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Stadtraum, Stadtpark, Stadtbibliothek – eine Handvoll Überlegungen zur öffentlichen Bibliothek

Posted in Bibliothek, Kundenorientierung, Library 2.0 on October 25th, 2007 and

Eigentlich wollte ich nur aus einem Nebeninteresse heraus ein wenig in einem Aufsatz „zur Ökonomie der Stadtparkkultur“ blättern. (Axel Ostmann; Joachim Vogt: Ökonomie der Stadtparkultur. In: Zeitschrift für Sozialmanagement. 2 (2) November 2004, S. 97-121)

Einige Passagen lassen jedoch Parallelen zwischen “Stadtgrün” und öffentlichem Bibliothekswesen aufscheinen, die ich für festhaltenswert erachte.

So liest man:

„Stadtparks verursachen Kosten. Wäre ein Stadtpark ein privates, marktfähiges Gut, so wäre es wirtschaftlich, so viel davon zu produzieren, dass der Gewinn, also Erlöse minus Kosten möglichst groß wird Da ein Stadtpark jedoch ein nicht marktfähiges Kollektivgut ist, können wir die Nachfrage nur indirekt erschließen sehen keinen geldwerten Gewinn. Nun ist eine Stadt auch kein Wirtschaftsbetrieb, und schon ihr sozialer und kultureller Auftrag verbietet kostendeckende Eintrittsgelder für Stadtparks. Die Stadt gehört den Bürgern, also auch ihr Kapital und dazu gehört der Stadtpark.“ (S.118)

Man kann m.E. in diesen Zeilen das Wort „Stadtpark“ durch das Wort „(Stadt)Bibliothek“ ersetzen, ohne in allzu große argumentative Probleme zu geraten

Immerhin ist – trotz allem Bemühens weiter Zweige der Bibliothekstheorie der letzten Jahre, öffentliche Bibliotheken als „marktfähiges Gut“ mit „erschließbarer Nachfrage“ zu sehen und entsprechend mit Schlagwörtern wie Kundenbindung (mitunter sogar im Wettbewerb mit „Google“) und Kosten-Leistungsrechnung „Diensleistungen als Überlebenschance“ zu entwickeln – der Status der öffentlichen Bibliothek als Kollektivgut bislang kaum in Frage gestellt worden.

„Kollektivgut“ meint dabei im Anschluss an den Ökonomen Mancur Olson (Eintrag in der Wikipedia) ein Gut, „das den anderen … praktisch nicht vorenthalten werden kann“. (S. 98) Der Stadtpark ist eine Leistung der „kommunalen Daseinsvorsorge“, weshalb sich „ein Ausschluss von Bürgern der Stadt verbietet“.

Dies gilt hoffentlich auch für die Stadtbibliothek, deren Name sie bereits direkt als Institut für Stadtöffentlichkeit ausweist. Auch wenn öffentliche Bibliotheken, anders als die häufig als fixiert empfundenen Parkanlagen, in Hinblick auf eine mögliche direkte Gestaltungsinteraktion mit dem Bürger bevorteilt erscheinen, hat man auch bei diesen den Eindruck, dass “die Anerkennung eines positiven Gestaltungsrechtes bei Kollektivgütern” durch die Bürger auch dort lange Zeit nicht in jedem Fall zum Selbstverständnis gehörte.
Hinter dem Konzept der “Bibliothek 2.0″ verbirgt sich in gewisser Weise ein Versuch, an dieser Stelle konkrete Möglichkeiten zu entwickeln. Die massiv propagierte “Kundenorientierung” der letzten 10 bis 15 Jahre war ein anderer Ansatz, “die Bürger als Souveräne zu akzeptieren”. Allerdings verfehlte der Versuch das “der Kunde ist König”-Prinzip, also der “Konsumentensouveränität”, den eigentlichen Gegenstand und auch hier kann man auf eine Formulierung aus dem Aufsatz zurück greifen:

“Die Freiheit, alles kaufen zu können und über Zahlungskraft und Nachfrage die Produzentin oder die Dienstleisterin über ihr Gewinnstreben in die richtige Richtung zu lenken, mag für Märkte von privaten Gütern ein attraktives Leitbild sein, taugt jedoch nach weitverbreitetem Wissen nicht für politische Institutionen. … Auch lässt sich fragen, ob, wenn der Kunde König sei, der Dienstleister Untertan zu sein habe. …” S.113)

Die Autoren sprechen sich für das “Leitbild der verantwortlichen Teilnahme” aus und genau dieses sehe ich als fruchtbaren konzeptionellen Kern der “Bibliotheks 2.0″-Bewegung.

Das Wort “Kunde” impliziert in seiner aktuellen, personalisierten Verwendung unglücklichweise nicht mehr seine ursprüngliche etymologisch auf das “Bekanntsein” fußende Bedeutung, sondern die des Käufers. Ein Kunde ist jemand, der in einem Geschäft als Käufer bekannt ist, also immer wieder mal am selben Ort eine Ware oder Dienstleistung gegen Entgelt in Anspruch genommen hat. Dies erschwert m.E. die Übertragung des Ausdrucks auf den Bereich der Bibliotheken ungemein, weckt es doch bei vielen – besonders Außenstehenden – den Eindruck, die Bibliothek wäre ein Dienstleistungsgeschäft wie andere kommerziell betriebene auch. Als Kollektivgut kann sie dies aber nicht sein.

Vielleicht steht hinter der Verschiebung der Bezeichnung vom Nutzer vom Kunden auch der Gedanke, dass sich damit besser das Gestaltungsrecht des Bürgers besser kommunizieren lässt. Zu wenig berücksichtigt wird dabei jedoch, dass damit auch ein Konsumanspruch in den Vordergrund tritt und bestimmte stadtkulturelle Funktionen der Stadtbibliothek in der Wahrnehmung zurückdrängen. Nach meinem Verständnis lässt sich die Institution Bibliothek – genauso wie der Stadtpark – nicht nur auf eine Dienstleistungsfunktion reduzieren und jede Kommune täte gut daran, dies einerseits zu realisieren und andererseits ihre Bürgerschaft zu vermitteln.

Insofern leistet der Gedanke, Eintrittsgelder zu erheben, um damit Einnahmen für Haushalt zu gewinnen, der Stadtkultur eher einen Bärendienst. Zugangsbeschränkungen reduzieren den Raum, der als “öffentlich” wahrgenommen wird. Die Bibliothek erscheint verschwindet in der Wahrnehmung als Kollektivgut und erscheint in gewisser Weise als Konsumraum, in dem nicht Bürger als Bürger Nutzungsrecht hat, sondern er dann, wenn er zahlt und dadurch Kunde wird, “König” ist.

Wenn beispielsweise die Stadtbibliothek Magdeburg für „für 1 Tag Bibliotheksbenutzung ohne Entleihung“ 2 Euro berechnet (vgl. hier), dann bietet sie nunmal kein „vielseitiges Angebot für alle Bürgerinnen und Bürger“ (vgl. hier), sondern für die – wie umfänglich auch immer – exklusive Gruppe derer, die bereit sind diese zwei Euro für einen Tag Stadtbibliothek auszugeben. Will man dabei den Zugangspreis dennoch halbwegs allgemeinverträglich gestalten – was bei den 2 Euro in Magdeburg sicher auch mitschwingt – rechnet es sich offensichtlich kaum. Dies gilt jedenfals für Parkanlagen, wie die Autoren darstellen, da der „Beitrag […] nicht zu hoch veranschlagt werden [sollte], zumal der Tarif, des hohen Wertes der sozialen Kultur wegen, sozial verträglich gestaltet sein muss. Damit verschlingt die Erhebung der Eintrittsgelder einen erheblichen Teil der eigenommenen Gelder. Den eigentlichen Nutzen von Eintrittsgeldern kann man hingegen in der erzeugten Wertschätzug und in der Eindämmung von Vandalismus sehen.“ (S. 109f.) Eintrittsgelder haben also eher ein Wirkung im Bereich der Schadensabwehr (wie z.B. auch Überziehungsgebühren), was aber für öffentliche Bibliotheken in Hinblick auf den reinen Zugang kaum ein relevantes Argument sein dürfte.

Natürlich kann man argumentieren, dass eine Bibliothek ohnehin nur einen Bruchteil der Stadtbevölkerung erreicht, der hier postulierte allgemeine Anspruch also eher Augenwischerei ist. Aber es geht m.E. auch nicht um die tatsächliche Nutzung, sondern um die potentiell mögliche Nutzung. Bibliotheken sind, wie Stadtparks oder auch ein, zwei oder drei Opernhäuser, Teil der Stadtkultur, haben also Effekte, die über ihre Kernfunktion hinausweisen. Entsprechend sind sie nicht marktfähig:

„Das Dilemma ist, dass einerseits Stadtkultur das Leben in der Stadt erst lebenswert macht und ihre Bürger freundlich stimmt, andererseits Kultur gegenüber anderen Leistungen der Kommune für ihre Bürger, im Bewusstsein vieler gegenüber anderen dringenderen Aufgaben nachrangig erscheint.
Würden jedoch die Güter „Theater“, „Schule“, „Park“ [und „Bibliothek“] auf einem Markt gehandelt, so würden Angebot und Nachfrage zu Preisen führen, die großen Teilen der Bürgerschaft den Zugang de facto verwehren würden. Stadtkultur, in dem Sinne, dass alle in der Stadt daran teilnehmen können, würde aufgelöst. Mit dieser Kultur verschwänden Gemeinsamkeiten, die Freundlichkeit und Friedlichkeit in einer Stadt erst ermöglichen. Die Stadtkultur würde in viele „Teilkulturen“ zerfallen, fragmentiert werden. Öffentliche Parks sind sinnstiftend für die gemeinsame Stadtkultur: Darin liegt eine wesentliche Begründung ihres Unterhalts.“ (S. 97)

Für die Bibliotheken gilt dies ähnlich, auch wenn das Argument der „Sinnstiftung“ häufig etwas untergeht, besonders, da man es im Gegensatz zu konkreten Ausleihzahlen schwer messen kann. Allerdings liegt genau hierin das Potential für Bibliotheken. Da das Subsystem “Kommune” Teil des “Gesamtsystems” Gesellschaft ist, lässt sich die Wirkung eines gut ausgebauten öffentlichen Bibliothekswesens nicht nur auf stadträumliche und -kulturelle Effekte reduzieren, sondern wirkt gesamtgesellschaftlich. Der Bundespräsident hat in seiner Weimarer Rede sehr allgemeinverständlich darauf hingewiesen:

Die öffentlichen Bibliotheken sind weder ein Luxus, auf den wir verzichten könnten, noch eine Last, die wir aus der Vergangenheit mitschleppen: sie sind ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen.

Notwendig scheint es, dies stärker als bisher zu verankern und wo nötig Kommunen bei der Einrichtung, Erhaltung und Entwicklung des Kollektivgutes “Bibliothek” zu unterstützen. Schade ist, dass Horst Köhler in seiner Rede den Bildungsaspekt für Jugendliche ins Zentrum rückte:

Die Chance zur kulturellen Teilhabe, dass heißt der Zugang zu Kunst und Kultur, zur Geschichte und zu wissenschaftlichem Denken, ist das Recht eines jeden Heranwachsenden.

Denn eigentlich sollte dies das Recht jedes Bürgers sein.

Die “Bibliothek 2.0″ in der deutschen Wikipedia: Vorschlag einer Neudefinition.

Posted in Bibliothek, Bibliothekswissenschaft, Library 2.0, Trends on March 15th, 2007 and

Ich habe mir gerade in der deutschsprachigen Wikipedia die Definition zu “Bibliothek 2.0″ angesehen und war kurz davor, diese zu ändern. Da diese Änderung jedoch sehr grundlegend ausfallen würde und ich auch noch keine absolut gelungene Formulierung parat hab, bastel ich erst einmal hier daran herum und stelle meinen Entwurf zur Diskussion.

Die aktuelle Definition lautet:

Bibliothek 2.0 (Übersetzung des englisches Begriffes Library 2.0) ist ein nicht fest definiertes Modell für eine modernisierte Form der Bibliothek, in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht.

Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien. Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein. Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten. Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen. Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Dass wir es mit einem “nicht fest definierten Modell” zu tun haben, ist eine durchaus wichtige Feststellung, die man um die Formulierung “z.T. umstritten” ergänzen könnte. Ungeklärt ist in meinen Augen vor allem, welche Merkmale zur Begriffsbestimmung heran gezogen werden können, da man bei all dem, was so unter Bibliothek 2.0 bzw. Library 2.0 eingeordnet wird, ziemlich viel Web 2.0 und Dienstleistungstheorie findet, die allerdings auch im Bibliothekswesen nicht so ganz neu ist.

Mein Vorschlag: Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen.

Problematisch wird es bei “modernisierte Bibliothek“, wobei wir hier auf etwas stoßen, was ich in Anlehnung an Walt Crawfords sehr erhellende und sehr umfassende Diskursanalyse als typischen “Crawford-Manichäismus” bezeichnen möchte, denn er stellt an Michael Casey und einigen anderen die damit verbundene Problematik einer impliziten Zweiteilung der Perspektive auf die Bibliothek heraus. “Modernisiert” bedeutet, dass die vorhergehende Bibliotheksform, “Bibliothek 1.0″, grundsätzlich modernisiert werden muss, also unmodern ist. Dies ist in einer solchen Absolutheit natürlich völliger Unsinn. Auch wenn nicht alle Bibliotheken auf dem neuesten technischen Stand sind und im Vergleich zu den Public Libraries in den USA eventuell den Dienstleistungsgedanken nicht flächendeckend so verinnerlicht haben, wie man es sich wünscht, ist diese pauschale Aburteilung als “unmodern”, auch wenn sie indirekt geschieht, absolut haltlos.
Die andere Variante wäre die, dass man davon ausgeht, dass die Bibliotheken schon mit der ersten Einführung des Dienstleistungsgedanken zur Bibliothek 2.0 geworden sind und die jetzige Bezeichnung einfach nachträglich aufgebügelt wird. Dann bleibt aber die Frage, ob man tatsächlich den “2.0″-Zusatz benötigt oder ob man nicht einfach von einer dienstleistungsorientierten Bibliothek (z.B. im Gegensatz zu einer Repräsentationsbibliothek) sprechen sollte. “Zweinull” wäre für mich in diesem Zusammenhang überflüssig.

Mein Vorschlag: “modernisiert” streichen.

Nun die Passage: “in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht“. “Noch stärker” ist völlig aussagelos, da der Grad der Steigerung nur im Vergleich feststellbar ist und sollte mit dem recht unscharfen “noch” m.E. in Definitions- oder Beschreibungsansätzen grundsätzlich nicht verwendet werden. Denn es müsste in diesem Fall ein Bibliotheksmodell oder etwas anderes existieren, bei dem der Service allgemein stärker und eines, bei dem der Service nicht so stark im Vordergrund steht, geben. Also vielleicht: “das grundsätzlich auf … ausgerichtet ist”.

“benutzerorientierter Service” ist ein Pleonasmus, jedenfalls kann ich mir keinen benutzerangewandten Service (in der Theorie) vorstellen. Also vielleicht: den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen.

Ähnliches gilt für den zweiten Absatz, d.h. das Ziel des “bestmöglichen Service”, welches für mich für eine zeitgemäße Bibliothek ein Allgemeinplatz sein sollte und deswegen keiner expliziten Erwähnung bedarf.

“Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien.”

Darüber, dass sich Elemente und Prinzipien des Web 2.0 in der Bibliothek 2.0 wieder finden, herrscht weitgehend Konsens. Die gegebene Formulierung ist mir allerdings zu schwammig. Vielmehr sollte man genau benennen, um welche Elemente es sich handelt und was die ominösen “gleichen zugrundeliegenden Philosophien” sind.

Mein Vorschlag: Das Konzept der Bibliothek 2.0 greift auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurück. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durch so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet. (Das kann vielleicht auch etwas weniger “gestelzt” ausdrücken, auf die Schnelle ist mir aber die Präzision wichtiger, als die geschmeidige Formulierung… Vorschläge zur Reformulierung sind jederzeit willkommen.

“Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein.”

Soweit ich sehe bezieht sich die Umsetzung der Bibliothek 2.0 bislang vorwiegend auf die Implementierung von Web 2.0-Funktionalitäten in Webangebote von Bibliotheken. Online-Services werden daher nicht eingeschlossen, sondern sind das hauptsächliche Anwendungsfeld. OPAC-Systeme, die als “Online Public Access Catalogue” nicht zwingend identisch mit elektronischen Katalogen sind, spielen dabei zwar eine Rolle, bedürfen meiner Meinung nach an dieser Stelle aber keiner gesonderten Erwähnung. “Ein erhöhter Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek” findet natürlich nicht nur auf elektronischem Weg statt, sondern traditionell in jeder guten Einrichtung auch von Angesicht zu Angesicht oder telefonisch oder über Umfragen auf Papier etc.
Halbwegs neu an der Bibliothek 2.0 ist allerdings, dass es nun abgesehen von der e.mail-Kommunikation auch andere digitale Rückkopplungsformen gibt und vor allem, dass nun relativ aufwandsarm technische Möglichkeiten einrichtbar sind, mittels derer Besucher ohne Serverzugriff und Quellcodebearbeitung auf einfache Art und Weise Seiteninhalte gestalten und – z.B. über Folksonomies und andere Formen – zu vernetzen. Man kann also in Ergänzung zu oder als Ersatz von Webseiten, Webplattformen schaffen, die einen hohen Interaktionsanteil aufweisen. Den Satz selbst würde ich in dieser Form weglassen und den Kerngedanken des “Rückfluss” an anderer stellen unterbringen.

Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten.

Den bestmöglichen Service habe ich schon oben als allgemein erwartbaren Anspruch an eine zeitgemäße Bibliothek benannt. Im Nachtrag ist zu erwähnen, dass das, was “bestmöglich” bedeutet, selbstverständlich von Fall zu Fall und von Zielgruppe zu Zielgruppe konkret zu ermitteln ist. Ebenfalls selbstverständlich sollte es sein, dass die Angebote regelmäßig – genau wie die Bestände – aktualisiert und auf ihren Sinn im jeweiligen Kontext geprüft werden.
Zur Bibliothek 2.0 zählt diess in meinen Augen weniger, als zur Bibliotheksarbeit an sich und ich bin mir – Achtung: “Crawford-Manichäismus”- sicher, dass dies auch schon vor Web und Bibliothek 2.0 als Ideal am Bibliotheksdienstleistungshimmel geschrieben stand. Da es also kein spezifisches Merkmal der Bibliothek 2.0 darstellt, erscheint mir auch dieser Satz als überflüssig.

Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen.

Das kommt dem, was für mich den Kern der Bibliothek 2.0 ausmacht, relativ nahe, jedoch gab es auch dies natürlich über Bibliothekar-Nutzer-Dialoge bereits lange vor dem WWW (2.0). Der engagierte Bibliothekar sprach natürlich schon immer mit seinem Nutzer und aus diesem Gespräch erfuhr er mehr oder weniger direkt, wo es klemmt und wo nicht, was der Nutzer sich wünscht und was er ganz prima findet. Neu ist vermutlich, dass eine solch umfassende Mitgestaltungsmöglichkeit (und womöglich -verpflichtung) der Benutzer ins Grundverständnis der Bibliotheken Einzug hält. Konkret betroffen sind nach meiner Wahrnehmung bislang jedoch – wenn überhaupt – die digitalen Bibliotheksumgebungen.

Was mir allerdings an dieser Stelle in der Wikipedia-Definition grundsätzlich fehlt, ist die Betonung des “Plattform-Charakters”, d.h., dass die traditionell Benutzer-Bibliothekar-Kommunikation um die Möglichkeit der Benutzer-Benutzer-Kommunikation ergänzt wird, bei der z.B. mittels Social Bookmarking eine direkte Benutzer-Benutzer-Vernetzung möglich ist.

Diese Plattformen sind nach meiner Vorstellung analog zu den Web 2.0-Prinzipien personalisiert zu denken: Sie dienen denn Nutzer als persönliche Einstiegspunkte in die digitale Bibliotheksumwelt, von denen aus sie sowohl die Kommunikation mit den Bibliothekaren und anderen Nutzern, wie auch die eigenständige Organisation und Verwaltung des eigenen Rezeptionsverhaltens hinsichtlich der Bibliotheksbestände und Informationsangebote der Bibliothek steueren. Die damit einhergehende Konsequenz ist eine zunehmende “Bemündigung” des Nutzers, und damit auch eine zunehmende Selbstverantwortung. Die damit verbundenen Folgen sind heute allerdings kaum abzuschätzen und bieten entsprechend reichlich bibliothekswissenschaftliche Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten/-notwendigkeiten…

Mein Vorschlag: Die Bibliothek 2.0 bindet Bibliotheksbenutzer grundsätzlich in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen mit ein. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Abgesehen davon, dass ich nicht grundsätzlich von einer traditionellen Einkanalbibliothek ausgehe – wenigstens Anschaffungsvorschläge werden schon lange Zeit eingesammelt – glaube ich, dass es nicht das Ziel sein muss, den traditionellen Service grundsätzlich zu ersetzen, sondern, dort wo er funktioniert beizubehalten, dort wo es hakt zu verbessern und dort, wo es sich anbietet, durch neue Service-Angebote zu ergänzen.

Mein Vorschlag: Anhänger des Konzeptes (zu denen ich mich in gewisser Weise auch zähle) gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote um neue Formen ergänzt werden.

Was haben wir nun? Wenn ich alles zusammenaddiere komme ich folgenden eher Beschreibungs- als Definitionsvorschlag:

Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen. Konsens herrscht weitgehend, dass die Bibliothek 2.0 grundsätzlich auf den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen ausgerichtet ist.

Einigkeit besteht ebenfalls überwiegend dahingehend, dass die Bibliothek 2.0 auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurückgreift. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durchdie so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet.

Ein offensichtlicher Grundbestandteil der Bibliothek 2.0 ist die grundsätzliche Einbindung des Bibliotheksbenutzers in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger des Konzeptes gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote der Bibliotheken um neue Formen ergänzt werden.

Gut genug für die Wikipedia? Anregungen, Kritik, Korrekturen u.ä. sind mir sehr herzlich willkommen.

Wir Cybernauten: Ein paar Gedanken zur Bibliothek als “content architecture”.

Posted in Bibliothek, Bibliothekswissenschaft, Kommentar, Library 2.0 on January 25th, 2007 and

Damit das Unterfangen dieses persönlichen Fachblogs nicht völlig abstürzt, gibt es das folgende Fundstück aus dem heutigen Webrundflug und meinen dazugehörigen Assoziationen hier und nicht etwa im Multi-User- und Multi-Reader-IB.Weblog:

Momentan weilt der BBC Nachrichtenchef Richard Sambrook mit einer ganzen Reihe von anderen herausragenden Medienvertretern im schönen Davos beim Weltwirtschaftsforum (WEF) und rapportiert in seinem Weblog SacredFacts. Im Media Leaders Council geht es besonders um ein Thema, was uns aus dem Bibliothekswesen recht vertraut klingt:

The discussion is about how media companies can adapt to the internet…

Auch wenn es im Geschäft der Medienindustrie sicher um andere Zielstellungen geht (Umsatz, Rendite etc.), sitzen die beiden Arten von “Content Providern” gewissermaßen in einem Boot. Denn beide fürchten ein bisschen darum, ihre Zielgruppen zu verlieren und bei beiden beobachtet man mitunter entweder eine mehr oder weniger drastische Verweigerungshaltung oder übertriebenes Adaptionsverhalten. Der Axel Springer Vorstandschef Mathias Döpfner bringt es schön flockig auf den Punkt:

“We must be careful not to commit suicide for fear of dying”.

Entsprechend gilt es – im Bibliothekswesen wie im Medienbusiness – Ruhe zu bewahren, ein bisschen auf Distanz zu gehen und dann zu versuchen Trends und Gestaltungsmöglichkeiten zu erkennen. Und genau zu diesem Aspekt, den Trends, zitiert Richard Sambrook etwas überaus Merkenswertes:

“The challenge isn’t content anymore. It’s organising it, the architecture of content is the new challenge.”

Da sollten eigentlich ganz schöne Zeiten für die im Bibliothekswesen geschulten Information Professionals anbrechen, ist doch ein Kernbestandteil ihres Wirkens nicht anderes, als die Architektur von Inhalten, was man traditionell als “Sacherschließung” bezeichnet. Eine Klassifikation und noch greifbarer eine Aufstellungssystematik sind exzellente Beispiele für die inhaltsarchitektonischen Strukturprinzipien. Die Schwierigkeit, die ich dabei sehe, ist allerdings die, dass sich Bibliotheken in der Vergangenheit häufig auf die Statik des Gebäudes konzentrierten und erst an zurückgesetzter Stelle mit der “Behaglichkeit” befassten. Ich denke, das was die Nutzer als Bewohner dieses großen “Hauses”, dem man manchmal “Weltwissen” ans Türschild schreibt, wollen, ist sowohl eine statische Zuverlässigkeit, die dafür sorgt, dass die Architektur nicht im Information Overkill über ihren Köpfen zusammenstürzt als auch, dass die Atmosphäre auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten leicht und so bequem als möglich bewohnbar ist.

Da sich hier dank Web 2.0 bzw. Library 2.0 besonders seit dem letzten Jahr in gewisser Weise ein Mentalitätswandel in den Bibliotheken zu vollziehen scheint und Aspekte wie Nutzerpartizipation (oder wenigstens -freundlichkeit) in das Zentrum der Aufmerksamkeit in die Fachwelt drängen, sehe ich für das Bibliothekswesen eigentlich alles andere als schwarz. Die Lösung scheint mir in der Idee der strukturellen Zweigleisigkeit zu fahren: Einerseits die Stabilität im Hintergrund im Sinne von entsprechenden intellektuellen und vielleicht auch irgendwann semantisch automatisierten Erschließungsverfahren und im Vordergrund ein flexibel an den “Geschmack” der Benutzer anpassbares Interface (als virtueller Arbeits- oder auch Wohnort), in welchem eine Vielzahl von eigenen Ausgestaltungsmöglichkeiten wie z.B. die Erschließung über Folksonomies, Kommunikation mit den näheren und entfernteren Nachbarn und letztlich auch die eigene Produktion von Content gegeben sind.

Vorläufer und Ideen dafür gibt es schon allerhand, nur wäre es schön, wenn es gelänge, diesen weitgehend dezentralen Prozess an einer Stelle immer mal wieder zu clustern. Dahinter steht nicht das Bedürfnis nach Zentralismus, sondern die täglich neu gemachte Erfahrung einer begrenzten rezeptiven bzw. kognitiven Verarbeitung dessen, was in diesem Bereich geschieht, zumal es eine doppelte Ernüchterung gibt: Einerseits darüber, was man immer wieder redundant wahrzunehmen und auszusortieren gezwungen ist und andererseits darüber, was man trotz allem Bemühen übersieht.
Ich denke, dass dies generell im Bereich der Content-Architektur ein Hauptfeld der bibliothekarischen Arbeit sein sollte: aus dem rhizomatischen Ganzen, in dem sich die unzähligen Fäden aus Information bzw. Content miteinander verknüpfen und verknoten, Cluster zu isolieren und Zugangskanäle zu schaffen, die zwar flexibel, aber nicht beliebig und damit nahe am Verrauschen sind. Wir werden sehen, welche Rolle der anstehende Bibliothekskongress in dieser Richtung übernehmen kann.

Anders als der kommerzielle Journalismus, der seine “Inhaltsarchitektur” vorwiegend dahingehend gestalten muss, dass sie auch gut verkaufbar ist, sehe ich es als Aufgabe der bibliothekarischen Arbeit sowohl für die Wissenschaft wie auch für die Öffentlichkeit, allgemeine Optimalstrukturen zu schaffen, die den Benutzern den jeweils passenden und schnellen Zugang zu den jeweils relevanten “Räumen”, d.h. Informationen und Inhalten zu eröffnen.

Gerade um dieses Optimum, d.h. die Mitte zwischen dem Rauschen der Überkomplexität und dem Verrauschen in der Banalität, zu erkennen, bedarf es der partizipativen Einbindung der Benutzer in dieses System aus der eine Art elaborierter Rückkopplungsprozess resultiert. Der Bibliothekswissenschaftler/Bibliothekar wird in diesem in gewisser Weise kybernetischen Modell zum modernen Kybernetes, d.h. Steuermann, der die Entwicklung des Systems bzw. der auf ihm aufgesetzten Angebote (möglichst unauffällig) lenkt und koordiniert. Durch Technologien wie die des semantic web erhält er die Möglichkeit, Routinen zu automatisieren und kann seine Aufmerksamkeit stärker z.B. auf die Folgen seiner “(cyber)nautischen” Manöver lenken.
Denn als Steuermann (oder eben Schiffsbaumeister) übernimmt er eben auch Verantwortung für die, die sich auf seine Fertigkeiten verlassen. Selbstverständlich betrifft dieser berufsethische Aspekt wieder die Bibliothekare wie die Medienproduzenten gleichermaßen: Welche Inhalte machen wir wie zugänglich? Die Beantwortung dieser Frage ist mehr als ein Forschungsgebiet für die Usability, hier zeigt sich die (potentielle) gesellschaftliche Wirkmächtigkeit, in der es meiner Meinung nach auch darauf ankommt, dass die Bibliotheken den Inhalten gegenüber interessenlos (alles ist potentiell relevant) einen neutralen allumfassenden Versorgungsanspruch zu realisieren versuchen, was auch als Gegenentwurf zu den nach kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählten Zugangsstrukturen der Medienindustrie zu verstehen ist, zumal sich Bibliotheken und Medienunternehmen dem oben zitierten Statement zufolge in gewisser Weise ähnlicher zu werden scheinen.

Dies alles vor Augen erscheint es schade, dass eine Vielzahl der Impulse, die momentan die “Gestaltungsnormen” der “Content Architektur” prägen, nicht aus dem bibliothekarischen Bereich kommen. Von ihrem grundsätzlichen Aufgaben- und Tätigkeitsfeld liegen Bibliotheken als tradtionelle “Architekten durch Inhaltserschließung” mehr denn je “im Trend”. Allerdings könnte man meiner Meinung nach die Innovationsfreudigkeit und besonders die Bereitschaft, dem Nutzer selbst mehr Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen, weitaus mehr intensivieren. Wenn man hier nachlegt und sichtbarer wird, würde es mich nicht wundern, wenn irgendwann in nicht allzuferner Zukunft auch Vertreter des Bibliothekswesens als Trendsetter und Experten beim WEF Media Leaders Council in Davos anwesend sind.