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Nachts im Museum

Posted in Kunst, Museum, Presse on December 5th, 2007 and

Peter Weibel beleuchtet das Web 2.0

Eine kurze Lektüre von Weibel, Peter (2007): Das Museum im Zeitalter von Web 2.0. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 49 (2007) 3. Dezember 2007, S. 3-6

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Jüngst informierte uns Jens Renner per Zitat darüber, was Peter Weibel, Vorstand des ZKM Karlsruhe und Professor für angewandte Kunst in Wien, für die Zukunft der Bibliotheken prognostiziert: die Totalvirtualisierung. (vgl. hier)
Von dieser nicht ganz neuen und – jedenfalls meiner Meinung nach – nicht ganz sattelfesten Utopisierung des Bibliothekswesens angestachelt, freut man sich, in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, einen essayistischen Versuch Peter Weibels zum „Museum im Zeitalter des Web 2.0“ vorzufinden, durchzulesen und natürlich etwas aufzupflügen. Und irgendwie erscheint unter der Krume der sieben Spalten etwas ganz ähnliches: der Aufruf nach einer Rundumvirtualisierung des Museums, des Kunsterlebens im Museum und der Diskurse über Kunst.

Äon 2.0

Wer meine Betrachtungen zu den Aussagen von Jens Renner gelesen hat, weiß um meine Vorliebe, im gegebenen Wortlaut nach möglichen Anschlusspunkten und dem nicht Gesagten aber womöglich Implizierten zu graben. Stürzt man sich mit genau diesem Verfahren auf den Text des Medienkünstlers und -professors, der sich in ähnlicher Knappheit präsentiert, wie es die Ausführungen des BIB-Vorstands tun, bleibt man hier wie dort schon bei der Überschrift hängen. Weibel wählt eine im Vergleich zu „Wer früher lehrt, ist später tot“ angenehm sachlichere Variante und lässt die Tendenz der Existenzbedrohung erst einmal außen vor:

„Das Museum im Zeitalter von Web 2.0“ definiert zunächst den Gegenstand (Museum) und die Betrachtungsperspektive, die hier das Zeitliche ist. Dies wird – im Gegensatz zum Text Renners – nicht mit dem Segnen verknüpft, sondern mit dem Web 2.0.

Die Überschrift segnet also schon einmal den Zeitgeist, in dem sie den O’Reilly’schen Neologismus zum Epochen charakterisierenden Merkmal erhebt. Waren die 1920er einfach nur golden, die 1950er wirtschaftswundern und die 1980er ff. postmodern, leben wir nun in der fortgeschrittenen zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts des 21.Jahrhunderts in einer Phase, die sich über die Kommunikationswelten des Web 2.0 definiert. Meinen jedenfalls der Web 2.0-Stammtisch und allerlei Medienvertreter, die im Mitmachmedium einen neuen Neuen Markt vermuten und dazu auch noch die Demokratisierung der Kommunikation. Und meint anscheinend auch Peter Weibel.

Spektakelage?

Beides, Markt und allgemeine Äußerungsmöglichkeit, durchziehen seine Überlegungen über weite Strecken. Dies jedoch etwas spezifischer: der Markt ist der Kunstmarkt und die Äußerungen sind künstlerisch. An beidem, so die These des Autors, partizipieren Museen heute – also im Web 2.0-Zeitalter – beinahe gar nicht. Und das aus gutem Grund.

Museen „sind auf dem Markt nicht wettbewerbsfähig, weil sie nicht wie private Sammler kaufen können“. (S.3) Das macht es für sie etwas schwierig, zeitgemäß ihre Funktion als – wie Weibel es nennt – „Supportsystem“ zu agieren, welches zwei klassische Aufgaben und eine eher neue Funktion übernimmt, die sich bei näherer Betrachtung aber auch schon immer als dem Museum eingeschrieben erweist: Sammeln, Ausstellen, Produzieren – und zwar Kunst.

Das Sammeln, bzw. die Archivfunktion, die mit einem nur halbwegs kontextualisierten Derrida-Zitat, das aber eine schöne Bestätigung einer an sich einsichtigen These darstellt, illustriert werden, bezeichnet die Rolle des Museums als Ort eines kulturellen Gedächtnisses und hier wird die Parallele zur Bibliothek besonders deutlich. Auch die Institution Bibliothek – allerdings selbstverständlich nur besondere Bibliotheken, nämlich die mit Sammelauftrag – sammeln und bewahren in Textdokumenten fixierte Wissensrepräsentationen, die irgendwann wieder gelesen und im Idealfall auch entschlüsselt werden können, wenn auch mit den Reibungsverlusten die zwischen Schrift und Stimme entstehen, also dem was Derrida différance nennt, um den französischen Philosophen noch einmal etwas konsequenter ins Spiel zu bringen.

Den Codes der Kunst mangelt es im Normalfall weitaus mehr an Eindeutigkeit als den Codes der Schrifttexte – Ausnahmen finden sich selbstverständlich zuhauf – und entsprechend interessanter erscheint der Prozess des Versuchens einer Entschlüsselung, wie ihn der Besucher vornimmt, sofern er nicht einfach die ästhetische Sensation (im Sinne einer direkten Sinnesreizung) im Sinn hat.

Allerdings sieht Weibel, der zunächst die Rolle der Museen als fadenspinnende Ariadnen in offensichtlich labyrinthischen Kunstgeschichte – wobei die Frage nach dem Minotaurus offen bleibt – und als ausflaggender Lotse in der Unübersichtlichkeit der zeitgenössischen Kunstproduktion betont, die vermeintlich offensichtliche Schicksalschance der Bibliotheken in der Sensation (im Sinne des Spektakels).

Die Schwarmintelligenz, die den massenmediengelenkten Menschen zu Hundertschaften in die „schönsten Franzosen aus New York“ oder die Auslagerungsausstellung des ebenso New Yorker Museums of Modern Art in die Berliner Neue Nationalgalerie drängt, das von einem musealen Ausstellungszentrum zum für die kunstschwärmerischen Besucher Treibnetz und – rein räumlich gesehen – zur Sardinenbüchse in einem avanciert.

So konterkariert der zweite Absatz, in dem es um „Markt und Medien“ geht, die allgemeine Einführung zur Bibliothek des ersten Teiles. Denn wie eine unter der Knute der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ bzw. des „Interesses an Profit“ Museumslandschaft den „Generationenvertrag“ wahrnehmen soll, dessen Inhalt die Leistung der „Übersetzungen von Generationen zu Generationen, von Kulturen zu Kulturen“ ist, lässt Weibel offen. Dabei ist dies der maßgebliche Punkt: Wie entscheidet sich, was in einem von „Markt und Medien verzerr[t]en…Feld der Kunst“ den Eingang in die Sammlungsarchive und damit in das kulturelle Gedächtnis gelangt und was außen vor und damit zum Vergessen freigegeben bleibt:

„Nur wenn die Museen die Sensationen liefern, welche die Medien brauchen, bekommen sie von diesen Aufmerksamkeit, weil die Medien damit Geld verdienen.“ (S.4)

Aber eigentlich ist es doch anders, denn es bleibt eine wichtige Lücke, die vielleicht nicht der Teufel lässt – um einmal wenigstens rhetorisch Alexander Kluge einzustreuen – oder vielleicht gerade dieser, je nachdem wie man zu Markt und Medien steht. Und diese findet bei Weibel eine sehr schöne, leider nicht vollkommen weltfremde Trendbeschreibung:

„So, wie die Wirtschaft der Wissenschaft nicht zur Gänze vorschreiben kann, was sie zu tun und zu forschen hat, weil die Wissenschaft vom Staat auch viel mehr geschützt und unterstützt wird als die Kunst, können auch Markt und Medien der Kunst nicht zur Gänze vorschreiben, was sie zu tun und wie sie sich zu entwickeln hat. Es gibt und gab Kunst jenseits von Markt und Medien.“ (S.4)

Und die, die sie machten, hungern und hungerten sich in ihren Dachkammern vor Idealismus ins Delir – könnte man die holprige Passage ergänzen. Eigentlich sollte nämlich die Wirtschaft der staatliche finanzierten Wissenschaft überhaupt nicht vorschreiben, was und wie sie erforscht, genau wie der Staat – Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG – dies nicht tun soll, aber um den Fetisch „Drittmittel“ kultiviert man selbstverständlich Abhängigkeiten, die der Wissenschaftsfreiheit über die unsichtbare Hand am Hahn ihrer Lebensgrundlage einiges an freier Gestaltungsoption nimmt. Ein leerer Bauch forscht nicht nach neuen Sonnen bzw. geht dies auch nicht ohne Teleskop und Satellit. Und wer das Labor bezahlt, mag im Normalszenario auch gern einen konkreten Nutzen für sich aus den Erlenmeyerkolben aufsteigen sehen. Folglich verengt der Staat im Public-Private-Partnerschafteln und mit Rentabilitätsansprüchen die Lücke tatsächlich – könnte man die Meldungen der Zeit deuten, aber all das steht auf einem anderen Blatt und nicht hier im Ausgangstext.

Hier geht es um Kunst und Museen, die immerhin in ihren Sammlungen für bestimmte Kulturwissenschaften nicht unerheblich sind. Allerdings sind Museen nicht auf die Sammlung von Kunstwerken begrenzt, sondern bewahren und stellen alles Mögliche von der Feuerwehrspritze bis zum Düsenjet auf und manchmal fällt es schwer, die exakte Grenze zwischen einem Museum und einem Dokumentationszentrum zu benennen. Da Weibel darauf nicht weiter eingeht, soll eine derartige Bemühung – zu der man Suzanne Briets Frage nach dem, was ein Dokument ist, heranziehen müsste – um die Trennlinie nicht weiter erfolgen. Wir bleiben bei der Kunst.

Inwieweit sich das Abstraktum „Staat“ aus der Kunstförderung zieht, vermag ich nicht zu beurteilen. Für den Markt lässt sich jedoch beobachten, dass interessanterweise aus dem „Long Tail-Prinzip“ des Web 2.0 Marktmöglichkeiten gerade auch für Kunstformen, die massenmedial schwer popularisierbar sind. Wer’s nicht glaubt, kann gern einmal nach den DVD-Kollektionen zugemalter Züge „internet“ suchen (Stichwörter: Hardknocks Berlin Graffiti, “Pure Hate” DVD…) Hier werden an sich unverkäufliche Bearbeitungen der Umwelt (Graffiti) von unten marktgerecht bis ins Mainstream-Kino (Whole Train) und die Kunstzeitung und im Fall von Banksy bis ins Feuilleton (vgl. z.B. Schirrmacher, Frank: Wer ist Banksy? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2007, Nr. 29 / Seite Z1; online) hinein erschlossen. Allerdings ist es fraglich, ob die Sensation eines in Silber umlackierten U-Bahnwaggons (vgl. hier) wirklich massenmedial als Kunst wahrgenommen wird. Die Lektüre Presseerzeugnissen à la Berliner Kurier lässt da eher etwas anderes vermuten. Andererseits: Die Zeiten, in denen sich der Street Artist Banksy selbst ins Museum hängen musste (vgl. hier), sind vorbei.

Die Lücke, die der Markplatz lässt

Die Zeiten, in denen sich Museen Werke von Banksy für ihre Sammlungen erwerben konnten eventuell allerdings auch bald schon wieder. (vgl. hier) Denn für Weibel folgt etwas überraschend aus den vorhergehenden Beschreibungen die Schlussfolgerung, dass sich Museen überwiegend um „jene Kunst kümmern, um die sich Markt und Medien nicht kümmern“. Dies würde folglich entweder bedeuten, dass unter Beachtung des Archivierungsaspektes die populäre Kunst aus dem kulturellen Gedächtnis ausscheidet, oder, was wahrscheinlicher ist, eine Zweiteilung erfolgt: Populäre, marktgerechte Kunst wird vom Markt, d.h. den privaten Sammlern und Privatmuseen bewahrt, unpopuläre, schwer vermittelbare von den Museen. Darin also liegt die museale Besonderheit:

„Das Museum heute, wenn es seine, Aufgaben, seine Mission [Sammlung, Ausstellung, Produktion] erfüllen will, kann natürlich nicht das gleiche wie der Markt und die Medien tun, sonst hätte es ja keine Raison d’Être, sonst gäbe es keinen Grund für seine Existenz.“ (S. 4)

Hoffentlich sehen das die Haushalt führenden Unterhaltsträger genauso. Die generelle Präsentation von Erzeugnissen der menschlichen Kunst- und Geistesgeschichte für die Allgemeinheit scheint als Urgrund für die Häuser nicht mehr zureichend, es muss – nach dieser Lesart, das in den Mittelpunkt, was sonst verschütt gehen würde.

Selbstverständlich ist die an dieser Schwelle beschworene Rolle des Museums als Gegenpol zum „verengten und verzerrten Blick, den Medien und Markt auf die Kunst werfen“ bzw. die daraus resultierende „Vermittlungsarbeit und Demokratie im tiefsten Sinne“ nur zu begrüßen, auch wenn sich nicht zwingend erschließt, warum sich aus der Anerkennung anderer als der marktgängigen künstlerischen Ausdrucksformen die Herrschaft des Demos in einer superlativen („Demokratie im tiefsten Sinn“) Form ergeben soll. Man ahnt immerhin, was gemeint sein könnte. Und wie man es missverstehen kann. Denn wenn das Volk loszieht, um über die herrschende Kunstauffassung abzustimmen, ergibt sich einerseits eine nicht gerade erschreckend hohe Wahlbeteiligung und andererseits erringt ausgerechnet das Spektakel hohe Prozentwerte. Der kleine, sperrige Off-Künstler im Dachgeschoss bleibt mit seinem Werk Splitterpartei. Der Museumsleiter, der den Text als Orientierung resultiert, dürfte hier ratlos bleiben.

Demokratie bedeutet bei Weibel aber etwas anderes und den Bogen zu diesem Anderen schlägt er über ein paar Sätze zur „Praxis der Kunst“ als „Rezipientenkultur“. Nicht wie das Werk gemacht ist entscheidet, sondern wie es aufgenommen wird; nicht die Orientierung an abstrakten Normen der Kunstproduktion zählt, sondern ob der Betrachter sich fangen bzw. überreden lässt und wozu. Und was er bei und mit seinen Eindrücken macht.

Die Interaktionisten

An dieser Stelle kommt folgerichtig das Web 2.0 ins Spiel, „hier verstanden als neue, interaktivere Generation des Internets“. Peter Weibel hat als Medienkünstler zahlreiche Erfahrungen mit der digitalen Kunst zusammengetragen, wobei sich die traditionelle Interaktion, so der Autor, weitgehend aus dem In-Gang-Setzen per Knopfdruck beschränkte.
Nun ändert sich dies, denn die Generation des Web 2.0 ist nicht mehr nur interaktiv, sie ist eine „interaktivere“. Dieser Komparativ wird durch die Kunstproduktion seitens der Betrachter gekennzeichnet. Hier treffen sich Kunst, Journalismus und sonstige Textproduktion auf dem gleichen Problemfeld: dem „Cult of the Amateur“, der gerade durch die Betonung des Unterschieds zwischen etablierter (professioneller) Kunst-, Analyse- und Schreibkultur und dem was der normale Web 2.0-Angehörige und Durchschnittsinternetnutzer nun öffentlich zur Schau stellen kann, verfestigt wird.

Dabei werden die durchaus bestehenden und jeweils mit Vor- und Nachteilen behafteten Strukturen passiver sowie aktiver Medienrezeptionen nicht selten in eine Konkurrenzsituation gesetzt, die nüchtern betrachtet schon recht überzogen wirkt. Die Dichotomie: Brockhaus vs. Wikipedia ist solch ein Ansatz. FAZ vs. Spreeblick ein anderer. Barfuß vs. Lackschuh , Hund vs. Katze, Äpfel vs. Birnen – überall liegt Pulverdampf dort in der Luft, wo Konfrontationen sich eigentlich ausschließen. Ähnlich bedeutet nämlich nicht gleich und auch nicht gleich Konkurrenz. Später vielleicht, wenn man statt gegenseitiger Anerkennung und Entwicklung jeweils spezifischer Qualität sich dem anderen anzunähern und sich die Deutungshoheit bzw. den Rang auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeit abzulaufen versucht. Angesichts der Annahme, dass mit der Diffusion der Lebensstile in der pluralistischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts mehr als zwei Muster des Medienkonsums nebeneinander und ineinander verschränkt Bestand haben können, wirken die rhetorischen Scharmützel, besonders (aber nicht nur) der „alten Medien“ etwas albern, doch wo es ums Geld geht, hört der Spaß bekanntlich auf und manchmal nimmt er auch die Vernunft mit.

Ebenfalls reichlich überzogen ist die Annahme, dass auf einmal alle Rezipienten – ob Kunst oder Massenmedien – zu Produzenten oder besser noch „Prosumenten“ werden. Die Möglichkeit, „selbst programmieren, nicht nur programmiert werden, Musikprogramme zusammenzustellen, Filme editieren und online stellen“, bedeutet nicht automatisch, dass „die jüngere Generation der bis ca. 30-jährigen“ dies auch wirklich in ungeahntem Ausmaß nutzt. Selbstverständlich: Wer gehen kann, kann tanzen. Aber es gibt trotzdem nicht zu verleugnende Unterschiede zwischen dem Schunkelnden auf dem Oktoberfest und Pina Bausch – besonders, was den Subtext angeht.

Nicht jedes Video bei YouTube erhebt einen Anspruch über den Spaßfaktor eines Gesellschaftsspieles hinaus. Nicht jedes Blogposting möchte sich in der Tradition des investigativen Qualitätsjournalismus sehen. Nicht jede nutzergenerierte Playlist zielt auf ein neuartiges Klangerlebnis. Vielmehr lässt eine differenzierte Beobachtung der Nutzung des Web 2.0 die Annahme zu, dass der überwiegende Zahl der dortigen Aktivitäten ganz tradierten und keinesfalls vorrangig auf ein hohes kreatives Ziel gerichteten Motivationen folgen: der Generierung und Verfestigung sozialer Beziehungen. Und der Freude am spielerischen Ausdruck.

Der maßgebliche Unterschied entsteht aus der medialen Form, in der dies stattfindet und deren Merkmal die aus dem digitalen Charakter der Äußerungen und Verknüpfungen resultierenden relativ einfachen weltweiten Verfügbarmachung und Recherchierbarkeit bilden.

Amateurkunst war seit dem Aufkommen des Phänomens Freizeit ein allgemeines Vergnügen. Auch schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lichtbilderten einige Millionen Hobbyfotografen ihre Umwelt. Manch einer machte aus seinem Hobby auch etwas Größeres. Aber eben nur manch einer und nicht jeder. Das Gros der Abzüge endete in privaten Kabinetten, wogegen sie heute bei Flickr dank der Digitalfotografie ungleich größeren Quantitäten mit Tags inhaltserschlossen von jedem Internetnutzer der Welt problemlos einsehbar sind. Auch besteht die Möglichkeit, diese Bilder zu annotieren, zu favorisieren oder in andere Medien – z.B. Weblogs – einzubinden. Die Zahl der Aufnahmen, bei denen diese Option ungenutzt bleibt, dürfte jedoch die der Bilder, die es in den Flickr-Olymp (http://www.flickr.com/explore/) schaffen, durchaus übersteigen. Die meisten Flickr-Fotografen scheinen damit ganz gut leben zu können.

Das Kunstwerk und seine digitale Reproduzierbarkeit

Interessant – auch für Museen – wird es dort, wo sich aus den Möglichkeiten des Web 2.0 bislang nicht bekannte künstlerische Ausdrucksformen entwickeln. Dass der Internetnutzer sich „vom Besucher zum Kurator“ entwickelt, wenn er sich im WWW verfügbar Kunst bzw. deren digitalisierte Abbilder in eigenen Listen und Präsentationsformen arrangiert, darf dagegen mittlerweile als eher triviale Einsicht gelten. Eigentlich ist er auch schon im gebauten Raum als eigener Kurator unterwegs gewesen, denn selten erfolgt der Museumsrundgang – jedenfalls der abseits der Führung – so, dass man ohne Abweichung den vorgegebenen Pfaden durch die Säle folgt und sich allen Werken mit gleicher Intensität zuwendet.

Daher ist es etwas schade, wenn sich ein Medienkünstler wie Peter Weibel ausgerechnet von diesem Aspekt derart hingerissen zeigt, dass er unter offensichtlicher Verkennung gängiger Rezeptionspraxen Museen ganz konkret auffordert, Zweigstellen in der virtuellen Welt von Second Life zur eröffnen:

„In Second Life kann jeder jederzeit das Museum besuchen und dort auch wählen, was er oder se sehen will. Darüber hinaus – und das ist der entscheidende Punkt – muss der Betrachter die Möglichkeit haben, seine eigenen Kunstwerke dort abzustellen.“ (S.6)

Warum muss er? Und vor allem: Will er das? Reproduktionen der großformatigen Fotografien von Jeff Wall, die die Deutsche Guggenheim gerade in ihrer Zweigstelle an der Berliner Straße Unter den Linden aushängt kann ich auch auf der normalen Internetseite betrachten. Allerdings ist die Wirkung der „War Games“ in einer Größe von um die zweieinhalb mal drei Meter eine ganz andere und nennenswert intensivere, als es selbst eine Vollbilddarstellung auf einem 19 Zoll Bildschirm darstellen würde. Und auch sonst gibt es durchaus qualitative Unterschiede zwischen einem Silbergelantineprint und einem JPEG. Von den atmosphärischen Unterschieden zwischen einem Ausstellungsraum und meinem Schreibtisch oder gar einer Pixelrotunde im Second Life ganz zu schweigen.

Das Erschrecken angesichts der Vorstellung, ich als Feld- und Wiesenfotograf könnte gleich noch einen Schnappschuss aus meinem Fundus daneben platzieren, mag noch sehr dem Prä-Web 2.0 verhaftet sein, verweist aber darauf, dass gerade die Beschränkung und Exklusivität der musealen Präsentation ein Kunsterleben erst möglich machen und eröffnet die Diskussion um die Frage, wie alltäglich Kunst sein kann, um Kunst zu bleiben.

Gerade die Eigenschaft des Museums, ein Ort zu sein, an dem der Betrachter Zeuge und Bestandteil „ein[es] lokal gebundene[n] Ereignis in Raum und Zeit“ werden kann, bestimmt das Museum als einen Ort, den aufzusuchen es sich lohnt, um mit einem Werk in Interaktion zu treten. Inwieweit darüber hinaus Museumsbenutzer das Bedürfnis verspüren „unabhängig von ihrem physischen Aufenthaltsort miteinander über die Kunstwerke kommunizieren [zu] können“, sollte Gegenstand entsprechender rezeptionstheoretischer und kunstsoziologischer Studien sein. Die bisherigen Erfahrungen mit Second Life zeigen jedoch, dass dies nicht unbedingt die rundum perfekte Form darstellt. Schlichtere Chatrooms oder Foren bzw. andere webbasierte Kommunikationsmittel mit weniger Einstiegskomplexität wären momentan für die meisten Bibliotheken ein gangbarerer Weg.

Revolution redux

Schließlich bleibt zu bemerken, dass die von Weibel postulierte „Revolution, durch die sich die Amateure, die „Idioten“, die Konsumenten – das ist mein Schlagwort – zum ersten Mal emanzipieren können“, um „Experten zu werden“ gar keine ist. Ein Blick in die Gästebücher zu den Ausstellungen zeigt (wer sammelt diese Zeitdokumente eigentlich), dass die kritische Interaktion per Text über die Sammlung keine ganz neue Erfindung darstellt.

Was unter dem Strich vom Essay zu den „Museen im Zeitalter von Web 2.0“ bleibt, ist der Appell, diese mögen doch ihre Webangebote dahingehend ausbauen, dass man einerseits als Besucher auf diesen über Kunst kommunizieren kann und andererseits unabhängig von Tageszeit und Hängung die Sammlungen in der Weise abrufen und rezipieren kann, wie es Internet vermittelt möglich ist. Ein solcher Ansatz ist sicher zeitgemäß, bedeutet jedoch eigentlich nur, dass Museen die sich bietenden technischen Möglichkeiten angemessen zu nutzen.

Schöner und wichtiger als die Frage, ob man dank WWW auch nachts ins Museum und seine eigene Kunst neben die alten Meister pixeln kann, wäre die Überlegung, welche neuen Kunstformen beispielsweise aus der hypertextuellen Verfasstheit des Netzes entstehen, welche subversiven Ausdrucksformen sich auf den Präsentationsplattformen des WWW bis hin zur Marktgängigkeit etablieren können und wie Museen besonders vor dem Hintergrund des Gedankens des Sammelns und Bewahrens, also als kulturelles Gedächtnis, mit diesen Variationen umgehen. Und natürlich die Frage nach der beliebigen, verlustfreien technischen Reproduzierbarkeit digitaler Kunstwerke im Zusammenhang mit dem Ereignis-, Exklusivitäts- bzw. Singularitätsanspruch, der dem Phänomen „Kunstwerk“ tradiert zugeschrieben wird.

Und – natürlich Teil 2 – wie sich die Vorstellungen und die Ausprägung des kulturellen Gedächtnisses angesichts seiner Digitalisierung, nicht zuletzt in Hinblick auf die nicht digitalisierbaren materiellen Eigenschaften eines Großteils der Kunstproduktion, verändern. Denn es lassen sich mit der Digitalisierung nur zwei Sinne erreichen: der Seh- und Hörsinn. Die Atmosphäre eines Ausstellungsraums, in dem sich eine zu betastende Skulptur befindet, bleibt jedem Second Life bisher verschlossen.

Die Totmacher

Posted in Bibliothek, Kommentar, Presse, Web 2.0 on November 16th, 2007 and

Eine Art Dekonstruktion zu Jens Renners Kommentar „Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken.“ (erschienen in: BuB 59 (2007) 11-12, S. 812-813.) [diesen Text als PDF]

Vorbemerkung

Als jemandem, dem sowohl konkret Bibliothek, Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, wie auch allgemein die Welt, in der wir leben und obendrein die Wechselwirkungen zwischen beiden am Herz liegen, verspüre ich in letzter Zeit ein Unbehagen angesichts eines Teiles des Diskurses zu den Themen, die für mich maßgeblich Reflexions-Agenda stehen.

Das kann an mir liegen und daran, dass es mir nicht gelingt, eine entsprechend beruhigende Affirmation aufzubauen. Aber andererseits denke ich auch, dass ein sachbezogener Diskurs durchaus auch eine Gegenrede nicht nur aushält, sondern geradezu benötigt. Auch heute möchte ich „gegenreden“ – bzw. gegenschreiben – und das Medium Weblog bietet sich geradezu dafür an, zumal man hier auch noch absatzgenau gegen die Gegenrede halten kann. Es wäre sehr schön, wenn diese schmucke Innovation, die bislang eindeutig auf Kosten des angenehmen Äußeren geht, noch intensiver genutzt wird. Manches mag vielleicht überzogen klingen, aber ich bin der Auffassung, dass man der Phrase nur mit ihrer Umkehrung und Ironisierung beikommen kann.

Worum es mir also geht, ist das von mir wahrgenommene Phänomen eines Umgangs mit Themen, die mir wichtig sind und von denen ich als Bibliothekswissenschaftler wenigstens theoretisch etwas zu verstehen glaube, welcher sich zu einem leider sehr großen Anteil auf rhetorische Scharmützel mit Allgemeinplätzen beschränkt hinsichtlich der Frage, welche und wie viel Substanz sich dahinter verbirgt, dekonstruierend zu durchzusieben. Dies, verbunden mit dem Interesse an einem reflexiven Diskurs, steht hinter diesem kleinen Weblog-Eintrag.

Die Fame Generation

„Die Vermutung liegt nahe, dass es sich mit der Blogosphäre ähnlich verhält wie mit den allmählich abklingenden Reality-Shows, die nichts mit der Wirklichkeit und alles mit Exhibitionismus zu tun haben, dass nämlich vor allem jene, die mit ihrem Privatleben nichts anfangen können, sich ins Informationsmeer stürzen.“ – Felicitas von Lovenberg: Und wann steigen Sie aus? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10.11.2007, Nr. 262, S. Z1-Z2

Ich blogge, also bin ich. Und zwar Teil der „fame generation“, wie die Guardian-Kolumnistin Marina Hyde in ihrem Dreispalter in der letzten Samstagausgabe des britischen “Quality Papers“ titelt. Exhibitionistisch, „pooterisch“ und einer dieser jungen Menschen, – „broadcasting who I am“ – die sich nachhaltig mit ihrem „inneren Monolog“ um Kopf und Kragen schreiben, da die Personalchefs genauso wie die Geheimdienste Persönlichkeitsprofile aus Google-Resultaten ermitteln. Man glaubt fast nicht an Zufall, dass am vergangenen Wochenende einerseits in der „Bilder und Zeiten“-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Felicitas von Lovenberg eine argumentativ außergewöhnlich bodenlose Ode an die Webverweigerung publizieren durfte („Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis nicht nur die soziale Enklave, sondern gerade auch die digitale Abschottung vom Bewusstseinsstrom der Banalität überlebensnotwendig für jeden werden wird, der kreativ oder schlicht geistig gesund bleiben will.“) und andererseits im Guardian Marina Hyde die Peinlichkeit des geäußerten, inneren Monologs geißelt. Die vier Millionen britischen Blogger (sh. auch) wissen nicht, was sie tun, ihre deutschen Kollegen gleichermaßen, so der Eindruck nach der Lektüre des Textes von Felicitas von Lovenberg, und entäußern ihre Persönlichkeit (und Privacy) den 15 oder auch mehr Minuten „Fame“ bar jedes Blickes für mögliche Konsequenzen.

Und natürlich: „Ein Leben für den Fame“, wie es der Prenzlauer Berg-Rapper V-Mann näher am Leben als alle Hydes und von Lovenbergs auf den Qualitätspressebällen dieser Welt es beschreiben könnten, in einem kleinen Raptrack zusammenreimt, das bedeutet, wenn Ruhm gesellschaftlich wertvoll sein soll, erst einmal Schweiß und Tränen und vielleicht auch Blut fließen: „Watch the audition rounds of any television talent show, and it seems as if an entire generation now believes fame to be a basic human right.“ Warum eigentlich nicht.

Marina Hyde freut sich sicherlich auch, ihr Gesicht im Guardian zu sehen und auch bei Felicitas von Lovenberg (und anderen Deutungseliten) geht des Öfteren die Substanz merklich vor der Tinte aus. Auch dem sich selbst gern beschwörenden „Qualitätsjournalismus“ à la FAZ könnte man locker eine Art „Schwarzblog“ zur Seite stellen, wie es die Bildblogger zum großen Pendant auf dem Boulevard tun. Die Frequenz des Zeilenfüllens um jeden Preis ist vielleicht nicht ganz so hoch und man muss den dekonstruierenden Diskursschlüssel meist feiner justieren, aber dass nicht jeder Artikel einem Feuerwerk der Sachkenntnis gleichkommt, merkt man überraschend häufig. Indes: Stilistisch bleibt es meist stabil und somit die gute Form gewahrt. Und zugegeben: den Freizeitkolumnisten der Blogosphäre entgleiten nachweisbar um Potenzen häufiger sowohl Form wie Schreibstil.

Gerade aus diesem Grund verwundert es zutiefst, wieso sich die Kommentatoren von Presseerzeugnissen, die Weltniveau als Aushängeschild ihre Zeitungen beschwören, immer wieder in grob undifferenzierter Art und Weise und manchmal fast hysterisch bemühen, über Blogger und der vermeintlich nach Fame-gierenden Masse des Web 2.0 den Stab zu brechen und dabei zu verkennen, dass gerade die, die sie zu treffen versuchen, sie gar nicht wahrnehmen. Man kann zwar, wenn man Watzlawick glaubt, nicht „nicht“ kommunizieren, aber durchaus in großer Entfernung aneinander vorbei.

Die Wikipedia ist die Wikipedia und kein Brockhaus und keine Britannica und ein Weblog ist keine Tageszeitung, sondern ein Werkzeug, das sich für alles Mögliche gebrauchen lässt, allerdings nicht, um mir die Tageszeitung zu ersetzen. Denn im Gegensatz zu den meisten Weblogs ist das Medium „Tagespresse“ von der Erscheinungsweise bis hin zum Tenor der Beiträge halbwegs berechenbar. Das WWW und die Blogosphäre sind mächtig gestreut, was ihren Reiz ausmacht, von mir als Informationsrezipient oft, aber nicht immer gewünscht ist. Manchmal sehnt sich der Mensch auch nach Begrenztheit und Bündelung, d.h. also nicht nach Hypertext und permanenten Datenstrom im RSS-Feed. Der zweite Vorteil der Tageszeitung liegt buchstäblich auf der Hand: sie ist ausgedruckt und schön gefaltet und auch offline – sogar in der Badewanne – lesbar, man kann sich etwas anstreichen, ausschneiden, ins Tagebuch kleben oder dem Kollegen auf den Schreibtisch legen und man sieht materiell konkretisiert an dem Stapel neben dem Sofa, wohindurch man sich gerade gelesen hat.

Kampf den Blogwindmühlen

Aus irgendeinem Grund reagiert das alte Medium Zeitung dennoch oft wie ein bedrohtes Tier und zeichnet gar düstere Visionen der Kids da draußen, die ihren Lieblingsfilm und ihre Lieblingsmusik und manchmal gar ihre Lieblingswochenendausschweifung ganz offen auf der Suche nach fälschlicherweise „Freunde“ genannten Identitätslinks zu anderen Nutzern bekannt geben. Das Feuilleton wundert sich, als hätte es noch nie etwas von Pierre Bourdieu und symbolischen und kulturellen Kapital bzw. dem Habitus-Konzept gehört, wobei sich all das irgendwie nachvollziehbar im WWW neue Bahnen bricht.

So schlingert der mehr oder weniger selbst beschworene Qualitätsjournalismus beinahe regelmäßig und immer dann, wenn es um Phänomene geht, denen sich Kolumnisten und Feuilletonisten erfahrungsarm gegenüber sehen, an seine Qualitätslimits. Anwendungen der Sozialen Software gehören eigenartigerweise zu diesen schwierigen Themen. Das ist bedauerlich, denn natürlich finden sich in den Druckzeilen, hinter denen sich (fast) immer ein kluger Kopf zu verbergen scheint, auch eine Reihe von das virtuelle Kommunikationserleben betreffenden Phänomenen, die einer sachlichen sowie lebendigen öffentlichen Diskussion bedürfen. Der Aspekt der „Privacy“ gehört ganz sicher dazu. Nur leider verschüttet man diese Ansatzpunkte dann gleich wieder unglücklich mit banalen Pauschalisierungen und Untergangsszenarien, dass einem um die FAZ und andere tatsächlich bange werden muss. Der Feind sitzt allerdings nicht irgendwo im WWW, sondern im eigenen Blatt bzw. Kopf. Statt z.B. auf eine (sozial)wissenschaftlich fundierte Basis zu warten und die Leser mit soliden Reflektionen zu versorgen, formuliert man Doppelseiten füllend eine dürftige Paraphrase von Andrew Keens „Cult of the Amateur“ herunter und bastelt sich aus dem Halbwissen der Nichtnutzer die Halbwahrheit über ein mediales und soziales Phänomen, die alles in einer Form über den feuilletonistischen Fabulierkamm schert, der prima ins Konzept einer sich – warum auch immer – in die Ecke gedrängt fühlenden Zunft darstellt.

Das Ende der Bibliotheken

Was die zitierten Vertreterinnen des Qualitätsjournalismus an die Haustür des potentiell wankelmütigen Abonnenten zu tragen gedenken, spielt rhetorisch mit einem Endzeitszenario, wie wir es leider – wenn auch mit anderen Vorzeichen – nicht selten im Bibliothekswesen hinnehmen müssen. Ein besonders unangenehmes Beispiel ist dabei der Kommentar von Jens Renner in der aktuellen Ausgabe der BuB. (Renner, Jens: Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken. In: BuB 11/12 (2007) S. 812-813)

Jens Renner ist kein Journalist, sondern Diplom-Bibliothekar von Ausbildung, Leiter einer wissenschaftlichen Bibliothek von Beruf und stellvertretender Vorsitzender des BIB im Ehrenamt. Wenn sich also jemand in den aktuellen Entwicklungen des Bibliothekswesens auskennt, dann muss er es sein. Umso erschreckender ist sein Entwurf der deutschen Bibliothekslandschaft. Als Ausgangspunkt für seinen Kommentar zum „aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken“ greift er auf das Zitat eines Nicht-Bibliotheksexperten zurück, was durchhaus sinnvoll ist, zeigt sich hier doch, wie die Außenwelt auf den offensichtlich wankenden Korpus des deutschen Bibliothekswesens blickt. Peter Weibel – so heißt der Stichwortgeber und gleichzeitig Vorstand des ZKM – geht davon aus, dass Bibliotheken „nur als virtuelle Dienstleistungen überleben“. Und die Bibliotheken glauben es ihm anscheinend.

Fassen wir also kurz den Einstieg in Renners Kommentar zusammen, damit deutlich wird, worum es geht: Es droht nichts Geringeres als das „Ende“, Bibliotheken werden überleben, aber nicht mehr als Häuser – wenn überhaupt, denn „am Ende könnten auch die Bibliotheken den Weg alles Irdischen gehen“ und damit uns das Abendland bzw. sein bibliothekarisches Erbe verloren. „Na und?“, mag man da sagen. Das Long Tail wird wohl eine oder zwei übrig lassen. Schließlich fahren wir Taxi und dennoch stehen in Wien am Heldenplatz die Fiaker fast wie ehedem. Zugegeben: einem überzeugten Bibliothekar langt diese nostalgische Nische nicht und für die Wissenschaft und ihre Kommunikation ist dies momentan jedenfalls ebenso keine akzeptable Option. Aber welche Ursachen stehen hinter dem beschriebenen Nahtoderleben?

Wir (bzw) sie virtualisieren uns zu Tode

Renner beschwört die fortrasende Virtualisierung, welche die wissenschaftlichen Bibliotheken gleich Lemmingen dem todbringenden Abgrund entgegenhetzt. Doch bevor wir alle Hoffnung fahren lassen, sind wir unseres Schicksals Lenker und können den Untergang aufhalten. Die Lösung heißt dieses Mal – nicht ganz überraschend passend zum Themenheft – „Teaching Library“. So auch der Haupttitel des Kommentars: „Wer früher lehrt, ist später tot.“ Sterben aber, so impliziert Renner, müssen wir in jedem Fall. Nur der Zeitpunkt, den können wir hinauszögern. Zum Beispiel, in dem wir Bibliothekswissen in die Curricula der Bachelorstudiengänge einbringen.

Man hätte natürlich auch weniger fatalistisch und ohne den pathetischen Endzeitschwulst formulieren können: ’Die Digitalisierung von Inhalten und die Möglichkeit der Virtualisierung von Kommunikationsprozessen bieten den Bibliotheken andere, nicht traditionelle Wirkungsmöglichkeiten, die es ihnen ermöglicht ihr Spektrum an Vermittlungsformen von Literatur bzw. wissenschaftlichen Inhalten maßgeblich zu erweitern. Damit können sie ihre Funktion (Sammeln, Schließen und Verfügbarmachen inklusive Vermitteln von Inhalten) noch besser auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer abgestimmt ausüben. Zudem kann man die Kommunikationstechnologien des Web 2.0 genauso wie Präsenzveranstaltungen für einen Dialog mit der Zielgruppe der Studierenden nutzen, idealerweise integriert in die Studienprogramme.’

Anscheinend geht Jens Renner aber davon aus, dass solch ein Positivszenario den Nerv seiner Adressaten nicht trifft und malt den Teufel in Gestalt eines aggressiven Unterhaltsträgers an die Wand und stellt sich und seine Berufskollegen dagegen prophylaktisch schon einmal in die Ecke des bitteren Klischees, dass alles vor der abgenudelten Kulisse des unbegreifbaren Dritten, der Über-Konkurrenz aus den Santa Cruz Mountains:

“Was tun, wenn der letzte Datensatz fremdübernommen, der letzte Aufsatz lizensiert und das letzte Buch von Google eingescannt ist? Unsere Unterhaltsträger werden dann einen Grund brauchen, die Bibliotheken nicht aufzugeben oder austrocknen zu lassen. Die Schönheit und Reinheit des Katalognachweises mag unsere Herzen zu entflammen vermögen, aber den Rektor der Präsidenten einer Hochschule interessiert es nicht.“

Und hat es nie interessiert, dies übrigens zu recht, denn der funktionalen Arbeitsteilung der Hochschulverwaltung wohnt schlichtweg inne, dass der Bibliothekar seinen Beitrag zum Funktionieren des Gesamtsystems seinem Aufgabenspektrum entsprechend leistet. Die tadellose Titelaufnahme gehört dazu. Die entflammenden Herzen waren dabei vermutlich schon immer ein Privatvergnügen, das mit der Aufgabe an sich nicht viel zu tun hat. Zudem stolpert Renner hier langfristig über die Stilblütenwiese, denn etwas später schreibt er: „Wofür der Bibliothekar nicht glüht, dafür wird sich der Finanzier nicht erwärmen.“ Wie denn nun: Soll er brennen oder soll er nicht?

Was das ach so übermächtige Google angeht, wird es sich, wenn es das letzte Buch gescannt hat, zunächst einmal die zahllosen Fehldigitalisierungen vornehmen müssen und eine Reihe von Titeln noch einmal angehen. Ob und wie das gedruckte Werk – auch im Bibliotheksregal – damit obsolet wird, kann man m. E. heute noch nicht absehen. Immerhin verkauft auch Amazon noch etliche Bücher in materieller Form, die man bequem auf der Amazon-Webseite „volltextdurchsuchen“ und häufig auch Blättern kann. Mein persönliches Kaufverhalten jedenfalls wird dadurch eher angeregt und je mehr die Menschen sehen, dass Offline-Zeit auch eine besondere Qualität besitzt – und zahllose Kolumnen in der Qualitäts- und anderer Presse aus den letzten drei, vier Jahren weisen auf das Umsichgreifen dieser Erkenntnis hin – desto öfter werden sie womöglich auch wieder etwas aus Papier zur Hand nehmen.

Die Lehre aus der Individualisierung der Lebensstile liegt nun mal in einem Verhaltenspluralismus, der sich vom entweder (gedruckt) oder (digital) zugunsten eines “sowohl als auch“ verlagert. Dass man als Bibliothek diese Entwicklung gestalten kann, kommt Jens Renner in seinem Kommentar nicht in den Sinn. Er hält es mit Klischees bibliothekarischer Arbeit, die vermutlich selbst der Feuilletonchef der FAZ seinen Feuilletonisten als zu einseitig rot anstreichen würde:

„Niemand weiß also, was wir letzten Sommer getan haben.“

Wir hoffen für die Hochschulbibliothek und Hochschule in Ansbach, dass hier Renner nur rhetorisch die Pferde durchgehen. Selbstverständlich gibt es in Hochschulverwaltungen mitunter die Position zu hören, dass nicht ganz eindeutig ist, warum die Bibliothek sehr viel Geld benötigt, um optimal ihre Aufgabe zu erfüllen. Und manchmal scheint gar ihre Aufgabe nicht eindeutig bekannt. Dass hier aber statt einer Selbstbezichtigung, die sich leider mehr oder weniger deutlich durch den Text zieht, fehl am Platze ist und man eigentlich auf ein in diesem Fall Verfehlen der Aufgabe durch die Hochschulleitungen und Unterhaltsträger hinweisen müsste, wird nicht geschlussfolgert. Denn – so müsste man annehmen – ist es die Aufgabe einer guten Führungsetage, dass sie über Funktion und Funktionsgüte der ihnen unterstellten Teilinstitutionen, d.h. also auch der Hochschulbibliotheken, im Bilde ist. Sollte einer Hochschulleitung also über Nacht wirklich auf einmal durch den Kopf schießen, dass ihre Bibliothek ein – wie Renner semantisch etwas unsauber schreibt – „Kostentreiber“ ist, oder ein, da es ohne Aufwand nicht geht, in jedem Fall zutreffender „Aufwandsverursacher“, und sie in Staunen versetzen, dann deutete dies auch irgendwie darauf hin, dass sie – die Leitung – ihr Handwerk nicht ganz nach Pflichtenheft versieht und daher nicht weiß, was im eigenen Hause vor sich geht.

Die Bibliothek in der Dauerwerbesendung

Die transportierte Befürchtung, dass eine Hochschulleitung leichtfertig ihre Bibliothek zusperrt, entspringt obendrein einer trivialen Vorstellung von Betriebswirtschaft, denn selbst wenn die Bibliothek suboptimal arbeitet, stellt sie doch einen Wert dar, den man lieber erst einmal sinnvoll zu nutzen versucht, als ihn einfach wegzuwerfen. Zudem sprechen mindestens zwei Gründe gegen eine derartige Geringschätzung der Bibliotheken durch ihre Mutterhochschulen: Einerseits wurden und werden diverse, z. T. enorm teure und repräsentationsorientierte Bibliotheksneubauten in die Campuslandschaften gebaut und zum anderen besitzen die großen „Leuchtturmuniversitäten“ der Ivy-League durchweg exzellente Bibliothekssysteme. Hier den Sonderweg zu gehen und Eliteuniversitäten ohne Bibliotheken heranzüchten zu wollen, ist der deutschen Hochschulpolitik nun wirklich nicht zuzutrauen. In das aktuelle Idealbild des Hochschulwesens ist die Bibliothek elementar eingebettet. Das „werbend für uns selbst eintreten“, welches Jens Renner als Losung der Stunde ausruft, könnte hier einen prima Ansatzpunkt finden.Die Betonung dieser Grundsätzlichkeit scheint in den offenbar auf große Vorbilder orientierten Universitätsleitungen in jedem Fall sinnvoller, als ihnen in einer falsch verstandenen Übernahme des Vokabulars der Unternehmenswelt einzureden, sie müssten sich als „Shareholder“ sehen.

Und auch innerhalb der Bibliothek wirkt die Radikalkur eher verunsichernd. Gleiches dürfte für den leider auch bei Renner deutlich werdenden Griff in die Anglizismenkiste gelten, der überflüssigerweise aus Zugang „Access“ und aus Inhalt „Content“ macht. Wer sich auch terminologisch so verwässert und damit auch die eigene Identität zur Disposition stellt, muss sich nicht wundern, wenn auf einmal ominöse „Mitbewerber um Geld und Ansehen“ auf den Plan treten, die „ihren Wert [zu] artikulieren wissen“.

Die Bibliothek wird jedenfalls nicht wertvoller, wenn sie bis in die Service-Point-Sprache versucht, genau wie diese Mitbewerber auszusehen – denn dann wird sie tatsächlich verwechsel- und austauschbar. Zudem wüsste man natürlich gern, welche feindliche Armada Renner konkret im Sturmritt auf die Bastion der Literaturversorgung zu galoppieren sieht. Dafür, dass sie sich nicht von der Verkaufsrhetorik der Wissenschaftsverlage kirre machen lassen, sollten die wissenschaftlichen Bibliotheken abgeklärt genug sein. Wie man Kunden gewinnt, hält und kontrolliert, können sie übrigens zumeist in den entsprechenden Sachgruppen ihres eigenen Bestandes nachlesen.

Studierende: Der Rohstoff der Bibliotheken

Die aktuellen Studierendengeneration dagegen scheint dies nicht mehr so richtig zu können – oder zu wollen. Das Bild, welches Renner von heutigen Hochschülern (bzw. in seiner Diktion: vom „nachhaltig nachwachsenden Rohstoff Studierende“) zeichnet, ist jedenfalls düster und wenn dies auf die FH Ansbach tatsächlich derart zutrifft, sollte sich die dortige Fachkoordination einmal zum Krisengipfel treffen und die Curricula umstellen:

“Es mag besonders motivierte Studierende geben. Ganz sicher aber gibt es viele nicht ganz so leistungsbereite Studierende, die sehr klug und zielgerichtet das Prüfungswissen punktgenau bereitstellen. Nicht weniger. Selten mehr.“

Im Anschluss wird wieder der üblich „Google-Hupf“ [sic!] beschworen und beklagt, dass man damit auch durchkommt. Wenn dies tatsächlich ausreicht, wird die Hyde’sche „fame generation“ allerdings auch nicht die „hilfsbereiten, empathischen und aus Steuermitteln halbwegs auskömmlich finanzierten Experten“ annehmen. Nebenbei: Was interessiert das dritte Merkmal eigentlich die Studierenden? Würden sie noch mehr Hilfsbereitschaft und Empathie einfordern, wenn sie beispielsweise über Studiengebühren die Bibliotheksmitarbeiter direkt finanzierten?

Dass Bibliotheken didaktisch aufbereitete Tutorials anbieten, ist ein willkommener, notwendiger und eigentlich auch selbstverständlicher Dienst. Ob sich daraus jedoch der Rettungsanker, wäre denn die Not so groß wie behauptet, schmieden ließe, bleibt fraglich.

Überraschenderweise nimmt Renner jedoch genau dies und nicht etwa die funktionsgebende Verpflichtung, optimale Dienstleistungen anzubieten, als Auslöser für einen Staffettenlauf des Marketingvokabulars gen Selbsterhaltung, der mitunter fast wie Satire klingt:

“Eine curricular eingebundene Lehrveranstaltung „Wissenschaftliches Arbeiten“ ist eine Dauerwerbesendung, besser noch: ein interaktiver Werbedialog für die Leistungen der Bibliothek. Daran lassen sich weitere Kundenbindungsmaßnahmen anschließen, etwa ein Diplomanden-vier-Augen-Service.“

Dauerwerbesendung? Interaktiver Werbedialog? Rufen sie jetzt an, gleich schlägt der Hot-Button zu? „Vier-Augen-Service“? Eine Stichelei gegen Brillenträger? Marketing schön und gut – aber man sollte vielleicht in der Wortwahl die Nähe zum Produkt und auch zur Zielgruppe suchen. Für eine wissenschaftliche Zielgruppe darf es ruhig ein wenig weniger phrasenhaft klingen und selbst Studierende fühlen sich wohler, wenn sie das Gefühl haben, dass die Leute wissen, wovon sie sprechen. Das zitierte Klangfeuerwerk verunsichert dagegen nicht wenig, wobei es spannend wäre, zu sehen, wie Studierende aus dem Bereich „Marketing“ auf so etwas reagieren:

„Eine Lehrveranstaltung ist Bibliotheksmarketing direkt am Kunden, den erst die drohende Klausur motiviert, bald aber die charismatische und interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin völlig begeistert.“

Das muss sich erst einmal setzen: „charismatische, interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin“. Was muss man sich hier vorstellen? Ein Nummerngirl mit Gnadengabe? Ein Entertainmentmodell mit Ratequiz? Die Verführung des Toren mittels des Apfels der Weisheit in „eine neue Welt, die er zugleich kritisch zu reflektieren lernt.“ Das ewig Weibliche (natürlich) zieht den faulen Studenten mit seinen Reizen hinan und hinein in die schillernde Welt des Bibliotheksbestands, damit nachher keiner der „Shareholder“ sagen kann, man wäre nicht ganz nah dran an der Zielgruppe. Dies alles wird eingekleidet in ein verbrämtes Aufklärertum, das so ein bisschen noch moralischen Zielen folgt, aber eigentlich nur neue Ernährer heranzieht, die im Gegensatz zu den heutigen, die Bibliothek zu schätzen wissen:

“Die co-finanzierenden Kunden, in die Rolle eines neuen Entscheiders aufgerückt, werden interessiert, informiert und überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Bibliotheksinstanz“.

Mit Charisma und Wissensshow. Wer wird Professor…

Ganz zu recht fragt Jens Renner, „Fürchten wir uns ein wenig davor?“ Bei prickelnden Sätzen wie „Sex up your library service“ ist die Furcht nicht nur „ein wenig“, sondern gewaltig, sofern man davon ausgeht, dass Bibliothekare auch in Zukunft solid und seriös Informationen vermitteln und wissenschaftliche Kommunikation unterstützen sollen, was wohl ganz zurecht nicht in die Kategorie „cooler Fun-Job“ à la Bademeister in St. Peter-Ording oder Projektentwickler beim StudiVZ passt. Das „neue und positive Licht“, welches Renner erstrahlen lassen will, wird den Bibliothekaren dann aufgehen, wenn sie sich „aus der Masse von Werbemüll [vergleiche: „…ist eine Dauerwerbesendung“] und ungeprüfter Behauptung die Rosinen picken können.“ Dazu zählt u.a. auch das Hinterfragen von Nachsätzen wie

„Wir sind es, die diese Rosinen in Rum einlegen helfen und daraus schmackhaften Kuchen zu machen [sic!], wir können elegante Tipps für eine geschmeidige schriftliche Arbeit geben.“

Die Sorge ums Selbst

Vielleicht bin ich mit meinen Wissenschaftsidealen ein Ewiggestriger, vielleicht auch nur humorlos. Aber für mich, der ich durchaus einer fröhlichen Wissenschaft etwas abgewinnen kann, ist die Aussicht auf eine Promotionsverteidigung als – wenn auch übertragen gemeint – von der Hochschulbibliothek beförderte Tortenschlacht ein Sahnhäubchen zuviel. Wer auf „Ideen wie Peer-Review“ als „Qualitätssicherung“ der Wissensbasis des Nutzers hinweist und betont

„Er wird erst dann wissenschaftlich geprüfte Quellen suchen und andere unbeachtet am Wegrand zurücklassen, wenn ihm der Unterschied zwischen beiden Welten verständlich wurde“

und gleichzeitig derart Phrasen plakatiert, zeigt leider deutlich, in welche der beiden Welten er sich manövriert. Das kann man natürlich machen und man kann den Studierenden auch dem Zeitgeist gemäß unterstellen, sie interessierten sich nicht für Wissenschaft und Bibliothek, wobei die Umsetzung des Bologna-Prozesses mit seinen Effektivstudiengängen im Gegensatz zu erkenntnisorientierten Programmen ein nicht zu kleines Schärflein zu solchen Zerrbildern beiträgt. Aber man sollte nicht die Gesamtheit der Fach- und Berufskollegen mit derartigen Droh- und Rettungsszenarien zum Folgen auffordern. Die Hochschulautonomie, Google und “Web’n’Walk” als „unterminierende Faktoren“ zu bezeichnen, ist schon ein deutliches Symptom für eine gewisse Ratlosigkeit, die in der entlarvend unterwürfigen Aussage resultiert:

“Wir tun unseren Entscheidern und Kunden etwas Gutes – damit sie uns nichts Böses tun.“

die sich mit einer ungeheuerlichen Selbstüberschätzung verbindet:

“Demokratisierende und oft inhaltlich verflachende soziale Welten a la Web 2.0 machen diese Erkenntnis [dass es zwei Welten gibt, nämlich die der bibliothekarischen Qualitätsinformation und den Rest] noch deutlicher.“

Hier treffen sich der Qualitätsjournalismus der Felicitas von Lovenberg und die Überlebensstrategie der wissenschaftlichen Bibliotheken, wie sie Jens Renner sieht, wieder. Und so wie man dennoch manchmal die FAZ, den Guardian oder die New York Times liest, da dort nach wie vor auch Autoren Raum finden, die die Darstellung eines Themas auf hohem Niveau beherrschen, wird man auch das Prinzip der Teaching Library begrüßen, dass, wie u.a.auch andere Beiträge dieses BuB-Heftes zeigen, mehr sein kann, als ein aus eine irrationalen Furcht entspringendes Rhetorikhülsengeklapper mit dem einzigen – trivialdarwinistisch angehauchten – Ziel der Selbsterhaltung um jeden Preis.

Die Schweden hinterfragen das Medium Weblog (via euro|topics)

Posted in Massenmedien, Presse, Web 2.0, Weblogs on October 8th, 2007 and

In der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter ist aktuell ein kleiner Artikel über Sinn und Unsinn von Weblogs zu lesen, den euro|topics als symptomatisch für eine beginnende Debatte über Sinn und Unsinn von Blogs sieht. Auslöser ist, dass Schwedens wohl meistgelesener Blogger, Alex Schulman, sein Weblog beim Aftonbladet geschlossen hat, da ihm das eigene Niveau wohl zu gering war:

er sei “angeekelt von sich selbst”, begründete Schulman seinen Schritt.

euro|topics übersetzt freundlicherweise die Gretchenfragen der DN-Journalistin Maria Schottenius:

Maria Schottenius bezeichnet es als einen großen Irrtum, “dass Blogs bahnbrechend für unsere Zeit sind, vergleichbar mit dem Einzug von Internet oder Radio. Dieser Wahn hat eine Hysterie bei ansonsten seriösen Journalisten ausgelöst. Es ist betrüblich, dass respektable Journalisten sich so krampfhaft Unwesentlichem widmen. Klatsch lockt Leser. Aber wie viele Blogger werden eigentlich gelesen? Und welchen Schluss sollen wir daraus ziehen, dass die populärsten Worte bei Blog-Suchen ‘Sex’ und ‘Porno’ sind?”

Vielleicht sollte man aber auch einfach eine differenzierte Sicht auf das Medium gewinnen. Immer sind es die respektablen Journalisten, die die Inhalte gestalten.

Dass dafür die Zugriffszahlen ausschlagebendes Benchmark sind und nicht journalisitische Wertarbeit, ist am Ende dann doch weniger am Medium Weblog, als einer anscheinend von manchen Webjournalisten gepflegten, etwas eigenartigen Vorstellung von dem, was man mit diesem tun kann (und sollte) festzumachen.

Die zitierte Argumentation Maria Schottenius’ wirkt dabei jedenfalls in gewisser Weise ähnlich überzogen, wie all die zuvor geäußerten Revolutionsszenarien des neuen Partizipations- und womöglich Massenmediums.