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Adé Serendipity? Die New York Times berichtet vom Ende des Zufallsfundes und was ihn retten soll.

Posted in Medienverhalten on August 3rd, 2009 and

Die New York Times spürt in einem aktuellen Artikel (Darlin, Damon (2009):Ping: Serendipity, Lost in the Digital Deluge. In: New York Times, 02. August 2009) dem Verschwinden der Serendipity nach, das in Deutschland vorwiegend in der Wissenschaftstheorie bekannt ist, im englischen Sprachraum aber auch außerhalb des Wissenschaftskontextes Anwendung findet. Eine eindeutig Übersetzung zu finden, ist schwierig. Generell meint Serendipity das eher zufällige Entdecken von etwas, was sich als hochinteressant und relevant herausstellt.

„Wie weit Forschung ein systematisch-methodischer Prozess ist, wird bei dem in der Wissenschaft wichtigen Begriff Serendipity in Frage gestellt. Als Horace Walpole dieses Wort 1754 prägte, das er dem persischen Märchen „The Three Princes of Serendip“ entnahm, das 1557 in italienisch erschienen war, betonte man noch nicht so stark wie heute die Zufälligkeit mit der Entdeckungen oft geschehen.“ (Umstätter, Walther (2007): Qualitätssicherung in wissenschaftlichen Publikationen. (PDF) S. 16, sh. dort auch Fußnote 12)

In der Wissenschaft verschwindet das Phänomen der Serendipity schon etwas länger in der auf Erkenntnisplanung und Entwicklung orientierten so genannten Big Science. (vgl. ebd. S. 24) Bzw. versucht man, sie auszuschalten. Das ist insofern auch für die aktuelle Urheberrechtsdebatte im Anschluss an den Heidelberger Appell, die eigentlich und am Ende auch stärker in eine Digitalisierungsdebatte führt, relevant, da das Medium Internet im Umfeld dieser Big Science und aus dem Bedürfnis, großer Datenmengen Herr zu werden, entstand. Ähnliches gilt für das elektronische Publizieren in der Wissenschaft. So wie die digitalen Infrastrukturen die wissenschaftliche Medienkultur in diesem Bereich grundlegend veränderte, wirkt sie etwas zeitversetzt auf die Medienalltagskultur. Beiden gemeinsam ist die nun im Vergleich zur vordigitalen Medienrezeption ungleich höheren Datenorientiertheit und –präzision, die sich vor die ästhetisch orientierte Erfassung der Inhalte schiebt.

Damit lässt sich auch ein stückweit mehr Einsicht in das Grundproblem der unterschiedlichen wissenschaftlichen Kommunikationspraxen in der vorwiegend auf Big Science orientierten STM-Fächer und den nach wie vor starke Züge der Little Science, also des entdeckenden und interpretierenden Einzelwissenschaftlers, tragenden Idealtypus der Geisteswissenschaft gewinnen. Mehr als der Beweiskraft des Datums gilt hier die Überzeugungskraft des Arguments und zwar immer dann, wenn sich eine Aussage nicht in das Binärsystem wahr/nichtwahr reduzieren lässt.

So wäre durchaus zu überlegen, inwieweit hinter der weitaus stärker verbreiteten Ablehnung digitaler Kommunikationsmedien in den Geisteswissenschaften eine mehr oder weniger bewusst wahrgenommene Furcht vor dem Verschwinden der Serendipity steht. Oder anders: Inwieweit die bestehenden und bekannten Formen digitaler Kommunikation den interpretativen Erkenntnismethoden dieser Disziplinen weniger zuspielen, als dies bei datenintensiveren Forschungsansätzen der Fall ist. Und inwiefern sich manche Vertreter der Geisteswissenschaften die Struktur ihrer Wissenschaftspraxis durch die Struktur des Mediums bedroht sehen.

Sofern keine Notwendigkeit zum Wechsel des Kommunikationsmediums besteht und auch keine Verbesserung der praktischen Erkenntnismöglichkeiten zu erwarten ist, scheut man verständlicherweise den Umstellungsaufwand. Auch das Argument der freien Zugänglichkeit mittels Open Access erscheint zumindest solange irrelevant, solange eventuelle Unzugänglichkeiten kompensierbar sind. Da die Erkenntnisproduktion in interpretativen Disziplinen ohnehin über längere Zeiträume angelegt ist, scheint hier der Druck, eine Publikation zeitnah und möglichst noch als Preprint vor dem Erscheinen zur Kenntnis zu nehmen, nicht sonderlich hoch.

Zudem ist Doppelarbeit in interpretativ-argumentativ orientierten Wissenschaften im Gegensatz zu den erkenntnisorientierten Disziplinen weniger problematisch und häufig im Sinne einer Review bzw. eines mehrfachen Durchdenkens eines Arguments aus verschiedenen Perspektiven sogar erwünscht. Gründlichkeit geht hier vor Vollständigkeit. Denn gerade durch die Wiederbetrachtung eines Arguments und seine Rekombination, so die Überlegung, entdeckt man neue Relevanzen und zwar häufig an einer Stelle und in einer Form, die nicht erwartet wurde. Also als Serendipity.

Dieses Entdecken setzt allerdings die Möglichkeit der unerwarteten Variation voraus. Beim offenen Folgen von Hypertextspuren im WWW scheint dies allerdings gegeben zu sein und zwar in einem Umfang, der die Möglichkeiten einer klassischen Freihandaufstellung in einer Bibliothek weit übersteigt.

Die New York Times sieht die Serendipity dennoch gefährdet und zwar durch Empfehlungssysteme, die auf Verhaltensmuster anderer setzen und diese mit den eigenen abgleichen:

„But that isn’t serendipity. It’s really group-think. Everything we need to know comes filtered and vetted. We are discovering what everyone else is learning, and usually from people we have selected because they share our tastes.”

Das Regalbrowsen ist nicht mehr möglich, wo die Musiksammlung und die Bibliothek in einer Datenbank erschlossen über eine Klassifikation oder ein mehr oder weniger kontrolliertes Vokabular vorliegen. Ich glaube allerdings, dass sich hier etwas anderes auswirkt. Nicht die Serendipity geht verloren, sondern die unmittelbare Einbindung der Medien in die physische Lebensumwelt. Die digitale Medienrezeption ist immer materialunabhängig und bildschirmvermittelt:

„With an e-book reader, the person on the subway seat across from you will never know what you are reading.”

Dies aber nicht, weil der Text digital ist, sondern weil die Rückseite des Lesegerätes für alle Bücher gleich aussieht. Das Problem liegt also nicht in der Digitalität selbst, sondern in ihrem Rahmen.

Die Serendipity auf den Displays und in den vernetzten Systemen ist nicht zwangsläufig mehr Group Think, als die am Bücherregal, in dem Titel stehen, von denen einmal angenommen wurde, dass sie auf einem Buchmarkt Leser und damit Kunden finden werden. Im digitalen Umfeld erhalten sie allerdings eine ständig aktualisierte, eindeutig ausweisbare und in Empfehlungssystemen verwertbare Einbettung in einen Nutzungskontext, der die Zugriffe aller anderen Nutzer im System in Bezug auf den jeweiligen Inhalt erfasst und auswertet.

Die daraus ermittelte Präzision irritiert so manchen und dies ist der Anlass für den Artikel in der New York Times. Denn die dahinter stehenden statistischen Ausdifferenzierungen, die sich hervorragend für das zielgruppenspezifische Marketing eignen, führen in Kombination mit der im Internet im Vergleich zu physisch präsenten und nutzbaren Medieninhalten ungleich größeren Menge an vorhandenen und potentiell rezipierbaren digitalen Inhalten zu dem Phänomen, das man vor einigen Jahren Information Overload nannte:

„And there is just too much information. We can have thousands of people sending us suggestions each day — some useful, some not. We have to read them, sort them and act upon them.”

Genau genommen handelt es sich um einen “Communication Overload”, da wir uns zu den Empfehlungen positionieren müssen. Die privaten und die Gruppennutzungsstatistiken und die automatisch ermittelten Ähnlichkeiten führen zu einer Form von Metainformation, die aus dem physischen Medienumfeld kaum bekannt war, die im digitalen jedoch relativ gleichberechtigt neben den eigentlichen Inhalten steht. Wo in sozialen Netzwerken die eigenen Rezeptionsgewohnheiten und Geschmacksmuster zu eindeutig nachweisbarem Sozialen Kapital avancieren, gewinnt diese Form von Information noch stärker an Bedeutung. Den gesteuerten Zufall benötigt man eigentlich nicht als Zusatz: Die Aufmerksamkeitsfenster sind ohnehin schon ausgefüllt.
Innerhalb der elektronischen Systeme sind diese Strukturdaten eindeutig und schwer hintergehbar, fest dokumentiert und müssen, da automatisches „Vergessen“ zumeist nicht in der Systemplanung . vorgesehen ist, bei Bedarf per Hand korrigiert oder gelöscht werden. Daher geht in diesen auf Vollständigkeit orientierten Medienmanagementsystemen tatsächlich ein gewisses Maß an Unschärfe und „Eigensinn“ verloren. Die Informationsmenge ist zwar nach wie vor hoch, aber schwer verdaulich bzw. „boring“.

Um diesen Mangel zu kompensieren, versucht man, wie die New York Times berichtet, die Zufälligkeit wieder als Eigenschaft zu berücksichtigen und zwar nicht vorrangig, um hier eine Schwäche im System auszugleichen, sondern, um die Vorliebe für das nicht gezielte Entdecken als Marktlücke zu nutzen:

„As we pay for them with our time, the human need for surprise presents an opportunity for new businesses.”

Das Verfahren dieser Simulation von Ziellosigkeit nennt man übrigens „high-tech crowdsourcing“. Ob diese kontrollierte Erzeugung des Unerwarteten funktioniert, bleibt abzuwarten. Eigentlich ist sie nicht notwendig: Denn die Ubiquität symbolischer Strukturen bzw. die Dauerverfügbarkeit aus subjektiver Sicht unendlicher Informationsmengen, die Mythos und Ideal der Vollständigkeit auch in der Wissenschaft wohl endgültig erledigt haben, stürzen die Rezipienten in digitalen Medienwelten in eine Situation, in der Serendipity mehr als jemals zuvor zum zwangsläufigen Bestandteil des Informationsverhaltens geworden ist. So präzise digitale Daten- und Symbolstrukturen auch sein mögen: das menschliche Gehirn als primäres Verarbeitungselement enthält all die Unschärfe, die nötig ist, um weiterhin querbeet und wild zu denken. Das Internet ist eine Infrastruktur, die sich nur schwer regulieren lässt. Von der statischen HTML-Seite bis zu komplexen Ajax-Oberflächen, von Bittorrent-Downloads bis zu vielfältigen Blockierversuchen finden sich alle möglichen Merkmale nebeneinander. Das Nadelöhr, an dem man eingreifen kann, liegt nicht im Netz selbst, sondern in der Steckdose daheim. Der algorithmisch generierte Zufall ist eine weitere Variante der Nutzung dieser Infrastruktur, die parallel mit Bestrebungen, jeden Zufall auszuschließen existiert. Gelingen wird beides nicht in Vollständigkeit, denn der menschliche Faktor – egal auf Nutzer- oder Erzeugerseite – wird eher früher als später zureichend Defekte aufwerfen.

Die Aufgabe einer geisteswissenschaftlichen Praxis in digitalen Informations- und Kommunikationsumgebungen wird hoffentlich sein, genau diese Lücken zu thematisieren und zu fragen, was die digitalen Symbolmaschinen mit dem Animal Symbolicum macht und dieser mit ihnen. Dazu allerdings muss man beide Seiten kennen. In dem Maße, in dem die Digitalität den Alltag des Menschen prägt, wird sie tatsächlich zum Zwang der Geisteswissenschaften. Denn sie wird in der aktuellen Welt der Erzeugung und Gestaltung von Kultur, die in der westlichen Hemisphären fast immer irgendein digitales Element und sei es zu Dokumentationszwecken enthält, zum Kernbestandteil des Gegenstandes und damit zum Material dieser Disziplinen.

Das Netz als Feind. Warum ein Intellektueller das Internet mit Wut verfolgt.

Posted in Diskurs, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on May 25th, 2009 and tagged , , , , ,

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Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)

Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), Online) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe des Kulturpessimismus: Die permanente Bedrohung, das “Unverstanden sein” durch die Masse, die am Ende über die Demontage des Intellektuellen sich selbst mit in den Abgrund stürzt. Das erwartet man schon mindestens hundert Jahre und jeder Popularisierungsschritt des Zugangs zu Medien hat den Wärmeofen des Lamentos neu befeuert. Die wahren Gefahren drohten eigentlich immer aus einer anderen Richtung und es gab Zeiten, in denen das kritische Hinterfragen, welches das Markenzeichen des Intellektuellen darstellt, tatsächlich und buchstäblich an die Existenz gehen konnte. Abgesehen von der konkreten Feindschaft solcher politischen Macht, die vom intellektuellen Widerspruchsgeist in ihrer Ausübung nicht gestört werden möchte, existiert eine latent immer präsente: Die der Masse. Man kann José Ortega y Gassets Klassiker zum „Aufstand der Masse“ dem Jahr 1930 an einer beliebigen Stelle aufschlagen und losjubeln: „Ja, genau so ist es!“ Zum Beispiel:

„Wenn man im Leben fortschreitet, bemerkt man bis zum Überdruss, wie wenig Menschen zu einer Anstrengung imstande sind, die ihnen nicht als genaue Antwort auf eine äußere Notwendigkeit auferlegt wird.“

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Im Gegenteil: Perspektiven auf den Umgang mit digitalen Texten und das Medium Buch

Posted in E-Books, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on April 23rd, 2009 and tagged , , , , , , , , , , , , ,

Debatten in digitalen Räumen

Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke dazwischen reichert man mit einer hemdsärmeligen Analyse an, die zeigt, dass man sich lieber von der Rhetorik als vom Fakt leiten lässt. Gerade wenn sich der Kreisel der Gedanken um die Zukunft des Buches, der Autorenschaft und des Urheberrechts dreht, geht es selten unter dem manifesten Gesamtentwurf der Zukunft. Hier treffen sich das selbsternannte Qualitätsfeuilleton, die progressiven Netzdenker von perlentaucher.de mit den oft beschworenen Heerscharen von Bloggern, die allerdings weniger tatsächlich im Diskurs mitwühlen, als Vertreter der klassischen Medien gemeinhin zu glauben scheinen.

Das liegt wohl daran, dass sie weder Zeit noch Lust haben, die in sich nicht ganz linear und nach überlieferten Medienwahrnehmungspraxen überblickbare Blogosphäre permanent zu beobachten. Das muss auch nicht sein, denn die Konkurrenz zwischen „Güteklasse A“-Journalisten und „Güteklasse B“-Bloggern ist eine künstliche, keine zwangsläufige, die beiden Seiten nützt, wenn es darum geht, Inhalte zu finden.
Die Presselandschaft übersieht dabei gelegentlich, dass bei vielen Bloggern überhaupt gar keine Motivation besteht, irgendeinem Magazin die Leserschaft abzujagen. Es muss nicht immer Journalismus sein. Wohl aber die Fähigkeit, zu differenzieren, wie was warum und vor welchem Hintergrund geschrieben wird. Das Digiversum verwischt hier naturgemäß einst klare Trennlinien. Die rein rechnerische Gewichtungspraxis des Hauptzugangsmittels zu den digitalen Texten im Cyberspace (Google) wirkt in seinem die Inhalte nivellierenden Ansatz in der Tat etwas erschreckend.

Was die Zeitungen etwas verschämt durch die Öffnung für Prinzipien des Web 2.0 immerhin erreicht haben, ist, dass sich unter dem Deckmantel „Leserkommentar“ in ihren Webangeboten tatsächlich so einiges an Stammtisch und den Raum daneben (nicht die Küche) sammelt, was ansonsten in der Blogosphäre wenig Anklang fände. Alternativ zum Angebot der regulären Ausgaben hat man sich dazu oft kontrollierte Blogs ins Haus geholt, um Geschichten zu verwerten, die es sonst nicht ins Blatt schaffen. Erstaunlicherweise sind zum Beispiel die FAZ-Blogs oft lesenswerter als die Frankfurter Allgemeine Senior, die Beiträge aufgrund des Anspruchs einer Druckausgabe gern so zusammenkürzt, dass wenig von all den Hintergründen, die man gerade lesen möchte, bleibt. Andere Zeitungen gehen da ähnlich vor.

Contra: Susanne Gaschke und der Heidelberger Appell

Die aktuelle Ausgabe der ZEIT hebt diese Woche einen Beitrag von der bereits als Internet-Skeptikerin bekannten Susanne Gaschke (Wikipedia) auf die Titelseite, der von der Qualität durchaus auch in einem gehobenen Internetforum Heimat finden könnte, bei einem renommierten und sich seines Renommé bewussten Wochenblatt aber ähnlich die Erwartungen des anspruchsvollen Lesers verfehlt, wie die groteske BILD-Schlagzeile zum Leitthema des Chancen-Buches in der Ausgabe: Macht Studieren dumm? (Der Beitrag selbst ist dann weitaus besser als sein Titel..)

Differenzierungsvermögen im Thema beweist Susanne Gaschke leider nur bedingt und in ihrem letzten Abschnitt, dass sie es offensichtlich nicht nötig hat, sich mit der Sachlage tatsächlich zu befassen. Sonst hätte sie wenigstens darauf hinweisen müssen, dass die Open-Access-Passage im „Heidelberger Appell“ schlicht aus (hoffentlich) himmelschreiender Unkenntnis heraus formulierter Unsinn ist. Selbigen reproduziert sie natürlich, in dem sie „uneingeschränkt zustimmt“. Dass der Appell und seine Befürworter es nötig haben, immer dieselben dicken Namen als Autoritäten herauszukramen, auf die man gern verweist, denn diese „Repräsentanten des deutschen Geistesleben“ (hier wieder: Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und der obligatorische Daniel Kehlmann als Vertreter der erfolgreichen Geistesjugend) sollen wohl mit ihrem guten Namen für die Qualität stehen, zeigt eben, dass bei dürftiger Sachlage und im Kampf um die Deutungshierarchie der Verweis auf populäre Spitzenkräfte der Kulturlandschaft die Richtigkeit einer Aussage stärker zu unterstreichen vermag, als der Gehalt der Aussage selbst.

Natürlich ist die „Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft […] ein hohes Verfassungsgut“ und verfassungsrechtlich traditionell so gut und selbstverständlich geschützt, dass es eigentümlich wirkt, wenn man diesen Grundsatz herauspflückt und doppelt unterstreicht. An vielen leicht zugänglichen Stellen wurde aber doch nachvollziehbar gezeigt, dass es beim Open Access gerade darum geht, die Freiheit der Wissenschaft abzusichern. Dass sich der Heidelberger Appell – übrigens halbwegs nachvollziehbar – auf Google stürzt, aber auf dem wissenschaftlichen Auge die großen Spieler im Verlagsgeschäft wie Reed Elsevier oder Springer Science+Business Media (oder vielleicht auch den Fachinformationsgiganten Thomson) im toten Winkel belässt, mag vielleicht darin begründet sein, dass Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann oder Roland Reuß auch mal bei Google suchen, aber eben nicht ihre Bibliothek überzeugen müssen, 3300 Euro für das Jahresabonnement einer Zeitschrift zum Thema „Gene Regulatory Mechanisms“ zu zahlen.

Das OA-Problem

Das Open-Access-Problem liegt, so glaube ich, darin, dass einerseits einige besonders engagierte Vertreter der OA-Bewegung recht blauäugig das in den STM-Disiziplinen durchaus bewährte Prinzip in die Geisteswissenschaften, für die dieses vielleicht gar nicht analog notwendig (oder praktikabel) ist, zu tragen versuchen, und sich andererseits Literaturwissenschaftler sowie ZEIT- und andere Journalisten ein öffentlich kommuniziertes Kurzschlussurteil über etwas erlaubt haben, dessen Dimension sie nicht ganz erfassen. Natürlich muss sich Roland Reuß nicht mit der Zeitschriftenkrise in der Medizin befassen. Dann sollte er sich aber auch nicht dazu hinreißen lassen, das Problem mit zwei, drei Halbsätzen zu seinem eigenen zu machen.

Es wird sich wohl schwerlich jemand in Reihen der »Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen« finden lassen, der einfordert, geisteswissenschaftliche Publikationen aus den Programmen des Carl Hanser Verlags oder von Hoffmann & Campe oder aus dem Hause Felix Meiner oder vom Libelle Verlag, Lengwil (alles Unterzeichner des Appells) auf das nächstbeste digitale Repositorium zu zwingen.
Eigentlich müssten gerade die Buchverlage der Open-Access-Bewegung aufgeschlossen gegenüberstehen, belasten doch die mit den Preissteigerungen häufig einhergehenden Umverteilungen der Bibliotheksetats zugunsten des Zeitschriftenoligopols gerade das Budget für Monographieerwerbungen und damit deren Geschäft mit den Universitätsbibliotheken. In jedem Fall sollten sie aber wissen – ich bin überzeugt, sie tun dies auch – dass Open Access die Rechte des Urhebers bei zweckmäßiger Anwendung weniger aushöhlt, als der Verwertungsknebel, auf dem die großen Wissenschaftsverlage gemeinhin bestehen. Warum sich Roland Reuß dahingehend in diesem Punkt dermaßen aufklärungsresistent zeigt, bleibt bislang ein Rätsel. Und warum Susanne Gaschke gleich wieder programmatisch und wie im Rausch vom Verlust unserer kulturellen Zukunft donnert, ebenso. Natürlich muss ein Leitartikel nicht stocksachlich verfasst sein. Aber er muss auch nicht immer biblische Dimension annehmen.

Pro: Jürgen Neffe und das Ende des Buches

Mit ein wenig mehr Raum im Blatt stattet die ZEIT dagegen den Schriftsteller Jürgen Neffe (mehr in der Wikipedia) aus, der diesmal dran ist, über eine ganze breite Seite seine Vision vom Ende der „Ära des gedruckten Buches“ aufzuzeichnen. Dass er sich explizit für Open Access ausspricht, mag in seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund wurzeln. Genau kann man dies natürlich nicht sagen. Er sieht aber im Gegensatz zu seiner Kollegin von der Titelseite, darin „allen alle Texte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung [zu] stellen“ keineswegs eine kulturelle Katastrophe, sondern gar den möglichen Weg, „Lesen und Schreiben zu retten“. „Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung“ nennt er das und auch hier scheinen die Augen nun auch wieder etwas blau und sentimental. Den Unsinn mit der Piraterie hätte man dann natürlich erledigt. Den Buchmarkt, der wohl bald konsequenterweise eher „Text-Markt“ heißen sollte, allerdings auch.

Immerhin leistet sich die ZEIT zwei Extrempunkte in der Ausgabe, also eine gewisse Meinungsbalance, wobei Jürgen Neffe die bessere Wahl für die Titelseite gewesen wäre, denn im Vergleich zu Susanne Gaschke ist er einigermaßen originell, wenn auch mit gleichem weit ausschwingenden Deutungsanspruch. Das Leseland ist aber generell auch ein Fantasialand und insofern ist es durchaus legitim. Selbst macht man es als Autor auch nicht anders.

Unglücklicherweise fällt einem als Leser leider eine Inkonsequenz auf, die das Vergnügen an der Tröstung über das verfließende Medium Buch („Kein Grund zur Trauer“) eintrübt. Gleich am Anfang als rhetorischen Trommelwirbel nach dem Paukenschlag der Überschrift verabschiedet Jürgen Neffe nämlich das materielle Medium Buch und die Ära des Buchdrucks sowieso. Leider in der Gesamtschau nicht sehr schlüssig:

„Das Medium der Aufklärung verliert seine Message und mit ihr ein Stück Sinn und Sinnlichkeit. Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten. Selbst eisern Bibliophile werden Gutenbergs Erbe in seiner jetzigen Form nicht erhalten können. Der Niedergang von Buchherstellung und -handel, so bitter wir ihn beklagen, folgt der Logik einer langen Kette bereits untergegangener Handwerke, Manufakturtechniken und Handelsverfahren.“

Aus der Floskel- und Bastakiste stammt die Folgeaussage: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam.“ Die Belegbeispiele reißen einen nicht unbedingt aus dem Schreibtischsessel: „Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine [..]?“ Jawohl. Dass man auf der der Tastatur einer Schreibmaschine nachempfunden Tastatur eines Computers schneller und leiser tippt und dies zunächst provisorisch dank des von der Textverarbeitung simulierten weißen Blatts schneller und leiser und flexibler zu handhaben ist, steht außer Frage. Hier wurde aber das Schreibmedium optimiert, sowie sich der Gänsekiel zum Fineliner entwickelte. Das heißt jedoch zunächst noch nicht, dass man am Bildschirm auch schneller und leiser und flexibler liest.  Oder doch? In jedem Fall anders. Und: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Erleben wir nicht, wie schnell die Mail den Brief verdrängt?“ Dank Postcrossing.com sind aktuell 94.258 altmodische Post- und Ansichtskarten auf ihrem Weg durch die Welt, motiviert durch ein Internet-Portal. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der handschriftliche Gruß dennoch überlebt. Und selbst so etwas scheinbar Überflüssiges wie das klassische Glückwunschtelegramm kann man noch über die Post ausliefern lassen. Das zugegeben als Hochpreisprodukt. Und auch hier: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Allenfalls die Älteren können sich noch eine Welt ohne Internet vorstellen.“ Die letzte ARD/ZDF-online Studie hat 42,7 Millionen Erwachsene (=65,8%) als wenigstens gelegentliche Internet-Nutzer ermittelt (vgl. hier). Das ist durchaus ein Pfund, zeigt aber, dass ein Drittel der Erwachsenen das Medium überhaupt nicht in den Alltag integriert hat. In anderen Teilen der Welt mag es noch eine größere Gruppe sein. Wie weit die Fantasie der Nutzer hinsichtlich der Vorstellung einer Internet-freien Welt reicht, lässt sich schlecht beurteilen. Ich denke aber, dass durchaus einige, nämlich die, die nicht wie wir permanent in Texten graben, sondern z.B. sinnvollerweise die Frühlingstage mit Gartenarbeit verbringen, keine derart große Bindung zum Medium Internet besitzen, wie sie Buch-, Leitartikel- und Blogautoren naturgemäß aufweisen. Man sollte hier und generell seinen persönlichen Standpunkt nicht zum allgemeinen Maßstab überbewerten.

Man nutzt als Feuilletonist und/oder Blogger oft wenig mehr Quellen als die Wikipedia, seine Peer-Medien, die Google-Volltextsuche und besonders seine eigene Erfahrungswelt. Es empfiehlt sich aber, sich dieser Begrenztheit immer bewusst zu sein, gerade die letztgenannte Quelle sehr bewusst einzusetzen und ihre Reichweite halbwegs realistisch abzuschätzen. Aktuell gibt es beispielsweise noch mehr Analphabeten als Arbeitslose in Deutschland (ca. 4 Millionen vgl. hier). Wenn sich dieses Verhältnis demnächst verschiebt, liegt es bestimmt nicht an besserer Nachschulung. Hier gibt es also stabil eine nennenswerte Bevölkerungsgruppe, der die ganze Debatte um die Zukunft des Buches und die Marktchancen von E-Books weitgehend egal sein dürfte. Dem Herzensdiskurs einer zwar recht breit aufgestellten, aber dennoch durchaus als Bildungselite zu bezeichnenden Bevölkerungsgruppe immer universelle Wirkmächtigkeit in die Kernsätze schreiben zu wollen, erscheint nicht immer angemessen. Aber die ZEIT ist nunmal Leitmedium genau dieser Elite und insofern ist es am Ende wahrscheinlich doch legitim, so etwas im Rahmen ihrer Reichweite zu tun.

Dass Jürgen Neffe das Verschwinden des Gedruckten selbst nicht so konsequent sieht, wie er zunächst andeutet, demonstriert er im Fortlauf seines Textes, wenn er das Szenario, was durchaus sinnvoller erscheint, als eine Parallelität von gedruckten und digitalen Texten beschreibt:

“Wir werden mit Büchern leben können wie nie zuvor – und dabei, wenn es uns gefällt, immer noch auf Papierversionen zurückgreifen und sie linear in einem Schwung zu Ende lesen. Solche Bücher wird es immer geben.“

Und später noch mal: „Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.“ Ich vermute sogar in stärkerem Umfang als wir Vinylsingles horten.

Wo ist also das Problem? Und warum soll sich ausgerechnet der Typ „Wörterbuch“ neben dem Roman und der Biografie am längsten gegen die Auflösung im Digitalen sträuben, wo es doch bereits hervorragend nutzbare Online-Nachschlagewerke gibt, die es ermöglichen, jedes Wort zu markieren und sofort die Bedeutung auf den Bildschirm zu bekommen? Erweist sich nicht eher der Coffee Table-Fotoband als am stärksten resistent gegen jede Umwandlung ins iPhone-Format?

Die Frage ist…

Die eigentliche Frage stellt Jürgen Neffe nämlich nicht: Ist das Buch, wenn es denn, wie er vorhersieht, mit dem Rest der Medienwelt verschmolzen ist, überhaupt noch ein Buch? Entspricht Lyrik auf dem Handy („Hauptsache, sie werden gelesen.“) überhaupt noch dem Paradigma des „Buches“?

Ich folge eher der These, dass sich in Webkommunikation ganz andere Textformen – aktuell z.B. Blogtexte, die auf die klassischen Presse- bzw. Massenmedien sowohl stilistisch wie auch in der Form deutlich zurückwirken – entwickeln und dass die Debatte, wie wir “Bücher” digital abbilden eine Zweitrangige ist. Das Hypertextsystem des Internets ist nunmal ein Textsystem. Musik und Film lösen sich in diesem nicht auf, sondern werden eingebettet. Eine Musikstück kann nicht im “Vollton” erschlossen werden, jedes Gedicht, jede Novelle, jeder Roman dagegen im Volltext. Schriftzeichen gehen im Medium Internet voll auf und gerade deshalb im Hypertext gern unter. Ausgerechnet durch die Hypertextifizierbarkeit, so meine These, bieten sich lineare Texte, also die meisten Bücher, bestenfalls als abgeschlossene Einheiten, z.B. in Gestalt von PDF-Dateien, für einen Vertrieb über das Netz an. Dieses bleibt aber die Nebenform, solange sie nach den Normen und Bedingungen, die die Form des Buches erfordert, erzeugt werden. Wird dieser formale Rahmen aufgebrochen, erscheint es mir wenig sinnvoll, noch von Büchern zu sprechen. Vor allem aber besteht wenig Anlass, vehement das Medium Buch ins Netz zu treiben, um es dort zu begraben. Wenn die Verlage sich aus dieser Richtung bedroht sehen, dann fehlt ihnen offensichtlich das Vertrauen in ihr robustes, nach wie vor nachgefragtes und recht zeitloses Produkt.

Die Reader

Die E-Book-Lesegeräte erscheinen in der Tat bestenfalls als Sonderfall der Veränderung im Umgang mit den Texten und haben den entscheidenden Nachteil, zwischen den Möglichkeiten der Digitalität und der Abgeschlossenheit und Linearität des Druckmediums in einer manchmal schmucken, oft schmucklosen Sackgasse zu stehen. Ob sie, wie Jürgen Neffe vermutet, als Türöffner geeignet sind, mag sich noch zeigen. Ich habe aufgrund der zuvor beschriebenen Überlegung meine Zweifel:

“Vielleicht sind die heutigen E-Books nur als trojanische Pferde zu verstehen, die in halbwegs vertrauter Verpackung neuartige Ideen unters Volk schmuggeln sollen. Wer sich einen Faust oder eine Kafka-Biografie herunterladen kann, vergisst leichter seine Berührungsängste.“

Die neuen Ideen sind bereits da und haben wenig mit Kafka-Biografien oder dem Buchmarkt zu tun.

Im Casus des Heidelberger Appells wurde allerdings der Initiator erklärtermaßen gerade erst durch die Konfrontation mit einem Digitalisates aus diesem literarischen Umfeld in seine Berührungsängste gestürzt. Also ist es in der Wirkung nicht jedesmal etwas mit dem “Türöffner”. Mitunter ist es ein Schock, der die Wahrnehmung verriegelt.  In jedem Fall ist das trojanische Pferd ein teures Ross, dessen Wert wohl darin besteht, dass bestimmte Grundprobleme (Preisgestaltung, Formate, rechtliche Grauzonen etc.) für die Verwertung von Textinhalten an ihm durchgespielt werden können, bevor irgendwann eventuell ein massenkompatibles Pony auf dem Hof steht.

Von einer schleichenden Durchsetzung der Lesegesellschaft ist im Alltag – Obacht: Persönliche Erfahrungswelt! – dagegen wenig zu merken und in den Thalia-Filialen oder auch im Kulturkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße stehen die Vorführgeräte mehr wie (nur einmal) bestellt und nicht abgeholt herum, denn wie heiß begehrt, während in den Lesesesseln des Zwischengeschoßes unvermindert eifrig in Papier geblättert und gar exzerpiert wird.

Der Niedergang des Buchhandels jedenfalls in der durchpolierten Variante, die natürlich nicht dem eigenartigen Ideal Jürgen Neffes von einer „Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentliche[m] Erlebnisraum“ entspricht, wird bislang nicht sonderlich spürbar, abgesehen davon, dass Buchhandlungen nie im Wortsinn öffentlich waren, manchmal über Lesungen etwas Kultur veranstaltet haben, vor allem aber verkaufen mussten und wollten. Angesichts der genannten drei Funktionen sollte man den Scheinwerfer vielleicht eher auf die öffentlichen Bibliotheken schwenken.

Ordnung und Aufmerksamkeit

Was Jürgen Neffe in seiner Digitalbuch-Euphorie leider auch übersieht, ist, dass Buchhandlungen wie Verlage eine zwar ambivalente, für den Kunden durchaus relevanter Filter- und Steuerfunktion übernehmen:

„Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen […]“

Hier erklingt ein leicht naives Hohelied auf die ICH-AG, das zwei Kleinigkeiten vernachlässigt:
Erstens den Faktor „Aufmerksamkeit“. Jürgen Neffe schreibt selbst, dass “das Buch als Datensatz im gleichen [sic!] technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.“ Neu ist hieran allerdings wirklich nur, dass Buchinhalte über die gleichen technischen Wege und natürlich nicht im gleichen Format auftauchen. Die Konkurrenz zu Bild und Klang gibt es dagegen schon länger, die zum allgemeinen Leben jenseits der Rezeption über Medien ohnehin.

Zweitens fragt man sich, ob die immateriellen und potentiell unendlich vielen Texte und Textkombinationen, die nach seinem Modell verkaufbar sind, tatsächlich allein über niedrigere Preise in einem Umfang absetzbar sind, dass die Urheber-Verleger davon wirklich leben können. Man kann durchaus auch annehmen, dass sich Akteure wie RandomHouse etc. im Internet zu den Selbstverlegern schlicht aufgrund ihrer Finanzkraft ähnlich durchsetzen, wie im realen Verlagsleben, wo man auch mit einer vergleichsweise kleinen Summe – zugegeben nicht ganz so klein wie im Cyberspace – seinen Text publizieren kann. Ob solche Publikationen – oder überhaupt mit Büchern vergleichbare Texte – wie von Jürgen Neffe vermutet im Netz tatsächlich mehr Leser finden, darf man aufgrund der schieren Größe und Unübersichtlichkeit des Textaufkommens im WWW ruhig noch einmal durchdenken.

Ein letzter Schwachpunkt gerade der wirtschaftlichen Argumentation Jürgen Neffes (und im Verständnis der Verlage) liegt in der Annahme, dass eine heruntergeladene Datei in einer direkten Relation zum Verkauf eines physischen Exemplars stehen muss:

“Jedes einzelne Buch, das als legale oder illegale Kopie oder als Download statt gedruckt über den Ladentisch bezogen wird, fehlt in den Bilanzen derer, die vor Kurzen noch Gutenbergs Erbe verbreitet haben.”

Es könnte auch sein, dass ein Buch, welches als Datei heruntergeladen wird, nie gekauft würde, man den Download aber, aus welchem Grund auch immer, einfach mal mitnimmt. Oder das ein Buch, welches sich nach dem Download als hochgradig lesenswert erweist, doch noch in der antiquierten Druckausgabe (”Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.”) nachgekauft wird und zwar gerade, weil man den Text digital einsehen konnte. Menschen und damit Kunden und ihr Verhalten sind erfahrungsgemäß weitaus breiter gefächert und weniger berechenbar, als man in allgemeinen Prognosen gern annimmt. Manch einer entscheidet sich, wenn er die Wahl zwischen analog oder digital hat, doch gern für das Greifbare. Vielleicht wird offline lesen auch in 15 Jahren wieder so richtig Mode, so wie wir nach wie vor gern Radfahren, auch wenn das Auto bereit steht. Es ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Kulturgesellschaft, dass sie nicht nur dem Notwendigen folgt, sondern auch dem, was ihr einen erstrebenswerten Eigenwert zu haben scheint. Das Rational Choice-Modell, vorausgesetzt die Entscheidung zum Download gegenüber der Printausgabe wäre überhaupt die rationalere, greift bekanntlich nicht in jedem Zusammenhang. Der Schluß, dass jede Kopie im Netz ein verkauftes Realexemplar weniger darstellt, ist also ein reichlich kurzer.

Was bleibt

Entschieden ist hinsichtlich der Zukunft des Buches noch lange nichts, aber die Freude am diskursiven Kampf um die Zukunftsdeutung hält ungebrochen an. Während Jürgen Neffe den Einzug der Literatur dank Akteuren vom „Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe“ auf „iPhone und Co.“ als durchsetzungsfähige Variante erachtet, fragt in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Oliver Jungen: „Welche Konstruktionen gelingen einem Autor, der weiß, er schreibt für ein Handydisplay?“

Sicherlich ganz andere als jemandem, der auf einen sauberen Bleisatz mit schöner Type hinarbeitet. Es gibt Menschen, die kein Problem damit haben, auch 70-mm-Kinofilme im YouTube-Fenster anzuschauen. Dennoch wird hier ein Inhalt in eine Ausgabeform gebracht, die ihm nicht gerecht wird. Gleiches könnte für klassische Texte in digitalen Lesefenstern gelten. Die Literatur für Hypertext-Umgebungen muss jedenfalls in vielen Fällen noch geschrieben werden. Auch hierfür sind Ansätze im WWW zu sehen, die sich aber vor allem durch eines auszeichnen: Sie bilden sich jenseits der Vorstellung von Buch und Verlag.

Jürgen Neffes Fantasie eines postgutenbergschen Zeitalters, in dem immerhin „Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören“, lässt dagegen noch einige Lücken und stolpert über die unzweckmäßige Vorstellung, es ginge darum, das eine in das andere zu übertragen. Nicht zuletzt bleibt die Frage an ihn, warum die von ihm so gerühmten Kulturtechniken Schreiben und Lesen nicht ebenfalls durch technische Innovation genauso forttransformiert werden können, wie anscheinend ihre lange Zeit und im Sinne des Publizierens nach wie vor dominierende mediale Ausdrucksform: das Buch?

“Das Buch ist ein Produkt, und als solches ist es zu verkaufen” – ein Zitat zum Thema e vs. print.

Posted in E-Books, Markt, Medienverhalten on May 23rd, 2008 and

Im Zusammenhang mit der Vorstellung des neuen Random House-Leiters im FAZ-Feuilleton vom Mittwoch (Hintermeier, Hannes: Ein Außenseiter wird Spitzenreiter. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Mai 2008 (Nr. 117) , S. 39) findet sich eine schöne Formulierung zur Einstellung des Bertelsmann Vorstandsvorsitzenden Hartmut Ostrowski, die ganz gut in die aktuelle E-Book- bzw. E-Publishing-Debatte passt und daher hier kurz notiert werden soll, bevor die Zeitung nachher im Altpapier landet:

“In einer Zeit, in der die deutsche Buchbranche zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Gutenberg und Internet oszilliert, setzt Ostrowski [...] ganz pragmatisch auf eine Manager-Lösung: Das Buch ist ein Produkt, und als solches ist es zu verkaufen.”

Will heißen: Solange es den Markt dafür gibt, gibt es auch das Buch. Bislang scheint es den Markt trotz Internet durchaus zu geben, wird doch erwähnt, dass Random House unter Dohles Vorgänger Peter Olson immerhin in 10 Jahren vier Milliarden Bücher absetzen konnte. Das scheint mir nicht allzu wenig zu sein und offensichtlich geht bei Bertelsmann niemand davon aus, dass sich das Absatzvolumen demnächst fundamental ändert. Allerdings hält man dort auch noch mit den Buchclubs ein Vertriebsmodell, dass soviel Nostalgie versprüht, wie eine Langspielplatte, am Leben…

Und hoppla, gar nicht aus Versehen habe ich gestern auch wieder einmal eine solche gekauft. Denn wenn am Abends in gedimmter Atmosphäre und innerer Einkehr zu guter Musik über sein Tagwerk sinniert, stört das blinkend, fordernde Diodenspiel des CD-Spielers irgendwie. Ich vermute – und dazu gehört wahrlich nicht viel Fantasie – dass ein naher Trend der der verstärkten Offline-Zeit sein wird. Der mündige, aufgeklärte Konsument bedient sich dann natürlich beim Besten aus beiden Welten: der analogen und der digitalen. Insofern ist die optimale Strategie sicherlich die, diese beiden in friedlicher Koexistenz zu sehen und zu bedienen, als, wie es manchmal in den flotten Aufbruchsdiskursen derer geschieht, die in bestimmte Marktlücken und Deutungsvakuen zu stoßen trachten, von Ausschließlichkeit und/oder Frontenbildung auszugehen.