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Bemerkungen zu 3 Thesen von Susanne Riedel (BIB)

Posted in Bibliothek, Kommentar, Sonstiges, Susanne Riedel on June 27th, 2006 and

In der Ausgabe 06/2006 von BuB findet sich auf der Seite 479 ein kleiner lila farbener Kasten, in dem drei Thesen wiedergegeben sind, die die BIB-Vorsitzende Susanne Riedel auf dem letzten Bibliothekartag im Kongresszentrum am Dresdner Elbufer in Hinblick auf Rolle und Bedeutung der Bibliotheken in Deutschland äußerte.
 

These 1: „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
These 2: „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“
These 3: „Bibliotheken sind intergraler Bestandteil des Bildungssystems“
 

Ein wenig irritierend ist für mich die Erkenntnis, dass sich meine Vorstellungen von dem, was die Bibliothek sein soll, nicht so recht mit dem Geäußertem decken wollen.
 

Zur These 1 „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
 

Die Verwendung der Bezeichnung „Kunde“ halte ich, das als Einstieg, für unpassend. Kundschaft steht synonym für Käuferkreis, der Kunde ist jemand der „ein Geschäftsangebot wahrnimmt“ (Pfeifer, W.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Aufl., München, 1999, S. 744). Hier wird sofort die Box der Analogie zum Wirtschaftsunternehmen geöffnet, die uns die Pandora des „Effizienzmanagement“, welche durch so manche bundesdeutsche Amtsstube reitet, hinterlassen hat, die aber die Bedeutung der Bibliothek absolut verkennt. Eine Bibliothek lässt sich nicht in Hinblick auf Rendite verwalten: sie wird immer, besonders wenn sie ihrer Aufgabe einer Versorgung der Allgemeinheit mit Information, die letzterer bei der Bewältigung des individuellen Alltagslebens in einer Informations- oder Wissensgesellschaft hilft, gerecht werden möchte, ein Kostenfaktor sein. Sie kostet immer richtig viel Geld und das lässt sich auch durch ein paar Euro Gebühren für Zugang bzw. Bestseller- oder DVD-Ausleihe nicht kompensieren. Von den Bibliotheksnutzern Geld zu verlangen ist eine hilflose und ungeschickte Entwicklung, die letztlich vermutlich mehr kostet (nicht in Euro abrechenbar), als sie einbringt (in Euro abrechenbar).
 

Sollte obendrein irgendwann ein Schwellenwert in der Einnahmenhöhe erreicht werden, der tatsächlich einen „wirtschaftlichen“ (d.h. sich rechnenden) Betrieb der Einrichtung ermöglicht, wird dieses auch für private Anbieter interessant und es werden Geschäftsmodelle entstehen, die als Konkurrenz zur Bibliothek stehen und diese dann einfach locker ablösen – schlicht weil Bibliothekare (und Kommunalpolitiker) im Normalfall keinerlei Nähe zur tatsächlichen McK(insey)-Dynamik (in Bereichen wie Marketing, Marktanalytik etc.) aufweisen. Hier werden immer andere Akteure schneller, radikaler, direkter handeln.
 

Zudem ist es eine ethische Frage: Wie das Beispiel der Staatsbibliothek zu Berlin zeigt, werden durch die Gebührenerhöhungen bestimmte Nutzergruppen schlicht von einer Nutzung ausgeschlossen. Es gibt tatsächlich Personen, für die 25 EURO Bibliotheksnutzungsgebühr eine Nutzungshürde darstellen. Hier arbeitet man ganz kräftig in die Richtung der Verbreitung eines Knowledge Gaps, was man vulgärsozialdarwinistisch als normale Erscheinung abhaken kann, was aber dennoch moralisch höchst bedenklich ist. Für eine demokratische Gesellschaft mit sozialem Anspruch, wie sie die Bundesrepublik Deutschland darstellen möchte, ist der (fahrlässige) Ausschluss von Bevölkerungsgruppen von der Teilhabe an der Informations-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft über kurzsichtige Entscheidungen im Bereich des Bibliotheksbudgetmanagements sowohl seitens der Träger wie auch der Häuser selbst, schlicht unwürdig. Die Öffentlichen Bibliotheken verspielen, sobald sie hier ausschließend wirken, in meinen Augen ihre Existenzberechtigung.
 

Die Erläuterungen von Frau Riedel zur ersten These sind eher enttäuschend:
 

„Bibliotheken haben die Herausforderung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien frühzeitig und vor allem offensiv angenommen und erfolgreich bewältigt.“

 

Gerade vor dem Hintergrund der Virtualisierung menschlicher Kommunikationsumwelten wirkt dies doch etwas dick aufgetragen. Nimmt man das Web 2.0 und die sich daraus ergebenen Möglichkeiten einer Library 2.0 zum Maßstab, so hängt das deutsche Bibliothekswesen – bis auf wenige positive Ausnahmen – im Schnitt sicher einige Jahre hinter den technischen Möglichkeiten hinterher. Zudem ist das Grundprinzip des Geschehens offensichtlich gar nicht realisiert worden: die Herausforderung ist nicht bewältigt und abgeschlossen „und Punkt“, sondern sie stellt sich eigentlich fast täglich neu. Das rückschauende Sich-Selbst-auf-die-Schulter-Klopfen ist hier wunderbarer Ausdruck des Missverstehens der Entwicklungen in der Webgemeinschaft. Wichtiger, als sich ein paar CD-ROMs verkaufen zu lassen, wäre es eigentlich, hier noch stärker eine Position als Anschluss- oder Schnittstelle zwischen den heterogenen Nutzerschichten und der virtuellen „Wissens-Netzwerk-WWW-Gesellschaft“ auszubauen. Dass man sich 2006 – wie im Text zitiert – noch jubilierend die Integration von Video und DVD und Elektronischen Zeitschriften in die Bestände vorträgt, zeigt leider, dass hier nicht so radikal in die Zukunft gedacht wird, wie es eigentlich einem BIB anstehen würde. In der digitalisierten/digitalen Informationsumwelt relativiert sich das Erscheinungsbild des Datenträgers und statt sich beispielsweise der Erwerbung von DVDs zu rühmen, sollte man vielleicht bereits heute beginnen, sich darauf einzustellen, dass die Videodaten in wenigen Jahren sicher eher zentral auf Severn bereitliegen und im Zweifelsfall On-Demand auf eine Blue-Ray-Disc o.ä. gebrannt oder auf entsprechende Wiedergabegeräte gestreamt werden. Das Buch natürlich, das vielgeliebte, wird sicher länger überleben als die VHS-Kassette und länger als die DVD (oder auch die HTML-Seite). Aber auch hier wird die digitale Verfügbarkeit von Texten früher oder später zu On-Demand-Lösungen führen, wobei das Ausgabemedium auch ein Buch sein kann. Statt Vielfalt von „statischen“ Medien wird, so nehme ich an, die Zukunft von Flexibilisierung der Ausgabemöglichkeiten bestimmt sein. Dies kann auch der Druck auf Feinstleinenpapier mit Ledereinband sein. Muss es aber nicht.
 

Gegen die These 2 „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“ lässt sich an sich nicht viel einwenden. Allerdings fällt das Eigentor gleich bei der Erläuterung:

„Im Mittelpunkt bibliothekarischer Arbeit steht nicht die Beschaffung, Erschließung und Bereitstellung von Medien, sondern der Umgang mit Menschen, die mit ganz unterschiedlichen Erwartungen, Wünschen und Problemen in die Bibliotheken kommen.“

Natürlich ist die Bibliothek ein sozialer Ort, ein Treffpunkt u.ä. – aber dieser Anspruch überfordert wohl die kontaktfreudigsten Mitarbeiter. Die Bibliothek, so wie ich sie sehe, muss gerade die Informationsmenge sammeln, in ihrer Erscheinungskomplexität reduzieren, Informationsqualität absichern und entsprechend kompetent auf Informationsbedürfnisse(!) aber nicht auf „Erwartungen, Wünsche und Probleme“ an sich reagieren. Die Bibliothek ist weder Kulturhaus noch Selbsthilfegruppe. Sie ist ein Filter und eine Schnittstelle zwischen den Nutzern mit ihren Bedürfnissen und der Dynamik und Pluralität publizierter Information. (Erstaunlicherweise wird in den Erläuterung stillschweigend im Gegensatz zur These 1 auch im Originaltext vom „Kunden“ zum „Nutzer“ zurückgeschwenkt. Eventuell versteht Frau Riedel die beiden Termini auch als synonym – ich tue das nicht.) Dass hier nach der Ausbildung nicht Schluss mit der Kompetenzentwicklung der Bibliotheksmitarbeiter sein darf, wird sicherlich richtig betont, obwohl es eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte.
 

Die These 3 „Bibliotheken sind integraler Bestandteil des Bildungssystems“ ist dahingehend problematisch, dass man zwar die „PISA-Hysterie“ prima nutzen kann, um hier schnell in die Nische zu springen und sich als unabdingbar zu manifestieren, dass sich hier andererseits aber eine gewisse Realitätsferne offenbart. Auch hier bleibe ich bei meinem Standpunkt, dass Bibliotheken eher als Schnittstellen zwischen Nutzer und Information agieren müssen und weniger selbst Bildungsaufgaben übernehmen sollten. Sie sind per se keine Schulen und auch keine Nachhilfezentren: sie bieten den Zugang zu Information. Dies kann in Kooperation mit Schulen geschehen (und ist vielleicht sogar wünschenswert), eine solche Zusammenarbeit ist aber nicht Existenzbedingung. Sinnvoller wäre es obendrein, so meine ich, Bibliotheken gleich als Schulbibliotheken in die Bildungseinrichtungen zu integrieren.

Ich glaube nicht, dass Bibliotheken – außer als politisch vielleicht einzig möglichen Schachzug – ihre Legitimation auf diesem Wege suchen sollten. Bibliotheken sind in meinen Augen eher eine Form von „Infrastruktureinrichtung“, die genauso wenig eine Berechtigung aus ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die Öffentlichkeit schöpfen kann. Ihrer Unabdingbarkeit in einer (post-google) Wissensgesellschaft liegt eigentlich auf der Hand, ihre gesellschaftliche Bedeutung ebenfalls. Notwendig ist allerdings eine weitaus progressivere und offensivere Arbeit jenseits von zumeist eher hilflosen Konzepten, die einerseits ein verkehrtes Verständnis von „Wirtschaftlichkeit“ (inklusive der zumeist hochnotpeinlichen Versuche der Imitation von Marketingstrategien aus der freien Wirtschaft) und andererseits ein hilfloses Greifen nach dem Strohhalm „Bildungsmisere“ darstellen.
 

Es gibt viel Potential in den Bibliotheken und sicher lassen sich Überschneidungen mit den Bereichen Bildung und Kultur häufig und produktiv nutzen. Jedoch ist die Bibliothek weder eine Bildungs- und Kultureinrichtung, sondern in erster Linie Bibliothek. Ihre Aufgabe ist es, der Öffentlichkeit als ein Anschlussstück an die Vielfalt verfügbarer publizierter Information zu dienen. Dabei sollten komplexitätsreduzierende und informationsqualitätssicherende Aspekte, also die Konzeption der Zugänglichmachung der publizierten Information für die Nutzer, im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Hier – und nicht in der Bildung und auch nicht im Kulturmanagement liegen die genuinen Kernkompetenzen der Bibliotheken. Genau dessen sollte man sich m.E. stärker bewusst werden.