kontext


Klosterfrei Ideengeist. Zwei Notizen zum digitalen Buch/Lesen.

I.

In der Debatte um die Klage gegen den Hathi Trust ziehen die Kläger harte und sachlich mitunter ziemlich bedenkliche Bandagen auf:

“In statement, the new plaintiffs joined in harshly criticizing the libraries. “If they want a digital book, they should pay for it,” said Mats Söderlund, chairman of the Swedish Writers Union.

“They just wanted to release e-books for free,” Greg Hollingshead, chair of The Writers’ Union of Canada, said of the program. “They don’t take literary property rights seriously, why should any of us trust their security measures? If they’re hacked, and digital files of 40,000 Canadian books are released, how are Canadian authors ever again to receive significant revenues from those works?”

Trond Andreassen, president of the Norwegian Nonfiction Writers and Translators Association said HathiTrust was “one of the craziest things I’ve ever seen.”

Scott Turow, president of the Authors Guild, even accused the libraries of the p-word. “Universities are important cultural bastions, valued by all of us,” he said, “In this case, university defendants are using their immunity from money damages to act as pirates, rather than custodians, of our literary heritage.”  ( vgl. Andrew Albanese: Authors Guild Files File Amended Complaint Against Libraries. In: www.publishersweekly.com. 07.10.2011)   )

Natürlich gehört derartiges Geklappere zu solchen Verfahren. Aber wenn ein Kommentator fordert: “Time to make the libraries pay for present and former piracy.” dann schüttet er nicht nur das Kind mit dem Bade aus, sondern verkennt, dass sich der hochaggressive Sturmlauf gegen die Bibliotheken immerhin auch gegen die traditionell besten Kunden der Verlage richtet.

Ob es wirklich so klug ist, hier den Graben unbedingt weiter aufzureißen, ist leicht zu beantworten. Das Argument Mats Söderlunds ist schon deshalb unsinnig, weil verwaiste und vergriffene Werke nun gerade nicht weder als P- noch als E-Books irgendwie legal zu erwerben sind. Die beste Lösung läge wahrscheinlich darin, dass der von ihm vertretene Sveriges Författarförbund die betroffenen Titel selbst identifiziert, digitalisiert und dann auf dem Marktplatz für elektronische Inhalte anbietet.

II.

Insgesamt scheint mir die Welt angesichts solcher Wildwasserargumente allein urheberrechtlich noch nicht sonderlich reif für digitale Bücher zu sein. Schade das Kathrin Passigs fast wie eine Missionierungstour für E-Only anmutendes Agenda Setting diese Facette weitgehend auszublenden scheint. So zeigt sie sich im Tagesspiegel beim Dialog mit dem Verleger Matthias Rötzer (Matthes & Seitz) erneut ausgesprochen entschieden.  ( Diskussion Buch trifft Bildschirm. In: www.tagesspiegel.de. 07.10.2011 ) Was sie nicht erwähnt ist, dass ihr E-Only uns vielleicht den wechselnden Griff zum Band (=unpraktischen Gerätewechse) spart, ihr und uns jedoch zugleich die Lektüre extensiver Nutzungsbedingungen, die Kenntnis vertrackter rechtlicher Bedingungen und die totale Abhängigkeit von der Vermittlungs- und Anzeigetechnologie aufbürdet. Das mag für digitale Kommunikation an sich unvermeidlich sein. Für die Buchlektüre ist es aber ein überflüssiger Zuwachs an Komplexität.

Neben diesem blinden Fleck stört etwas anderes noch mehr am Ansatz ihrer Argumentation um die sterbende Buchbranche: Sie baut ihre grundlegenden Zukunftsprognosen umfassend auf ihre persönliche Wahrnehmung Kumuliert heißt die Botschaft: Kathrin Passig liest nur noch elektronisch und vermisst Papier kein bisschen. Ergo: Wir alle werden nur noch elektronisch lesen und Papier ist ein Anachronismus. Für das Feuilleton mag die eindimensionale Erfahrungsempirie reichen und es mutet bisweilen sogar recht neckisch an, Studienerfahrungen als Maßstab für eine ganze Kulturindustrie anzulegen:

“Überhaupt misstraue ich einem schönen Buch. Ich selbst habe das im Studium immer gern gemacht: Wenn ich einen Text von mir inhaltlich unzulänglich fand, habe ich ihn erst mal schön gesetzt. Gleich machte der Inhalt auch mehr her.”

Das kann man aber nur mit Geltungsanspruch tun, wenn man eine als Wahrheit akzeptierte Struktur jenseits der eigenen Meinungs- und Wahrnehmungswelt negiert. Womit man sich andererseits wieder selbst relativiert und es dem Leser schwer fällt, zu entscheiden, was wirklich Substanz und brauchbare Erkenntnis und was nur spontanes Aus-dem-Bauch-Geplauder ist.  Die derzeitige Debatte, die viele Branchenvertreter zur Buchmesse erneut in den Taumel des Zukunftsmediums E-Book stürzen wird, entpuppt sich so als Wandern im Treibsand.

Zweifelsohne eignet sich die digitale Kommunikationsstruktur des Web – also auch dieses Blog – exzellent für die Abbildung des Denkens im sich vollziehenden Prozess. Das Buch sollte jedoch meiner Meinung nach die Rolle übernehmen, Denken in raffinierterer Form abzubilden. Die analoge Fixierung ist dabei ein besonderer Veredelungsschritt, der ausdrückt, dass man hiermit wirklich etwas Bleibendes schaffen möchte. Der von Andreas Rötzer betonte Manufaktur-Gedanke weist in dieser Richtung. Ob es gelingt, ist eine andere Frage. Dass ein großer Teil der aktuellen Verlagsproduktion eher anderen, ephemereren Zielen folgt, ist leider in jeder Großbuchhandlung einsichtig. Am Prinzip des Mediums und seiner Wechselwirkung ändert dies jedoch nicht. Mein Blog ist ein Notizmedium. Wenn ich ein Buch schreibe, geht es mir darum, ein Werk zu verfertigen.  Daher schreibe ich auch vielleicht hundert Blogtexte im Jahr aber nur ein Buch im Jahrzehnt. Möglicherweise ist diese persönliche Wahrnehmung aber ebenso nur eine Nischenempfindung.

Möglicherweise klingt es auch deshalb in meinen Ohren ziemlich hoch vom Ross, wenn bei Kathrin Passig das Lesen von Büchern leichthändig als Kutschfahrt und Häkelclub beiseite gewischt wird und ein Hohelied auf die Ahistorizität erklingt:

 ”Ich glaube nicht, dass es das Qualitätskriterium für einen Gedanken ist, dass er auch in 300 Jahren noch richtig sein muss. Ich glaube, man kann sehr gute Ideen haben, die genau von jetzt bis nächsten Sommer richtig sind und danach nicht mehr. Die flüchtigen Medien eignen sich viel besser dazu, Themen in einer Konversation, in einem Prozess, zu behandeln. Wir leben nicht mehr in einem mittelalterlichen Kloster.”

Leben und besonders kulturelles Leben ist unzweifelhaft: Prozess. Es braucht aber Fix- bzw. Referenzpunkte und ob die immateriellen Ereignisse der zeitstempelmarkierten Web-Kommunikation als solche allein fixierend genug wirken, bezweifle ich doch sehr. Die Bibliothek ist ein hoch elaboriertes Referenzmedium für gedruckte Objekte und bildet für viele Facetten des Denkens, wie ein Blick in die Regalreihen im Grimm-Zentrum zeigt, immer noch eine wundervolle Infrastruktur. Digitale Verfahren haben die Findability und Verarbeitbarkeit der Bestände deutlich erhöht. Aktuell verschmelzen diese Nutzungswerkzeuge mit den Inhalten und welche Probleme daraus entstehen, ist noch gar nicht absehbar. Das sage ich aus der Bescheidenheit eines Bibliothekswissenschaftlers heraus, der sich professionell recht eingehend mit diesen Fragen befassen muss. Vielleicht bin ich deshalb zu vorsichtig und/oder womöglich scheint es nur mir aus  gerade dieser spezifischen Perspektive sinnvoll, den Prozess ohne die übertriebene Hast anzugehen, die den Diskurstriebmitteln bestimmter Akteure innewohnt.

Abgesehen davon gehe ich persönlich zusätzlich davon aus, dass Objekte bzw. materialisierte Manifestationen von Sinn (Bücher, Bilder, Skulpturen, Briefe) eine bestimmte Qualität auch für das Erinnern markieren, die weit über den Retrieval-Speicher Googles, der Kathrin Passig vorzuschweben scheint, hinausreicht. Auch hier stehe eventuell einen Schritt weit neben dem Zeitgeist, da mir ja auch eine dieser halbverschwommenen farbverschobenen Polaroid-Aufnahmen mehr am Herzen liegt, als die 2000 Digitalfotos auf der Speicherkarte, die während eines Urlaubswochenende so anfallen. Ich habe leider derzeit keinen Einblick, wie die Objektkultur der digitalen Jugend aussieht, welche Rolle (qualitativ-strukturell) Sinnlichkeit in ihrer Wahrnehmungswelt spielt und ob diese davon ausgeht, wovon ich ausgehe: Dass die Qualität solcher Objekte darin liegt, dass sie einen greifbaren Zeitschnitt darstellen. Sie binden das Denken und Schaffen und auch als Spur die Existenz eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer sinnlich komplexen Weise auf Dauer. Nicht unbegrenzt, nicht einmal unbegrenzter als digitale Spuren. Aber manifester. Diese Qualität reicht über den eigentlichen, wandelbaren Inhalt hinaus.

Vielleicht sind solche Formen und sinnliche Ansprüche in der Touchscreen vermittelten Welt des 21. Jahrhunderts wirklich ein nostalgieverseuchter Anchronismus und eventuell gefiel mir Gary Shteyngarts Lovestory besser als den meisten deutschen Rezensenten (die deutsche Übersetzung verzerrt allerdings auch sehr viel), weil mir der Touchscreen für bestimmte Belange eine zu glättende Oberfläche darstellt und Shteyngart diesen Gegensatz in scheußlicher Konsequenz auszuwalzen verstand. Möglicherweise liegt es auch an meinem generellen Interesse an Erinnerungskulturen und Spuren, dass es mir nicht genügt, meine zukünftige Erinnerung und mein aktuelles Erinnern allein über die flüchtige Infrastruktur einer Handvoll für mich nicht beeinflussbare Marktakteure zu definieren.

Es wird einen Grund geben, weshalb ich mich also weigere, mein kulturelles Handeln einzig auf das zukunftsjubilierende Pferd eines „Aber es geht ja doch immer in eine Richtung weiter, die auch ganz interessant ist.“ zu setzen und ihm die digitalen Sporen zu geben. Und bis ich den persönlichen benennen kann, liefern die Urheberrechtsakteure einen zum Vorschieben: Die undurchsichtige Situation des Digitalen Urheberrechts bringt einen im digitalen Raum schnell und fast zuverlässig an die Grenzen dessen, was eigentlich möglich ist. Man kann als fröhlicher Webrevolutionär sicher darüber hinwegsehen. Aber die rechtlichen Folgen sind nicht (nicht auf diese Art) virtuell. Sie sind handfest und beschäftigen die Betroffenen weitaus stärker, als der Kathrin Passig so lästige Medienwechsel zwischen Bildschirm und Buch.

One Response to “Klosterfrei Ideengeist. Zwei Notizen zum digitalen Buch/Lesen.”

  1.   Ben Says:

    Eine schöne Diskussion zum Beitrag gibt es in Kathrin Passigs GooglePlus-Feed.

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