kontext


Confuzzly Logic. Ein eigenartiger Beitrag zum Copyright Discourse zwischen Tonband und Napster.

„The entertainment industry tells people they shouldn‘t steal music because they wouldn‘t steal a car, but has anybody ever downloaded a car?”

Peter K. Yu stimmt auf seinen Text Digital Copyright and Confuzzling Rhetoric zur Argumentationsführung des Urheberrechtsdiskurses mit einem so anschaulichen wie sympathischen Vergleich ein. Dann fügt er etwas Irritierendes an: „Music fans praise Napster.

Wäre ich Prüfer in Bayreuth, wüsste ich angesichts des offensichtlichen Anachronismus der Huldigungszuweisung was zu tun ist. Aber Peter K. Yu meint es ernst für das Jahr 2011 und verweist nicht etwa auf fast auch schon beinah altbackene Musik-Blog-Suchmaschinen wie hypem.com. Dafür legt er uns schon in der Überschrift ein neues Wort nahe: das etwas plüschige confuzzling, in dem sich verwirrt und perplex wunderbar zusammenfinden. Diejenigen, die die Lolcats-Szene verfolgen, kennen es vermutlich schon. Und diejenigen, die Peter K. Yus Aufsatz mit der lockenden Überschrift durchlesen, lernen es kennen.

„Confuzzling“ ist ein typisches Beispiel des sprachspielerischen Potentials von Internetgemeinschaften, die schneller als die Lexikographie eine neue Seite aufblättert, eine neue Benennung geprägt und verbreitet haben. Jede Verwendung bestätigt ihn und trägt ihn weiter. Aber nicht jede Verwendung muss ihn derart innig selbst praktizieren, wie es Peter K. Yus in seinem jüngst auf SSRN vorpublizierter Text ist für das Vanderbilt Journal of Entertainment and Technology Law (JETL) tut. Dabei ist der Ansatz durchaus nachvollziehbar. Denn das JETL ist ein law student journal der Vanderbilt Law School in Nashville, Tennessee und verfolgt den Ansatz, „to present an informative discussion of the contemporary legal issues that face the entertainment and technology industries.” (vgl. hier)

Der Beitrag dagegen verfolgt laut Abstract den Ansatz, „ to help the entertainment industry make its proposals for digital copyright reform more convincing.”

Die Übereinstimmung ist gegeben und scheint sich räumlich weiter zu bestätigen: Die Partnerstadt des durch Tokio Hotel ebenfalls popkulturell ausgezeichneten Magdeburgs trägt ja nicht ohne Grund den Beinamen Music City sowie, was möglicherweise etwas weniger bekannt ist, den des Athens des Südens. Der Blick auf den Globus zeigt, dass Nashville tatsächlich einen Breitengrad südlicher als Athen gegründet wurde. Den Anlass für die Umschreibung bot allerdings weniger die Geographie, sondern der Status als regionales Bildungszentrum. Nashville war, so die Stadtinformation, die erste Kommune der südlichen Vereinigten Staaten, die öffentliche Schulen betrieb und zu diesen noch einer Reihe von höheren Bildungseinrichtungen Heimat bot.

Wo akademische Tradition und Populärmusik derart zusammenfinden, ist eine rechtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Urheberrechtsrhetorik der Musik- und Unterhaltungsindustrie mehr als naheliegend. Dass diese zur Unterstützung dieses immaterialbegüterten Industriezweigs dienen soll, erhöht die Spannung der Lektüre noch.

Allerdings gehen zwei Rechnungen nicht auf. Zum Einen die geographische: Der Autor lehrt nicht im Geburtsort des Teenie-Überidols Miley Cyrus, sondern an der Drake University in Des Moines, einer Stadt, die musikalisch vorwiegend mit der von dort stammenden Band Slipknot Bekanntheit erlangte.

Zum Anderen erweist der Autor in seinem wenigstens in der Wahl seiner Kapitelüberschriften durchaus beschwingten Beitrag zur Kommunikationskultur des Copyright-Diskurses, der Industrie argumentativ etwas, was man gemeinhin als Bärendienst bezeichnet. Sofern er gelesen wird. Wer es wagen mag, findet den Beitrag unter http://ssrn.com/abstract=1775886.

Besonders bemerkenswert ist, wie sich Peter K. Yu als internetsoziologisch bestenfalls dürftig beleckt outet, wenn er eine Generationenkluft „between the copyright-abiding generation and Generation Y“ feststellt. Zur Generation Y bleibt, wahrscheinlich gar nicht mal verkehrt, zu sagen:

„Many members of this generation do not share the norms reflected in existing copyright law. Nor do they understand copyright law or see the benefits of complying with it.”

Er meint damit übrigens nicht etwa die Generation derer, die mit Digitaltechnologie aufwuchsen, sondern vermutlich generell Teenager. Alles andere wäre Unsinn. Denn wer selbst Teil der Generation Kassettenkultur ist, erinnert sich eventuell, dass sowohl die nicht autorisierte Kopie wie auch der dagegen ziehende Argumentationsfeldzug der Musikindustrie keine Erfindung des Internets ist. Man könnte nun streiten, ob diese älteren Geschwister der Digital Natives urheberrechtlich ähnlich gleichgültig an Medien herantraten oder, noch mehr skrupulös statt skrupellos, Träger erster normativer Erosionen waren, die später mit Napster ihre Sprengkraft wirklich entfalteten. Der Blick in Erich Schulzes Handbuch „Urheberrecht in der Musik“ spricht eher für Variante eins und eröffnet den Blick auf eine lange Traditionslinie der Debatte um die Privatkopie. Für das Geschäftsjahr 1978 verrechnet er die Einnahmen über die Geräteabgabe von 24 Millionen D-Mark mit Tonbandkassettenabsatz:

„Wird […] davon ausgegangen, daß im gleichen Jahr 100 Millionen Leerkassetten verkauft worden sind, so sind allein der GEMA für jede dieser Kassetten DM 0,80 Mindestlizenz – also insgesamt DM 80 Mio. – verlorengegangen. Da die Kassetten aber wieder gelöscht und neu bespielt werden können, ist der wirkliche Schaden natürlich viel höher. Die Selbstbedienungsläden des Geistesschaffens halten jedoch nicht nur Leerkassetten, sondern auch alle möglichen Werkzeuge für eine schrankenlose Fotokopierpraxis feil.“ (Erich Schulze: Urheberrecht in der Musik Berlin ; New York : De Gruyter, 1981, S. 86)

Interessanter als diese Rechnung ist jedoch die zuvor geäußert Feststellung, „daß die Einnahmen für die private Bild- und Tonträgervervielfältigung bei weitem kein Äquivalent für die wirtschaftlichen Verluste durch die nicht vorherzusehen gewesene Verbreitung der Leerkassette sind.“ (S. 39)

Die entscheidende Wortgruppe ist hier: „nicht vorherzusehen gewesen“. Man kann unzweifelhaft davon sprechen, dass das MP3-Format die Leerkassette des Millenniums wurde.

Die Argumentation der Industrie lief dereinst häufig analog zu der im Digitalen: Für jede Kopie wird ein Original nicht gekauft. Und schon in den 1970ern lieferten Fachleute die relativierenden Gegenargumente: „Früher habe ich auch immer die Hits auf Tonband aufgenommen. Bei den Single-Preisen von sechs Mark ist das auch mehr als verständlich“, bekannte Thomas Gottschalk, Platten-Jockey [sic!] beim Bayerischen Rundfunk in einer Ausgabe der Jugendzeitschrift Bravo aus dem August 1977 (vgl. hier). Die Sängerin Gilla, berühmt u.a. für die eingedeutschte Version des Lieds Voulez-Vous Couchez Avec Moi? (=Willst Du Mit Mir Schlafen geh’n?) meinte in der gleichen Ausgabe: „Wenn eine Platte ein Hit ist, wird sie auch gekauft. Ich kann bei mir keinen Umsatzrückgang feststellen.“

Man muss nicht Shirley Bassey im Ohr haben, um festzustellen: „but to me it seems quite clear/that it’s all just a little bit of history repeating.” Man kann aber auch an etwas anderes denken, was der spätere „Na sowas!“- und „Wetten, dass…?“-Star in seiner Aussage nahelegt: Die Kids dachten und denken einfach konsequent kostenrational und gehen den Weg des für sie günstigsten Zugangs. Dass die unsichtbare Hand am rec-Schalter bzw. der Mauszeiger auf dem Download-Button das Immaterialgüterrecht übergeht, kalkuliert ein normaler 14-Jähriger genauso wenig ein, wie, ob die im Lautsprechermodus aus dem Mobiltelefon erklingende Melodie, mit der sich jugendliche Nachtwandler am Samstagabend die U-Bahnfahrt beschallen, nicht sachverhaltlich § 19 Abs. 3 UrhG berührt. Das märchentraurige Beispiel der armen Samantha, das Peter K. Yu ausführt, dürfte daran nur ändern, dass er die Bedeutung einer einfältigen Redewendung („der Ehrliche ist der Dumme“) in vollem Umfang erfasst. Ungeachtet der Tatsache, dass man sich an der Stelle für mehr Urheberrechtspädagogik aussprechen könnte, wirkt Peter K. Yus Feststellung zum Verhalten der Generation Y etwas sehr geschichtsvergessen: „Before the arrival of the internet and new communications technologies, how this generation behaves was not commercially significant.”

Vielleicht reagierte die Musikindustrie in den prädigitalen USA anders, aber der Verband der British Phonographic Industry (BPI) wird nicht grundlos in den 1980ern mit großem Aufwand eine Kampagne „Home Taping is Killing Music“ initiiert haben. Genauso wenig wird sich 1982 der damalige WEA Manager Charles Levison nicht ohne Grund auf Konfrontationskurs zur englischen Musikpresse mit der Ankündigung begeben haben, keine Anzeigen mehr in Magazinen zu schalten, die „either piracy or home taping“ befürworten. (Billboard Magazine, 02.Oktober 1982, S. 4) Zur gleichen Zeit definierte die Electronic Industry Association „heavy music tapers“ als solche, die sechs oder mehr Musikkassetten innerhalb von drei Monaten kopierten. Verglichen mit der musikalischen Quantität, die sich auf einem Durchschnitts-iPod befindet, sind das tatsächlich Werte, die zum staunenden Schmunzeln anregen. Die Musikindustrie zeigte sich dennoch alarmiert, musste aber in der Erhebung zum Raubkopieren auch feststellen, dass genau diese Zielgruppe zugleich auch besonders intensiv Tonträger erwirbt. Dessen ungeachtet sprach Jim Bonk, zu dem Zeitpunkt Chairman vom Prerecorded-Tapeverband National Association of Recording Merchandisers, aus, was auch heute mit einer Verschiebung zum Filesharing nach wie vor durch Teile der Kreativwirtschaft wabert: „There is a great consensus among board members that home taping is one of our biggest enemies.”

Es ist äußerst erhellend, in alten Zeitschriften nachzulesen, wie dieses frühe Auftreten der Privatkopie diskutiert wurde. Peter K. Yu hat sich diese staubige Tätigkeit offensichtlich erspart und vielleicht tut er sogar recht, sich auf digitale Kontexte zu konzentrieren. Denn die Überführung aller medialen Inhalte in binären Code eröffnete dem Phänomen der Reproduzierbarkeit wirklich nicht vorherzusehen gewesene Portale.

Dennoch bewegt er sich in seiner Generationenanalyse nahe an der Realsatire. Die liegt nicht einmal darin, dass er schreibt, dass das Verhalten „Generation Youtube“ vor Eintreffen der Digitaltechnologie ohne wirtschaftliche Relevanz blieb. Denn konsequent gedacht ist die Aussage sogar korrekt. Sofern man guten Willen zeigt, sieht man ihm diesen Schnitzer sogar nach, denn es wird deutlich, dass er eigentlich allgemein die heimkopierende Kohorte meint, bei der für gewöhnlich Musikgenuss vor Urheberrechtskonformität rangiert. Eine Drehung zu grotesk erscheint am Ende jedoch der schlichte Weg, auf dem er die Lösung heran spazieren sieht: Entweder die eigene Beteiligung an der gesellschaftlichen Wertschöpfung bringt die Piraten auf den Pfad der Rechtskonformität oder aber – Obacht:

„Many of these youngsters may also view piracy differently after seeing their musician friends struggling to stay out of the poorhouse because rampant online filesharing has prevented them from earning their well-deserved royalties or obtaining the much-needed recording contracts.”

Die Industrie selbst kann natürlich nicht auf den einsichtigen Zeitpunkt warten, an dem die musizierenden Freunde als abschreckendes Beispiel vom Rapbattle zum Bettelstab weiterziehen: „After all, many constituents in the entertainment industry will suffer while they wait for this generation to grow up.“

Ich fürchte, sie wird zwar wütend schnaufen aber kaum staunen, wenn sie sieht, dass, solange die Technologie es zulässt, der nicht-rechtskonforme Genuss medialer Inhalte, von neuen Heerscharen juveniler Delinquenten gefeiert wird, bis sich die Ladebalken biegen.

Glücklicherweise stürzt nicht der gesamte Text Peter K. Yus derart aus der Logik, wie seine Conclusio. Die Aufarbeitung gängiger Argumente für oder gegen ein starkes Copyright verdeutlicht beispielsweise sehr anschaulich, wie schlicht die meisten Maschen sind, die in der Gesamtdebatte zusammengestrickt werden. Wenn das Ziel Peter K. Yus jedoch war, hinsichtlich seiner Zentralerkenntnis, die da lautet

„The more the industry can make its arguments convincing, the more likely it will be able to educate the public about the need for greater protection and enforcement, and the more public support for its proposed reforms the industry will secure.”

überzeugend voranzugehen, dann ist er mit dem Verweis auf Napster zu Beginn seines Textes ins falsche Jahrzehnt abgebogen und in einer Simpliziade gelandet, die man im Intellectual Property-Discourse amerikanischer Law Schools im Jahr 2011 genauso wenig wie in den Vorstandsetagen der Kreativwirtschaft erwartet.

One Response to “Confuzzly Logic. Ein eigenartiger Beitrag zum Copyright Discourse zwischen Tonband und Napster.”

  1.   Ben Says:

    Wer einen etwas substantielleren Beitrag zum Thema Interessenausgleich im Musikurheberrecht lesen möchte, der sein als Nachtrag auf den Aufsatz Sharing and Owning of Musical Works. Copyright Protection from a Societal Perspective von Alexander Nill und Andreas Geipel Jr im Journal of Macromarketing (2010, Vol. 30 no. 1 S. 33-49) hingewiesen. doi:10.1177/0276146709352217

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