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	<title>kontext &#187; Diskurs</title>
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		<title>Nach der Debatte ist vor der Debatte? Von Heidelberg bleibt jetzt noch Google übrig</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jul 2009 14:34:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
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		<category><![CDATA[Urheberrechtstagung 15.07.2009]]></category>

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		<description><![CDATA[Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine &#8220;standgenaue Übertragung&#8221; von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine &#8220;standgenaue Übertragung&#8221; von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.</p></blockquote>
<p>Richard Kämmerlings berichtete einmal in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Tagung zu den Auswirkungen der neuen Medien auf die Buchkultur. Auf dieser sprach laut Bericht u.a. der Soziologe Gerhard Wagner über die &#8220;Einfalt des vernetzten Hypertextes&#8221; im Vergleich zur Vielfalt einer &#8220;gewachsenen Buchkultur&#8221;. Graham Jefcoate äußerte in Hinblick auf den zunehmenden digitalen Nachweis und die elektronische Bestellbarkeit von Frühdrucken im British Museum, dass diese Titel nun intensiver genutzt und entsprechend abgenutzt, bzw. &#8220;zu Tode gelesen&#8221; werden und betonte, dass die Digitalkultur den Originalen den Garaus macht, wenn zum Nachweis nicht auch eine digitalisierte Arbeitsversion auf den Bildschirm kommt: &#8220;Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine &#8220;standgenaue Übertragung&#8221; von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.&#8221;</p>
<p>Roland Reuss sah das in gewisser Weise anders:  &#8220;Am Beispiel heute bereits wieder veralteter Medien wie Mikrofilm und Mikrofiche kann man sehen, wie rasch die Konvertierung von Beständen auf neue Speicherformate aktuell wird.&#8221; Auch seien die Fragen der Langzeitarchivierung und die Nutzungsdauer von Subskriptionen nicht geklärt. Auch Uwe Jochum betrachtete offenbar die Virtualisierung von Buchbeständen nicht gerade mit Enthusiasmus:</p>
<blockquote><p>&#8220;So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich.&#8221;</p></blockquote>
<p>So las man es im Oktober 1998 (Kämmerlings, Richard:Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1998, S.46) und heftete den Zeitungsausriss mit Randbemerkung in den Leitz-Ordner. Während die &#8220;Werkherrschaft&#8221; bereits auf dem Programm stand, fehlte vom Urheberrecht noch jeder Spur. Allerdings ging es in Wolfenbüttel auch direkt um die Auswirkungen der Digitaltechnologie auf die Bibliotheken. Dass Endkunden irgendwann elektronische Texte auf ihren Mobiltelefonen lesen wollen und Studierende Lehrbücher womöglich bis zum Tode der Publikationsform auf USB-Sticks aus den Universitätsbibliotheken tragen wollen würde, lag fern fast jeder Vorstellung. Die Suchmaschine &#8220;Google&#8221; war zu diesem Zeitpunkt in einer Testversion knapp einen Monat online und meldete auf ihrer Startseite:  &#8220;<em>Index contains ~25 million pages (soon to be much bigger)</em>&#8220;. Die Frankfurter Allgemeine meldete ein Jahr später, dass die Suchmaschine „www.google.com“ mit neuen Algorithmen und der Anzeige von ähnlichen Ergebnissen in Betrieb gegangen ist (Ausgabe 14.10.1999, S.30)</p>
<p>Im Jahr 2008 kam das Unternehmen Google auf um die 21,8 Mrd. Dollar Umsatz und lag damit nicht mehr weit unter dem geschätzten Umsatz der US-Verlage, für die 24,3 Mrd. Dollar <a href="http://www.boersenblatt.net/sixcms/detail.php?id=315962">angegeben werden</a>.</p>
<p>Man kann demnach durchaus von veränderten Vorzeichen sprechen, auch wenn Annabella Weisl von Google in der Diskussion vom Mittwoch ganz richtig betonte: &#8220;Wir sind nicht das Internet.&#8221;  Aber angesichts der Zahlen vergleichsweise doch ein großer Spieler im Webgeschäft, der wahrscheinlich, wenn er wollte, eine ganze Reihe von Verlagen gar nicht zum Vergleich bitten müsste, sondern einfach aufkaufen könnte. Insofern kann man die Aufregung in der Buchbranche schon verstehen: Ein mächtiges Gewölk der digitalen Inhalte türmt sich am Horizont auf und man vermag nicht so recht abzuschätzen, ob es sich um Schön- oder Unwetterwolken halten und ob man demnächst nass bis auf die Knochen im Wolkenbruch steht oder einen Regenbogen ungekannter Schönheit bestaunen kann. Das akute Bedürfnis nach einem festen Dach über dem Kopf ist durchaus nachzuvollziehen, auch wenn in diesem Fall auf Deutschland noch nicht einmal feiner Niesel tropfte. Das Dach heißt in diesem Fall &#8220;Urheberrecht&#8221;. Google möchte, laut eines aktuellen Berichtes Richard Kämmerlings, die Axt, die laut allgemeinem Sprichwortschatz den Zimmermann im Haus ersetzt, nicht an dieses legen. Aber so richtig will der deutsche Buchhandel nicht an diesen Vorsatz glauben.</p>
<p>In gewisser Weise holt die Buchbranche eine Debatte nach, die vor wenigen Jahren die Bibliotheken stark beschäftigte: Ist Google eine Bedrohung?  Davon ist mittlerweile wenig zu spüren, vielleicht weil die Bibliotheken merken, dass die Nutzer trotz Google nicht fortbleiben und vielleicht, weil die Nutzer genügend Erfahrungen mit den Leistungsgrenzen von Google gesammelt haben und beides, die Bibliotheksangebote und Internetsuchmaschinen, verschränkt und pragmatisch je nach Informationsinteresse nutzen. In der Wissenschaft haben sich Bibliotheken jedenfalls weder durch Google noch durch das Internet erledigt und es erscheint ebenso eher unwahrscheinlich, dass die wissenschaftliche Monographie tatsächlich ausstirbt, weil man über Google Books nach Textstellen suchen kann.  Dass sich wissenschaftliche Publikationsformen generell verändern und die Druckausgabe eine Optionalform unter verschiedenen Repräsentationsmöglichkeiten von Inhalten darstellt, ist durchaus denkbar. Das entscheiden die Wissenschaftler als wissenschaftliche Kommunizierende. Sie wählen sich ihren Kanal und bestimmen die legitime Form.</p>
<p>Es erscheint aber nicht so, als würde sich gerade Google hier als treibende Kraft bei der Auflösung der Medienform Buch etablieren. Google bleibt auch mit dem Buchscanprogramm ein Akteur, dem es um den Zugang zu Information geht, nicht um die Gestaltung von Trägermedien. Insofern irrt man in der Annahme, dass Google, wenn es vergriffene Titel scannt und verfügbar macht als Verlag agiert. Es gleicht darin eher einem Antiquariat, dessen Regale sich nicht leeren. Oder einer Bibliothek mit Scans und dazu erschlossenen Volltexten. Mit viel Fantasie könnte man die Aktivitäten mit Google  mit denen eines Reprint-Verlages vergleichen. Aber letztlich wird eine bisher nicht gegebene Form des Zugangs zu bereits Publiziertem geschaffen. Dahinter steckt immer noch ein Buch. Für die Wissenschaft ist dieses vor Jahren Publizierte zumeist als Quellensammlung interessant. Für die laufende Wissenschaftskommunikation sind dagegen andere Entwicklungen viel relevanter.</p>
<p>Die bisher etablierten Open Access-Verfahren teilen mit Google Books eigentlich nur die Gemeinsamkeit, dass sie dem traditionellen Dokumentenbegriff verhaftet sind: Sie beziehen sich auf Publikationen, die weitgehend analog zu Druckprodukten konzeptioniert und potentiell druckbar sind. Die beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von Primärdaten oder auch der Wissenschaftskommunikation über hypertextuelle Medienformen wie Wikis  oder Weblogs vorliegenden Entwicklungen lassen parallel dazu auf Kommunikationsformen schließen, die sich dem Druckparadigma entziehen. Dass Hubert Burda vor einiger Zeit kräftig in Scienceblogs investierte, zeigt, dass auch Verlage hier nach Möglichkeiten suchen. Vielleicht ist das statische Lehrbuch tatsächlich ein Auslaufmodell. Dann aber vermutlich nicht, weil Bibliotheken es gescannt haben, sondern weil Lehrbuchinhalte in einer anderen medialen Form vermittelt werden.</p>
<p>Nachdem man mittlerweile wohl eindeutig geklärt hat, dass in Deutschland kein Wissenschaftler zu einer bestimmten Publikationsform gezwungen werden kann, wäre es für die deutsche Buchbranche an sich vermutlicher sinnvoller, die Kräfte auf den Aushandlungsprozess mit Google zu beschränken.  Die Attacken gegen die offenen Kommunikationsformen der Internetkultur, die wenigstens im Zeitungsbereich von den Verlagen auf ihren Webauftritten selbst in großem Umfang und mit Bedacht eingerührt wurden, sorgen zwar nach wie vor für eine hohe weböffentliche Wirkung, sind ansonsten aber perspektivisch unfruchtbarer als jedes Blogposting. Solange Artikel 5 des Grundgesetzes in Kraft ist, wird es im Internet eine Auseinandersetzung mit Inhalten jedweder Art und auf jedweder Stufe intellektueller Feingliedrigkeit geben. Demnächst wird in LIBREAS ein Text von Joachim Losehand erscheinen, der sich mit dieser Kommunikationskultur intensiver befasst.</p>
<p>Richard Kämmerlings ist also nicht gänzlich zuzustimmen, wenn er aktuell Roland Reuß‘ mittlerweile eher peinlich wirkendem Wüten im Wasserglas gegen die DFG und diejenigen, die das Netz frisch, frei und von der Leber weg nutzen, weil sie es können, den Arm um die Schulter legt und schreibt: „Aber Versachlichung ist vielleicht auch nicht immer angemessen.“ Irgendwann wird sie eben doch notwendig, wenn man in der Debatte vorankommen möchte. Eine Fokussierung des Betrachtungsfeldes hilft dabei zusätzlich.</p>
<p>Die Situation stellt sich doch für die Buchbranche ganz gut dar: Das Problem mit dem Open Access ist im Großen geklärt und wird im Kleinen von den Autoren mit ihren Verlagen auf Einzelfallebene ausgehandelt. Als nächste Erkenntnis folgt hoffentlich, dass das Aufreiben an der Blog- und  Netzkultur zwar eine fröhliche brancheninterne Bauchpinselei darstellt und vielleicht sozialpsychologisch als Gemeinschaft über Abgrenzung erzeugendes Element eine gewisse Funktion erfüllt.  Daran, dass sich Adam Soboczynski und Kollegen an mehr oder unqualifizierten Kommentare zu ihren Artikeln gewöhnen müssen, wird  das „Wörterbuch des neuen Unmenschen“ (Roland Reuß) nicht viel ändern. Der Leserkommentar wird so normal, wie es heute in den Bibliotheken die Online-Kataloge und elektronischen Zeitschriften sind. Vor elf Jahren durfte man hinter diese Selbstverständlichkeiten des Bibliothekswesens im frühen 21sten Jahrhundert noch ein Fragezeichen machen.</p>
<p>Übrig bleibt heute ein klarer Interessenkonflikt zwischen dem Einzelakteur Google und den deutschen Verlagen. Die können jetzt auf ihren Urheberrechtstagungen auf Frau Weisl einschimpfen, deren Rolle es wohl mehr der eines Frustfängers als eines Gegenübers entspricht, oder versuchen, sich noch einen anderen Verhandlungspartner aus einer anderen Etage des Unternehmens einzuladen und mit ihm auf einer Sachebene ihr Anliegen zu diskutieren. Die mediale Tingeltour mit Botschaftern wie Roland Reuß und Volker Rieble hat dagegen deutlich an Charme und Anziehungskraft verloren. Die Frankfurter Tagung war nun hoffentlich der letzte Höhepunkt dieser Tournee aus Polemik und haltlosen Ressentiments. Berichte zur Veranstaltung gibt es zahlreiche. Auch Richard Kämmerlings hat wieder eine Zusammenfassung für die FAZ verfasst. Diese kann man hier lesen und mit der eigenen <em>Personomy </em> erschlossen in die <em>Social Bookmarking</em>-Plattform der Wahl ablegen: <a href="http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E52DC8184BCB64F9CBD2CDBFF15B1FA78~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Den Autor kann niemand entrechten</a>.</p>
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		<title>Das Netz als Feind. Warum ein Intellektueller das Internet mit Wut verfolgt.</title>
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		<pubDate>Mon, 25 May 2009 20:47:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
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		<description><![CDATA[PDF-Version
Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)
Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), Online) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kontext.edublogs.org/files/2009/06/kommentar_soboczynski_b.pdf">PDF-Version</a></p>
<p><strong>Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)</strong></p>
<p>Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), <a href="http://www.zeit.de/2009/22/Der-Intellektuelle">Online</a>) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe des Kulturpessimismus: Die permanente Bedrohung, das &#8220;Unverstanden sein&#8221; durch die Masse, die am Ende über die Demontage des Intellektuellen sich selbst mit in den Abgrund stürzt. Das erwartet man schon mindestens hundert Jahre und jeder Popularisierungsschritt des Zugangs zu Medien hat den Wärmeofen des Lamentos neu befeuert. Die wahren Gefahren drohten eigentlich immer aus einer anderen Richtung und es gab Zeiten, in denen das kritische Hinterfragen, welches das Markenzeichen des Intellektuellen darstellt, tatsächlich und buchstäblich an die Existenz gehen konnte. Abgesehen von der konkreten Feindschaft solcher politischen Macht, die vom intellektuellen Widerspruchsgeist in ihrer Ausübung nicht gestört werden möchte, existiert eine  latent immer präsente: Die der Masse. Man kann José Ortega y Gassets Klassiker zum „Aufstand der Masse“ dem Jahr 1930 an einer beliebigen Stelle aufschlagen und losjubeln: „Ja, genau so ist es!“ Zum Beispiel:</p>
<blockquote><p>„Wenn man im Leben fortschreitet, bemerkt man bis zum Überdruss, wie wenig Menschen zu einer Anstrengung imstande sind, die ihnen nicht als genaue Antwort auf eine äußere Notwendigkeit auferlegt wird.“</p></blockquote>
<p><span id="more-49"></span><br />
Der vermasste Mensch, so die These, ist nicht fähig, seine Lebenswelt anders als selbstverständlich gegeben zu nehmen und in den Tag hinein oder für schlichte Ziele zu leben. Aus dieser Nachlässigkeit heraus zerstört er seine Lebensgrundlagen:</p>
<blockquote><p>„Bei Hungerrevolten pflegen die Volksmassen Brot zu suchen und zu dem Zweck zerstören sie die Bäckereien. Das kann als Gleichnis für die Art und Weise dienen, wie sich in größeren und verwickelteren Verhältnissen die heutigen Massen gegenüber die Zivilisation aufführen, die sie ernährt.“</p></blockquote>
<p>Interessanterweise führt sich der industrialisierte Massenmensch gerade gegen die natürlichen Rahmenbedingungen seines Daseins entsprechend nachlässig und kurzsichtig auf. Davon abgesehen stürmen die Massen aktuell, so wird oft vermeldet, die sinnstiftenden Backstuben unserer Kultur: die Zeitungen, das Buch, die Deutungshoheit der Intellektuellen. Und so, wie die obigen Revoltierenden blind vor Hunger die Produktionsstätten der Grundnahrung demolieren, ohne es an sich böse zu meinen und nur, weil ihnen die Weitsicht beim Angriff auf die Macht, die ihnen die Lebensmittel vorenthält, sind es – den Gedanken einmal weitergesponnen – die Geltungs- und Bedeutungshungrigen, die die Festen der Sinnproduktion und Welterklärung stürmen. Das geschieht ganz nebenbei. Die Zeitung selbst soll gar nicht brennen, aber man will seinen Senf eben doch dazu tun. Die Masse nimmt also das Versprechen des Pluralismus in erschreckender Konsequenz ernst, in dem sie die Einlösung der Zersplitterung der Großen Erzählungen in Myriaden kleine Stories durch Aktivität einfordert. In den 1990er Jahren hat ihnen das Privatfernsehen vermittelt, dass ihre Stimme in Talk Shows Gewicht hat. Und dem durchblicksarmen Massenmenschen entging, dass nicht die Stimme selbst irrelevant war, sondern dass es darum ging, ihn wie bei einer Völkerschau als Gegenpol zu den Normalen und Projektionsfläche für die freie und wild wuchernde Meinungsbildung preiszugeben. Nun ist es also die Kommunikationswelt des Web 2.0 und nicht einmal mehr eine am kommerziellen Ausschlachten der Schicksale oder auch nur Absurditäten oder auch nur Durchschnittlichkeiten interessierte Vermarktungsinstanz, die zeigt, was die Menschen im Innersten am Rotieren hält.</p>
<p>Wo war der Unterschied zwischen <em>Riverboat</em> und <em>Vera am Mittag</em>, abgesehen vom Sendetermin? Richtig – die Art, die Nähe der Darstellung und die Auswahl des Publikums machten den Unterschied. Irgendwie aber existierten beide miteinander und man kam sich nicht ins Gehege.<br />
Das sieht in einer Kommunikationssphäre wie dem Internet, wo vor einer zentralen Zugangsinstanz alle Äußerungen auf der syntaktischen Ebene gleich sind, etwas anders aus. Im WWW verschwinden die Grenzen und die Abgrenzbarkeit. Typisch postmodern zeigt sich im Netz, dass eben Netz und nicht Kartei heißt, dass die Schubladen Wahrheit und Fiktion, Etablierter und Außenseiter, Profi oder Laie aufgebrochen und höchst durchlässig sind.</p>
<p>Der Aufstand der Massen im Web 2.0 ist vor allem ein Aufstand der bislang Gedeuteten, die nun selbst anfangen zu deuten und somit den Boden bearbeiten, auf den die professionellen Deuter bislang das exklusive Nutzungsrecht beanspruchten. Die Enzyklopädie ist schon bezwungen, die Kunstkritik auf dem besten Weg und die politische Analyse irgendwie auch. Als problembehaftet erweist sich dabei, dass die Laieninhalte nicht durchgängig inhaltlich fragwürdiger und schlechter lesbar als die professionellen sind. In den schön aufgeräumten Barockgarten der etablierten Deutungsvermittler wuchert ein Urwald an Äußerungen, der viel Kraut und Rüben und auch manche Orchidee enthält. Man kann dies als Bedrohung sehen oder als Chance. Dass die Gärtner am Rosenbeet, also z.B. die Zeitungen, vor dem Wildwuchs fürchten, darf man ihnen nicht verübeln. Dass sich aber diejenigen, die von sich behaupten, als Botaniker mit allen Gewächsen umgehen zu können, bedroht sehen, sorgt für Erstaunen. Und noch mehr die Trotzhaltung, mit der man der Situation begegnet: Dann zäunen wir uns eben unsere Wiese ein und mähen alles weg, was uns nicht passt. Das klingt schon ein wenig nach Schrebermentalität. Aber nicht nach den Intellektuellen.</p>
<p><strong>Der Intellektuelle und die Massen</strong></p>
<p>Bei Adam Soboczynski schimmert aber genau diese Einstellung durch die Zeilen. Hier brilliert die Arroganz einer Verzweiflung, die allerdings wenig Grundlage besitzt, außer der, dass in der Diskursökonomie, wo Aufmerksamkeit und Konzentration begrenzte Ressourcen sind, manche Stimmen öfter Beachtung finden als andere. Warum aber fürchtet der geschulte Denk- und Publikationsprofi die Attacken der Hobbykritiker? Wieso fühlt er sich angesichts der Mehrheit so überwältigt? Wieso staunt er Jahrzehnte nach Jean-Paul Sartres präziser Einschätzung derart über die Bedingungen, dass er sie in solcher Form wieder aufkocht:</p>
<blockquote><p>„der Arbeiterklasse suspekt, für die herrschenden Klassen ein Verräter, die eigene Klasse ablehnend, ohne sich ganz von ihr lösen zu können“ (Sartre, 1965)</p></blockquote>
<p>Nur haben sich mittlerweile die Klassen zugunsten von Lebensstilkonzepten aufgefasert und die herrschenden Klassen sollen, wie man hört, in der Globalwirtschaft eher von konkreten Akteuren gelöste systemische Phänomene des freien Marktes sein, die unkontrollierbar noch die mächtigsten Menschen auf dem Spielfeld marionettieren. Eine Systemausprägung, die gerade nicht auf unternehmerisches Handeln zurückzuführen ist, ist die Gruppenerfindung des Internets, in dem mittlerweile selbstverständlich alles durchökonomisiert ist, aber eben anders als noch im 20. Jahrhundert. Die Industrieproduktion und die damit verbundenen Produktionsmittel sind durch Sinnproduktion und symbolerzeugende Werkzeuge ersetzt worden.</p>
<p>Der Text im Web 2.0 unterscheidet sich maßgeblich und in jeder Hinsicht von dem jenseits des Netzes. Zweifellos ist es die Aufgabe des Intellektuellen, auch in diesem Kontext als Kultur- und Gesellschaftskritiker aktiv zu werden. Insofern ist Adam Soboczynskis Artikel durchaus zur rechten Zeit am rechten Ort erschienen. Aber eben inhaltlich derartig hilflos, dass die Krähen in der Masse gar nicht wissen, wo sie zuerst zuhacken sollen. Der Intellektuelle zeigt sich in diesem Text für diese Zeit als Kritiker erschreckend dürftig gewappnet.</p>
<p>Man kann an dieser Stelle nur vermuten, dass er gerade weil ihm das System, dass da in seiner Handlungssphäre wächst, so fremdartig erscheint, einfach ganz prophylaktisch auf Abwehrhaltung geht. Die paar Kommentare, in denen Nutzer mit – wie bitte! – „technokratisch verschlüsselten Namen wie muehl500“ in nicht allzu hochstechend formulierter Ausdrucksweise bemängeln, dass seine Besprechung eines Sloterdjik-Buches zu verschwurbelt und inhaltsarm daher kam – eine Meinung die ich übrigens nicht teile –, werden einen gewieften Intellektuellen doch nicht so aus der Bahn werfen, dass der intellektuelle Störenfried mit Anspruch auf gesellschaftliche Wirkung dem nicht-intellektuellen Quälgeist mit der Reichweite des Kommentarbereichs eines Online-Artikels derart viel Aufmerksamkeit widmet. Oder doch? Man kann als Intellektueller immerhin bequemer auf eine lange Tradition von Anti-Intellektualismus rekurrieren um obendrein einer fröhlichen „Kulturkatastrophe“ zu frönen. Originell ist das freilich nicht und für die Kritik im Jetzt nur ein Winken mit einer Krücke. Im Jahr 1979 klagte z.B. Heinz Friedrich in seinen Nachrufen auf das Abendland über „Stoffhuberei, Informationstechnik, Trivialität und geistiges Gleichheitsprinzip“ als Merkmale der Bildungsdemokratie. Das kann man so im Mai 2009 genauso formuliert in jeder deutschen Tageszeitung unterbringen.<br />
Adam Soboczynski stand 1979 vor dem Einstieg in das Bildungssystem und hat es immerhin doch zu einem erfolgreichen Denker und Autoren und mehr oder weniger anerkannten Intellektuelle geschafft. Der Mensch der 1970er Jahre hat es gelernt, trotz aller Beschwörungen Heinz Friedrichs an die Eindämmung massenmedialer Reizüberflutung, in einer sich seit dem erst so richtig verbreiternden Medienwelt zurechtzufinden und ist jetzt 30 Jahre später im Durchschnitt vermutlich auch nicht dümmer oder klüger als damals. Es ist (fast immer) unglaubwürdig, wenn man behauptet, dass heute alles schlechter ist: Das Leichte und Eingängige überflügelt naturgemäß das Schwere und Sperrige und man wäre Adam Soboczynski dankbar, wenn er ein Zeitalter benennen könnte, in dem das nicht so war. Schiller hatte für seine Zeitschrift „Die Horen“ auch den einen oder anderen Kompromiss in puncto Absatzchance einzugehen. Wohin also die Sehnsucht nach einer prä-nutzerpartizipativen Zeit zielt, ist nicht ganz klar.</p>
<p>Aber angesichts dessen, was man kritischen Intellektuellen in vergangenen Jahrhunderten angetan hat, erscheint es verwunderlich bis zynisch, wenn man sich in einer Zeit, in der es derart einfach ist, seine kritische Stimme überhaupt zu publizieren und ein Publikum finden zu können, dass sogar die Gegenrede direkt zum Text stattfinden kann, über eine Einschränkung seiner Entfaltungsmöglichkeiten beschwert. Dass Intellektualismus zu einem allgemein akzeptierten und teilweise – in manchen Ecken der Hauptstadt – fast zu modisch eingekleideten Lebensstil geworden ist, dass der Intellektuelle frei und wild und hochkritisch denken und schreiben kann, hat als Errungenschaft natürlich die Kehrseite, dass vielfach die Reibung fehlt, an der sich die Wirkung entzündet. Die Stimme klingt, sie wird nur wenig gehört. Der fröhliche Chor einer vielstimmigen und multioptionalen Kommunikationskultur hat ihn in der Tat – je nach Sichtweise – vom Thron gestoßen oder der Dornenkrone beraubt. Er ist nicht mehr naturgegeben der Ungleiche unter den Gleichen, sondern nur ein Verschiedener und Verschiedenen. Die Hauptaufgabe für den Intellektuellen der postmodernen, digital orientierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wird es in dieser Phase sein, sich mit der Situation zurechtzufinden. Der Beitrag Adam Soboczynskis ist stärker unter dieser Intention zu lesen als als Netzkritik. Er ist Ausdruck der schmerzensreichen Erfahrung einer Transformation.</p>
<p>Der Preis für die freie Meinungsäußerung im Netz scheint in der Tat einerseits das Einbrechen von Mustern, die man aus der Warenökonomie kennt und andererseits ein Überborden der getätigten und sichtbar werdenden Äußerungen. So neu ist aber auch das nicht. Der Buchmarkt ist seit je ein steiles Kopfsteinpflaster (bergauf) für quer liegende Gedanken gewesen und hat eher den Massengeschmack hofiert als „Kritisches im alten Wortsinne […]: Artikel, die sich der Kunst filigraner Beurteilung und Unterscheidung, der gewagtem Infragestellung von Sachverhalten widmen.“ Dafür gab es immer ein paar publizistische Inseln und es würde verwundern, dass solche nicht auch im WWW ihre Leserschaft fänden. Es gibt in der Berliner Auguststraße ein Fachgeschäft für Zeitschriften aus aller Welt, die eindeutig die These unterlaufen, dass Print tot sei und es keine klugen Ideen mehr gibt. Es handelt sich zugegeben um Nischenpublikationen für Nischenmärkte, aber egal ob <em>Cabinet</em> oder <em>The Believer</em>: sie finden ihr Publikum. Auch wenn die Idee des <em>Long Tail</em> mittlerweile als überholt gilt, da sie eben doch vom großen <em>Retailer</em> ausging, der ein Komplettsortiment bis in die letzte Verästelung führt: Die symbolische Nische lebt, ist hoch kreativ, nicht durchgängig auf höchstem Niveau, aber dafür auf der Höhe der Zeit. Und es lässt sich in ihr leben.</p>
<p>Der Massenmarkt erodiert und entwickelt gleichzeitig wieder als Ausgleich die Integrationsmedien zwischen intellektueller Elite und zeitgeschichtlichem Interesse. Die ZEIT, deren Auflage mit weit über einer halben Millionen Exemplaren so hoch ist, wie noch nie, erfüllt eine solche Funktion und führt die beiden Interessengruppen an einer Stelle und auch auf einer Webplattform zusammen.<br />
Der durchschnittliche Zeitungskommentar im WWW hat sicher auch in der Webwelt keine Adorno-Ausgabe im Schrank bzw. irgendwann durchexzerpiert. Nun stößt er zufällig auf einen entsprechenden Text, versteht ihn nicht, schreibt nicht besonders feinfühlig „Versteh ich nicht“ drunter. Wo liegt das Problem? Dass der Autor nicht nur Salbung,  sondern mitunter auch einen Knüppel abbekommt. Da hat, nebenbei gesagt, das professionelle Feuilleton der letzten fünfzig, sechzig  Jahre schon ganz anders ausgeteilt. Und dort war es manchmal sogar vorsätzlich bös gemeint. Auf der Diskursebene wurden die Intellektuellen immer noch am stärksten von ihren Klassenkameraden attackiert. Das Massenpublikum hat sie, trotz aller Bemühungen, kaum zur Kenntnis genommen. Nun stellt sich manchmal eine Konfrontation ein und statt sich darüber zu freuen, dass vermehrt eintritt, was man vor einer Handvoll Jahrzehnten noch in Programmschriften beschwor, zeigt man sich angegriffen.</p>
<p>Die Frage lautet also besser nicht, „Wo ist das Problem?“, sondern „Wo liegt die Möglichkeit?“ Antwort: Darin, dass doch jemand der Adorno, Sloterdijk oder Adam Soboczynski bisher nicht vorrangig auf dem Zettel hätte, zufällig hineinstolpert, in seiner Irritation ein Interesse entwickelt und mal nachliest. Dazu braucht er aber auch manchmal einen Text, der ihm die Tür aufschließt. Überheblich loszuwummern, es gäbe einfach keine Leser, die „Unverstandenes als Antrieb begreifen, ihre Bildungs- und Konzentrationsdefizite zu beheben“ drückt vor allem eines aus: Hoffart.</p>
<p>Die symbolische Kultur befindet sich in einem unglaublichen Aufwind. Wer schreibt, entwickelt nahezu zwangsläufig ein Interesse an Text. Das sich dabei alle zu Kleistexegeten entwickeln wollen, ist sicher nicht das Ziel und von den Experten auch nicht gewünscht. Dass sie aber vielleicht irgendwann nach tausend Blogpostings erkennen, welche Qualität in den Texten steckt, da sie gelernt haben, wie schwer es ist, Zusammenhänge sauber und verständlich zu formulieren, darf man schon erwarten. Man erreicht nach wie vor nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Aber einen nennenswert größeren. Sich hinzustellen und der Zeitleserschaft etwas von der Gefährdung der eigenen Art vorzuschreiben, zeigt dagegen, wie wenig man sich selbst in diesem Umfeld zutraut, das am Ende genauso textbasiert ist wie das, in dem man sich traditionell bewegt. Daher ist der vorauseilende Gehorsam mancher Medienberater, die den Trend zum kürzeren Artikel in einer glattgebügelten Sprache (mitreißend, unterhaltend, nicht zu schwer) an vielen Stellen eine Kurzschlussanalyse. Hier wäre eine Kritik Soboczynski’schen Furors auf eine weitaus bessere Adresse gemünzt als bei seiner Leserschaft.</p>
<p>Aus der allgemeinen Wahrnehmung eine systematische Attacke gegen den Intellektualismus an sich und auch gegen die Kultur zu erkennen, folgt zwar gewissen Traditionen,  erscheint aber bei Lichte besehen in der vorliegenden Form mehr als verstiegen. Ein kurzer Blick auf das E-Book-Programm des Meiner-Verlags jedenfalls  führt beispielsweise nicht gerade zu der Erkenntnis, als würde man dort „sogenannten Contents radikal dem internetspezifischen Marktprinzip unterwerfen.“ Die kennen ihre Kunden und gehen damit locker um. „Der Ignorabimus-Streit“ wird sicher deutlich weniger verkauft als Adam Soboczynskis &#8220;Polski Tango&#8221; (den Amazon-Verkaufsrang als Indikator genommen). Und &#8220;<a href="http://www.perlentaucher.de/buch/25037.html">Polski Tango</a>&#8221; wird vielleicht weniger gelesen als ein Posting auf Spreeblick. Und dennoch leben alle ganz gut nebeneinander.</p>
<p><strong>Die Rolle des Intellektuellen</strong></p>
<p>Die Frage, die sich nach der Lektüre des Artikels stellt, lautet, welche Rolle die Intellektuellen, sofern sie überhaupt derart grobmaschig festlegbar sind, spielen und spielen können. Der Intellektuelle nach dem im Artikel propagierten Muster ist der so Wirkmächtige wie dabei Unverstandene am Rande, der „aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt, ist der Einzige, der die Bedingungen der Staatsform, in der er lebt, zu reflektieren vermag. Er stabilisiert Demokratie, indem er sich ihr &#8220;wesenhaft entzieht.“ Seine Stimme zählt und zwar mehr als andere. Gerade in der Demokratie.</p>
<p>Mit solcher Selbstbeschreibung besteigt Adam Soboczynski ein ziemlich hohes Ross und zwar eines, das so hoch ist, dass er sich das Geschmacksurteil von profanen Nutzern wie muehl500 verbitten und sich gern unverstanden fühlen darf. „Was kompliziert scheint, wird verhöhnt.“ Hohn und Spott sind in der Tat beliebte diskursive Werkzeuge derer, die etwas nicht verstehen, sich aber dazu äußern. Warum zeigt sich aber der Intellektuelle, dem dieser Fakt doch klar sein müsste, derart dünnhäutig und schleudert einem Kommentator der ZEIT gleich einen Feuilletonseiten-Artikel an den Kopf? Um zu zeigen, wer hier die Autorität, also die Deutungshosen an hat? Der Intellektuelle, der von sich behauptet, die Gesellschaft in der er sieht, aus der Vogelperspektive, fürchtet sich – nach seiner Logik – vor einem Steinwurf aus dem froschenen Blickwinkel. Auf eine Beschimpfung mit einer gut ausformulierten Gegenbeschimpfung zu antworten demonstriert vielleicht Fingerfertigkeit im Umgang mit der Sprache. Führt aber sicher nicht zu einer Klärung, geschweige denn einer Verständigung.<br />
Wer das Netz aber eine Weile nutzt, weiß in der Regel Bescheid, wie die 1-5 Sterne der Bewertungen, wie Kommentare zu gewichten sind. Nämlich nicht zu hoch. Nicht alles zu glauben, was im WWW steht und gerade die einfachen Urteile kritisch zu hinterfragen, gehört eigentlich zur Grundkompetenz eines jeden, der ein Browserfenster ab und an öffnet oder auch sonst sehenden Auges durch die Welt geht. Wo dem nicht so ist, muss es schon für den Selbstschutz vermittelt werden. Dafür gibt es Institutionen und dafür gibt es auch die Intellektuellen, die in gewisser Weise aufgrund ihres (manchmal nur selbsterklärten) Erkenntnisvorsprungs eine gewisse Aufklärungspflicht besitzen. Dies entspräche dem Verständnis von der Rolle des Intellektuellen, das die Schriftstellerin Sylvia Kabus in der aktuellen Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ für die Intellektuellen in Osteuropa angibt (und explizit im Gegensatz zur DDR):</p>
<blockquote><p>„Intellektuelle, so hängt es im Raum, sind in der DDR beim Volk nicht sonderlich geachtet. In Polen, der CSSR, Ungarn stellen wir uns eine aufrichtigere Nähe zum Volk, zu allen nicht akademisch Gebildeten vor, stärkere intellektuelle und seelische Intensität, auch aus nationaler Leidenschaft erwachsend, das Eintreten für Beleidigte und die Hinnahme von Not und äußerer Erfolglosigkeit, wenn es die Selbstachtung verlangt. Ist das proletarisch? Protestantisch? Indianisch? Frühantik? Es ist die Sehnsucht, eine Art Grundbedürfnis zu stillen: aus dem möglichst zunehmenden, reifenden Ich heraus den Weg auch zu anderen zu finden, fühlbar zu nutzen und anwesend zu sein.“ (Kabus, Sylvia: Kleine Tragödie des Lachens. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 21-22/2009, 18. Mai 2009, <a href="http://www.bpb.de/publikationen/JEVPYM,0,Kleine_Trag%F6die_des_Lachens.html">Online</a>)</p></blockquote>
<p>Wenn man also Leitfigur sein möchte, dann bitte richtig und nicht im Selbstgespräch analog zum Bullenzüchterzirkel. Der Intellektuelle, der als Taucher in die Tiefe geht und nicht auch ab und an irgendeine Perle von dort unten an die Oberfläche bringt, ist natürlich nicht weniger intellektuell nach seinen Begriffen. Aber er bleibt hinter dem gesellschaftswirksamen Anspruch zurück, der ihm eigentlich zusteht. In Jean-Paul Sartres <em>Plädoyer für die Intellektuellen</em> aus dem Jahr 1965 findet sich als eine Aufgabe ausgeführt: „das Wissenskapital, das die herrschende Klasse geliefert hat, zur Hebung der Bildung im Volk verwenden – das heißt, den Grundstein für eine universelle Kultur zu legen“ (S.125)</p>
<p>Bei einem Adam Soboczynski wie er hier aufspielt ist dieser Intellektuelle als „Vermittler praktischen Wissens“ (Sartre) offensichtlich nicht wohl gelitten. Er sieht sich als Opfer zweier Herren: der Masse und ihren Lenkern. Und attackiert wie in einer Übersprunghandlung dort, wo die größte Chance besteht, dieses Verhältnis zu perforieren. Während er  also die Masse in einem schlichten zweipoligen Modell als quasi natürlichen Feind des Intellektuellen ausmacht und in der Möglichkeit, der freien und durchsuchbaren Meinungsäußerung durch die Masse im Internet eine besondere Gefährdung seines Status‘ sieht, wird in Sylvia Kabus‘ Schilderung die Möglichkeit erwogen, den Intellektuellen konkret im Dienst an der Gesellschaft und damit an der Masse zu verstehen. Konfrontation oder Dialog?</p>
<p>Die Kommentare, die Adam Soboczynski so ins Mark trafen, lassen sich im Prinzip als Äußerung der Masse sehen, dass seine Botschaft von ihr nicht verstanden wird. Dass die ZEIT ihm den Raum einräumt, darüber breitseitig zu sinnieren, zeigt, dass sie die Debatte als Zielgruppenadäquate bewertet. Kritik am Web verkauft sich momentan hervorragend und die weit über hundert Leserkommentare auf ZEIT <em>online</em> verweisen auf ein weitaus Vielfaches an Seitenaufrufen, die neben dem eigentlichen Artikel auch Kleinanzeigen mit „DSL-Tarifrechner“ und „5 Tipps für Flachen Bauch“ auf den Bildschirm bringen.</p>
<p>Man kann, wenn man von der Masse verstanden werden will, ankämpfen und sie auffordern, sich gefälligst solange weiter zu bilden (passende Kleinanzeigen liefert ZEIT <em>online </em>mit), bis man sich vielleicht nicht als intellektuell ebenbürtig aber doch als gelehrtes Publikum fühlen darf, das vor allem die Höflichkeit gelernt hat, nicht unqualifiziert dazwischenzufunken. Obschon das Medium explizit dazu einlädt.</p>
<p>Man kann aber ebenso versuchen, auch die ungeschlacht hervorgebrachte Äußerung ernst zu nehmen (und von den reinen Provokationen abzuscheiden). In vorliegenden Fall des „Netz als Feind“ wird ein unglücklicher Zwischenweg gewählt: Eine Publikumsbeschimpfung, die zeigt, dass der Autor ernsthaft getroffen ist, sich aber aufgrund dieses Treffers in den Schmollwinkel verzieht, um sich eins mit all den gehassten Intellektuellen der Weltgeschichte zu fühlen. Der Text in der ZEIT dient zur Bekanntgabe dieses Schrittes und als Ruf nach Bestätigung. In solch einem Massenmedium ist es nicht schwer, gehört zu werden. Und er enthält womöglich auch einige Töne, die man aufnehmen sollte. Aber wirklich folgen möchte man nicht, wenn er dergestalt mit der Tür aus dem Haus fällt.</p>
<p>Bei allem Respekt vor dem Jahrhundertwerk von Ortega y Gasset: Die von 1940 bis heute stabile und mit ähnlichen Formulierungen klingende Klage zeigt doch erstens, dass es hier ein durchgängiges und nicht vom neuen  Medium Web abhängiges Phänomen ist und zweitens, dass die Intellektuellen trotz allem bis heute überlebt haben. Es ist durchaus die These denkbar, dass gerade die Massenkultur, die Medienkonsum verglichen zu Ortegas Zeiten ungeahntem Umfang ermöglicht hat, erst – quasi als immanenten Effekt – die Bedingungen hervorbrachte, die einer größeren Zahl von Menschen die Kulturreflektion und das Leben von dieser Tätigkeit erst möglich machte. Eine Auflage von über 500.000 und vielleicht eine Viertelmillionen Leser, die sich selbst als intellektuell bezeichnen würden: Davon konnte man bei der Weltbühne, die in Glanzzeiten an der 15.000 Exemplare-Grenze kratzte nur träumen. Bei diesem Wert liegt momentan die Auflage von Theater heute. Trotz des wuchernden Internets.</p>
<p>Das Web 2.0 ist eine Fortsetzung dieser Popularisierung von Kultur an sich, die zwar die Massenkultur fördert, aber parallel eben auch die Hochkultur. Nun setzt nach der Durchsetzung der  Massenrezeption die Massenproduktion bzw. ihre Möglichkeit ein. Es erscheint als das passende Werkzeug zur pluralen und reflexiven Gesellschaft, die in sich und allem was sie tut, ambivalent ist. Der Intellektuelle des frühen 21. Jahrhunderts muss das Nicht-Eindeutige, das Vielstimmige und das sich Entziehende denken. Auch das Netz, nicht das manifeste Schema. Er muss sich selbst hinterfragen und lernen, sich nicht übermäßig gewiss zu nehmen. Sein Text ist mehr Uwe Johnson als Thomas Mann.<br />
Eigentlich sollte man meinen, dass sich der Intellektuelle aus seiner überlegenen Warte besonders kompetent und kreativ und kritisch  im Umgang mit neuen Ausdrucksformen umgeht. Und auch als Chance für sich und seine Tätigkeit begreift.</p>
<p><strong>Der Intellektuelle und die „Revolution“</strong></p>
<p>Gerade die Kommunikationsmöglichkeiten des Web 2.0 entheben den Intellektuellen wie auch jeden anderen den Beschränkungen, die ein weitgehend rein auf Verkaufbarkeit orientiertes Publikationssystem zwangsläufig enthält. Die Ökonomie des Bestsellers kann unterlaufen werden. Der feinsinnige Blog kann immerhin entstehen – und bei Bedarf nach fünf Jahren auch noch einmal als Suhrkamp-Band gedruckt werden. Richtig: Man verdient auf der ersten Ebene kein Geld damit. Nur wird jeder Intellektuelle diese Motivation als zweitrangig abhaken. Und auf der zweiten Ebene sammelt man als Experte mitunter soviel soziales Kapital, dass sich über Vorträge oder honorierte Publikationen doch wieder Einnahmen erzielen lassen.</p>
<p>Tatsächlich leben heute viele Journalisten und intellektuell Tätige in Bedingungen, die es ohnehin erfordern, zusätzlich Einkommensmöglichkeiten jenseits des Denkens und darüber Schreibens wahrzunehmen. Das Zeilenhonorar, das für einen oft redaktionell auf den Platz in der Zeitung und mögliche Lesererwartungen passend redigierten Text irgendwann verspätet auf das Konto trudelt, ist nicht selten bestenfalls ein Zubrot. Wem am freien Diskurs gelegen ist, der sollte eigentlich das Ende der Abhängigkeiten von einer über Wohl und Wehe des Textes entscheidenden Redaktion, die dann den lange recherchierten Artikel doch wieder verschiebt, weil inzwischen ein aktuelles Ereignis mehr Aufmerksamkeit bündelt und entsprechend Vorrang hat, begrüßen.</p>
<p>Die mediale Zukunft im Web ist offener denn je. Dass die eigene Arbeit als Erwerbsarbeit untauglich ist, wird ohnehin zu einem Problem, das in einem viel weiterreichenden Rahmen gelöst werden muss. Hier treffen sich Intellektueller und Facharbeiter auf demselben Flur und vielleicht sogar im selben Webforum. Die Aussage  „Ein vom Verlag angestellter Journalist ist gegenüber dem Blogger immer schon im Unrecht“ ist genauso verkehrt wie ihre Umkehrung. Nur wird es womöglich bald keine vom Verlag angestellten Journalisten mehr geben, denn der Einkauf des Beitrags eines Bloggers ist für die Zeitung allemal günstiger. Man muss das nicht gut finden, aber man wird anerkennen müssen, dass es verschiedene Formen der Beziehung zwischen Publikationsmedien und Autoren gibt. Es gibt nicht den „Blogger“. Und es geht hier auch nicht um Recht- und Unrechthaberei.</p>
<p>Immerhin bewirkt der Medienwandel, dass immer mehr Menschen schreiben, mehr oder weniger bewusst mit Medieninhalten hantieren und in eine textuelle Kommunikation treten. Das Niveauist, etwas ungerecht schematisiert,  in der Tat oft mehr BILD als ZEIT. Aber abgesehen von Aspekten wie Lektorat und Stil scheint es nicht unbedingt nennenswert anders verteilt als bei dem, was aus der Gutenberg-Galaxis so alles in den Buchhandel rotiert. Zudem zeigt ein großer Teil dessen, was gerade in Foren oder als Kommentar geäußert wird, deutlich seine Wurzeln in der Oralität: Man schreibt, was man auch sagen würde, wenn denn einen jemand nach der Meinung zu einem Inhalt fragte. Das passiert nun vielleicht in der wirklichen Welt nicht allzu oft, weswegen gerade die sonst wenig Gefragten nun besonders gern mit ihrem Verständnis in die Diskussion eintreten wollen. Dabei sind die „Fetische“ „Kooperation und Austausch“ bestenfalls als <em>Marketing-Buzzwords</em> von Bedeutung. Denn das eigentliche Element, ist die Freude an der Sache. Und vielleicht, aber mit einigem Abstand, die Hoffnung auf den Erwerb sozialen Kapitals. Ohne eine Lust am Text im Web würde es keine Blogosphäre geben. Der Kitzel, den der Blogger dabei empfindet, wenn er über seine Radwanderung durch den Naturpark Dahme-Heideseen berichtet, dürfte sich nicht unbedingt großartig von des Intellektuellen unterscheiden, der gegen das Web anschreibt.</p>
<p>Aber was unterscheidet die Teilnehmer am Laiendiskurs im Web 2.0 vom Intellektuellen Adam Soboczynski? Der Bildungshintergrund? Die Publikationsliste? Das Selbstbild? Die Unbedarftheit? Seine Reaktion auf die Kommentare zu seiner Sloterdijk-Besprechung zeigt deutlich, dass er  bei der Bewertung der Kommunikationskultur im Internet bestenfalls auf einen laienkulturellen Qualifikationsstand zurückgreifen kann. Jede/r ist Laie, irgendwo. Sicher kann man argumentieren, er hat niemanden zum Kommentieren eingeladen. Aber dann muss er sich wirklich einmal als „Gegner selbst noch des Publikationsorgans, für das er schreibt, das ihm – dem ersten Anschein nach in geradezu widersinniger Weise – den Broterwerb sichert“, erweisen und eine Webpublikation seiner Texte untersagen. So erscheint er aber nur wie ein Liebhaber der Neuen Musik, der in einem Technoclub auf dem Tanzboden steht und sich beschwert, dass niemand Karlheinz Stockhausen auflegt.</p>
<p>Der Art von Intellektualität, die sich in „Das Netz als Feind“ äußert und völlig überzogener Weise davon ausgeht, dass das Medium den Boden für einen Hass auf Intellektuelle bereitet, fehlt es offensichtlich und bedauernswerter Weise an Fantasie und Fähigkeit, ihre Diskuspraxis adäquat in digitale Diskursumgebungen zu übertragen. Natürlich scheint es zunächst so, als würde der Nischenblogger mit seinen sorgfältig ausformulierten kulturkritischen Texten angesichts der bloßen Masse weniger elaborierter Sinn- und Symbolangebote untergehen. Unter Strich erreicht aber vielleicht doch mehr Leser als je zuvor. Und womöglich sogar offenere, verständnisvollerer, interessiertere.</p>
<p>Denn das Web als Möglichkeitsraum erlaubt eigentlich einen vielfältigen Dialog jedweder Art. Die Komplexität erweist sich in der Praxis sicher als Grenze und das Hauptproblem. Das heißt nicht, dass man für den Umgang damit nicht eine wunderbare pragmatische Lösung findet, an deren Ende ein „mehr als zuvor“ steht.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Es liegt der Verdacht nahe, dass es in den breit geführten Deutungskämpfen weniger um eine Intellektuellenfeindlichkeit geht, sondern darum, dass sich eine mitunter mehr erklärte denn bewiesene Geistesaristokratie mit einer Entwicklung konfrontiert sieht, die ihren bisherigen Erklärungsmodellen nicht entspricht. Eine besondere Furcht scheint man vor der „free culture“ zu haben, die einerseits – was man noch als Piraterie erklären kann – die Rezeption dem Verwertungsregeln entzieht und andererseits, was für die klassischen Medien und Deutungsinstanzen noch schwerer zu verstehen ist, Inhalte jenseits eines ökonomischen Verwertungsanspruches erstellt und verteilt. Es ist unwahrscheinlich, dass eine nennenswerte Zahl von Akteuren tatsächlich auf Intellektuellenhatz zieht oder das Medium Zeitung ruinieren möchte.</p>
<p>Was vielmehr geschieht, ist, dass sich bestimmte Gruppen Medienumgebungen schaffen, die ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechen. Man kann dies mit pejorativen Kügelchen wie  „Unbedarftheit“ oder „Laienkultur“ beschießen. Man wird sie aber nicht treffen. Die Autoren der Wikipedia schreiben nicht gegen Adam Soboczynski und auch nicht gegen den Brockhaus. Sie schreiben, weil es ihnen Freude macht. Sie erheben gerade nicht den Anspruch, ein fertiges und perfektioniertes Werk abzuliefern. Sie schreiben einen unendlichen Raum, in dem sie ihre Erkenntnis einbringen, verändern, kommentieren und diskutieren. Sie stören sich nicht an Unabgeschlossenheit und an Vorläufigkeit. Sie basteln an ihrer Wirklichkeit.</p>
<p>Die Wikipedia ist weniger eine Enzyklopädie als eine Plattform, auf der Debatte darüber geführt werden, wie bestimmte Phänomene im Allgemeinen beschreibbar sind. Sie ist sozusagen ein dynamisches Volkslexikon. Die Expertenlexika scheitern nicht an der Wikipedia, sondern an den Möglichkeiten eine in komplexen Verästelungen erkannte Welt adäquat und in einer nach ihrem Geschäftsmodell wirtschaftlich tragfähigen Form abzubilden. Die Wikipedia ersetzt sie nicht – bereits die CD-ROM in den 1990er Jahren galt als Ablösung der Printausgaben. Sie stellt eine Nutzungsform des virtuellen Möglichkeitsraums WWW dar.</p>
<p>Es ist an vielen Stellen in den Kommunikationswelten des Web 2.0 sicherlich von einer gewissen Naivität gepaart mit oft erschreckend stumpfer Technikeuphorie  auszugehen. In jedem Fall gibt es auch hier unerfreuliche Nebeneffekte, die zu durchleuchten, zu analysieren und wo möglich auszugleichen sind. Die Intellektuellen haben darüber hinaus auch die Aufgabe, in die Suppe zu spucken, müssen aber auch damit rechnen, selbige im Anschluss wie alle anderen auslöffeln zu müssen. Auch sie sind nur eine Klasse mit beschränkter Weitsicht. In der aktuellen Gesellschaft scheinen sie aber im Gegensatz zum Lärm, den mancher schlägt, eigentlich wenig bedroht und so kann man sich dem Eindruck nicht gänzlich entziehen, dass sie sich eben nicht den geltenden Kommunikationsprinzipien entziehen, sondern fein nach den Regeln mitspielen: Je mehr man öffentlich betont, wie wichtig man ist, desto mehr meint man sich zu legitimieren und abzusichern. Adam Soboczynski irrt, wenn er meint, (mit) &#8220;zum Plumpesten gehört die Kritik an der Kulturkritik.&#8221; Denn die Kritik an der Kritik an der Kulturkritik erweist sich manchmal als noch gröbere beleidigte Leberwurst. Sich hinzustellen und Karl Kraus‘ berühmte Überspitzung „Eine Welt, die ihren Untergang ertrüge, wenn ihr nur seine kinematographische Vorführung nicht versagt bleibt“ auf die Kommunikationstechnologie des frühen 21sten Jahrhunderts zu übertragen, ist zwar ein wohliges Schlammbad im selbstmitleidigen Glück des Unverstandenen. Aber es enthält in der in ihm wohnenden Arroganz der Verzweiflung keinen Funken Lösung. Eine sich mit der Ausrufefrage „Aber auf welchem Niveau?!“ auf eine aus Stilbewusstsein und anspruchsvoller Wahl der Bezugspunkte berufende Autorität wird den Bedingungen, unter den der Intellektuelle im Jahr 2009 lebt und denkt, nicht gerecht. Und lässt die gelassene Überlegenheit vermissen, die den Intellektuellen gemeinhin auszeichnet.</p>
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		<title>Hunde, sollen sie ewig stehlen? Der Heidelberger Appell und sein argumentatives Umfeld</title>
		<link>http://kontext.edublogs.org/2009/03/24/hunde-sollen-sie-ewig-stehlen-der-heidelberger-appell-und-sein-umfeld/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 Mar 2009 19:23:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalität]]></category>
		<category><![CDATA[Heidelberger Appell]]></category>
		<category><![CDATA[Open Access]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;
Ergänzung, 26.03.2009
Eine üppige Web- und Blogografie zum Thema gibt es auf infobib: Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”
_____________________________________
Oh Schreck, wie infiziert die deutsche Sprache doch ist, wenn es um Heidelberger Appelle und das, was drum herum geschieht, geht.
Matthias Spielkamp teilt sich in seinem Text zum Thema auf perlentaucher.de mit mir den Topf mit dem Quirl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;</p>
<p>Ergänzung, 26.03.2009<br />
Eine üppige <em>Web</em>- und <em>Blogografie</em> zum Thema gibt es auf infobib: <a title="Permanent Link: Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”" rel="bookmark" href="http://infobib.de/blog/2009/03/25/materialsammlung-rund-um-den-heidelberger-appell/">Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”</a><br />
_____________________________________</p>
<p>Oh Schreck, wie infiziert die deutsche Sprache doch ist, wenn es um Heidelberger Appelle und das, was drum herum geschieht, geht.</p>
<p>Matthias Spielkamp teilt sich in <a href="http://www.perlentaucher.de/artikel/5347.html">seinem Text</a> zum Thema auf perlentaucher.de <a href="http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=6736">mit mir</a> den Topf mit dem Quirl und bei Roland Reuß nicht übermäßig <a href="http://www.textkritik.de/digitalia/antwort.htm">überzeugender Replik</a> auf Gudrun Gersmanns Kritik auf seinen eigenartigen Initialartikel findet man das Feuerbild wieder:</p>
<blockquote><p>»Im Wald, da sind die Räuber« – aber wer kommt deshalb gleich auf den Gedanken, den ganzen Wald brandzuroden?&#8221;</p></blockquote>
<p>Zum Glück ist man nicht bei Holger Fock angelangt, der sich in <a href="http://www.textkritik.de/digitalia/fock.htm">einer E-Mail</a> bei Roland Reuß über eine <em>File-Sharing</em>-Plattform ausschimpft:</p>
<blockquote><p>Ich hoffe, die gehen rechtlich gegen diese        &#8220;onlinearchive&#8221; vor (auch gegen die mit jener Seite         verlinkten). Das wird sicher nicht einfach: Glauben die         Hunde[sic!] doch, sie seien rechtlich auf der sicheren Seite durch         den Hinweis, der Download sei natürlich nur erlaubt, wenn         der User das Buch in der gedruckten Fassung besitze – das       schlägt dem Buch die Seiten weg.</p></blockquote>
<p>Die Hunde, die! Das ist wirklich 08/15. Es werden also so langsam die härteren Saiten der Sprache aufgezogen. Zumal Roland Reuß quasi zum Festival der Polemik aufruft und sich beklagt, wenn die Gegenseite nicht einstimmt:</p>
<blockquote><p>Zunächst dies, daß sie meint, es nicht nötig zu haben, auf »eine Polemik mit einer Gegenpolemik zu antworten«. Offenbar spürt sie den Wind des Fortschritts so sehr in den geblähten Segeln, daß sie sich in die staubigen Gefilde des Streites – und sind wir hier nicht tatsächlich auf solchem Terrain? – nicht zu bequemen braucht. Warum eigentlich? Was spricht gegen eine Polemik, wenn die Sache es gebietet?</p></blockquote>
<p>Wer so das Visier aufklappt, ruft sich womöglich Geister, die er gar nicht rufen wollte. Aber sich selbst bloß stellen, indem man die Diskussion mit dem Argument hinter den Tjost mit der plumpen Zuspitzung zurückstellt, dient der Sache leider wenig. Spricht hier bereits die &#8220;gueule de métèque&#8221;? So fällt man jedenfalls schnell vom Pferd. Je länger man sich auf <a href="http://www.textkritik.de">www.textkritik.de</a> bewegt, desto weniger gelingt es, das Reuß&#8217;sche Rufen wirklich ernst zu nehmen. Fast erscheint es, als würde hier altgediente Wissenschaftler gerade erst verstehen lernen, was Digitalität und digitale Wissenschaft bedeuten. Die Dynamik und Strukturmerkmale der Prozesse sind allerdings offensichtlich noch immer nicht ganz verstanden.<br />
So <a href="http://www.textkritik.de/digitalia/florilegium.htm">nimmt sich</a> Uwe Jochum eine(!), im Umfang eher kleine und  drei Jahre alte(!)  <a href="http://eprints.rclis.org/8804/">Studie</a> aus einem Repositorium(!) als einschlägige Versicherung dafür, dass Open Access zu teuer ist und ignoriert die vielzitierte Arbeiten John Houghtons (hier eine Präsentation <a href="http://www.dfdf.dk/images/stories/pdf/vinterinternat_2009/microsoft_powerpoint_-_john_houghton.pdf">als PDF</a>), während Roland Reuß eine <em>Coda</em> lang an &#8220;technokratischem <em>slang</em>&#8221; verzweifelt und jedem, der das Wort &#8220;barrierefrei&#8221; benutzt schon angesichts dieses Sprachgebrauchs ein Legitimationsproblem unterschieben möchte.</p>
<p>Man fürchtet beinahe, ein Mob heißgelaufener Urheber marschiert demnächst mit lodernden Fackeln vor dem nächsten Server-Park auf, um ein Exempel zu statuieren. Wissenschaftlicher Diskurs sieht jedenfalls irgendwie anders aus. Aber darum geht es bei der Gruppenhysterie wohl auch nicht. Der Beobachter staunt leicht amüsiert über das Wüten am Neckar, versteht augenblicklich, dass die Wissenskluft auch generational ausgeprägt ist, und hofft einfach mal, dass es recht bald gelingt, Schimpf und Schande auf Pro und Contra herunterzukühlen.</p>
<p>Allen Unterzeichnern des <a href="http://www.textkritik.de/urheberrecht/index.htm">Schnellschußappells aus Heidelberg</a> sei nachdrücklich die Lektüre von Matthias Spielkamps Text empfohlen, der vielleicht doch die eine Irrung und die andere Wirrung im Verständnis dessen, was hinter <em>Open Access</em> steht, gerade rücken kann:</p>
<blockquote><p>Dabei muss man wissen, dass die Open-Access-Bewegung in den Wissenschaften aus einer Not heraus entstanden war &#8211; und einer paradoxen Situation, die nicht im Sinne irgendwelcher Urheber war und ist. Wissenschaftler, vor allem in den so genannten STM-Disziplinen &#8211; Science, Technology, Medicine &#8211; erwerben wissenschaftliches Renommee in erster Linie durch Publikationen in Science Journals, Wissenschaftszeitschriften. Diese Zeitschriften erscheinen in zum Teil weltweit operierenden, oft börsennotierten Verlagen, wie dem<strong> Springer Wissenschaftsverlag</strong> in Heidelberg (der mit der Axel Springer AG nichts zu tun hat) oder <strong>Reed Elsevier</strong>, einem britisch-niederländischen Konzern.</p>
<p>Um in Zeitschriften solcher Verlage zu veröffentlichen, müssen Wissenschaftler in vielen Fällen den Verlagen die<strong> exklusiven Nutzungsrechte</strong> an ihren Artikeln abtreten. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Beiträge anschließend nicht mehr an anderer Stelle veröffentlichen dürfen, weder auf der eigenen Website noch der ihrer Universität. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht; im Gegenteil, die <strong>Peer Review</strong>, also die Begutachtung der Forschungsergebnisse, übernehmen Wissenschaftler ebenfalls ehrenamtlich, also in den meisten Fällen auf Kosten ihrer Arbeitgeber. Also auf Kosten der <strong>Steuerzahler</strong>, wenn sie an öffentlich geförderten Institutionen arbeiten, wie etwa Universitäten. Der Steuerzahler zahlt, der Konzern schreibt Gewinne: Wer enteignet hier wen?</p></blockquote>
<p>Die Überschrift die Spielkamp verwendet, verheizt freilich den Urkalauer der Bewegung: <a href="http://www.perlentaucher.de/artikel/5347.html">Open Excess: Der Heidelberger Appell</a>.</p>
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