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Wir Minotauren? Gedanken zu Theseus und der Bibliothekswissenschaft.

Posted in Bibliothekswissenschaft, THESEUS, Web 2.0, Web 3.0 on October 9th, 2007 and

Mit vierteljährlicher Regelmäßigkeit schickt mir Fraunhofer-Gesellschaft ihr Forschungsmagazin, was ich nicht als erstes lese, wenn ich die Post sichte, aber ganz gern mal in der S-Bahn, zumal man, nachdem sich der “Souverän” (wer es in diesem Fall auch immer sein mag) durchgesetzt hat und die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überzeugte, die FAZ schnellesiger zu gestalten, was zwar trotz der eher grotesken Argumentation Werner D’Inkas jedenfalls für mich unverständlich bleibt und völlig überflüssig war, aber am Ende mehr Zeit für das Fraunhofer Magazin u.ä. lässt. Außerdem ist so Forschungsmagazin in der Regel etwas schneller an den aktuellen Entwicklungen dran, als es die Wissenschaftsteile der Tageszeitungen sein können.

Mit sehr großem Interesse habe ich natürlich sofort den Beitrag “Werkzeuge für das Web 3.0″ (hier als PDF), in dem es um das THESEUS-Programm  – von dem nicht jeder viel hält – geht, das mit keinem geringen Ziel im Titel auszieht, als einer “neuen internetbasierten Wissensinfrastruktur”. Nur kann und sollte man vom Branding eines Projektes nicht zwingend auf die Qualität schließen. Aber das, was geschildert wird, verspricht auf jeden Fall eine Menge. So findet sich unter dem Programmpunkt ALEXANDRIA – eine Endnutzer orientierte Wissensplattform folgende Beschreibung:

Das Forschungsvorhaben widmet sich auch der Frage, auf welchem Wege sich von Experten aufgebaute Ontologien mit so genannten Folksonomies verknüpfen lassen. Folksonomien sind durch gemeinschaftliches Indexieren erstellte Sammlungen von Tags. Dabei stehen Forschungsarbeiten zur einfachen und intuitiven Nutzbarkeit einer solchen Plattform, zur Überprüfung und Erhöhung der Informationsqualität der verfügbaren Informationen und zum Management einer aktiven Alexandria Community im Vordergrund.

Damit würde man ein elementares Desiderat der Bibliothek 2.0 aufgreifen. Was bedauerlicherweise ins Auge fällt, ist, dass bis auf die Deutsche Nationalbibliothek soweit ich es überblicke keine weiteren bibliothekarischen oder bibliothekswissenschaftlichen Akteure beteiligt sind. Das ist insofern bedauerlich, als man eigentlich annehmen sollte, dass vor dem Hintergrund der genuinen Aufgabe von Bibliotheken bzw. der Dokumentation bei der Beschreibung und Zugänglichmachung von Dokumenten hier durchaus die Chance bestanden hätte, die Bibliotheken nicht nur als Nachnutzer von Innovation, sondern als Mitgestalter einzubinden.

Im Zentrum des THESEUS-Programms stehen semantische Vernetzungsmöglichkeiten – also das Web 3.0 – wobei die Verknüpfung über die Metadaten erfolgt. Ein Teil der Projekte ist auf die automatische Metadatengenerierung ausgerichtet (vgl. auch hier, Punkt a), wovon man sich beispielsweise konkret in der Medizin bei der Auswertung von Computertomographie aufnahmen viel erhofft (vgl. Anwendungsszenario Medico). In Anbetracht der Tatsache, der prospektiv großen Bedeutung z.B. der Digitalmikroskopie (hier ein Beispiel) in der medizinischen (und biologischen etc.) Forschung steht hier vielleicht eine kleine Revolution bei Nutzung bildgebender Verfahren ins Haus. Dass solche diese Bilderkennungsmöglichkeiten irgendwann auch bei Flickr auftauchen und endnutzerfreundlich die Erschließung der eigenen Digitalfotosammlung ermöglich ist sicher nur eine Frage der Zeit.

Die Mitwirkung der Bibliotheken bezieht sich dagegen – fast möchte man sagen: dem Klischee entsprechend – auf den Aspekt des besseren Bewahrens und Verfügbarmachen des Bewahrten:

“Bibliotheken, Sendeanstalten, Archive und Museen stehen vor der Herausforderung, digitale Kulturgüter einem beitem Publikum zugänglich zu machen.”

heißt es im Text des Magazins. Die Bibliothek bleibt als Sicherer des kulturellen Vermächtnis. (Anwendungsbeispiel CONTENTUS – Sicherung Kulturerbe) Ihre mögliche aktive Rolle in der Wissenschaftskommunikation oder in Hinblick auf spezielle (nicht für das “breite Publikum”) Informationsbedürfnisse findet dagegen keine explizite Beachtung. Nicht dass diese Aufgabe der Sammlung und (Langzeit)Archivierung nicht hoch ehrenswert und sehr notwendig ist. Aber eigentlich sollten m.E. Bibliotheken (2.0) über den Umgang mit Artefakten hinaus weitaus direkter in die Koordination wissenschaftskommunikativer Strukturen eingebunden agieren. Die Frage, wie man neu publizierte wissenschaftliche Erkenntnis möglichst in Echtzeit, wenigstens zeitnah, mit Metadaten erschließt und idealerweise semantisch verknüpft, um die Wissenschaft mit entsprechenden hoch aktuellen Zugängen zur Forschungsliteratur und vielleicht auch Rohdaten zu versorgen, scheint mir momentan durchaus zentral für die Bibliothekswissenschaft.

Das Internet erodiert in gewisser Weise die Vorstellungen vom abgrenzbaren Dokument, wie es die Monographie oder der Zeitschriftenaufsatz waren. Es ist/wird nun möglich, Textschnipsel, Bilder, Einzelaussagen, Formeln etc. aus den Texten zu extrahieren und neu zu Hyperdokumenten zu kombinieren, die anfragenspezifisch erzeugt werden. Das ist ein schöner Vorteil der Verknüpfung, der Nachteil ist allerdings, dass der menschliche Nutzer u.U. bei gänzlicher Auflösung jeder für ihn erkennbaren Grenze – “lost in hyperspace” – seine Rezeptionsgewohnheiten erfahrungsgemäß nicht im Gleichschritt mit den technischen Möglichkeiten umstellen kann. Die sich hier ergebende Herausforderung, die wiederum ebenfalls auch für die Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft zentral erscheint, ist die Frage nach der “Form” der entsprechenden Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Welche Form müssen die (personalisierten) Dokumente aufweisen, um optimal für den Erkenntnisprozess nutzbar zu sein? Wohl dem, der neben der Bibliothekswissenschaft auch ein bisschen Wahrnehmungspsychologie studieren konnte…

Aber auch dafür gibt es im THESEUS-Programm einen Baustein, der den schönen Namen “ORDO – Ordnung digitaler Information” trägt:

Im Rahmen des Anwendungsszenarios ORDO sollen durch Erforschung und Entwicklung von semantischen Technologien neue Dienste und Softwarewerkzeuge entstehen, die dem Benutzer eine übersichtliche und mühelose, weil automatisch erstellte, Ordnung seiner gesamten digitalen Informationen ermöglichen. Eine hohe Skalierbarkeit ermöglicht die problemlose Verarbeitbarkeit sehr großer Datenmengen und deren grafische Visualisierung als Wissensmodell. Im Gegensatz zu bestehenden Lösungen ermöglicht die personalisierte Verknüpfung der Inhalte eine einheitliche Ordnung unstrukturierter und strukturierter Daten, so dass ein effizientes, individuelles Wissensmanagement möglich wird.

Dass (subjektiv empfundene) Übersichtlichkeit wirklich kausal mit der automatischen Generierung einhergeht, wie das Zitat suggeriert, bezweifle ich, bis ich durch Anschauung belehrt werde. Aber die Stoßrichtung ist klar und ebenso, dass die Fantasie der Bibliothekswissenschaftler sich doch sehr rotieren muss, um irgendetwas in ihrem Metier zu finden, was nicht potentiell unter Theseus subsumiert wird.

Es wird also eng, für die deutsche Bibliothekswissenschaft innerhalb dieser Forschungsziele, die allerdings zunächst hauptsächlich den STM-Bereich zu bedienen scheinen, denn bis die argumentativen und interpretativen Wissenschaften in ganzer Tiefe ebenfalls mit Web 3.0-Technologie befriedigend erschließbar und visualisierbar sind, müssen auch die Maschinen noch sehr viel lernen. Für das Retrieval potentiell relevanter Quellen werden sich die Ergebnisse des THESEUS-Programms selbstverständlich aber auch ganz gut nutzen lassen. Was bleibt unserem Fach also außer einer fachlich fundierten kritischen technik- und wissensphilosophischen Begleitmusik?

Wenn denn tatsächlich die gesamte entworfene Palette von ALEXANDRIA bis TEXO wie geplant verwirklicht wird, kann man vermutlich die Virtuellen Fachbibliotheken ganz neu aufrollen. Wo man heute kaum etwas, aus dem Bereich des Web 2.0 findet, erscheint eine Umstellung auf das Web 3.0 als eine noch ganz andere Herausforderung. Ich selbst finde mich gerade ein bisschen ratlos ob der Frage, wie Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft mit den Trends, die an ihnen etwas vorbeizugehen scheinen, umgehen. Vielleicht ist eine Möglichkeit, die Entwicklung des maschinenbezogenen Web 3.0 tatsächlich weitgehend anderen Experten zu überlassen und sich erst einmal auf das Web 2.0 und die analog nummerierte “Bibliothek” zu beziehen. Zusätzlich wäre es in der Tat vielleicht nicht verkehrt, dass Geschehen um eine reflektive Ebene zu erweitern. Die Bibliothekswissenschaft könnte im Erkennen der Geschehnisse und im Entwickeln von Folgeszenarien für die Nutzer, in informations- oder wissensethischen Fragestellungen und auch in Strukturfragen hinsichtlich der von Gesellschaft und Wissenschaft mit den sich eröffnenden wissensinfrastrukturellen Möglichkeiten eine Perspektive finden. Verstehen, Kommentieren und Vermitteln – diese drei Pfeiler sind m.E. eine Option, die übrigens auch das Formulieren von Entwicklungszielen und das Aufzeigen von Leerstellen beinhaltet.

Unter dem, was häufig als “Bibliothek 2.0″ bezeichnet wird, verbirgt sich eine Facette, die Theseus zwar berührt (”Im Fokus stehen dabei Verfahren des Text- und Multimediamining, die qualitätsgesteuert Änderungen durch den Benutzer zulassen.”), dies allerdings nur von der technischen Seite und auf die Vernetzung von Nutzer und Inhalt bezogen. Die Facette der Sozialen Software, die kollaboratives Arbeiten fördern und Individuen – unter welcher Zielstellung auch immer – vernetzen soll, ist hier vielleicht implizit enthalten, könnte aber für die bibliothekswissenschaftliche Forschung weitaus stärker in den Vordergrund rücken. Die Inhalte sind dabei das Mittel zum Zweck. Wenn man dafür dann keine “Universalbibliographie” nebst Vollmedienzugriff entwickelt hat, dafür aber den Nutzer nicht nur als Informationsnutzer sondern als – auch in der Wissenschaft – von Mensch zu Mensch Kommunizierenden begreift und diese Richtung stärker ausbaut, wäre auch einiges (an Profil) zu gewinnen.

Sehr traurig wäre es jedoch, wenn die Mythologie am Ende eine analoge Umsetzung findet. Nimmt man das Bild der Bibliothek von Babel eines Borges als Labyrinth und stellt man sich den Bibliothekar in diesem als Minotaurus vor (und den Nutzer als athenisches Jungvolk), so kann man sich leicht ausmalen, was mit dem Eindringen des Theseus in dieses mit dem Web 3.0 als Ariadnefaden so alles geschehen kann.

Bei Dürrenmatt ließt man übrigens folgende erstaunliche Überlegung zum Thema:

Daß alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen von Minos ins Labyrinth geschickt wurden, daran läßt sich nicht zweifeln, wohl aber an der Weise, wie sie den Tod gefunden haben sollen. Natürlich lag es nahe, Minotaurus als ihren Mörder zu betrachten, wenn ich nicht so recht überzeugt bin, so nur, weil die Unmöglichkeit aus dem Labyrinth zu entweichen, der Möglichkeit entspricht, in sein Inneres zu gelangen: Minotaurus konnte weder fliehen noch gefunden werden, auch von seinen Opfern nicht. Möglich, daß diese, einmal ins Labyrinth eingedrungen, manchmal das bald ferne, bald nahe Brüllen des Stiermenschen vernommen haben, aber auf ihn werden sie nie gestoßen sein. Das wochenlange Herumirren und die ständige Furcht, doch auf die Bestie zu stoßen, wird sie aber ermattet oder in den Wahnsinn getrieben haben; vielleicht daß sich die sieben Jünglinge und die sieben Jungfrauen selbst zerfleischten, nach und nach; … (Dürrenmatt, Friedrich: Labyrinth Turmbau Stoffe I-IX. Zürich: Diogenes, 2002 S. 92)

Alles nur ein Missverständnis? Immerhin hätte hier vielleicht mehr Dialog zwischen dem Stiermenschen, den Jünglingen und Jungfrauen die Tötung durch Theseus, der dadurch eine endgültig verwaiste Labyrinthstruktur zurücklies, zugunsten einer fruchtbareren Lösung verhindert…. Soviel zur mythologischen Überspitzung einer realen Beobachtung.

Ich werde noch ein wenig mehr über die mögliche Rolle und die möglichen Forschungsfelder, der Bibliothekswissenschaft nachdenken und hoffe, mit dieser Beschäftigung nicht allein zu sein. Dringend notwendig erscheint mir auch gerade am Berliner Institut eine intensive(re) Fortsetzung der begonnenen Profilierung des Faches. Auch hier gilt: Mehr Dialog bzw. Diskurs wäre hilfreich. Die vor ein paar Jahren konkret aufgeworfene Frage “Bibliothekswissenschaft – quo vadis?” ist für mich jedenfalls noch nicht befriedigend beantwortet.

Die “Bibliothek 2.0″ in der deutschen Wikipedia: Vorschlag einer Neudefinition.

Posted in Bibliothek, Bibliothekswissenschaft, Library 2.0, Trends on March 15th, 2007 and

Ich habe mir gerade in der deutschsprachigen Wikipedia die Definition zu “Bibliothek 2.0″ angesehen und war kurz davor, diese zu ändern. Da diese Änderung jedoch sehr grundlegend ausfallen würde und ich auch noch keine absolut gelungene Formulierung parat hab, bastel ich erst einmal hier daran herum und stelle meinen Entwurf zur Diskussion.

Die aktuelle Definition lautet:

Bibliothek 2.0 (Übersetzung des englisches Begriffes Library 2.0) ist ein nicht fest definiertes Modell für eine modernisierte Form der Bibliothek, in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht.

Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien. Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein. Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten. Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen. Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Dass wir es mit einem “nicht fest definierten Modell” zu tun haben, ist eine durchaus wichtige Feststellung, die man um die Formulierung “z.T. umstritten” ergänzen könnte. Ungeklärt ist in meinen Augen vor allem, welche Merkmale zur Begriffsbestimmung heran gezogen werden können, da man bei all dem, was so unter Bibliothek 2.0 bzw. Library 2.0 eingeordnet wird, ziemlich viel Web 2.0 und Dienstleistungstheorie findet, die allerdings auch im Bibliothekswesen nicht so ganz neu ist.

Mein Vorschlag: Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen.

Problematisch wird es bei “modernisierte Bibliothek“, wobei wir hier auf etwas stoßen, was ich in Anlehnung an Walt Crawfords sehr erhellende und sehr umfassende Diskursanalyse als typischen “Crawford-Manichäismus” bezeichnen möchte, denn er stellt an Michael Casey und einigen anderen die damit verbundene Problematik einer impliziten Zweiteilung der Perspektive auf die Bibliothek heraus. “Modernisiert” bedeutet, dass die vorhergehende Bibliotheksform, “Bibliothek 1.0″, grundsätzlich modernisiert werden muss, also unmodern ist. Dies ist in einer solchen Absolutheit natürlich völliger Unsinn. Auch wenn nicht alle Bibliotheken auf dem neuesten technischen Stand sind und im Vergleich zu den Public Libraries in den USA eventuell den Dienstleistungsgedanken nicht flächendeckend so verinnerlicht haben, wie man es sich wünscht, ist diese pauschale Aburteilung als “unmodern”, auch wenn sie indirekt geschieht, absolut haltlos.
Die andere Variante wäre die, dass man davon ausgeht, dass die Bibliotheken schon mit der ersten Einführung des Dienstleistungsgedanken zur Bibliothek 2.0 geworden sind und die jetzige Bezeichnung einfach nachträglich aufgebügelt wird. Dann bleibt aber die Frage, ob man tatsächlich den “2.0″-Zusatz benötigt oder ob man nicht einfach von einer dienstleistungsorientierten Bibliothek (z.B. im Gegensatz zu einer Repräsentationsbibliothek) sprechen sollte. “Zweinull” wäre für mich in diesem Zusammenhang überflüssig.

Mein Vorschlag: “modernisiert” streichen.

Nun die Passage: “in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht“. “Noch stärker” ist völlig aussagelos, da der Grad der Steigerung nur im Vergleich feststellbar ist und sollte mit dem recht unscharfen “noch” m.E. in Definitions- oder Beschreibungsansätzen grundsätzlich nicht verwendet werden. Denn es müsste in diesem Fall ein Bibliotheksmodell oder etwas anderes existieren, bei dem der Service allgemein stärker und eines, bei dem der Service nicht so stark im Vordergrund steht, geben. Also vielleicht: “das grundsätzlich auf … ausgerichtet ist”.

“benutzerorientierter Service” ist ein Pleonasmus, jedenfalls kann ich mir keinen benutzerangewandten Service (in der Theorie) vorstellen. Also vielleicht: den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen.

Ähnliches gilt für den zweiten Absatz, d.h. das Ziel des “bestmöglichen Service”, welches für mich für eine zeitgemäße Bibliothek ein Allgemeinplatz sein sollte und deswegen keiner expliziten Erwähnung bedarf.

“Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien.”

Darüber, dass sich Elemente und Prinzipien des Web 2.0 in der Bibliothek 2.0 wieder finden, herrscht weitgehend Konsens. Die gegebene Formulierung ist mir allerdings zu schwammig. Vielmehr sollte man genau benennen, um welche Elemente es sich handelt und was die ominösen “gleichen zugrundeliegenden Philosophien” sind.

Mein Vorschlag: Das Konzept der Bibliothek 2.0 greift auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurück. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durch so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet. (Das kann vielleicht auch etwas weniger “gestelzt” ausdrücken, auf die Schnelle ist mir aber die Präzision wichtiger, als die geschmeidige Formulierung… Vorschläge zur Reformulierung sind jederzeit willkommen.

“Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein.”

Soweit ich sehe bezieht sich die Umsetzung der Bibliothek 2.0 bislang vorwiegend auf die Implementierung von Web 2.0-Funktionalitäten in Webangebote von Bibliotheken. Online-Services werden daher nicht eingeschlossen, sondern sind das hauptsächliche Anwendungsfeld. OPAC-Systeme, die als “Online Public Access Catalogue” nicht zwingend identisch mit elektronischen Katalogen sind, spielen dabei zwar eine Rolle, bedürfen meiner Meinung nach an dieser Stelle aber keiner gesonderten Erwähnung. “Ein erhöhter Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek” findet natürlich nicht nur auf elektronischem Weg statt, sondern traditionell in jeder guten Einrichtung auch von Angesicht zu Angesicht oder telefonisch oder über Umfragen auf Papier etc.
Halbwegs neu an der Bibliothek 2.0 ist allerdings, dass es nun abgesehen von der e.mail-Kommunikation auch andere digitale Rückkopplungsformen gibt und vor allem, dass nun relativ aufwandsarm technische Möglichkeiten einrichtbar sind, mittels derer Besucher ohne Serverzugriff und Quellcodebearbeitung auf einfache Art und Weise Seiteninhalte gestalten und – z.B. über Folksonomies und andere Formen – zu vernetzen. Man kann also in Ergänzung zu oder als Ersatz von Webseiten, Webplattformen schaffen, die einen hohen Interaktionsanteil aufweisen. Den Satz selbst würde ich in dieser Form weglassen und den Kerngedanken des “Rückfluss” an anderer stellen unterbringen.

Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten.

Den bestmöglichen Service habe ich schon oben als allgemein erwartbaren Anspruch an eine zeitgemäße Bibliothek benannt. Im Nachtrag ist zu erwähnen, dass das, was “bestmöglich” bedeutet, selbstverständlich von Fall zu Fall und von Zielgruppe zu Zielgruppe konkret zu ermitteln ist. Ebenfalls selbstverständlich sollte es sein, dass die Angebote regelmäßig – genau wie die Bestände – aktualisiert und auf ihren Sinn im jeweiligen Kontext geprüft werden.
Zur Bibliothek 2.0 zählt diess in meinen Augen weniger, als zur Bibliotheksarbeit an sich und ich bin mir – Achtung: “Crawford-Manichäismus”- sicher, dass dies auch schon vor Web und Bibliothek 2.0 als Ideal am Bibliotheksdienstleistungshimmel geschrieben stand. Da es also kein spezifisches Merkmal der Bibliothek 2.0 darstellt, erscheint mir auch dieser Satz als überflüssig.

Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen.

Das kommt dem, was für mich den Kern der Bibliothek 2.0 ausmacht, relativ nahe, jedoch gab es auch dies natürlich über Bibliothekar-Nutzer-Dialoge bereits lange vor dem WWW (2.0). Der engagierte Bibliothekar sprach natürlich schon immer mit seinem Nutzer und aus diesem Gespräch erfuhr er mehr oder weniger direkt, wo es klemmt und wo nicht, was der Nutzer sich wünscht und was er ganz prima findet. Neu ist vermutlich, dass eine solch umfassende Mitgestaltungsmöglichkeit (und womöglich -verpflichtung) der Benutzer ins Grundverständnis der Bibliotheken Einzug hält. Konkret betroffen sind nach meiner Wahrnehmung bislang jedoch – wenn überhaupt – die digitalen Bibliotheksumgebungen.

Was mir allerdings an dieser Stelle in der Wikipedia-Definition grundsätzlich fehlt, ist die Betonung des “Plattform-Charakters”, d.h., dass die traditionell Benutzer-Bibliothekar-Kommunikation um die Möglichkeit der Benutzer-Benutzer-Kommunikation ergänzt wird, bei der z.B. mittels Social Bookmarking eine direkte Benutzer-Benutzer-Vernetzung möglich ist.

Diese Plattformen sind nach meiner Vorstellung analog zu den Web 2.0-Prinzipien personalisiert zu denken: Sie dienen denn Nutzer als persönliche Einstiegspunkte in die digitale Bibliotheksumwelt, von denen aus sie sowohl die Kommunikation mit den Bibliothekaren und anderen Nutzern, wie auch die eigenständige Organisation und Verwaltung des eigenen Rezeptionsverhaltens hinsichtlich der Bibliotheksbestände und Informationsangebote der Bibliothek steueren. Die damit einhergehende Konsequenz ist eine zunehmende “Bemündigung” des Nutzers, und damit auch eine zunehmende Selbstverantwortung. Die damit verbundenen Folgen sind heute allerdings kaum abzuschätzen und bieten entsprechend reichlich bibliothekswissenschaftliche Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten/-notwendigkeiten…

Mein Vorschlag: Die Bibliothek 2.0 bindet Bibliotheksbenutzer grundsätzlich in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen mit ein. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Abgesehen davon, dass ich nicht grundsätzlich von einer traditionellen Einkanalbibliothek ausgehe – wenigstens Anschaffungsvorschläge werden schon lange Zeit eingesammelt – glaube ich, dass es nicht das Ziel sein muss, den traditionellen Service grundsätzlich zu ersetzen, sondern, dort wo er funktioniert beizubehalten, dort wo es hakt zu verbessern und dort, wo es sich anbietet, durch neue Service-Angebote zu ergänzen.

Mein Vorschlag: Anhänger des Konzeptes (zu denen ich mich in gewisser Weise auch zähle) gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote um neue Formen ergänzt werden.

Was haben wir nun? Wenn ich alles zusammenaddiere komme ich folgenden eher Beschreibungs- als Definitionsvorschlag:

Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen. Konsens herrscht weitgehend, dass die Bibliothek 2.0 grundsätzlich auf den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen ausgerichtet ist.

Einigkeit besteht ebenfalls überwiegend dahingehend, dass die Bibliothek 2.0 auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurückgreift. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durchdie so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet.

Ein offensichtlicher Grundbestandteil der Bibliothek 2.0 ist die grundsätzliche Einbindung des Bibliotheksbenutzers in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger des Konzeptes gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote der Bibliotheken um neue Formen ergänzt werden.

Gut genug für die Wikipedia? Anregungen, Kritik, Korrekturen u.ä. sind mir sehr herzlich willkommen.

Wir Cybernauten: Ein paar Gedanken zur Bibliothek als “content architecture”.

Posted in Bibliothek, Bibliothekswissenschaft, Kommentar, Library 2.0 on January 25th, 2007 and

Damit das Unterfangen dieses persönlichen Fachblogs nicht völlig abstürzt, gibt es das folgende Fundstück aus dem heutigen Webrundflug und meinen dazugehörigen Assoziationen hier und nicht etwa im Multi-User- und Multi-Reader-IB.Weblog:

Momentan weilt der BBC Nachrichtenchef Richard Sambrook mit einer ganzen Reihe von anderen herausragenden Medienvertretern im schönen Davos beim Weltwirtschaftsforum (WEF) und rapportiert in seinem Weblog SacredFacts. Im Media Leaders Council geht es besonders um ein Thema, was uns aus dem Bibliothekswesen recht vertraut klingt:

The discussion is about how media companies can adapt to the internet…

Auch wenn es im Geschäft der Medienindustrie sicher um andere Zielstellungen geht (Umsatz, Rendite etc.), sitzen die beiden Arten von “Content Providern” gewissermaßen in einem Boot. Denn beide fürchten ein bisschen darum, ihre Zielgruppen zu verlieren und bei beiden beobachtet man mitunter entweder eine mehr oder weniger drastische Verweigerungshaltung oder übertriebenes Adaptionsverhalten. Der Axel Springer Vorstandschef Mathias Döpfner bringt es schön flockig auf den Punkt:

“We must be careful not to commit suicide for fear of dying”.

Entsprechend gilt es – im Bibliothekswesen wie im Medienbusiness – Ruhe zu bewahren, ein bisschen auf Distanz zu gehen und dann zu versuchen Trends und Gestaltungsmöglichkeiten zu erkennen. Und genau zu diesem Aspekt, den Trends, zitiert Richard Sambrook etwas überaus Merkenswertes:

“The challenge isn’t content anymore. It’s organising it, the architecture of content is the new challenge.”

Da sollten eigentlich ganz schöne Zeiten für die im Bibliothekswesen geschulten Information Professionals anbrechen, ist doch ein Kernbestandteil ihres Wirkens nicht anderes, als die Architektur von Inhalten, was man traditionell als “Sacherschließung” bezeichnet. Eine Klassifikation und noch greifbarer eine Aufstellungssystematik sind exzellente Beispiele für die inhaltsarchitektonischen Strukturprinzipien. Die Schwierigkeit, die ich dabei sehe, ist allerdings die, dass sich Bibliotheken in der Vergangenheit häufig auf die Statik des Gebäudes konzentrierten und erst an zurückgesetzter Stelle mit der “Behaglichkeit” befassten. Ich denke, das was die Nutzer als Bewohner dieses großen “Hauses”, dem man manchmal “Weltwissen” ans Türschild schreibt, wollen, ist sowohl eine statische Zuverlässigkeit, die dafür sorgt, dass die Architektur nicht im Information Overkill über ihren Köpfen zusammenstürzt als auch, dass die Atmosphäre auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten leicht und so bequem als möglich bewohnbar ist.

Da sich hier dank Web 2.0 bzw. Library 2.0 besonders seit dem letzten Jahr in gewisser Weise ein Mentalitätswandel in den Bibliotheken zu vollziehen scheint und Aspekte wie Nutzerpartizipation (oder wenigstens -freundlichkeit) in das Zentrum der Aufmerksamkeit in die Fachwelt drängen, sehe ich für das Bibliothekswesen eigentlich alles andere als schwarz. Die Lösung scheint mir in der Idee der strukturellen Zweigleisigkeit zu fahren: Einerseits die Stabilität im Hintergrund im Sinne von entsprechenden intellektuellen und vielleicht auch irgendwann semantisch automatisierten Erschließungsverfahren und im Vordergrund ein flexibel an den “Geschmack” der Benutzer anpassbares Interface (als virtueller Arbeits- oder auch Wohnort), in welchem eine Vielzahl von eigenen Ausgestaltungsmöglichkeiten wie z.B. die Erschließung über Folksonomies, Kommunikation mit den näheren und entfernteren Nachbarn und letztlich auch die eigene Produktion von Content gegeben sind.

Vorläufer und Ideen dafür gibt es schon allerhand, nur wäre es schön, wenn es gelänge, diesen weitgehend dezentralen Prozess an einer Stelle immer mal wieder zu clustern. Dahinter steht nicht das Bedürfnis nach Zentralismus, sondern die täglich neu gemachte Erfahrung einer begrenzten rezeptiven bzw. kognitiven Verarbeitung dessen, was in diesem Bereich geschieht, zumal es eine doppelte Ernüchterung gibt: Einerseits darüber, was man immer wieder redundant wahrzunehmen und auszusortieren gezwungen ist und andererseits darüber, was man trotz allem Bemühen übersieht.
Ich denke, dass dies generell im Bereich der Content-Architektur ein Hauptfeld der bibliothekarischen Arbeit sein sollte: aus dem rhizomatischen Ganzen, in dem sich die unzähligen Fäden aus Information bzw. Content miteinander verknüpfen und verknoten, Cluster zu isolieren und Zugangskanäle zu schaffen, die zwar flexibel, aber nicht beliebig und damit nahe am Verrauschen sind. Wir werden sehen, welche Rolle der anstehende Bibliothekskongress in dieser Richtung übernehmen kann.

Anders als der kommerzielle Journalismus, der seine “Inhaltsarchitektur” vorwiegend dahingehend gestalten muss, dass sie auch gut verkaufbar ist, sehe ich es als Aufgabe der bibliothekarischen Arbeit sowohl für die Wissenschaft wie auch für die Öffentlichkeit, allgemeine Optimalstrukturen zu schaffen, die den Benutzern den jeweils passenden und schnellen Zugang zu den jeweils relevanten “Räumen”, d.h. Informationen und Inhalten zu eröffnen.

Gerade um dieses Optimum, d.h. die Mitte zwischen dem Rauschen der Überkomplexität und dem Verrauschen in der Banalität, zu erkennen, bedarf es der partizipativen Einbindung der Benutzer in dieses System aus der eine Art elaborierter Rückkopplungsprozess resultiert. Der Bibliothekswissenschaftler/Bibliothekar wird in diesem in gewisser Weise kybernetischen Modell zum modernen Kybernetes, d.h. Steuermann, der die Entwicklung des Systems bzw. der auf ihm aufgesetzten Angebote (möglichst unauffällig) lenkt und koordiniert. Durch Technologien wie die des semantic web erhält er die Möglichkeit, Routinen zu automatisieren und kann seine Aufmerksamkeit stärker z.B. auf die Folgen seiner “(cyber)nautischen” Manöver lenken.
Denn als Steuermann (oder eben Schiffsbaumeister) übernimmt er eben auch Verantwortung für die, die sich auf seine Fertigkeiten verlassen. Selbstverständlich betrifft dieser berufsethische Aspekt wieder die Bibliothekare wie die Medienproduzenten gleichermaßen: Welche Inhalte machen wir wie zugänglich? Die Beantwortung dieser Frage ist mehr als ein Forschungsgebiet für die Usability, hier zeigt sich die (potentielle) gesellschaftliche Wirkmächtigkeit, in der es meiner Meinung nach auch darauf ankommt, dass die Bibliotheken den Inhalten gegenüber interessenlos (alles ist potentiell relevant) einen neutralen allumfassenden Versorgungsanspruch zu realisieren versuchen, was auch als Gegenentwurf zu den nach kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählten Zugangsstrukturen der Medienindustrie zu verstehen ist, zumal sich Bibliotheken und Medienunternehmen dem oben zitierten Statement zufolge in gewisser Weise ähnlicher zu werden scheinen.

Dies alles vor Augen erscheint es schade, dass eine Vielzahl der Impulse, die momentan die “Gestaltungsnormen” der “Content Architektur” prägen, nicht aus dem bibliothekarischen Bereich kommen. Von ihrem grundsätzlichen Aufgaben- und Tätigkeitsfeld liegen Bibliotheken als tradtionelle “Architekten durch Inhaltserschließung” mehr denn je “im Trend”. Allerdings könnte man meiner Meinung nach die Innovationsfreudigkeit und besonders die Bereitschaft, dem Nutzer selbst mehr Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen, weitaus mehr intensivieren. Wenn man hier nachlegt und sichtbarer wird, würde es mich nicht wundern, wenn irgendwann in nicht allzuferner Zukunft auch Vertreter des Bibliothekswesens als Trendsetter und Experten beim WEF Media Leaders Council in Davos anwesend sind.

Krise der Bibliothekswissenschaft, ein paar Gedanken

Posted in Bibliothekswissenschaft, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft on June 12th, 2006 and

Recent discussions of education for library professionals have strongly criticized the state of most Library and Information Science (LIS) schools, which are portrayed as techno-centric, male-dominated, and out of touch with the needs of practitioners. In the present essaywe examine the major claims for a new crisis in LIS education and conclude that the data do not supportmost of the popular criticisms made of this field. Instead, the notion of crisis is best understood as indicative of a moment of change and an opportunity to significantly affect the long-term future of the field.

Kann man mal lesen: das Essay von Andrew Dillon und April Norris, welches zeigt, dass im vermeintlichen LIS-Wunderland USA mittlerweile auch ein anderer Wind weht. Die Krise als Chance begreifen ist dabei ein lobenswerter und von mir dick unterstrichener Ansatz. Denn die Bibliothekswissenschaft (und Informationswissenschaft) steht vor ähnlichen Problemen, wie sie hier geschildert wird:

The crisis we face is less to make research more relevant to local concerns of practitioners, or to revamp once more a set of core classes or accreditation standards, but to demonstrate our authority as a profession in dealing with information issues at both theoretical and practical levels, within academia and beyond.

Für uns vor Ort in Berlin stellt sich allerdings das Problem einer zusätzlichen Vereinzelung (einziges Institut an einer Universität etc.), wobei nach meiner Ansicht eine internationale Anbindung an LIS-Institute weltweit und eine verstärkte Kooperation mit den wenigen, in Deutschland bibliothekswissenschaftlich Tätigen unabdingbar ist.

Bevor dies aber effektiv umgesetzt werden kann, ist es erforderlich, eine Entwicklungsrichtung zu fixieren. Dabei gilt es die Möglichkeiten des Faches an Erkenntnisleistung für Wissenschaft und (Informations/Wissens)Gesellschaft zu eruieren und auf dieser Grundlage potentielle Konzentrationspunkte zu fixieren, die in Rückgriff auf die Machbarkeit mit den bestehenden Ressourcen an der Humboldt-Universität angestrebt werden sollten. Für mich steht unabdingbar bei der inhaltlichen Ausrichtung eine Orientierung auf das größere Ganze im Zentrum aller Bestrebungen. Praxis heißt hierbei nicht exklusiv “Bibliotheks-Praxis”, sondern – so mein Standpunkt – jeder Praxis im Umgang mit (publizierter) Information.

Das Grundprinzip dessen, was Gegenstand des Faches ist, besteht traditionell aus den drei Aspekten “Sammeln”, “Erschließen” und “Verfügbarmachen” von (publizierter) Information. Durch das Internet und das web 2.0 sowie die mit dem technischen Wandel (”Digitalisierung”) vollziehen sich sowohl auf der Seite des “Informationshandelns” (Produktion, Distribution, Rezeption) wie auch im gegenständlichen Bereich (”Dematerialisierung der Texte”, Hypertext, Mixed-Media etc.) schwer kalkulierbare, aber in jedem Fall tiefgreifende Veränderungen und mit der Aufgabe, eine Wissenschaft zu sein, die diesen Wandel nicht nur begleitet und erfasst sondern idealerweise sogar zu strukturieren und lenken versucht, wäre die Bibliotheks- und Informationswissenschaft meines Erachtens weit entfernt von jeder Rechtfertigungskrise und hätte das ein unendlich fruchtbares Aktions- und Forschungsfeld.

Dass dabei eine Wechselwirkung mit anderen Disziplinen unabdingbar ist, dass also die Netzwerkgesellschaft in Form von Disziplinnetzwerken, in denen Wissenschaftler fachlich immer an Schnittstellen positioniert sind, auch in der Wissenschaft ihr Gegenstück finden muss, scheint beinahe zwingend. Daher muss eine zeitgemäße Ausbildung auch immer an diesen Schnittstellen angesiedelt und auf die Vermittlung einer Pluralität von Kompetenzen ausgerichtet werden. Die Wissenschaftsgebäude der Zukunft sind weniger starre Monolithen; sie sind dynamische Gebilde, flexibel, wachstumsfähig, sie müssen Spielräume und Entwicklungsnischen ermöglichen. Die z.T. sehr drastische Verschulung der universitären Ausbildung im Rahmen des Bologna-Prozess ist dabei eine eher kontraproduktive Variante, die quasi auf schnelle statistisch-verwertbare Rendite ausgerichtet bleibt, deren Nachhaltigkeit in Hinblick auf eine zeitgemäße und schöpferische Wissenschaft durchaus hinterfragbar bleibt. Ich glaube, dass eine universitäre (bibliotheks- und informationswissenschaftliche) “Ausbildung” eine Anleitung zum komplexen und kreativen Denken auf möglichst hohen Niveau darstellen muss. Es gilt hier, einen Think Tank zu entwickeln, bei dem Expertise gefördert wird, die Probleme dort aufgreifen, wo diese eine bibliothekarische Praxis verlassen. Sie muss reflexiv und perspektivisch strukturierend vorgehen. Selbstverständlich spielen konkrete praktische Fragestellungen eine Rolle, nur kann man von der akademischen Bibliothekswissenschaft hier keine konkreten Lösungen erwarten. Eine Bibliothekswissenschaft im Sinne einer Wissenschaft sollte, so ist meine Überzeugung, Konzepte entwickeln, die als Orientierung dienen.
Es wäre schön, trotz einer offensichtlich eher etwas anderen Orientierung, wenn sich dennoch dafür am Institut eine Nische offenhalten liesse. Denn ich wüsste nicht, wo sonst.

Den oben erwähnten Beitrag gibt es hier als PDF: Crying Wolf:An Examination and Reconsideration of the Perception of Crisis in LIS Education

(Dies ist eine grobe Skizze, mehr in Freewriting-Manier verfasst. Eine elaborierte Auseinandersetzung mit der Problematik wird an dieser Stelle folgen. Jetzt folgt aber Italien-Ghana und daher unterbreche ich auch ohne Korrekturlesen…)