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	<title>kontext &#187; Web 2.0</title>
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		<title>Ausgeschwärmt. Zur Journalismusdebatte und der Unsinnigkeit einer Metapher</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Jun 2009 16:47:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der &#8220;Schwarmintelligenz&#8221; ist. Kollektivintelligenz klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des <em>Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA </em>warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der &#8220;Schwarmintelligenz&#8221; ist. <em>Kollektivintelligenz</em> klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären Aufbruchs, den mancher angesichts der kollaborativen Plattformen ausrief, verlangt nach Schlagkraft und das Bild des Schwarms, der immer weiß, wohin er schwenken muss, hat sich irgendwie hineingedrängelt und etabliert. Das ermöglicht den Hütern des Qualitätsjournalismus wie Mathias Döpfner (Axel Springer Verlag) genauso wie diversen ZEIT-Autoren (vgl. <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=7060">auch hier</a>), <a href="http://www.horizont.net/aktuell/medien/pages/protected/Copyrights-Doepfner-ruft-Verlage-zu-Geschlossenheit-auf--Keine-Anti-Google-Kampagne_84833.html">deftig aufzusatteln</a>:</p>
<blockquote><p>Einer undifferenzierten &#8220;Im Netz gehört allen alles&#8221;-Auffassung erteilt er jedenfalls eine Absage. Dies würde dem unabhängigen Journalismus, für den Blogger kein Ersatz sein könnten (&#8221;Neben Schwarmintelligenz gibt es im Internet auch Schwarmdummheit&#8221;), die wirtschaftliche Basis entziehen: &#8220;Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht&#8221;.</p></blockquote>
<p>Man muss jetzt nicht weiter über das Leserreportertum sinnieren. Und auch nicht über die Vermengung einer so unsinnigen, undifferenzierten und inexistenten &#8220;Alles für alle&#8221;-Praxis. Im Netz ist mächtig viel gut reguliert und es gibt wohl niemanden, der von der WELT verlangt, ihr <em>e-paper</em> gratis zur Verfügung zu stellen. Bei einer anderen großen Springer-Publikation würde man sich mitunter gar wünschen, sie würde viel umfassender hinter einer Zugangsbarriere liegen.</p>
<p>Die Blogosphäre zieht jedenfalls nicht aus, um die Zeitungen zu bedrohen. Und die bloggenden Individuen in ihr schon gar nicht. Niemand liest Blogs, um sich die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung zu sparen. Vielmehr entstehen in der Blogosphäre eigene Formen von Inhalten wie auch von Journalismus, die manchmal Schnittmengen  mit dem aufweisen, was Zeitungen bieten. Besonders wenn letztere eigene Blogs aufsetzen. Deren Inhalte finden ein Publikum, dem diese Medienform gefällt. Manche, eher wenige, verlieren darüber den Geschmack an der klassischen Zeitung. Die Ursachen dafür, dass den Zeitungen ihr Publikum verlustig geht, liegen nicht selten darin, dass viele Titel nicht mehr mit den Informationsbedürfnissen der Leser korrespondieren und sich z.B. in Scheindebatten, wie der unbegreiflichen Bedrohung der eigenen gesellschaftlichen Rolle durch das amorphe Internet ergehen. Zuviel Nabelschau macht sie für die potentiellen Zeitungskäufer auf Dauer einfach irrelevant. Genauso das oft gleichschrittige Hinterhereilen hinter vermeintlichen Markttrends. Am Urheberrecht und seiner angenommenen Aushöhlung im WWW liegt es dagegen vermutlich nicht. Die wirkliche Nivellierung erfolgt nicht durch die Blogs, sondern eher, wenn Mathias Döpfner ausruft:</p>
<blockquote><p>&#8220;Für Partikularinteressen gibt es keinen Raum und keinen Anlass&#8221;</p></blockquote>
<p>Wieso eigentlich nicht? Die plurale Wissensgesellschaft mit unterschiedlichsten Bedürfnissen hinsichtlich der Rezeption und Verwertung von Information führt zu einer Vielzahl unterschiedlicher Medienformen auch im Textbereich. Wissenschaftliches Publizieren folgt grundlegend anderen Gesetzmäßigkeiten als die Veröffentlichungspraxis der Publikumsverlage. Die Blogosphäre gehorcht anderen Regeln als der Magazinmarkt. Wenn Raum und Anlass für Partikularinteressen ist, dann jetzt. Während also der Springer-CEO zur Block- oder auch Schwarmbildung aufruft, erkennt man zunehmend, dass der Schwarmbegriff als Metapher ungeeignet ist. In einer Vorlesung vom 02. Februar 1977 bestimmte Roland Barthes sehr anschaulich das Phänomen des Schwarms, dieser &#8220;zusammenhängende[n], massive[n], gleichförmige[n] Ansammlung von Individuen derselben Größe, derselben Farbe und oft desselben Geschlechts, gleich ausgerichtet, in gleichem Abstand voneinander, mit synchronisierten Bewegungen&#8221;:</p>
<blockquote><p>Wie sich Schwärme reproduzieren. Zum Laichen schieben sich Schwärme männlicher Tiere über die Schwärme von Weibchen. Die Eier steigen zusammen auf und durchqueren den Schwarm der Männchen, die ihre Milch ausstoßen. &#8211;&gt; Vermehrung ohne Kontakt, reine Gattung, ohne Subjekte. Erotisches Paradoxon: Die Körper sind eng beieinander, jedoch ohne zu lieben. (Roland Barthes: Wie zusammen leben. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 83f.)</p></blockquote>
<p>In der aktuellen Debatte um Blogs bzw. nutzergenerierte Inhalte im Internet und die professionelle/kommerzielle Produktion von Inhalten in den traditionellen Medien scheint es fasst, als seien erstere die Weibchen, aus denen zweitere unter Zugabe ihrer medialen Aufbereitungsmilch ihre Produkte hervorbringen. Die fallen dann zurück in den Reproduktionszyklus und weiter dreht der Kreisel. Beide Schwärme befinden sich allerdings in diesem Fall in einem Elitendiskurs, der eine ganze Reihe von Akteuren draußen lässt.</p>
<p>Gerade die Massenmedien, also die auf größere Lesermassen ausgerichteten Tageszeitungen, verlieren in diesem Balzkampf einen großen Teil der für sie relevanten Leserschaft aus den Augen. Sie erkennen zu wenig, dass sie in diesem Ententeich nur noch mitschwimmen und ihre gern postulierte Rolle des Schwarmführers längst im Primat der Verkaufbarkeit und der Anpassung an den antizipierten Massengeschmack verloren haben. Statt also von einer Beißerei in die andere zu stolpern, sollten sie in der Diversifikationstendenz, die im Internet eben auch und gerade existiert, das Leitmotiv für ihre eigene Perspektive sehen: Profilierung und zwar möglichst nicht über eine Abwehrhaltung, sondern über inhaltliche Qualität und Relevanz. Am besten in einer produktiven Verschränkung mit den neuen Medienformen, die mehr umfasst, als die Zugabe von etwas Milch. Und die Blogosphäre bzw. der Rest der Webgemeinschaft sollte sich vom Irrbild der Schwarmintelligenz lösen, die auch nur einem halbtrivialen ökonomischen Ansatz folgt. Roland Barthes stellte richtig fest:</p>
<blockquote><p>&#8220;Menschen: individuelle, nicht gattungsspezifische Intelligenz [...] Ethologie liefert visionäre Bilder, nicht Argumente.&#8221; (ebd.)</p></blockquote>
<p>Was dem Schwarmjournalismus wie der Schwarmintelligenz also fehlt, ist die Erotik, das Begehrenswerte, das Anziehende. Die Liebe zu dem/die Leidenschaft für das, was man tut.</p>
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		<title>Selbstkontrolle und Transparenz: Facebook gibt den Nutzern das Eigentum an ihren Inhalten zurück</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Feb 2009 12:20:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Web 2.0]]></category>
		<category><![CDATA[Facebook]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Meldung und kurzer Gedanke zum Verhältnis Eigentum und Zugang:
Nachdem Teile der Flickr-Nutzerschaft im Sommer 2007 um einen freien Zugang zu allen (öffentlichen) Inhalten in der Community kämpften (vgl. hier), haben sich die Nutzer von Facebook ihr Recht auf das Löschen ihrer Spuren auf der Plattform zurückerstritten, nachdem zunächst die geänderten Nutzungsbedingungen des Anbieters einige [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Meldung und kurzer Gedanke zum Verhältnis Eigentum und Zugang:</p>
<p>Nachdem Teile der Flickr-Nutzerschaft im Sommer 2007 um einen freien Zugang zu allen (öffentlichen) Inhalten in der Community kämpften (vgl. <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=5270">hier</a>), haben sich die Nutzer von <em>Facebook</em> ihr Recht auf das Löschen ihrer Spuren auf der Plattform zurückerstritten, nachdem zunächst die geänderten Nutzungsbedingungen des Anbieters einige Einschnitte setzten. Hier die aktuelle Erklärung:</p>
<blockquote><p><em>“People should own their information. They should have the freedom to share it with anyone they want and take it with them anywhere they want, including removing it from the Facebook Service. People should have the freedom to decide with whom they will share their information, and to set privacy controls to protect those choices. Those controls, however, are not capable of limiting how those who have received information may use it, particularly outside the Facebook Service.”</em></p></blockquote>
<p>Interessant ist dabei, wie sich der Aspekt Eigentum in einer auf Zugang ausgerichteten Gesellschaft verschiebt: Da wir auf diesen Plattformen in der Lage sind, unsere sozialen Interaktionen inklusive persönlichen Dialogen, die sich nun z.B. über &#8220;Pinnwände&#8221; vollziehen, zu fixieren und damit permanent vorhalten sowie durchsuchbar zu machen, entsteht eine Verletzlichkeit, die spezialisierte Berufsberater gern als &#8220;Karrierrefalle Internet&#8221; bezeichnen. Alles was man schreibt, kann irgendwann gegen einen selbst verwendet werden.</p>
<p>Wer bewusst publiziert, weiß vermutlich/hoffentlich um diese Gefahr. Inwieweit das, was man bei  <em>Facebook</em> tut, aber einem Publizieren entspricht, ist nicht präzise abgrenzbar. Je nach Einstellung werden Interaktion, soziale Beziehungen und Vorlieben graduell öffentlich einsehbar. Der Aspekt der informationellen Selbstbestimmung greift da, wo der Anbieter derartige kodifizierte Interaktionen auch gegen den Willen dessen, der die Interaktion vorgenommen hat, vorhalten und sichtbar halten möchte. Facebook hatte dies versucht und damit einen mittlerweile Wunden Punkt getroffen.</p>
<p>Die Facebook-Debatte führte dabei ganz offensichtlich zu einer weiteren Sensibilisierung seitens der Anbieter, aus der ein eindeutiges Zugeständnis des umfassenden Eigentums an eigenen Interaktionen, inklusive des Vernichtens der Abbildungen dieser Interaktionen, hervorgeht. Dieses Eigentum ist virtuell. Während also im Netz mit dem Datenträger zunehmend der Mythos verschwindet, dass man den auf ihm gespeicherten Inhalt als Eigentum besitzt, zeigt sich ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass man in der Kommunikationswelt des WWW wirklich Herr seiner/seines Selbst ist (oder wenigstens zu sein versuchen sollte).</p>
<p>Die <em>New York Times</em> findet dafür die Überschrift: <a href="http://bits.blogs.nytimes.com/2009/02/26/facebook-remakes-itself-as-a-democracy/">Facebook Tries to Become a Democracy</a>. Die Basis einer Demokratie liegt darin, dass sich die Mitglieder ihrer Rechte bewusst werden. Dass dies nun bei dieser Plattform der Fall ist und Facebook obendrein ein Transparenzgelübde ablegt, ist durchaus begrüßenswert.</p>
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		<title>Die Totmacher</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Nov 2007 18:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bibliothek]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Web 2.0]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Art Dekonstruktion zu Jens Renners Kommentar „Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken.“ (erschienen in: BuB 59 (2007) 11-12, S. 812-813.) [diesen Text als PDF]

Vorbemerkung
Als jemandem, dem sowohl konkret Bibliothek, Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, wie auch allgemein die Welt, in der wir leben und obendrein die Wechselwirkungen zwischen beiden am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Eine Art Dekonstruktion zu Jens Renners Kommentar „Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken.“ (erschienen in: BuB 59 (2007) 11-12, S. 812-813.) </strong>[<a href="http://kontext.edublogs.org/files/2007/11/kommentar_16112007.pdf">diesen Text als PDF</a>]<strong><br />
</strong></p>
<p><strong>Vorbemerkung</strong></p>
<p>Als jemandem, dem sowohl konkret Bibliothek, Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, wie auch allgemein die Welt, in der wir leben und obendrein die Wechselwirkungen zwischen beiden am Herz liegen, verspüre ich in letzter Zeit ein Unbehagen angesichts eines Teiles des Diskurses zu den Themen, die für mich maßgeblich Reflexions-Agenda stehen.</p>
<p>Das kann an mir liegen und daran, dass es mir nicht gelingt, eine entsprechend beruhigende Affirmation aufzubauen. Aber andererseits denke ich auch, dass ein sachbezogener Diskurs durchaus auch eine Gegenrede nicht nur aushält, sondern geradezu benötigt. Auch heute möchte ich „gegenreden“ – bzw. gegenschreiben – und das Medium Weblog bietet sich geradezu dafür an, zumal man hier auch noch absatzgenau gegen die Gegenrede halten kann. Es wäre sehr schön, wenn diese schmucke Innovation, die bislang eindeutig auf Kosten des angenehmen Äußeren geht, noch intensiver genutzt wird. Manches mag vielleicht überzogen klingen, aber ich bin der Auffassung, dass man der Phrase nur mit ihrer Umkehrung und Ironisierung beikommen kann.</p>
<p>Worum es mir also geht, ist das von mir wahrgenommene Phänomen eines Umgangs mit Themen, die mir wichtig sind und von denen ich als Bibliothekswissenschaftler wenigstens theoretisch etwas zu verstehen glaube, welcher sich zu einem leider sehr großen Anteil auf rhetorische Scharmützel mit Allgemeinplätzen beschränkt hinsichtlich der Frage, welche und wie viel Substanz sich dahinter verbirgt, dekonstruierend zu durchzusieben. Dies, verbunden mit dem Interesse an einem reflexiven Diskurs, steht hinter diesem kleinen Weblog-Eintrag.</p>
<p><strong>Die Fame Generation</strong></p>
<blockquote><p>„Die Vermutung liegt nahe, dass es sich mit der Blogosphäre ähnlich verhält wie mit den allmählich abklingenden Reality-Shows, die nichts mit der Wirklichkeit und alles mit Exhibitionismus zu tun haben, dass nämlich vor allem jene, die mit ihrem Privatleben nichts anfangen können, sich ins Informationsmeer stürzen.“ – Felicitas von Lovenberg: Und wann steigen Sie aus? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10.11.2007, Nr. 262, S. Z1-Z2</p></blockquote>
<p>Ich blogge, also bin ich. Und zwar Teil der „fame generation“, wie die Guardian-Kolumnistin Marina Hyde in ihrem Dreispalter in der letzten Samstagausgabe des britischen “Quality Papers“ titelt. Exhibitionistisch, „pooterisch“ und einer dieser jungen Menschen, – „broadcasting who I am“ – die sich nachhaltig mit ihrem „inneren Monolog“ um Kopf und Kragen schreiben, da die Personalchefs genauso wie die Geheimdienste Persönlichkeitsprofile aus Google-Resultaten ermitteln. Man glaubt fast nicht an Zufall, dass am vergangenen Wochenende einerseits in der „Bilder und Zeiten“-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Felicitas von Lovenberg eine argumentativ außergewöhnlich bodenlose Ode an die Webverweigerung publizieren durfte („Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis nicht nur die soziale Enklave, sondern gerade auch die digitale Abschottung vom Bewusstseinsstrom der Banalität überlebensnotwendig für jeden werden wird, der kreativ oder schlicht geistig gesund bleiben will.“) und andererseits im Guardian Marina Hyde die Peinlichkeit des geäußerten, inneren Monologs geißelt. Die vier Millionen britischen Blogger (sh. <a href="http://www.guardian.co.uk/technology/2007/nov/09/blogging.socialnetworking">auch</a>) wissen nicht, was sie tun, ihre deutschen Kollegen gleichermaßen, so der Eindruck nach der Lektüre des Textes von Felicitas von Lovenberg, und entäußern ihre Persönlichkeit (und <em>Privacy</em>) den 15 oder auch mehr Minuten „Fame“ bar jedes Blickes für mögliche Konsequenzen.</p>
<p>Und natürlich: „Ein Leben für den Fame“, wie es der Prenzlauer Berg-Rapper V-Mann näher am Leben als alle Hydes und von Lovenbergs auf den Qualitätspressebällen dieser Welt es beschreiben könnten, in einem kleinen Raptrack zusammenreimt, das bedeutet, wenn Ruhm gesellschaftlich wertvoll sein soll, erst einmal Schweiß und Tränen und vielleicht auch Blut fließen: „Watch the audition rounds of any television talent show, and it seems as if an entire generation now believes fame to be a basic human right.“ Warum eigentlich nicht.</p>
<p>Marina Hyde freut sich sicherlich auch, ihr Gesicht im Guardian zu sehen und auch bei Felicitas von Lovenberg (und anderen Deutungseliten) geht des Öfteren die Substanz merklich vor der Tinte aus. Auch dem sich selbst gern beschwörenden „Qualitätsjournalismus“ à la FAZ  könnte man locker eine Art „Schwarzblog“ zur Seite stellen, wie es die Bildblogger zum großen Pendant auf dem Boulevard tun. Die Frequenz des Zeilenfüllens um jeden Preis ist vielleicht nicht ganz so hoch und man muss den dekonstruierenden Diskursschlüssel meist feiner justieren, aber dass nicht jeder Artikel einem Feuerwerk der Sachkenntnis gleichkommt, merkt man überraschend häufig. Indes: Stilistisch bleibt es meist stabil und somit die gute Form gewahrt. Und zugegeben: den Freizeitkolumnisten der Blogosphäre entgleiten nachweisbar um Potenzen häufiger sowohl Form wie Schreibstil.</p>
<p>Gerade aus diesem Grund verwundert es zutiefst, wieso sich die Kommentatoren von Presseerzeugnissen, die Weltniveau als Aushängeschild ihre Zeitungen beschwören, immer wieder in grob undifferenzierter Art und Weise und manchmal fast hysterisch bemühen, über Blogger und der vermeintlich nach Fame-gierenden Masse des Web 2.0 den Stab zu brechen und dabei zu verkennen, dass gerade die, die sie zu treffen versuchen, sie gar nicht wahrnehmen. Man kann zwar, wenn man Watzlawick glaubt, nicht „nicht“ kommunizieren, aber durchaus in großer Entfernung aneinander vorbei.</p>
<p>Die Wikipedia ist die Wikipedia und kein Brockhaus und keine Britannica und ein Weblog ist keine Tageszeitung, sondern ein Werkzeug, das sich für alles Mögliche gebrauchen lässt, allerdings nicht, um mir die Tageszeitung zu ersetzen. Denn im Gegensatz zu den meisten Weblogs ist das Medium „Tagespresse“ von der Erscheinungsweise bis hin zum Tenor der Beiträge halbwegs berechenbar. Das WWW und die Blogosphäre sind mächtig gestreut, was ihren Reiz ausmacht, von mir als Informationsrezipient oft, aber nicht immer gewünscht ist. Manchmal sehnt sich der Mensch auch nach Begrenztheit und Bündelung, d.h. also nicht nach Hypertext und permanenten Datenstrom im RSS-Feed. Der zweite Vorteil der Tageszeitung liegt buchstäblich auf der Hand: sie ist ausgedruckt und schön gefaltet und auch offline &#8211; sogar in der Badewanne &#8211; lesbar, man kann sich etwas anstreichen, ausschneiden, ins Tagebuch kleben oder dem Kollegen auf den Schreibtisch legen und man sieht materiell konkretisiert an dem Stapel neben dem Sofa, wohindurch man sich gerade gelesen hat.</p>
<p><strong>Kampf den Blogwindmühlen</strong></p>
<p>Aus irgendeinem Grund reagiert das alte Medium Zeitung dennoch oft wie ein bedrohtes Tier und zeichnet gar düstere Visionen der Kids da draußen, die ihren Lieblingsfilm und ihre Lieblingsmusik und manchmal gar ihre Lieblingswochenendausschweifung ganz offen auf der Suche nach fälschlicherweise „Freunde“ genannten Identitätslinks zu anderen Nutzern bekannt geben. Das Feuilleton wundert sich, als hätte es noch nie etwas von Pierre Bourdieu und symbolischen und kulturellen Kapital bzw. dem Habitus-Konzept gehört, wobei sich all das irgendwie nachvollziehbar im WWW neue  Bahnen bricht.</p>
<p>So schlingert der mehr oder weniger selbst beschworene Qualitätsjournalismus beinahe regelmäßig und immer dann, wenn es um Phänomene geht, denen sich Kolumnisten und Feuilletonisten erfahrungsarm gegenüber sehen, an seine Qualitätslimits. Anwendungen der Sozialen Software gehören eigenartigerweise zu diesen schwierigen Themen. Das ist bedauerlich, denn natürlich finden sich in den Druckzeilen, hinter denen sich (fast) immer ein kluger Kopf zu verbergen scheint, auch eine Reihe von das virtuelle Kommunikationserleben betreffenden Phänomenen, die einer sachlichen sowie lebendigen öffentlichen Diskussion bedürfen. Der Aspekt der „Privacy“ gehört ganz sicher dazu. Nur leider verschüttet man diese Ansatzpunkte dann gleich wieder unglücklich mit banalen Pauschalisierungen und Untergangsszenarien, dass einem um die FAZ und andere tatsächlich bange werden muss. Der Feind sitzt allerdings nicht irgendwo im WWW, sondern im eigenen Blatt bzw. Kopf. Statt z.B. auf  eine (sozial)wissenschaftlich fundierte Basis zu warten und die Leser mit soliden Reflektionen zu versorgen, formuliert man Doppelseiten füllend eine dürftige Paraphrase von Andrew Keens „Cult of the Amateur“ herunter und bastelt sich aus dem Halbwissen der Nichtnutzer die Halbwahrheit über ein mediales und soziales Phänomen, die alles in einer Form über den feuilletonistischen Fabulierkamm schert, der prima ins Konzept einer sich – warum auch immer – in die Ecke gedrängt fühlenden Zunft darstellt.</p>
<p><strong>Das Ende der Bibliotheken</strong></p>
<p>Was die zitierten Vertreterinnen des Qualitätsjournalismus an die Haustür des potentiell wankelmütigen Abonnenten zu tragen gedenken, spielt rhetorisch mit einem Endzeitszenario, wie wir es leider – wenn auch mit anderen Vorzeichen – nicht selten im Bibliothekswesen hinnehmen müssen. Ein besonders unangenehmes Beispiel ist dabei der Kommentar von Jens Renner in der aktuellen Ausgabe der BuB. (Renner, Jens: Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken. In: BuB 11/12 (2007) S. 812-813)</p>
<p>Jens Renner ist kein Journalist, sondern Diplom-Bibliothekar von Ausbildung, Leiter einer wissenschaftlichen Bibliothek von Beruf und stellvertretender Vorsitzender des BIB im Ehrenamt. Wenn sich also jemand in den aktuellen Entwicklungen des Bibliothekswesens auskennt, dann muss er es sein. Umso erschreckender ist sein Entwurf der deutschen Bibliothekslandschaft. Als Ausgangspunkt für seinen Kommentar zum „aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken“ greift er auf das Zitat eines Nicht-Bibliotheksexperten zurück, was durchhaus sinnvoll ist, zeigt sich hier doch, wie die Außenwelt auf den offensichtlich wankenden Korpus des deutschen Bibliothekswesens blickt. Peter Weibel – so heißt der Stichwortgeber und gleichzeitig Vorstand des ZKM – geht davon aus, dass Bibliotheken „nur als virtuelle Dienstleistungen überleben“. Und die Bibliotheken glauben es ihm anscheinend.</p>
<p>Fassen wir also kurz den Einstieg in Renners Kommentar zusammen, damit deutlich wird, worum es geht: Es droht nichts Geringeres als das „Ende“, Bibliotheken werden überleben, aber nicht mehr als Häuser – wenn überhaupt, denn „am Ende könnten auch die Bibliotheken den Weg alles Irdischen gehen“ und damit uns das Abendland bzw. sein bibliothekarisches Erbe verloren. „Na und?“, mag man da sagen. Das <em>Long Tail</em> wird wohl eine oder zwei übrig lassen. Schließlich fahren wir Taxi und dennoch stehen in Wien am Heldenplatz die Fiaker fast wie ehedem. Zugegeben: einem überzeugten Bibliothekar langt diese nostalgische Nische nicht und für die Wissenschaft und ihre Kommunikation ist dies momentan jedenfalls ebenso keine akzeptable Option. Aber welche Ursachen stehen hinter dem beschriebenen Nahtoderleben?</p>
<p><strong>Wir (bzw) sie virtualisieren uns zu Tode</strong></p>
<p>Renner beschwört die fortrasende Virtualisierung, welche die wissenschaftlichen Bibliotheken gleich Lemmingen dem todbringenden Abgrund entgegenhetzt. Doch bevor wir alle Hoffnung fahren lassen, sind wir unseres Schicksals Lenker und können den Untergang aufhalten. Die Lösung heißt dieses Mal – nicht ganz überraschend passend zum Themenheft – „Teaching Library“. So auch der Haupttitel des Kommentars: „Wer früher lehrt, ist später tot.“ Sterben aber, so impliziert Renner, müssen wir in jedem Fall. Nur der Zeitpunkt, den können wir hinauszögern. Zum Beispiel, in dem wir Bibliothekswissen in die Curricula der Bachelorstudiengänge einbringen.</p>
<p>Man hätte natürlich auch weniger fatalistisch und ohne den pathetischen Endzeitschwulst formulieren können: ’Die Digitalisierung von Inhalten und die Möglichkeit der Virtualisierung von Kommunikationsprozessen bieten den Bibliotheken andere, nicht traditionelle Wirkungsmöglichkeiten, die es ihnen ermöglicht ihr Spektrum an Vermittlungsformen von Literatur bzw. wissenschaftlichen Inhalten maßgeblich zu erweitern. Damit können sie ihre Funktion (Sammeln, Schließen und Verfügbarmachen inklusive Vermitteln von Inhalten) noch besser auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer abgestimmt ausüben. Zudem kann man die Kommunikationstechnologien des Web 2.0 genauso wie Präsenzveranstaltungen für einen Dialog mit der Zielgruppe der Studierenden nutzen, idealerweise integriert in die Studienprogramme.’</p>
<p>Anscheinend geht Jens Renner aber davon aus, dass solch ein Positivszenario den Nerv seiner Adressaten nicht trifft und malt den Teufel in Gestalt eines aggressiven Unterhaltsträgers an die Wand und stellt sich und seine Berufskollegen dagegen prophylaktisch schon einmal in die Ecke des bitteren Klischees, dass alles vor der abgenudelten Kulisse des unbegreifbaren Dritten, der Über-Konkurrenz aus den Santa Cruz Mountains:</p>
<blockquote><p>“Was tun, wenn der letzte Datensatz fremdübernommen, der letzte Aufsatz lizensiert und das letzte Buch von Google eingescannt ist? Unsere Unterhaltsträger werden dann einen Grund brauchen, die Bibliotheken nicht aufzugeben oder austrocknen zu lassen. Die Schönheit und Reinheit des Katalognachweises mag unsere Herzen zu entflammen vermögen, aber den Rektor der Präsidenten einer Hochschule interessiert es nicht.“</p></blockquote>
<p>Und hat es nie interessiert, dies übrigens zu recht, denn der funktionalen Arbeitsteilung der Hochschulverwaltung wohnt schlichtweg inne, dass der Bibliothekar seinen Beitrag zum Funktionieren des Gesamtsystems seinem Aufgabenspektrum entsprechend leistet. Die tadellose Titelaufnahme gehört dazu. Die entflammenden Herzen waren dabei vermutlich schon immer ein Privatvergnügen, das mit der Aufgabe an sich nicht viel zu tun hat. Zudem stolpert Renner hier langfristig über die Stilblütenwiese, denn etwas später schreibt er: „Wofür der Bibliothekar nicht glüht, dafür wird sich der Finanzier nicht erwärmen.“ Wie denn nun: Soll er brennen oder soll er nicht?</p>
<p>Was das ach so übermächtige Google angeht, wird es sich, wenn es das letzte Buch gescannt hat, zunächst einmal die zahllosen Fehldigitalisierungen vornehmen müssen und eine Reihe von Titeln noch einmal angehen. Ob und wie das gedruckte Werk – auch im Bibliotheksregal – damit obsolet wird, kann man m. E. heute noch nicht absehen. Immerhin verkauft auch Amazon noch etliche Bücher in materieller Form, die man bequem auf der Amazon-Webseite „volltextdurchsuchen“ und häufig auch Blättern kann. Mein persönliches Kaufverhalten jedenfalls wird dadurch eher angeregt und je mehr die Menschen sehen, dass Offline-Zeit auch eine besondere Qualität besitzt – und zahllose Kolumnen in der Qualitäts- und anderer Presse aus den letzten drei, vier Jahren weisen auf das Umsichgreifen dieser Erkenntnis hin – desto öfter werden sie womöglich auch wieder etwas aus Papier zur Hand nehmen.</p>
<p>Die Lehre aus der Individualisierung der Lebensstile liegt nun mal in einem Verhaltenspluralismus, der sich vom entweder (gedruckt) oder (digital) zugunsten eines “sowohl als auch“ verlagert. Dass man als Bibliothek diese Entwicklung gestalten kann, kommt Jens Renner in seinem Kommentar nicht in den Sinn. Er hält es mit Klischees bibliothekarischer Arbeit, die vermutlich selbst der Feuilletonchef der FAZ seinen Feuilletonisten als zu einseitig rot anstreichen würde:</p>
<blockquote><p> „Niemand weiß also, was wir letzten Sommer getan haben.“</p></blockquote>
<p>Wir hoffen für die Hochschulbibliothek und Hochschule in Ansbach, dass hier Renner nur rhetorisch die Pferde durchgehen. Selbstverständlich gibt es in Hochschulverwaltungen mitunter die Position zu hören, dass nicht ganz eindeutig ist, warum die Bibliothek sehr viel Geld benötigt, um optimal ihre Aufgabe zu erfüllen. Und manchmal scheint gar ihre Aufgabe nicht eindeutig bekannt. Dass hier aber statt einer Selbstbezichtigung, die sich leider mehr oder weniger deutlich durch den Text zieht, fehl am Platze ist und man eigentlich auf ein in diesem Fall Verfehlen der Aufgabe durch die Hochschulleitungen und Unterhaltsträger hinweisen müsste, wird nicht geschlussfolgert. Denn – so müsste man annehmen – ist es die Aufgabe einer guten Führungsetage, dass sie über Funktion und Funktionsgüte der ihnen unterstellten Teilinstitutionen, d.h. also auch der Hochschulbibliotheken, im Bilde ist. Sollte einer Hochschulleitung also über Nacht wirklich auf einmal durch den Kopf schießen, dass ihre Bibliothek ein – wie Renner semantisch etwas unsauber schreibt – „Kostentreiber“ ist, oder ein, da es ohne Aufwand nicht geht, in jedem Fall zutreffender „Aufwandsverursacher“, und sie in Staunen versetzen, dann deutete dies auch irgendwie darauf hin, dass sie – die Leitung – ihr Handwerk nicht ganz nach Pflichtenheft versieht und daher nicht weiß, was im eigenen Hause vor sich geht.</p>
<p><strong>Die Bibliothek in der Dauerwerbesendung</strong></p>
<p>Die transportierte Befürchtung, dass eine Hochschulleitung leichtfertig ihre Bibliothek zusperrt, entspringt obendrein einer trivialen Vorstellung von Betriebswirtschaft, denn selbst wenn die Bibliothek suboptimal arbeitet, stellt sie doch einen Wert dar, den man lieber erst einmal sinnvoll zu nutzen versucht, als ihn einfach wegzuwerfen. Zudem sprechen mindestens zwei Gründe gegen eine derartige Geringschätzung der Bibliotheken durch ihre Mutterhochschulen: Einerseits wurden und werden diverse, z. T. enorm teure und repräsentationsorientierte Bibliotheksneubauten in die Campuslandschaften gebaut und zum anderen besitzen die großen „Leuchtturmuniversitäten“ der Ivy-League durchweg exzellente Bibliothekssysteme. Hier den Sonderweg zu gehen und Eliteuniversitäten ohne Bibliotheken heranzüchten zu wollen, ist der deutschen Hochschulpolitik nun wirklich nicht zuzutrauen. In das aktuelle Idealbild des Hochschulwesens ist die Bibliothek elementar eingebettet. Das „werbend für uns selbst eintreten“, welches Jens Renner als Losung der Stunde ausruft, könnte hier einen prima Ansatzpunkt finden.Die Betonung dieser Grundsätzlichkeit scheint in den offenbar auf große Vorbilder orientierten Universitätsleitungen in jedem Fall sinnvoller, als ihnen in einer falsch verstandenen Übernahme des Vokabulars der Unternehmenswelt einzureden, sie müssten sich als „Shareholder“ sehen.</p>
<p>Und auch innerhalb der Bibliothek wirkt die Radikalkur eher verunsichernd. Gleiches dürfte für den leider auch bei Renner deutlich werdenden Griff in die Anglizismenkiste gelten, der überflüssigerweise aus Zugang „Access“ und aus Inhalt „Content“ macht. Wer sich auch terminologisch so verwässert und damit auch die eigene Identität zur Disposition stellt, muss sich nicht wundern, wenn auf einmal ominöse „Mitbewerber um Geld und Ansehen“ auf den Plan treten, die „ihren Wert [zu] artikulieren wissen“.</p>
<p>Die Bibliothek wird jedenfalls nicht wertvoller, wenn sie bis in die Service-Point-Sprache versucht, genau wie diese Mitbewerber auszusehen – denn dann wird sie tatsächlich verwechsel- und austauschbar. Zudem wüsste man natürlich gern, welche feindliche Armada Renner konkret im Sturmritt auf die Bastion der Literaturversorgung zu galoppieren sieht. Dafür, dass sie sich nicht von der Verkaufsrhetorik der Wissenschaftsverlage kirre machen lassen, sollten die wissenschaftlichen Bibliotheken abgeklärt genug sein. Wie man Kunden gewinnt, hält und kontrolliert, können sie übrigens zumeist in den entsprechenden Sachgruppen ihres eigenen Bestandes nachlesen.</p>
<p><strong>Studierende: Der Rohstoff der Bibliotheken</strong></p>
<p>Die aktuellen Studierendengeneration dagegen scheint dies nicht mehr so richtig zu können – oder zu wollen. Das Bild, welches Renner von heutigen Hochschülern (bzw. in seiner Diktion: vom „nachhaltig nachwachsenden Rohstoff Studierende“) zeichnet, ist jedenfalls düster und wenn dies auf die FH Ansbach tatsächlich derart zutrifft, sollte sich die dortige Fachkoordination einmal zum Krisengipfel treffen und die Curricula umstellen:</p>
<blockquote><p>“Es mag besonders motivierte Studierende geben. Ganz sicher aber gibt es viele nicht ganz so leistungsbereite Studierende, die sehr klug und zielgerichtet das Prüfungswissen punktgenau bereitstellen. Nicht weniger. Selten mehr.“</p></blockquote>
<p>Im Anschluss wird wieder der üblich „Google-Hupf“ [sic!] beschworen und beklagt, dass man damit auch durchkommt. Wenn dies tatsächlich ausreicht, wird die Hyde’sche „fame generation“ allerdings auch nicht die „hilfsbereiten, empathischen und aus Steuermitteln halbwegs auskömmlich finanzierten Experten“ annehmen. Nebenbei: Was interessiert das dritte Merkmal eigentlich die Studierenden? Würden sie noch mehr Hilfsbereitschaft und Empathie einfordern, wenn sie beispielsweise über Studiengebühren die Bibliotheksmitarbeiter direkt finanzierten?</p>
<p>Dass Bibliotheken didaktisch aufbereitete Tutorials anbieten, ist ein willkommener, notwendiger und eigentlich auch selbstverständlicher Dienst. Ob sich daraus jedoch der Rettungsanker, wäre denn die Not so groß wie behauptet, schmieden ließe, bleibt fraglich.</p>
<p>Überraschenderweise nimmt Renner jedoch genau dies und nicht etwa die funktionsgebende Verpflichtung, optimale Dienstleistungen anzubieten, als Auslöser für einen Staffettenlauf des Marketingvokabulars gen Selbsterhaltung, der mitunter fast wie Satire klingt:</p>
<blockquote><p> “Eine curricular eingebundene Lehrveranstaltung „Wissenschaftliches Arbeiten“ ist eine Dauerwerbesendung, besser noch: ein interaktiver Werbedialog für die Leistungen der Bibliothek. Daran lassen sich weitere Kundenbindungsmaßnahmen anschließen, etwa ein Diplomanden-vier-Augen-Service.“</p></blockquote>
<p>Dauerwerbesendung? Interaktiver Werbedialog? Rufen sie jetzt an, gleich schlägt der Hot-Button zu? „Vier-Augen-Service“? Eine Stichelei gegen Brillenträger? Marketing schön und gut – aber man sollte vielleicht in der Wortwahl die Nähe zum Produkt und auch zur Zielgruppe suchen. Für eine wissenschaftliche Zielgruppe darf es ruhig ein wenig weniger phrasenhaft klingen und selbst Studierende fühlen sich wohler, wenn sie das Gefühl haben, dass die Leute wissen, wovon sie sprechen. Das zitierte Klangfeuerwerk verunsichert dagegen nicht wenig, wobei es spannend wäre, zu sehen, wie Studierende aus dem Bereich „Marketing“ auf so etwas reagieren:</p>
<blockquote><p>„Eine Lehrveranstaltung ist Bibliotheksmarketing direkt am Kunden, den erst die drohende Klausur motiviert, bald aber die charismatische und interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin völlig begeistert.“</p></blockquote>
<p>Das muss sich erst einmal setzen: „charismatische, interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin“. Was muss man sich hier vorstellen? Ein Nummerngirl mit Gnadengabe? Ein Entertainmentmodell mit Ratequiz? Die Verführung des Toren mittels des Apfels der Weisheit in „eine neue Welt, die er zugleich kritisch zu reflektieren lernt.“ Das ewig Weibliche (natürlich) zieht den faulen Studenten mit seinen Reizen hinan und hinein in die schillernde Welt des Bibliotheksbestands, damit nachher keiner der „Shareholder“ sagen kann, man wäre nicht ganz nah dran an der Zielgruppe. Dies alles wird eingekleidet in ein verbrämtes Aufklärertum, das so ein bisschen noch moralischen Zielen folgt, aber eigentlich nur neue Ernährer heranzieht, die im Gegensatz zu den heutigen, die Bibliothek zu schätzen wissen:</p>
<blockquote><p>“Die co-finanzierenden Kunden, in die Rolle eines neuen Entscheiders aufgerückt, werden interessiert, informiert und überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Bibliotheksinstanz“.</p></blockquote>
<p>Mit Charisma und Wissensshow. Wer wird Professor…</p>
<p>Ganz zu recht fragt Jens Renner, „Fürchten wir uns ein wenig davor?“ Bei prickelnden Sätzen wie „Sex up your library service“ ist die Furcht nicht nur „ein wenig“, sondern gewaltig, sofern man davon ausgeht, dass Bibliothekare auch in Zukunft solid und seriös Informationen vermitteln und wissenschaftliche Kommunikation unterstützen sollen, was wohl ganz zurecht nicht in die Kategorie „cooler Fun-Job“ à la Bademeister in St. Peter-Ording oder Projektentwickler beim StudiVZ passt. Das „neue und positive Licht“, welches Renner erstrahlen lassen will, wird den Bibliothekaren dann aufgehen, wenn sie sich „aus der Masse von Werbemüll [vergleiche: „…ist eine Dauerwerbesendung“] und ungeprüfter Behauptung die Rosinen picken können.“ Dazu zählt u.a. auch das Hinterfragen von Nachsätzen wie</p>
<blockquote><p>„Wir sind es, die diese Rosinen in Rum einlegen helfen und daraus schmackhaften Kuchen zu machen [sic!], wir können elegante Tipps für eine geschmeidige schriftliche Arbeit geben.“</p></blockquote>
<p><strong>Die Sorge ums Selbst</strong></p>
<p>Vielleicht bin ich mit meinen Wissenschaftsidealen ein Ewiggestriger, vielleicht auch nur humorlos. Aber für mich, der ich durchaus einer fröhlichen Wissenschaft etwas abgewinnen kann, ist die Aussicht auf eine Promotionsverteidigung als – wenn auch übertragen gemeint – von der Hochschulbibliothek beförderte Tortenschlacht ein Sahnhäubchen zuviel. Wer auf „Ideen wie Peer-Review“ als „Qualitätssicherung“ der Wissensbasis des Nutzers hinweist und betont</p>
<blockquote><p>„Er wird erst dann wissenschaftlich geprüfte Quellen suchen und andere unbeachtet am Wegrand zurücklassen, wenn ihm der Unterschied zwischen beiden Welten verständlich wurde“</p></blockquote>
<p>und gleichzeitig derart Phrasen plakatiert, zeigt leider deutlich, in welche der beiden Welten er sich manövriert. Das kann man natürlich machen und man kann den Studierenden auch dem Zeitgeist gemäß unterstellen, sie interessierten sich nicht für Wissenschaft und Bibliothek, wobei die Umsetzung des Bologna-Prozesses mit seinen Effektivstudiengängen im Gegensatz zu erkenntnisorientierten Programmen ein nicht zu kleines Schärflein zu solchen Zerrbildern beiträgt. Aber man sollte nicht die Gesamtheit der Fach- und Berufskollegen mit derartigen Droh- und Rettungsszenarien zum Folgen auffordern. Die Hochschulautonomie, Google und &#8220;<em>Web’n’Walk&#8221;</em> als „unterminierende Faktoren“ zu bezeichnen, ist schon ein deutliches Symptom für eine gewisse Ratlosigkeit, die in der entlarvend unterwürfigen Aussage resultiert:</p>
<blockquote><p>“Wir tun unseren Entscheidern und Kunden etwas Gutes – damit sie uns nichts Böses tun.“</p></blockquote>
<p>die sich mit einer ungeheuerlichen Selbstüberschätzung verbindet:</p>
<blockquote><p>“Demokratisierende und oft inhaltlich verflachende soziale Welten a la Web 2.0 machen diese Erkenntnis [dass es zwei Welten gibt, nämlich die der bibliothekarischen Qualitätsinformation und den Rest] noch deutlicher.“</p></blockquote>
<p>Hier treffen sich der Qualitätsjournalismus der Felicitas von Lovenberg und die Überlebensstrategie der wissenschaftlichen Bibliotheken, wie sie Jens Renner sieht, wieder. Und so wie man dennoch manchmal die FAZ, den Guardian oder die New York Times liest, da dort nach wie vor auch Autoren Raum finden, die die Darstellung eines Themas auf hohem Niveau beherrschen, wird man auch das Prinzip der Teaching Library begrüßen, dass, wie u.a.auch andere Beiträge dieses BuB-Heftes zeigen, mehr sein kann, als ein aus eine irrationalen Furcht entspringendes Rhetorikhülsengeklapper mit dem einzigen – trivialdarwinistisch angehauchten – Ziel der Selbsterhaltung um jeden Preis.</p>
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		<title>Wir Minotauren? Gedanken zu Theseus und der Bibliothekswissenschaft.</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Oct 2007 15:03:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bibliothekswissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[THESEUS]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit vierteljährlicher Regelmäßigkeit schickt mir Fraunhofer-Gesellschaft ihr Forschungsmagazin, was ich nicht als erstes lese, wenn ich die Post sichte, aber ganz gern mal in der S-Bahn, zumal man, nachdem sich der &#8220;Souverän&#8221; (wer es in diesem Fall auch immer sein mag) durchgesetzt hat und die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überzeugte, die FAZ schnellesiger zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit vierteljährlicher Regelmäßigkeit schickt mir Fraunhofer-Gesellschaft ihr <a href="http://www.fraunhofer.de/fhg/publications/magazin/index.jsp">Forschungsmagazin</a>, was ich nicht als erstes lese, wenn ich die Post sichte, aber ganz gern mal in der S-Bahn, zumal man, nachdem sich der &#8220;<a href="http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E9A236CB3F5844465A6A8FA45926F906D~ATpl~Ecommon~Sspezial.html">Souverän</a>&#8221; (wer es in diesem Fall auch immer sein mag) durchgesetzt hat und die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überzeugte, die FAZ schnellesiger zu gestalten, was zwar trotz der eher grotesken Argumentation Werner D&#8217;Inkas jedenfalls für mich unverständlich bleibt und völlig überflüssig war, aber am Ende mehr Zeit für das Fraunhofer Magazin u.ä. lässt. Außerdem ist so Forschungsmagazin in der Regel etwas schneller an den aktuellen Entwicklungen dran, als es die Wissenschaftsteile der Tageszeitungen sein können.</p>
<p>Mit sehr großem Interesse habe ich natürlich sofort den Beitrag &#8220;Werkzeuge für das Web 3.0&#8243; (<a href="http://www.fraunhofer.de/fhg/Images/magazin4-2007-14_tcm5-85775.pdf">hier als PDF</a>), in dem es um das <a href="http://theseus-programm.de/">THESEUS-Programm</a>  &#8211; von dem <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=4822">nicht jeder viel hält</a> &#8211; geht, das mit keinem geringen Ziel im Titel auszieht, als einer &#8220;neuen internetbasierten Wissensinfrastruktur&#8221;. Nur kann  und sollte man vom <em>Branding</em> eines Projektes nicht zwingend auf die Qualität schließen. Aber das, was geschildert wird, verspricht auf jeden Fall eine Menge. So findet sich unter dem Programmpunkt <a href="http://theseus-programm.de/scenarios/de/alexandria">ALEXANDRIA &#8211; eine Endnutzer orientierte Wissensplattform</a> folgende Beschreibung:</p>
<blockquote><p>Das Forschungsvorhaben widmet sich auch der Frage, auf welchem Wege sich von Experten aufgebaute Ontologien mit so genannten Folksonomies verknüpfen lassen. Folksonomien sind durch gemeinschaftliches Indexieren erstellte Sammlungen von Tags. Dabei stehen Forschungsarbeiten zur einfachen und intuitiven Nutzbarkeit einer solchen Plattform, zur Überprüfung und Erhöhung der Informationsqualität der verfügbaren Informationen und zum Management einer aktiven Alexandria Community im Vordergrund.</p></blockquote>
<p>Damit würde man ein elementares Desiderat der Bibliothek 2.0 aufgreifen. Was bedauerlicherweise ins Auge fällt, ist, dass bis auf die <em>Deutsche Nationalbibliothek</em> soweit ich es überblicke keine weiteren bibliothekarischen oder bibliothekswissenschaftlichen Akteure beteiligt sind. Das ist insofern bedauerlich, als man eigentlich annehmen sollte, dass vor dem Hintergrund der genuinen Aufgabe von Bibliotheken bzw. der Dokumentation bei der Beschreibung und Zugänglichmachung von Dokumenten hier durchaus die Chance bestanden hätte, die Bibliotheken nicht nur als Nachnutzer von Innovation, sondern als Mitgestalter einzubinden.</p>
<p>Im Zentrum des THESEUS-Programms stehen semantische Vernetzungsmöglichkeiten &#8211; also das Web 3.0 &#8211; wobei die Verknüpfung über die Metadaten erfolgt. Ein Teil der Projekte ist auf die automatische Metadatengenerierung ausgerichtet (vgl. <a href="http://theseus-programm.de/theseus-basistechnologien">auch hier</a>, Punkt a), wovon man sich beispielsweise konkret in der Medizin bei der Auswertung von Computertomographie aufnahmen viel erhofft (vgl. Anwendungsszenario <a href="http://theseus-programm.de/scenarios/de/medico">Medico</a>). In Anbetracht der Tatsache, der prospektiv großen Bedeutung z.B. der Digitalmikroskopie (<a href="http://dotslide.olympus-sis.com/">hier ein Beispiel</a>)  in der medizinischen (und biologischen etc.) Forschung steht hier vielleicht eine kleine Revolution bei Nutzung bildgebender Verfahren ins Haus. Dass solche diese Bilderkennungsmöglichkeiten irgendwann auch bei Flickr auftauchen und endnutzerfreundlich die Erschließung der eigenen Digitalfotosammlung ermöglich ist sicher nur eine Frage der Zeit.</p>
<p>Die Mitwirkung der Bibliotheken bezieht sich dagegen &#8211; fast möchte man sagen: dem Klischee entsprechend &#8211; auf den Aspekt des besseren Bewahrens und Verfügbarmachen des Bewahrten:</p>
<blockquote><p>&#8220;Bibliotheken, Sendeanstalten, Archive und Museen stehen vor der Herausforderung, digitale Kulturgüter einem beitem Publikum zugänglich zu machen.&#8221;</p></blockquote>
<p>heißt es im Text des Magazins. Die Bibliothek bleibt als Sicherer des kulturellen Vermächtnis. (Anwendungsbeispiel <a href="http://theseus-programm.de/scenarios/de/contentus">CONTENTUS &#8211; Sicherung Kulturerbe</a>) Ihre mögliche aktive Rolle in der Wissenschaftskommunikation oder in Hinblick auf spezielle (nicht für das &#8220;breite Publikum&#8221;) Informationsbedürfnisse findet dagegen keine explizite Beachtung.  Nicht dass diese Aufgabe der Sammlung und (Langzeit)Archivierung nicht hoch ehrenswert und sehr notwendig ist. Aber eigentlich sollten m.E. Bibliotheken (2.0) über den Umgang mit Artefakten hinaus weitaus direkter in die Koordination wissenschaftskommunikativer Strukturen eingebunden agieren. Die Frage, wie man neu publizierte wissenschaftliche Erkenntnis möglichst in Echtzeit, wenigstens zeitnah, mit Metadaten erschließt und idealerweise semantisch verknüpft, um die Wissenschaft mit entsprechenden hoch aktuellen Zugängen zur Forschungsliteratur und vielleicht auch Rohdaten zu versorgen, scheint mir momentan durchaus zentral für die Bibliothekswissenschaft.</p>
<p>Das Internet erodiert in gewisser Weise die Vorstellungen vom abgrenzbaren Dokument, wie es die Monographie oder der Zeitschriftenaufsatz waren. Es ist/wird nun möglich, Textschnipsel, Bilder, Einzelaussagen, Formeln etc. aus den Texten zu extrahieren und neu zu Hyperdokumenten zu kombinieren, die anfragenspezifisch erzeugt werden. Das ist ein schöner Vorteil der Verknüpfung, der Nachteil ist allerdings, dass der menschliche Nutzer u.U. bei gänzlicher Auflösung jeder für ihn erkennbaren Grenze &#8211; &#8220;lost in hyperspace&#8221; &#8211; seine Rezeptionsgewohnheiten erfahrungsgemäß nicht im Gleichschritt mit den technischen Möglichkeiten umstellen kann. Die sich hier ergebende Herausforderung, die wiederum ebenfalls auch für die Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft zentral erscheint, ist die Frage nach der &#8220;Form&#8221; der entsprechenden Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Welche Form müssen die (personalisierten) Dokumente aufweisen, um optimal für den Erkenntnisprozess nutzbar zu sein? Wohl dem, der neben der Bibliothekswissenschaft auch ein bisschen Wahrnehmungspsychologie studieren konnte&#8230;</p>
<p>Aber auch dafür gibt es im THESEUS-Programm einen Baustein, der den schönen Namen &#8220;<a href="http://theseus-programm.de/scenarios/de/ordo">ORDO &#8211; Ordnung digitaler Information</a>&#8221; trägt:</p>
<blockquote><p>Im Rahmen des Anwendungsszenarios ORDO sollen durch Erforschung und Entwicklung von semantischen Technologien neue Dienste und Softwarewerkzeuge entstehen, die dem Benutzer eine übersichtliche und mühelose, weil automatisch erstellte, Ordnung seiner gesamten digitalen Informationen ermöglichen. Eine hohe Skalierbarkeit ermöglicht die problemlose Verarbeitbarkeit sehr großer Datenmengen und deren grafische Visualisierung als Wissensmodell. Im Gegensatz zu bestehenden Lösungen ermöglicht die personalisierte Verknüpfung der Inhalte eine einheitliche Ordnung unstrukturierter und strukturierter Daten, so dass ein effizientes, individuelles Wissensmanagement möglich wird.</p></blockquote>
<p>Dass (subjektiv empfundene) Übersichtlichkeit wirklich kausal mit der automatischen Generierung einhergeht, wie das Zitat suggeriert, bezweifle ich, bis ich durch Anschauung belehrt werde. Aber die Stoßrichtung ist klar und ebenso, dass die Fantasie der Bibliothekswissenschaftler sich doch sehr rotieren muss, um irgendetwas in ihrem Metier zu finden, was nicht potentiell unter Theseus subsumiert wird.</p>
<p>Es wird also eng, für die deutsche Bibliothekswissenschaft innerhalb dieser Forschungsziele, die allerdings zunächst hauptsächlich den STM-Bereich zu bedienen scheinen, denn bis die argumentativen und interpretativen Wissenschaften in ganzer Tiefe ebenfalls mit Web 3.0-Technologie befriedigend erschließbar und visualisierbar sind, müssen auch die Maschinen noch sehr viel lernen. Für das Retrieval potentiell relevanter Quellen werden sich die Ergebnisse des THESEUS-Programms selbstverständlich aber auch ganz gut nutzen lassen. Was bleibt unserem Fach also außer einer fachlich fundierten kritischen technik- und wissensphilosophischen Begleitmusik?</p>
<p>Wenn denn tatsächlich die gesamte entworfene Palette von ALEXANDRIA bis TEXO wie geplant verwirklicht wird, kann man vermutlich die Virtuellen Fachbibliotheken ganz neu aufrollen. Wo man heute kaum etwas, aus dem Bereich des Web 2.0 findet, erscheint eine Umstellung auf das Web 3.0 als eine noch ganz andere Herausforderung. Ich selbst finde mich gerade ein bisschen ratlos ob der Frage, wie Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft mit den Trends, die an ihnen etwas vorbeizugehen scheinen, umgehen. Vielleicht ist eine Möglichkeit, die Entwicklung des maschinenbezogenen Web 3.0 tatsächlich weitgehend anderen Experten zu überlassen und sich erst einmal auf das Web 2.0 und die analog nummerierte &#8220;Bibliothek&#8221; zu beziehen. Zusätzlich wäre es in der Tat vielleicht nicht verkehrt, dass Geschehen um eine reflektive Ebene zu erweitern. Die Bibliothekswissenschaft könnte im Erkennen der Geschehnisse und im Entwickeln von Folgeszenarien für die Nutzer, in informations- oder wissensethischen Fragestellungen und auch in Strukturfragen hinsichtlich der von Gesellschaft und Wissenschaft mit den sich eröffnenden wissensinfrastrukturellen Möglichkeiten eine Perspektive finden. Verstehen, Kommentieren und Vermitteln &#8211; diese drei Pfeiler sind m.E. eine Option, die übrigens auch das Formulieren von Entwicklungszielen und das Aufzeigen von Leerstellen beinhaltet.</p>
<p>Unter dem, was häufig als &#8220;Bibliothek 2.0&#8243; bezeichnet wird, verbirgt sich eine Facette, die Theseus zwar berührt (&#8221;Im Fokus stehen dabei Verfahren des Text- und Multimediamining, die qualitätsgesteuert Änderungen durch den Benutzer zulassen.&#8221;), dies allerdings nur von der technischen Seite und auf die Vernetzung von Nutzer und Inhalt bezogen. Die Facette der Sozialen Software, die kollaboratives Arbeiten fördern und Individuen &#8211; unter welcher Zielstellung auch immer &#8211; vernetzen soll, ist hier vielleicht implizit enthalten, könnte aber für die bibliothekswissenschaftliche Forschung weitaus stärker in den Vordergrund rücken. Die Inhalte sind dabei das Mittel zum Zweck. Wenn man dafür dann keine &#8220;Universalbibliographie&#8221; nebst Vollmedienzugriff entwickelt hat, dafür aber den Nutzer nicht nur als Informationsnutzer sondern als &#8211; auch in der Wissenschaft &#8211; von Mensch zu Mensch Kommunizierenden begreift und diese Richtung stärker ausbaut, wäre auch einiges (an Profil) zu gewinnen.</p>
<p>Sehr traurig wäre es jedoch, wenn die Mythologie am Ende eine analoge Umsetzung findet. Nimmt man das Bild der Bibliothek von Babel eines Borges als Labyrinth  und stellt man sich den Bibliothekar in diesem als Minotaurus vor (und den Nutzer als athenisches Jungvolk), so kann man sich leicht ausmalen, was mit dem Eindringen des Theseus in dieses mit dem Web 3.0 als Ariadnefaden so alles geschehen kann.</p>
<p>Bei Dürrenmatt ließt man übrigens folgende erstaunliche Überlegung zum Thema:</p>
<blockquote><p>Daß alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen von Minos ins Labyrinth geschickt wurden, daran läßt sich nicht zweifeln, wohl aber an der Weise, wie sie den Tod gefunden haben sollen. Natürlich lag es nahe, Minotaurus als ihren Mörder zu betrachten, wenn ich nicht so recht überzeugt bin, so nur, weil die Unmöglichkeit aus dem Labyrinth zu entweichen, der Möglichkeit entspricht, in sein Inneres zu gelangen: Minotaurus konnte weder fliehen noch gefunden werden, auch von seinen Opfern nicht. Möglich, daß diese, einmal ins Labyrinth eingedrungen, manchmal das bald ferne, bald nahe Brüllen des Stiermenschen vernommen haben, aber auf ihn werden sie nie gestoßen sein. Das wochenlange Herumirren und die ständige Furcht, doch auf die Bestie zu stoßen, wird sie aber ermattet oder in den Wahnsinn getrieben haben; vielleicht daß sich die sieben Jünglinge und die sieben Jungfrauen selbst zerfleischten, nach und nach; &#8230; (Dürrenmatt, Friedrich: Labyrinth Turmbau Stoffe I-IX. Zürich: Diogenes, 2002 S. 92)</p></blockquote>
<p>Alles nur ein Missverständnis? Immerhin hätte hier vielleicht mehr Dialog zwischen dem Stiermenschen, den Jünglingen und Jungfrauen die Tötung durch Theseus, der dadurch eine endgültig verwaiste Labyrinthstruktur zurücklies, zugunsten einer fruchtbareren Lösung verhindert&#8230;. Soviel zur mythologischen Überspitzung einer realen Beobachtung.</p>
<p>Ich werde noch ein wenig mehr über die mögliche Rolle und die möglichen Forschungsfelder, der Bibliothekswissenschaft nachdenken und hoffe, mit dieser Beschäftigung nicht allein zu sein. Dringend notwendig erscheint mir auch gerade am Berliner Institut eine intensive(re) Fortsetzung der begonnenen Profilierung des Faches. Auch hier gilt: Mehr Dialog bzw. Diskurs wäre hilfreich. Die vor ein paar Jahren konkret aufgeworfene Frage &#8220;Bibliothekswissenschaft &#8211; quo vadis?&#8221; ist für mich jedenfalls noch nicht befriedigend beantwortet.</p>
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		<title>Die Schweden hinterfragen das Medium Weblog (via euro&#124;topics)</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Oct 2007 17:14:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
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		<description><![CDATA[In der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter ist aktuell ein kleiner Artikel über Sinn und Unsinn von Weblogs zu lesen, den euro&#124;topics als symptomatisch für eine beginnende Debatte über Sinn und Unsinn von Blogs sieht. Auslöser ist, dass Schwedens wohl meistgelesener Blogger, Alex Schulman, sein Weblog beim Aftonbladet geschlossen hat, da ihm das eigene Niveau wohl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der schwedischen Tageszeitung <em>Dagens Nyheter</em> ist aktuell ein kleiner Artikel über Sinn und Unsinn von Weblogs zu lesen, den <a href="http://www.eurotopics.net/de/presseschau/archiv/article/ARTICLE21160">euro|topics</a> als symptomatisch für eine beginnende Debatte über Sinn und Unsinn von Blogs sieht. Auslöser ist, dass Schwedens wohl meistgelesener Blogger, <a href="http://www.bloggportalen.se/BlogPortal/view/BlogDetails?id=5234">Alex Schulman</a>, sein Weblog beim <a href="http://blogg.aftonbladet.se/14002">Aftonbladet</a> geschlossen hat, da ihm das eigene Niveau wohl zu gering war:</p>
<blockquote><p>er sei &#8220;angeekelt von sich selbst&#8221;, begründete Schulman seinen Schritt.</p></blockquote>
<p>euro|topics übersetzt freundlicherweise die <a href="http://www.dn.se/DNet/jsp/polopoly.jsp?d=2207&amp;a=700751">Gretchenfragen</a> der DN-Journalistin Maria Schottenius:</p>
<blockquote><p>Maria Schottenius bezeichnet es als einen großen Irrtum, &#8220;dass Blogs bahnbrechend für unsere Zeit sind, vergleichbar mit dem Einzug von Internet oder Radio. Dieser Wahn hat eine Hysterie bei ansonsten seriösen Journalisten ausgelöst. Es ist betrüblich, dass respektable Journalisten sich so krampfhaft Unwesentlichem widmen. Klatsch lockt Leser. Aber wie viele Blogger werden eigentlich gelesen? Und welchen Schluss sollen wir daraus ziehen, dass die populärsten Worte bei Blog-Suchen &#8216;Sex&#8217; und &#8216;Porno&#8217; sind?&#8221;</p></blockquote>
<p>Vielleicht sollte man aber auch einfach eine differenzierte Sicht auf das Medium gewinnen. Immer sind es die <em>respektablen Journalisten</em>, die die Inhalte gestalten.</p>
<p>Dass dafür die Zugriffszahlen ausschlagebendes <em>Benchmark</em> sind und nicht journalisitische Wertarbeit, ist am Ende dann doch weniger am Medium Weblog, als einer anscheinend von manchen Webjournalisten gepflegten, etwas eigenartigen Vorstellung von dem, was man mit diesem tun kann (und sollte) festzumachen.</p>
<p>Die zitierte Argumentation Maria Schottenius&#8217; wirkt dabei jedenfalls in gewisser Weise ähnlich überzogen, wie all die zuvor geäußerten Revolutionsszenarien des neuen Partizipations- und womöglich Massenmediums.</p>
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