kontext


Plagiat und Stil: Über Peter Sloterdijk, Karl-Theodor zu Guttenberg und die Wissenschaftskommunikation.

In ihrem Wissenschaftsteil berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung heute über die am zurückliegenden Wochenende am Bayreuther Graudiertenkolleg »Geistiges Eigentum und Gemeinfreiheit« durchgeführte Tagung Plagiate, Wissenschaftsethik und Geistiges Eigentum. Während Tanjev Schultz die dort präsentierten Thesen des Philosophen Peter Sloterdijk zum Thema zeitnah für Süddeutsche Zeitung referierte, fasst Martin Otto zusätzlich einige weitere Aspekte zusammen. (Martin Otto: Wehe, wenn einer liest, was sie schreiben. In: FAZ, 30.11.2011, S. N5) Am interessantesten erscheint dabei die Position des Rechtswissenschaftlers Haimo Schack:

“Mit Haimo Schack (Kiel) hielt auch einer der führenden deutschen Kunstrechtler das Urheberrecht für ein nur bedingt geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Plagiaten. Denn das Urheberrecht sei zunächst ein “privatnütziges Recht”, mit dem ein öffentliches Interesse wie die “Reinhaltung der Wissenschaft” allenfalls mittelbar geschützt werden könne. Stattdessen forderte Schack die Hochschulleitungen auf, mit dem Disziplinar-, Arbeits- und Beamtenrechts hier Maßstäbe zu setzen.”

Das Wissenschaftsplagiat als wissenschaftsethischer Verstoß scheint also mehr über die Handlungsnormen in den Wissenschaftsgemeinschaften bzw. Hochschulen adressierbar zu sein, als über die Berufung auf das so genannte Geistige Eigentum. Das verbindet sich recht stimmig mit dem Zweifel Peter Sloterdijks an gewissen idealen Vorstellungen von Wissenschaft und wissenschaftlicher Authentizität:

“In der Literatur hätten angesichts der Katastrophe des Ersten Weltkriegs Dadaisten wie Hugo Ball und Walter Serner die Vergeblichkeit des Vorspielens von Seriosität erkannt; ein wissenschaftliches Äquivalent zum Dadaismus sei eigenartigerweise nicht entstanden.”

Dass die Wissenschaft keine Verfahren zu ihrer eigenen Diskursbrechung entwickeln konnte, sondern beharrlich an ihrer Seriösität festhält, führt demzufolge zu einer Produktionen von an diesen seriösitätsgerichten Sozialnormen orientierten Publikationen, die sich einer kritischen Lektüre außerhalbe eines Spezialistenkreises entzögen. Sloterdijk, der womöglich in dieser Aussage berücksichtigt, dass er sich mit seinen Publikation einem solchen Prinzip nicht unbedingt unterordnet, meint nun, dass aus diesem Grund a) eher Nachahmung als Originalität gefördert wird und b) die auch zur Plagiatsaufdeckung notwendige Lektüre häufig schlicht unterbleibt. Denn sie lockt mit ihrer mutmaßlichen Redundanzsättigung nicht unbedingt und wird dort vermieden, wo man meint, dass man sie getrost vermeiden kann, weil sowieso alles in Ordnung ist. So geht dann aber auch schon mal eine nachweislich unwissenschaftliche Dissertation bei Duncker & Humblot in den Druck.

I

Das Dröge im Stil der Qualifikations- und Antragsprosa, so meine Anschlussüberlegung, dient demzufolge weniger der Kommunikation neuer Erkenntnis (oder ihrer Vorbereitung), sondern mehr zur Demonstration von Befähigung und Bereitschaft, sich dem Formalisierungsdruck in der Wissenschaftskommunikation zu beugen. Man beweist gerade im Fall der Qualifikationsarbeiten, wie bei Initiationen üblich, dass man bereit ist, die Spielregeln der Gemeinschaft, zu der man in einer bestimmten Form gehören möchte, befolgen kann und will.

Im Fall der Anträge (Sloterdijk: „Umgekehrt zahle sich etwa bei einem Projektantrag das Nachahmen früherer Anträge aus, denn sie böten die Gewähr, bereits bewährt zu sein.“) anerkennt man, dass man die formalen Vorgaben möglichst pedantisch einzuhalten hat, denn wie bei jeder hochentwickelten Bürokratie, bietet eine Abweichung im Zweifelsfall die erste Angriffsfläche. Die Variation erfolgt idealerweise dort, wo man die Entwicklungsvorstellungen der jeweiligen Förderinstitutionen antizipiert. Man demonstriert in dieser eigenartigen Kombination von Folgsamkeit und wissenschaftlicher Voraussicht, dass man die Rolle dieser Institutionen bei der Ressourcenallokation für die Wissenschaft zu akzeptieren bereit ist. Dass dies übrigens nicht unumstritten ist,  zeigt die jüngste, leider oft von Defiziten in der Rhetorik gekennzeichnete metawissenschaftliche Debatte zur Verfassung der DFG. Man muss es klar sagen: Förderantrag basierte Wissenschaft steht mit einem Bein außerhalb der gemeinschaftsinternen Wissenschaftskommunikation. Sie stellt damit einen Sonderfall des wissenschaftlichen Kommunizierens dar, der zu einem erheblichen Teil verwaltungsorientiert ist.

Allerdings gibt es, sofern das System funktioniert, eine gegenkontrollierend wirkende Rückbindung in Form der wissenschaftlichen Gutachter. Die formal korrekte Antragsprosa wird von diesen auf Vereinbarkeit mit den allgemeinen Erkenntniszielen der Wissenschaftsgemeinschaft geprüft. Wo sie überzeugt, fließen auch die Fördergelder. Diese Form der Wissenschaftsprosa ist insofern vielleicht die spannendste, weil sie – über die wissenschaftliche Existenz entscheidend – in einem engen Formkorsett eine grundständig überzeugende (besser noch: mitreißende) Botschaft vermitteln muss. Sloterdijk übersieht dieses Potential leider in seiner Aussage zur Nachahmung.

II

Nachahmungen, die zum Teil auch mit der Funktion einer Mimikry auftreten, vermindern selbstverständlich die Gefahr eines Ausschlusses schon aus formalen Gründen und erhöhen zugleich die Chancen des Bestehens in dieser Gemeinschaft. Das Plagiat, das die Nachahmung zur Übernahme überhöht, erscheint in diesem Zusammenhang als Versuch, diesen Zweck zu erreichen, obwohl man nicht in der Lage ist, es normkonform zu tun bzw. tun zu wollen.

Das Beispiel Karl-Theodor zu Guttenbergs, der zu diesem Zweck genrefremde Textsorten verarbeitete, bildet hierbei einen kuriosen Sonderfall. Sein Bricolage-Stil, so könnte man meinen, entspricht formal fast dem von Sloterdijk angesprochenen Prinzip eines Äquivalents zum Dadaismus. Wäre der Text mit Absicht so in den Diskurs geschleust worden, dann hätte der Promovend mit „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ einen den Diskurs transzendierenden Nachfolger für Alan Sokals berühmtes Werk „Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“ abliefern können. Aber daran lag ihm offensichtlich nicht.

III

Sowohl an den Ausführungen Sloterdijks wie auch an denen Schacks wird dessen ungeachtet meines Erachtens deutlich, wie sehr sich das Verfassen wissenschaftlicher Texte, die im Gegensatz zur Literatur selten mit einem herausgehoben ästhetischen Gestaltungswillen erstellt werden, von anderen Schöpfungsbereichen unterscheidet. Ob nun Argument, Messerkenntnis oder Beweisführung: In der Wissenschaft erfüllen Texte vorrangig die Funktion eines Vermittlungswerkzeugs für eine sehr begrenzte Leserschaft. Natürlich verfolgt der Stil einen Distinktionszweck, der im Ergebnis vor allem diese Begrenzung unterstreicht. Die Lektüre übernimmt also eine doppelte Form sozialer Abschätzung: Das lesende Individuum spürt, ob es zu der Gemeinschaft, auf die der Text gerichtet ist, gehört bzw. gehören kann. Die lesende Gemeinschaft kann gleiches hinsichtlich des Autors beurteilen. Allerdings führen interdisziplinäre Entwicklungen erfahrungsgemäß zu Verschiebungen in den Varietäten, so dass sich die Grenzen der Gemeinschaft nicht ausschließlich an denen der Disziplinen abtragen lassen können.

IV

Lektüren in der Wissenschaft dienen, um das festzuhalten, nicht dem Werkgenuss, sondern der Kommunikation. Die Sperrigkeit ist zumeist aus den genannten Gründen beabsichtigt. Wenn man einem Wissenschaftler sagte, sein Werk läse sich wie Belletristik, wäre dieser zu Recht getroffen. Nun kann man im Anschluss an Sloterdijk überlegen, ob eine Verliteraturisierung der Wissenschaftsprosa mitsamt einer dazugehörigen Praxis der Textkritik einen sinnvollen Schritt darstellt. Mehrheitsfähig sind solche Bestrebungen aber sicher nicht, solange das soziale System Wissenschaft Originalität – also den Beitrag zum „Fortschritt der Wissenschaft“ und somit den Wert für das System – und damit den Reputationsgewinn nahezu ausschließlich an der Botschaft und nicht in der Form verankert. Und solange die Form In- und Exklusionseffekte als Nebenwirkung hervorruft. Daher erfordert das soziale Kommunikationssystem Wissenschaft eine rigorose Anpassung an formale Normen, die bestimmten wissenschaftlichen Grundwerten entsprechen sollen. Zu diesen gehören die bekannten Kriterien der Objektivität, Eindeutigkeit und Nachvollziehbarkeit. Daraus folgen enge Grenzen für das formalästhetische Schöpfungsniveau wissenschaftlicher Texte.

V

Dass man dagegen den Ideen selbst seine buchstäbliche Referenz erweist, ist in diesem Normenkatalog tiefer eingebettet, als im Urheberrecht. Gerade die textstellenfixierte Begutachtung im Strafverfahren zu Guttenberg bestätigt Schack: die eigentliche Auseinandersetzung um solche Fälle kann nicht mit dem Urheberstrafrecht geleistet werden. Hier muss die Selbstorganisation der Wissenschaft aktiv werden (und sie wurde es ja auch). Unabhängig davon, wie sich Karl-Theodor zu Guttenberg positionieren lässt – ob als Plagiator oder als Konfusionist – hat er gezeigt, dass er entweder nicht willens oder nicht in der Lage war, die Regeln der wissenschaftlichen Kommunikation (seiner Community) einzuhalten. Mit dem Argument der Unsystematik auf Nachsicht zu hoffen zeigt zudem, dass er nach wie vor nicht verstanden hat, nach welchen Regeln das Sozialsystem Wissenschaft funktioniert: Es fordert im Normalfall von Doktoranden gleich welchen gesellschaftlichen Hintergrunds konsequente Kärrnerarbeit und eine gewisse Demut bzw. Unterordnung unter seine Regeln. Denn nur so kann es seinen akephalen Status legitimieren und sich so erhalten, wie es ist.

Ben Kaden

Berlin, 30.11.2011

3 Responses to “Plagiat und Stil: Über Peter Sloterdijk, Karl-Theodor zu Guttenberg und die Wissenschaftskommunikation.”

  1.   Ben Says:

    Folgende Aussage des Historikers Anthony Grafton passt ganz gut zum obigen Text:

    “Früher erzählte die Fußnote, welcher Schule man angehörte. “

    derStandard.at (28.11.2011): “Die eigenartige Religion des Zitierens”

  2.   Ben Says:

    Und noch eine Ergänzung, die unterstreicht, worum es mir geht. In einem Aufsatz zum Urheberrechtsschutz wissenschaftlicher Werke aus dem Jahr 1999 in der Zeitschrift GRUR heißt es:

    “Dabei spielt sprachliche Individualität für den Wissenschaftler regelmäßig aber nur eine Nebenrolle. Mit der individuell gestalteten, extravaganten Fassung einer sprachlichen Abhandlung stößt man in wissenschaftlichen Kreisen eher auf Ablehnung und weckt Mißtrauen gegenüber dem wissenschaftlichen Gehalt. Die Verfasser bemühen deshalb vielfach einen Sprachstil ohne individualitätsprägende Merkmale und lassen “die Sache für sich sprechen”"

    (Heermann, Peter W.: Der Schutzumfang von Sprachwerken der Wissenschaft und die urheberrechtliche Stellung von Hochschulangehörigen. GRUR, 1999, S. 468-476, vgl. dazu ein Referat bei IUWIS)

  3.   Julian Says:

    @Ben

    “Folgende Aussage des Historikers Anthony Grafton passt ganz gut zum obigen Text:

    “Früher erzählte die Fußnote, welcher Schule man angehörte. “

    derStandard.at (28.11.2011): “Die eigenartige Religion des Zitierens””

    Das gilt übrigens nach wie vor – leider gibt es nur nicht mehr so viele Forscher mit einem klar umrissenen Standpunkt. Dass sie dennoch einen haben, der unreflektiert vor sich hinwuchert, macht die Sache nur noch schlimmer. Aber es gibt nach wie vor Ausnahmen und an denen sollte man die jungen Akademiker auch messen – nicht an leeren Opportunisten.

Leave a Reply