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Freie Grütze: Ein Kommentar zur Open Access Week in der FAZ

Posted in Kommentar, Open Access on October 20th, 2009 and tagged , , , , ,

Gerade auf die Kosten von Open Access, aber auch auf die Folgen einer Monopolstellung elektronischer Medien und auf urheberrechtliche Bedenken verweisen die Kritiker dieses Ansatzes [OA-Förderprogramm der DFG]. Solcher Skepsis setzen die Teilnehmer der Aktionswoche Vorträge und Informationsstände entgegen. Wenn das beide Seiten darüber ins Gespräch bringt, wie und um welchen Preis Open Access die Wissenschaftslandschaft verwandelt, dann hätte sich der Einsatz schon gelohnt. Dass Open Access niemanden hungern lässt, beweist bereits die Universitätsbibliothek Kassel. Dort will man Grütze verteilen, deren Farbe und Form dem Logo der Bewegung nachempfunden sind. Natürlich kostenlos.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentiert in ihrer morgigen Ausgabe auf den Seiten zum Thema Forschung & Lehre (leider nur) kurz die Open Access Week. (Grütze gegen Zweifel, Seite N 5, bislang nicht frei im Netz) An andere Mittwochen hat sie allerdings schon sehr prägnante Beiträge zur Debatte beigesteuert. Diesmal preist sie eher allgemein die Diskursivität der Woche und die Kassler OrAnge-Grütze (so wäre wohl die passende Schreibweise).

Der Untertitel des kleinen Zweispalters – “Eine Woche für das kostenlose Lesen im Internet” – zeigt jedoch, dass hier (wahrscheinlich mehr noch in der FAZ als in der OA-Bewegung) die Auswirkungen von Open Access mit der rein ökonomischen und publikationsbezogenen Sicht nicht ganz ausgeschöpft und behandelt wurden. Da wird das aktuelle Hauptthema der Pressewelt zuungunsten anderer Effekte des Open Access überbetont, denn der freie Zugang, der genau genommen für all diejenigen, die ihren Netzanschluss selbst bezahlen, auch nicht kostenlos ist, stellt nur eine der Folgen von Open Access dar. Und auch um das Lesen geht es nicht allein.

Letztlich scheint das Thema des offenen Lesezugriffs auf Aufsätzen sogar ein bisschen erschöpft: die Wissenschaftsverlage haben das Author-Pays-Model als Option übernommen, die Wissenschaft lässt sich darauf ein, und dass die Inhalte frei abgerufen werden können, wird außerhalb der Verwertungsindustrien übergreifend als erstrebenswert akzeptiert. Spätestens wenn die entsprechenden Modelle auch die letztgenannte Gruppe umsortiert haben, wird in der Wissenschaft der freie Zugang zu den Diskursen aller Erwartung nach ein Standard sein.

Interessanter als die Frage, ob man vor der Einsicht eines Textes bezahlen muss oder nicht, ist jedoch, wie sich das wissenschaftskommunikative Verhalten im digitalen Umfeld generell verändert und welche Rolle Open Access dabei spielt. Die freie Teilhabe an Wissenschaftsdiskursen drückt sich nicht zuletzt in neuen Möglichkeiten des Beisteuerns von Inhalten aus. Die zeitnahe Publikation von sich aufeinander direkt beziehenden Diskursbeiträgen, wie man sie in der Blogosphäre regelmäßig antrifft, könnte die kommunikative Praxis auch in der Wissenschaft auf längere Sicht durchaus gehörig umgraben. Zu Aufsatz und Monographie würden sich informellere und schnellere Formen des Austausches und auch des argumentativen Aushandelns gesellen.

Der freie Zugang zu diesen Diskursen (und nicht nur der Lesezugriff auf die Publikationen) verwischt die Grenze zwischen Experten und Laien. Das mag nicht jede Disziplin gleichermaßen und gleichschnell betreffen, aber gerade in weniger auf Entdeckung/Entwicklung als auf Argumentation bauenden Fächern könnte sich leicht das wiederholen, was man an populären Mediendiskursen wie dem um den Heidelberger Appell beobachten konnte. Wie man in solchen Kommunikationsräumen ein gewisses Qualitätsniveau sichert, ist übrigens eine Frage, mit der die deutsche Presse mit ihren Leserkommentaren Tag für Tag nicht unbedingt erfolgreich kämpft…

Die traditionellen Formen der Wissenschaftskommunikation orientieren sich darüber hinaus nach wie vor an der Fassbarmachung über Papier. Auch digitale Publikationen werden bisher zumeist in Seitenform gesetzt, sind dadurch nicht zuletzt als Einzeldokument indentifizierbar und lassen sich hinsichtlich des Zugriffs überschauen bzw. auch mittels Social-DRM u.ä. kontrollieren. Ob die digitale Kommunikation allerdings langfristig viel vom wissenschaftlichen Aufsatz mit im Schnitt 10 Seiten Länge übrig lassen wird, ist nicht vorhersehbar. Vielleicht entsprechen die tradierten Formen wie z.B. die Geschlossenheit eines publizierten Textes auch langfristig einem kognitiven Optimum und werden sich halten. Vielleicht etablieren sich aber auch völlig andere Strukturen für die Abbildung des Diskurses.

Dass die Bereitstellung von Primärdaten mittlerweile zu einem Thema auch für Verlage geworden ist, zeigt dagegen, wie sich auch auf dieser dokumentenstrukturellen Ebene Formvorgaben aus der analogen Praxis aufzulösen beginnen. Stoffliche Zwänge und drucktechnische Notwendigkeiten für die Abbildung von Inhalten gibt es dafür nicht mehr.

Ungeklärt ist bisher, inwiefern sich die Wissenschaftsverlage in diesem Zusammenhang tatsächlich positionieren können und inwieweit die öffentlichen Wissenschaftsinstitutionen und neue Akteure (vielleicht auch Google) an dieser Stelle die Plattformen und digitalen Kommunikationswerkzeuge entwickeln. Und natürlich, wie diese Entwicklungskosten finanziert werden. Womit sich der Kreis in gewisser Weise doch wieder schließt. Für die Wissenschaftsförderung wird es zweifellos sinnvoll sein, Open Access langfristig nicht nur in Hinblick auf das elektronische Publizieren, sondern direkt in Bezug auf die Entwicklung von Diskursinfrastrukturen zu betrachten. Diese werden sicher aus mehr als Repositorien und Zeitschriften bestehen.

Die Totmacher

Posted in Bibliothek, Kommentar, Presse, Web 2.0 on November 16th, 2007 and

Eine Art Dekonstruktion zu Jens Renners Kommentar „Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken.“ (erschienen in: BuB 59 (2007) 11-12, S. 812-813.) [diesen Text als PDF]

Vorbemerkung

Als jemandem, dem sowohl konkret Bibliothek, Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, wie auch allgemein die Welt, in der wir leben und obendrein die Wechselwirkungen zwischen beiden am Herz liegen, verspüre ich in letzter Zeit ein Unbehagen angesichts eines Teiles des Diskurses zu den Themen, die für mich maßgeblich Reflexions-Agenda stehen.

Das kann an mir liegen und daran, dass es mir nicht gelingt, eine entsprechend beruhigende Affirmation aufzubauen. Aber andererseits denke ich auch, dass ein sachbezogener Diskurs durchaus auch eine Gegenrede nicht nur aushält, sondern geradezu benötigt. Auch heute möchte ich „gegenreden“ – bzw. gegenschreiben – und das Medium Weblog bietet sich geradezu dafür an, zumal man hier auch noch absatzgenau gegen die Gegenrede halten kann. Es wäre sehr schön, wenn diese schmucke Innovation, die bislang eindeutig auf Kosten des angenehmen Äußeren geht, noch intensiver genutzt wird. Manches mag vielleicht überzogen klingen, aber ich bin der Auffassung, dass man der Phrase nur mit ihrer Umkehrung und Ironisierung beikommen kann.

Worum es mir also geht, ist das von mir wahrgenommene Phänomen eines Umgangs mit Themen, die mir wichtig sind und von denen ich als Bibliothekswissenschaftler wenigstens theoretisch etwas zu verstehen glaube, welcher sich zu einem leider sehr großen Anteil auf rhetorische Scharmützel mit Allgemeinplätzen beschränkt hinsichtlich der Frage, welche und wie viel Substanz sich dahinter verbirgt, dekonstruierend zu durchzusieben. Dies, verbunden mit dem Interesse an einem reflexiven Diskurs, steht hinter diesem kleinen Weblog-Eintrag.

Die Fame Generation

„Die Vermutung liegt nahe, dass es sich mit der Blogosphäre ähnlich verhält wie mit den allmählich abklingenden Reality-Shows, die nichts mit der Wirklichkeit und alles mit Exhibitionismus zu tun haben, dass nämlich vor allem jene, die mit ihrem Privatleben nichts anfangen können, sich ins Informationsmeer stürzen.“ – Felicitas von Lovenberg: Und wann steigen Sie aus? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10.11.2007, Nr. 262, S. Z1-Z2

Ich blogge, also bin ich. Und zwar Teil der „fame generation“, wie die Guardian-Kolumnistin Marina Hyde in ihrem Dreispalter in der letzten Samstagausgabe des britischen “Quality Papers“ titelt. Exhibitionistisch, „pooterisch“ und einer dieser jungen Menschen, – „broadcasting who I am“ – die sich nachhaltig mit ihrem „inneren Monolog“ um Kopf und Kragen schreiben, da die Personalchefs genauso wie die Geheimdienste Persönlichkeitsprofile aus Google-Resultaten ermitteln. Man glaubt fast nicht an Zufall, dass am vergangenen Wochenende einerseits in der „Bilder und Zeiten“-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Felicitas von Lovenberg eine argumentativ außergewöhnlich bodenlose Ode an die Webverweigerung publizieren durfte („Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis nicht nur die soziale Enklave, sondern gerade auch die digitale Abschottung vom Bewusstseinsstrom der Banalität überlebensnotwendig für jeden werden wird, der kreativ oder schlicht geistig gesund bleiben will.“) und andererseits im Guardian Marina Hyde die Peinlichkeit des geäußerten, inneren Monologs geißelt. Die vier Millionen britischen Blogger (sh. auch) wissen nicht, was sie tun, ihre deutschen Kollegen gleichermaßen, so der Eindruck nach der Lektüre des Textes von Felicitas von Lovenberg, und entäußern ihre Persönlichkeit (und Privacy) den 15 oder auch mehr Minuten „Fame“ bar jedes Blickes für mögliche Konsequenzen.

Und natürlich: „Ein Leben für den Fame“, wie es der Prenzlauer Berg-Rapper V-Mann näher am Leben als alle Hydes und von Lovenbergs auf den Qualitätspressebällen dieser Welt es beschreiben könnten, in einem kleinen Raptrack zusammenreimt, das bedeutet, wenn Ruhm gesellschaftlich wertvoll sein soll, erst einmal Schweiß und Tränen und vielleicht auch Blut fließen: „Watch the audition rounds of any television talent show, and it seems as if an entire generation now believes fame to be a basic human right.“ Warum eigentlich nicht.

Marina Hyde freut sich sicherlich auch, ihr Gesicht im Guardian zu sehen und auch bei Felicitas von Lovenberg (und anderen Deutungseliten) geht des Öfteren die Substanz merklich vor der Tinte aus. Auch dem sich selbst gern beschwörenden „Qualitätsjournalismus“ à la FAZ könnte man locker eine Art „Schwarzblog“ zur Seite stellen, wie es die Bildblogger zum großen Pendant auf dem Boulevard tun. Die Frequenz des Zeilenfüllens um jeden Preis ist vielleicht nicht ganz so hoch und man muss den dekonstruierenden Diskursschlüssel meist feiner justieren, aber dass nicht jeder Artikel einem Feuerwerk der Sachkenntnis gleichkommt, merkt man überraschend häufig. Indes: Stilistisch bleibt es meist stabil und somit die gute Form gewahrt. Und zugegeben: den Freizeitkolumnisten der Blogosphäre entgleiten nachweisbar um Potenzen häufiger sowohl Form wie Schreibstil.

Gerade aus diesem Grund verwundert es zutiefst, wieso sich die Kommentatoren von Presseerzeugnissen, die Weltniveau als Aushängeschild ihre Zeitungen beschwören, immer wieder in grob undifferenzierter Art und Weise und manchmal fast hysterisch bemühen, über Blogger und der vermeintlich nach Fame-gierenden Masse des Web 2.0 den Stab zu brechen und dabei zu verkennen, dass gerade die, die sie zu treffen versuchen, sie gar nicht wahrnehmen. Man kann zwar, wenn man Watzlawick glaubt, nicht „nicht“ kommunizieren, aber durchaus in großer Entfernung aneinander vorbei.

Die Wikipedia ist die Wikipedia und kein Brockhaus und keine Britannica und ein Weblog ist keine Tageszeitung, sondern ein Werkzeug, das sich für alles Mögliche gebrauchen lässt, allerdings nicht, um mir die Tageszeitung zu ersetzen. Denn im Gegensatz zu den meisten Weblogs ist das Medium „Tagespresse“ von der Erscheinungsweise bis hin zum Tenor der Beiträge halbwegs berechenbar. Das WWW und die Blogosphäre sind mächtig gestreut, was ihren Reiz ausmacht, von mir als Informationsrezipient oft, aber nicht immer gewünscht ist. Manchmal sehnt sich der Mensch auch nach Begrenztheit und Bündelung, d.h. also nicht nach Hypertext und permanenten Datenstrom im RSS-Feed. Der zweite Vorteil der Tageszeitung liegt buchstäblich auf der Hand: sie ist ausgedruckt und schön gefaltet und auch offline – sogar in der Badewanne – lesbar, man kann sich etwas anstreichen, ausschneiden, ins Tagebuch kleben oder dem Kollegen auf den Schreibtisch legen und man sieht materiell konkretisiert an dem Stapel neben dem Sofa, wohindurch man sich gerade gelesen hat.

Kampf den Blogwindmühlen

Aus irgendeinem Grund reagiert das alte Medium Zeitung dennoch oft wie ein bedrohtes Tier und zeichnet gar düstere Visionen der Kids da draußen, die ihren Lieblingsfilm und ihre Lieblingsmusik und manchmal gar ihre Lieblingswochenendausschweifung ganz offen auf der Suche nach fälschlicherweise „Freunde“ genannten Identitätslinks zu anderen Nutzern bekannt geben. Das Feuilleton wundert sich, als hätte es noch nie etwas von Pierre Bourdieu und symbolischen und kulturellen Kapital bzw. dem Habitus-Konzept gehört, wobei sich all das irgendwie nachvollziehbar im WWW neue Bahnen bricht.

So schlingert der mehr oder weniger selbst beschworene Qualitätsjournalismus beinahe regelmäßig und immer dann, wenn es um Phänomene geht, denen sich Kolumnisten und Feuilletonisten erfahrungsarm gegenüber sehen, an seine Qualitätslimits. Anwendungen der Sozialen Software gehören eigenartigerweise zu diesen schwierigen Themen. Das ist bedauerlich, denn natürlich finden sich in den Druckzeilen, hinter denen sich (fast) immer ein kluger Kopf zu verbergen scheint, auch eine Reihe von das virtuelle Kommunikationserleben betreffenden Phänomenen, die einer sachlichen sowie lebendigen öffentlichen Diskussion bedürfen. Der Aspekt der „Privacy“ gehört ganz sicher dazu. Nur leider verschüttet man diese Ansatzpunkte dann gleich wieder unglücklich mit banalen Pauschalisierungen und Untergangsszenarien, dass einem um die FAZ und andere tatsächlich bange werden muss. Der Feind sitzt allerdings nicht irgendwo im WWW, sondern im eigenen Blatt bzw. Kopf. Statt z.B. auf eine (sozial)wissenschaftlich fundierte Basis zu warten und die Leser mit soliden Reflektionen zu versorgen, formuliert man Doppelseiten füllend eine dürftige Paraphrase von Andrew Keens „Cult of the Amateur“ herunter und bastelt sich aus dem Halbwissen der Nichtnutzer die Halbwahrheit über ein mediales und soziales Phänomen, die alles in einer Form über den feuilletonistischen Fabulierkamm schert, der prima ins Konzept einer sich – warum auch immer – in die Ecke gedrängt fühlenden Zunft darstellt.

Das Ende der Bibliotheken

Was die zitierten Vertreterinnen des Qualitätsjournalismus an die Haustür des potentiell wankelmütigen Abonnenten zu tragen gedenken, spielt rhetorisch mit einem Endzeitszenario, wie wir es leider – wenn auch mit anderen Vorzeichen – nicht selten im Bibliothekswesen hinnehmen müssen. Ein besonders unangenehmes Beispiel ist dabei der Kommentar von Jens Renner in der aktuellen Ausgabe der BuB. (Renner, Jens: Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken. In: BuB 11/12 (2007) S. 812-813)

Jens Renner ist kein Journalist, sondern Diplom-Bibliothekar von Ausbildung, Leiter einer wissenschaftlichen Bibliothek von Beruf und stellvertretender Vorsitzender des BIB im Ehrenamt. Wenn sich also jemand in den aktuellen Entwicklungen des Bibliothekswesens auskennt, dann muss er es sein. Umso erschreckender ist sein Entwurf der deutschen Bibliothekslandschaft. Als Ausgangspunkt für seinen Kommentar zum „aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken“ greift er auf das Zitat eines Nicht-Bibliotheksexperten zurück, was durchhaus sinnvoll ist, zeigt sich hier doch, wie die Außenwelt auf den offensichtlich wankenden Korpus des deutschen Bibliothekswesens blickt. Peter Weibel – so heißt der Stichwortgeber und gleichzeitig Vorstand des ZKM – geht davon aus, dass Bibliotheken „nur als virtuelle Dienstleistungen überleben“. Und die Bibliotheken glauben es ihm anscheinend.

Fassen wir also kurz den Einstieg in Renners Kommentar zusammen, damit deutlich wird, worum es geht: Es droht nichts Geringeres als das „Ende“, Bibliotheken werden überleben, aber nicht mehr als Häuser – wenn überhaupt, denn „am Ende könnten auch die Bibliotheken den Weg alles Irdischen gehen“ und damit uns das Abendland bzw. sein bibliothekarisches Erbe verloren. „Na und?“, mag man da sagen. Das Long Tail wird wohl eine oder zwei übrig lassen. Schließlich fahren wir Taxi und dennoch stehen in Wien am Heldenplatz die Fiaker fast wie ehedem. Zugegeben: einem überzeugten Bibliothekar langt diese nostalgische Nische nicht und für die Wissenschaft und ihre Kommunikation ist dies momentan jedenfalls ebenso keine akzeptable Option. Aber welche Ursachen stehen hinter dem beschriebenen Nahtoderleben?

Wir (bzw) sie virtualisieren uns zu Tode

Renner beschwört die fortrasende Virtualisierung, welche die wissenschaftlichen Bibliotheken gleich Lemmingen dem todbringenden Abgrund entgegenhetzt. Doch bevor wir alle Hoffnung fahren lassen, sind wir unseres Schicksals Lenker und können den Untergang aufhalten. Die Lösung heißt dieses Mal – nicht ganz überraschend passend zum Themenheft – „Teaching Library“. So auch der Haupttitel des Kommentars: „Wer früher lehrt, ist später tot.“ Sterben aber, so impliziert Renner, müssen wir in jedem Fall. Nur der Zeitpunkt, den können wir hinauszögern. Zum Beispiel, in dem wir Bibliothekswissen in die Curricula der Bachelorstudiengänge einbringen.

Man hätte natürlich auch weniger fatalistisch und ohne den pathetischen Endzeitschwulst formulieren können: ’Die Digitalisierung von Inhalten und die Möglichkeit der Virtualisierung von Kommunikationsprozessen bieten den Bibliotheken andere, nicht traditionelle Wirkungsmöglichkeiten, die es ihnen ermöglicht ihr Spektrum an Vermittlungsformen von Literatur bzw. wissenschaftlichen Inhalten maßgeblich zu erweitern. Damit können sie ihre Funktion (Sammeln, Schließen und Verfügbarmachen inklusive Vermitteln von Inhalten) noch besser auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer abgestimmt ausüben. Zudem kann man die Kommunikationstechnologien des Web 2.0 genauso wie Präsenzveranstaltungen für einen Dialog mit der Zielgruppe der Studierenden nutzen, idealerweise integriert in die Studienprogramme.’

Anscheinend geht Jens Renner aber davon aus, dass solch ein Positivszenario den Nerv seiner Adressaten nicht trifft und malt den Teufel in Gestalt eines aggressiven Unterhaltsträgers an die Wand und stellt sich und seine Berufskollegen dagegen prophylaktisch schon einmal in die Ecke des bitteren Klischees, dass alles vor der abgenudelten Kulisse des unbegreifbaren Dritten, der Über-Konkurrenz aus den Santa Cruz Mountains:

“Was tun, wenn der letzte Datensatz fremdübernommen, der letzte Aufsatz lizensiert und das letzte Buch von Google eingescannt ist? Unsere Unterhaltsträger werden dann einen Grund brauchen, die Bibliotheken nicht aufzugeben oder austrocknen zu lassen. Die Schönheit und Reinheit des Katalognachweises mag unsere Herzen zu entflammen vermögen, aber den Rektor der Präsidenten einer Hochschule interessiert es nicht.“

Und hat es nie interessiert, dies übrigens zu recht, denn der funktionalen Arbeitsteilung der Hochschulverwaltung wohnt schlichtweg inne, dass der Bibliothekar seinen Beitrag zum Funktionieren des Gesamtsystems seinem Aufgabenspektrum entsprechend leistet. Die tadellose Titelaufnahme gehört dazu. Die entflammenden Herzen waren dabei vermutlich schon immer ein Privatvergnügen, das mit der Aufgabe an sich nicht viel zu tun hat. Zudem stolpert Renner hier langfristig über die Stilblütenwiese, denn etwas später schreibt er: „Wofür der Bibliothekar nicht glüht, dafür wird sich der Finanzier nicht erwärmen.“ Wie denn nun: Soll er brennen oder soll er nicht?

Was das ach so übermächtige Google angeht, wird es sich, wenn es das letzte Buch gescannt hat, zunächst einmal die zahllosen Fehldigitalisierungen vornehmen müssen und eine Reihe von Titeln noch einmal angehen. Ob und wie das gedruckte Werk – auch im Bibliotheksregal – damit obsolet wird, kann man m. E. heute noch nicht absehen. Immerhin verkauft auch Amazon noch etliche Bücher in materieller Form, die man bequem auf der Amazon-Webseite „volltextdurchsuchen“ und häufig auch Blättern kann. Mein persönliches Kaufverhalten jedenfalls wird dadurch eher angeregt und je mehr die Menschen sehen, dass Offline-Zeit auch eine besondere Qualität besitzt – und zahllose Kolumnen in der Qualitäts- und anderer Presse aus den letzten drei, vier Jahren weisen auf das Umsichgreifen dieser Erkenntnis hin – desto öfter werden sie womöglich auch wieder etwas aus Papier zur Hand nehmen.

Die Lehre aus der Individualisierung der Lebensstile liegt nun mal in einem Verhaltenspluralismus, der sich vom entweder (gedruckt) oder (digital) zugunsten eines “sowohl als auch“ verlagert. Dass man als Bibliothek diese Entwicklung gestalten kann, kommt Jens Renner in seinem Kommentar nicht in den Sinn. Er hält es mit Klischees bibliothekarischer Arbeit, die vermutlich selbst der Feuilletonchef der FAZ seinen Feuilletonisten als zu einseitig rot anstreichen würde:

„Niemand weiß also, was wir letzten Sommer getan haben.“

Wir hoffen für die Hochschulbibliothek und Hochschule in Ansbach, dass hier Renner nur rhetorisch die Pferde durchgehen. Selbstverständlich gibt es in Hochschulverwaltungen mitunter die Position zu hören, dass nicht ganz eindeutig ist, warum die Bibliothek sehr viel Geld benötigt, um optimal ihre Aufgabe zu erfüllen. Und manchmal scheint gar ihre Aufgabe nicht eindeutig bekannt. Dass hier aber statt einer Selbstbezichtigung, die sich leider mehr oder weniger deutlich durch den Text zieht, fehl am Platze ist und man eigentlich auf ein in diesem Fall Verfehlen der Aufgabe durch die Hochschulleitungen und Unterhaltsträger hinweisen müsste, wird nicht geschlussfolgert. Denn – so müsste man annehmen – ist es die Aufgabe einer guten Führungsetage, dass sie über Funktion und Funktionsgüte der ihnen unterstellten Teilinstitutionen, d.h. also auch der Hochschulbibliotheken, im Bilde ist. Sollte einer Hochschulleitung also über Nacht wirklich auf einmal durch den Kopf schießen, dass ihre Bibliothek ein – wie Renner semantisch etwas unsauber schreibt – „Kostentreiber“ ist, oder ein, da es ohne Aufwand nicht geht, in jedem Fall zutreffender „Aufwandsverursacher“, und sie in Staunen versetzen, dann deutete dies auch irgendwie darauf hin, dass sie – die Leitung – ihr Handwerk nicht ganz nach Pflichtenheft versieht und daher nicht weiß, was im eigenen Hause vor sich geht.

Die Bibliothek in der Dauerwerbesendung

Die transportierte Befürchtung, dass eine Hochschulleitung leichtfertig ihre Bibliothek zusperrt, entspringt obendrein einer trivialen Vorstellung von Betriebswirtschaft, denn selbst wenn die Bibliothek suboptimal arbeitet, stellt sie doch einen Wert dar, den man lieber erst einmal sinnvoll zu nutzen versucht, als ihn einfach wegzuwerfen. Zudem sprechen mindestens zwei Gründe gegen eine derartige Geringschätzung der Bibliotheken durch ihre Mutterhochschulen: Einerseits wurden und werden diverse, z. T. enorm teure und repräsentationsorientierte Bibliotheksneubauten in die Campuslandschaften gebaut und zum anderen besitzen die großen „Leuchtturmuniversitäten“ der Ivy-League durchweg exzellente Bibliothekssysteme. Hier den Sonderweg zu gehen und Eliteuniversitäten ohne Bibliotheken heranzüchten zu wollen, ist der deutschen Hochschulpolitik nun wirklich nicht zuzutrauen. In das aktuelle Idealbild des Hochschulwesens ist die Bibliothek elementar eingebettet. Das „werbend für uns selbst eintreten“, welches Jens Renner als Losung der Stunde ausruft, könnte hier einen prima Ansatzpunkt finden.Die Betonung dieser Grundsätzlichkeit scheint in den offenbar auf große Vorbilder orientierten Universitätsleitungen in jedem Fall sinnvoller, als ihnen in einer falsch verstandenen Übernahme des Vokabulars der Unternehmenswelt einzureden, sie müssten sich als „Shareholder“ sehen.

Und auch innerhalb der Bibliothek wirkt die Radikalkur eher verunsichernd. Gleiches dürfte für den leider auch bei Renner deutlich werdenden Griff in die Anglizismenkiste gelten, der überflüssigerweise aus Zugang „Access“ und aus Inhalt „Content“ macht. Wer sich auch terminologisch so verwässert und damit auch die eigene Identität zur Disposition stellt, muss sich nicht wundern, wenn auf einmal ominöse „Mitbewerber um Geld und Ansehen“ auf den Plan treten, die „ihren Wert [zu] artikulieren wissen“.

Die Bibliothek wird jedenfalls nicht wertvoller, wenn sie bis in die Service-Point-Sprache versucht, genau wie diese Mitbewerber auszusehen – denn dann wird sie tatsächlich verwechsel- und austauschbar. Zudem wüsste man natürlich gern, welche feindliche Armada Renner konkret im Sturmritt auf die Bastion der Literaturversorgung zu galoppieren sieht. Dafür, dass sie sich nicht von der Verkaufsrhetorik der Wissenschaftsverlage kirre machen lassen, sollten die wissenschaftlichen Bibliotheken abgeklärt genug sein. Wie man Kunden gewinnt, hält und kontrolliert, können sie übrigens zumeist in den entsprechenden Sachgruppen ihres eigenen Bestandes nachlesen.

Studierende: Der Rohstoff der Bibliotheken

Die aktuellen Studierendengeneration dagegen scheint dies nicht mehr so richtig zu können – oder zu wollen. Das Bild, welches Renner von heutigen Hochschülern (bzw. in seiner Diktion: vom „nachhaltig nachwachsenden Rohstoff Studierende“) zeichnet, ist jedenfalls düster und wenn dies auf die FH Ansbach tatsächlich derart zutrifft, sollte sich die dortige Fachkoordination einmal zum Krisengipfel treffen und die Curricula umstellen:

“Es mag besonders motivierte Studierende geben. Ganz sicher aber gibt es viele nicht ganz so leistungsbereite Studierende, die sehr klug und zielgerichtet das Prüfungswissen punktgenau bereitstellen. Nicht weniger. Selten mehr.“

Im Anschluss wird wieder der üblich „Google-Hupf“ [sic!] beschworen und beklagt, dass man damit auch durchkommt. Wenn dies tatsächlich ausreicht, wird die Hyde’sche „fame generation“ allerdings auch nicht die „hilfsbereiten, empathischen und aus Steuermitteln halbwegs auskömmlich finanzierten Experten“ annehmen. Nebenbei: Was interessiert das dritte Merkmal eigentlich die Studierenden? Würden sie noch mehr Hilfsbereitschaft und Empathie einfordern, wenn sie beispielsweise über Studiengebühren die Bibliotheksmitarbeiter direkt finanzierten?

Dass Bibliotheken didaktisch aufbereitete Tutorials anbieten, ist ein willkommener, notwendiger und eigentlich auch selbstverständlicher Dienst. Ob sich daraus jedoch der Rettungsanker, wäre denn die Not so groß wie behauptet, schmieden ließe, bleibt fraglich.

Überraschenderweise nimmt Renner jedoch genau dies und nicht etwa die funktionsgebende Verpflichtung, optimale Dienstleistungen anzubieten, als Auslöser für einen Staffettenlauf des Marketingvokabulars gen Selbsterhaltung, der mitunter fast wie Satire klingt:

“Eine curricular eingebundene Lehrveranstaltung „Wissenschaftliches Arbeiten“ ist eine Dauerwerbesendung, besser noch: ein interaktiver Werbedialog für die Leistungen der Bibliothek. Daran lassen sich weitere Kundenbindungsmaßnahmen anschließen, etwa ein Diplomanden-vier-Augen-Service.“

Dauerwerbesendung? Interaktiver Werbedialog? Rufen sie jetzt an, gleich schlägt der Hot-Button zu? „Vier-Augen-Service“? Eine Stichelei gegen Brillenträger? Marketing schön und gut – aber man sollte vielleicht in der Wortwahl die Nähe zum Produkt und auch zur Zielgruppe suchen. Für eine wissenschaftliche Zielgruppe darf es ruhig ein wenig weniger phrasenhaft klingen und selbst Studierende fühlen sich wohler, wenn sie das Gefühl haben, dass die Leute wissen, wovon sie sprechen. Das zitierte Klangfeuerwerk verunsichert dagegen nicht wenig, wobei es spannend wäre, zu sehen, wie Studierende aus dem Bereich „Marketing“ auf so etwas reagieren:

„Eine Lehrveranstaltung ist Bibliotheksmarketing direkt am Kunden, den erst die drohende Klausur motiviert, bald aber die charismatische und interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin völlig begeistert.“

Das muss sich erst einmal setzen: „charismatische, interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin“. Was muss man sich hier vorstellen? Ein Nummerngirl mit Gnadengabe? Ein Entertainmentmodell mit Ratequiz? Die Verführung des Toren mittels des Apfels der Weisheit in „eine neue Welt, die er zugleich kritisch zu reflektieren lernt.“ Das ewig Weibliche (natürlich) zieht den faulen Studenten mit seinen Reizen hinan und hinein in die schillernde Welt des Bibliotheksbestands, damit nachher keiner der „Shareholder“ sagen kann, man wäre nicht ganz nah dran an der Zielgruppe. Dies alles wird eingekleidet in ein verbrämtes Aufklärertum, das so ein bisschen noch moralischen Zielen folgt, aber eigentlich nur neue Ernährer heranzieht, die im Gegensatz zu den heutigen, die Bibliothek zu schätzen wissen:

“Die co-finanzierenden Kunden, in die Rolle eines neuen Entscheiders aufgerückt, werden interessiert, informiert und überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Bibliotheksinstanz“.

Mit Charisma und Wissensshow. Wer wird Professor…

Ganz zu recht fragt Jens Renner, „Fürchten wir uns ein wenig davor?“ Bei prickelnden Sätzen wie „Sex up your library service“ ist die Furcht nicht nur „ein wenig“, sondern gewaltig, sofern man davon ausgeht, dass Bibliothekare auch in Zukunft solid und seriös Informationen vermitteln und wissenschaftliche Kommunikation unterstützen sollen, was wohl ganz zurecht nicht in die Kategorie „cooler Fun-Job“ à la Bademeister in St. Peter-Ording oder Projektentwickler beim StudiVZ passt. Das „neue und positive Licht“, welches Renner erstrahlen lassen will, wird den Bibliothekaren dann aufgehen, wenn sie sich „aus der Masse von Werbemüll [vergleiche: „…ist eine Dauerwerbesendung“] und ungeprüfter Behauptung die Rosinen picken können.“ Dazu zählt u.a. auch das Hinterfragen von Nachsätzen wie

„Wir sind es, die diese Rosinen in Rum einlegen helfen und daraus schmackhaften Kuchen zu machen [sic!], wir können elegante Tipps für eine geschmeidige schriftliche Arbeit geben.“

Die Sorge ums Selbst

Vielleicht bin ich mit meinen Wissenschaftsidealen ein Ewiggestriger, vielleicht auch nur humorlos. Aber für mich, der ich durchaus einer fröhlichen Wissenschaft etwas abgewinnen kann, ist die Aussicht auf eine Promotionsverteidigung als – wenn auch übertragen gemeint – von der Hochschulbibliothek beförderte Tortenschlacht ein Sahnhäubchen zuviel. Wer auf „Ideen wie Peer-Review“ als „Qualitätssicherung“ der Wissensbasis des Nutzers hinweist und betont

„Er wird erst dann wissenschaftlich geprüfte Quellen suchen und andere unbeachtet am Wegrand zurücklassen, wenn ihm der Unterschied zwischen beiden Welten verständlich wurde“

und gleichzeitig derart Phrasen plakatiert, zeigt leider deutlich, in welche der beiden Welten er sich manövriert. Das kann man natürlich machen und man kann den Studierenden auch dem Zeitgeist gemäß unterstellen, sie interessierten sich nicht für Wissenschaft und Bibliothek, wobei die Umsetzung des Bologna-Prozesses mit seinen Effektivstudiengängen im Gegensatz zu erkenntnisorientierten Programmen ein nicht zu kleines Schärflein zu solchen Zerrbildern beiträgt. Aber man sollte nicht die Gesamtheit der Fach- und Berufskollegen mit derartigen Droh- und Rettungsszenarien zum Folgen auffordern. Die Hochschulautonomie, Google und “Web’n’Walk” als „unterminierende Faktoren“ zu bezeichnen, ist schon ein deutliches Symptom für eine gewisse Ratlosigkeit, die in der entlarvend unterwürfigen Aussage resultiert:

“Wir tun unseren Entscheidern und Kunden etwas Gutes – damit sie uns nichts Böses tun.“

die sich mit einer ungeheuerlichen Selbstüberschätzung verbindet:

“Demokratisierende und oft inhaltlich verflachende soziale Welten a la Web 2.0 machen diese Erkenntnis [dass es zwei Welten gibt, nämlich die der bibliothekarischen Qualitätsinformation und den Rest] noch deutlicher.“

Hier treffen sich der Qualitätsjournalismus der Felicitas von Lovenberg und die Überlebensstrategie der wissenschaftlichen Bibliotheken, wie sie Jens Renner sieht, wieder. Und so wie man dennoch manchmal die FAZ, den Guardian oder die New York Times liest, da dort nach wie vor auch Autoren Raum finden, die die Darstellung eines Themas auf hohem Niveau beherrschen, wird man auch das Prinzip der Teaching Library begrüßen, dass, wie u.a.auch andere Beiträge dieses BuB-Heftes zeigen, mehr sein kann, als ein aus eine irrationalen Furcht entspringendes Rhetorikhülsengeklapper mit dem einzigen – trivialdarwinistisch angehauchten – Ziel der Selbsterhaltung um jeden Preis.

Wir Cybernauten: Ein paar Gedanken zur Bibliothek als “content architecture”.

Posted in Bibliothek, Bibliothekswissenschaft, Kommentar, Library 2.0 on January 25th, 2007 and

Damit das Unterfangen dieses persönlichen Fachblogs nicht völlig abstürzt, gibt es das folgende Fundstück aus dem heutigen Webrundflug und meinen dazugehörigen Assoziationen hier und nicht etwa im Multi-User- und Multi-Reader-IB.Weblog:

Momentan weilt der BBC Nachrichtenchef Richard Sambrook mit einer ganzen Reihe von anderen herausragenden Medienvertretern im schönen Davos beim Weltwirtschaftsforum (WEF) und rapportiert in seinem Weblog SacredFacts. Im Media Leaders Council geht es besonders um ein Thema, was uns aus dem Bibliothekswesen recht vertraut klingt:

The discussion is about how media companies can adapt to the internet…

Auch wenn es im Geschäft der Medienindustrie sicher um andere Zielstellungen geht (Umsatz, Rendite etc.), sitzen die beiden Arten von “Content Providern” gewissermaßen in einem Boot. Denn beide fürchten ein bisschen darum, ihre Zielgruppen zu verlieren und bei beiden beobachtet man mitunter entweder eine mehr oder weniger drastische Verweigerungshaltung oder übertriebenes Adaptionsverhalten. Der Axel Springer Vorstandschef Mathias Döpfner bringt es schön flockig auf den Punkt:

“We must be careful not to commit suicide for fear of dying”.

Entsprechend gilt es – im Bibliothekswesen wie im Medienbusiness – Ruhe zu bewahren, ein bisschen auf Distanz zu gehen und dann zu versuchen Trends und Gestaltungsmöglichkeiten zu erkennen. Und genau zu diesem Aspekt, den Trends, zitiert Richard Sambrook etwas überaus Merkenswertes:

“The challenge isn’t content anymore. It’s organising it, the architecture of content is the new challenge.”

Da sollten eigentlich ganz schöne Zeiten für die im Bibliothekswesen geschulten Information Professionals anbrechen, ist doch ein Kernbestandteil ihres Wirkens nicht anderes, als die Architektur von Inhalten, was man traditionell als “Sacherschließung” bezeichnet. Eine Klassifikation und noch greifbarer eine Aufstellungssystematik sind exzellente Beispiele für die inhaltsarchitektonischen Strukturprinzipien. Die Schwierigkeit, die ich dabei sehe, ist allerdings die, dass sich Bibliotheken in der Vergangenheit häufig auf die Statik des Gebäudes konzentrierten und erst an zurückgesetzter Stelle mit der “Behaglichkeit” befassten. Ich denke, das was die Nutzer als Bewohner dieses großen “Hauses”, dem man manchmal “Weltwissen” ans Türschild schreibt, wollen, ist sowohl eine statische Zuverlässigkeit, die dafür sorgt, dass die Architektur nicht im Information Overkill über ihren Köpfen zusammenstürzt als auch, dass die Atmosphäre auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten leicht und so bequem als möglich bewohnbar ist.

Da sich hier dank Web 2.0 bzw. Library 2.0 besonders seit dem letzten Jahr in gewisser Weise ein Mentalitätswandel in den Bibliotheken zu vollziehen scheint und Aspekte wie Nutzerpartizipation (oder wenigstens -freundlichkeit) in das Zentrum der Aufmerksamkeit in die Fachwelt drängen, sehe ich für das Bibliothekswesen eigentlich alles andere als schwarz. Die Lösung scheint mir in der Idee der strukturellen Zweigleisigkeit zu fahren: Einerseits die Stabilität im Hintergrund im Sinne von entsprechenden intellektuellen und vielleicht auch irgendwann semantisch automatisierten Erschließungsverfahren und im Vordergrund ein flexibel an den “Geschmack” der Benutzer anpassbares Interface (als virtueller Arbeits- oder auch Wohnort), in welchem eine Vielzahl von eigenen Ausgestaltungsmöglichkeiten wie z.B. die Erschließung über Folksonomies, Kommunikation mit den näheren und entfernteren Nachbarn und letztlich auch die eigene Produktion von Content gegeben sind.

Vorläufer und Ideen dafür gibt es schon allerhand, nur wäre es schön, wenn es gelänge, diesen weitgehend dezentralen Prozess an einer Stelle immer mal wieder zu clustern. Dahinter steht nicht das Bedürfnis nach Zentralismus, sondern die täglich neu gemachte Erfahrung einer begrenzten rezeptiven bzw. kognitiven Verarbeitung dessen, was in diesem Bereich geschieht, zumal es eine doppelte Ernüchterung gibt: Einerseits darüber, was man immer wieder redundant wahrzunehmen und auszusortieren gezwungen ist und andererseits darüber, was man trotz allem Bemühen übersieht.
Ich denke, dass dies generell im Bereich der Content-Architektur ein Hauptfeld der bibliothekarischen Arbeit sein sollte: aus dem rhizomatischen Ganzen, in dem sich die unzähligen Fäden aus Information bzw. Content miteinander verknüpfen und verknoten, Cluster zu isolieren und Zugangskanäle zu schaffen, die zwar flexibel, aber nicht beliebig und damit nahe am Verrauschen sind. Wir werden sehen, welche Rolle der anstehende Bibliothekskongress in dieser Richtung übernehmen kann.

Anders als der kommerzielle Journalismus, der seine “Inhaltsarchitektur” vorwiegend dahingehend gestalten muss, dass sie auch gut verkaufbar ist, sehe ich es als Aufgabe der bibliothekarischen Arbeit sowohl für die Wissenschaft wie auch für die Öffentlichkeit, allgemeine Optimalstrukturen zu schaffen, die den Benutzern den jeweils passenden und schnellen Zugang zu den jeweils relevanten “Räumen”, d.h. Informationen und Inhalten zu eröffnen.

Gerade um dieses Optimum, d.h. die Mitte zwischen dem Rauschen der Überkomplexität und dem Verrauschen in der Banalität, zu erkennen, bedarf es der partizipativen Einbindung der Benutzer in dieses System aus der eine Art elaborierter Rückkopplungsprozess resultiert. Der Bibliothekswissenschaftler/Bibliothekar wird in diesem in gewisser Weise kybernetischen Modell zum modernen Kybernetes, d.h. Steuermann, der die Entwicklung des Systems bzw. der auf ihm aufgesetzten Angebote (möglichst unauffällig) lenkt und koordiniert. Durch Technologien wie die des semantic web erhält er die Möglichkeit, Routinen zu automatisieren und kann seine Aufmerksamkeit stärker z.B. auf die Folgen seiner “(cyber)nautischen” Manöver lenken.
Denn als Steuermann (oder eben Schiffsbaumeister) übernimmt er eben auch Verantwortung für die, die sich auf seine Fertigkeiten verlassen. Selbstverständlich betrifft dieser berufsethische Aspekt wieder die Bibliothekare wie die Medienproduzenten gleichermaßen: Welche Inhalte machen wir wie zugänglich? Die Beantwortung dieser Frage ist mehr als ein Forschungsgebiet für die Usability, hier zeigt sich die (potentielle) gesellschaftliche Wirkmächtigkeit, in der es meiner Meinung nach auch darauf ankommt, dass die Bibliotheken den Inhalten gegenüber interessenlos (alles ist potentiell relevant) einen neutralen allumfassenden Versorgungsanspruch zu realisieren versuchen, was auch als Gegenentwurf zu den nach kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählten Zugangsstrukturen der Medienindustrie zu verstehen ist, zumal sich Bibliotheken und Medienunternehmen dem oben zitierten Statement zufolge in gewisser Weise ähnlicher zu werden scheinen.

Dies alles vor Augen erscheint es schade, dass eine Vielzahl der Impulse, die momentan die “Gestaltungsnormen” der “Content Architektur” prägen, nicht aus dem bibliothekarischen Bereich kommen. Von ihrem grundsätzlichen Aufgaben- und Tätigkeitsfeld liegen Bibliotheken als tradtionelle “Architekten durch Inhaltserschließung” mehr denn je “im Trend”. Allerdings könnte man meiner Meinung nach die Innovationsfreudigkeit und besonders die Bereitschaft, dem Nutzer selbst mehr Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen, weitaus mehr intensivieren. Wenn man hier nachlegt und sichtbarer wird, würde es mich nicht wundern, wenn irgendwann in nicht allzuferner Zukunft auch Vertreter des Bibliothekswesens als Trendsetter und Experten beim WEF Media Leaders Council in Davos anwesend sind.

Bemerkungen zu 3 Thesen von Susanne Riedel (BIB)

Posted in Bibliothek, Kommentar, Sonstiges, Susanne Riedel on June 27th, 2006 and

In der Ausgabe 06/2006 von BuB findet sich auf der Seite 479 ein kleiner lila farbener Kasten, in dem drei Thesen wiedergegeben sind, die die BIB-Vorsitzende Susanne Riedel auf dem letzten Bibliothekartag im Kongresszentrum am Dresdner Elbufer in Hinblick auf Rolle und Bedeutung der Bibliotheken in Deutschland äußerte.
 

These 1: „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
These 2: „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“
These 3: „Bibliotheken sind intergraler Bestandteil des Bildungssystems“
 

Ein wenig irritierend ist für mich die Erkenntnis, dass sich meine Vorstellungen von dem, was die Bibliothek sein soll, nicht so recht mit dem Geäußertem decken wollen.
 

Zur These 1 „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
 

Die Verwendung der Bezeichnung „Kunde“ halte ich, das als Einstieg, für unpassend. Kundschaft steht synonym für Käuferkreis, der Kunde ist jemand der „ein Geschäftsangebot wahrnimmt“ (Pfeifer, W.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Aufl., München, 1999, S. 744). Hier wird sofort die Box der Analogie zum Wirtschaftsunternehmen geöffnet, die uns die Pandora des „Effizienzmanagement“, welche durch so manche bundesdeutsche Amtsstube reitet, hinterlassen hat, die aber die Bedeutung der Bibliothek absolut verkennt. Eine Bibliothek lässt sich nicht in Hinblick auf Rendite verwalten: sie wird immer, besonders wenn sie ihrer Aufgabe einer Versorgung der Allgemeinheit mit Information, die letzterer bei der Bewältigung des individuellen Alltagslebens in einer Informations- oder Wissensgesellschaft hilft, gerecht werden möchte, ein Kostenfaktor sein. Sie kostet immer richtig viel Geld und das lässt sich auch durch ein paar Euro Gebühren für Zugang bzw. Bestseller- oder DVD-Ausleihe nicht kompensieren. Von den Bibliotheksnutzern Geld zu verlangen ist eine hilflose und ungeschickte Entwicklung, die letztlich vermutlich mehr kostet (nicht in Euro abrechenbar), als sie einbringt (in Euro abrechenbar).
 

Sollte obendrein irgendwann ein Schwellenwert in der Einnahmenhöhe erreicht werden, der tatsächlich einen „wirtschaftlichen“ (d.h. sich rechnenden) Betrieb der Einrichtung ermöglicht, wird dieses auch für private Anbieter interessant und es werden Geschäftsmodelle entstehen, die als Konkurrenz zur Bibliothek stehen und diese dann einfach locker ablösen – schlicht weil Bibliothekare (und Kommunalpolitiker) im Normalfall keinerlei Nähe zur tatsächlichen McK(insey)-Dynamik (in Bereichen wie Marketing, Marktanalytik etc.) aufweisen. Hier werden immer andere Akteure schneller, radikaler, direkter handeln.
 

Zudem ist es eine ethische Frage: Wie das Beispiel der Staatsbibliothek zu Berlin zeigt, werden durch die Gebührenerhöhungen bestimmte Nutzergruppen schlicht von einer Nutzung ausgeschlossen. Es gibt tatsächlich Personen, für die 25 EURO Bibliotheksnutzungsgebühr eine Nutzungshürde darstellen. Hier arbeitet man ganz kräftig in die Richtung der Verbreitung eines Knowledge Gaps, was man vulgärsozialdarwinistisch als normale Erscheinung abhaken kann, was aber dennoch moralisch höchst bedenklich ist. Für eine demokratische Gesellschaft mit sozialem Anspruch, wie sie die Bundesrepublik Deutschland darstellen möchte, ist der (fahrlässige) Ausschluss von Bevölkerungsgruppen von der Teilhabe an der Informations-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft über kurzsichtige Entscheidungen im Bereich des Bibliotheksbudgetmanagements sowohl seitens der Träger wie auch der Häuser selbst, schlicht unwürdig. Die Öffentlichen Bibliotheken verspielen, sobald sie hier ausschließend wirken, in meinen Augen ihre Existenzberechtigung.
 

Die Erläuterungen von Frau Riedel zur ersten These sind eher enttäuschend:
 

„Bibliotheken haben die Herausforderung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien frühzeitig und vor allem offensiv angenommen und erfolgreich bewältigt.“

 

Gerade vor dem Hintergrund der Virtualisierung menschlicher Kommunikationsumwelten wirkt dies doch etwas dick aufgetragen. Nimmt man das Web 2.0 und die sich daraus ergebenen Möglichkeiten einer Library 2.0 zum Maßstab, so hängt das deutsche Bibliothekswesen – bis auf wenige positive Ausnahmen – im Schnitt sicher einige Jahre hinter den technischen Möglichkeiten hinterher. Zudem ist das Grundprinzip des Geschehens offensichtlich gar nicht realisiert worden: die Herausforderung ist nicht bewältigt und abgeschlossen „und Punkt“, sondern sie stellt sich eigentlich fast täglich neu. Das rückschauende Sich-Selbst-auf-die-Schulter-Klopfen ist hier wunderbarer Ausdruck des Missverstehens der Entwicklungen in der Webgemeinschaft. Wichtiger, als sich ein paar CD-ROMs verkaufen zu lassen, wäre es eigentlich, hier noch stärker eine Position als Anschluss- oder Schnittstelle zwischen den heterogenen Nutzerschichten und der virtuellen „Wissens-Netzwerk-WWW-Gesellschaft“ auszubauen. Dass man sich 2006 – wie im Text zitiert – noch jubilierend die Integration von Video und DVD und Elektronischen Zeitschriften in die Bestände vorträgt, zeigt leider, dass hier nicht so radikal in die Zukunft gedacht wird, wie es eigentlich einem BIB anstehen würde. In der digitalisierten/digitalen Informationsumwelt relativiert sich das Erscheinungsbild des Datenträgers und statt sich beispielsweise der Erwerbung von DVDs zu rühmen, sollte man vielleicht bereits heute beginnen, sich darauf einzustellen, dass die Videodaten in wenigen Jahren sicher eher zentral auf Severn bereitliegen und im Zweifelsfall On-Demand auf eine Blue-Ray-Disc o.ä. gebrannt oder auf entsprechende Wiedergabegeräte gestreamt werden. Das Buch natürlich, das vielgeliebte, wird sicher länger überleben als die VHS-Kassette und länger als die DVD (oder auch die HTML-Seite). Aber auch hier wird die digitale Verfügbarkeit von Texten früher oder später zu On-Demand-Lösungen führen, wobei das Ausgabemedium auch ein Buch sein kann. Statt Vielfalt von „statischen“ Medien wird, so nehme ich an, die Zukunft von Flexibilisierung der Ausgabemöglichkeiten bestimmt sein. Dies kann auch der Druck auf Feinstleinenpapier mit Ledereinband sein. Muss es aber nicht.
 

Gegen die These 2 „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“ lässt sich an sich nicht viel einwenden. Allerdings fällt das Eigentor gleich bei der Erläuterung:

„Im Mittelpunkt bibliothekarischer Arbeit steht nicht die Beschaffung, Erschließung und Bereitstellung von Medien, sondern der Umgang mit Menschen, die mit ganz unterschiedlichen Erwartungen, Wünschen und Problemen in die Bibliotheken kommen.“

Natürlich ist die Bibliothek ein sozialer Ort, ein Treffpunkt u.ä. – aber dieser Anspruch überfordert wohl die kontaktfreudigsten Mitarbeiter. Die Bibliothek, so wie ich sie sehe, muss gerade die Informationsmenge sammeln, in ihrer Erscheinungskomplexität reduzieren, Informationsqualität absichern und entsprechend kompetent auf Informationsbedürfnisse(!) aber nicht auf „Erwartungen, Wünsche und Probleme“ an sich reagieren. Die Bibliothek ist weder Kulturhaus noch Selbsthilfegruppe. Sie ist ein Filter und eine Schnittstelle zwischen den Nutzern mit ihren Bedürfnissen und der Dynamik und Pluralität publizierter Information. (Erstaunlicherweise wird in den Erläuterung stillschweigend im Gegensatz zur These 1 auch im Originaltext vom „Kunden“ zum „Nutzer“ zurückgeschwenkt. Eventuell versteht Frau Riedel die beiden Termini auch als synonym – ich tue das nicht.) Dass hier nach der Ausbildung nicht Schluss mit der Kompetenzentwicklung der Bibliotheksmitarbeiter sein darf, wird sicherlich richtig betont, obwohl es eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte.
 

Die These 3 „Bibliotheken sind integraler Bestandteil des Bildungssystems“ ist dahingehend problematisch, dass man zwar die „PISA-Hysterie“ prima nutzen kann, um hier schnell in die Nische zu springen und sich als unabdingbar zu manifestieren, dass sich hier andererseits aber eine gewisse Realitätsferne offenbart. Auch hier bleibe ich bei meinem Standpunkt, dass Bibliotheken eher als Schnittstellen zwischen Nutzer und Information agieren müssen und weniger selbst Bildungsaufgaben übernehmen sollten. Sie sind per se keine Schulen und auch keine Nachhilfezentren: sie bieten den Zugang zu Information. Dies kann in Kooperation mit Schulen geschehen (und ist vielleicht sogar wünschenswert), eine solche Zusammenarbeit ist aber nicht Existenzbedingung. Sinnvoller wäre es obendrein, so meine ich, Bibliotheken gleich als Schulbibliotheken in die Bildungseinrichtungen zu integrieren.

Ich glaube nicht, dass Bibliotheken – außer als politisch vielleicht einzig möglichen Schachzug – ihre Legitimation auf diesem Wege suchen sollten. Bibliotheken sind in meinen Augen eher eine Form von „Infrastruktureinrichtung“, die genauso wenig eine Berechtigung aus ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die Öffentlichkeit schöpfen kann. Ihrer Unabdingbarkeit in einer (post-google) Wissensgesellschaft liegt eigentlich auf der Hand, ihre gesellschaftliche Bedeutung ebenfalls. Notwendig ist allerdings eine weitaus progressivere und offensivere Arbeit jenseits von zumeist eher hilflosen Konzepten, die einerseits ein verkehrtes Verständnis von „Wirtschaftlichkeit“ (inklusive der zumeist hochnotpeinlichen Versuche der Imitation von Marketingstrategien aus der freien Wirtschaft) und andererseits ein hilfloses Greifen nach dem Strohhalm „Bildungsmisere“ darstellen.
 

Es gibt viel Potential in den Bibliotheken und sicher lassen sich Überschneidungen mit den Bereichen Bildung und Kultur häufig und produktiv nutzen. Jedoch ist die Bibliothek weder eine Bildungs- und Kultureinrichtung, sondern in erster Linie Bibliothek. Ihre Aufgabe ist es, der Öffentlichkeit als ein Anschlussstück an die Vielfalt verfügbarer publizierter Information zu dienen. Dabei sollten komplexitätsreduzierende und informationsqualitätssicherende Aspekte, also die Konzeption der Zugänglichmachung der publizierten Information für die Nutzer, im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Hier – und nicht in der Bildung und auch nicht im Kulturmanagement liegen die genuinen Kernkompetenzen der Bibliotheken. Genau dessen sollte man sich m.E. stärker bewusst werden.