Archive for the 'Diskurs' Category

Nach der Debatte ist vor der Debatte? Von Heidelberg bleibt jetzt noch Google übrig

Posted in Diskurs, Markt, Open Access on July 18th, 2009 and tagged , , , , , , , , , ,

Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.

Richard Kämmerlings berichtete einmal in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Tagung zu den Auswirkungen der neuen Medien auf die Buchkultur. Auf dieser sprach laut Bericht u.a. der Soziologe Gerhard Wagner über die “Einfalt des vernetzten Hypertextes” im Vergleich zur Vielfalt einer “gewachsenen Buchkultur”. Graham Jefcoate äußerte in Hinblick auf den zunehmenden digitalen Nachweis und die elektronische Bestellbarkeit von Frühdrucken im British Museum, dass diese Titel nun intensiver genutzt und entsprechend abgenutzt, bzw. “zu Tode gelesen” werden und betonte, dass die Digitalkultur den Originalen den Garaus macht, wenn zum Nachweis nicht auch eine digitalisierte Arbeitsversion auf den Bildschirm kommt: “Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.”

Roland Reuss sah das in gewisser Weise anders: “Am Beispiel heute bereits wieder veralteter Medien wie Mikrofilm und Mikrofiche kann man sehen, wie rasch die Konvertierung von Beständen auf neue Speicherformate aktuell wird.” Auch seien die Fragen der Langzeitarchivierung und die Nutzungsdauer von Subskriptionen nicht geklärt. Auch Uwe Jochum betrachtete offenbar die Virtualisierung von Buchbeständen nicht gerade mit Enthusiasmus:

“So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich.”

So las man es im Oktober 1998 (Kämmerlings, Richard:Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1998, S.46) und heftete den Zeitungsausriss mit Randbemerkung in den Leitz-Ordner. Während die “Werkherrschaft” bereits auf dem Programm stand, fehlte vom Urheberrecht noch jeder Spur. Allerdings ging es in Wolfenbüttel auch direkt um die Auswirkungen der Digitaltechnologie auf die Bibliotheken. Dass Endkunden irgendwann elektronische Texte auf ihren Mobiltelefonen lesen wollen und Studierende Lehrbücher womöglich bis zum Tode der Publikationsform auf USB-Sticks aus den Universitätsbibliotheken tragen wollen würde, lag fern fast jeder Vorstellung. Die Suchmaschine “Google” war zu diesem Zeitpunkt in einer Testversion knapp einen Monat online und meldete auf ihrer Startseite: “Index contains ~25 million pages (soon to be much bigger)“. Die Frankfurter Allgemeine meldete ein Jahr später, dass die Suchmaschine „www.google.com“ mit neuen Algorithmen und der Anzeige von ähnlichen Ergebnissen in Betrieb gegangen ist (Ausgabe 14.10.1999, S.30)

Im Jahr 2008 kam das Unternehmen Google auf um die 21,8 Mrd. Dollar Umsatz und lag damit nicht mehr weit unter dem geschätzten Umsatz der US-Verlage, für die 24,3 Mrd. Dollar angegeben werden.

Man kann demnach durchaus von veränderten Vorzeichen sprechen, auch wenn Annabella Weisl von Google in der Diskussion vom Mittwoch ganz richtig betonte: “Wir sind nicht das Internet.” Aber angesichts der Zahlen vergleichsweise doch ein großer Spieler im Webgeschäft, der wahrscheinlich, wenn er wollte, eine ganze Reihe von Verlagen gar nicht zum Vergleich bitten müsste, sondern einfach aufkaufen könnte. Insofern kann man die Aufregung in der Buchbranche schon verstehen: Ein mächtiges Gewölk der digitalen Inhalte türmt sich am Horizont auf und man vermag nicht so recht abzuschätzen, ob es sich um Schön- oder Unwetterwolken halten und ob man demnächst nass bis auf die Knochen im Wolkenbruch steht oder einen Regenbogen ungekannter Schönheit bestaunen kann. Das akute Bedürfnis nach einem festen Dach über dem Kopf ist durchaus nachzuvollziehen, auch wenn in diesem Fall auf Deutschland noch nicht einmal feiner Niesel tropfte. Das Dach heißt in diesem Fall “Urheberrecht”. Google möchte, laut eines aktuellen Berichtes Richard Kämmerlings, die Axt, die laut allgemeinem Sprichwortschatz den Zimmermann im Haus ersetzt, nicht an dieses legen. Aber so richtig will der deutsche Buchhandel nicht an diesen Vorsatz glauben.

In gewisser Weise holt die Buchbranche eine Debatte nach, die vor wenigen Jahren die Bibliotheken stark beschäftigte: Ist Google eine Bedrohung? Davon ist mittlerweile wenig zu spüren, vielleicht weil die Bibliotheken merken, dass die Nutzer trotz Google nicht fortbleiben und vielleicht, weil die Nutzer genügend Erfahrungen mit den Leistungsgrenzen von Google gesammelt haben und beides, die Bibliotheksangebote und Internetsuchmaschinen, verschränkt und pragmatisch je nach Informationsinteresse nutzen. In der Wissenschaft haben sich Bibliotheken jedenfalls weder durch Google noch durch das Internet erledigt und es erscheint ebenso eher unwahrscheinlich, dass die wissenschaftliche Monographie tatsächlich ausstirbt, weil man über Google Books nach Textstellen suchen kann. Dass sich wissenschaftliche Publikationsformen generell verändern und die Druckausgabe eine Optionalform unter verschiedenen Repräsentationsmöglichkeiten von Inhalten darstellt, ist durchaus denkbar. Das entscheiden die Wissenschaftler als wissenschaftliche Kommunizierende. Sie wählen sich ihren Kanal und bestimmen die legitime Form.

Es erscheint aber nicht so, als würde sich gerade Google hier als treibende Kraft bei der Auflösung der Medienform Buch etablieren. Google bleibt auch mit dem Buchscanprogramm ein Akteur, dem es um den Zugang zu Information geht, nicht um die Gestaltung von Trägermedien. Insofern irrt man in der Annahme, dass Google, wenn es vergriffene Titel scannt und verfügbar macht als Verlag agiert. Es gleicht darin eher einem Antiquariat, dessen Regale sich nicht leeren. Oder einer Bibliothek mit Scans und dazu erschlossenen Volltexten. Mit viel Fantasie könnte man die Aktivitäten mit Google mit denen eines Reprint-Verlages vergleichen. Aber letztlich wird eine bisher nicht gegebene Form des Zugangs zu bereits Publiziertem geschaffen. Dahinter steckt immer noch ein Buch. Für die Wissenschaft ist dieses vor Jahren Publizierte zumeist als Quellensammlung interessant. Für die laufende Wissenschaftskommunikation sind dagegen andere Entwicklungen viel relevanter.

Die bisher etablierten Open Access-Verfahren teilen mit Google Books eigentlich nur die Gemeinsamkeit, dass sie dem traditionellen Dokumentenbegriff verhaftet sind: Sie beziehen sich auf Publikationen, die weitgehend analog zu Druckprodukten konzeptioniert und potentiell druckbar sind. Die beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von Primärdaten oder auch der Wissenschaftskommunikation über hypertextuelle Medienformen wie Wikis oder Weblogs vorliegenden Entwicklungen lassen parallel dazu auf Kommunikationsformen schließen, die sich dem Druckparadigma entziehen. Dass Hubert Burda vor einiger Zeit kräftig in Scienceblogs investierte, zeigt, dass auch Verlage hier nach Möglichkeiten suchen. Vielleicht ist das statische Lehrbuch tatsächlich ein Auslaufmodell. Dann aber vermutlich nicht, weil Bibliotheken es gescannt haben, sondern weil Lehrbuchinhalte in einer anderen medialen Form vermittelt werden.

Nachdem man mittlerweile wohl eindeutig geklärt hat, dass in Deutschland kein Wissenschaftler zu einer bestimmten Publikationsform gezwungen werden kann, wäre es für die deutsche Buchbranche an sich vermutlicher sinnvoller, die Kräfte auf den Aushandlungsprozess mit Google zu beschränken. Die Attacken gegen die offenen Kommunikationsformen der Internetkultur, die wenigstens im Zeitungsbereich von den Verlagen auf ihren Webauftritten selbst in großem Umfang und mit Bedacht eingerührt wurden, sorgen zwar nach wie vor für eine hohe weböffentliche Wirkung, sind ansonsten aber perspektivisch unfruchtbarer als jedes Blogposting. Solange Artikel 5 des Grundgesetzes in Kraft ist, wird es im Internet eine Auseinandersetzung mit Inhalten jedweder Art und auf jedweder Stufe intellektueller Feingliedrigkeit geben. Demnächst wird in LIBREAS ein Text von Joachim Losehand erscheinen, der sich mit dieser Kommunikationskultur intensiver befasst.

Richard Kämmerlings ist also nicht gänzlich zuzustimmen, wenn er aktuell Roland Reuß‘ mittlerweile eher peinlich wirkendem Wüten im Wasserglas gegen die DFG und diejenigen, die das Netz frisch, frei und von der Leber weg nutzen, weil sie es können, den Arm um die Schulter legt und schreibt: „Aber Versachlichung ist vielleicht auch nicht immer angemessen.“ Irgendwann wird sie eben doch notwendig, wenn man in der Debatte vorankommen möchte. Eine Fokussierung des Betrachtungsfeldes hilft dabei zusätzlich.

Die Situation stellt sich doch für die Buchbranche ganz gut dar: Das Problem mit dem Open Access ist im Großen geklärt und wird im Kleinen von den Autoren mit ihren Verlagen auf Einzelfallebene ausgehandelt. Als nächste Erkenntnis folgt hoffentlich, dass das Aufreiben an der Blog- und Netzkultur zwar eine fröhliche brancheninterne Bauchpinselei darstellt und vielleicht sozialpsychologisch als Gemeinschaft über Abgrenzung erzeugendes Element eine gewisse Funktion erfüllt. Daran, dass sich Adam Soboczynski und Kollegen an mehr oder unqualifizierten Kommentare zu ihren Artikeln gewöhnen müssen, wird das „Wörterbuch des neuen Unmenschen“ (Roland Reuß) nicht viel ändern. Der Leserkommentar wird so normal, wie es heute in den Bibliotheken die Online-Kataloge und elektronischen Zeitschriften sind. Vor elf Jahren durfte man hinter diese Selbstverständlichkeiten des Bibliothekswesens im frühen 21sten Jahrhundert noch ein Fragezeichen machen.

Übrig bleibt heute ein klarer Interessenkonflikt zwischen dem Einzelakteur Google und den deutschen Verlagen. Die können jetzt auf ihren Urheberrechtstagungen auf Frau Weisl einschimpfen, deren Rolle es wohl mehr der eines Frustfängers als eines Gegenübers entspricht, oder versuchen, sich noch einen anderen Verhandlungspartner aus einer anderen Etage des Unternehmens einzuladen und mit ihm auf einer Sachebene ihr Anliegen zu diskutieren. Die mediale Tingeltour mit Botschaftern wie Roland Reuß und Volker Rieble hat dagegen deutlich an Charme und Anziehungskraft verloren. Die Frankfurter Tagung war nun hoffentlich der letzte Höhepunkt dieser Tournee aus Polemik und haltlosen Ressentiments. Berichte zur Veranstaltung gibt es zahlreiche. Auch Richard Kämmerlings hat wieder eine Zusammenfassung für die FAZ verfasst. Diese kann man hier lesen und mit der eigenen Personomy erschlossen in die Social Bookmarking-Plattform der Wahl ablegen: Den Autor kann niemand entrechten.

Das Netz als Feind. Warum ein Intellektueller das Internet mit Wut verfolgt.

Posted in Diskurs, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on May 25th, 2009 and tagged , , , , ,

PDF-Version

Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)

Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), Online) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe des Kulturpessimismus: Die permanente Bedrohung, das “Unverstanden sein” durch die Masse, die am Ende über die Demontage des Intellektuellen sich selbst mit in den Abgrund stürzt. Das erwartet man schon mindestens hundert Jahre und jeder Popularisierungsschritt des Zugangs zu Medien hat den Wärmeofen des Lamentos neu befeuert. Die wahren Gefahren drohten eigentlich immer aus einer anderen Richtung und es gab Zeiten, in denen das kritische Hinterfragen, welches das Markenzeichen des Intellektuellen darstellt, tatsächlich und buchstäblich an die Existenz gehen konnte. Abgesehen von der konkreten Feindschaft solcher politischen Macht, die vom intellektuellen Widerspruchsgeist in ihrer Ausübung nicht gestört werden möchte, existiert eine latent immer präsente: Die der Masse. Man kann José Ortega y Gassets Klassiker zum „Aufstand der Masse“ dem Jahr 1930 an einer beliebigen Stelle aufschlagen und losjubeln: „Ja, genau so ist es!“ Zum Beispiel:

„Wenn man im Leben fortschreitet, bemerkt man bis zum Überdruss, wie wenig Menschen zu einer Anstrengung imstande sind, die ihnen nicht als genaue Antwort auf eine äußere Notwendigkeit auferlegt wird.“

Read the rest of this entry »

Hunde, sollen sie ewig stehlen? Der Heidelberger Appell und sein argumentatives Umfeld

Posted in Diskurs on March 24th, 2009 and tagged , , ,

——————————–

Ergänzung, 26.03.2009
Eine üppige Web- und Blogografie zum Thema gibt es auf infobib: Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”
_____________________________________

Oh Schreck, wie infiziert die deutsche Sprache doch ist, wenn es um Heidelberger Appelle und das, was drum herum geschieht, geht.

Matthias Spielkamp teilt sich in seinem Text zum Thema auf perlentaucher.de mit mir den Topf mit dem Quirl und bei Roland Reuß nicht übermäßig überzeugender Replik auf Gudrun Gersmanns Kritik auf seinen eigenartigen Initialartikel findet man das Feuerbild wieder:

»Im Wald, da sind die Räuber« – aber wer kommt deshalb gleich auf den Gedanken, den ganzen Wald brandzuroden?”

Zum Glück ist man nicht bei Holger Fock angelangt, der sich in einer E-Mail bei Roland Reuß über eine File-Sharing-Plattform ausschimpft:

Ich hoffe, die gehen rechtlich gegen diese “onlinearchive” vor (auch gegen die mit jener Seite verlinkten). Das wird sicher nicht einfach: Glauben die Hunde[sic!] doch, sie seien rechtlich auf der sicheren Seite durch den Hinweis, der Download sei natürlich nur erlaubt, wenn der User das Buch in der gedruckten Fassung besitze – das schlägt dem Buch die Seiten weg.

Die Hunde, die! Das ist wirklich 08/15. Es werden also so langsam die härteren Saiten der Sprache aufgezogen. Zumal Roland Reuß quasi zum Festival der Polemik aufruft und sich beklagt, wenn die Gegenseite nicht einstimmt:

Zunächst dies, daß sie meint, es nicht nötig zu haben, auf »eine Polemik mit einer Gegenpolemik zu antworten«. Offenbar spürt sie den Wind des Fortschritts so sehr in den geblähten Segeln, daß sie sich in die staubigen Gefilde des Streites – und sind wir hier nicht tatsächlich auf solchem Terrain? – nicht zu bequemen braucht. Warum eigentlich? Was spricht gegen eine Polemik, wenn die Sache es gebietet?

Wer so das Visier aufklappt, ruft sich womöglich Geister, die er gar nicht rufen wollte. Aber sich selbst bloß stellen, indem man die Diskussion mit dem Argument hinter den Tjost mit der plumpen Zuspitzung zurückstellt, dient der Sache leider wenig. Spricht hier bereits die “gueule de métèque”? So fällt man jedenfalls schnell vom Pferd. Je länger man sich auf www.textkritik.de bewegt, desto weniger gelingt es, das Reuß’sche Rufen wirklich ernst zu nehmen. Fast erscheint es, als würde hier altgediente Wissenschaftler gerade erst verstehen lernen, was Digitalität und digitale Wissenschaft bedeuten. Die Dynamik und Strukturmerkmale der Prozesse sind allerdings offensichtlich noch immer nicht ganz verstanden.
So nimmt sich Uwe Jochum eine(!), im Umfang eher kleine und drei Jahre alte(!) Studie aus einem Repositorium(!) als einschlägige Versicherung dafür, dass Open Access zu teuer ist und ignoriert die vielzitierte Arbeiten John Houghtons (hier eine Präsentation als PDF), während Roland Reuß eine Coda lang an “technokratischem slang” verzweifelt und jedem, der das Wort “barrierefrei” benutzt schon angesichts dieses Sprachgebrauchs ein Legitimationsproblem unterschieben möchte.

Man fürchtet beinahe, ein Mob heißgelaufener Urheber marschiert demnächst mit lodernden Fackeln vor dem nächsten Server-Park auf, um ein Exempel zu statuieren. Wissenschaftlicher Diskurs sieht jedenfalls irgendwie anders aus. Aber darum geht es bei der Gruppenhysterie wohl auch nicht. Der Beobachter staunt leicht amüsiert über das Wüten am Neckar, versteht augenblicklich, dass die Wissenskluft auch generational ausgeprägt ist, und hofft einfach mal, dass es recht bald gelingt, Schimpf und Schande auf Pro und Contra herunterzukühlen.

Allen Unterzeichnern des Schnellschußappells aus Heidelberg sei nachdrücklich die Lektüre von Matthias Spielkamps Text empfohlen, der vielleicht doch die eine Irrung und die andere Wirrung im Verständnis dessen, was hinter Open Access steht, gerade rücken kann:

Dabei muss man wissen, dass die Open-Access-Bewegung in den Wissenschaften aus einer Not heraus entstanden war – und einer paradoxen Situation, die nicht im Sinne irgendwelcher Urheber war und ist. Wissenschaftler, vor allem in den so genannten STM-Disziplinen – Science, Technology, Medicine – erwerben wissenschaftliches Renommee in erster Linie durch Publikationen in Science Journals, Wissenschaftszeitschriften. Diese Zeitschriften erscheinen in zum Teil weltweit operierenden, oft börsennotierten Verlagen, wie dem Springer Wissenschaftsverlag in Heidelberg (der mit der Axel Springer AG nichts zu tun hat) oder Reed Elsevier, einem britisch-niederländischen Konzern.

Um in Zeitschriften solcher Verlage zu veröffentlichen, müssen Wissenschaftler in vielen Fällen den Verlagen die exklusiven Nutzungsrechte an ihren Artikeln abtreten. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Beiträge anschließend nicht mehr an anderer Stelle veröffentlichen dürfen, weder auf der eigenen Website noch der ihrer Universität. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht; im Gegenteil, die Peer Review, also die Begutachtung der Forschungsergebnisse, übernehmen Wissenschaftler ebenfalls ehrenamtlich, also in den meisten Fällen auf Kosten ihrer Arbeitgeber. Also auf Kosten der Steuerzahler, wenn sie an öffentlich geförderten Institutionen arbeiten, wie etwa Universitäten. Der Steuerzahler zahlt, der Konzern schreibt Gewinne: Wer enteignet hier wen?

Die Überschrift die Spielkamp verwendet, verheizt freilich den Urkalauer der Bewegung: Open Excess: Der Heidelberger Appell.