Archive for the 'Bibliothek' Category

Die “Bibliothek 2.0″ in der deutschen Wikipedia: Vorschlag einer Neudefinition.

Posted in Bibliothek, Bibliothekswissenschaft, Library 2.0, Trends on March 15th, 2007 and

Ich habe mir gerade in der deutschsprachigen Wikipedia die Definition zu “Bibliothek 2.0″ angesehen und war kurz davor, diese zu ändern. Da diese Änderung jedoch sehr grundlegend ausfallen würde und ich auch noch keine absolut gelungene Formulierung parat hab, bastel ich erst einmal hier daran herum und stelle meinen Entwurf zur Diskussion.

Die aktuelle Definition lautet:

Bibliothek 2.0 (Übersetzung des englisches Begriffes Library 2.0) ist ein nicht fest definiertes Modell für eine modernisierte Form der Bibliothek, in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht.

Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien. Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein. Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten. Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen. Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Dass wir es mit einem “nicht fest definierten Modell” zu tun haben, ist eine durchaus wichtige Feststellung, die man um die Formulierung “z.T. umstritten” ergänzen könnte. Ungeklärt ist in meinen Augen vor allem, welche Merkmale zur Begriffsbestimmung heran gezogen werden können, da man bei all dem, was so unter Bibliothek 2.0 bzw. Library 2.0 eingeordnet wird, ziemlich viel Web 2.0 und Dienstleistungstheorie findet, die allerdings auch im Bibliothekswesen nicht so ganz neu ist.

Mein Vorschlag: Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen.

Problematisch wird es bei “modernisierte Bibliothek“, wobei wir hier auf etwas stoßen, was ich in Anlehnung an Walt Crawfords sehr erhellende und sehr umfassende Diskursanalyse als typischen “Crawford-Manichäismus” bezeichnen möchte, denn er stellt an Michael Casey und einigen anderen die damit verbundene Problematik einer impliziten Zweiteilung der Perspektive auf die Bibliothek heraus. “Modernisiert” bedeutet, dass die vorhergehende Bibliotheksform, “Bibliothek 1.0″, grundsätzlich modernisiert werden muss, also unmodern ist. Dies ist in einer solchen Absolutheit natürlich völliger Unsinn. Auch wenn nicht alle Bibliotheken auf dem neuesten technischen Stand sind und im Vergleich zu den Public Libraries in den USA eventuell den Dienstleistungsgedanken nicht flächendeckend so verinnerlicht haben, wie man es sich wünscht, ist diese pauschale Aburteilung als “unmodern”, auch wenn sie indirekt geschieht, absolut haltlos.
Die andere Variante wäre die, dass man davon ausgeht, dass die Bibliotheken schon mit der ersten Einführung des Dienstleistungsgedanken zur Bibliothek 2.0 geworden sind und die jetzige Bezeichnung einfach nachträglich aufgebügelt wird. Dann bleibt aber die Frage, ob man tatsächlich den “2.0″-Zusatz benötigt oder ob man nicht einfach von einer dienstleistungsorientierten Bibliothek (z.B. im Gegensatz zu einer Repräsentationsbibliothek) sprechen sollte. “Zweinull” wäre für mich in diesem Zusammenhang überflüssig.

Mein Vorschlag: “modernisiert” streichen.

Nun die Passage: “in dem noch stärker der benutzerorientierte Service im Vordergrund steht“. “Noch stärker” ist völlig aussagelos, da der Grad der Steigerung nur im Vergleich feststellbar ist und sollte mit dem recht unscharfen “noch” m.E. in Definitions- oder Beschreibungsansätzen grundsätzlich nicht verwendet werden. Denn es müsste in diesem Fall ein Bibliotheksmodell oder etwas anderes existieren, bei dem der Service allgemein stärker und eines, bei dem der Service nicht so stark im Vordergrund steht, geben. Also vielleicht: “das grundsätzlich auf … ausgerichtet ist”.

“benutzerorientierter Service” ist ein Pleonasmus, jedenfalls kann ich mir keinen benutzerangewandten Service (in der Theorie) vorstellen. Also vielleicht: den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen.

Ähnliches gilt für den zweiten Absatz, d.h. das Ziel des “bestmöglichen Service”, welches für mich für eine zeitgemäße Bibliothek ein Allgemeinplatz sein sollte und deswegen keiner expliziten Erwähnung bedarf.

“Das Konzept der Bibliothek 2.0 lehnt sich dabei an die Idee des Web 2.0 an und folgt einigen der gleichen zugrundeliegenden Philosophien.”

Darüber, dass sich Elemente und Prinzipien des Web 2.0 in der Bibliothek 2.0 wieder finden, herrscht weitgehend Konsens. Die gegebene Formulierung ist mir allerdings zu schwammig. Vielmehr sollte man genau benennen, um welche Elemente es sich handelt und was die ominösen “gleichen zugrundeliegenden Philosophien” sind.

Mein Vorschlag: Das Konzept der Bibliothek 2.0 greift auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurück. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durch so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet. (Das kann vielleicht auch etwas weniger “gestelzt” ausdrücken, auf die Schnelle ist mir aber die Präzision wichtiger, als die geschmeidige Formulierung… Vorschläge zur Reformulierung sind jederzeit willkommen.

“Dieses schließt Online-Services, wie den Gebrauch von OPAC-Systemen (elektronischen Katalogen) und einen erhöhten Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek ein.”

Soweit ich sehe bezieht sich die Umsetzung der Bibliothek 2.0 bislang vorwiegend auf die Implementierung von Web 2.0-Funktionalitäten in Webangebote von Bibliotheken. Online-Services werden daher nicht eingeschlossen, sondern sind das hauptsächliche Anwendungsfeld. OPAC-Systeme, die als “Online Public Access Catalogue” nicht zwingend identisch mit elektronischen Katalogen sind, spielen dabei zwar eine Rolle, bedürfen meiner Meinung nach an dieser Stelle aber keiner gesonderten Erwähnung. “Ein erhöhter Fluss von Informationen der Benutzer zurück an die Bibliothek” findet natürlich nicht nur auf elektronischem Weg statt, sondern traditionell in jeder guten Einrichtung auch von Angesicht zu Angesicht oder telefonisch oder über Umfragen auf Papier etc.
Halbwegs neu an der Bibliothek 2.0 ist allerdings, dass es nun abgesehen von der e.mail-Kommunikation auch andere digitale Rückkopplungsformen gibt und vor allem, dass nun relativ aufwandsarm technische Möglichkeiten einrichtbar sind, mittels derer Besucher ohne Serverzugriff und Quellcodebearbeitung auf einfache Art und Weise Seiteninhalte gestalten und – z.B. über Folksonomies und andere Formen – zu vernetzen. Man kann also in Ergänzung zu oder als Ersatz von Webseiten, Webplattformen schaffen, die einen hohen Interaktionsanteil aufweisen. Den Satz selbst würde ich in dieser Form weglassen und den Kerngedanken des “Rückfluss” an anderer stellen unterbringen.

Bei der Bibliothek 2.0 werden Bibliotheksdienstleistungen ständig aktualisiert und neu bewertet, um Bibliotheksbenutzern den bestmöglichen Service zu bieten.

Den bestmöglichen Service habe ich schon oben als allgemein erwartbaren Anspruch an eine zeitgemäße Bibliothek benannt. Im Nachtrag ist zu erwähnen, dass das, was “bestmöglich” bedeutet, selbstverständlich von Fall zu Fall und von Zielgruppe zu Zielgruppe konkret zu ermitteln ist. Ebenfalls selbstverständlich sollte es sein, dass die Angebote regelmäßig – genau wie die Bestände – aktualisiert und auf ihren Sinn im jeweiligen Kontext geprüft werden.
Zur Bibliothek 2.0 zählt diess in meinen Augen weniger, als zur Bibliotheksarbeit an sich und ich bin mir – Achtung: “Crawford-Manichäismus”- sicher, dass dies auch schon vor Web und Bibliothek 2.0 als Ideal am Bibliotheksdienstleistungshimmel geschrieben stand. Da es also kein spezifisches Merkmal der Bibliothek 2.0 darstellt, erscheint mir auch dieser Satz als überflüssig.

Die Bibliothek 2.0 versucht auch, die Bibliotheksbenutzer an dem Design und der Implementierung von Bibliothekdienstleitungen durch verstärktes Feedback und Teilnahmemöglichkeiten teilhaben zu lassen.

Das kommt dem, was für mich den Kern der Bibliothek 2.0 ausmacht, relativ nahe, jedoch gab es auch dies natürlich über Bibliothekar-Nutzer-Dialoge bereits lange vor dem WWW (2.0). Der engagierte Bibliothekar sprach natürlich schon immer mit seinem Nutzer und aus diesem Gespräch erfuhr er mehr oder weniger direkt, wo es klemmt und wo nicht, was der Nutzer sich wünscht und was er ganz prima findet. Neu ist vermutlich, dass eine solch umfassende Mitgestaltungsmöglichkeit (und womöglich -verpflichtung) der Benutzer ins Grundverständnis der Bibliotheken Einzug hält. Konkret betroffen sind nach meiner Wahrnehmung bislang jedoch – wenn überhaupt – die digitalen Bibliotheksumgebungen.

Was mir allerdings an dieser Stelle in der Wikipedia-Definition grundsätzlich fehlt, ist die Betonung des “Plattform-Charakters”, d.h., dass die traditionell Benutzer-Bibliothekar-Kommunikation um die Möglichkeit der Benutzer-Benutzer-Kommunikation ergänzt wird, bei der z.B. mittels Social Bookmarking eine direkte Benutzer-Benutzer-Vernetzung möglich ist.

Diese Plattformen sind nach meiner Vorstellung analog zu den Web 2.0-Prinzipien personalisiert zu denken: Sie dienen denn Nutzer als persönliche Einstiegspunkte in die digitale Bibliotheksumwelt, von denen aus sie sowohl die Kommunikation mit den Bibliothekaren und anderen Nutzern, wie auch die eigenständige Organisation und Verwaltung des eigenen Rezeptionsverhaltens hinsichtlich der Bibliotheksbestände und Informationsangebote der Bibliothek steueren. Die damit einhergehende Konsequenz ist eine zunehmende “Bemündigung” des Nutzers, und damit auch eine zunehmende Selbstverantwortung. Die damit verbundenen Folgen sind heute allerdings kaum abzuschätzen und bieten entsprechend reichlich bibliothekswissenschaftliche Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten/-notwendigkeiten…

Mein Vorschlag: Die Bibliothek 2.0 bindet Bibliotheksbenutzer grundsätzlich in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen mit ein. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger dieses Konzeptes erwarten, dass das Modell der Bibliothek 2.0 den traditionellen Service, der Bibliotheken für Jahrhunderte gekennzeichnet hat und der nur in eine Richtung ging, ersetzt.

Abgesehen davon, dass ich nicht grundsätzlich von einer traditionellen Einkanalbibliothek ausgehe – wenigstens Anschaffungsvorschläge werden schon lange Zeit eingesammelt – glaube ich, dass es nicht das Ziel sein muss, den traditionellen Service grundsätzlich zu ersetzen, sondern, dort wo er funktioniert beizubehalten, dort wo es hakt zu verbessern und dort, wo es sich anbietet, durch neue Service-Angebote zu ergänzen.

Mein Vorschlag: Anhänger des Konzeptes (zu denen ich mich in gewisser Weise auch zähle) gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote um neue Formen ergänzt werden.

Was haben wir nun? Wenn ich alles zusammenaddiere komme ich folgenden eher Beschreibungs- als Definitionsvorschlag:

Der Begriff der Bibliothek 2.0 ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen. Konsens herrscht weitgehend, dass die Bibliothek 2.0 grundsätzlich auf den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen ausgerichtet ist.

Einigkeit besteht ebenfalls überwiegend dahingehend, dass die Bibliothek 2.0 auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurückgreift. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durchdie so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet.

Ein offensichtlicher Grundbestandteil der Bibliothek 2.0 ist die grundsätzliche Einbindung des Bibliotheksbenutzers in die Gestaltung und Entwicklung besonders von digitalen Dienstleistungen. Das Plattformprinzip beinhaltet interaktive Nutzerschnittstellen und offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.

Anhänger des Konzeptes gehen davon aus, dass mit der Bibliothek 2.0 die traditionellen Service-Angebote der Bibliotheken um neue Formen ergänzt werden.

Gut genug für die Wikipedia? Anregungen, Kritik, Korrekturen u.ä. sind mir sehr herzlich willkommen.

Wir Cybernauten: Ein paar Gedanken zur Bibliothek als “content architecture”.

Posted in Bibliothek, Bibliothekswissenschaft, Kommentar, Library 2.0 on January 25th, 2007 and

Damit das Unterfangen dieses persönlichen Fachblogs nicht völlig abstürzt, gibt es das folgende Fundstück aus dem heutigen Webrundflug und meinen dazugehörigen Assoziationen hier und nicht etwa im Multi-User- und Multi-Reader-IB.Weblog:

Momentan weilt der BBC Nachrichtenchef Richard Sambrook mit einer ganzen Reihe von anderen herausragenden Medienvertretern im schönen Davos beim Weltwirtschaftsforum (WEF) und rapportiert in seinem Weblog SacredFacts. Im Media Leaders Council geht es besonders um ein Thema, was uns aus dem Bibliothekswesen recht vertraut klingt:

The discussion is about how media companies can adapt to the internet…

Auch wenn es im Geschäft der Medienindustrie sicher um andere Zielstellungen geht (Umsatz, Rendite etc.), sitzen die beiden Arten von “Content Providern” gewissermaßen in einem Boot. Denn beide fürchten ein bisschen darum, ihre Zielgruppen zu verlieren und bei beiden beobachtet man mitunter entweder eine mehr oder weniger drastische Verweigerungshaltung oder übertriebenes Adaptionsverhalten. Der Axel Springer Vorstandschef Mathias Döpfner bringt es schön flockig auf den Punkt:

“We must be careful not to commit suicide for fear of dying”.

Entsprechend gilt es – im Bibliothekswesen wie im Medienbusiness – Ruhe zu bewahren, ein bisschen auf Distanz zu gehen und dann zu versuchen Trends und Gestaltungsmöglichkeiten zu erkennen. Und genau zu diesem Aspekt, den Trends, zitiert Richard Sambrook etwas überaus Merkenswertes:

“The challenge isn’t content anymore. It’s organising it, the architecture of content is the new challenge.”

Da sollten eigentlich ganz schöne Zeiten für die im Bibliothekswesen geschulten Information Professionals anbrechen, ist doch ein Kernbestandteil ihres Wirkens nicht anderes, als die Architektur von Inhalten, was man traditionell als “Sacherschließung” bezeichnet. Eine Klassifikation und noch greifbarer eine Aufstellungssystematik sind exzellente Beispiele für die inhaltsarchitektonischen Strukturprinzipien. Die Schwierigkeit, die ich dabei sehe, ist allerdings die, dass sich Bibliotheken in der Vergangenheit häufig auf die Statik des Gebäudes konzentrierten und erst an zurückgesetzter Stelle mit der “Behaglichkeit” befassten. Ich denke, das was die Nutzer als Bewohner dieses großen “Hauses”, dem man manchmal “Weltwissen” ans Türschild schreibt, wollen, ist sowohl eine statische Zuverlässigkeit, die dafür sorgt, dass die Architektur nicht im Information Overkill über ihren Köpfen zusammenstürzt als auch, dass die Atmosphäre auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten leicht und so bequem als möglich bewohnbar ist.

Da sich hier dank Web 2.0 bzw. Library 2.0 besonders seit dem letzten Jahr in gewisser Weise ein Mentalitätswandel in den Bibliotheken zu vollziehen scheint und Aspekte wie Nutzerpartizipation (oder wenigstens -freundlichkeit) in das Zentrum der Aufmerksamkeit in die Fachwelt drängen, sehe ich für das Bibliothekswesen eigentlich alles andere als schwarz. Die Lösung scheint mir in der Idee der strukturellen Zweigleisigkeit zu fahren: Einerseits die Stabilität im Hintergrund im Sinne von entsprechenden intellektuellen und vielleicht auch irgendwann semantisch automatisierten Erschließungsverfahren und im Vordergrund ein flexibel an den “Geschmack” der Benutzer anpassbares Interface (als virtueller Arbeits- oder auch Wohnort), in welchem eine Vielzahl von eigenen Ausgestaltungsmöglichkeiten wie z.B. die Erschließung über Folksonomies, Kommunikation mit den näheren und entfernteren Nachbarn und letztlich auch die eigene Produktion von Content gegeben sind.

Vorläufer und Ideen dafür gibt es schon allerhand, nur wäre es schön, wenn es gelänge, diesen weitgehend dezentralen Prozess an einer Stelle immer mal wieder zu clustern. Dahinter steht nicht das Bedürfnis nach Zentralismus, sondern die täglich neu gemachte Erfahrung einer begrenzten rezeptiven bzw. kognitiven Verarbeitung dessen, was in diesem Bereich geschieht, zumal es eine doppelte Ernüchterung gibt: Einerseits darüber, was man immer wieder redundant wahrzunehmen und auszusortieren gezwungen ist und andererseits darüber, was man trotz allem Bemühen übersieht.
Ich denke, dass dies generell im Bereich der Content-Architektur ein Hauptfeld der bibliothekarischen Arbeit sein sollte: aus dem rhizomatischen Ganzen, in dem sich die unzähligen Fäden aus Information bzw. Content miteinander verknüpfen und verknoten, Cluster zu isolieren und Zugangskanäle zu schaffen, die zwar flexibel, aber nicht beliebig und damit nahe am Verrauschen sind. Wir werden sehen, welche Rolle der anstehende Bibliothekskongress in dieser Richtung übernehmen kann.

Anders als der kommerzielle Journalismus, der seine “Inhaltsarchitektur” vorwiegend dahingehend gestalten muss, dass sie auch gut verkaufbar ist, sehe ich es als Aufgabe der bibliothekarischen Arbeit sowohl für die Wissenschaft wie auch für die Öffentlichkeit, allgemeine Optimalstrukturen zu schaffen, die den Benutzern den jeweils passenden und schnellen Zugang zu den jeweils relevanten “Räumen”, d.h. Informationen und Inhalten zu eröffnen.

Gerade um dieses Optimum, d.h. die Mitte zwischen dem Rauschen der Überkomplexität und dem Verrauschen in der Banalität, zu erkennen, bedarf es der partizipativen Einbindung der Benutzer in dieses System aus der eine Art elaborierter Rückkopplungsprozess resultiert. Der Bibliothekswissenschaftler/Bibliothekar wird in diesem in gewisser Weise kybernetischen Modell zum modernen Kybernetes, d.h. Steuermann, der die Entwicklung des Systems bzw. der auf ihm aufgesetzten Angebote (möglichst unauffällig) lenkt und koordiniert. Durch Technologien wie die des semantic web erhält er die Möglichkeit, Routinen zu automatisieren und kann seine Aufmerksamkeit stärker z.B. auf die Folgen seiner “(cyber)nautischen” Manöver lenken.
Denn als Steuermann (oder eben Schiffsbaumeister) übernimmt er eben auch Verantwortung für die, die sich auf seine Fertigkeiten verlassen. Selbstverständlich betrifft dieser berufsethische Aspekt wieder die Bibliothekare wie die Medienproduzenten gleichermaßen: Welche Inhalte machen wir wie zugänglich? Die Beantwortung dieser Frage ist mehr als ein Forschungsgebiet für die Usability, hier zeigt sich die (potentielle) gesellschaftliche Wirkmächtigkeit, in der es meiner Meinung nach auch darauf ankommt, dass die Bibliotheken den Inhalten gegenüber interessenlos (alles ist potentiell relevant) einen neutralen allumfassenden Versorgungsanspruch zu realisieren versuchen, was auch als Gegenentwurf zu den nach kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählten Zugangsstrukturen der Medienindustrie zu verstehen ist, zumal sich Bibliotheken und Medienunternehmen dem oben zitierten Statement zufolge in gewisser Weise ähnlicher zu werden scheinen.

Dies alles vor Augen erscheint es schade, dass eine Vielzahl der Impulse, die momentan die “Gestaltungsnormen” der “Content Architektur” prägen, nicht aus dem bibliothekarischen Bereich kommen. Von ihrem grundsätzlichen Aufgaben- und Tätigkeitsfeld liegen Bibliotheken als tradtionelle “Architekten durch Inhaltserschließung” mehr denn je “im Trend”. Allerdings könnte man meiner Meinung nach die Innovationsfreudigkeit und besonders die Bereitschaft, dem Nutzer selbst mehr Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen, weitaus mehr intensivieren. Wenn man hier nachlegt und sichtbarer wird, würde es mich nicht wundern, wenn irgendwann in nicht allzuferner Zukunft auch Vertreter des Bibliothekswesens als Trendsetter und Experten beim WEF Media Leaders Council in Davos anwesend sind.

Bemerkungen zu 3 Thesen von Susanne Riedel (BIB)

Posted in Bibliothek, Kommentar, Sonstiges, Susanne Riedel on June 27th, 2006 and

In der Ausgabe 06/2006 von BuB findet sich auf der Seite 479 ein kleiner lila farbener Kasten, in dem drei Thesen wiedergegeben sind, die die BIB-Vorsitzende Susanne Riedel auf dem letzten Bibliothekartag im Kongresszentrum am Dresdner Elbufer in Hinblick auf Rolle und Bedeutung der Bibliotheken in Deutschland äußerte.
 

These 1: „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
These 2: „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“
These 3: „Bibliotheken sind intergraler Bestandteil des Bildungssystems“
 

Ein wenig irritierend ist für mich die Erkenntnis, dass sich meine Vorstellungen von dem, was die Bibliothek sein soll, nicht so recht mit dem Geäußertem decken wollen.
 

Zur These 1 „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
 

Die Verwendung der Bezeichnung „Kunde“ halte ich, das als Einstieg, für unpassend. Kundschaft steht synonym für Käuferkreis, der Kunde ist jemand der „ein Geschäftsangebot wahrnimmt“ (Pfeifer, W.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Aufl., München, 1999, S. 744). Hier wird sofort die Box der Analogie zum Wirtschaftsunternehmen geöffnet, die uns die Pandora des „Effizienzmanagement“, welche durch so manche bundesdeutsche Amtsstube reitet, hinterlassen hat, die aber die Bedeutung der Bibliothek absolut verkennt. Eine Bibliothek lässt sich nicht in Hinblick auf Rendite verwalten: sie wird immer, besonders wenn sie ihrer Aufgabe einer Versorgung der Allgemeinheit mit Information, die letzterer bei der Bewältigung des individuellen Alltagslebens in einer Informations- oder Wissensgesellschaft hilft, gerecht werden möchte, ein Kostenfaktor sein. Sie kostet immer richtig viel Geld und das lässt sich auch durch ein paar Euro Gebühren für Zugang bzw. Bestseller- oder DVD-Ausleihe nicht kompensieren. Von den Bibliotheksnutzern Geld zu verlangen ist eine hilflose und ungeschickte Entwicklung, die letztlich vermutlich mehr kostet (nicht in Euro abrechenbar), als sie einbringt (in Euro abrechenbar).
 

Sollte obendrein irgendwann ein Schwellenwert in der Einnahmenhöhe erreicht werden, der tatsächlich einen „wirtschaftlichen“ (d.h. sich rechnenden) Betrieb der Einrichtung ermöglicht, wird dieses auch für private Anbieter interessant und es werden Geschäftsmodelle entstehen, die als Konkurrenz zur Bibliothek stehen und diese dann einfach locker ablösen – schlicht weil Bibliothekare (und Kommunalpolitiker) im Normalfall keinerlei Nähe zur tatsächlichen McK(insey)-Dynamik (in Bereichen wie Marketing, Marktanalytik etc.) aufweisen. Hier werden immer andere Akteure schneller, radikaler, direkter handeln.
 

Zudem ist es eine ethische Frage: Wie das Beispiel der Staatsbibliothek zu Berlin zeigt, werden durch die Gebührenerhöhungen bestimmte Nutzergruppen schlicht von einer Nutzung ausgeschlossen. Es gibt tatsächlich Personen, für die 25 EURO Bibliotheksnutzungsgebühr eine Nutzungshürde darstellen. Hier arbeitet man ganz kräftig in die Richtung der Verbreitung eines Knowledge Gaps, was man vulgärsozialdarwinistisch als normale Erscheinung abhaken kann, was aber dennoch moralisch höchst bedenklich ist. Für eine demokratische Gesellschaft mit sozialem Anspruch, wie sie die Bundesrepublik Deutschland darstellen möchte, ist der (fahrlässige) Ausschluss von Bevölkerungsgruppen von der Teilhabe an der Informations-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft über kurzsichtige Entscheidungen im Bereich des Bibliotheksbudgetmanagements sowohl seitens der Träger wie auch der Häuser selbst, schlicht unwürdig. Die Öffentlichen Bibliotheken verspielen, sobald sie hier ausschließend wirken, in meinen Augen ihre Existenzberechtigung.
 

Die Erläuterungen von Frau Riedel zur ersten These sind eher enttäuschend:
 

„Bibliotheken haben die Herausforderung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien frühzeitig und vor allem offensiv angenommen und erfolgreich bewältigt.“

 

Gerade vor dem Hintergrund der Virtualisierung menschlicher Kommunikationsumwelten wirkt dies doch etwas dick aufgetragen. Nimmt man das Web 2.0 und die sich daraus ergebenen Möglichkeiten einer Library 2.0 zum Maßstab, so hängt das deutsche Bibliothekswesen – bis auf wenige positive Ausnahmen – im Schnitt sicher einige Jahre hinter den technischen Möglichkeiten hinterher. Zudem ist das Grundprinzip des Geschehens offensichtlich gar nicht realisiert worden: die Herausforderung ist nicht bewältigt und abgeschlossen „und Punkt“, sondern sie stellt sich eigentlich fast täglich neu. Das rückschauende Sich-Selbst-auf-die-Schulter-Klopfen ist hier wunderbarer Ausdruck des Missverstehens der Entwicklungen in der Webgemeinschaft. Wichtiger, als sich ein paar CD-ROMs verkaufen zu lassen, wäre es eigentlich, hier noch stärker eine Position als Anschluss- oder Schnittstelle zwischen den heterogenen Nutzerschichten und der virtuellen „Wissens-Netzwerk-WWW-Gesellschaft“ auszubauen. Dass man sich 2006 – wie im Text zitiert – noch jubilierend die Integration von Video und DVD und Elektronischen Zeitschriften in die Bestände vorträgt, zeigt leider, dass hier nicht so radikal in die Zukunft gedacht wird, wie es eigentlich einem BIB anstehen würde. In der digitalisierten/digitalen Informationsumwelt relativiert sich das Erscheinungsbild des Datenträgers und statt sich beispielsweise der Erwerbung von DVDs zu rühmen, sollte man vielleicht bereits heute beginnen, sich darauf einzustellen, dass die Videodaten in wenigen Jahren sicher eher zentral auf Severn bereitliegen und im Zweifelsfall On-Demand auf eine Blue-Ray-Disc o.ä. gebrannt oder auf entsprechende Wiedergabegeräte gestreamt werden. Das Buch natürlich, das vielgeliebte, wird sicher länger überleben als die VHS-Kassette und länger als die DVD (oder auch die HTML-Seite). Aber auch hier wird die digitale Verfügbarkeit von Texten früher oder später zu On-Demand-Lösungen führen, wobei das Ausgabemedium auch ein Buch sein kann. Statt Vielfalt von „statischen“ Medien wird, so nehme ich an, die Zukunft von Flexibilisierung der Ausgabemöglichkeiten bestimmt sein. Dies kann auch der Druck auf Feinstleinenpapier mit Ledereinband sein. Muss es aber nicht.
 

Gegen die These 2 „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“ lässt sich an sich nicht viel einwenden. Allerdings fällt das Eigentor gleich bei der Erläuterung:

„Im Mittelpunkt bibliothekarischer Arbeit steht nicht die Beschaffung, Erschließung und Bereitstellung von Medien, sondern der Umgang mit Menschen, die mit ganz unterschiedlichen Erwartungen, Wünschen und Problemen in die Bibliotheken kommen.“

Natürlich ist die Bibliothek ein sozialer Ort, ein Treffpunkt u.ä. – aber dieser Anspruch überfordert wohl die kontaktfreudigsten Mitarbeiter. Die Bibliothek, so wie ich sie sehe, muss gerade die Informationsmenge sammeln, in ihrer Erscheinungskomplexität reduzieren, Informationsqualität absichern und entsprechend kompetent auf Informationsbedürfnisse(!) aber nicht auf „Erwartungen, Wünsche und Probleme“ an sich reagieren. Die Bibliothek ist weder Kulturhaus noch Selbsthilfegruppe. Sie ist ein Filter und eine Schnittstelle zwischen den Nutzern mit ihren Bedürfnissen und der Dynamik und Pluralität publizierter Information. (Erstaunlicherweise wird in den Erläuterung stillschweigend im Gegensatz zur These 1 auch im Originaltext vom „Kunden“ zum „Nutzer“ zurückgeschwenkt. Eventuell versteht Frau Riedel die beiden Termini auch als synonym – ich tue das nicht.) Dass hier nach der Ausbildung nicht Schluss mit der Kompetenzentwicklung der Bibliotheksmitarbeiter sein darf, wird sicherlich richtig betont, obwohl es eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte.
 

Die These 3 „Bibliotheken sind integraler Bestandteil des Bildungssystems“ ist dahingehend problematisch, dass man zwar die „PISA-Hysterie“ prima nutzen kann, um hier schnell in die Nische zu springen und sich als unabdingbar zu manifestieren, dass sich hier andererseits aber eine gewisse Realitätsferne offenbart. Auch hier bleibe ich bei meinem Standpunkt, dass Bibliotheken eher als Schnittstellen zwischen Nutzer und Information agieren müssen und weniger selbst Bildungsaufgaben übernehmen sollten. Sie sind per se keine Schulen und auch keine Nachhilfezentren: sie bieten den Zugang zu Information. Dies kann in Kooperation mit Schulen geschehen (und ist vielleicht sogar wünschenswert), eine solche Zusammenarbeit ist aber nicht Existenzbedingung. Sinnvoller wäre es obendrein, so meine ich, Bibliotheken gleich als Schulbibliotheken in die Bildungseinrichtungen zu integrieren.

Ich glaube nicht, dass Bibliotheken – außer als politisch vielleicht einzig möglichen Schachzug – ihre Legitimation auf diesem Wege suchen sollten. Bibliotheken sind in meinen Augen eher eine Form von „Infrastruktureinrichtung“, die genauso wenig eine Berechtigung aus ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die Öffentlichkeit schöpfen kann. Ihrer Unabdingbarkeit in einer (post-google) Wissensgesellschaft liegt eigentlich auf der Hand, ihre gesellschaftliche Bedeutung ebenfalls. Notwendig ist allerdings eine weitaus progressivere und offensivere Arbeit jenseits von zumeist eher hilflosen Konzepten, die einerseits ein verkehrtes Verständnis von „Wirtschaftlichkeit“ (inklusive der zumeist hochnotpeinlichen Versuche der Imitation von Marketingstrategien aus der freien Wirtschaft) und andererseits ein hilfloses Greifen nach dem Strohhalm „Bildungsmisere“ darstellen.
 

Es gibt viel Potential in den Bibliotheken und sicher lassen sich Überschneidungen mit den Bereichen Bildung und Kultur häufig und produktiv nutzen. Jedoch ist die Bibliothek weder eine Bildungs- und Kultureinrichtung, sondern in erster Linie Bibliothek. Ihre Aufgabe ist es, der Öffentlichkeit als ein Anschlussstück an die Vielfalt verfügbarer publizierter Information zu dienen. Dabei sollten komplexitätsreduzierende und informationsqualitätssicherende Aspekte, also die Konzeption der Zugänglichmachung der publizierten Information für die Nutzer, im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Hier – und nicht in der Bildung und auch nicht im Kulturmanagement liegen die genuinen Kernkompetenzen der Bibliotheken. Genau dessen sollte man sich m.E. stärker bewusst werden.