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		<title>Freie Grütze: Ein Kommentar zur Open Access Week in der FAZ</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Oct 2009 21:07:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[Open Access]]></category>
		<category><![CDATA[2009]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Allgemeine Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Open Access Week]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaftskommunikation]]></category>

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		<description><![CDATA[Gerade auf die Kosten von Open Access, aber auch auf die Folgen einer Monopolstellung elektronischer Medien und auf urheberrechtliche Bedenken verweisen die Kritiker dieses Ansatzes [OA-Förderprogramm der DFG]. Solcher Skepsis setzen die Teilnehmer der Aktionswoche Vorträge und Informationsstände entgegen. Wenn das beide Seiten darüber ins Gespräch bringt, wie und um welchen Preis Open Access die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Gerade auf die Kosten von Open Access, aber auch auf die Folgen einer Monopolstellung elektronischer Medien und auf urheberrechtliche Bedenken verweisen die Kritiker dieses Ansatzes [OA-Förderprogramm der DFG]. Solcher Skepsis setzen die Teilnehmer der Aktionswoche Vorträge und Informationsstände entgegen. Wenn das beide Seiten darüber ins Gespräch bringt, wie und um welchen Preis Open Access die Wissenschaftslandschaft verwandelt, dann hätte sich der Einsatz schon gelohnt. Dass Open Access niemanden hungern lässt, beweist bereits die Universitätsbibliothek Kassel. Dort will man Grütze verteilen, deren Farbe und Form dem Logo der Bewegung nachempfunden sind. Natürlich kostenlos.</p></blockquote>
<p>Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentiert in ihrer morgigen Ausgabe auf den Seiten zum Thema Forschung &amp; Lehre (leider nur) kurz die<em> <a href="http://www.openaccessweek.org/">Open Access Week</a></em>.  (<em>Grütze gegen Zweifel</em>, Seite N 5, bislang nicht frei im Netz) An andere Mittwochen hat sie allerdings schon sehr prägnante Beiträge zur Debatte beigesteuert.  Diesmal preist sie eher allgemein die Diskursivität der Woche und die Kassler OrAnge-Grütze (so wäre wohl die passende Schreibweise).</p>
<p>Der Untertitel des kleinen Zweispalters &#8211; <span>&#8220;Eine Woche für das kostenlose Lesen im Internet&#8221; &#8211; </span> zeigt jedoch, dass hier (wahrscheinlich mehr noch in der FAZ als in der OA-Bewegung) die Auswirkungen von Open Access mit der rein ökonomischen und publikationsbezogenen Sicht nicht ganz ausgeschöpft und behandelt wurden. Da wird das aktuelle Hauptthema der Pressewelt zuungunsten anderer Effekte des Open Access überbetont, denn der freie Zugang, der genau genommen für all diejenigen, die ihren Netzanschluss selbst bezahlen, auch nicht kostenlos ist, stellt nur eine der Folgen von Open Access dar. Und auch um das Lesen geht es nicht allein.</p>
<p>Letztlich scheint das Thema des offenen Lesezugriffs auf Aufsätzen sogar ein bisschen erschöpft: die Wissenschaftsverlage haben das <em>Author-Pays</em>-Model als Option übernommen, die Wissenschaft lässt sich darauf ein, und dass die Inhalte frei abgerufen werden können, wird außerhalb der Verwertungsindustrien übergreifend als erstrebenswert akzeptiert. Spätestens wenn die entsprechenden Modelle auch die letztgenannte Gruppe umsortiert haben, wird in der Wissenschaft der freie Zugang zu den Diskursen aller Erwartung nach ein Standard sein.</p>
<p>Interessanter als die Frage, ob man vor der Einsicht eines Textes bezahlen muss oder nicht, ist jedoch, wie sich das wissenschaftskommunikative Verhalten im digitalen Umfeld generell verändert und welche Rolle Open Access dabei spielt.  Die freie Teilhabe an Wissenschaftsdiskursen drückt sich nicht zuletzt in neuen Möglichkeiten des Beisteuerns von Inhalten aus. Die zeitnahe Publikation von sich aufeinander direkt beziehenden Diskursbeiträgen, wie man sie in der Blogosphäre regelmäßig antrifft, könnte die kommunikative Praxis auch in der Wissenschaft auf längere Sicht durchaus gehörig umgraben. Zu Aufsatz und Monographie würden sich informellere und schnellere Formen des Austausches und auch des argumentativen Aushandelns gesellen.</p>
<p>Der freie Zugang zu diesen Diskursen (und nicht nur der Lesezugriff auf die Publikationen) verwischt die Grenze zwischen Experten und Laien. Das mag nicht jede Disziplin gleichermaßen und gleichschnell betreffen, aber gerade in weniger auf Entdeckung/Entwicklung als auf Argumentation bauenden Fächern könnte sich leicht das wiederholen, was man an populären Mediendiskursen wie dem um den Heidelberger Appell beobachten konnte. Wie man in solchen Kommunikationsräumen ein gewisses Qualitätsniveau sichert, ist übrigens eine Frage, mit der die deutsche Presse mit ihren Leserkommentaren Tag für Tag nicht unbedingt erfolgreich kämpft&#8230;</p>
<p>Die traditionellen Formen der Wissenschaftskommunikation orientieren sich darüber hinaus nach wie vor an der Fassbarmachung über Papier. Auch digitale Publikationen werden bisher zumeist in Seitenform gesetzt, sind dadurch nicht zuletzt als Einzeldokument indentifizierbar und lassen sich hinsichtlich des Zugriffs überschauen bzw. auch mittels Social-DRM u.ä.  kontrollieren. Ob die digitale Kommunikation allerdings langfristig viel vom wissenschaftlichen Aufsatz mit im Schnitt 10 Seiten Länge übrig lassen wird, ist nicht vorhersehbar. Vielleicht entsprechen die tradierten Formen wie z.B. die Geschlossenheit eines publizierten Textes auch langfristig einem kognitiven Optimum und werden sich halten. Vielleicht etablieren sich aber auch völlig andere Strukturen für die Abbildung des Diskurses.</p>
<p>Dass die Bereitstellung von Primärdaten mittlerweile zu einem Thema auch für Verlage geworden ist, zeigt dagegen, wie sich auch auf dieser dokumentenstrukturellen Ebene Formvorgaben aus der analogen Praxis aufzulösen beginnen. Stoffliche Zwänge und drucktechnische Notwendigkeiten für die Abbildung von Inhalten gibt es dafür nicht mehr.</p>
<p>Ungeklärt ist bisher, inwiefern sich die Wissenschaftsverlage in diesem Zusammenhang tatsächlich positionieren können und inwieweit die öffentlichen Wissenschaftsinstitutionen und neue Akteure (vielleicht auch Google) an dieser Stelle die Plattformen und digitalen Kommunikationswerkzeuge entwickeln. Und natürlich, wie diese Entwicklungskosten finanziert werden. Womit sich der Kreis in gewisser Weise doch wieder schließt. Für die Wissenschaftsförderung wird es zweifellos sinnvoll sein, Open Access langfristig nicht nur in Hinblick auf das elektronische Publizieren, sondern direkt in Bezug auf die Entwicklung von Diskursinfrastrukturen zu betrachten. Diese werden sicher aus mehr als Repositorien und Zeitschriften bestehen.</p>
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		<title>Adé Serendipity? Die New York Times berichtet vom Ende des Zufallsfundes und was ihn retten soll.</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Aug 2009 13:14:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medienverhalten]]></category>

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		<description><![CDATA[Die New York Times spürt in einem aktuellen Artikel (Darlin, Damon (2009):Ping: Serendipity, Lost in the Digital Deluge. In: New York Times, 02. August 2009) dem Verschwinden der Serendipity nach, das in Deutschland vorwiegend in der Wissenschaftstheorie bekannt ist, im englischen Sprachraum aber auch außerhalb des Wissenschaftskontextes Anwendung findet. Eine eindeutig Übersetzung zu finden, ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die New York Times spürt in einem aktuellen Artikel (Darlin, Damon (2009):<a href="http://www.nytimes.com/2009/08/02/business/02ping.html?_r=1&amp;hpw">Ping: Serendipity, Lost in the Digital Deluge</a>. In: New York Times, 02. August 2009) dem Verschwinden der <em>Serendipity</em> nach, das in Deutschland vorwiegend in der Wissenschaftstheorie bekannt ist, im englischen Sprachraum aber auch außerhalb des Wissenschaftskontextes Anwendung findet. Eine eindeutig Übersetzung zu finden, ist schwierig. Generell meint <em>Serendipity</em> das eher zufällige Entdecken von etwas, was sich als hochinteressant und relevant herausstellt.</p>
<blockquote><p>„Wie weit Forschung ein systematisch-methodischer Prozess ist, wird bei dem in der Wissenschaft wichtigen Begriff Serendipity in Frage gestellt. Als Horace Walpole dieses Wort 1754 prägte, das er dem persischen Märchen „The Three Princes of Serendip“ entnahm, das 1557 in italienisch erschienen war, betonte man noch nicht so stark wie heute die Zufälligkeit mit der Entdeckungen oft geschehen.“ (Umstätter, Walther (2007): <a href="http://edoc.hu-berlin.de/miscellanies/wifo2007/PDF/wifo2007-9-49.pdf">Qualitätssicherung in wissenschaftlichen Publikationen</a>. (PDF) S. 16, sh. dort auch Fußnote 12)</p></blockquote>
<p>In der Wissenschaft verschwindet das Phänomen der <em>Serendipity</em> schon etwas länger in der auf Erkenntnisplanung und Entwicklung orientierten so genannten <em>Big Science</em>. (vgl. ebd. S. 24) Bzw. versucht man, sie auszuschalten. Das ist insofern auch für die aktuelle Urheberrechtsdebatte im Anschluss an den Heidelberger Appell, die eigentlich und am Ende auch stärker in eine Digitalisierungsdebatte führt, relevant, da das Medium Internet im Umfeld dieser <em>Big Science</em> und aus dem Bedürfnis, großer Datenmengen Herr zu werden, entstand. Ähnliches gilt für das elektronische Publizieren in der Wissenschaft. So wie die digitalen Infrastrukturen die wissenschaftliche Medienkultur in diesem Bereich grundlegend veränderte, wirkt sie etwas zeitversetzt auf die Medienalltagskultur. Beiden gemeinsam ist die nun im Vergleich zur vordigitalen Medienrezeption ungleich höheren Datenorientiertheit und –präzision, die sich vor die ästhetisch orientierte Erfassung der Inhalte schiebt.</p>
<p>Damit lässt sich auch ein stückweit mehr Einsicht in das Grundproblem der unterschiedlichen wissenschaftlichen Kommunikationspraxen in der vorwiegend auf <em>Big Science</em> orientierten STM-Fächer und den nach wie vor starke Züge der <em>Little Science</em>, also des entdeckenden und interpretierenden Einzelwissenschaftlers, tragenden Idealtypus der Geisteswissenschaft gewinnen. Mehr als der Beweiskraft des Datums gilt hier die Überzeugungskraft des Arguments und zwar immer dann, wenn sich eine Aussage nicht in das Binärsystem <em>wahr/nichtwahr</em> reduzieren lässt.</p>
<p>So wäre durchaus zu überlegen, inwieweit hinter der weitaus stärker verbreiteten Ablehnung digitaler Kommunikationsmedien in den Geisteswissenschaften eine mehr oder weniger bewusst wahrgenommene Furcht vor dem Verschwinden der <em>Serendipity</em> steht. Oder anders: Inwieweit die bestehenden und bekannten Formen digitaler Kommunikation den interpretativen Erkenntnismethoden dieser Disziplinen weniger zuspielen, als dies bei datenintensiveren Forschungsansätzen der Fall ist. Und inwiefern sich manche Vertreter der Geisteswissenschaften die Struktur ihrer Wissenschaftspraxis durch die Struktur des Mediums bedroht sehen.</p>
<p>Sofern keine Notwendigkeit zum Wechsel des Kommunikationsmediums besteht und auch keine Verbesserung der praktischen Erkenntnismöglichkeiten zu erwarten ist, scheut man verständlicherweise den Umstellungsaufwand. Auch das Argument der freien Zugänglichkeit mittels Open Access erscheint zumindest solange irrelevant, solange eventuelle Unzugänglichkeiten kompensierbar sind. Da die Erkenntnisproduktion in interpretativen Disziplinen ohnehin über längere Zeiträume angelegt ist, scheint hier der Druck, eine Publikation zeitnah und möglichst noch als Preprint vor dem Erscheinen zur Kenntnis zu nehmen, nicht sonderlich hoch.</p>
<p>Zudem ist Doppelarbeit in interpretativ-argumentativ orientierten Wissenschaften im Gegensatz zu den erkenntnisorientierten Disziplinen weniger problematisch und häufig im Sinne einer <em>Re</em>view bzw. eines mehrfachen Durchdenkens eines Arguments aus verschiedenen Perspektiven sogar erwünscht. Gründlichkeit geht hier vor Vollständigkeit. Denn gerade durch die Wiederbetrachtung eines Arguments und seine Rekombination, so die Überlegung, entdeckt man neue Relevanzen und zwar häufig an einer Stelle und in einer Form, die nicht erwartet wurde. Also als <em>Serendipity</em>.</p>
<p>Dieses Entdecken setzt allerdings die Möglichkeit der unerwarteten Variation voraus. Beim offenen Folgen von Hypertextspuren im WWW scheint dies allerdings gegeben zu sein und zwar in einem Umfang, der die Möglichkeiten einer klassischen Freihandaufstellung in einer Bibliothek weit übersteigt.</p>
<p>Die New York Times sieht die <em>Serendipity</em> dennoch gefährdet und zwar durch Empfehlungssysteme, die auf Verhaltensmuster anderer setzen und diese mit den eigenen abgleichen:</p>
<blockquote><p>„But that isn’t serendipity. It’s really group-think. Everything we need to know comes filtered and vetted. We are discovering what everyone else is learning, and usually from people we have selected because they share our tastes.”</p></blockquote>
<p>Das Regalbrowsen ist nicht mehr möglich, wo die Musiksammlung und die Bibliothek in einer Datenbank erschlossen über eine Klassifikation oder ein mehr oder weniger kontrolliertes Vokabular  vorliegen. Ich glaube allerdings, dass sich hier etwas anderes auswirkt. Nicht die <em>Serendipity</em> geht verloren, sondern die unmittelbare Einbindung der Medien in die physische Lebensumwelt.  Die digitale Medienrezeption ist immer materialunabhängig und bildschirmvermittelt:</p>
<blockquote><p>„With an e-book reader, the person on the subway seat across from you will never know what you are reading.”</p></blockquote>
<p>Dies aber nicht, weil der Text digital ist, sondern weil die Rückseite des Lesegerätes für alle Bücher gleich aussieht. Das Problem liegt also nicht in der Digitalität selbst, sondern in ihrem Rahmen.</p>
<p>Die <em>Serendipity</em> auf den Displays und in den vernetzten Systemen ist nicht zwangsläufig mehr <em>Group Think</em>, als die am Bücherregal, in dem Titel stehen, von denen einmal angenommen wurde, dass sie auf einem Buchmarkt Leser und damit Kunden finden werden. Im digitalen Umfeld erhalten sie allerdings eine ständig aktualisierte, eindeutig ausweisbare und in Empfehlungssystemen verwertbare Einbettung in einen Nutzungskontext, der die Zugriffe aller anderen Nutzer im System in  Bezug auf den jeweiligen Inhalt erfasst und auswertet.</p>
<p>Die daraus ermittelte Präzision irritiert so manchen und dies ist der Anlass für den Artikel in der New York Times. Denn die dahinter stehenden statistischen Ausdifferenzierungen, die sich hervorragend für das zielgruppenspezifische Marketing eignen,  führen in Kombination mit der im Internet im Vergleich zu physisch präsenten und nutzbaren Medieninhalten ungleich größeren Menge an vorhandenen und potentiell rezipierbaren digitalen Inhalten zu dem Phänomen, das man vor einigen Jahren <em>Information Overload</em> nannte:</p>
<blockquote><p>„And there is just too much information. We can have thousands of people sending us suggestions each day — some useful, some not. We have to read them, sort them and act upon them.”</p></blockquote>
<p>Genau genommen handelt es sich um einen &#8220;Communication Overload&#8221;, da wir uns zu den Empfehlungen positionieren müssen. Die privaten und die Gruppennutzungsstatistiken und die automatisch ermittelten Ähnlichkeiten führen zu einer Form von Metainformation, die aus dem physischen Medienumfeld kaum bekannt war, die im digitalen jedoch relativ gleichberechtigt neben den eigentlichen Inhalten steht. Wo in sozialen Netzwerken die eigenen Rezeptionsgewohnheiten und Geschmacksmuster zu eindeutig nachweisbarem Sozialen Kapital avancieren, gewinnt diese Form von Information noch stärker an Bedeutung. Den gesteuerten Zufall benötigt man eigentlich nicht als Zusatz: Die Aufmerksamkeitsfenster sind ohnehin schon ausgefüllt.<br />
Innerhalb der elektronischen Systeme sind diese Strukturdaten eindeutig und schwer hintergehbar, fest dokumentiert und müssen, da automatisches „Vergessen“ zumeist nicht in der Systemplanung . vorgesehen ist, bei Bedarf per Hand korrigiert oder gelöscht werden. Daher geht in diesen auf Vollständigkeit orientierten Medienmanagementsystemen  tatsächlich ein gewisses Maß an Unschärfe und „Eigensinn“ verloren.  Die Informationsmenge ist zwar nach wie vor hoch, aber schwer verdaulich bzw. „boring“.</p>
<p>Um diesen Mangel zu kompensieren, versucht man, wie die New York Times berichtet, die Zufälligkeit wieder als Eigenschaft zu berücksichtigen und zwar nicht vorrangig, um hier eine Schwäche im System auszugleichen, sondern, um die Vorliebe für das nicht gezielte Entdecken als Marktlücke zu nutzen:</p>
<blockquote><p>„As we pay for them with our time, the human need for surprise presents an opportunity for new businesses.”</p></blockquote>
<p>Das Verfahren dieser Simulation von Ziellosigkeit nennt man übrigens „high-tech crowdsourcing“. Ob diese kontrollierte Erzeugung des Unerwarteten funktioniert, bleibt abzuwarten. Eigentlich ist sie nicht notwendig: Denn die Ubiquität symbolischer Strukturen bzw. die Dauerverfügbarkeit aus subjektiver Sicht unendlicher Informationsmengen, die Mythos und Ideal der Vollständigkeit auch in der Wissenschaft wohl endgültig erledigt haben, stürzen die Rezipienten in digitalen Medienwelten in eine Situation, in der <em>Serendipity</em> mehr als jemals zuvor zum zwangsläufigen Bestandteil des Informationsverhaltens geworden ist. So präzise digitale Daten- und Symbolstrukturen auch sein mögen: das menschliche Gehirn als primäres Verarbeitungselement enthält all die Unschärfe, die nötig ist, um weiterhin querbeet und wild zu denken. Das Internet ist eine Infrastruktur, die sich nur schwer regulieren lässt. Von der statischen HTML-Seite bis zu komplexen Ajax-Oberflächen, von Bittorrent-Downloads bis zu vielfältigen Blockierversuchen finden sich alle möglichen Merkmale nebeneinander. Das Nadelöhr, an dem man eingreifen kann, liegt nicht im Netz selbst, sondern in der Steckdose daheim. Der algorithmisch generierte Zufall ist eine weitere Variante der Nutzung dieser Infrastruktur, die parallel mit Bestrebungen, jeden Zufall auszuschließen existiert. Gelingen wird beides nicht in Vollständigkeit, denn der menschliche Faktor – egal auf Nutzer- oder Erzeugerseite – wird eher früher als später zureichend Defekte aufwerfen.</p>
<p>Die Aufgabe einer geisteswissenschaftlichen Praxis in digitalen Informations- und Kommunikationsumgebungen wird hoffentlich sein, genau diese Lücken zu thematisieren und zu fragen, was die digitalen Symbolmaschinen mit dem <em>Animal Symbolicum</em> macht und dieser mit ihnen. Dazu allerdings muss man beide Seiten kennen. In dem Maße, in dem die Digitalität den Alltag des Menschen prägt, wird sie tatsächlich zum Zwang der Geisteswissenschaften. Denn sie wird in der aktuellen Welt der Erzeugung und Gestaltung von Kultur, die in der westlichen Hemisphären fast immer irgendein digitales Element und sei es zu Dokumentationszwecken enthält, zum Kernbestandteil des Gegenstandes und damit zum Material dieser Disziplinen.</p>
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		<title>Nach der Debatte ist vor der Debatte? Von Heidelberg bleibt jetzt noch Google übrig</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jul 2009 14:34:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Markt]]></category>
		<category><![CDATA[Open Access]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalität]]></category>
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		<category><![CDATA[Urheberrechtstagung 15.07.2009]]></category>

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		<description><![CDATA[Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine &#8220;standgenaue Übertragung&#8221; von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine &#8220;standgenaue Übertragung&#8221; von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.</p></blockquote>
<p>Richard Kämmerlings berichtete einmal in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Tagung zu den Auswirkungen der neuen Medien auf die Buchkultur. Auf dieser sprach laut Bericht u.a. der Soziologe Gerhard Wagner über die &#8220;Einfalt des vernetzten Hypertextes&#8221; im Vergleich zur Vielfalt einer &#8220;gewachsenen Buchkultur&#8221;. Graham Jefcoate äußerte in Hinblick auf den zunehmenden digitalen Nachweis und die elektronische Bestellbarkeit von Frühdrucken im British Museum, dass diese Titel nun intensiver genutzt und entsprechend abgenutzt, bzw. &#8220;zu Tode gelesen&#8221; werden und betonte, dass die Digitalkultur den Originalen den Garaus macht, wenn zum Nachweis nicht auch eine digitalisierte Arbeitsversion auf den Bildschirm kommt: &#8220;Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine &#8220;standgenaue Übertragung&#8221; von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.&#8221;</p>
<p>Roland Reuss sah das in gewisser Weise anders:  &#8220;Am Beispiel heute bereits wieder veralteter Medien wie Mikrofilm und Mikrofiche kann man sehen, wie rasch die Konvertierung von Beständen auf neue Speicherformate aktuell wird.&#8221; Auch seien die Fragen der Langzeitarchivierung und die Nutzungsdauer von Subskriptionen nicht geklärt. Auch Uwe Jochum betrachtete offenbar die Virtualisierung von Buchbeständen nicht gerade mit Enthusiasmus:</p>
<blockquote><p>&#8220;So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich.&#8221;</p></blockquote>
<p>So las man es im Oktober 1998 (Kämmerlings, Richard:Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1998, S.46) und heftete den Zeitungsausriss mit Randbemerkung in den Leitz-Ordner. Während die &#8220;Werkherrschaft&#8221; bereits auf dem Programm stand, fehlte vom Urheberrecht noch jeder Spur. Allerdings ging es in Wolfenbüttel auch direkt um die Auswirkungen der Digitaltechnologie auf die Bibliotheken. Dass Endkunden irgendwann elektronische Texte auf ihren Mobiltelefonen lesen wollen und Studierende Lehrbücher womöglich bis zum Tode der Publikationsform auf USB-Sticks aus den Universitätsbibliotheken tragen wollen würde, lag fern fast jeder Vorstellung. Die Suchmaschine &#8220;Google&#8221; war zu diesem Zeitpunkt in einer Testversion knapp einen Monat online und meldete auf ihrer Startseite:  &#8220;<em>Index contains ~25 million pages (soon to be much bigger)</em>&#8220;. Die Frankfurter Allgemeine meldete ein Jahr später, dass die Suchmaschine „www.google.com“ mit neuen Algorithmen und der Anzeige von ähnlichen Ergebnissen in Betrieb gegangen ist (Ausgabe 14.10.1999, S.30)</p>
<p>Im Jahr 2008 kam das Unternehmen Google auf um die 21,8 Mrd. Dollar Umsatz und lag damit nicht mehr weit unter dem geschätzten Umsatz der US-Verlage, für die 24,3 Mrd. Dollar <a href="http://www.boersenblatt.net/sixcms/detail.php?id=315962">angegeben werden</a>.</p>
<p>Man kann demnach durchaus von veränderten Vorzeichen sprechen, auch wenn Annabella Weisl von Google in der Diskussion vom Mittwoch ganz richtig betonte: &#8220;Wir sind nicht das Internet.&#8221;  Aber angesichts der Zahlen vergleichsweise doch ein großer Spieler im Webgeschäft, der wahrscheinlich, wenn er wollte, eine ganze Reihe von Verlagen gar nicht zum Vergleich bitten müsste, sondern einfach aufkaufen könnte. Insofern kann man die Aufregung in der Buchbranche schon verstehen: Ein mächtiges Gewölk der digitalen Inhalte türmt sich am Horizont auf und man vermag nicht so recht abzuschätzen, ob es sich um Schön- oder Unwetterwolken halten und ob man demnächst nass bis auf die Knochen im Wolkenbruch steht oder einen Regenbogen ungekannter Schönheit bestaunen kann. Das akute Bedürfnis nach einem festen Dach über dem Kopf ist durchaus nachzuvollziehen, auch wenn in diesem Fall auf Deutschland noch nicht einmal feiner Niesel tropfte. Das Dach heißt in diesem Fall &#8220;Urheberrecht&#8221;. Google möchte, laut eines aktuellen Berichtes Richard Kämmerlings, die Axt, die laut allgemeinem Sprichwortschatz den Zimmermann im Haus ersetzt, nicht an dieses legen. Aber so richtig will der deutsche Buchhandel nicht an diesen Vorsatz glauben.</p>
<p>In gewisser Weise holt die Buchbranche eine Debatte nach, die vor wenigen Jahren die Bibliotheken stark beschäftigte: Ist Google eine Bedrohung?  Davon ist mittlerweile wenig zu spüren, vielleicht weil die Bibliotheken merken, dass die Nutzer trotz Google nicht fortbleiben und vielleicht, weil die Nutzer genügend Erfahrungen mit den Leistungsgrenzen von Google gesammelt haben und beides, die Bibliotheksangebote und Internetsuchmaschinen, verschränkt und pragmatisch je nach Informationsinteresse nutzen. In der Wissenschaft haben sich Bibliotheken jedenfalls weder durch Google noch durch das Internet erledigt und es erscheint ebenso eher unwahrscheinlich, dass die wissenschaftliche Monographie tatsächlich ausstirbt, weil man über Google Books nach Textstellen suchen kann.  Dass sich wissenschaftliche Publikationsformen generell verändern und die Druckausgabe eine Optionalform unter verschiedenen Repräsentationsmöglichkeiten von Inhalten darstellt, ist durchaus denkbar. Das entscheiden die Wissenschaftler als wissenschaftliche Kommunizierende. Sie wählen sich ihren Kanal und bestimmen die legitime Form.</p>
<p>Es erscheint aber nicht so, als würde sich gerade Google hier als treibende Kraft bei der Auflösung der Medienform Buch etablieren. Google bleibt auch mit dem Buchscanprogramm ein Akteur, dem es um den Zugang zu Information geht, nicht um die Gestaltung von Trägermedien. Insofern irrt man in der Annahme, dass Google, wenn es vergriffene Titel scannt und verfügbar macht als Verlag agiert. Es gleicht darin eher einem Antiquariat, dessen Regale sich nicht leeren. Oder einer Bibliothek mit Scans und dazu erschlossenen Volltexten. Mit viel Fantasie könnte man die Aktivitäten mit Google  mit denen eines Reprint-Verlages vergleichen. Aber letztlich wird eine bisher nicht gegebene Form des Zugangs zu bereits Publiziertem geschaffen. Dahinter steckt immer noch ein Buch. Für die Wissenschaft ist dieses vor Jahren Publizierte zumeist als Quellensammlung interessant. Für die laufende Wissenschaftskommunikation sind dagegen andere Entwicklungen viel relevanter.</p>
<p>Die bisher etablierten Open Access-Verfahren teilen mit Google Books eigentlich nur die Gemeinsamkeit, dass sie dem traditionellen Dokumentenbegriff verhaftet sind: Sie beziehen sich auf Publikationen, die weitgehend analog zu Druckprodukten konzeptioniert und potentiell druckbar sind. Die beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von Primärdaten oder auch der Wissenschaftskommunikation über hypertextuelle Medienformen wie Wikis  oder Weblogs vorliegenden Entwicklungen lassen parallel dazu auf Kommunikationsformen schließen, die sich dem Druckparadigma entziehen. Dass Hubert Burda vor einiger Zeit kräftig in Scienceblogs investierte, zeigt, dass auch Verlage hier nach Möglichkeiten suchen. Vielleicht ist das statische Lehrbuch tatsächlich ein Auslaufmodell. Dann aber vermutlich nicht, weil Bibliotheken es gescannt haben, sondern weil Lehrbuchinhalte in einer anderen medialen Form vermittelt werden.</p>
<p>Nachdem man mittlerweile wohl eindeutig geklärt hat, dass in Deutschland kein Wissenschaftler zu einer bestimmten Publikationsform gezwungen werden kann, wäre es für die deutsche Buchbranche an sich vermutlicher sinnvoller, die Kräfte auf den Aushandlungsprozess mit Google zu beschränken.  Die Attacken gegen die offenen Kommunikationsformen der Internetkultur, die wenigstens im Zeitungsbereich von den Verlagen auf ihren Webauftritten selbst in großem Umfang und mit Bedacht eingerührt wurden, sorgen zwar nach wie vor für eine hohe weböffentliche Wirkung, sind ansonsten aber perspektivisch unfruchtbarer als jedes Blogposting. Solange Artikel 5 des Grundgesetzes in Kraft ist, wird es im Internet eine Auseinandersetzung mit Inhalten jedweder Art und auf jedweder Stufe intellektueller Feingliedrigkeit geben. Demnächst wird in LIBREAS ein Text von Joachim Losehand erscheinen, der sich mit dieser Kommunikationskultur intensiver befasst.</p>
<p>Richard Kämmerlings ist also nicht gänzlich zuzustimmen, wenn er aktuell Roland Reuß‘ mittlerweile eher peinlich wirkendem Wüten im Wasserglas gegen die DFG und diejenigen, die das Netz frisch, frei und von der Leber weg nutzen, weil sie es können, den Arm um die Schulter legt und schreibt: „Aber Versachlichung ist vielleicht auch nicht immer angemessen.“ Irgendwann wird sie eben doch notwendig, wenn man in der Debatte vorankommen möchte. Eine Fokussierung des Betrachtungsfeldes hilft dabei zusätzlich.</p>
<p>Die Situation stellt sich doch für die Buchbranche ganz gut dar: Das Problem mit dem Open Access ist im Großen geklärt und wird im Kleinen von den Autoren mit ihren Verlagen auf Einzelfallebene ausgehandelt. Als nächste Erkenntnis folgt hoffentlich, dass das Aufreiben an der Blog- und  Netzkultur zwar eine fröhliche brancheninterne Bauchpinselei darstellt und vielleicht sozialpsychologisch als Gemeinschaft über Abgrenzung erzeugendes Element eine gewisse Funktion erfüllt.  Daran, dass sich Adam Soboczynski und Kollegen an mehr oder unqualifizierten Kommentare zu ihren Artikeln gewöhnen müssen, wird  das „Wörterbuch des neuen Unmenschen“ (Roland Reuß) nicht viel ändern. Der Leserkommentar wird so normal, wie es heute in den Bibliotheken die Online-Kataloge und elektronischen Zeitschriften sind. Vor elf Jahren durfte man hinter diese Selbstverständlichkeiten des Bibliothekswesens im frühen 21sten Jahrhundert noch ein Fragezeichen machen.</p>
<p>Übrig bleibt heute ein klarer Interessenkonflikt zwischen dem Einzelakteur Google und den deutschen Verlagen. Die können jetzt auf ihren Urheberrechtstagungen auf Frau Weisl einschimpfen, deren Rolle es wohl mehr der eines Frustfängers als eines Gegenübers entspricht, oder versuchen, sich noch einen anderen Verhandlungspartner aus einer anderen Etage des Unternehmens einzuladen und mit ihm auf einer Sachebene ihr Anliegen zu diskutieren. Die mediale Tingeltour mit Botschaftern wie Roland Reuß und Volker Rieble hat dagegen deutlich an Charme und Anziehungskraft verloren. Die Frankfurter Tagung war nun hoffentlich der letzte Höhepunkt dieser Tournee aus Polemik und haltlosen Ressentiments. Berichte zur Veranstaltung gibt es zahlreiche. Auch Richard Kämmerlings hat wieder eine Zusammenfassung für die FAZ verfasst. Diese kann man hier lesen und mit der eigenen <em>Personomy </em> erschlossen in die <em>Social Bookmarking</em>-Plattform der Wahl ablegen: <a href="http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E52DC8184BCB64F9CBD2CDBFF15B1FA78~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Den Autor kann niemand entrechten</a>.</p>
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		<title>Ausgeschwärmt. Zur Journalismusdebatte und der Unsinnigkeit einer Metapher</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Jun 2009 16:47:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der &#8220;Schwarmintelligenz&#8221; ist. Kollektivintelligenz klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des <em>Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA </em>warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der &#8220;Schwarmintelligenz&#8221; ist. <em>Kollektivintelligenz</em> klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären Aufbruchs, den mancher angesichts der kollaborativen Plattformen ausrief, verlangt nach Schlagkraft und das Bild des Schwarms, der immer weiß, wohin er schwenken muss, hat sich irgendwie hineingedrängelt und etabliert. Das ermöglicht den Hütern des Qualitätsjournalismus wie Mathias Döpfner (Axel Springer Verlag) genauso wie diversen ZEIT-Autoren (vgl. <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=7060">auch hier</a>), <a href="http://www.horizont.net/aktuell/medien/pages/protected/Copyrights-Doepfner-ruft-Verlage-zu-Geschlossenheit-auf--Keine-Anti-Google-Kampagne_84833.html">deftig aufzusatteln</a>:</p>
<blockquote><p>Einer undifferenzierten &#8220;Im Netz gehört allen alles&#8221;-Auffassung erteilt er jedenfalls eine Absage. Dies würde dem unabhängigen Journalismus, für den Blogger kein Ersatz sein könnten (&#8221;Neben Schwarmintelligenz gibt es im Internet auch Schwarmdummheit&#8221;), die wirtschaftliche Basis entziehen: &#8220;Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht&#8221;.</p></blockquote>
<p>Man muss jetzt nicht weiter über das Leserreportertum sinnieren. Und auch nicht über die Vermengung einer so unsinnigen, undifferenzierten und inexistenten &#8220;Alles für alle&#8221;-Praxis. Im Netz ist mächtig viel gut reguliert und es gibt wohl niemanden, der von der WELT verlangt, ihr <em>e-paper</em> gratis zur Verfügung zu stellen. Bei einer anderen großen Springer-Publikation würde man sich mitunter gar wünschen, sie würde viel umfassender hinter einer Zugangsbarriere liegen.</p>
<p>Die Blogosphäre zieht jedenfalls nicht aus, um die Zeitungen zu bedrohen. Und die bloggenden Individuen in ihr schon gar nicht. Niemand liest Blogs, um sich die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung zu sparen. Vielmehr entstehen in der Blogosphäre eigene Formen von Inhalten wie auch von Journalismus, die manchmal Schnittmengen  mit dem aufweisen, was Zeitungen bieten. Besonders wenn letztere eigene Blogs aufsetzen. Deren Inhalte finden ein Publikum, dem diese Medienform gefällt. Manche, eher wenige, verlieren darüber den Geschmack an der klassischen Zeitung. Die Ursachen dafür, dass den Zeitungen ihr Publikum verlustig geht, liegen nicht selten darin, dass viele Titel nicht mehr mit den Informationsbedürfnissen der Leser korrespondieren und sich z.B. in Scheindebatten, wie der unbegreiflichen Bedrohung der eigenen gesellschaftlichen Rolle durch das amorphe Internet ergehen. Zuviel Nabelschau macht sie für die potentiellen Zeitungskäufer auf Dauer einfach irrelevant. Genauso das oft gleichschrittige Hinterhereilen hinter vermeintlichen Markttrends. Am Urheberrecht und seiner angenommenen Aushöhlung im WWW liegt es dagegen vermutlich nicht. Die wirkliche Nivellierung erfolgt nicht durch die Blogs, sondern eher, wenn Mathias Döpfner ausruft:</p>
<blockquote><p>&#8220;Für Partikularinteressen gibt es keinen Raum und keinen Anlass&#8221;</p></blockquote>
<p>Wieso eigentlich nicht? Die plurale Wissensgesellschaft mit unterschiedlichsten Bedürfnissen hinsichtlich der Rezeption und Verwertung von Information führt zu einer Vielzahl unterschiedlicher Medienformen auch im Textbereich. Wissenschaftliches Publizieren folgt grundlegend anderen Gesetzmäßigkeiten als die Veröffentlichungspraxis der Publikumsverlage. Die Blogosphäre gehorcht anderen Regeln als der Magazinmarkt. Wenn Raum und Anlass für Partikularinteressen ist, dann jetzt. Während also der Springer-CEO zur Block- oder auch Schwarmbildung aufruft, erkennt man zunehmend, dass der Schwarmbegriff als Metapher ungeeignet ist. In einer Vorlesung vom 02. Februar 1977 bestimmte Roland Barthes sehr anschaulich das Phänomen des Schwarms, dieser &#8220;zusammenhängende[n], massive[n], gleichförmige[n] Ansammlung von Individuen derselben Größe, derselben Farbe und oft desselben Geschlechts, gleich ausgerichtet, in gleichem Abstand voneinander, mit synchronisierten Bewegungen&#8221;:</p>
<blockquote><p>Wie sich Schwärme reproduzieren. Zum Laichen schieben sich Schwärme männlicher Tiere über die Schwärme von Weibchen. Die Eier steigen zusammen auf und durchqueren den Schwarm der Männchen, die ihre Milch ausstoßen. &#8211;&gt; Vermehrung ohne Kontakt, reine Gattung, ohne Subjekte. Erotisches Paradoxon: Die Körper sind eng beieinander, jedoch ohne zu lieben. (Roland Barthes: Wie zusammen leben. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 83f.)</p></blockquote>
<p>In der aktuellen Debatte um Blogs bzw. nutzergenerierte Inhalte im Internet und die professionelle/kommerzielle Produktion von Inhalten in den traditionellen Medien scheint es fasst, als seien erstere die Weibchen, aus denen zweitere unter Zugabe ihrer medialen Aufbereitungsmilch ihre Produkte hervorbringen. Die fallen dann zurück in den Reproduktionszyklus und weiter dreht der Kreisel. Beide Schwärme befinden sich allerdings in diesem Fall in einem Elitendiskurs, der eine ganze Reihe von Akteuren draußen lässt.</p>
<p>Gerade die Massenmedien, also die auf größere Lesermassen ausgerichteten Tageszeitungen, verlieren in diesem Balzkampf einen großen Teil der für sie relevanten Leserschaft aus den Augen. Sie erkennen zu wenig, dass sie in diesem Ententeich nur noch mitschwimmen und ihre gern postulierte Rolle des Schwarmführers längst im Primat der Verkaufbarkeit und der Anpassung an den antizipierten Massengeschmack verloren haben. Statt also von einer Beißerei in die andere zu stolpern, sollten sie in der Diversifikationstendenz, die im Internet eben auch und gerade existiert, das Leitmotiv für ihre eigene Perspektive sehen: Profilierung und zwar möglichst nicht über eine Abwehrhaltung, sondern über inhaltliche Qualität und Relevanz. Am besten in einer produktiven Verschränkung mit den neuen Medienformen, die mehr umfasst, als die Zugabe von etwas Milch. Und die Blogosphäre bzw. der Rest der Webgemeinschaft sollte sich vom Irrbild der Schwarmintelligenz lösen, die auch nur einem halbtrivialen ökonomischen Ansatz folgt. Roland Barthes stellte richtig fest:</p>
<blockquote><p>&#8220;Menschen: individuelle, nicht gattungsspezifische Intelligenz [...] Ethologie liefert visionäre Bilder, nicht Argumente.&#8221; (ebd.)</p></blockquote>
<p>Was dem Schwarmjournalismus wie der Schwarmintelligenz also fehlt, ist die Erotik, das Begehrenswerte, das Anziehende. Die Liebe zu dem/die Leidenschaft für das, was man tut.</p>
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		<title>Das Netz als Feind. Warum ein Intellektueller das Internet mit Wut verfolgt.</title>
		<link>http://kontext.edublogs.org/2009/05/25/das-netz-als-feind/</link>
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		<pubDate>Mon, 25 May 2009 20:47:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Medienverhalten]]></category>
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		<description><![CDATA[PDF-Version
Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)
Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), Online) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kontext.edublogs.org/files/2009/06/kommentar_soboczynski_b.pdf">PDF-Version</a></p>
<p><strong>Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)</strong></p>
<p>Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), <a href="http://www.zeit.de/2009/22/Der-Intellektuelle">Online</a>) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe des Kulturpessimismus: Die permanente Bedrohung, das &#8220;Unverstanden sein&#8221; durch die Masse, die am Ende über die Demontage des Intellektuellen sich selbst mit in den Abgrund stürzt. Das erwartet man schon mindestens hundert Jahre und jeder Popularisierungsschritt des Zugangs zu Medien hat den Wärmeofen des Lamentos neu befeuert. Die wahren Gefahren drohten eigentlich immer aus einer anderen Richtung und es gab Zeiten, in denen das kritische Hinterfragen, welches das Markenzeichen des Intellektuellen darstellt, tatsächlich und buchstäblich an die Existenz gehen konnte. Abgesehen von der konkreten Feindschaft solcher politischen Macht, die vom intellektuellen Widerspruchsgeist in ihrer Ausübung nicht gestört werden möchte, existiert eine  latent immer präsente: Die der Masse. Man kann José Ortega y Gassets Klassiker zum „Aufstand der Masse“ dem Jahr 1930 an einer beliebigen Stelle aufschlagen und losjubeln: „Ja, genau so ist es!“ Zum Beispiel:</p>
<blockquote><p>„Wenn man im Leben fortschreitet, bemerkt man bis zum Überdruss, wie wenig Menschen zu einer Anstrengung imstande sind, die ihnen nicht als genaue Antwort auf eine äußere Notwendigkeit auferlegt wird.“</p></blockquote>
<p><span id="more-49"></span><br />
Der vermasste Mensch, so die These, ist nicht fähig, seine Lebenswelt anders als selbstverständlich gegeben zu nehmen und in den Tag hinein oder für schlichte Ziele zu leben. Aus dieser Nachlässigkeit heraus zerstört er seine Lebensgrundlagen:</p>
<blockquote><p>„Bei Hungerrevolten pflegen die Volksmassen Brot zu suchen und zu dem Zweck zerstören sie die Bäckereien. Das kann als Gleichnis für die Art und Weise dienen, wie sich in größeren und verwickelteren Verhältnissen die heutigen Massen gegenüber die Zivilisation aufführen, die sie ernährt.“</p></blockquote>
<p>Interessanterweise führt sich der industrialisierte Massenmensch gerade gegen die natürlichen Rahmenbedingungen seines Daseins entsprechend nachlässig und kurzsichtig auf. Davon abgesehen stürmen die Massen aktuell, so wird oft vermeldet, die sinnstiftenden Backstuben unserer Kultur: die Zeitungen, das Buch, die Deutungshoheit der Intellektuellen. Und so, wie die obigen Revoltierenden blind vor Hunger die Produktionsstätten der Grundnahrung demolieren, ohne es an sich böse zu meinen und nur, weil ihnen die Weitsicht beim Angriff auf die Macht, die ihnen die Lebensmittel vorenthält, sind es – den Gedanken einmal weitergesponnen – die Geltungs- und Bedeutungshungrigen, die die Festen der Sinnproduktion und Welterklärung stürmen. Das geschieht ganz nebenbei. Die Zeitung selbst soll gar nicht brennen, aber man will seinen Senf eben doch dazu tun. Die Masse nimmt also das Versprechen des Pluralismus in erschreckender Konsequenz ernst, in dem sie die Einlösung der Zersplitterung der Großen Erzählungen in Myriaden kleine Stories durch Aktivität einfordert. In den 1990er Jahren hat ihnen das Privatfernsehen vermittelt, dass ihre Stimme in Talk Shows Gewicht hat. Und dem durchblicksarmen Massenmenschen entging, dass nicht die Stimme selbst irrelevant war, sondern dass es darum ging, ihn wie bei einer Völkerschau als Gegenpol zu den Normalen und Projektionsfläche für die freie und wild wuchernde Meinungsbildung preiszugeben. Nun ist es also die Kommunikationswelt des Web 2.0 und nicht einmal mehr eine am kommerziellen Ausschlachten der Schicksale oder auch nur Absurditäten oder auch nur Durchschnittlichkeiten interessierte Vermarktungsinstanz, die zeigt, was die Menschen im Innersten am Rotieren hält.</p>
<p>Wo war der Unterschied zwischen <em>Riverboat</em> und <em>Vera am Mittag</em>, abgesehen vom Sendetermin? Richtig – die Art, die Nähe der Darstellung und die Auswahl des Publikums machten den Unterschied. Irgendwie aber existierten beide miteinander und man kam sich nicht ins Gehege.<br />
Das sieht in einer Kommunikationssphäre wie dem Internet, wo vor einer zentralen Zugangsinstanz alle Äußerungen auf der syntaktischen Ebene gleich sind, etwas anders aus. Im WWW verschwinden die Grenzen und die Abgrenzbarkeit. Typisch postmodern zeigt sich im Netz, dass eben Netz und nicht Kartei heißt, dass die Schubladen Wahrheit und Fiktion, Etablierter und Außenseiter, Profi oder Laie aufgebrochen und höchst durchlässig sind.</p>
<p>Der Aufstand der Massen im Web 2.0 ist vor allem ein Aufstand der bislang Gedeuteten, die nun selbst anfangen zu deuten und somit den Boden bearbeiten, auf den die professionellen Deuter bislang das exklusive Nutzungsrecht beanspruchten. Die Enzyklopädie ist schon bezwungen, die Kunstkritik auf dem besten Weg und die politische Analyse irgendwie auch. Als problembehaftet erweist sich dabei, dass die Laieninhalte nicht durchgängig inhaltlich fragwürdiger und schlechter lesbar als die professionellen sind. In den schön aufgeräumten Barockgarten der etablierten Deutungsvermittler wuchert ein Urwald an Äußerungen, der viel Kraut und Rüben und auch manche Orchidee enthält. Man kann dies als Bedrohung sehen oder als Chance. Dass die Gärtner am Rosenbeet, also z.B. die Zeitungen, vor dem Wildwuchs fürchten, darf man ihnen nicht verübeln. Dass sich aber diejenigen, die von sich behaupten, als Botaniker mit allen Gewächsen umgehen zu können, bedroht sehen, sorgt für Erstaunen. Und noch mehr die Trotzhaltung, mit der man der Situation begegnet: Dann zäunen wir uns eben unsere Wiese ein und mähen alles weg, was uns nicht passt. Das klingt schon ein wenig nach Schrebermentalität. Aber nicht nach den Intellektuellen.</p>
<p><strong>Der Intellektuelle und die Massen</strong></p>
<p>Bei Adam Soboczynski schimmert aber genau diese Einstellung durch die Zeilen. Hier brilliert die Arroganz einer Verzweiflung, die allerdings wenig Grundlage besitzt, außer der, dass in der Diskursökonomie, wo Aufmerksamkeit und Konzentration begrenzte Ressourcen sind, manche Stimmen öfter Beachtung finden als andere. Warum aber fürchtet der geschulte Denk- und Publikationsprofi die Attacken der Hobbykritiker? Wieso fühlt er sich angesichts der Mehrheit so überwältigt? Wieso staunt er Jahrzehnte nach Jean-Paul Sartres präziser Einschätzung derart über die Bedingungen, dass er sie in solcher Form wieder aufkocht:</p>
<blockquote><p>„der Arbeiterklasse suspekt, für die herrschenden Klassen ein Verräter, die eigene Klasse ablehnend, ohne sich ganz von ihr lösen zu können“ (Sartre, 1965)</p></blockquote>
<p>Nur haben sich mittlerweile die Klassen zugunsten von Lebensstilkonzepten aufgefasert und die herrschenden Klassen sollen, wie man hört, in der Globalwirtschaft eher von konkreten Akteuren gelöste systemische Phänomene des freien Marktes sein, die unkontrollierbar noch die mächtigsten Menschen auf dem Spielfeld marionettieren. Eine Systemausprägung, die gerade nicht auf unternehmerisches Handeln zurückzuführen ist, ist die Gruppenerfindung des Internets, in dem mittlerweile selbstverständlich alles durchökonomisiert ist, aber eben anders als noch im 20. Jahrhundert. Die Industrieproduktion und die damit verbundenen Produktionsmittel sind durch Sinnproduktion und symbolerzeugende Werkzeuge ersetzt worden.</p>
<p>Der Text im Web 2.0 unterscheidet sich maßgeblich und in jeder Hinsicht von dem jenseits des Netzes. Zweifellos ist es die Aufgabe des Intellektuellen, auch in diesem Kontext als Kultur- und Gesellschaftskritiker aktiv zu werden. Insofern ist Adam Soboczynskis Artikel durchaus zur rechten Zeit am rechten Ort erschienen. Aber eben inhaltlich derartig hilflos, dass die Krähen in der Masse gar nicht wissen, wo sie zuerst zuhacken sollen. Der Intellektuelle zeigt sich in diesem Text für diese Zeit als Kritiker erschreckend dürftig gewappnet.</p>
<p>Man kann an dieser Stelle nur vermuten, dass er gerade weil ihm das System, dass da in seiner Handlungssphäre wächst, so fremdartig erscheint, einfach ganz prophylaktisch auf Abwehrhaltung geht. Die paar Kommentare, in denen Nutzer mit – wie bitte! – „technokratisch verschlüsselten Namen wie muehl500“ in nicht allzu hochstechend formulierter Ausdrucksweise bemängeln, dass seine Besprechung eines Sloterdjik-Buches zu verschwurbelt und inhaltsarm daher kam – eine Meinung die ich übrigens nicht teile –, werden einen gewieften Intellektuellen doch nicht so aus der Bahn werfen, dass der intellektuelle Störenfried mit Anspruch auf gesellschaftliche Wirkung dem nicht-intellektuellen Quälgeist mit der Reichweite des Kommentarbereichs eines Online-Artikels derart viel Aufmerksamkeit widmet. Oder doch? Man kann als Intellektueller immerhin bequemer auf eine lange Tradition von Anti-Intellektualismus rekurrieren um obendrein einer fröhlichen „Kulturkatastrophe“ zu frönen. Originell ist das freilich nicht und für die Kritik im Jetzt nur ein Winken mit einer Krücke. Im Jahr 1979 klagte z.B. Heinz Friedrich in seinen Nachrufen auf das Abendland über „Stoffhuberei, Informationstechnik, Trivialität und geistiges Gleichheitsprinzip“ als Merkmale der Bildungsdemokratie. Das kann man so im Mai 2009 genauso formuliert in jeder deutschen Tageszeitung unterbringen.<br />
Adam Soboczynski stand 1979 vor dem Einstieg in das Bildungssystem und hat es immerhin doch zu einem erfolgreichen Denker und Autoren und mehr oder weniger anerkannten Intellektuelle geschafft. Der Mensch der 1970er Jahre hat es gelernt, trotz aller Beschwörungen Heinz Friedrichs an die Eindämmung massenmedialer Reizüberflutung, in einer sich seit dem erst so richtig verbreiternden Medienwelt zurechtzufinden und ist jetzt 30 Jahre später im Durchschnitt vermutlich auch nicht dümmer oder klüger als damals. Es ist (fast immer) unglaubwürdig, wenn man behauptet, dass heute alles schlechter ist: Das Leichte und Eingängige überflügelt naturgemäß das Schwere und Sperrige und man wäre Adam Soboczynski dankbar, wenn er ein Zeitalter benennen könnte, in dem das nicht so war. Schiller hatte für seine Zeitschrift „Die Horen“ auch den einen oder anderen Kompromiss in puncto Absatzchance einzugehen. Wohin also die Sehnsucht nach einer prä-nutzerpartizipativen Zeit zielt, ist nicht ganz klar.</p>
<p>Aber angesichts dessen, was man kritischen Intellektuellen in vergangenen Jahrhunderten angetan hat, erscheint es verwunderlich bis zynisch, wenn man sich in einer Zeit, in der es derart einfach ist, seine kritische Stimme überhaupt zu publizieren und ein Publikum finden zu können, dass sogar die Gegenrede direkt zum Text stattfinden kann, über eine Einschränkung seiner Entfaltungsmöglichkeiten beschwert. Dass Intellektualismus zu einem allgemein akzeptierten und teilweise – in manchen Ecken der Hauptstadt – fast zu modisch eingekleideten Lebensstil geworden ist, dass der Intellektuelle frei und wild und hochkritisch denken und schreiben kann, hat als Errungenschaft natürlich die Kehrseite, dass vielfach die Reibung fehlt, an der sich die Wirkung entzündet. Die Stimme klingt, sie wird nur wenig gehört. Der fröhliche Chor einer vielstimmigen und multioptionalen Kommunikationskultur hat ihn in der Tat – je nach Sichtweise – vom Thron gestoßen oder der Dornenkrone beraubt. Er ist nicht mehr naturgegeben der Ungleiche unter den Gleichen, sondern nur ein Verschiedener und Verschiedenen. Die Hauptaufgabe für den Intellektuellen der postmodernen, digital orientierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wird es in dieser Phase sein, sich mit der Situation zurechtzufinden. Der Beitrag Adam Soboczynskis ist stärker unter dieser Intention zu lesen als als Netzkritik. Er ist Ausdruck der schmerzensreichen Erfahrung einer Transformation.</p>
<p>Der Preis für die freie Meinungsäußerung im Netz scheint in der Tat einerseits das Einbrechen von Mustern, die man aus der Warenökonomie kennt und andererseits ein Überborden der getätigten und sichtbar werdenden Äußerungen. So neu ist aber auch das nicht. Der Buchmarkt ist seit je ein steiles Kopfsteinpflaster (bergauf) für quer liegende Gedanken gewesen und hat eher den Massengeschmack hofiert als „Kritisches im alten Wortsinne […]: Artikel, die sich der Kunst filigraner Beurteilung und Unterscheidung, der gewagtem Infragestellung von Sachverhalten widmen.“ Dafür gab es immer ein paar publizistische Inseln und es würde verwundern, dass solche nicht auch im WWW ihre Leserschaft fänden. Es gibt in der Berliner Auguststraße ein Fachgeschäft für Zeitschriften aus aller Welt, die eindeutig die These unterlaufen, dass Print tot sei und es keine klugen Ideen mehr gibt. Es handelt sich zugegeben um Nischenpublikationen für Nischenmärkte, aber egal ob <em>Cabinet</em> oder <em>The Believer</em>: sie finden ihr Publikum. Auch wenn die Idee des <em>Long Tail</em> mittlerweile als überholt gilt, da sie eben doch vom großen <em>Retailer</em> ausging, der ein Komplettsortiment bis in die letzte Verästelung führt: Die symbolische Nische lebt, ist hoch kreativ, nicht durchgängig auf höchstem Niveau, aber dafür auf der Höhe der Zeit. Und es lässt sich in ihr leben.</p>
<p>Der Massenmarkt erodiert und entwickelt gleichzeitig wieder als Ausgleich die Integrationsmedien zwischen intellektueller Elite und zeitgeschichtlichem Interesse. Die ZEIT, deren Auflage mit weit über einer halben Millionen Exemplaren so hoch ist, wie noch nie, erfüllt eine solche Funktion und führt die beiden Interessengruppen an einer Stelle und auch auf einer Webplattform zusammen.<br />
Der durchschnittliche Zeitungskommentar im WWW hat sicher auch in der Webwelt keine Adorno-Ausgabe im Schrank bzw. irgendwann durchexzerpiert. Nun stößt er zufällig auf einen entsprechenden Text, versteht ihn nicht, schreibt nicht besonders feinfühlig „Versteh ich nicht“ drunter. Wo liegt das Problem? Dass der Autor nicht nur Salbung,  sondern mitunter auch einen Knüppel abbekommt. Da hat, nebenbei gesagt, das professionelle Feuilleton der letzten fünfzig, sechzig  Jahre schon ganz anders ausgeteilt. Und dort war es manchmal sogar vorsätzlich bös gemeint. Auf der Diskursebene wurden die Intellektuellen immer noch am stärksten von ihren Klassenkameraden attackiert. Das Massenpublikum hat sie, trotz aller Bemühungen, kaum zur Kenntnis genommen. Nun stellt sich manchmal eine Konfrontation ein und statt sich darüber zu freuen, dass vermehrt eintritt, was man vor einer Handvoll Jahrzehnten noch in Programmschriften beschwor, zeigt man sich angegriffen.</p>
<p>Die Frage lautet also besser nicht, „Wo ist das Problem?“, sondern „Wo liegt die Möglichkeit?“ Antwort: Darin, dass doch jemand der Adorno, Sloterdijk oder Adam Soboczynski bisher nicht vorrangig auf dem Zettel hätte, zufällig hineinstolpert, in seiner Irritation ein Interesse entwickelt und mal nachliest. Dazu braucht er aber auch manchmal einen Text, der ihm die Tür aufschließt. Überheblich loszuwummern, es gäbe einfach keine Leser, die „Unverstandenes als Antrieb begreifen, ihre Bildungs- und Konzentrationsdefizite zu beheben“ drückt vor allem eines aus: Hoffart.</p>
<p>Die symbolische Kultur befindet sich in einem unglaublichen Aufwind. Wer schreibt, entwickelt nahezu zwangsläufig ein Interesse an Text. Das sich dabei alle zu Kleistexegeten entwickeln wollen, ist sicher nicht das Ziel und von den Experten auch nicht gewünscht. Dass sie aber vielleicht irgendwann nach tausend Blogpostings erkennen, welche Qualität in den Texten steckt, da sie gelernt haben, wie schwer es ist, Zusammenhänge sauber und verständlich zu formulieren, darf man schon erwarten. Man erreicht nach wie vor nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Aber einen nennenswert größeren. Sich hinzustellen und der Zeitleserschaft etwas von der Gefährdung der eigenen Art vorzuschreiben, zeigt dagegen, wie wenig man sich selbst in diesem Umfeld zutraut, das am Ende genauso textbasiert ist wie das, in dem man sich traditionell bewegt. Daher ist der vorauseilende Gehorsam mancher Medienberater, die den Trend zum kürzeren Artikel in einer glattgebügelten Sprache (mitreißend, unterhaltend, nicht zu schwer) an vielen Stellen eine Kurzschlussanalyse. Hier wäre eine Kritik Soboczynski’schen Furors auf eine weitaus bessere Adresse gemünzt als bei seiner Leserschaft.</p>
<p>Aus der allgemeinen Wahrnehmung eine systematische Attacke gegen den Intellektualismus an sich und auch gegen die Kultur zu erkennen, folgt zwar gewissen Traditionen,  erscheint aber bei Lichte besehen in der vorliegenden Form mehr als verstiegen. Ein kurzer Blick auf das E-Book-Programm des Meiner-Verlags jedenfalls  führt beispielsweise nicht gerade zu der Erkenntnis, als würde man dort „sogenannten Contents radikal dem internetspezifischen Marktprinzip unterwerfen.“ Die kennen ihre Kunden und gehen damit locker um. „Der Ignorabimus-Streit“ wird sicher deutlich weniger verkauft als Adam Soboczynskis &#8220;Polski Tango&#8221; (den Amazon-Verkaufsrang als Indikator genommen). Und &#8220;<a href="http://www.perlentaucher.de/buch/25037.html">Polski Tango</a>&#8221; wird vielleicht weniger gelesen als ein Posting auf Spreeblick. Und dennoch leben alle ganz gut nebeneinander.</p>
<p><strong>Die Rolle des Intellektuellen</strong></p>
<p>Die Frage, die sich nach der Lektüre des Artikels stellt, lautet, welche Rolle die Intellektuellen, sofern sie überhaupt derart grobmaschig festlegbar sind, spielen und spielen können. Der Intellektuelle nach dem im Artikel propagierten Muster ist der so Wirkmächtige wie dabei Unverstandene am Rande, der „aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt, ist der Einzige, der die Bedingungen der Staatsform, in der er lebt, zu reflektieren vermag. Er stabilisiert Demokratie, indem er sich ihr &#8220;wesenhaft entzieht.“ Seine Stimme zählt und zwar mehr als andere. Gerade in der Demokratie.</p>
<p>Mit solcher Selbstbeschreibung besteigt Adam Soboczynski ein ziemlich hohes Ross und zwar eines, das so hoch ist, dass er sich das Geschmacksurteil von profanen Nutzern wie muehl500 verbitten und sich gern unverstanden fühlen darf. „Was kompliziert scheint, wird verhöhnt.“ Hohn und Spott sind in der Tat beliebte diskursive Werkzeuge derer, die etwas nicht verstehen, sich aber dazu äußern. Warum zeigt sich aber der Intellektuelle, dem dieser Fakt doch klar sein müsste, derart dünnhäutig und schleudert einem Kommentator der ZEIT gleich einen Feuilletonseiten-Artikel an den Kopf? Um zu zeigen, wer hier die Autorität, also die Deutungshosen an hat? Der Intellektuelle, der von sich behauptet, die Gesellschaft in der er sieht, aus der Vogelperspektive, fürchtet sich – nach seiner Logik – vor einem Steinwurf aus dem froschenen Blickwinkel. Auf eine Beschimpfung mit einer gut ausformulierten Gegenbeschimpfung zu antworten demonstriert vielleicht Fingerfertigkeit im Umgang mit der Sprache. Führt aber sicher nicht zu einer Klärung, geschweige denn einer Verständigung.<br />
Wer das Netz aber eine Weile nutzt, weiß in der Regel Bescheid, wie die 1-5 Sterne der Bewertungen, wie Kommentare zu gewichten sind. Nämlich nicht zu hoch. Nicht alles zu glauben, was im WWW steht und gerade die einfachen Urteile kritisch zu hinterfragen, gehört eigentlich zur Grundkompetenz eines jeden, der ein Browserfenster ab und an öffnet oder auch sonst sehenden Auges durch die Welt geht. Wo dem nicht so ist, muss es schon für den Selbstschutz vermittelt werden. Dafür gibt es Institutionen und dafür gibt es auch die Intellektuellen, die in gewisser Weise aufgrund ihres (manchmal nur selbsterklärten) Erkenntnisvorsprungs eine gewisse Aufklärungspflicht besitzen. Dies entspräche dem Verständnis von der Rolle des Intellektuellen, das die Schriftstellerin Sylvia Kabus in der aktuellen Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ für die Intellektuellen in Osteuropa angibt (und explizit im Gegensatz zur DDR):</p>
<blockquote><p>„Intellektuelle, so hängt es im Raum, sind in der DDR beim Volk nicht sonderlich geachtet. In Polen, der CSSR, Ungarn stellen wir uns eine aufrichtigere Nähe zum Volk, zu allen nicht akademisch Gebildeten vor, stärkere intellektuelle und seelische Intensität, auch aus nationaler Leidenschaft erwachsend, das Eintreten für Beleidigte und die Hinnahme von Not und äußerer Erfolglosigkeit, wenn es die Selbstachtung verlangt. Ist das proletarisch? Protestantisch? Indianisch? Frühantik? Es ist die Sehnsucht, eine Art Grundbedürfnis zu stillen: aus dem möglichst zunehmenden, reifenden Ich heraus den Weg auch zu anderen zu finden, fühlbar zu nutzen und anwesend zu sein.“ (Kabus, Sylvia: Kleine Tragödie des Lachens. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 21-22/2009, 18. Mai 2009, <a href="http://www.bpb.de/publikationen/JEVPYM,0,Kleine_Trag%F6die_des_Lachens.html">Online</a>)</p></blockquote>
<p>Wenn man also Leitfigur sein möchte, dann bitte richtig und nicht im Selbstgespräch analog zum Bullenzüchterzirkel. Der Intellektuelle, der als Taucher in die Tiefe geht und nicht auch ab und an irgendeine Perle von dort unten an die Oberfläche bringt, ist natürlich nicht weniger intellektuell nach seinen Begriffen. Aber er bleibt hinter dem gesellschaftswirksamen Anspruch zurück, der ihm eigentlich zusteht. In Jean-Paul Sartres <em>Plädoyer für die Intellektuellen</em> aus dem Jahr 1965 findet sich als eine Aufgabe ausgeführt: „das Wissenskapital, das die herrschende Klasse geliefert hat, zur Hebung der Bildung im Volk verwenden – das heißt, den Grundstein für eine universelle Kultur zu legen“ (S.125)</p>
<p>Bei einem Adam Soboczynski wie er hier aufspielt ist dieser Intellektuelle als „Vermittler praktischen Wissens“ (Sartre) offensichtlich nicht wohl gelitten. Er sieht sich als Opfer zweier Herren: der Masse und ihren Lenkern. Und attackiert wie in einer Übersprunghandlung dort, wo die größte Chance besteht, dieses Verhältnis zu perforieren. Während er  also die Masse in einem schlichten zweipoligen Modell als quasi natürlichen Feind des Intellektuellen ausmacht und in der Möglichkeit, der freien und durchsuchbaren Meinungsäußerung durch die Masse im Internet eine besondere Gefährdung seines Status‘ sieht, wird in Sylvia Kabus‘ Schilderung die Möglichkeit erwogen, den Intellektuellen konkret im Dienst an der Gesellschaft und damit an der Masse zu verstehen. Konfrontation oder Dialog?</p>
<p>Die Kommentare, die Adam Soboczynski so ins Mark trafen, lassen sich im Prinzip als Äußerung der Masse sehen, dass seine Botschaft von ihr nicht verstanden wird. Dass die ZEIT ihm den Raum einräumt, darüber breitseitig zu sinnieren, zeigt, dass sie die Debatte als Zielgruppenadäquate bewertet. Kritik am Web verkauft sich momentan hervorragend und die weit über hundert Leserkommentare auf ZEIT <em>online</em> verweisen auf ein weitaus Vielfaches an Seitenaufrufen, die neben dem eigentlichen Artikel auch Kleinanzeigen mit „DSL-Tarifrechner“ und „5 Tipps für Flachen Bauch“ auf den Bildschirm bringen.</p>
<p>Man kann, wenn man von der Masse verstanden werden will, ankämpfen und sie auffordern, sich gefälligst solange weiter zu bilden (passende Kleinanzeigen liefert ZEIT <em>online </em>mit), bis man sich vielleicht nicht als intellektuell ebenbürtig aber doch als gelehrtes Publikum fühlen darf, das vor allem die Höflichkeit gelernt hat, nicht unqualifiziert dazwischenzufunken. Obschon das Medium explizit dazu einlädt.</p>
<p>Man kann aber ebenso versuchen, auch die ungeschlacht hervorgebrachte Äußerung ernst zu nehmen (und von den reinen Provokationen abzuscheiden). In vorliegenden Fall des „Netz als Feind“ wird ein unglücklicher Zwischenweg gewählt: Eine Publikumsbeschimpfung, die zeigt, dass der Autor ernsthaft getroffen ist, sich aber aufgrund dieses Treffers in den Schmollwinkel verzieht, um sich eins mit all den gehassten Intellektuellen der Weltgeschichte zu fühlen. Der Text in der ZEIT dient zur Bekanntgabe dieses Schrittes und als Ruf nach Bestätigung. In solch einem Massenmedium ist es nicht schwer, gehört zu werden. Und er enthält womöglich auch einige Töne, die man aufnehmen sollte. Aber wirklich folgen möchte man nicht, wenn er dergestalt mit der Tür aus dem Haus fällt.</p>
<p>Bei allem Respekt vor dem Jahrhundertwerk von Ortega y Gasset: Die von 1940 bis heute stabile und mit ähnlichen Formulierungen klingende Klage zeigt doch erstens, dass es hier ein durchgängiges und nicht vom neuen  Medium Web abhängiges Phänomen ist und zweitens, dass die Intellektuellen trotz allem bis heute überlebt haben. Es ist durchaus die These denkbar, dass gerade die Massenkultur, die Medienkonsum verglichen zu Ortegas Zeiten ungeahntem Umfang ermöglicht hat, erst – quasi als immanenten Effekt – die Bedingungen hervorbrachte, die einer größeren Zahl von Menschen die Kulturreflektion und das Leben von dieser Tätigkeit erst möglich machte. Eine Auflage von über 500.000 und vielleicht eine Viertelmillionen Leser, die sich selbst als intellektuell bezeichnen würden: Davon konnte man bei der Weltbühne, die in Glanzzeiten an der 15.000 Exemplare-Grenze kratzte nur träumen. Bei diesem Wert liegt momentan die Auflage von Theater heute. Trotz des wuchernden Internets.</p>
<p>Das Web 2.0 ist eine Fortsetzung dieser Popularisierung von Kultur an sich, die zwar die Massenkultur fördert, aber parallel eben auch die Hochkultur. Nun setzt nach der Durchsetzung der  Massenrezeption die Massenproduktion bzw. ihre Möglichkeit ein. Es erscheint als das passende Werkzeug zur pluralen und reflexiven Gesellschaft, die in sich und allem was sie tut, ambivalent ist. Der Intellektuelle des frühen 21. Jahrhunderts muss das Nicht-Eindeutige, das Vielstimmige und das sich Entziehende denken. Auch das Netz, nicht das manifeste Schema. Er muss sich selbst hinterfragen und lernen, sich nicht übermäßig gewiss zu nehmen. Sein Text ist mehr Uwe Johnson als Thomas Mann.<br />
Eigentlich sollte man meinen, dass sich der Intellektuelle aus seiner überlegenen Warte besonders kompetent und kreativ und kritisch  im Umgang mit neuen Ausdrucksformen umgeht. Und auch als Chance für sich und seine Tätigkeit begreift.</p>
<p><strong>Der Intellektuelle und die „Revolution“</strong></p>
<p>Gerade die Kommunikationsmöglichkeiten des Web 2.0 entheben den Intellektuellen wie auch jeden anderen den Beschränkungen, die ein weitgehend rein auf Verkaufbarkeit orientiertes Publikationssystem zwangsläufig enthält. Die Ökonomie des Bestsellers kann unterlaufen werden. Der feinsinnige Blog kann immerhin entstehen – und bei Bedarf nach fünf Jahren auch noch einmal als Suhrkamp-Band gedruckt werden. Richtig: Man verdient auf der ersten Ebene kein Geld damit. Nur wird jeder Intellektuelle diese Motivation als zweitrangig abhaken. Und auf der zweiten Ebene sammelt man als Experte mitunter soviel soziales Kapital, dass sich über Vorträge oder honorierte Publikationen doch wieder Einnahmen erzielen lassen.</p>
<p>Tatsächlich leben heute viele Journalisten und intellektuell Tätige in Bedingungen, die es ohnehin erfordern, zusätzlich Einkommensmöglichkeiten jenseits des Denkens und darüber Schreibens wahrzunehmen. Das Zeilenhonorar, das für einen oft redaktionell auf den Platz in der Zeitung und mögliche Lesererwartungen passend redigierten Text irgendwann verspätet auf das Konto trudelt, ist nicht selten bestenfalls ein Zubrot. Wem am freien Diskurs gelegen ist, der sollte eigentlich das Ende der Abhängigkeiten von einer über Wohl und Wehe des Textes entscheidenden Redaktion, die dann den lange recherchierten Artikel doch wieder verschiebt, weil inzwischen ein aktuelles Ereignis mehr Aufmerksamkeit bündelt und entsprechend Vorrang hat, begrüßen.</p>
<p>Die mediale Zukunft im Web ist offener denn je. Dass die eigene Arbeit als Erwerbsarbeit untauglich ist, wird ohnehin zu einem Problem, das in einem viel weiterreichenden Rahmen gelöst werden muss. Hier treffen sich Intellektueller und Facharbeiter auf demselben Flur und vielleicht sogar im selben Webforum. Die Aussage  „Ein vom Verlag angestellter Journalist ist gegenüber dem Blogger immer schon im Unrecht“ ist genauso verkehrt wie ihre Umkehrung. Nur wird es womöglich bald keine vom Verlag angestellten Journalisten mehr geben, denn der Einkauf des Beitrags eines Bloggers ist für die Zeitung allemal günstiger. Man muss das nicht gut finden, aber man wird anerkennen müssen, dass es verschiedene Formen der Beziehung zwischen Publikationsmedien und Autoren gibt. Es gibt nicht den „Blogger“. Und es geht hier auch nicht um Recht- und Unrechthaberei.</p>
<p>Immerhin bewirkt der Medienwandel, dass immer mehr Menschen schreiben, mehr oder weniger bewusst mit Medieninhalten hantieren und in eine textuelle Kommunikation treten. Das Niveauist, etwas ungerecht schematisiert,  in der Tat oft mehr BILD als ZEIT. Aber abgesehen von Aspekten wie Lektorat und Stil scheint es nicht unbedingt nennenswert anders verteilt als bei dem, was aus der Gutenberg-Galaxis so alles in den Buchhandel rotiert. Zudem zeigt ein großer Teil dessen, was gerade in Foren oder als Kommentar geäußert wird, deutlich seine Wurzeln in der Oralität: Man schreibt, was man auch sagen würde, wenn denn einen jemand nach der Meinung zu einem Inhalt fragte. Das passiert nun vielleicht in der wirklichen Welt nicht allzu oft, weswegen gerade die sonst wenig Gefragten nun besonders gern mit ihrem Verständnis in die Diskussion eintreten wollen. Dabei sind die „Fetische“ „Kooperation und Austausch“ bestenfalls als <em>Marketing-Buzzwords</em> von Bedeutung. Denn das eigentliche Element, ist die Freude an der Sache. Und vielleicht, aber mit einigem Abstand, die Hoffnung auf den Erwerb sozialen Kapitals. Ohne eine Lust am Text im Web würde es keine Blogosphäre geben. Der Kitzel, den der Blogger dabei empfindet, wenn er über seine Radwanderung durch den Naturpark Dahme-Heideseen berichtet, dürfte sich nicht unbedingt großartig von des Intellektuellen unterscheiden, der gegen das Web anschreibt.</p>
<p>Aber was unterscheidet die Teilnehmer am Laiendiskurs im Web 2.0 vom Intellektuellen Adam Soboczynski? Der Bildungshintergrund? Die Publikationsliste? Das Selbstbild? Die Unbedarftheit? Seine Reaktion auf die Kommentare zu seiner Sloterdijk-Besprechung zeigt deutlich, dass er  bei der Bewertung der Kommunikationskultur im Internet bestenfalls auf einen laienkulturellen Qualifikationsstand zurückgreifen kann. Jede/r ist Laie, irgendwo. Sicher kann man argumentieren, er hat niemanden zum Kommentieren eingeladen. Aber dann muss er sich wirklich einmal als „Gegner selbst noch des Publikationsorgans, für das er schreibt, das ihm – dem ersten Anschein nach in geradezu widersinniger Weise – den Broterwerb sichert“, erweisen und eine Webpublikation seiner Texte untersagen. So erscheint er aber nur wie ein Liebhaber der Neuen Musik, der in einem Technoclub auf dem Tanzboden steht und sich beschwert, dass niemand Karlheinz Stockhausen auflegt.</p>
<p>Der Art von Intellektualität, die sich in „Das Netz als Feind“ äußert und völlig überzogener Weise davon ausgeht, dass das Medium den Boden für einen Hass auf Intellektuelle bereitet, fehlt es offensichtlich und bedauernswerter Weise an Fantasie und Fähigkeit, ihre Diskuspraxis adäquat in digitale Diskursumgebungen zu übertragen. Natürlich scheint es zunächst so, als würde der Nischenblogger mit seinen sorgfältig ausformulierten kulturkritischen Texten angesichts der bloßen Masse weniger elaborierter Sinn- und Symbolangebote untergehen. Unter Strich erreicht aber vielleicht doch mehr Leser als je zuvor. Und womöglich sogar offenere, verständnisvollerer, interessiertere.</p>
<p>Denn das Web als Möglichkeitsraum erlaubt eigentlich einen vielfältigen Dialog jedweder Art. Die Komplexität erweist sich in der Praxis sicher als Grenze und das Hauptproblem. Das heißt nicht, dass man für den Umgang damit nicht eine wunderbare pragmatische Lösung findet, an deren Ende ein „mehr als zuvor“ steht.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Es liegt der Verdacht nahe, dass es in den breit geführten Deutungskämpfen weniger um eine Intellektuellenfeindlichkeit geht, sondern darum, dass sich eine mitunter mehr erklärte denn bewiesene Geistesaristokratie mit einer Entwicklung konfrontiert sieht, die ihren bisherigen Erklärungsmodellen nicht entspricht. Eine besondere Furcht scheint man vor der „free culture“ zu haben, die einerseits – was man noch als Piraterie erklären kann – die Rezeption dem Verwertungsregeln entzieht und andererseits, was für die klassischen Medien und Deutungsinstanzen noch schwerer zu verstehen ist, Inhalte jenseits eines ökonomischen Verwertungsanspruches erstellt und verteilt. Es ist unwahrscheinlich, dass eine nennenswerte Zahl von Akteuren tatsächlich auf Intellektuellenhatz zieht oder das Medium Zeitung ruinieren möchte.</p>
<p>Was vielmehr geschieht, ist, dass sich bestimmte Gruppen Medienumgebungen schaffen, die ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechen. Man kann dies mit pejorativen Kügelchen wie  „Unbedarftheit“ oder „Laienkultur“ beschießen. Man wird sie aber nicht treffen. Die Autoren der Wikipedia schreiben nicht gegen Adam Soboczynski und auch nicht gegen den Brockhaus. Sie schreiben, weil es ihnen Freude macht. Sie erheben gerade nicht den Anspruch, ein fertiges und perfektioniertes Werk abzuliefern. Sie schreiben einen unendlichen Raum, in dem sie ihre Erkenntnis einbringen, verändern, kommentieren und diskutieren. Sie stören sich nicht an Unabgeschlossenheit und an Vorläufigkeit. Sie basteln an ihrer Wirklichkeit.</p>
<p>Die Wikipedia ist weniger eine Enzyklopädie als eine Plattform, auf der Debatte darüber geführt werden, wie bestimmte Phänomene im Allgemeinen beschreibbar sind. Sie ist sozusagen ein dynamisches Volkslexikon. Die Expertenlexika scheitern nicht an der Wikipedia, sondern an den Möglichkeiten eine in komplexen Verästelungen erkannte Welt adäquat und in einer nach ihrem Geschäftsmodell wirtschaftlich tragfähigen Form abzubilden. Die Wikipedia ersetzt sie nicht – bereits die CD-ROM in den 1990er Jahren galt als Ablösung der Printausgaben. Sie stellt eine Nutzungsform des virtuellen Möglichkeitsraums WWW dar.</p>
<p>Es ist an vielen Stellen in den Kommunikationswelten des Web 2.0 sicherlich von einer gewissen Naivität gepaart mit oft erschreckend stumpfer Technikeuphorie  auszugehen. In jedem Fall gibt es auch hier unerfreuliche Nebeneffekte, die zu durchleuchten, zu analysieren und wo möglich auszugleichen sind. Die Intellektuellen haben darüber hinaus auch die Aufgabe, in die Suppe zu spucken, müssen aber auch damit rechnen, selbige im Anschluss wie alle anderen auslöffeln zu müssen. Auch sie sind nur eine Klasse mit beschränkter Weitsicht. In der aktuellen Gesellschaft scheinen sie aber im Gegensatz zum Lärm, den mancher schlägt, eigentlich wenig bedroht und so kann man sich dem Eindruck nicht gänzlich entziehen, dass sie sich eben nicht den geltenden Kommunikationsprinzipien entziehen, sondern fein nach den Regeln mitspielen: Je mehr man öffentlich betont, wie wichtig man ist, desto mehr meint man sich zu legitimieren und abzusichern. Adam Soboczynski irrt, wenn er meint, (mit) &#8220;zum Plumpesten gehört die Kritik an der Kulturkritik.&#8221; Denn die Kritik an der Kritik an der Kulturkritik erweist sich manchmal als noch gröbere beleidigte Leberwurst. Sich hinzustellen und Karl Kraus‘ berühmte Überspitzung „Eine Welt, die ihren Untergang ertrüge, wenn ihr nur seine kinematographische Vorführung nicht versagt bleibt“ auf die Kommunikationstechnologie des frühen 21sten Jahrhunderts zu übertragen, ist zwar ein wohliges Schlammbad im selbstmitleidigen Glück des Unverstandenen. Aber es enthält in der in ihm wohnenden Arroganz der Verzweiflung keinen Funken Lösung. Eine sich mit der Ausrufefrage „Aber auf welchem Niveau?!“ auf eine aus Stilbewusstsein und anspruchsvoller Wahl der Bezugspunkte berufende Autorität wird den Bedingungen, unter den der Intellektuelle im Jahr 2009 lebt und denkt, nicht gerecht. Und lässt die gelassene Überlegenheit vermissen, die den Intellektuellen gemeinhin auszeichnet.</p>
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		<title>In angenehmer Wissensgesellschaft: Eindrücke von einer Konferenz zum &#8220;Wissen und Eigentum im digitalen Kapitalismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 18:15:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war schon ein stückweit Wohlfühlatmosphäre, die der Bundestagsfraktion DIE LINKE für die Suche nach der Antwort auf die Frage, <a href="http://www.linksfraktion.de/termin_der_fraktion.php?artikel=1669249795">wem denn das Wissen (im digitalen Kapitalismus) gehöre</a>, gelang. Mittelhochoben im vierten Stockwerk des Filmhauses nahe dem Potsdamer Platz  mit schönem Ausblick in den Innenhof des Sony-Centers und in die Wohnzimmer der <em>Esplanade Residence</em> fand sich der Besucher in einem weitgehend dissensarmen Raum – was die <em>Panels</em> vor 16 Uhr betrifft – mit recht üppigem Catering und vor einer guten Zusammenfassung dessen, was mehr oder weniger dieser Tage als zeitgemäße Sicht auf die Digitalität in Deutschland zu bewerten ist.</p>
<p>Hätte Matthias Spielkamp nicht während seines <em>Panels</em> zur Internetkultur, das in der Umsetzung den „Kommunismus“ im Titel zugunsten eines pragmatischeren Ansetzens an der Frage nach möglichen, sinnvollen und mehr oder weniger zweckgemäßen Vergütungsmodellen verlor, nicht darauf hingewiesen, dass es andernorts ganz andere Denkmuster gibt, die eben nicht, wie seine <em>Panel</em>partner Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats und sogar Stefan Michalk, Geschäftsführer des Bundesverbands der Musikindustrie, dem Musiker Billy Bragg darin zustimmen – und zwar nicht einmal zähneknirschend –  dass die Zahnpasta (=Inhalte) aus ihrer Dose (=materielle und daher halbwegs kontrollierbare Datenträger) unwiederbringlich in die Mundhöhle des Internets gedrückt wurde und dort auf <em>Torrent</em>- und anderen -basen vor sich hin schäumt, man hätte fast glauben können, die Zeitungen lögen wie gedruckt und es gäbe  gar kein substantielles Problem zwischen der Netzkultur und der etablierten Kreativindustrie.</p>
<p>Kleine Differenzen gibt es schon. Stefan Michalk sieht z.B.  erwartungsgemäß in der Remix-und Kreativ-Kultur bislang keineswegs den freien Nährboden für hochwertige und einer industriegeförderten Tonkunst vergleichbaren Leistungsmusik (die <em>Arctic Monkeys</em> explizit und zwei, drei andere implizit ausgenommen). Er hielt sich aber fernab davon, Zeter und Mordio und den Untergang des musikalischen Abendlandes in die Runde zu schmettern, und blieb durchgängig sachlich und fast pragmatisch. Da ist die Musikbranche doch mancher Stimme aus dem Verlagsumfeld tatsächlich ein paar Jahre voraus.</p>
<p>Das Realitätsbewusstsein war also in diesem <em>Panel</em> bei allen Teilnehmern etwa auf dem gleichen Niveau und in der nahezu gültigen Einschätzung des übergewichtigen Maßes an Ungewissheit, was denn morgen sein wird, ebenfalls. Die Kulturflatrate wurde hineinjongliert und hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzung fast schon wieder verworfen. Raubkopierer sind auch nicht mehr <em>per se</em> Verbrecher, sondern manchmal auch Söhne von Branchenrepräsentanten und aus dem Publikum kam die Anregung, <em>Filesharing</em> doch bitte als Kulturtechnik zu begreifen. Da ging dann nicht mehr jeder mit, aber begrüßt wurde die Überlegung als Beitrag zu Diskussion trotzdem und beinahe herzlich. Denn, so der Konsens, die Welt bewegt sich und wir sollten darüber reden, was wir mit dieser Tatsache anfangen können.<br />
Herausgehoben interessant für diejenigen mit einem an der Frage nach der Wissenschaftskommunikation im Internet ausgerichteten Blick war natürlich das <em>Panel</em> zu „Open Access und Creative Commons“, dessen programmatische Nachfrage „Ende oder Beginn freier Wissenschaft?“ allerdings keine ausdrückliche Antwort fand.</p>
<p>Der Heidelberger Appell schwebte selbstverständlich über dieser Runde und Sabine Cofalla vom Berliner Akademie-Verlag lobte ihn noch einmal für seine in der Tat eindrucksvollste Leistung: die Debatte zu entzünden. Ansonsten ist aber über seinen widersprüchlichen Charakter und z.T. hanebüchenen Inhalt derart viel an anderen Stelle geschrieben und gesagt worden, dass er und sein Initiator Roland Reuß zwar als festes Symbol mit auf dem Podium sitzen, inhaltlich aber kein weiterer Kommentar notwendig erscheint.</p>
<p>Die mittelständischen Verlage, so Sabine Cofalla, haben eigentlich kein Problem mit Open Access, wohl aber mit einem pauschalen Ansatz, der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation als etwas Homogenes begreift. Denn es sind die Geisteswissenschaftler doch deutlich anders ausgerichtet, als die STM-Vertreter. Für die Erstgenannten geht die Sorgfalt der Publikation (auch in handwerklicher Hinsicht) in der Regel über die Publikationsgeschwindigkeit. Sie sind oft nach wie vor mit dem Medium Buch ganz zufrieden.</p>
<p>Man hätte obendrein auch einmal nachfragen können, ob die innovationsausgerichteten STM-Fächer nicht strukturell sogar weitaus stärker einem auf Funktionalität und Effizienz setzenden Muster folgen, also diskursökonomisch optimierter als die Geisteswissenschaften sind, deren Kommunikationsmuster sich zu einem gewissen Anteil auch an ästhetischen Kriterien orientieren und sich daher auch gern mit einem  adäquaten Rahmen präsentieren. Wo in der Naturwissenschaft einerseits der eindeutige Fakt zählt und andererseits – unter der Beachtung von Phänomenen wie dem <em>Impact Factor</em> – <em>wo</em> er bekannt gemacht wird, sucht die Geisteswissenschaft das Argument, die Interpretation und achtet dementsprechend stärker darauf, <em>wie</em> etwas gesagt wird. Da diese Idee erst hinterher dazu perlte und auf dem Podium ohnehin die Zeit knapp war, bleibt nur, sie hier kurz zu notieren und weiter zu bedenken.</p>
<p>Abgesehen von der empirisch noch zu klärenden Frage, inwiefern Akzeptanzprobleme des Open Access in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten auf rezeptionsästhetischen Ursachen beruht, bleibt natürlich auch das Problem der Finanzierung. Zurecht wurde angemerkt, dass die Etats in den Naturwissenschaften und damit auch die finanziellen Mittel, um Publikationen auf dem goldenen Weg in die allgemeine Zugänglichkeit zu führen, ganz andere Dimensionen erreichen, als in geisteswissenschaftlichen Disziplinen.</p>
<p>Was Christoph Bruch von der Max-Planck-Gesellschaft einfach als Umlagerung der Subskriptionskosten in Vorfinanzierung ansieht, also vom Ende der Publikationskette an ihren Beginn, funktioniert vielleicht in den Zeitschriftenwissenschaften. Bei den Buchwissenschaften scheint dagegen so manche Holprigkeit zu überwinden. Die Beispielrechnung, die Matthias Spielkamp einwarf, nämlich, dass bei einem Druckkostenzuschuß von 5000 Euro und den Absatz von 200 Exemplaren  à 100 Euro an Universitätsbibliotheken die öffentliche Hand ja bereits 25.000 Euro an den geisteswissenschaftlichen Verlag auszahlt, ließ Sabine Cofalla souverän mit der Entgegnung abblitzen, dass die Bücher ihres Verlages eben keine 100 oder 150 Euro kosten und sie mit diesen dennoch gern die schwarze Null erreichen würde. Bei einem Modell, dass eine einmalig Zahlung für die Verlagsdienstleistungen vorsieht, wäre die Chance, weitere Exemplare auch an Privatpersonen abzusetzen und darüber Einnahmen zu generieren, dahin.</p>
<p>Nicht erwähnt wurde dabei, dass sich womöglich gar nicht 200 Bibliotheken finden, die das Buch erwerben, u.a. weil – wie der ebenfalls auf dem Podium anwesende Wolfgang Coy von der Humboldt-Universität einmal an anderer Stelle bemerkte &#8211; Akteure wie Elsevier versuchen, den gesamten Bibliotheksetat gleich auf ihr Konto umzuleiten. Da bleibt nicht mehr viel für Monographien des Akademie-Verlags. Die Zeitschriftenkrise ist auch in den Naturwissenschaften trotz relativ elaborierten OA-Formen noch längst nicht vorbei.</p>
<p>Überhaupt war die Verlagsleiterin des Akademie-Verlags eine Vertreterin, die nun nicht unbedingt ins initiale Problemfeld des Open Access passt: Ein hochsympathischer Verlag mit einem wunderbaren Programm, angefüllt mit Titeln, die man auch gern privat am Abend im Wohnzimmer zur persönlichen Wissenserweiterung lesen würde und dem man zweifellos ein langes und gedeihliches Leben wünscht, gehört kaum in die Reihe derer, die die Motivation zur Entwicklung alternativer Publikationsmodelle aufgrund ihrer Preispolitik nennenswert beschleunigt haben.</p>
<p>Unglücklicherweise hat man in Heidelberg den Ursprungshintergrund der OA-Bewegung nicht verstanden und unglücklicherweise hat vielleicht bei der DFG auch etwas Sensibilität gefehlt. Wenn die Sage denn stimmt, stellte sie eine Projektförderung für Roland Reuß in die Abhängigkeit davon, dass er sein Resultat auch frei zugänglich macht, wofür ihm sein Verlag den Korb gab und das Projekt platzte und darauf dem Abgelehnten der Kragen. Den Rest kann man in der FAZ und in der Frankfurter Rundschau nachlesen. Dafür, dass die Vorgeschichte so stimmt, übernehme ich keine Garantie, nur klingt das Lied der Spatzen von den Dächern so ähnlich.</p>
<p>Verbindlich ist dagegen, dass auch Christoph Bruch die Möglichkeit, nicht zureichend Aufklärungsarbeit hinsichtlich Open Access bei den Geisteswissenschaftlern (und ihren Stammverlagen) geleistet zu haben, einräumte. Das passt gut in die Forderung von Sabine Cofalla, dass Open Access in den Verträgen mit den Verlagen differenziert behandelt wird. Sehr viel ist möglich, man muss es nur absprechen und aushandeln.</p>
<p>Dies erfordert von den institutionellen Anbietern bei der Gestaltung von Mandaten einen flexibleren Ansatz, wobei angemerkt wurde, dass deutsche Mandate relativ zurückhaltend formuliert sind. Dass das Urheberrecht, welches man bei den Diskussion gern und oft mit dem Nutzungs- und Verwertungsrecht verwechselt, durch Open Access nicht verletzt wird, versteht sich eigentlich von selbst, muss wohl aber zur Präzisierung immer wieder mal klar gestellt werden. Die Einmengung des Ausdrucks <em>Copyright</em> in die Urheberrechtsdebatte, die immer zwangsläufig immer dann erfolgt, wenn die geographische Betrachtungsgrenze überschritten wird, ist natürlich wenig hilfreich und führt regelmäßig zu Missverständnissen. Für eine global orientierte Wissenschaft ist das natürlich sehr problematisch. Denn gerade Naturwissenschaftler publizieren vergleichsweise selten in deutschen Publikationen (selbst <em>Springer Science+Business Media</em> ist halb luxemburgisch). Deutsche Geisteswissenschaftler dagegen eher schon. Auch das wird häufig in der Diskussion übersehen.</p>
<p>Auf dem Podium wurde die Unveräußerlichkeit des Urheberrechts frühzeitig betont. Nicht so klar war dagegen so manchem im Publikum angesichts des freundlichen argumentativen Miteinanders der Diskutierenden, wo denn eigentlich das Problem sei. Jedenfalls merkte Olaf Zimmermann dies in seinem Zwischenruf an. Die grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit, so sein Argument, stelle doch jedem frei nach dem Open Access-Verfahren zu publizieren. Dass Wissenschaftler bisher dennoch zu den Verlagen gingen, läge wohl auch daran, dass die Wissenschaftsinstitutionen bislang keinen befriedigenden Ersatz für die Verlagsdienstleistungen entwickeln konnten. Wer einmal versucht hat, ein fertiges Dokument nach einer Formatvorlage für ein Repositorium anspruchsgerecht umzuformatieren, mag ihm zustimmen. Wer aber einmal seinen Text ebenfalls selbst nach Vorgabe formatiert und als druckfertiges PDF zu einem größeren Zeitschriftenverlag eingereicht hat, fragt zu Recht: welche Dienstleistung? Hier ist wirklich und dringlich zwischen den Zeitschriftenverlagen und den Buchverlagen mit den damit assoziierbaren Wissenschaftskulturen zu unterscheiden.</p>
<p>Ein weiterer Aspekt, den Wolfgang Coy in der Erwiderung in die Diskussion steuerte, ist das Argument, dass Wissenschaftsfreiheit nicht eine uneingeschränkte Publikationsfreiheit bedeutet. Das mag Volker Rieble (vgl. <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=6829">hier</a>) ganz anders sehen, aber zu bedenken ist allemal – und besonders auch im Vergleich zu anderen Erzeugern von Kreativerzeugnissen – ob jemand, der als festangestellter Wissenschaftler dafür bezahlt wird, <em>dass</em> er publiziert, nicht auch darauf verpflichtet werden kann, <em>wo</em> er (parallel) publiziert. Wohlgemerkt: Nicht darauf, <em>was</em> er publiziert! Das Gelände ist verminter als man auf den ersten Blick annimmt, denn wie will man einem Hochschulprofessor nachweisen, dass er sein Lehrbuch nicht in seiner Freizeit, also unabhängig von seiner bezahlten Arbeitszeit, verfasst hat. Und wie will man die Autonomie der Wissenschaftsgemeinschaft, die auch auf die Strukturen der Wissenschaftskommunikation unabhängig von der konkreten institutionellen Anbindung ihrer Mitglieder zurückwirkt, an dieser Stelle berücksichtigen. Mit Zwangsmandaten wird man hier nicht allzu weit kommen. Da sind Embargo-Zeiträume schon eine bessere Alternative, die selbst bei eher konservativ eingestellten Wissenschaftsverlagen fruchten könnte.</p>
<p>Auch wenn allgemein angenommen wird, dass das Internet schon aus den Kinderschuhen heraus ist, zeigt es sich, dass es bei vielen Buchverlagen (meist jenseits der Wissenschaft) erst jetzt als potentiell primäre Textplattform erkannt wird. Auslöser ist wohl die Aussicht auf die kommerzielle Verwertbarkeit der vom Trägermedium losgelösten Inhalte, die Amazon und Sony mit ihren E-Book-Ambitionen in den letzten zwei Jahren massiv beförderten. Dass sich aber schon weitaus länger und spätestens mit der Durchsetzung des so genannten Web 2.0 eine unglaubliche Textproduktion ausschließlich im Web vollzieht, die auch die Wissenschaftskommunikation beeinflusst, dämmert den traditionellen Buchverlagen erst allmählich. Wenn Christoph Speer daran anschließend in seinem Zwischenruf aber davon ausgeht, dass Texte generell ins Internet abwandern und dann bei besonderer Popularität von Verlagen als „qualifizierten Druckereien“ in Bücher geformt werden, dann folgt er zwar einem naheliegenden <em>Print on Demand</em>-Gedanken, spannt den Bogen aber doch ein wenig weit ins Ungewisse. Und unterschätzt womöglich die Trägheit (buchstäblich und wertfrei gemeint) von bestimmten wissenschaftlichen Kommunikationspraxen.</p>
<p>Schließlich wurde noch sehr richtig angemerkt, dass ein Hemmschuh für das Open Access und gleichzeitig das Treibmittel für die Spirale der Preissteigerungen im Zeitschriftenbereich, in einem eigenwilligen bis „kaputten“ Zitationssystem zu suchen ist, das mithilfe eines „Impact Factors“  im Prinzip die Währung der Wissenschaft „Reputation“ in die Währung des Marktes „Geld“ übersetzt, an sich aber an Objektivität zu wünschen übrig lässt. Daran, dass die „Reputation“ ihren Stellenwert im Sozialsystem Wissenschaft behalten wird, zweifelt wohl niemand. Nur müssen, so die Ansicht, neue, am besten web-gerechte <em>Ranking</em>-Verfahren entwickelt werden.</p>
<p>Ebenfalls eindeutig ist, was Olaf Zimmermann weiterhin anmerkte: Der institutionell angestellte Wissenschaftler muss im Gegensatz zu den Künstlern nicht von seinen Publikationen leben. Er könnte es in der Regel auch nicht, denn im Normalfall bekommt er von den Verlagen sein Honorar nicht in Geld sondern in potentiellem Reputationsgewinn dank Verlängerung der Publikationsliste. Die Dienstleistungen zur formalen Sicherung der Wissenschaftskommunikation (inklusive der Begutachtungsverfahren) müssen natürlich erbracht und bezahlt werden. Darüber hinaus besteht aber eigentlich keine Notwendigkeit, Wissenschaftspublikationen den Bedingungen des allgemeinen Buchmarkts zu unterwerfen. Wohin die Debatte also führen sollte, ist eindeutig: Zu einer Differenzierung des urheber- und verwertungsrechtlichen Rahmens für wissenschaftliche Publikationen.</p>
<p>Und die Antwort auf die Frage, wem Wissen gehört? Bis 16 Uhr gab es sie nicht und danach musste ich fort. Ein klassischer Leitsatz der Informationsökonomie lautet aber: Information ist keine Ware wie jede andere. Wissen, das über die Verknüpfung von Informationen (und manchmal Bauchgefühl) und immer individuell erzeugt wird, ist noch weniger in einem Warenbegriff fasslich. Das Wissen gehört dem, der es hat und da es wunderbar dynamisch ist, kann selbst der es nicht festhalten. Nur versuchen, es aufzuschreiben. Während man also den Zugang zu Wissensrepräsentationen regulieren kann, scheint sich das Wissen an sich der Diskussion zu entziehen. Kurz: Wir verhandeln nicht das Wissen, wir verhandeln die Bedingungen für seine Entstehung. Und die sollten in einer Wissenschaftsgesellschaft möglichst für und nicht gegen die Allgemeinheit wirken.</p>
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		<title>Ein freier Download ist noch kein Open Access. Die FAZ zu einer Tagung.</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Apr 2009 10:17:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Thomas Thiel]]></category>
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		<description><![CDATA[Oha! Der Wagen läuft und läuft und die Debatte zur Themenkonstellation Internet – Gratismentalität – Kulturverfall – Piraten gibt dem Betrachter das Gefühl, er taumele geradewegs über die Monkey Island. Dies gilt besonders und bedauerlicherweise für die Qualitätspresse, die hier Textbaustein an Textbaustein reiht um schließlich die LeChucks der sieben Webmeere mit Malzbier zu bezwingen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oha! Der Wagen läuft und läuft und die Debatte zur Themenkonstellation Internet – Gratismentalität – Kulturverfall – Piraten gibt dem Betrachter das Gefühl, er taumele geradewegs über die Monkey Island. Dies gilt besonders und bedauerlicherweise für die Qualitätspresse, die hier Textbaustein an Textbaustein reiht um schließlich die LeChucks der sieben Webmeere mit Malzbier zu bezwingen. Man könnte nun sagen, dieses Schiff sei längst abgefahren.</p>
<p>Man könnte aber auch sagen, dass so mancher Journalist in seiner hanebüchenen Annäherung an das Thema dahingehend offenbart, dass er nicht einmal mit Wasser kocht. Heute ist in der Frankfurter Allgemeinen der erstaunlicherweise und sicher für einen Artikel aus seinem Fachgebiet mit dem Axel-Springer- Preis 2008 ausgezeichnete Germanist und Feuilleton-Mitarbeiter Thomas Thiel an der Reihe, mit bestenfalls Zehntelwissen über das, was „Open Access“ ist, zu brillieren. „Es ist nicht die Zeit für leichtfertige Reden.“ Recht hat er. Warum tut er’s aber?: <a href="http://www.faz.net/p/Rub013457531D514A289550C982F21BCDBF/Dx1~E85dfb0a6f85348027eaca634fe7305ac~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Ein Handyton ist keine Symphonie</a>.</p>
<p>Sein Bericht zur Brüsseler Goethe-Instituts-Konferenz über den „Schutz geistigen Eigentums im digitalen Raum“ beruht nämlich auf der irrigen Annahme, <em>Open Access</em> hätte irgendetwas mit der Musikindustrie zu tun. Den Tipp hat er wohl von seiner Kollegin Sandra Kegel, der ja bereits am Samstag ihr <a href="http://www.faz.net/s/Rub5A6DAB001EA2420BAC082C25414D2760/Doc~EB0BCF2CAEAF146C29F4668106DF43986~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Kommentar auf der Titelseite</a> der FAZ derart entglitten ist, dass man als Kioskleser gleich das ganze Blatt wieder auf den Stapel zurückwarf. Man kann, darf und muss sicher bei dieser Diskussion problematisieren, was das Zeug hält. Das befreit einen aber noch nicht davon, wenigstens einmal in der Wikipedia nachzulesen, was Open Access eigentlich bedeutet. Dann unterbietet man nicht noch Roland Reuß in Unkenntnis der Materie:</p>
<blockquote><p>„Den Vertretern des Open Access reicht meist die Schreckkulisse der vier major labels, die den Musikmarkt im Würgegriff halten, der Medientycoone vom Format Berlusconis oder Murdochs, um mittelständische Betriebe, Kleinverlage oder Garagenlabels in Sippenhaft zu nehmen und die Abschaffung jeder Art von Vermittlungsinstanz zu fordern.“</p></blockquote>
<p><em>Open Access</em> pfeift auf Universal, Sony, Berlusconi und Rupert Murdoch. Und zwar nicht, weil es für freie Unterhaltung für freie Bürger eintritt, sondern weil diese Akteure nichts, aber auch rein gar nichts mit wissenschaftlicher Kommunikation zu tun haben. Und die Open Access-Bewegung möchte auch keinen mittelständigen Verlag und auch kein kleines Garagenlabel enteignen. Nein, wirklich nicht. Sie fordert nirgendwo die Abschaffung für Vermittlungsinstanzen für derartige Kulturprodukte. Sie möchte einzig (vorrangig natur-) wissenschaftliche Publikationen – und zwar nicht einmal ausschließlich sondern gern parallel zu einer Verlagspublikation – für andere Wissenschaftler und mittelbar natürlich für die interessierte Öffentlichkeit ohne große Hürden zugänglich machen.</p>
<p>Die Aussage Thomas Thiels, die Open-Access „favorisiert den Feierabendkünstler, den Sampler und Tüftler, den es vor urheberrechtlichen Behinderungen bei seinen Collagen zu schützen gilt“ zeugt also entweder von einem sehr abwertenden Verständnis von Wissenschaft oder schlicht von einer beeindruckenden Unbedarftheit gegenüber der Materie. Der Physiker als Feierabendkünstler. So dummdreist arrogant müsste man erst einmal sein.</p>
<p>Im Ernst: Natürlich mein der vielfältig studierte Feuilletonist etwas anderes, nämlich die Gruppe, die gemeinhin als Piraten gelabelt wird und zu denen streng genommen jeder gehört, der sich ein Bundesligator oder ein nicht autorisiert eingestelltes Musikvideo bei Youtube anschaut (bzw.<em> entert</em>). Also vermutlich jeden, vielleicht einige Mitglieder der FAZ-Redaktion ausgenommen, was ihren Informationsrückstand in Internetthemen erklären mag. Und eventuell Myriam Diocaretz vom europäischen Schriftstellerverband, die prophezeit:</p>
<blockquote><p>„Open Access wird zum Aussterben des Schriftstellers führen, und zwar des ganzen Berufs“</p></blockquote>
<p>und wohl auch noch mal zur Wikipedia muss. Vielleicht weiß sie aber auch mehr und die DFG zwingt jetzt auch Daniel Kehlmann zur Publikation seiner Wissenschaftsgeschichtsprosa auf freien Servern. Und Rowohlt alle Nabokov-Texte, in denen Anspielungen auf Lepidoptera zu entdecken sind, frei interessierten Zoologen zur Verfügung zu stellen. Was die Debatte anscheinend dringlich braucht, ist eine offene Open Access-Nachschulung und obwohl die dafür notwendigen Dokumente weitgehend frei im Internet verfügbar sind, werden sie anscheinend nicht heruntergeladen. So vervielfältigungsgeil scheint der normale Nutzer also gar nicht zu sein&#8230;</p>
<p>Ein anderer zentraler Aspekt, der auf den ersten Blick irritiert, weil er sich mit dem geläufigen Verständnis von Öffentlichkeit nicht deckt, betrifft ein Argument des Medienwissenschaftlers Geert Lovink, der laut Thomas Thiel davon ausgeht, dass</p>
<blockquote><p>„Wenn die Arbeit von Autoren und Verlegern unbezahlt vervielfältigt würde, […] die Grundlage öffentlicher Meinungsbildung, damit auch die Demokratie bedroht. Es habe sich gezeigt, dass Blogs die umfassende Berichterstattung nicht übernehmen können, und gleichzeitig sorgfältiger publizistischer Arbeit zunehmend die finanzielle Grundlage wegfallen.“</p></blockquote>
<p>Man kann es auch so lesen: Ausgerechnet der freie und damit konsequent öffentliche Zugang zu Information gefährdet die öffentliche Meinungsbildung und damit die Demokratie.</p>
<p>Ein Monatsabo einer der beste Tageszeitungen der Welt kostet immerhin etwa 25 Euro mit Monat, dass der FAZ 39,50. Damit werden bestimmte Gehaltsgruppen konsequent vom Zugang zu solcher „sorgfältigen publizistischer Arbeit“ zunächst einmal ausgeschlossen. Ob diese Zugangsgestaltung die Demokratie fördert, darf man ruhig mal hinterfragen. Ich würde jedenfalls jemandem, der 40 Euro im Monat für Berichterstattung auszugeben bereit ist, in jedem Fall eher zu einer Internet-Flatrate als zu einer Papierflatrate der FAZ raten.</p>
<p>Dass freier Zugriff die Demokratie bedroht, meint Geert Lovink hoffentlich nicht. Er weist wahrscheinlich irgendwie zu Recht auf das Grundproblem hin – und nicht ein Vertreter der Open Access-Bewegung wird ihm da widersprechen – dass auch Autoren, selbst Blogger von etwas leben müssen. Sonst können sie einfach nicht schreiben. Die Frage ist, ob dies im digitalen Umfeld über eine Exemplarabrechnung sein muss.</p>
<p>Diese Brüsseler Zuspitzung ist an sich natürlich fahrlässig, denn der Artikel suggeriert, dass keine Alternative zu den 1,90 Euro, die der FAZ-Leser am Kiosk mittlerweile für eine immer schmalere Handvoll Papier bezahlt, existiert. Dass bisher anscheinend kein anderes praktikables Geschäftsmodell für die Zeitungswirtschaft etabliert ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass das alte nun die ewiglich unumstößliche Variante ist. Thomas Thiel hat verständlicherweise in seinem Abschlusssatz Angst um seinen Lebensunterhalt:</p>
<blockquote><p>„Weil es für all diese Modelle aber keine wirtschaftlichen Kalkulationen gibt, bleibt ihr Erfolg unsicher. Ob sie Autoren eine Lebensgrundlage bieten können, bleibt fraglich.“</p></blockquote>
<p>Vermutlich wird er aber in fünf Jahren in irgendeiner Onlineredaktion zum Festgehalt sitzen und sich wundern, dass alles gar nicht so schlimm kam…</p>
<p>Und schließlich wird unterstellt, jemand hätte ernsthaft Lust, die Zeitungsinhalte zur Tagesberichterstattung raubzukopieren. Das ist doch gar nicht notwendig: Sie stehen oft ohnehin offen im Internet und ansonsten liest man in der Stadtbibliothek.</p>
<p>Es ist obendrein nicht so, dass Blogs unbedingt die umfassende Berichterstattung übernehmen wollen. Man wundert sich immer wieder, wie etablierte Medienwächter, allem, was sie nicht verstehen, den Griff nach der Weltherrschaft unterstellen. Wenn man aber erkennt, dass man sich ihr in der abendländischen Konflikttradition zwischen Orthodoxie und Ketzertum bewegt, ist eine derartige Spaltung der Auffassungen und die Vehemenz im Deutungsstreit wiederum fast vorhersehbar. (Wer es noch nicht erkennt, darf mal bei Carl Amery nachlesen.)</p>
<p>Die Beobachtung, die die FAZ und andere so kirre macht, ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die gern und viel schreiben und ihr Einkommen mit anderer Erwerbsarbeit verdienen und die anscheinend nicht durchgängig als so schlecht angesehen werden, dass man bei ihnen nicht eine Zuwanderung von Zeitungslesern vermuten würde. Das zeugt allerdings von einer sehr begrenzten Fantasie hinsichtlich dem kulturellen Gestaltungs- und Ausdruckswillens gebildeter Menschen. Es geht nicht mehr jedem um totale Verwertung. Der <em>Homo Oeconomicus</em> ist keine sinnvolle und befriedigende Vollzeiteinstellung in der Überflussgesellschaft. Manch einer hat einfach Freude an der Debatte. Manch einer schreibt gern. Dass man als engagierter Demokrat und Medienrezipient mit Interesse beides liest – auch die FAZ-Blogs sind oft weitaus lesenswerter als die Zeitung selbst – bemerkt man in den Gesprächen zur strategischen Produktentwicklung in den Pressehäusern offensichtlich bisher nicht.</p>
<p>Es ist dennoch gut vorstellbar, dass die FAZ der Zukunft ein Verfahren, wie man es schon beim <a href="http://www.freitag.de/">Freitag </a>angedeutet sieht, einführt: Man lädt Leute im großen Stil zum Bloggen ein, sucht sich die jeweils besten Texte für den Druck aus, zahlt eine kleine Aufwandsentschädigung und spart sich somit einen weiteren Teil der Redaktion. Der verbliebene ist den ganzen Tag mit Sichten, Lesen und Redigieren der Blogpostings beschäftigt, so wie er heute noch die Presse- und Agenturmeldung durchblättert. Das Zeitungsgeschäftsmodell der Zukunft wird sich also vor allem mit Anreizsystemen für gute, freie Autoren befassen müssen. Und dann die Überweisung der Kulturflatrate verteilen.</p>
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		<title>Im Gegenteil: Perspektiven auf den Umgang mit digitalen Texten und das Medium Buch</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Apr 2009 21:41:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Debatten in digitalen Räumen 
Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Debatten in digitalen Räumen </strong></p>
<p>Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.<br />
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke dazwischen reichert man mit einer hemdsärmeligen Analyse an, die zeigt, dass man sich lieber von der Rhetorik als vom Fakt leiten lässt. Gerade wenn sich der Kreisel der Gedanken um die Zukunft des Buches, der Autorenschaft und des Urheberrechts dreht, geht es selten unter dem manifesten Gesamtentwurf der Zukunft. Hier treffen sich das selbsternannte Qualitätsfeuilleton, die progressiven Netzdenker von perlentaucher.de mit den oft beschworenen Heerscharen von Bloggern, die allerdings weniger tatsächlich im Diskurs mitwühlen, als Vertreter der klassischen Medien gemeinhin zu glauben scheinen.</p>
<p>Das liegt wohl daran, dass sie weder Zeit noch Lust haben, die in sich nicht ganz linear und nach überlieferten Medienwahrnehmungspraxen überblickbare Blogosphäre permanent zu beobachten. Das muss auch nicht sein, denn die Konkurrenz zwischen „Güteklasse A“-Journalisten und „Güteklasse B“-Bloggern ist eine künstliche, keine zwangsläufige, die beiden Seiten nützt, wenn es darum geht, Inhalte zu finden.<br />
Die Presselandschaft übersieht dabei gelegentlich, dass bei vielen Bloggern überhaupt gar keine Motivation besteht, irgendeinem Magazin die Leserschaft abzujagen. Es muss nicht immer Journalismus sein. Wohl aber die Fähigkeit, zu differenzieren, <em>wie was warum</em> und <em>vor welchem Hintergrund</em> geschrieben wird. Das Digiversum verwischt hier naturgemäß einst klare Trennlinien. Die rein rechnerische Gewichtungspraxis des Hauptzugangsmittels zu den digitalen Texten im Cyberspace (Google) wirkt in seinem die Inhalte nivellierenden Ansatz in der Tat etwas erschreckend.</p>
<p>Was die Zeitungen etwas verschämt durch die Öffnung für Prinzipien des Web 2.0 immerhin erreicht haben, ist, dass sich unter dem Deckmantel „Leserkommentar“ in ihren Webangeboten tatsächlich so einiges an Stammtisch und den Raum daneben (nicht die Küche) sammelt, was ansonsten in der Blogosphäre wenig Anklang fände. Alternativ zum Angebot der regulären Ausgaben hat man sich dazu oft kontrollierte Blogs ins Haus geholt, um Geschichten zu verwerten, die es sonst nicht ins Blatt schaffen. Erstaunlicherweise sind zum Beispiel die FAZ-Blogs oft lesenswerter als die Frankfurter Allgemeine Senior, die Beiträge aufgrund des Anspruchs einer Druckausgabe gern so zusammenkürzt, dass wenig von all den Hintergründen, die man gerade lesen möchte, bleibt. Andere Zeitungen gehen da ähnlich vor.</p>
<p><strong>Contra: Susanne Gaschke und der Heidelberger Appell<br />
</strong></p>
<p>Die aktuelle Ausgabe der ZEIT hebt diese Woche einen Beitrag von der bereits als Internet-Skeptikerin bekannten Susanne Gaschke (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Gaschke">Wikipedia</a>) auf die Titelseite, der von der Qualität durchaus auch in einem gehobenen Internetforum Heimat finden könnte, bei einem renommierten und sich seines Renommé bewussten Wochenblatt aber ähnlich die Erwartungen des anspruchsvollen Lesers verfehlt, wie die groteske BILD-Schlagzeile zum Leitthema des <em>Chancen</em>-Buches in der Ausgabe: <em>Macht Studieren dumm?</em> (Der <a href="http://www.zeit.de/2009/18/C-Tuebingen">Beitrag</a> selbst ist dann weitaus besser als sein Titel..)</p>
<p>Differenzierungsvermögen im Thema beweist Susanne Gaschke leider nur bedingt und in ihrem letzten Abschnitt, dass sie es offensichtlich nicht nötig hat, sich mit der Sachlage tatsächlich zu befassen. Sonst hätte sie wenigstens darauf hinweisen müssen, dass die Open-Access-Passage im „Heidelberger Appell“ schlicht aus (hoffentlich) himmelschreiender Unkenntnis heraus formulierter Unsinn ist. Selbigen reproduziert sie natürlich, in dem sie „uneingeschränkt zustimmt“. Dass der Appell und seine Befürworter es nötig haben, immer dieselben dicken Namen als Autoritäten herauszukramen, auf die man gern verweist, denn diese „Repräsentanten des deutschen Geistesleben“ (hier wieder: Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und der obligatorische Daniel Kehlmann als Vertreter der erfolgreichen Geistesjugend) sollen wohl mit ihrem guten Namen für die Qualität stehen, zeigt eben, dass bei dürftiger Sachlage und im Kampf um die Deutungshierarchie der Verweis auf populäre Spitzenkräfte der Kulturlandschaft die Richtigkeit einer Aussage stärker zu unterstreichen vermag, als der Gehalt der Aussage selbst.</p>
<p>Natürlich ist die „Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft […] ein hohes Verfassungsgut“ und verfassungsrechtlich traditionell so gut und selbstverständlich geschützt, dass es eigentümlich wirkt, wenn man diesen Grundsatz herauspflückt und doppelt unterstreicht. An vielen leicht zugänglichen Stellen wurde aber doch nachvollziehbar gezeigt, dass es beim Open Access gerade darum geht, die Freiheit der Wissenschaft abzusichern. Dass sich der Heidelberger Appell – übrigens halbwegs nachvollziehbar – auf Google stürzt, aber auf dem wissenschaftlichen Auge die großen Spieler im Verlagsgeschäft wie Reed Elsevier oder Springer Science+Business Media (oder vielleicht auch den Fachinformationsgiganten Thomson) im toten Winkel belässt, mag vielleicht darin begründet sein, dass Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann oder Roland Reuß auch mal bei Google suchen, aber eben nicht ihre Bibliothek überzeugen müssen, 3300 Euro für das Jahresabonnement einer Zeitschrift zum Thema „Gene Regulatory Mechanisms“ zu zahlen.</p>
<p><strong>Das OA-Problem</strong></p>
<p>Das Open-Access-Problem liegt, so glaube ich, darin, dass einerseits einige besonders engagierte Vertreter der OA-Bewegung recht blauäugig das in den STM-Disiziplinen durchaus bewährte Prinzip in die Geisteswissenschaften, für die dieses vielleicht gar nicht analog notwendig (oder praktikabel) ist, zu tragen versuchen, und sich andererseits Literaturwissenschaftler sowie ZEIT- und andere Journalisten ein öffentlich kommuniziertes Kurzschlussurteil über etwas erlaubt haben, dessen Dimension sie nicht ganz erfassen. Natürlich muss sich Roland Reuß nicht mit der Zeitschriftenkrise in der Medizin befassen. Dann sollte er sich aber auch nicht dazu hinreißen lassen, das Problem mit zwei, drei Halbsätzen zu seinem eigenen zu machen.</p>
<p>Es wird sich wohl schwerlich jemand in Reihen der »Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen« finden lassen, der einfordert, geisteswissenschaftliche Publikationen aus den Programmen des Carl Hanser Verlags oder von Hoffmann &amp; Campe oder aus dem Hause Felix Meiner oder vom Libelle Verlag, Lengwil (alles Unterzeichner des Appells) auf das nächstbeste digitale Repositorium zu zwingen.<br />
Eigentlich müssten gerade die Buchverlage der Open-Access-Bewegung aufgeschlossen gegenüberstehen, belasten doch die mit den Preissteigerungen häufig einhergehenden Umverteilungen der Bibliotheksetats zugunsten des Zeitschriftenoligopols gerade das Budget für Monographieerwerbungen und damit deren Geschäft mit den Universitätsbibliotheken. In jedem Fall sollten sie aber wissen – ich bin überzeugt, sie tun dies auch – dass Open Access die Rechte des Urhebers bei zweckmäßiger Anwendung weniger aushöhlt, als der Verwertungsknebel, auf dem die großen Wissenschaftsverlage gemeinhin bestehen. Warum sich Roland Reuß dahingehend in diesem Punkt dermaßen aufklärungsresistent zeigt, bleibt bislang ein Rätsel. Und warum Susanne Gaschke gleich wieder programmatisch und wie im Rausch vom Verlust unserer kulturellen Zukunft donnert, ebenso. Natürlich muss ein Leitartikel nicht stocksachlich verfasst sein. Aber er muss auch nicht immer biblische Dimension annehmen.</p>
<p><strong>Pro: Jürgen Neffe und das Ende des Buches<br />
</strong></p>
<p>Mit ein wenig mehr Raum im Blatt stattet die ZEIT dagegen den Schriftsteller Jürgen Neffe (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Neffe">mehr in der Wikipedia</a>) aus, der diesmal dran ist, über eine ganze breite Seite seine Vision vom Ende der „Ära des gedruckten Buches“ <a href="http://www.zeit.de/2009/18/L-Buch">aufzuzeichnen</a>. Dass er sich explizit für Open Access ausspricht, mag in seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund wurzeln. Genau kann man dies natürlich nicht sagen. Er sieht aber im Gegensatz zu seiner Kollegin von der Titelseite, darin „allen alle Texte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung [zu] stellen“ keineswegs eine kulturelle Katastrophe, sondern gar den möglichen Weg, „Lesen und Schreiben zu retten“. „Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung“ nennt er das und auch hier scheinen die Augen nun auch wieder etwas blau und sentimental. Den Unsinn mit der Piraterie hätte man dann natürlich erledigt. Den Buchmarkt, der wohl bald konsequenterweise eher „Text-Markt“ heißen sollte, allerdings auch.</p>
<p>Immerhin leistet sich die ZEIT zwei Extrempunkte in der Ausgabe, also eine gewisse Meinungsbalance, wobei Jürgen Neffe die bessere Wahl für die Titelseite gewesen wäre, denn im Vergleich zu Susanne Gaschke ist er einigermaßen originell, wenn auch mit gleichem weit ausschwingenden Deutungsanspruch. Das Leseland ist aber generell auch ein Fantasialand und insofern ist es durchaus legitim. Selbst macht man es als Autor auch nicht anders.</p>
<p>Unglücklicherweise fällt einem als Leser leider eine Inkonsequenz auf, die das Vergnügen an der Tröstung über das verfließende Medium Buch („Kein Grund zur Trauer“) eintrübt. Gleich am Anfang als rhetorischen Trommelwirbel nach dem Paukenschlag der Überschrift verabschiedet Jürgen Neffe nämlich das materielle Medium Buch und die Ära des Buchdrucks sowieso. Leider in der Gesamtschau nicht sehr schlüssig:</p>
<blockquote><p>„Das Medium der Aufklärung verliert seine Message und mit ihr ein Stück Sinn und Sinnlichkeit. Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten. Selbst eisern Bibliophile werden Gutenbergs Erbe in seiner jetzigen Form nicht erhalten können. Der Niedergang von Buchherstellung und -handel, so bitter wir ihn beklagen, folgt der Logik einer langen Kette bereits untergegangener Handwerke, Manufakturtechniken und Handelsverfahren.“</p></blockquote>
<p>Aus der Floskel- und Bastakiste stammt die Folgeaussage: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam.“ Die Belegbeispiele reißen einen nicht unbedingt aus dem Schreibtischsessel: „Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine [..]?“ Jawohl. Dass man auf der der Tastatur einer Schreibmaschine nachempfunden Tastatur eines Computers schneller und leiser tippt und dies zunächst provisorisch dank des von der Textverarbeitung simulierten weißen Blatts schneller und leiser und flexibler zu handhaben ist, steht außer Frage. Hier wurde aber das Schreibmedium optimiert, sowie sich der Gänsekiel zum Fineliner entwickelte. Das heißt jedoch zunächst noch nicht, dass man am Bildschirm auch schneller und leiser und flexibler liest.  Oder doch? In jedem Fall anders. Und: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.</p>
<p>„Erleben wir nicht, wie schnell die Mail den Brief verdrängt?“ Dank <a href="http://www.postcrossing.com">Postcrossing.com</a> sind aktuell 94.258 altmodische Post- und Ansichtskarten auf ihrem Weg durch die Welt, motiviert durch ein Internet-Portal. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der handschriftliche Gruß dennoch überlebt. Und selbst so etwas scheinbar Überflüssiges wie das klassische Glückwunschtelegramm kann man noch über die Post ausliefern lassen. Das zugegeben als Hochpreisprodukt. Und auch hier: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.</p>
<p>„Allenfalls die Älteren können sich noch eine Welt ohne Internet vorstellen.“ Die letzte ARD/ZDF-online Studie hat 42,7 Millionen Erwachsene (=65,8%) als wenigstens gelegentliche Internet-Nutzer ermittelt (vgl. <a href="http://www.daserste.de/service/studie.asp">hier</a>). Das ist durchaus ein Pfund, zeigt aber, dass ein Drittel der Erwachsenen das Medium überhaupt nicht in den Alltag integriert hat. In anderen Teilen der Welt mag es noch eine größere Gruppe sein. Wie weit die Fantasie der Nutzer hinsichtlich der Vorstellung einer Internet-freien Welt reicht, lässt sich schlecht beurteilen. Ich denke aber, dass durchaus einige, nämlich die, die nicht wie wir permanent in Texten graben, sondern z.B. sinnvollerweise die Frühlingstage mit Gartenarbeit verbringen, keine derart große Bindung zum Medium Internet besitzen, wie sie Buch-, Leitartikel- und Blogautoren naturgemäß aufweisen. Man sollte hier und generell seinen persönlichen Standpunkt nicht zum allgemeinen Maßstab überbewerten.</p>
<p>Man nutzt als Feuilletonist und/oder Blogger oft wenig mehr Quellen als die Wikipedia, seine Peer-Medien, die Google-Volltextsuche und besonders seine eigene Erfahrungswelt. Es empfiehlt sich aber, sich dieser Begrenztheit immer bewusst zu sein, gerade die letztgenannte Quelle sehr bewusst einzusetzen und ihre Reichweite halbwegs realistisch abzuschätzen. Aktuell gibt es beispielsweise noch mehr Analphabeten als Arbeitslose in Deutschland (ca. 4 Millionen vgl. <a href="http://www.hausderdeutschensprache.eu/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=103&amp;Itemid=64">hier</a>). Wenn sich dieses Verhältnis demnächst verschiebt, liegt es bestimmt nicht an besserer Nachschulung. Hier gibt es also stabil eine nennenswerte Bevölkerungsgruppe, der die ganze Debatte um die Zukunft des Buches und die Marktchancen von E-Books weitgehend egal sein dürfte. Dem Herzensdiskurs einer zwar recht breit aufgestellten, aber dennoch durchaus als Bildungselite zu bezeichnenden Bevölkerungsgruppe immer universelle Wirkmächtigkeit in die Kernsätze schreiben zu wollen, erscheint nicht immer angemessen. Aber die ZEIT ist nunmal Leitmedium genau dieser Elite und insofern ist es am Ende wahrscheinlich doch legitim, so etwas im Rahmen ihrer Reichweite zu tun.</p>
<p>Dass Jürgen Neffe das Verschwinden des Gedruckten selbst nicht so konsequent sieht, wie er zunächst andeutet, demonstriert er im Fortlauf seines Textes, wenn er das Szenario, was durchaus sinnvoller erscheint, als eine Parallelität von gedruckten und digitalen Texten beschreibt:</p>
<blockquote><p>“Wir werden mit Büchern leben können wie nie zuvor – und dabei, wenn es uns gefällt, immer noch auf Papierversionen zurückgreifen und sie linear in einem Schwung zu Ende lesen. Solche Bücher wird es immer geben.“</p></blockquote>
<p>Und später noch mal: „Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.“ Ich vermute sogar in stärkerem Umfang als wir Vinylsingles horten.</p>
<p>Wo ist also das Problem? Und warum soll sich ausgerechnet der Typ „Wörterbuch“ neben dem Roman und der Biografie am längsten gegen die Auflösung im Digitalen sträuben, wo es doch bereits hervorragend nutzbare Online-Nachschlagewerke gibt, die es ermöglichen, jedes Wort zu markieren und sofort die Bedeutung auf den Bildschirm zu bekommen? Erweist sich nicht eher der <em>Coffee Table</em>-Fotoband als am stärksten resistent gegen jede Umwandlung ins iPhone-Format?</p>
<p><strong>Die Frage ist&#8230;</strong></p>
<p>Die eigentliche Frage stellt Jürgen Neffe nämlich nicht: Ist das Buch, wenn es denn, wie er vorhersieht, mit dem Rest der Medienwelt verschmolzen ist, überhaupt noch ein Buch? Entspricht Lyrik auf dem Handy („Hauptsache, sie werden gelesen.“) überhaupt noch dem Paradigma des „Buches“?</p>
<p>Ich folge eher der These, dass sich in Webkommunikation ganz andere Textformen &#8211; aktuell z.B. Blogtexte, die auf die klassischen Presse- bzw. Massenmedien sowohl stilistisch wie auch in der Form deutlich zurückwirken &#8211; entwickeln und dass die Debatte, wie wir &#8220;Bücher&#8221; digital abbilden eine Zweitrangige ist. Das Hypertextsystem des Internets ist nunmal ein Textsystem. Musik und Film lösen sich in diesem nicht auf, sondern werden eingebettet. Eine Musikstück kann nicht im &#8220;Vollton&#8221; erschlossen werden, jedes Gedicht, jede Novelle, jeder Roman dagegen im Volltext. Schriftzeichen gehen im Medium Internet voll auf und gerade deshalb im Hypertext gern unter. Ausgerechnet durch die Hypertextifizierbarkeit, so meine These, bieten sich lineare Texte, also die meisten Bücher, bestenfalls als abgeschlossene Einheiten, z.B. in Gestalt von PDF-Dateien, für einen Vertrieb über das Netz an. Dieses bleibt aber die Nebenform, solange sie nach den Normen und Bedingungen, die die Form des Buches erfordert, erzeugt werden. Wird dieser formale Rahmen aufgebrochen, erscheint es mir wenig sinnvoll, noch von Büchern zu sprechen. Vor allem aber besteht wenig Anlass, vehement das Medium Buch ins Netz zu treiben, um es dort zu begraben. Wenn die Verlage sich aus dieser Richtung bedroht sehen, dann fehlt ihnen offensichtlich das Vertrauen in ihr robustes, nach wie vor nachgefragtes und recht zeitloses Produkt.</p>
<p><strong>Die Reader</strong></p>
<p>Die E-Book-Lesegeräte erscheinen in der Tat bestenfalls als Sonderfall der Veränderung im Umgang mit den Texten und haben den entscheidenden Nachteil, zwischen den Möglichkeiten der Digitalität und der Abgeschlossenheit und Linearität des Druckmediums in einer manchmal schmucken, oft schmucklosen Sackgasse zu stehen. Ob sie, wie Jürgen Neffe vermutet, als Türöffner geeignet sind, mag sich noch zeigen. Ich habe aufgrund der zuvor beschriebenen Überlegung meine Zweifel:</p>
<blockquote><p>“Vielleicht sind die heutigen E-Books nur als trojanische Pferde zu verstehen, die in halbwegs vertrauter Verpackung neuartige Ideen unters Volk schmuggeln sollen. Wer sich einen Faust oder eine Kafka-Biografie herunterladen kann, vergisst leichter seine Berührungsängste.“</p></blockquote>
<p>Die neuen Ideen sind bereits da und haben wenig mit Kafka-Biografien oder dem Buchmarkt zu tun.</p>
<p>Im Casus des Heidelberger Appells wurde allerdings der Initiator erklärtermaßen gerade erst durch die Konfrontation mit einem Digitalisates aus diesem literarischen Umfeld in seine Berührungsängste gestürzt. Also ist es in der Wirkung nicht jedesmal etwas mit dem &#8220;Türöffner&#8221;. Mitunter ist es ein Schock, der die Wahrnehmung verriegelt.  In jedem Fall ist das trojanische Pferd ein teures Ross, dessen Wert wohl darin besteht, dass bestimmte Grundprobleme (Preisgestaltung, Formate, rechtliche Grauzonen etc.) für die Verwertung von Textinhalten an ihm durchgespielt werden können, bevor irgendwann eventuell ein massenkompatibles Pony auf dem Hof steht.</p>
<p>Von einer schleichenden Durchsetzung der Lesegesellschaft ist im Alltag &#8211; <em>Obacht: Persönliche Erfahrungswelt!</em> &#8211; dagegen wenig zu merken und in den Thalia-Filialen oder auch im Kulturkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße stehen die Vorführgeräte mehr wie (nur einmal) bestellt und nicht abgeholt herum, denn wie heiß begehrt, während in den Lesesesseln des Zwischengeschoßes unvermindert eifrig in Papier geblättert und gar exzerpiert wird.</p>
<p>Der Niedergang des Buchhandels jedenfalls in der durchpolierten Variante, die natürlich nicht dem eigenartigen Ideal Jürgen Neffes von einer „Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentliche[m] Erlebnisraum“ entspricht, wird bislang nicht sonderlich spürbar, abgesehen davon, dass Buchhandlungen nie im Wortsinn öffentlich waren, manchmal über Lesungen etwas Kultur veranstaltet haben, vor allem aber verkaufen mussten und wollten. Angesichts der genannten drei Funktionen sollte man den Scheinwerfer vielleicht eher auf die öffentlichen Bibliotheken schwenken.</p>
<p><strong>Ordnung und Aufmerksamkeit</strong></p>
<p>Was Jürgen Neffe in seiner Digitalbuch-Euphorie leider auch übersieht, ist, dass Buchhandlungen wie Verlage eine zwar ambivalente, für den Kunden durchaus relevanter Filter- und Steuerfunktion übernehmen:</p>
<blockquote><p>„Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen […]“</p></blockquote>
<p>Hier erklingt ein leicht naives Hohelied auf die ICH-AG, das zwei Kleinigkeiten vernachlässigt:<br />
Erstens den Faktor „Aufmerksamkeit“. Jürgen Neffe schreibt selbst, dass &#8220;das Buch als Datensatz im gleichen [sic!] technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.“ Neu ist hieran allerdings wirklich nur, dass Buchinhalte über die gleichen technischen Wege und natürlich nicht im gleichen Format auftauchen. Die Konkurrenz zu Bild und Klang gibt es dagegen schon länger, die zum allgemeinen Leben jenseits der Rezeption über Medien ohnehin.</p>
<p>Zweitens fragt man sich, ob die immateriellen und potentiell unendlich vielen Texte und Textkombinationen, die nach seinem Modell verkaufbar sind, tatsächlich allein über niedrigere Preise in einem Umfang absetzbar sind, dass die Urheber-Verleger davon wirklich leben können. Man kann durchaus auch annehmen, dass sich Akteure wie RandomHouse etc. im Internet zu den Selbstverlegern schlicht aufgrund ihrer Finanzkraft ähnlich durchsetzen, wie im realen Verlagsleben, wo man auch mit einer vergleichsweise kleinen Summe – zugegeben nicht ganz so klein wie im Cyberspace – seinen Text publizieren kann. Ob solche Publikationen – oder überhaupt mit Büchern vergleichbare Texte – wie von Jürgen Neffe vermutet im Netz tatsächlich mehr Leser finden, darf man aufgrund der schieren Größe und Unübersichtlichkeit des Textaufkommens im WWW ruhig noch einmal durchdenken.</p>
<p>Ein letzter Schwachpunkt gerade der wirtschaftlichen Argumentation Jürgen Neffes (und im Verständnis der Verlage) liegt in der Annahme, dass eine heruntergeladene Datei in einer direkten Relation zum Verkauf eines physischen Exemplars stehen muss:</p>
<blockquote><p>&#8220;Jedes einzelne Buch, das als legale oder illegale Kopie oder als Download statt gedruckt über den Ladentisch bezogen wird, fehlt in den Bilanzen derer, die vor Kurzen noch Gutenbergs Erbe verbreitet haben.&#8221;</p></blockquote>
<p>Es könnte auch sein, dass ein Buch, welches als Datei heruntergeladen wird, nie gekauft würde, man den Download aber, aus welchem Grund auch immer, einfach mal mitnimmt. Oder das ein Buch, welches sich nach dem Download als hochgradig lesenswert erweist, doch noch in der antiquierten Druckausgabe (&#8221;Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.&#8221;) nachgekauft wird und zwar gerade, weil man den Text digital einsehen konnte. Menschen und damit Kunden und ihr Verhalten sind erfahrungsgemäß weitaus breiter gefächert und weniger berechenbar, als man in allgemeinen Prognosen gern annimmt. Manch einer entscheidet sich, wenn er die Wahl zwischen analog oder digital hat, doch gern für das Greifbare. Vielleicht wird offline lesen auch in 15 Jahren wieder so richtig Mode, so wie wir nach wie vor gern Radfahren, auch wenn das Auto bereit steht. Es ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Kulturgesellschaft, dass sie nicht nur dem Notwendigen folgt, sondern auch dem, was ihr einen erstrebenswerten Eigenwert zu haben scheint. Das <em>Rational Choice</em>-Modell, vorausgesetzt die Entscheidung zum Download gegenüber der Printausgabe wäre überhaupt die rationalere, greift bekanntlich nicht in jedem Zusammenhang. Der Schluß, dass jede Kopie im Netz ein verkauftes Realexemplar weniger darstellt, ist also ein reichlich kurzer.</p>
<p><strong>Was bleibt</strong></p>
<p>Entschieden ist hinsichtlich der Zukunft des Buches noch lange nichts, aber die Freude am diskursiven Kampf um die Zukunftsdeutung hält ungebrochen an. Während Jürgen Neffe den Einzug der Literatur dank Akteuren vom „Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe“ auf „iPhone und Co.“ als durchsetzungsfähige Variante erachtet, fragt in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Oliver Jungen: „Welche Konstruktionen gelingen einem Autor, der weiß, er schreibt für ein Handydisplay?“</p>
<p>Sicherlich ganz andere als jemandem, der auf einen sauberen Bleisatz mit schöner Type hinarbeitet. Es gibt Menschen, die kein Problem damit haben, auch 70-mm-Kinofilme im YouTube-Fenster anzuschauen. Dennoch wird hier ein Inhalt in eine Ausgabeform gebracht, die ihm nicht gerecht wird. Gleiches könnte für klassische Texte in digitalen Lesefenstern gelten. Die Literatur für Hypertext-Umgebungen muss jedenfalls in vielen Fällen noch geschrieben werden. Auch hierfür sind Ansätze im WWW zu sehen, die sich aber vor allem durch eines auszeichnen: Sie bilden sich jenseits der Vorstellung von Buch und Verlag.</p>
<p>Jürgen Neffes Fantasie eines postgutenbergschen Zeitalters, in dem immerhin „Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören“, lässt dagegen noch einige Lücken und stolpert über die unzweckmäßige Vorstellung, es ginge darum, das eine in das andere zu übertragen. Nicht zuletzt bleibt die Frage an ihn, warum die von ihm so gerühmten Kulturtechniken Schreiben und Lesen nicht ebenfalls durch technische Innovation genauso forttransformiert werden können, wie anscheinend ihre lange Zeit und im Sinne des Publizierens nach wie vor dominierende mediale Ausdrucksform: das Buch?</p>
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		</item>
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		<title>Hunde, sollen sie ewig stehlen? Der Heidelberger Appell und sein argumentatives Umfeld</title>
		<link>http://kontext.edublogs.org/2009/03/24/hunde-sollen-sie-ewig-stehlen-der-heidelberger-appell-und-sein-umfeld/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 Mar 2009 19:23:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalität]]></category>
		<category><![CDATA[Heidelberger Appell]]></category>
		<category><![CDATA[Open Access]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;
Ergänzung, 26.03.2009
Eine üppige Web- und Blogografie zum Thema gibt es auf infobib: Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”
_____________________________________
Oh Schreck, wie infiziert die deutsche Sprache doch ist, wenn es um Heidelberger Appelle und das, was drum herum geschieht, geht.
Matthias Spielkamp teilt sich in seinem Text zum Thema auf perlentaucher.de mit mir den Topf mit dem Quirl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;</p>
<p>Ergänzung, 26.03.2009<br />
Eine üppige <em>Web</em>- und <em>Blogografie</em> zum Thema gibt es auf infobib: <a title="Permanent Link: Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”" rel="bookmark" href="http://infobib.de/blog/2009/03/25/materialsammlung-rund-um-den-heidelberger-appell/">Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”</a><br />
_____________________________________</p>
<p>Oh Schreck, wie infiziert die deutsche Sprache doch ist, wenn es um Heidelberger Appelle und das, was drum herum geschieht, geht.</p>
<p>Matthias Spielkamp teilt sich in <a href="http://www.perlentaucher.de/artikel/5347.html">seinem Text</a> zum Thema auf perlentaucher.de <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=6736">mit mir</a> den Topf mit dem Quirl und bei Roland Reuß nicht übermäßig <a href="http://www.textkritik.de/digitalia/antwort.htm">überzeugender Replik</a> auf Gudrun Gersmanns Kritik auf seinen eigenartigen Initialartikel findet man das Feuerbild wieder:</p>
<blockquote><p>»Im Wald, da sind die Räuber« – aber wer kommt deshalb gleich auf den Gedanken, den ganzen Wald brandzuroden?&#8221;</p></blockquote>
<p>Zum Glück ist man nicht bei Holger Fock angelangt, der sich in <a href="http://www.textkritik.de/digitalia/fock.htm">einer E-Mail</a> bei Roland Reuß über eine <em>File-Sharing</em>-Plattform ausschimpft:</p>
<blockquote><p>Ich hoffe, die gehen rechtlich gegen diese        &#8220;onlinearchive&#8221; vor (auch gegen die mit jener Seite         verlinkten). Das wird sicher nicht einfach: Glauben die         Hunde[sic!] doch, sie seien rechtlich auf der sicheren Seite durch         den Hinweis, der Download sei natürlich nur erlaubt, wenn         der User das Buch in der gedruckten Fassung besitze – das       schlägt dem Buch die Seiten weg.</p></blockquote>
<p>Die Hunde, die! Das ist wirklich 08/15. Es werden also so langsam die härteren Saiten der Sprache aufgezogen. Zumal Roland Reuß quasi zum Festival der Polemik aufruft und sich beklagt, wenn die Gegenseite nicht einstimmt:</p>
<blockquote><p>Zunächst dies, daß sie meint, es nicht nötig zu haben, auf »eine Polemik mit einer Gegenpolemik zu antworten«. Offenbar spürt sie den Wind des Fortschritts so sehr in den geblähten Segeln, daß sie sich in die staubigen Gefilde des Streites – und sind wir hier nicht tatsächlich auf solchem Terrain? – nicht zu bequemen braucht. Warum eigentlich? Was spricht gegen eine Polemik, wenn die Sache es gebietet?</p></blockquote>
<p>Wer so das Visier aufklappt, ruft sich womöglich Geister, die er gar nicht rufen wollte. Aber sich selbst bloß stellen, indem man die Diskussion mit dem Argument hinter den Tjost mit der plumpen Zuspitzung zurückstellt, dient der Sache leider wenig. Spricht hier bereits die &#8220;gueule de métèque&#8221;? So fällt man jedenfalls schnell vom Pferd. Je länger man sich auf <a href="http://www.textkritik.de">www.textkritik.de</a> bewegt, desto weniger gelingt es, das Reuß&#8217;sche Rufen wirklich ernst zu nehmen. Fast erscheint es, als würde hier altgediente Wissenschaftler gerade erst verstehen lernen, was Digitalität und digitale Wissenschaft bedeuten. Die Dynamik und Strukturmerkmale der Prozesse sind allerdings offensichtlich noch immer nicht ganz verstanden.<br />
So <a href="http://www.textkritik.de/digitalia/florilegium.htm">nimmt sich</a> Uwe Jochum eine(!), im Umfang eher kleine und  drei Jahre alte(!)  <a href="http://eprints.rclis.org/8804/">Studie</a> aus einem Repositorium(!) als einschlägige Versicherung dafür, dass Open Access zu teuer ist und ignoriert die vielzitierte Arbeiten John Houghtons (hier eine Präsentation <a href="http://www.dfdf.dk/images/stories/pdf/vinterinternat_2009/microsoft_powerpoint_-_john_houghton.pdf">als PDF</a>), während Roland Reuß eine <em>Coda</em> lang an &#8220;technokratischem <em>slang</em>&#8221; verzweifelt und jedem, der das Wort &#8220;barrierefrei&#8221; benutzt schon angesichts dieses Sprachgebrauchs ein Legitimationsproblem unterschieben möchte.</p>
<p>Man fürchtet beinahe, ein Mob heißgelaufener Urheber marschiert demnächst mit lodernden Fackeln vor dem nächsten Server-Park auf, um ein Exempel zu statuieren. Wissenschaftlicher Diskurs sieht jedenfalls irgendwie anders aus. Aber darum geht es bei der Gruppenhysterie wohl auch nicht. Der Beobachter staunt leicht amüsiert über das Wüten am Neckar, versteht augenblicklich, dass die Wissenskluft auch generational ausgeprägt ist, und hofft einfach mal, dass es recht bald gelingt, Schimpf und Schande auf Pro und Contra herunterzukühlen.</p>
<p>Allen Unterzeichnern des <a href="http://www.textkritik.de/urheberrecht/index.htm">Schnellschußappells aus Heidelberg</a> sei nachdrücklich die Lektüre von Matthias Spielkamps Text empfohlen, der vielleicht doch die eine Irrung und die andere Wirrung im Verständnis dessen, was hinter <em>Open Access</em> steht, gerade rücken kann:</p>
<blockquote><p>Dabei muss man wissen, dass die Open-Access-Bewegung in den Wissenschaften aus einer Not heraus entstanden war &#8211; und einer paradoxen Situation, die nicht im Sinne irgendwelcher Urheber war und ist. Wissenschaftler, vor allem in den so genannten STM-Disziplinen &#8211; Science, Technology, Medicine &#8211; erwerben wissenschaftliches Renommee in erster Linie durch Publikationen in Science Journals, Wissenschaftszeitschriften. Diese Zeitschriften erscheinen in zum Teil weltweit operierenden, oft börsennotierten Verlagen, wie dem<strong> Springer Wissenschaftsverlag</strong> in Heidelberg (der mit der Axel Springer AG nichts zu tun hat) oder <strong>Reed Elsevier</strong>, einem britisch-niederländischen Konzern.</p>
<p>Um in Zeitschriften solcher Verlage zu veröffentlichen, müssen Wissenschaftler in vielen Fällen den Verlagen die<strong> exklusiven Nutzungsrechte</strong> an ihren Artikeln abtreten. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Beiträge anschließend nicht mehr an anderer Stelle veröffentlichen dürfen, weder auf der eigenen Website noch der ihrer Universität. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht; im Gegenteil, die <strong>Peer Review</strong>, also die Begutachtung der Forschungsergebnisse, übernehmen Wissenschaftler ebenfalls ehrenamtlich, also in den meisten Fällen auf Kosten ihrer Arbeitgeber. Also auf Kosten der <strong>Steuerzahler</strong>, wenn sie an öffentlich geförderten Institutionen arbeiten, wie etwa Universitäten. Der Steuerzahler zahlt, der Konzern schreibt Gewinne: Wer enteignet hier wen?</p></blockquote>
<p>Die Überschrift die Spielkamp verwendet, verheizt freilich den Urkalauer der Bewegung: <a href="http://www.perlentaucher.de/artikel/5347.html">Open Excess: Der Heidelberger Appell</a>.</p>
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		<title>Selbstkontrolle und Transparenz: Facebook gibt den Nutzern das Eigentum an ihren Inhalten zurück</title>
		<link>http://kontext.edublogs.org/2009/02/27/selbstkontrolle-und-transparenz-facebook-gibt-den-nutzern-das-eigentum-an-ihren-inhalten-zuruck/</link>
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		<pubDate>Fri, 27 Feb 2009 12:20:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Web 2.0]]></category>
		<category><![CDATA[Facebook]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Meldung und kurzer Gedanke zum Verhältnis Eigentum und Zugang:
Nachdem Teile der Flickr-Nutzerschaft im Sommer 2007 um einen freien Zugang zu allen (öffentlichen) Inhalten in der Community kämpften (vgl. hier), haben sich die Nutzer von Facebook ihr Recht auf das Löschen ihrer Spuren auf der Plattform zurückerstritten, nachdem zunächst die geänderten Nutzungsbedingungen des Anbieters einige [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Meldung und kurzer Gedanke zum Verhältnis Eigentum und Zugang:</p>
<p>Nachdem Teile der Flickr-Nutzerschaft im Sommer 2007 um einen freien Zugang zu allen (öffentlichen) Inhalten in der Community kämpften (vgl. <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=5270">hier</a>), haben sich die Nutzer von <em>Facebook</em> ihr Recht auf das Löschen ihrer Spuren auf der Plattform zurückerstritten, nachdem zunächst die geänderten Nutzungsbedingungen des Anbieters einige Einschnitte setzten. Hier die aktuelle Erklärung:</p>
<blockquote><p><em>“People should own their information. They should have the freedom to share it with anyone they want and take it with them anywhere they want, including removing it from the Facebook Service. People should have the freedom to decide with whom they will share their information, and to set privacy controls to protect those choices. Those controls, however, are not capable of limiting how those who have received information may use it, particularly outside the Facebook Service.”</em></p></blockquote>
<p>Interessant ist dabei, wie sich der Aspekt Eigentum in einer auf Zugang ausgerichteten Gesellschaft verschiebt: Da wir auf diesen Plattformen in der Lage sind, unsere sozialen Interaktionen inklusive persönlichen Dialogen, die sich nun z.B. über &#8220;Pinnwände&#8221; vollziehen, zu fixieren und damit permanent vorhalten sowie durchsuchbar zu machen, entsteht eine Verletzlichkeit, die spezialisierte Berufsberater gern als &#8220;Karrierrefalle Internet&#8221; bezeichnen. Alles was man schreibt, kann irgendwann gegen einen selbst verwendet werden.</p>
<p>Wer bewusst publiziert, weiß vermutlich/hoffentlich um diese Gefahr. Inwieweit das, was man bei  <em>Facebook</em> tut, aber einem Publizieren entspricht, ist nicht präzise abgrenzbar. Je nach Einstellung werden Interaktion, soziale Beziehungen und Vorlieben graduell öffentlich einsehbar. Der Aspekt der informationellen Selbstbestimmung greift da, wo der Anbieter derartige kodifizierte Interaktionen auch gegen den Willen dessen, der die Interaktion vorgenommen hat, vorhalten und sichtbar halten möchte. Facebook hatte dies versucht und damit einen mittlerweile Wunden Punkt getroffen.</p>
<p>Die Facebook-Debatte führte dabei ganz offensichtlich zu einer weiteren Sensibilisierung seitens der Anbieter, aus der ein eindeutiges Zugeständnis des umfassenden Eigentums an eigenen Interaktionen, inklusive des Vernichtens der Abbildungen dieser Interaktionen, hervorgeht. Dieses Eigentum ist virtuell. Während also im Netz mit dem Datenträger zunehmend der Mythos verschwindet, dass man den auf ihm gespeicherten Inhalt als Eigentum besitzt, zeigt sich ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass man in der Kommunikationswelt des WWW wirklich Herr seiner/seines Selbst ist (oder wenigstens zu sein versuchen sollte).</p>
<p>Die <em>New York Times</em> findet dafür die Überschrift: <a href="http://bits.blogs.nytimes.com/2009/02/26/facebook-remakes-itself-as-a-democracy/">Facebook Tries to Become a Democracy</a>. Die Basis einer Demokratie liegt darin, dass sich die Mitglieder ihrer Rechte bewusst werden. Dass dies nun bei dieser Plattform der Fall ist und Facebook obendrein ein Transparenzgelübde ablegt, ist durchaus begrüßenswert.</p>
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