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Im Gegenteil: Perspektiven auf den Umgang mit digitalen Texten und das Medium Buch

Posted in E-Books, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on April 23rd, 2009 and tagged , , , , , , , , , , , , ,

Debatten in digitalen Räumen

Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke dazwischen reichert man mit einer hemdsärmeligen Analyse an, die zeigt, dass man sich lieber von der Rhetorik als vom Fakt leiten lässt. Gerade wenn sich der Kreisel der Gedanken um die Zukunft des Buches, der Autorenschaft und des Urheberrechts dreht, geht es selten unter dem manifesten Gesamtentwurf der Zukunft. Hier treffen sich das selbsternannte Qualitätsfeuilleton, die progressiven Netzdenker von perlentaucher.de mit den oft beschworenen Heerscharen von Bloggern, die allerdings weniger tatsächlich im Diskurs mitwühlen, als Vertreter der klassischen Medien gemeinhin zu glauben scheinen.

Das liegt wohl daran, dass sie weder Zeit noch Lust haben, die in sich nicht ganz linear und nach überlieferten Medienwahrnehmungspraxen überblickbare Blogosphäre permanent zu beobachten. Das muss auch nicht sein, denn die Konkurrenz zwischen „Güteklasse A“-Journalisten und „Güteklasse B“-Bloggern ist eine künstliche, keine zwangsläufige, die beiden Seiten nützt, wenn es darum geht, Inhalte zu finden.
Die Presselandschaft übersieht dabei gelegentlich, dass bei vielen Bloggern überhaupt gar keine Motivation besteht, irgendeinem Magazin die Leserschaft abzujagen. Es muss nicht immer Journalismus sein. Wohl aber die Fähigkeit, zu differenzieren, wie was warum und vor welchem Hintergrund geschrieben wird. Das Digiversum verwischt hier naturgemäß einst klare Trennlinien. Die rein rechnerische Gewichtungspraxis des Hauptzugangsmittels zu den digitalen Texten im Cyberspace (Google) wirkt in seinem die Inhalte nivellierenden Ansatz in der Tat etwas erschreckend.

Was die Zeitungen etwas verschämt durch die Öffnung für Prinzipien des Web 2.0 immerhin erreicht haben, ist, dass sich unter dem Deckmantel „Leserkommentar“ in ihren Webangeboten tatsächlich so einiges an Stammtisch und den Raum daneben (nicht die Küche) sammelt, was ansonsten in der Blogosphäre wenig Anklang fände. Alternativ zum Angebot der regulären Ausgaben hat man sich dazu oft kontrollierte Blogs ins Haus geholt, um Geschichten zu verwerten, die es sonst nicht ins Blatt schaffen. Erstaunlicherweise sind zum Beispiel die FAZ-Blogs oft lesenswerter als die Frankfurter Allgemeine Senior, die Beiträge aufgrund des Anspruchs einer Druckausgabe gern so zusammenkürzt, dass wenig von all den Hintergründen, die man gerade lesen möchte, bleibt. Andere Zeitungen gehen da ähnlich vor.

Contra: Susanne Gaschke und der Heidelberger Appell

Die aktuelle Ausgabe der ZEIT hebt diese Woche einen Beitrag von der bereits als Internet-Skeptikerin bekannten Susanne Gaschke (Wikipedia) auf die Titelseite, der von der Qualität durchaus auch in einem gehobenen Internetforum Heimat finden könnte, bei einem renommierten und sich seines Renommé bewussten Wochenblatt aber ähnlich die Erwartungen des anspruchsvollen Lesers verfehlt, wie die groteske BILD-Schlagzeile zum Leitthema des Chancen-Buches in der Ausgabe: Macht Studieren dumm? (Der Beitrag selbst ist dann weitaus besser als sein Titel..)

Differenzierungsvermögen im Thema beweist Susanne Gaschke leider nur bedingt und in ihrem letzten Abschnitt, dass sie es offensichtlich nicht nötig hat, sich mit der Sachlage tatsächlich zu befassen. Sonst hätte sie wenigstens darauf hinweisen müssen, dass die Open-Access-Passage im „Heidelberger Appell“ schlicht aus (hoffentlich) himmelschreiender Unkenntnis heraus formulierter Unsinn ist. Selbigen reproduziert sie natürlich, in dem sie „uneingeschränkt zustimmt“. Dass der Appell und seine Befürworter es nötig haben, immer dieselben dicken Namen als Autoritäten herauszukramen, auf die man gern verweist, denn diese „Repräsentanten des deutschen Geistesleben“ (hier wieder: Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und der obligatorische Daniel Kehlmann als Vertreter der erfolgreichen Geistesjugend) sollen wohl mit ihrem guten Namen für die Qualität stehen, zeigt eben, dass bei dürftiger Sachlage und im Kampf um die Deutungshierarchie der Verweis auf populäre Spitzenkräfte der Kulturlandschaft die Richtigkeit einer Aussage stärker zu unterstreichen vermag, als der Gehalt der Aussage selbst.

Natürlich ist die „Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft […] ein hohes Verfassungsgut“ und verfassungsrechtlich traditionell so gut und selbstverständlich geschützt, dass es eigentümlich wirkt, wenn man diesen Grundsatz herauspflückt und doppelt unterstreicht. An vielen leicht zugänglichen Stellen wurde aber doch nachvollziehbar gezeigt, dass es beim Open Access gerade darum geht, die Freiheit der Wissenschaft abzusichern. Dass sich der Heidelberger Appell – übrigens halbwegs nachvollziehbar – auf Google stürzt, aber auf dem wissenschaftlichen Auge die großen Spieler im Verlagsgeschäft wie Reed Elsevier oder Springer Science+Business Media (oder vielleicht auch den Fachinformationsgiganten Thomson) im toten Winkel belässt, mag vielleicht darin begründet sein, dass Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann oder Roland Reuß auch mal bei Google suchen, aber eben nicht ihre Bibliothek überzeugen müssen, 3300 Euro für das Jahresabonnement einer Zeitschrift zum Thema „Gene Regulatory Mechanisms“ zu zahlen.

Das OA-Problem

Das Open-Access-Problem liegt, so glaube ich, darin, dass einerseits einige besonders engagierte Vertreter der OA-Bewegung recht blauäugig das in den STM-Disiziplinen durchaus bewährte Prinzip in die Geisteswissenschaften, für die dieses vielleicht gar nicht analog notwendig (oder praktikabel) ist, zu tragen versuchen, und sich andererseits Literaturwissenschaftler sowie ZEIT- und andere Journalisten ein öffentlich kommuniziertes Kurzschlussurteil über etwas erlaubt haben, dessen Dimension sie nicht ganz erfassen. Natürlich muss sich Roland Reuß nicht mit der Zeitschriftenkrise in der Medizin befassen. Dann sollte er sich aber auch nicht dazu hinreißen lassen, das Problem mit zwei, drei Halbsätzen zu seinem eigenen zu machen.

Es wird sich wohl schwerlich jemand in Reihen der »Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen« finden lassen, der einfordert, geisteswissenschaftliche Publikationen aus den Programmen des Carl Hanser Verlags oder von Hoffmann & Campe oder aus dem Hause Felix Meiner oder vom Libelle Verlag, Lengwil (alles Unterzeichner des Appells) auf das nächstbeste digitale Repositorium zu zwingen.
Eigentlich müssten gerade die Buchverlage der Open-Access-Bewegung aufgeschlossen gegenüberstehen, belasten doch die mit den Preissteigerungen häufig einhergehenden Umverteilungen der Bibliotheksetats zugunsten des Zeitschriftenoligopols gerade das Budget für Monographieerwerbungen und damit deren Geschäft mit den Universitätsbibliotheken. In jedem Fall sollten sie aber wissen – ich bin überzeugt, sie tun dies auch – dass Open Access die Rechte des Urhebers bei zweckmäßiger Anwendung weniger aushöhlt, als der Verwertungsknebel, auf dem die großen Wissenschaftsverlage gemeinhin bestehen. Warum sich Roland Reuß dahingehend in diesem Punkt dermaßen aufklärungsresistent zeigt, bleibt bislang ein Rätsel. Und warum Susanne Gaschke gleich wieder programmatisch und wie im Rausch vom Verlust unserer kulturellen Zukunft donnert, ebenso. Natürlich muss ein Leitartikel nicht stocksachlich verfasst sein. Aber er muss auch nicht immer biblische Dimension annehmen.

Pro: Jürgen Neffe und das Ende des Buches

Mit ein wenig mehr Raum im Blatt stattet die ZEIT dagegen den Schriftsteller Jürgen Neffe (mehr in der Wikipedia) aus, der diesmal dran ist, über eine ganze breite Seite seine Vision vom Ende der „Ära des gedruckten Buches“ aufzuzeichnen. Dass er sich explizit für Open Access ausspricht, mag in seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund wurzeln. Genau kann man dies natürlich nicht sagen. Er sieht aber im Gegensatz zu seiner Kollegin von der Titelseite, darin „allen alle Texte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung [zu] stellen“ keineswegs eine kulturelle Katastrophe, sondern gar den möglichen Weg, „Lesen und Schreiben zu retten“. „Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung“ nennt er das und auch hier scheinen die Augen nun auch wieder etwas blau und sentimental. Den Unsinn mit der Piraterie hätte man dann natürlich erledigt. Den Buchmarkt, der wohl bald konsequenterweise eher „Text-Markt“ heißen sollte, allerdings auch.

Immerhin leistet sich die ZEIT zwei Extrempunkte in der Ausgabe, also eine gewisse Meinungsbalance, wobei Jürgen Neffe die bessere Wahl für die Titelseite gewesen wäre, denn im Vergleich zu Susanne Gaschke ist er einigermaßen originell, wenn auch mit gleichem weit ausschwingenden Deutungsanspruch. Das Leseland ist aber generell auch ein Fantasialand und insofern ist es durchaus legitim. Selbst macht man es als Autor auch nicht anders.

Unglücklicherweise fällt einem als Leser leider eine Inkonsequenz auf, die das Vergnügen an der Tröstung über das verfließende Medium Buch („Kein Grund zur Trauer“) eintrübt. Gleich am Anfang als rhetorischen Trommelwirbel nach dem Paukenschlag der Überschrift verabschiedet Jürgen Neffe nämlich das materielle Medium Buch und die Ära des Buchdrucks sowieso. Leider in der Gesamtschau nicht sehr schlüssig:

„Das Medium der Aufklärung verliert seine Message und mit ihr ein Stück Sinn und Sinnlichkeit. Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten. Selbst eisern Bibliophile werden Gutenbergs Erbe in seiner jetzigen Form nicht erhalten können. Der Niedergang von Buchherstellung und -handel, so bitter wir ihn beklagen, folgt der Logik einer langen Kette bereits untergegangener Handwerke, Manufakturtechniken und Handelsverfahren.“

Aus der Floskel- und Bastakiste stammt die Folgeaussage: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam.“ Die Belegbeispiele reißen einen nicht unbedingt aus dem Schreibtischsessel: „Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine [..]?“ Jawohl. Dass man auf der der Tastatur einer Schreibmaschine nachempfunden Tastatur eines Computers schneller und leiser tippt und dies zunächst provisorisch dank des von der Textverarbeitung simulierten weißen Blatts schneller und leiser und flexibler zu handhaben ist, steht außer Frage. Hier wurde aber das Schreibmedium optimiert, sowie sich der Gänsekiel zum Fineliner entwickelte. Das heißt jedoch zunächst noch nicht, dass man am Bildschirm auch schneller und leiser und flexibler liest.  Oder doch? In jedem Fall anders. Und: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Erleben wir nicht, wie schnell die Mail den Brief verdrängt?“ Dank Postcrossing.com sind aktuell 94.258 altmodische Post- und Ansichtskarten auf ihrem Weg durch die Welt, motiviert durch ein Internet-Portal. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der handschriftliche Gruß dennoch überlebt. Und selbst so etwas scheinbar Überflüssiges wie das klassische Glückwunschtelegramm kann man noch über die Post ausliefern lassen. Das zugegeben als Hochpreisprodukt. Und auch hier: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Allenfalls die Älteren können sich noch eine Welt ohne Internet vorstellen.“ Die letzte ARD/ZDF-online Studie hat 42,7 Millionen Erwachsene (=65,8%) als wenigstens gelegentliche Internet-Nutzer ermittelt (vgl. hier). Das ist durchaus ein Pfund, zeigt aber, dass ein Drittel der Erwachsenen das Medium überhaupt nicht in den Alltag integriert hat. In anderen Teilen der Welt mag es noch eine größere Gruppe sein. Wie weit die Fantasie der Nutzer hinsichtlich der Vorstellung einer Internet-freien Welt reicht, lässt sich schlecht beurteilen. Ich denke aber, dass durchaus einige, nämlich die, die nicht wie wir permanent in Texten graben, sondern z.B. sinnvollerweise die Frühlingstage mit Gartenarbeit verbringen, keine derart große Bindung zum Medium Internet besitzen, wie sie Buch-, Leitartikel- und Blogautoren naturgemäß aufweisen. Man sollte hier und generell seinen persönlichen Standpunkt nicht zum allgemeinen Maßstab überbewerten.

Man nutzt als Feuilletonist und/oder Blogger oft wenig mehr Quellen als die Wikipedia, seine Peer-Medien, die Google-Volltextsuche und besonders seine eigene Erfahrungswelt. Es empfiehlt sich aber, sich dieser Begrenztheit immer bewusst zu sein, gerade die letztgenannte Quelle sehr bewusst einzusetzen und ihre Reichweite halbwegs realistisch abzuschätzen. Aktuell gibt es beispielsweise noch mehr Analphabeten als Arbeitslose in Deutschland (ca. 4 Millionen vgl. hier). Wenn sich dieses Verhältnis demnächst verschiebt, liegt es bestimmt nicht an besserer Nachschulung. Hier gibt es also stabil eine nennenswerte Bevölkerungsgruppe, der die ganze Debatte um die Zukunft des Buches und die Marktchancen von E-Books weitgehend egal sein dürfte. Dem Herzensdiskurs einer zwar recht breit aufgestellten, aber dennoch durchaus als Bildungselite zu bezeichnenden Bevölkerungsgruppe immer universelle Wirkmächtigkeit in die Kernsätze schreiben zu wollen, erscheint nicht immer angemessen. Aber die ZEIT ist nunmal Leitmedium genau dieser Elite und insofern ist es am Ende wahrscheinlich doch legitim, so etwas im Rahmen ihrer Reichweite zu tun.

Dass Jürgen Neffe das Verschwinden des Gedruckten selbst nicht so konsequent sieht, wie er zunächst andeutet, demonstriert er im Fortlauf seines Textes, wenn er das Szenario, was durchaus sinnvoller erscheint, als eine Parallelität von gedruckten und digitalen Texten beschreibt:

“Wir werden mit Büchern leben können wie nie zuvor – und dabei, wenn es uns gefällt, immer noch auf Papierversionen zurückgreifen und sie linear in einem Schwung zu Ende lesen. Solche Bücher wird es immer geben.“

Und später noch mal: „Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.“ Ich vermute sogar in stärkerem Umfang als wir Vinylsingles horten.

Wo ist also das Problem? Und warum soll sich ausgerechnet der Typ „Wörterbuch“ neben dem Roman und der Biografie am längsten gegen die Auflösung im Digitalen sträuben, wo es doch bereits hervorragend nutzbare Online-Nachschlagewerke gibt, die es ermöglichen, jedes Wort zu markieren und sofort die Bedeutung auf den Bildschirm zu bekommen? Erweist sich nicht eher der Coffee Table-Fotoband als am stärksten resistent gegen jede Umwandlung ins iPhone-Format?

Die Frage ist…

Die eigentliche Frage stellt Jürgen Neffe nämlich nicht: Ist das Buch, wenn es denn, wie er vorhersieht, mit dem Rest der Medienwelt verschmolzen ist, überhaupt noch ein Buch? Entspricht Lyrik auf dem Handy („Hauptsache, sie werden gelesen.“) überhaupt noch dem Paradigma des „Buches“?

Ich folge eher der These, dass sich in Webkommunikation ganz andere Textformen – aktuell z.B. Blogtexte, die auf die klassischen Presse- bzw. Massenmedien sowohl stilistisch wie auch in der Form deutlich zurückwirken – entwickeln und dass die Debatte, wie wir “Bücher” digital abbilden eine Zweitrangige ist. Das Hypertextsystem des Internets ist nunmal ein Textsystem. Musik und Film lösen sich in diesem nicht auf, sondern werden eingebettet. Eine Musikstück kann nicht im “Vollton” erschlossen werden, jedes Gedicht, jede Novelle, jeder Roman dagegen im Volltext. Schriftzeichen gehen im Medium Internet voll auf und gerade deshalb im Hypertext gern unter. Ausgerechnet durch die Hypertextifizierbarkeit, so meine These, bieten sich lineare Texte, also die meisten Bücher, bestenfalls als abgeschlossene Einheiten, z.B. in Gestalt von PDF-Dateien, für einen Vertrieb über das Netz an. Dieses bleibt aber die Nebenform, solange sie nach den Normen und Bedingungen, die die Form des Buches erfordert, erzeugt werden. Wird dieser formale Rahmen aufgebrochen, erscheint es mir wenig sinnvoll, noch von Büchern zu sprechen. Vor allem aber besteht wenig Anlass, vehement das Medium Buch ins Netz zu treiben, um es dort zu begraben. Wenn die Verlage sich aus dieser Richtung bedroht sehen, dann fehlt ihnen offensichtlich das Vertrauen in ihr robustes, nach wie vor nachgefragtes und recht zeitloses Produkt.

Die Reader

Die E-Book-Lesegeräte erscheinen in der Tat bestenfalls als Sonderfall der Veränderung im Umgang mit den Texten und haben den entscheidenden Nachteil, zwischen den Möglichkeiten der Digitalität und der Abgeschlossenheit und Linearität des Druckmediums in einer manchmal schmucken, oft schmucklosen Sackgasse zu stehen. Ob sie, wie Jürgen Neffe vermutet, als Türöffner geeignet sind, mag sich noch zeigen. Ich habe aufgrund der zuvor beschriebenen Überlegung meine Zweifel:

“Vielleicht sind die heutigen E-Books nur als trojanische Pferde zu verstehen, die in halbwegs vertrauter Verpackung neuartige Ideen unters Volk schmuggeln sollen. Wer sich einen Faust oder eine Kafka-Biografie herunterladen kann, vergisst leichter seine Berührungsängste.“

Die neuen Ideen sind bereits da und haben wenig mit Kafka-Biografien oder dem Buchmarkt zu tun.

Im Casus des Heidelberger Appells wurde allerdings der Initiator erklärtermaßen gerade erst durch die Konfrontation mit einem Digitalisates aus diesem literarischen Umfeld in seine Berührungsängste gestürzt. Also ist es in der Wirkung nicht jedesmal etwas mit dem “Türöffner”. Mitunter ist es ein Schock, der die Wahrnehmung verriegelt.  In jedem Fall ist das trojanische Pferd ein teures Ross, dessen Wert wohl darin besteht, dass bestimmte Grundprobleme (Preisgestaltung, Formate, rechtliche Grauzonen etc.) für die Verwertung von Textinhalten an ihm durchgespielt werden können, bevor irgendwann eventuell ein massenkompatibles Pony auf dem Hof steht.

Von einer schleichenden Durchsetzung der Lesegesellschaft ist im Alltag – Obacht: Persönliche Erfahrungswelt! – dagegen wenig zu merken und in den Thalia-Filialen oder auch im Kulturkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße stehen die Vorführgeräte mehr wie (nur einmal) bestellt und nicht abgeholt herum, denn wie heiß begehrt, während in den Lesesesseln des Zwischengeschoßes unvermindert eifrig in Papier geblättert und gar exzerpiert wird.

Der Niedergang des Buchhandels jedenfalls in der durchpolierten Variante, die natürlich nicht dem eigenartigen Ideal Jürgen Neffes von einer „Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentliche[m] Erlebnisraum“ entspricht, wird bislang nicht sonderlich spürbar, abgesehen davon, dass Buchhandlungen nie im Wortsinn öffentlich waren, manchmal über Lesungen etwas Kultur veranstaltet haben, vor allem aber verkaufen mussten und wollten. Angesichts der genannten drei Funktionen sollte man den Scheinwerfer vielleicht eher auf die öffentlichen Bibliotheken schwenken.

Ordnung und Aufmerksamkeit

Was Jürgen Neffe in seiner Digitalbuch-Euphorie leider auch übersieht, ist, dass Buchhandlungen wie Verlage eine zwar ambivalente, für den Kunden durchaus relevanter Filter- und Steuerfunktion übernehmen:

„Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen […]“

Hier erklingt ein leicht naives Hohelied auf die ICH-AG, das zwei Kleinigkeiten vernachlässigt:
Erstens den Faktor „Aufmerksamkeit“. Jürgen Neffe schreibt selbst, dass “das Buch als Datensatz im gleichen [sic!] technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.“ Neu ist hieran allerdings wirklich nur, dass Buchinhalte über die gleichen technischen Wege und natürlich nicht im gleichen Format auftauchen. Die Konkurrenz zu Bild und Klang gibt es dagegen schon länger, die zum allgemeinen Leben jenseits der Rezeption über Medien ohnehin.

Zweitens fragt man sich, ob die immateriellen und potentiell unendlich vielen Texte und Textkombinationen, die nach seinem Modell verkaufbar sind, tatsächlich allein über niedrigere Preise in einem Umfang absetzbar sind, dass die Urheber-Verleger davon wirklich leben können. Man kann durchaus auch annehmen, dass sich Akteure wie RandomHouse etc. im Internet zu den Selbstverlegern schlicht aufgrund ihrer Finanzkraft ähnlich durchsetzen, wie im realen Verlagsleben, wo man auch mit einer vergleichsweise kleinen Summe – zugegeben nicht ganz so klein wie im Cyberspace – seinen Text publizieren kann. Ob solche Publikationen – oder überhaupt mit Büchern vergleichbare Texte – wie von Jürgen Neffe vermutet im Netz tatsächlich mehr Leser finden, darf man aufgrund der schieren Größe und Unübersichtlichkeit des Textaufkommens im WWW ruhig noch einmal durchdenken.

Ein letzter Schwachpunkt gerade der wirtschaftlichen Argumentation Jürgen Neffes (und im Verständnis der Verlage) liegt in der Annahme, dass eine heruntergeladene Datei in einer direkten Relation zum Verkauf eines physischen Exemplars stehen muss:

“Jedes einzelne Buch, das als legale oder illegale Kopie oder als Download statt gedruckt über den Ladentisch bezogen wird, fehlt in den Bilanzen derer, die vor Kurzen noch Gutenbergs Erbe verbreitet haben.”

Es könnte auch sein, dass ein Buch, welches als Datei heruntergeladen wird, nie gekauft würde, man den Download aber, aus welchem Grund auch immer, einfach mal mitnimmt. Oder das ein Buch, welches sich nach dem Download als hochgradig lesenswert erweist, doch noch in der antiquierten Druckausgabe (”Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.”) nachgekauft wird und zwar gerade, weil man den Text digital einsehen konnte. Menschen und damit Kunden und ihr Verhalten sind erfahrungsgemäß weitaus breiter gefächert und weniger berechenbar, als man in allgemeinen Prognosen gern annimmt. Manch einer entscheidet sich, wenn er die Wahl zwischen analog oder digital hat, doch gern für das Greifbare. Vielleicht wird offline lesen auch in 15 Jahren wieder so richtig Mode, so wie wir nach wie vor gern Radfahren, auch wenn das Auto bereit steht. Es ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Kulturgesellschaft, dass sie nicht nur dem Notwendigen folgt, sondern auch dem, was ihr einen erstrebenswerten Eigenwert zu haben scheint. Das Rational Choice-Modell, vorausgesetzt die Entscheidung zum Download gegenüber der Printausgabe wäre überhaupt die rationalere, greift bekanntlich nicht in jedem Zusammenhang. Der Schluß, dass jede Kopie im Netz ein verkauftes Realexemplar weniger darstellt, ist also ein reichlich kurzer.

Was bleibt

Entschieden ist hinsichtlich der Zukunft des Buches noch lange nichts, aber die Freude am diskursiven Kampf um die Zukunftsdeutung hält ungebrochen an. Während Jürgen Neffe den Einzug der Literatur dank Akteuren vom „Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe“ auf „iPhone und Co.“ als durchsetzungsfähige Variante erachtet, fragt in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Oliver Jungen: „Welche Konstruktionen gelingen einem Autor, der weiß, er schreibt für ein Handydisplay?“

Sicherlich ganz andere als jemandem, der auf einen sauberen Bleisatz mit schöner Type hinarbeitet. Es gibt Menschen, die kein Problem damit haben, auch 70-mm-Kinofilme im YouTube-Fenster anzuschauen. Dennoch wird hier ein Inhalt in eine Ausgabeform gebracht, die ihm nicht gerecht wird. Gleiches könnte für klassische Texte in digitalen Lesefenstern gelten. Die Literatur für Hypertext-Umgebungen muss jedenfalls in vielen Fällen noch geschrieben werden. Auch hierfür sind Ansätze im WWW zu sehen, die sich aber vor allem durch eines auszeichnen: Sie bilden sich jenseits der Vorstellung von Buch und Verlag.

Jürgen Neffes Fantasie eines postgutenbergschen Zeitalters, in dem immerhin „Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören“, lässt dagegen noch einige Lücken und stolpert über die unzweckmäßige Vorstellung, es ginge darum, das eine in das andere zu übertragen. Nicht zuletzt bleibt die Frage an ihn, warum die von ihm so gerühmten Kulturtechniken Schreiben und Lesen nicht ebenfalls durch technische Innovation genauso forttransformiert werden können, wie anscheinend ihre lange Zeit und im Sinne des Publizierens nach wie vor dominierende mediale Ausdrucksform: das Buch?

Tigerentensprung: Richard Kämmerlings sieht in der FAZ das Papier vergehen.

Posted in E-Books on February 6th, 2009 and tagged , , , , , ,

Da die dafür eigentlich besser geeignete Blogplattform des ib.weblog (viel mehr Publikum) momentan wieder an der Altersschwäche des tragenden Servers leidet, wundere ich mich hier darüber, was eigentlich mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung los ist. Mittwoch schreibt Oliver Jungen eine bemerkenswert aufgeplusterte Suada gegen das deutsche Bibliothekswesen, das nicht so will wie er und deshalb derart mit Ressentiments zugeknallt wird, dass man es selbst als jemand, der durchaus der manchmal etwas ausgeprägteren Selbstgefälligkeit der Bibliothekswelt einen Tropfen Wermut in den Becher der Selbstbespiegelung wünscht, aber eigentlich eher mehr Mut, nur mit Kopfschütteln ob des hinterm Faust-Zitat lauernden Haudrauf-Journalismus reagieren kann (vgl. auch hier).

Was sich aktuell so an Beiträgen in der FAZ-Welt abspult, greift durchaus in die selbe Schlaufe, an der auch solche Phänomene wie Verringerung des Umfangs, weitläufige und textsparende Layout-Änderung sowie Erhöhung des Einzelverkaufspreises hängen. So hält man weder den Mythos “Qualitätsjournalismus” noch die Auflage hoch, denn weniger für’s Geld ist dem Leser, der sich natürlich auch mit den virtuellen Alternativen auskennt, eigentlich nicht zu vermitteln. Der holt sich dann ein, zwei Mal in der Woche am Zeitungsstand etwas aus Großbritannien und als FAZ-Feuilletonersatz Sinn und Form. Für die Nachrichten geht man heute gleich zu Reuters, da wartet man nicht auf Deutschland und die Welt von morgen. Wir halten keine Aktien an dem Blatt und das Abonnement wurde auch nicht verlängert, insofern könnte man kühl bleiben. Aber online liegt die Zeitung dann doch mit den anderen im Feed zu den Themen des Tages und so entdeckt man gerade, was der Popfeuilletonist Richard Kämmerlings zum Thema E-Books, Papier und Vinyl kommentiert.

Wir verstehen, dass das Feuilleton wie die tagesaktuelle Presse überhaupt am besten mit Alarmismus punktet und erinnern uns als einst treue Leser daran, dass derselbe Autor im Februar 2006 schon mal das Ende der Literaturgattung Lyrik aufziehen sah, wobei allerdings erst vor einigen Wochen der noch halbwegs junge deutsche Nachwuchsdichter Durs Grünbein in der WELT bewies, dass ihm sein Talent tatsächlich nass geworden ist.

Nun hat Richard Kämmerlings auch ein iPhone und zeigt uns, was schon letztes Jahr um diese Zeit problemlos möglich war, als eine die Medienwelt umstürzende Innovation: Er kann Shakespeare auf dem Telefon lesen. Auch unter der Bettdecke. Auch in “schummrigen Dichterkneipen”. Seit mindestens 12 Jahren konnte man Romeo and Juliet aber auch schon auf jedem transportablen Computer durch die Welt tragen, denn seitdem ist das “E-Book”, welches eigentlich eher ein E-Text ist, bei gutenberg.org verfügbar. Mittlerweile sogar auf Finnisch. Gratis zum Download oder zum Lesen am Bildschirm. Dennoch sind aktuell noch dutzende Printausgaben erhältlich. Eine Handvoll E-Book-Varianten ebenso. Das lässt eigentlich mehr auf eine friedliche mediale Koexistenz schließen, als auf eine Revolution, bei dem die Kindle an die Macht der Literaturvermittlung drängen.

Aus irgendeinem verrückten Grund, der seine Ursache wohl im abgrundtiefen Glauben an eine auf medienökonomischen Trivialdarwinismus justierte Wettbewerbsgesellschaft findet, ist Vielfalt für das Feuilleton nicht nur der FAZ selten eine respektable Option. Daher schreckt man dort auch mal hoch aus dem sinnlichen Vergnügen, welches der Apple-Touchscreen vermittelt, wenn Thalia groß verkündet, dass es die Restauflage des Sony-Readers der letzten Saison nun in Deutschland an den Mann zu bringen versuchen wird. Zwar hatte schon die Frankfurter Buchmesse im Herbst einen Showroom für elektronische Lesegeräte, aber da es sie damals schwerlich in Deutschland zu kaufen gab, muss man den Sensationsdiskurs vom Ende des Buchs aus dem Oktober für den März noch einmal aufwärmen. Seit letztem Jahr heißt es dazu so beständig “Amazon wird mit seinem ‘Kindle’ bald nachziehen.”, dass der Satz, besäße er mehr Biss, vielleicht schon zur Spruchweisheit ins kollektive Sprachgut übergewechselt wäre. Es stünde für eine Hornisse, die dem Buchmarkt als Kampfelefant angekündigt wird und irgendwann als etwas wintermüde Schwebfliege hereinflattern wird.

Nun schwächt sich eine nur über ein unbestimmtes “bald” terminierte Drohung mit den Monaten bis Jahren etwas ab, bis sie niemanden mehr stört. Denn selbst im erfolgreichen Amerika hat der Kindle zwar seine Lücke mit schätzungsweise 500.000 Nutzern gefunden aber keinesfalls dazu geführt, dass gerade Amazon keine gedruckten Bücher mehr verkauft.

“Die Medienevolution macht gerade einen Tigersprung” meint dagegen der schlagwortgeschulte FAZ-Kommentator und staunt, dass er überall mit seinem Telefon Texte aus dem Internet ziehen kann. Dass Google dabei sein gescanntes Bucharchiv beisteuert, ist auch nett. Aber beileibe kein “Tigersprung” und wer hier nicht folgen kann, hat einfach seit den 1990ern das Internet verpasst.

Zur Unpässlichkeit, die den Vergleich Buchbranche und Musikindustrie befällt, muss man eigentlich nicht viel sagen. Denn man vergleicht mit dem Buch als Trägermedium für Text und mit der Schallplatte als Trägermedium für aufgezeichneten Klang zwei in der Rezeption vollkommen unterschiedliche Medienformen: Während Lesen nämlich prinzipiell ein aktiver und bewusster Akt ist, bei dem das Auge selbst und ohne Hilfsmittel – es sei denn einer Brille für die Fehlsichtigen – den Datenbestand wenn man so will direkt von der Trägeroberfläche abnimmt, wird aufgezeichnete Musik auch passiv und unbewusst erfahrbar. Kein Ohr muss sich den Klängen nacheilend bewegen. Das Lesen fordert die Bewegung auch im stillsten Bibliothekszimmer. Die Musik versetzt im besten Fall in selbige. Dafür muss sie, wenn nicht zeitgleich dargeboten, aber schon seit der Edison-Walze mittels eines Abspielgerätes wiedergegeben werden. Dass selbiges heute iPod heißt und nicht mehr Technics 1210er bedeutet nichts anderes als eine konkret nicht ganz aber abstrakt durchaus vermutbare Entwicklung der Technik.

Dass sich das Medium Buch dagegen vergleichbar anfällig für einen plötzlichen Sprung auf die Anzeige vermittels Taschendisplay zeigt, ist nicht unbedingt ausgemacht. Der Vorteil der Lesegeräte liegt zweifellos in der Optimierung des Speicherbedarfs, die man sich aber mit dem Aufwand der Synchronisation und der generellen Fehleranfälligkeit digitaler Geräte bis hin zum Formatproblem und der auch und gerade für die Verlage hoch problematischen Rechtesituation erkauft. Datenschutzprobleme – wer liest welches Buch – kann man noch drauf addieren, wenn man denn möchte.
Blöd ist bloß, dass die wirklich schweren Folianten recht alternativlos an die Druckvariante gebunden sind, da der Helmut Newton aus dem Fotoband auf dem iPhone wirklich nur wirkt, wie ein Abziehbildchen aus dem WWW. Den Heinz Strunk als Paperback bekommt man dagegen meist doch noch in die Laptoptasche und wenn der im Zug liegen bleibt, dann ist es vielleicht sogar besser, in jedem Fall kein großer Verlust.

Wer also nicht den permanenten Zugriff auf eine halbe Million Bücher braucht, sondern auf ein bis drei, für den reduziert sich der Vorteil eines E-Book-Readers schnell auf das eingebaute Leselicht. Das kann nett sein und es spricht auch nichts dagegen, solch ein Gerät zu besitzen und zu benutzen. Jedoch die Pferde der Buchbranche immer wieder aufschrecken zu wollen und ihnen zuzurufen, dass ab morgen andere Sattel die einzig richtigen sind, wirkt mittlerweile ziemlich grotesk.

Denn abgesehen von Sony, Amazon und Thalia braucht diese Geräte aktuell fast niemand. Nicht einmal die Verlage. Der Markt für das gedruckte Buch ist im Gegensatz zum CD-Markt am Vorabend des mp3-Formats weitgehend intakt und kaum von Piraterie bedroht. Sinnvoll wäre es, sich ein wenig Zeit zu lassen und zu verstehen, dass die eigentlich relevanten digitalen Texte eigentlich die sind, die im Internet entstehen. Was der Markt für mobiles Lesen und Laden vielmehr sucht, sind nicht die Reader, sondern handliche, lesbare und kleine Sende-und-Empfangsgeräte. Mit denen sich auch schreiben und vielleicht fotografieren, in jedem Fall twittern und bloggen lässt. Das iPhone ist näher am Ball als der Sony Reader und insofern hat Richard Kämmerlings schon richtig investiert. Dass mit solch einem Multifunktionsgerät bei Bedarf auch mal einen Roman oder junge deutsche Lyrik lesen kann, nimmt man gern mit. Zum Weihnachtsfest greift man aber vorerst doch lieber zu einen Leinenbändchen voll mit junger deutscher Lyrik in Geschenkverpackung statt zu einer gezippten Datei mit Shakespeare-Medley.

Die E-Books in der E-Bibliothek. Ein paar weitere Gedanken.

Posted in Bibliothek, E-Books, digitale Bibliothek on October 24th, 2008 and tagged , , , ,

Das e-book ist bereits heftig dabei, die Bibliotheken zu verändern. An vielen wissenschaftlichen Bibliotheken spielen e-books schon seit ein paar Jahren eine große Rolle. Was auf der Buchmesse nur neu war, war das Leseendgerät. Das hat sich eben weiter verbessert und ist jetzt so attraktiv geworden, dass auch die normalen Leser und Benutzer damit arbeiten können. Aber an den Hochschulen werden Texte schon seit einigen Jahren runtergeladen, aber dann eben auf die normalen Laptops und PCs.

Michael Knoche, Leiter der Herzogin Anna-Amalia Bibliothek in Weimar, äußert sich heute in einem ausführlichen Interview mit dem Deutschlandfunk u.a. recht zuversichtlich, aber definitorisch etwas unscharf, zum Thema E-Book. Denn abgesehen vom Project Gutenberg und einigen anderen Unternehmungen, war die Titelanzahl von elektronischen Büchern bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit nicht so breit gestreut, dass sie in der wissenschaftlichen Arbeit verstärkt zum Einsatz kamen. Natürlich gab es immer wieder mal ein paar PDF-Fahnen und manches auch auf CD-ROM. Aber das, worauf die Merkmale, die ich weiter unten als kennzeichnend für ein E-Book herausarbeite, passen, wird erst allmählich zu einem breiten Phänomen.

Aber ich denke, Michael Knoche meint eigentlich das Lesen elektronischer Texte allgemein, was sich mit den elektronischen Zeitschriften tatsächlich zur Standardtätigkeit im wissenschaftlichen Alltag sehr vieler (nicht aller) Disziplinen entwickelt hat.

Deutlich wird hier erneut, dass der Begriff E-Book eher schwierig ist und der Diskurs sich womöglich etwas geschmeidiger vollziehen würde, spräche man von elektronischen Texten und im Zweifelsfall von hypertextuell vorliegenden Inhalten oder von einer displayvermittelten Textrezeption, sofern man auf den Vorgang abzielt.

Der Ausdruck E-Book ist dagegen vor allem gut für das Marketing, denn er schafft die Verbindung zu etwas, was die Zielgruppe kennt und mag. Vielleicht wäre er auch sonst praktikabel, wenn es (a) eine präzise und verbindliche Definition gäbe und sich (b) eine tatsächliche und sinnvolle Entsprechung des Einem im Anderen fände. Wenn man kurz genug sucht, entdeckt man womöglich etwas, das passt. In der Wikipedia nämlich findet sich dahingehend ein ziemlich eindeutiger Ansatz. Dort heißt es aktuell, das E-Book “versucht im weitesten Sinne, das Medium Buch mit seinen medientypischen Eigenarten in digitaler Form verfügbar zu machen.”

Nun muss man sich fragen, (1) inwieweit das, was als E-Book bezeichnet wird, dieses erfüllt und (2) wie medial zweckmäßig solch ein Unterfangen ist. Warum legt man soviel Wert auf eine Imitation in der Form, wenn es nur der Content ist, auf den es ankommt?

Sofern wir tatsächlich am Bildschirm lesen, löst sich die Notwendigkeit zur Anpassung an die Druckseite auf. Textinhalte wie in diesem Weblog werden schon längst mich mehr auf Ausdruckbarkeit hin verfasst und sind in ihrer Hypertextualität oft auch gar nicht adäquat auf Papier abbildbar.

Entspricht also ein HTML-Text oder ein PDF tatsächlich den medientypischen Eigenschaften – gedruckt, gebunden (oder geklebt etc.), nicht periodisch, mindestens 49 Seiten? Die aktuelle Generation der Lesegeräte versucht sich durchaus, wenigstens das Element “Seite” zu erhalten, aber wenn man sich gleich nebenan anschaut, dass die Displays von Mobiltelefonen als Ausgabeoberfläche zunehmen Aufmerksamkeit bekommen, erscheint es fraglich, dass sich in diesem Umfeld das Paradigma Druckseite halten kann. Denn eine Druckseite ist für das iPhone auch auf A5 zu groß.

Für die Simulation der Seitendarstellung, wie sie das PDF als Format für die Druckvorstufe natürlich berücksichtigt, besteht bei der Rezeption am Bildschirm kein Grund. Alle medientypischen Eigenschaften des Buches, die in seiner Materialität gründen, sind ganz offensichtlich nicht digitalisierbar. Was momentan in meinen Augen als einzig gültiges Unterscheidungsmerkmal für das E-Book im Vergleich zum E-Journal herangezogen wird, ist, dass es nicht periodisch erscheint. Zu anderen elektronischen Texten im Internet sind die verlegerischen Berarbeitungen von der Manuskriptauswahl über das Lektorat bis hin zur Gestaltung der Ausgabeform kennzeichnend.

Ein E-Book wäre demnach, dies als eine Zwischendefinition, ein in sich abgegrenzter, nicht-periodisch erscheinender, distribuierbarer und von einem Verlag veröffentlichter Text.

Das E-Book bildet also die materiellen medientypischen Eigenschaften nur äußerst bedingt ab, dafür aber einige formale Entstehungs- und Vertriebskennzeichen. Dass E-Books oft als zu subskribierende Pakete angeboten werden, relativiert den Distributionsaspekt natürlich wieder. Besitzrecht oder Nutzungsrecht, das ist hier zu klären. Langfristig stehen die Zeichen wohl auf die zweite Variante gerichtet.

Auf der Ebene der formalen Imitation bieten die Lesegeräte abgesehen von dem ziemlich leichtgewichtigen Argument, dass man unbegrenzt viele Titel mit sich herumtragen kann, kaum Vorteile. Zwar relativiert sich das Problem des Lagerplatzes, wird aber – sofern man die Texte länger behalten mag – durch die Frage der Langzeitarchivierung, Langzeitlesbarkeit und Migration beim Gerätewechsel von einer neuen Schwierigkeit fast noch größerer Komplexität ersetzt. Perspektivisch werden sich, so meine aktuelle Vermutung, Geräte durchsetzen, die eine beliebige Rezeption und Bearbeitung und vielleicht sogar Produktion von digitalen Texten bzw. auch wieder multimedialen Inhalten zu lassen. Ein kleiner, leichter Laptop mit elektronischer Tinte wird sicher von der Masse der aktiven Leser eher gewünscht, als das Pendant zum digitalen Bilderrahmen.

Nun noch ganz kurz zur E-Bibliothek, auf die die Anschlussfrage des Interviewers abzielt, und die die große Diskrepanz zwischen Fachdiskurs und öffentlichem Diskurs entblößt:

Heinemann: Gibt es dann eines Tages die e-Bibliothek?

Knoche: Die wird es sicher geben. Es wird Bibliotheken geben, die praktisch nur noch einen Ort darstellen, wo man lernen kann, wo man einen Zugang zum Netz hat, aber die keine Bücher mehr enthalten. Es wird Bibliotheken geben, die beides haben, das elektronische Angebot, aber natürlich auch noch die alten Druckschriften. Ich glaube, die Herzogin Anna-Amalia Bibliothek wird zu der zweiten Kategorie von Bibliotheken gehören.

Die Beschreibung der ersten Kategorie passt übrigens auch auf eine Starbucks-Filiale und wer selbige in Universitätsstädten besucht, sieht, dass diese von den Studenten auch gern entsprechend genutzt werden. Natürlich meint Michael Knoche etwas anderes, nämlich das, was wir seit vielleicht einem Jahrzehnt als PC-Pools kennen, die man sicher noch gemütlicher gestalten kann. Die Idee, diese anheimelnder als e-Bibliothek zu bezeichnen ist gar nicht so schlecht, aber natürlich “lipstick on a pig”.

Aufgelöst würde die Bezeichnung aber elektronische Bibliothek heißen, was in der Bibliothekswissenschaft traditionell vor allem auf die Geschäftsgänge und die Katalogisierung ausgerechnet von physischen Medien bezogen war.

Was hier tatsächlich gemeint ist, nannte man virtuelle Bibliothek bzw. nennt man digitale Bibliothek, wobei der bücherlose Lernraum noch nicht einbezogen ist. Man sollte den allgemeinen Radiohörer sicher nicht überfordern, aber wenn man vom Fach kommt, dann ist man selbstverständlicher etwas pedantischer. Und daher soll abschließend vermerkt werden, dass wir die Herzogin Anna-Amalia Bibliothek korrekterweise als viergegliederte Bibliothek begreifen, die übrigens auch in ihrem famosen Studienzentrum die eine oder andere neuere Druckschrift bereithält. Hoffentlich setzt sich E-Bibliothek nicht durch…

“Das Buch ist nur noch eine Metapher.” Und das war es schon im Jahr 2000

Posted in E-Books on October 16th, 2008 and tagged

Als Ergänzung zu den aktuellen Kommentaren zum Thema E-Books im ibi-weblog folgt hier ein schönes Zitat zum Thema E-Books:

Beim Elektronischen Buch, dem E-Book, wurden auf der AKEP-Sitzung noch erneut Visionen statt Zahlen genannt. 2010 sollen zehn Prozent aller Inhalte via E-Book gelesen werden, so AKEP-Sprecher Hans Kreutzfeld, mit Bezug auf die Studie einer Unternehmensberatung.

So schrieb die WELT zur Frankfurter Buchmesse des Jahres 2000 unter der Überschrift: Electronic Publishing setzt sich durch

Und einiges von dem dort beschriebenen hat sich in den acht Jahren, die seit dem ins Leseland gegangen sind, in der Tat entwickelt. Das elektronische Publizieren hat sich der Wissenschaft in den so genannten STM-Disziplinen weiter etabliert. Durchgesetzt war es 2000 natürlich bereits. Die Geisteswissenschaften holten ein bisschen aus, wobei in diesen Fächern mehr rahmende Angebote zu beobachten sind. Weblogs gibt es mittlerweile zu fast allen Disziplinen. Welche Rolle sie tatsächlich in der Wissenschaftskommunikation spielen, ist in diesem Zusammenhang eine höchst untersuchenswerte Fragestellung. Ob das Planziel 10 Prozent Lektüre über E-Book im Jahr 2010 erreicht wird, ist schwer zu beurteilen, da (1) schwer zu definieren ist, was alles unter “E-Book” fällt und (2) nicht mitgeliefert wird, was Hans Kreutzfeld unter E-Book verstand. Eventuell wirkte sich auch seine naturwissenschaftliche Provinienz- er ist Diplom-Physiker – auf sein Urteil aus.

Auf dem Feld der Branchenrhetorik hat sich seit 2000 leider wenig getan, was über das übliche Marketing-Gesalbader hinaus reicht. Eine Aussage wie die folgende, passen auch anno 2008 noch toll in die Diskussion:

“Das Buch ist nur noch eine Metapher. Die technischen Möglichkeiten verlangten nach einer Neudefinition der Branche”, erklärte hier James Lichtenberg von New Yorker Consulting-Firma Lightspeed. “Die Buchindustrie befindet sich in einer kompletten Transformation. Geschäftsinhalt wird das, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet”, sagt Lichtenberg.

Andere Stimmen meinen, dass das Buch (bzw. Book) nur als Bestandteil der Bezeichnung E-Book (viel, viel seltener: E-Buch) eine Metapher sei. Alles, was so gebunden auf den Präsentationsaufstellern herumstellt, bleibt, wenn man es genau nimmt, konkret “Buch”. Und bei den Kunst- bzw. Künstlerbüchern bzw. den bibliophilen Ausgaben finden sich sogar heute noch auf der Messe Stücke, denen ein Lesegerät einfach nicht gewachsen ist.

Selbst wenn man diese Fälle an manchen Stellen bei der Marktbeurteilung als vernachlässigbar ansieht, empfiehlt sich die Differenzierung zwischen dem Buch als Objekt und dem Buch als Inhalt bzw. Text auch ganz allgemein. Dann kann man nämlich fragen, wie hoch der Anteil des Objektcharakters und der des Inhalts eines Buches – in dem sich traditionell beides verbindet, beim elektronischen Buch jedoch nicht mehr – bei der Kauf- und/oder Nutzungsentscheidung ist.

Selbst wenn man mit dieser Sicht unbelehrbar rückständig erscheint, hält sich der Eindruck stabil, dass elektronische Bücher als Geschenk selbst bei nennenswerter Durchdringung mit für diese geeigneten Anzeigegeräten, unattraktiv bleiben. So wie einem zip-Ordner mit mp3-Dateien die Ausstrahlungskraft fehlt, um die mit der Geste des Schenkens verbundene Intitmität zu übertragen, so wird es schwer sein, einem PDF die Wertschätzung anzusehen, die der Schenkende damit verbindet. Als Symbol ist das unberührbare E-Book aufgrund der mangelnden Nähe und die Beschränkung auf den Zweck des Lesens sehr schwer mit darüber hinaus reichender individueller Bedeutung versehbar. Eine digitale Signatur geht bei weitem nicht so zu Herzen geht, wie die Widmung mit dem Füllfederhalter.

Daher ist der Anklang, den die jeweiligen Form – materielles Objekt oder digitaler Inhalt – findet, nicht zuletzt auch mit der Frage verbunden, ob es um Erfahrung des Mediums oder den Konsum des Inhalts geht. Ob das Medium die Botschaft ist oder der Inhalt. Beim E-Book verliert das Buch jedenfalls seine medienspezifische Bedeutung. Das Medium “Buch” ist im unglücklicherweise so benannten E-Book verschwunden. Lesegeräte zu verschenken ist kaum eine Alternative, denn mehr als eines mit sich zu führen, widerspricht dem medialen Sinn dieses Objekts.

Entsprechend abgewogen sind dann Angebote – seitens der Bibliotheken und seitens der kommerziellen Akteure – zu entwickeln. Leser (und auch Kunden und auch Schenkende und Beschenkte) sind nicht zwangsläufig den Nutzen rational kalkulierende Konsumenten mit Spartrieb, sowohl preislich wie auch hinsichtlich der Aspekt Lagerplatz und Gewicht.

Es geht beim E-Book, das so viel billiger, kleiner und leichter sein soll, auf Kundenseite auch überhaupt nicht um das Sparen. Für die Verleger und Anbieter, denen es natürlich gleich ist, ob die Regale in den Lesezimmern der Kunden überfüllt sind und die Reisetaschen schwer, dagegen schon, denn sie haben begriffen, dass eben die Lager-, Vertriebs- und Materialkosten deutlich sinken, wenn das Buch digital an die Kunden ausgeliefert wird. Auch die umständlichen Wege über Zwischenbuchhandel und Buchhandlung kann man verringern, wenn nicht ganz einsparen. Ob die zusätzlich entstehenden Kosten, z.B. für den Kopierschutz, der gerade deswegen notwendig wird, weil digitalen Objekte beliebig und ohne Qualitätseinbußen vervielfältigt werden können, hier am Ende nicht vielleicht größer sind, als die Druckauflage, ist auch noch zu klären.

Auf der Kundenseite ist jedoch eine digitale Kopie, die etwas kostet, selbst bei 20% Abschlag immer noch relativ teuer, sofern der Gegenwert der kreativen Arbeit dahinter und der redaktionellen Betreuung nicht zureichend kommuniziert wird. Zudem hat man den Migrationsaufwand, wenn man irgendwann doch eines Geräte wechseln möchte oder soll, wobei den Hardware-Anbietern sicher an einer entsprechend hohen Austauschhäufigkeit gelegen ist.

Das Argument, welches die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Das E-Buch [sic!] kommt mit Rabatt. In: FAZ, 16.10.2008, Nr. 242, S. 19) anführt, dass die Texte nicht verloren gehen, wenn man seine “elektronische Bibliothek” nur über den PC verwaltet, ignoriert (1) die leidliche Alltagserfahrung eines Festplattencrashes, der u.U. sehr hohe Datenwiederherstellungskosten aufwirft und vernachlässigt (2), dass man bei der aktuellen Entwicklung auch gezwungen, seine PC-Hardware in relativ kurzen Abständen zu wechseln. Die Lebenszeit, die man mit dem Einrichten der jeweils neuen Systeme und dem Überspielen von Daten zubringt, sollte man durchaus mal als Total Cost of Ownership bei jedem digitalen Produkt verrechnen.

Dass die Regale daheim frei werden, wenn man die 1000 Bücher Handbestand als Digitalkopie durch die Welt trägt, ist dagegen unbestritten. Ebenso lässt sich wenig gegen das Reisegewichtargument anbringen, auch wenn mitunter giftige Komentatoren einwerfen, dass man 1000 Bücher auf einer Reise gar nicht lesen kann. Das verfehlt jedoch den Punkt, dass es nicht darum geht, das Vorhandene tatsächlich zu lesen, sondern die Möglichkeit, es lesen zu können. Die tausenden Musikstücke auf dem iPod hört man sich auch nicht permanent an, aber wenn in der Stimmung ist, besitzt man die Möglichkeit, das passende Stück just-in-time verfügbar zu haben. Anders jedoch als die Musik, die schon immer ein Abspielgerät benötigte und daher den Übergang leichter machte, benötigt Literatur bzw. Text, der vom Menschen direkt vom Trägermedium abgelesen werden konnte, nicht unbedingt ein zusätzliche Vermittlung. Eine Optimierung der Anzeigequalität des Buches ist eigentlich nicht notwendig und digital auch nicht möglich, da sich Bücher im Vergleich zu Magnetbändern und Schallplatten in der Benutzung nicht zwangsläufig nennenswert abnutzen.

So bleibt aktuell der Eindruck, dass das E-Book die Prozessierung des Inhalts optimiert, die Rezeption jedoch nicht. Die Möglichkeit, große Quantitäten von Inhaltselementen zusammentragen kommt sicher dem Sammeltrieb des Menschen und damit auch dem Absatzwillen der Inhaltsproduzenten entgegen. Eine schlüssige Antwort, warum das Medium E-Book dem gedruckte in Hinblick auf das Lesen selbst überlegen sein könnte, steht derweil noch aus. Daher sollten Verlage nicht allzuflink auf die Idee aufspringen, dass die Buchdeckel selbst keine Rolle mehr spielen und Rechtemanagement das einzig sinnvolle Geschäftsfeld der Zukunft darstellt. Das war im Jahr 2000 schon unsinnig und entbehrt auch im 2008 jeglichem Realtitätssinn. Gerade wenn man sich – vielleicht außerhalb des Digital Marketplace – über die Buchmesse bewegt, bekommt dies sehr zu spüren: Das Medium Buch in seinen Objektqualitäten befindet sich auf einem beeindrucken hohen Niveau. Im besten Fall harmoniert dies sogar mit den Inhalten.

Was bislang Metapher bleibt, ist das E-Book und bedauerlicherweise führt diese Metapher das deutsche Feuilleton und Teile der Branche selbst reihenweise in die Irre. Sinnvoller wäre es, und das ist anders, als bei der Musik, das elektronische Publizieren von dem, “was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet” als eigenständige und nicht als konkurrierende Entwicklung zu begreifen und der Öffentlichkeit auch so zu präsentieren. Für die Autoren, Verlage und die Anbieter der Technologie wäre es bei dieser Gelegenheit sinnvoll, Inhalte zu entwickeln, die das gedruckte Buch nicht abbilden kann, anstatt dieses einfach – weil es billiger ist – simulieren zu wollen. Bei der Gelegenheit sollten sie sich ein passendere und elegantere Metapher als “E-Buch” ausdenken.

“Das Buch ist ein Produkt, und als solches ist es zu verkaufen” – ein Zitat zum Thema e vs. print.

Posted in E-Books, Markt, Medienverhalten on May 23rd, 2008 and

Im Zusammenhang mit der Vorstellung des neuen Random House-Leiters im FAZ-Feuilleton vom Mittwoch (Hintermeier, Hannes: Ein Außenseiter wird Spitzenreiter. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Mai 2008 (Nr. 117) , S. 39) findet sich eine schöne Formulierung zur Einstellung des Bertelsmann Vorstandsvorsitzenden Hartmut Ostrowski, die ganz gut in die aktuelle E-Book- bzw. E-Publishing-Debatte passt und daher hier kurz notiert werden soll, bevor die Zeitung nachher im Altpapier landet:

“In einer Zeit, in der die deutsche Buchbranche zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Gutenberg und Internet oszilliert, setzt Ostrowski [...] ganz pragmatisch auf eine Manager-Lösung: Das Buch ist ein Produkt, und als solches ist es zu verkaufen.”

Will heißen: Solange es den Markt dafür gibt, gibt es auch das Buch. Bislang scheint es den Markt trotz Internet durchaus zu geben, wird doch erwähnt, dass Random House unter Dohles Vorgänger Peter Olson immerhin in 10 Jahren vier Milliarden Bücher absetzen konnte. Das scheint mir nicht allzu wenig zu sein und offensichtlich geht bei Bertelsmann niemand davon aus, dass sich das Absatzvolumen demnächst fundamental ändert. Allerdings hält man dort auch noch mit den Buchclubs ein Vertriebsmodell, dass soviel Nostalgie versprüht, wie eine Langspielplatte, am Leben…

Und hoppla, gar nicht aus Versehen habe ich gestern auch wieder einmal eine solche gekauft. Denn wenn am Abends in gedimmter Atmosphäre und innerer Einkehr zu guter Musik über sein Tagwerk sinniert, stört das blinkend, fordernde Diodenspiel des CD-Spielers irgendwie. Ich vermute – und dazu gehört wahrlich nicht viel Fantasie – dass ein naher Trend der der verstärkten Offline-Zeit sein wird. Der mündige, aufgeklärte Konsument bedient sich dann natürlich beim Besten aus beiden Welten: der analogen und der digitalen. Insofern ist die optimale Strategie sicherlich die, diese beiden in friedlicher Koexistenz zu sehen und zu bedienen, als, wie es manchmal in den flotten Aufbruchsdiskursen derer geschieht, die in bestimmte Marktlücken und Deutungsvakuen zu stoßen trachten, von Ausschließlichkeit und/oder Frontenbildung auszugehen.