ziehen kann. Dass Google dabei sein gescanntes Bucharchiv beisteuert, ist auch nett. Aber beileibe kein &#8220;Tigersprung&#8221; und wer hier nicht folgen kann, hat einfach seit den 1990ern das Internet verpasst.</p>
<p>Zur Unpässlichkeit, die den Vergleich Buchbranche und Musikindustrie befällt, muss man eigentlich nicht viel sagen. Denn man vergleicht mit dem Buch als Trägermedium für Text und mit der Schallplatte als Trägermedium für aufgezeichneten Klang zwei in der Rezeption vollkommen unterschiedliche Medienformen: Während Lesen nämlich prinzipiell ein aktiver und bewusster Akt ist, bei dem das Auge selbst und ohne Hilfsmittel &#8211; es sei denn einer Brille für die Fehlsichtigen &#8211; den Datenbestand wenn man so will direkt von der Trägeroberfläche abnimmt, wird aufgezeichnete Musik auch passiv und unbewusst erfahrbar. Kein Ohr muss sich den Klängen nacheilend bewegen. Das Lesen fordert die Bewegung auch im stillsten Bibliothekszimmer. Die Musik versetzt im besten Fall in selbige. Dafür muss sie, wenn nicht zeitgleich dargeboten, aber schon seit der Edison-Walze mittels eines Abspielgerätes wiedergegeben werden. Dass selbiges heute <em>iPod</em> heißt und nicht mehr <em>Technics 1210er</em> bedeutet nichts anderes als eine konkret nicht ganz aber abstrakt durchaus vermutbare Entwicklung der Technik.</p>
<p>Dass sich das Medium Buch dagegen vergleichbar anfällig für einen plötzlichen Sprung auf die Anzeige vermittels Taschendisplay zeigt, ist nicht unbedingt ausgemacht. Der Vorteil der Lesegeräte liegt zweifellos in der Optimierung des Speicherbedarfs, die man sich aber mit dem Aufwand der Synchronisation und der generellen Fehleranfälligkeit digitaler Geräte bis hin zum Formatproblem und der auch und gerade für die Verlage hoch problematischen Rechtesituation erkauft. Datenschutzprobleme &#8211; wer liest welches Buch &#8211; kann man noch drauf addieren, wenn man denn möchte.<br />
Blöd ist bloß, dass die wirklich schweren Folianten recht alternativlos an die Druckvariante gebunden sind, da der Helmut Newton aus dem Fotoband auf dem iPhone wirklich nur wirkt, wie ein Abziehbildchen aus dem WWW. Den Heinz Strunk als Paperback bekommt man dagegen meist doch noch in die Laptoptasche und wenn der im Zug liegen bleibt, dann ist es vielleicht sogar besser, in jedem Fall kein großer Verlust.</p>
<p>Wer also nicht den permanenten Zugriff auf eine halbe Million Bücher braucht, sondern auf ein bis drei, für den reduziert sich der Vorteil eines E-Book-Readers schnell auf das eingebaute Leselicht. Das kann nett sein und es spricht auch nichts dagegen, solch ein Gerät zu besitzen und zu benutzen. Jedoch die Pferde der Buchbranche immer wieder aufschrecken zu wollen und ihnen zuzurufen, dass ab morgen andere Sattel die einzig richtigen sind, wirkt mittlerweile ziemlich grotesk.</p>
<p>Denn abgesehen von Sony, Amazon und Thalia braucht diese Geräte aktuell fast niemand. Nicht einmal die Verlage. Der Markt für das gedruckte Buch ist im Gegensatz zum CD-Markt am Vorabend des mp3-Formats weitgehend intakt und kaum von Piraterie bedroht. Sinnvoll wäre es, sich ein wenig Zeit zu lassen und zu verstehen, dass die eigentlich relevanten digitalen Texte eigentlich die sind, die im Internet entstehen. Was der Markt für mobiles Lesen und Laden vielmehr sucht, sind nicht die <em>Reader</em>, sondern handliche, lesbare und kleine Sende-und-Empfangsgeräte. Mit denen sich auch schreiben und vielleicht fotografieren, in jedem Fall twittern und bloggen lässt. Das iPhone ist näher am Ball als der Sony Reader und insofern hat Richard Kämmerlings schon richtig investiert. Dass mit solch einem Multifunktionsgerät bei Bedarf auch mal einen Roman oder junge deutsche Lyrik lesen kann, nimmt man gern mit. Zum Weihnachtsfest greift man aber vorerst doch lieber zu einen Leinenbändchen voll mit junger deutscher Lyrik in Geschenkverpackung statt zu  einer gezippten Datei mit Shakespeare-Medley.</p>
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		<title>&#8220;A mega-corp took advantage of the optimistic hopes of a non-profit and that’s news?&#8221;, Googles Verhältnis zu den Bibliotheken</title>
		<link>http://kontext.edublogs.org/2008/06/30/a-mega-corp-took-advantage-of-the-optimistic-hopes-of-a-non-profit-and-that%e2%80%99s-news-googles-verhaltnis-zu-den-bibliotheken/</link>
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		<pubDate>Mon, 30 Jun 2008 14:35:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bibliothek]]></category>
		<category><![CDATA[Google]]></category>
		<category><![CDATA[Bibliothekswesen]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Google-Books]]></category>
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		<description><![CDATA[[diesen Text als PDF]

&#8220;Yes they used us, and some librarians (not you) were tricked. That’s what businesses do, particularly successful megapowerhouses like Google; it was nothing personal.&#8221;

Das ist ein faszinierender Kommentar von einer Melissa zur Frage, inwieweit Google die Bibliotheken benutzt hat und zwar in einer nicht unbedingt altruistischen Weise. Überlegt jedenfalls Steven M. Cohen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right">[<a href="http://kontext.edublogs.org/files/2008/07/kommentar_20080630.pdf">diesen Text als PDF</a>]</p>
<blockquote>
<p style="text-align: left">&#8220;Yes they used us, and some librarians (not you) were tricked. That’s what businesses do, particularly successful megapowerhouses like Google; it was nothing personal.&#8221;</p>
</blockquote>
<p>Das ist ein faszinierender <a href="http://www.librarystuff.net/2008/06/29/usinglibrarians/#comment-24864">Kommentar</a> von einer <em>Melissa</em> zur Frage, inwieweit Google die Bibliotheken benutzt hat und zwar in einer nicht unbedingt altruistischen Weise. Überlegt jedenfalls Steven M. Cohen in seinem Weblog:<a title="Permanent Link to How Google Used Librarians…and Got Away With It" rel="bookmark" href="http://www.librarystuff.net/2008/06/29/usinglibrarians/">How Google Used Librarians…and Got Away With It</a>.</p>
<p>In der Tat ist <a href="http://librariancentral.blogspot.com/">Google Librarian Central</a> aus der letzten Sommerpause nicht wieder zurückgekehrt und ebenso ist es vergleichsweise etwas stiller hinsichtlich des Zusammenwirkens der Institution Bibliothek und dem Informationsunternehmen Google geworden.  Steven Cohen scheint es, als würde der marktdominante Suchmaschinist nun, da er von den Bibliotheken das bekommen hat, was er brauchte, das Bibliothekswesen mehr oder weniger im Regen stehen lassen, jedenfalls das Engagement deutlich drosseln:</p>
<blockquote><p>&#8220;So, their marketing department (those sly dogs) decided to buddy up with ALA and the entire library community to gain access to these print treasures so that they can scan and index them. &#8230; There is no doubt in my mind that the entire library community was used.  ALA was used.  Those academic institutions that signed up were used.  And those librarians that played a part in the PR stunt were used. &#8220;</p></blockquote>
<p>Allerdings, so Cohen, wird das relativ folgenlos bleiben, denn das typische Fremd- und Selbstbild der Bibliotheken bemühend, sieht der Blogger keine Revolutionsstimmung, sondern nimmt schlicht an, dass sich die Community brav dem Lauf der Zeit fügen wird:</p>
<blockquote><p>&#8220;But even more, I’m disappointed in librarians who actually fell for this blatant marketing scheme.   Did they really think that this relationship would continue?  Did they grasp the importance of what Google was/is doing?  Will they fight back?  Or will they fit the stereotype that librarians are passive and let yet another company walk all over them?  I hope they won’t, but then again, I won’t be surprised if they do.&#8221;</p></blockquote>
<p>David Rothman von TeleRead <a href="http://www.teleread.org/blog/2008/06/29/how-google-used-librariansand-got-away-with-it/">weist bei dieser Gelegenheit</a> gleich einmal auf den nächsten üblichen Verdächtigen hin:</p>
<blockquote><p>You can bet that if Amazon cranks up a major library effort, it, too, could seduce librarians, then abandon certain support efforts. Not to pick on Google alone!</p></blockquote>
<p>Natürlich nicht. Die ganze Web2.0/Bibliothek2.0-Euphorie weist in diese Richtung, genauso wie weite Teile dessen, was man als Bibliotheksmarketing und Bibliotheksmanagement angeboten bekommt.</p>
<p>Die &#8220;non-profit&#8221; Nutzerpartizipation und Generierung von Inhalten bis zur Selbstausbeutung wird auf weiter Strecke <span style="font-size: 12pt;font-family: Garamond">–</span> es gibt natürlich und glücklicherweise Alternativangebote <span style="font-size: 12pt;font-family: Garamond">–</span> von kommerziellen Akteuren bestimmt, denen es nicht vorrangig darum geht und nach der Definition auch nicht gehen kann, altruistisch tolle Produkte zu verschenken, sondern mit angepassten Geschäftsmodellen in möglichst ertragreiche Nischen vorzustoßen.</p>
<p>Letztlich stellen sie die Werkzeuge, mit denen Millionen Internetnutzer freudig und gut gelaunt für die Interessen <span style="font-size: 12pt;font-family: Garamond">–</span> d.h. <em>Pageimpressions</em>, Werbeflächen, Nachverwertung von Inhalten, Marktanteile, etc. <span style="font-size: 12pt;font-family: Garamond">–</span> einer Handvoll von Unternehmen tätig sind. &#8220;Will work for fun&#8221; ist die Devise und Abhängigkeit das Mittel zum Zweck. Wer sein soziales Netz ausschließlich über <em>Facebook</em> organisiert, begibt sich zwangsläufig in eine Abhängigkeit, aus der auszusteigen nur mit großen Mühen möglich ist. Andererseits kann z.B. eine Zeitung ihre Redaktion und ihren Mitarbeiterstab auf einige Koordinatoren verkleinern, wenn sich genügend &#8220;Leserreporter&#8221; finden, die das Blatt mit frischen Inhalten beliefern <span style="font-size: 12pt;font-family: Garamond">–</span> und zwar bestenfalls mit dem Anreiz der Namensnennung und einer Aufwandsentschädigung. Nicht nur für den Journalismus steht eine Deprofessionalisierung im Raum, deren Hauptproblem nicht, wie oft angenommen, darin liegt, ob die Hobbyjournalisten schlechter oder besser als die Profis arbeiten, sondern darin, dass sie bereit sind, dies nahezu ohne Gegenleistung zu tun. Ob das zwangsläufig dem Zeitgeist entspricht, müsste man diskutieren. In jedem Fall sollte man aber auch überlegen, welche Folgen daraus resultieren.</p>
<p>So wie es ausschaut, sind die Bibliotheken entsprechend in einer ähnlichen Situation, da sie mit vergleichsweise geringer Gegenleistung an einen Akteur mit kommerziellen Interessen zuliefern. Auch das ist an sich nicht verwerflich, wenn transparent ist, was, wie, wann mit diesen Zuarbeiten (in diesem Fall Inhalte) geschieht. Und wenn die Zuarbeit eines öffentlichen Akteurs auch wieder der Öffentlichkeit nutzt, also die öffentliche Aufgabe der Bibliothek wenn auch über einen Umweg wieder erfüllt wird. Wenn Google jedoch die Bibliotheken rein als Datenpool nutzt, weil es sonst nicht oder nur mit zähen Verhandlungen mit den oft eher störrischen Verlagen an die Vorlagen zur Digitalisierung gerät, die Bibliotheken also schlicht als Mittel zum einzig eigenen Zweck benutzt, ist es fraglich, ob eine öffentliche Institution sich auf diesen eher Kuhhandel einlassen sollte. Win-Win ist dies vielleicht, aber des Einen Gewinn übersteigt dabei überproportional den des anderen. Ein Hauptproblem gerade bei Google ist, dass nicht ganz deutlich wird, wohin sich das Interesse der Kooperation mit den Bibliotheken tatsächlich richtet, also die Intransparenz.</p>
<p>So wie es beim Privatfernsehen und -radio nicht um die Vermittlung von Inhalten geht, sondern um den Selbsterhalt des Unternehmens über den Verkauf von Werbeflächen, agiert auch Google ein wenig. Im Gegensatz zu Amazon, das klar an Endkunden verkauft, wird dies bei dem Informations-Anbieter aus Mountain View nicht ganz so deutlich. Derjenige, der bei Google eine Suchanfrage stellt oder seine E-Mail verwaltet ist im Prinzip kein Kunde, sondern Anreiz für Kunden, Anzeigen bei Google zu schalten.</p>
<p>Der Nutzer, der in einem OPAC recherchiert, ist dagegen eine Art &#8220;Kunde&#8221;, auch wenn die Übernahme des Kundenbegriffs in das Bibliothekswesen gern zu Missverständnissen führt und sicher nicht die terminologisch beste Variante darstellt.</p>
<p>Während für das Unternehmen Google der Dienst am Informations-Nutzer gegenüber dem Dienst am Werbekunden sekundär sein muss, ist er für Bibliotheken zentral. Ersteren geht es um die Vermittlung von Werbung, Letzteren im Idealfall um die Vermittlung von Inhalten. Dabei sollte für Bibliotheken das Problem des Selbsterhalts marktextern durch öffentliche Finanzierung gelöst sein. Mit der Fokussierung auf den Marktgedanken auch in öffentlichen Bereichen verliert sich jedoch diese Selbstverständlichkeit, wobei in öffentlichen Verwaltungen unglücklicherweise häufig Wirtschaftlichkeit mit Markterfolg verwechselt wird.</p>
<p>Angesichts des Zurückfahrens dieser Basis und auch des verschwindenden Verständnisses, dass die Bibliothek als Institution mit öffentlicher Funktion für die informationelle Grundversorgung zu erhalten sei, ist es verständlich, dass man sich in einer solchen <em>Public-Private-Partnership</em>, bei der die Partner allerdings recht unterschiedliche Ziele verfolgen, einlässt. Oder sie über Gebühren ganz billig als Einnahmequelle erschließen möchte. Bei Scheitern des Modells ist dann auch gleich ein Argument für die Schließung auf dem Tisch.</p>
<p>Darin, dass Bibliotheken immer wieder eine verschärfte Bedrohungslage vorgezeichnet bekommen und leider auch sich selbst einreden, liegt sicher eine Ursache für das weithin spürbare Verlangen, sich an die (vermeintlich, weil entsprechend vermarkteten) erfolgreichen Akteure und Konzepte im virtuellen Informationsgeschäft zu hängen. Damit wird allerdings die Fähigkeit, sich eigenständig Perspektiven, Lösungen und Angebote zu überlegen, nicht unbedingt gefördert.  Kontingenz und <em>Best Practice</em> harmonieren nicht sonderlich.</p>
<p>Ich fürchte, ein Hauptproblem im Bibliothekswesen – und das teilt es mit dem Verlagswesen – ist nach wie vor, dass ihm ein stabiles Selbstbild fehlt, welches Perspektivität und eigenständige Entwicklung zulässt. Man bleibt für sich Underdog, geschockt durch den Erfolg von Google und entsprechend Prinzipien willfährig aufgreifend und zu den eigenen erklärend. Wenn OCLC sich anschickt, das &#8220;Google der Bibliotheken&#8221; zu werden und Google mit dem Datenbestand des <em>Worldcat</em> bestückt, sollte man sich vielleicht fragen, ob Google mit diesem Datenbestand OCLC überhaupt noch in einer anderen Rolle als die des Zulieferers benötigt. Eine gleichberechtigte Partnerschaft dürfte hier nicht im Raum stehen. Google profitiert von den optimierten Metadaten im MARC-Format für all die Bücher, die zwar gescannt aber nicht entsprechend formal präzise erschlossen wurden. Und OCLC darf dafür die Inhalte anbinden, die man sonst über Google-Books bekommt. Erstaunlicherweise greift man wieder auf das altbekannte Argument der &#8220;Visibility&#8221; zurück, welches da zugespitzt lautet, dass alles, was Google nicht sieht (bzw. sehen will), im Web nicht sichtbar ist. Allein schon die Existenz dieses Vermittlungsmonopol sollte zur Vorsicht mahnen: Ob &#8220;don&#8217;t be evil&#8221; oder nicht – Google ist kein neutrales Werkzeug ohne eigene Interessen, sondern ein globales Wirtschaftsunternehmen, die teuerste Marke der Welt und in seinem Hauptgeschäft Quasi-Monopolist. Darüber, inwieweit es dem Wettbewerbsprinzip der informationellen Weltwirtschaft gut tut, diese Position weiter aktiv zu stärken, kann man ja mal reflektieren.</p>
<p>Auch in Bibliotheken, die sich jedoch an einer ganz anderen Stelle selbst beschäftigen: Auf der einen Seite steht das nicht tragfähige Beharren auf (vermeintlich) etablierten Qualitäten und auf der anderen das totale Hinterfragen der eigenen Existenzberechtigung. Das Googleversum erscheint hier entweder als Vorhölle oder als Paradies, Google entweder als Todfeind oder als Leitstern. Das Optimum liegt natürlich immer irgendwo dazwischen. Und so sollte man auch handeln: skeptisch offen.</p>
<p>Ein bewussterer Umgang, bei dem man u.a. aggressiv hinterfragt, was sich der <em>Private</em>-Partner von der Kooperation mit dem öffentlichen Akteur eigentlich an Nutzen verspricht, könnte hier durchaus helfen.</p>
<p>&#8220;Don&#8217;t be evil&#8221; ist letztlich nur eine sehr dürftige, zur Besänftigung eventueller Zweifel gestrickte, Phrase, kaum gehaltvoller als Amazons &#8220;&#8230;and you &#8216;re done&#8221; oder die Beschwichtigungsmimik eines Fußballspielers nach einem Foul. Eigentlich ist die Verwendung einer solchen trivial-ethischen Plattheit, die nicht einmal den ähnlichen, aber immerhin mit einer zugegeben dürftigen und deswegen als halbhohle Werbephrase sofort durchschaubaren Mehrdeutigkeit von der &#8220;Wir sind die Guten&#8221;-Kampagne des Elektronikhändlers ProMarkt erreicht, sondern mit einem derartigen Leitbild tatsächlich auf Vertrauensbildung aus ist, weitaus verdächtiger, als der klar auf den Allround-Dienstleistungsanspruch von Amazon zugeschnittene Slogan. &#8220;Don&#8217;t be evil&#8221; sollte man sicher nicht für barere Münze nehmen, als den Liebesbeweis von Flickr (<a href="http://l.yimg.com/g/images/flickr_logo_gamma.gif.v35314.14">Flickr loves you</a>). In einer Welt, in der Bedeutungen derart zu Marketingzwecken gedehnt werden, ist es schwer, noch mit Worten zu überzeugen&#8230;</p>
<p>Gerade weil nicht ganz klar ist, was so eine Aussage eigentlich meint bzw. inwieweit Google ein Unternehmen wie jedes andere ist und sein will und wie sehr &#8220;don&#8217;t be evil&#8221; Lippen- oder Herzensbekenntnis oder einfach nur ein griffiges Verkaufsmotto ist, bleibt eine gesunde Skepsis vielleicht doch sinnvoller als allumfassende Affirmation.</p>
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