kontext


Der bewusste Ausdruck. Acht Thesen zur Transformation der Buch-/Lesekultur.

Berlin ist ja meistens eine kleine köchelnde Hauptstadt. Selten jedoch merkt man es deutlicher als in diesen Juli-Tagen in der Mitte und dort mitten in diesem schmalen, polyphonen Triangel zwischen Großer Hamburger, August- und Sophienstraße, der für jeden Auslandsreisenden, der hierher gespült wird, zum Besuchspflichtprogramm gehört.

Richtig metropolitan wird die Nachbarschaft allerdings erst, nachdem die Dunkelheit sich zwischen die Häuserzeilen gezwängt hat. Dann entfaltet sich vor dem Ballhaus ein von den Mühen des Tages gezeichnetes  Straßen-Soirée auf dem leicht dampfenden Asphalt und wer noch einen Sitzplatz sucht, um veträumt und von der Tropennacht aufgesogen in seinem  Passionsfrucht-Sorbet einzusinken, der muss auf den nahen Spielplatz ausweichen. So schwebt hier ein Potpourri verschiedenster Menschen (und einiger lose zwischengestreuter Rassehunde) durch die Nachbarschaft und über allem steht tatsächlich wohlgetroffen das sonst mitunter überscharfe Bild, welches die Reiseführer vom Mythos Berlin-Mitte zeichnen.

Entsprechend liegt das kulturwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität präzise am rechten Fleck der Stadt, nämlich dort, wo sich die hochkarätig bestückten Galerien, die eleganten Fachgeschäfte mit ihrem außerordentlich verfeinerten Sortimenten sowie das unaufhörliche Gespräch, welches über den Gehweg aus den Cafés in die Quasi-Fußgängerzone perlt, zu einem sommerwarmen Fluß aus Zeichen, Worten und Erfahrungen verbinden, der in seinem kleinen stadtkulturellen Staubecken auf entspannte Badegäste wartet.

Wer die Kulturwissenschaft studiert, möglichst mit Leidenschaft, kann also nahezu direkt aus dem Seminarraum in den wohltemperierten Pool gehobener Stadtkultur hechten und es sind Tage wie diese, die einem Jahre später helfen, die Studienzeit zur schönsten Lebensphase zu verklären.

Vor die Träumerei haben die Götter der Seminarplanung allerdings den Schweiß gesetzt und dies ist im konkreten Fall ganz buchstäblich gemeint. Der Seminarraum 3.01 unter dem Dach der kulturwissenschaftlichen Fakultät erwies sich all denjenigen, die sich vom Pflichtgefühl treiben oder vom Veranstaltungsthema locken ließen, als eine Art intellektuelle Garküche am Mittwochabend. Es ist daher den Teilnehmern der Veranstaltung nicht genug für ihre Ausdauer zu danken und auch wenn die Kompensation nur eine geringe ist, möchte ich das Manuskript zu meinen dargelegten Gedanken über die Zukunft der Buch- und Lesekultur an dieser Stelle allgemein einsehbar machen.

Dies erfolgt einmal mehr mit dem Hinweis auf die jedem Mutmaßen in ein Morgen hinein gegebene Eigentümlichkeit: Es könnte alles auch ganz anders kommen. Oder wie Vladimir Nabokov in Durchsichtige Dinge schrieb:

“Einige ‘künftige’ Vorkommnisse mögen wahrscheinlicher sein als andere. So weit so gut, doch alle sind schimärenhaft und jede Folge von Ursache und Wirkung ist immer eine Frage des Treffens und Danebentreffens.”

Und das gilt in vierlerlei Hinsicht.

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Der bewusste Ausdruck.

Acht Thesen zur Transformation der Buch-/Lesekultur.

von Ben Kaden

- Vortrag vom 14.07.2010 -

Im Cyberspace
liegt die Schrift jenseits einer konkreten Materialisierung. Sie wird potentiell
temporär. Sie wird iterativ: Ich kann die Schrift anzeigen lassen. Aber
wenn ich den Bildschirm abschalte, ist sie nicht vorhanden.

Ist das Medium die Botschaft? Marshall McLuhan postulierte einzigartig griffig den Zusammenhang zwischen der Form und  dem Inhalt einer medialen Botschaft. Wenn wir über Medienwandel sprechen, ist diese Frage der Nukleus jedes weiteren Gedankens. Denn wenn die Verbindung zwischen Form und Inhalt eine enge ist, dann bedeutet der Übergang vom gedruckten zum elektronischen Text nicht nur eine Veränderung des Formats. Gerade der E-Book-Markt der letzten Jahre, bei dem die Simulation des Gedruckten mit elektronischen Mitteln im Vordergrund der Überlegungen stand, scheint dies unterschätzt zu haben. Ein elektronisches Buch ist kein Buch mehr. Es ist ein elektronischer Text. Dieser wird anders erzeugt, anders gespeichert, anders gelesen und anders verstanden, als papiervermittelte Texte. Zu den konkreten Verschiebungen, also zum McLuhan‘schen Konnex beim aktuellen Medienwandel gibt es jedoch bisher nur wenige fixe Erkenntnisse. Die Motto gebende Überlegung, die einer Vorüberlegung zu diesem Vortrag entstammt, legt immerhin schon einmal den Grundunterschied zwischen gedrucktem und elektronischem Text frei. Er liegt auf der Ebene des Mediums im Kriterium der Materialität. Während der elektronische Text nur dann wirklich im Sinne von dauerhaft medial stabilisiert wird, wenn er in eine nicht-elektronische Form gebracht wird (z.B. in dem man ihn ausdruckt) und ansonsten codiert in einem dem Menschen als Blackbox  erscheinendem Speichermedium auf Abruf wartet, ist der gedruckte, unmittelbar beim Griff zum Datenträger „Buch“ erfahrbar. Dafür jedoch nur dort.

Wir haben es also mit zwei Formen der Unmittelbarkeit zu tun. Auf der digitalen Seite gibt es die Unmittelbarkeit des Abrufs, die uns die elektronischen Kommunikationsnetze bieten und jeden elektronischen Text potentiell an jedem Ort zu jeder Zeit, jedoch eben nur für die Zeitspanne des Aufrufs, einsehbar macht. Dieser steht die sinnliche Unmittelbarkeit gegenüber, die mehrdimensionale und nicht rational-kognitive Erfassbarkeit des Textes, die an das Medium Buch gebunden ist.

Selten findet man dieses Merkmal leidenschaftlicher beschrieben, als in der kleinen Utopie „Pavlos Papierbuch“ von Franz Fühmann aus den frühen 1980er Jahren, die nicht nur ein Loblied auf die Sinnlichkeit, sondern zusätzlich einen Medienvergleich enthält:

„Das Papierbuch war zuerst einmal handlich; es lag […] in der Hand wie ein Vogel in seinem Nest, und jede  seiner Seiten war ein Gebilde, das ringsum mit Blicken abschreitbar war, ein Maß an Raum, in sich  geschlossen, und damit ein Maß auch für die Zeit. Dies Maß war menschlich, weil überschaubar; man konnte mit ihm disponieren und sich vornehmen, noch zwei Seiten zu lesen, oder drei, oder sieben, oder hundert – auf dem Leseschirm oder unter der Leselupe zog die Schrift ohne erkennbares Ende sich hin, zwar in ihrer Geschwindigkeit regulierbar und nach Wunsch jederzeit anzuhalten, doch der Text der dann verharrte, war eine  diffuse Folge von Wörtern, amorph, perspektivlos, ein zufälliger Ausschnitt, darin oft noch nicht einmal ein Satz aufschien. […] Was beim Papierbuch ein geistiger Raum war, wurde im Lesegerät ein Fließband, auf  Knöpfchendruck von Ort zu Ort zuckend, daß die Akte der Rezipierung geschähen, mechanische Zugriffe des Hirns; und wenn der Benutzer dieses Band auch auf dem Gesamtweg begleiten konnte, erschien ihm dieser  doch niemals faßbar. Im günstigsten Fall war der Text Zitat. […] Einem Mikrofilmröhrchen entnahm man nicht sinnenhaft, wieviel Lesezeit es in sich barg; beim Papierbuch wog man mit Hand und Auge, man sah, wen man  da vor sich hatte, und als stelle es sich vor, trug es auf dem Einband seinen Namen als Titel […]“ (Alle Zitate aus: Fühmann, franz: Pavlos Papierbuch. In: Franz Fühmann: Pavlos Papierbuch und andere Erzählungen. Berlin, Weimar: Aufbau Verlag, 1982. S. 154-172)

Wie das Schreiben mit der Hand, ist das Lesen im greifbaren Medium eine körperliche Erfahrung. Diese Körperlichkeit macht die Lektüre, dies vielleicht als erste These, buchstäblich fassbar. Auch die überwältigende Mächtigkeit der  Regalreihen eines Freihandbestandes im Lesesaal einer Bibliothek verweist auf menschliche Dimensionen. Elektronische Hypertextstrukturen sind dagegen dem menschlichen Maß enthoben, ohne erhaben sein zu können. Sie sind funktional an der Oberfläche und in ihrer Tiefe unabschätzbar.

Es geht eigentlich nicht um die Zukunft eines Mediums. Die Fragestellung verweist auf eine elementarere Konstellation: Es geht um die Zukunft des Umgangs mit Texten. Um die Zukunft der Kulturtechnik Lesen. Wie verändert sich diese, wenn – so die zweite These – sich die Rezeption entkörperlicht?

Körperliche Medien sind zu schwer für das Netz. Die Stärke elektronischer Medien liegt in der Auflösung des Gewichts, des Umfangs, des Raumbedarfs. Sie werden in Übermittlungs- und vielleicht in Rezeptionszeit gemessen. In logistischer Hinsicht ist der Fortschritt von der gedruckten Textrepräsentation zur elektronischen enorm. Bei flächendeckender Versorgung mit  Anzeigegeräten und Breitbandnetzen ist die Vermittlung jeder binär codierbaren Information an jeden Ort, zu jedem Teilnehmer einer Kommunikationsgemeinschaft gesichert. Und nicht nur das. Dank der Rückkopplungsfähigkeit dieser Medien sind
sie – etwa im Gegensatz zum klassischen Distributionsmodell des Rundfunks – in der Lage, mehrschichtige Netzstrukturen herauszubilden. Jeder Teilnehmer an diesen Strukturen kann gleichermaßen Information rezipieren und produzieren.
Nicht wenige sehen darin die konsequente Umsetzung eines demokratischen Kommunikationsideals. Allerdings gibt es auch Stimmen, die für die Kommunikationswelt des Internets schlicht eine Reproduktion realweltlicher Strukturen mit anderen Mitteln voraussehen.

Allen gemeinsam ist, und so lautet auch die dritte These, dass elektronische Texte für die direkte und sofortige Einbindung in konkrete Kommunikationszusammenhänge prädestiniert sind. Das Hauptmerkmal des WWW ist Kommunikativität. Es ist auf Gemeinschaft gerichtet.

Die Anwendungen, die das infrastrukturelle Potential des Internets auszunutzen verstehen, sind entweder wie Google auf Informationsversorgung oder – mehr noch – wie Facebook, Twitter, die Wikipedia auf die Gemeinschaft gerichtet. Die  Gemeinschaft ist auch der Ort der Ökonomie und zwar sowohl der im strengen Sinne des Marktes wie auch der symbolischen Ökonomie des Sozialen, wie sie beispielsweise der Soziologe Marcel Mauss ungemein überzeugend herausarbeitete.

Für Verlagsprodukte, die in diesem Rahmen funktionieren und die es zweifellos vorher bereits gab, bedeutet der Übergang ins Elektronische einen grundsätzlichen Umbruch mit unzähligen neuen Entfaltungsmöglichkeiten. Für Nachschlagewerke, Lehrbücher, Nachrichten, weite Teile der Wissenschaftskommunikation und auch bestimmte Formen der Literatur, die wie die Slam Poetry auf Zeitlichkeit, Performanz und direkte Rückkopplung mit dem Publikum setzt, gibt es keine bessere Form. Für diese Arten von Text wird, so die vierte These, die Form des Buches ein Zwischenstadium gewesen sein, zweifellos ein sehr wichtiges, aber nur eine Vorstufe zu neuen, dynamischen Formen. Diese sind auf den konkreten Rezeptionsbedarf des Nutzers individualisierbar. Es gibt in diesem Umfeld keinen Kanon, nur temporäre und kontextuelle Relevanz. Bei entsprechenden,  semantisch basierten Erschließungs- und Filterverfahren könnte das WWW tatsächlich zu einer großen Publikation, die identisch mit einer Text-Öffentlichkeit ist, verschwimmen. Es ist ein sich permanent selbst erzeugendes Zeichengewebe, das aus informationellen bzw. kommunikativen Handeln der Nutzer unter Verwendung bestimmter individuell konfigurierter Zugangsoberflächen besteht. Es ist nicht eindeutig. Kein Nutzer sieht dasselbe Netz, sondern nur bestimmte Inhaltspartikel in Kombination. Und – auch das ist ein Unterschied zu körperlichen Medien – es altert nicht aus sich heraus. Alle Spuren, die  das Netz trägt, sind abnutzungsfrei, sind dokumentarischer Natur. Die Spuren im Netz sind Zeitstempel und  Identifikationsadressen, erzeugt auf der Grundlage der dafür notwendigen Konventionen und technischen Koordinationen. Daher sind Netzmedien eigentümlich glatt und alterslos. Sie sind in sich ohne Schwerkraft, negentropisch und grenzenlos.

So lautet also die fünfte These, dass die Grenzen des Dokuments in immateriellen Kontexten, wie sie der Hypertext darstellt, zwangsläufig verloren gehen.

Schon jetzt, in einer Phase, in der Texte im Web noch in großem Umfang als Simulation der Druckkultur abgebildet werden, erscheinen die Separierungen von Dokumenten häufig eher als willkürliche Setzungen. Bei Twitter-Nachrichten spricht man  höchstens noch vom Micro-Document. Dabei handelt es sich genau genommen weniger um Publikationen, als um verbalisierte Gesten, Hinweise, Zeichen, die sich maschinell-unterstützt zu Metatexten – wie z.B. einem Twitterwall – zusammenfügen lassen. Die der eigentlichen Textproduktion durch die Kommunikatoren beigeordnete Selbsterzeugungs- und  Selbstgestaltungskraft der digitalen Kommunikationen machen das Netz zu einem Raum permanenter Zeichenproduktion. Ich  spreche hierbei. im Anschluss an Überlegungen Mikhael Epsteins, von einem semionischen Netz. Wo derart expliziert kommuniziert wird, tritt neben das Erkennen von Codes, was einem semiotischen Ansatz entspräche, die andauernde Produktion neuer Codes. Das Potential der Kommunikationswelt  des WWW liegt nicht in der Wiedergabe, sondern in der Verschiebung, der Rekombination und der Schöpfung von Zeichenstrukturen. Die Abbildung von Inhalten, wie wir sie aus der Buchkultur kennen und die bislang dominiert, zeichnet sich in dieser Sichtachse als Nebenerscheinung ab.

Dies bedeutet jedoch nicht das Ende von Druckwerken, die neue Formen berücksichtigen. So wie die Setzungen, Kompositionen, Mash-Ups und Remixe im digitalen Umfeld beliebig möglich sind, lassen sie sich auch für eine optionale  Ausgabeform „Buch“ anwenden. Die mediale Verschiebung manifestiert sich in Hinblick auf die Beziehung Buch/Netz in der uns ungewohnten Rolle der Druckform als optionales, sekundäres Publikationsmedium. Ging es lange Zeit darum, Buchinhalte zu digitalisieren und zunächst aus Ressourcengründen die geeigneten Titel auszuwählen, kehrt sich der Prozess um. Aus dem nahezu unerschöpflichen Pool digitaler Texte sind Ausschnitte für eine Druckausgabe zu kompilieren. Es lässt sich durchaus
davon ausgehen, dass in einer Welt, in der es möglich ist, so etwas Hochkomplexes wie den Polaroid-Film neu zu erfinden,  um die Nachfrage in einem Marksegment zu bedienen, auch Druckwerke geben wird, solange sich dafür ein Absatzpotential
abzeichnet. Die Multioptionsgesellschaft schließt eine Vielfalt der medialen Rezeptionsansprüche ein.

Da Netzpublikationen sinnlich beziehungslos sind, könnte gerade diese Form dort wirksam werden, wo das „Teflonartige“ der Digitalität als Defizit empfunden wird. Zu Rekonstruktion des konkreten Verhältnisses zwischen Mensch und Text.

Für die Erfolgschancen solcher komponierten Ausschnitte aus dem Publikationsraum des WWW, also die Umkehrung des E-Book-Prinzips, spricht nicht zuletzt, dass elektronische Nachbildungen von gedruckten Buchinhalten, also die E-Books in  der konservativsten Vorstellung, kaum Chancen zum Massenprodukt haben. Nicht nur der Mangel an körperlicher Erfahrbarkeit, sondern auch Aspekte wie die Preisgestaltungen erweisen sich als sehr problematisch. Digitale Buchinhalte haben als  mögliche Massenprodukte gegenüber der Musik den Nachteil, dass sie konzentriert und aktiv rezipiert werden müssen. Dies reduziert die Möglichkeiten der Einbindung in ein Multi-Tasking, wie es die Kernfunktionalität elektronischer Kommunikationswerkzeuge fördert. Musik kann dagegen passiv und nebenbei aufgenommen werden, ermöglicht also prinzipiell weitaus höhere Durchlaufmengen. Eine Playlist mit einigen tausend Titeln ist etwas anderes als eine To-Read-List
mit einigen tausend Texten.

Andererseits sind Buchinhalte bzw. Texte genauso einfach zu vervielfältigen, wie alle digitalen Mediendateien. Nur eben langsamer rezipierbar. So kann man auch nur bedingt in einem Buch zum nächsten Kapitel springen ohne den  Sinnzusammenhang zu verlieren. Insgesamt bleibt die Nutzung der Bücher für die Anbieter nur in geschlossenen Systemen wie dem des Amazon-Kindle kontrollierbar. Dass diese Kontrollierbarkeit vielfältige Folgeprobleme vom Datenschutz bis zur  Zensur aufwirft, steht´außer Frage. Selbst wenn sich alle Nutzungsvarianten angemessen aushandeln und absichern lassen, könnte am Ende die damit verbundende Komplexität in einem eklatanten Missverhältnis zu der versprochenen Flexibilität stehen. Man besitzt beim E-Book-Reader ein zunächst einmal leeres Display und ein Zugriffsrecht auf bestimmte Inhalte. Da  dieses an die Existenz der Plattform gebunden ist, bleibt es immer auf Abruf. Bei einem gedruckten Buch besitzt man eigentlich auch nur das Anzeigegerät und ein Rezeptionsrecht. Da der Text aber auf das Anzeigegerät „Buch“ fixiert ist, ist das Zugriffsrecht de facto nicht mehr entziehbar.

Meine sechste These lautet entsprechend, dass die Übertragung von Geschäftsmodellen aus dem Printbereich in elektronische Netzkontexte schon allein aus Gründen der Komplexität scheitert.

Zugespitzt formuliert ist schlicht davon auszugehen, dass jemand, der ein Buch kauft, sofort das Buch und nicht zuvor Allgemeine Geschäftsbedingungen lesen möchte. Ebenso wenig ist die psychologische Wirkung eines satt in der Hand  liegenden Bandes gegenüber einer nur am Ladebalken identifizierbaren Datei im Downloadmanager in Hinblick auf das Gefühl eines „Aneignens“ auch des Inhalts zu unterschätzen.

Betrachtet man die innere Verfasstheit der medialen Formen, so ist offensichtlich, dass die Geschäftskonzepte für digitale Kontexte anderen Kriterien folgen müssen, als die für analoge Marktumgebungen. Das Modell der Kopierkontrolle ist für  elektronische Texte nicht nur ein Anachronismus, sondern schlicht undurchsetzbar, sofern man nicht mit übermäßigem Aufwand gegen die Struktur des Mediums agiert. Viele der beteiligten Akteure scheinen zu übersehen, wie sehr der Buchmarkt über weite Strecken von der Materialität seiner Handelsware lebt. Anders als bei anderen Medien nimmt die Dematerialisierung dem Objekt einen entscheidenden Mehrwert. Dafür schreibt sie dem Medium neue Mehrwerte wie die leichte Transportabilität und Übertragbarkeit sowie eine Volltextdurchsuchbarkeit zu, die jedoch nur bestimmte Nutzungsszenarien bedienen. Dort wo  es um Informationsaufnahme und einen schnellen Zugang geht bzw. immer dann wenn der Aspekt der Kommunikation eine zentrale Rolle übernimmt, also beispielsweise in den meisten Zusammenhängen der Wissenschaft, ist die digitale Form die  einzig sinnvolle Variante. Die dahinterstehenden Informationsmärkte werden dabei langfristig vermutlich nicht durch das Kriterium der Zugangsverknappung, sondern über die (individuelle) Zugangsorganisation mit entsprechenden Mehrwertdiensten geprägt sein.

Und auch für den nicht-professionellen Bereich gibt es zweckmäßige Nutzungszusammenhänge. Entkleidet man das  elektronische Buch dieses komplexen rechtlichen Rahmens, unterstellt man eine Relativität der Sinnlichkeit, dann eröffnen  sich durchaus Einsatzfelder für elektronische Lesegeräte, die bislang weitgehend den singulären Leseprozess adressieren. Ihr Ziel ist erklärtermaßen, dass gedruckte Medium Buch zu optimieren und technisch weiterzuentwickeln, die traditionelle  Rezeption aber weitgehend beizubehalten. Insofern sind sie ideale Begleiter für einen mobilen Lebensstil, der lange  Wartezeiten, also klassische Lektüreszenarien, mit einschließt. Hier fällt gerade für Vielleser bzw. eine eher konsumierende Lektüre die Leichtigkeit des Endgeräts buchstäblich ins Transportgewicht. Und noch mehr gilt es für das immer gern für die Unverzichtbarkeit des Taschenbuchs herangezogene Strandszenario: Die immer wieder gern transportierte und nie tiefer belegte Aussage, am Strand würde man immer noch zum Buch greifen, hat sich vermutlich dann erledigt, wenn ein hitzegeschütztes, flugsandsicheres und wasserdichtes Endgerät mit entspiegeltem Display verfügbar ist. Denn natürlich lässt sich so ein kleiner leichter E-Reader in Rückenlage wirklich besser halten, als ein von Seewind durchpustetes Blätterwerk. So heißt meine siebente These: Es gibt Rezeptionsumgebungen, in denen E-Book-Lesegeräte durchaus dem gedruckten Werk überlegen sind. Für elektronische Inhalte gilt dies unabhängig vom konkreten Anzeigegerät ohnehin.

„Weder Mikrofilm noch Leseplättchen waren außerhalb der Maschine Dinge sinnlicher Selbstoffenbarung: Der  Mikrofilm ein winziges Röhrchen, in der Hand ununterschieden von denen mit Abfuhr- und Abtreibungspillen; die Leseplättchen bestenfalls – das heißt in veralteten Systemen – ein daumennagelgroßes Plaststück, zumeist jedoch von vornherein nur integrierter Teil der Maschine, abrufbar durch Fingerdrucke auf Felder, wie man sie von jedem Computer kennt (so stellt man auch Wasch- oder Wahlmaschinen, Addierer, Wecker und  Wohnzellenfinder ein), und die Schrift, die dann erschien, war ein Normgebilde aus Rasterpunkten wie jede Informationsübermittlung, unfühlbar, unhörbar, unriechbar, unschmeckbar und in keinem natürlichen  Größenverhältnis zu einem menschlichen Organ.“

Man mag nun sagen, dass es sich bei all dem um eine romantische Position handelt, dass sehr viele Kulturartefakte verdrängt oder wenigstens marginalisiert wurden und nicht sonderlich vermisst werden. Womöglich steht eine solche Marginalisierung  auch dem Medium Buch bevor. Man sollte nur nicht vergessen, dass dieses Medium der Übertragung von Schrift nicht nur der Übertragung von Information dient, die in Entscheidungssituation befähigt, das Richtige zu tun. Dass die Ausrichtung der  Aufmerksamkeit auf den Aspekt des Wissens und die Metapher des Buches als Wissensspeicher eine vorwiegend funktionale Komponente beleuchtet, in deren Schatten aber etwas liegt, das in der Ökonomie aufgrund mangelnder Explizierbarkeit  stiefmütterlich behandelt wird. Ein Phänomen, das immer dann aufbricht, wenn die Funktion gestört wird und deren Aufgabe es vielleicht sogar ist, diese Funktion zu stören. Es handelt sich um etwas, was in der Lage sein muss, den reibungslosen Ablauf aus dem Takt zu bringen, Rück- und Querbesinnungen zu erzwingen und zu irritieren. Es ist der Kern von Fühmanns  Geschichte und es ist der Kern jeder guten Literatur. Es ist der Kern jeder Kultur. Es handelt sich um die Frage nach dem Sinn.

Niemand sagt, dass diese nicht auch in körperlosen Kontexten gestellt werden kann. Ich sage jedoch, und das führt zu meiner  abschließenden These, dass sich Sinn dann besonders erfahren, erfragen und erfühlen lässt, wenn seine Bedingungen sinnlich, also körperlich also erotisch in der allgemeinsten Bedeutung sind. Solange der Mensch biologisch an die  Wahrnehmungswelt seines Körpers gebunden ist, wird die Sinnkonstruktion durch die Körperlichkeit geprägt. Elektronische Kontexte verengen die Sinnlichkeit maßgeblich. Das prägende Medium ist, wenn es um Sinn geht – so die achte These- gedruckt.

2 Responses to “Der bewusste Ausdruck. Acht Thesen zur Transformation der Buch-/Lesekultur.”

  1.   Lambert Says:

    Ben, ich stimme dir in vielen Punkten, die du nennst, zu. Aber ich verstehe das mit der Un-Sinnlichkeit der Netzpublikationen nicht.

    Der Punkt ist doch:
    Der Roman, den ich in Form eines hübsch gedruckten und gebundenen Buchs lese, existiert einmal als beliebig reproduzierbare Verkörperung auf dem Server des Buchverlags, z.B. als InDesign-Datei. Der Verlag zwängt es durch einen Flaschenhals: Er schafft eine weitere, diesmal undigitale, unreproduzierbare Verkörperung, indem er es druckt und bindet. Dann hat es seine eine und einzige, vom Verlag verbindlich festgelegte sinnlich wahrnehmbare Gestalt.

    Eine Netzpublikation gleicht der InDesign-Datei auf dem Verlagsserver erst einmal darin, daß auch sie mich nur durch eine sinnlich wahrnehmbare Verkörperung hindurch erreicht. Dein Thesenpapier hier wird zunächst einmal nur durch einen Datensatz in einer SQL-Datenbank bei edublogs.org verkörpert. Und du hast mit der Blogging-Software und einer CSS-Datei o.ä. festgelegt, wie dieser Artikel von meinem Browser hier auf meinem Rechner dargestellt werden soll.

    Nun kann ich deinen Text hier nehmen, ihm eine andere Schriftart verpassen, ihn ausdrucken oder was auch immer. Was immer ich damit mache: Die sinnlich wahrnehmbare Verkörperung ist und bleibt notwendig, ohne sie *kann* keine Rezeption des Artikels hier stattfinden. (Das gilt übrigens selbst dann noch, wenn ich deinen Artikel nur als rohes Datenmaterial verwende, um z.B. einen Vergleich von Worthäufigkeiten in Blogartikeln daraus zu machen, denn auch das wird irgendwann in eine sinnliche Verkörperung münden müssen, wenn es einen Sinn erfüllen soll.) Aber diese Verkörperung ist, und jetzt kommt der einzige Unterschied zwischen dir und dem Roman-Verleger, bei deinem Artikel kein Flaschenhals, keine One-Way-Funktion, die keine weitere sinnlich wahrnehmbare Verkörperung zuläßt.

    Ist die sinnlich wahrnehmbare Verkörperung jedoch nur dann “echt”, wenn sie ein Flaschenhals ist, die keine anderen Verkörperungen zuläßt? Dann wären Bibliotheken seit den 1960ern mit lauter “unsinnlichen” Werken gefüllt, denn durch den massenhaften Gebrauch von Fotokopierern ist ihnen täglich eine neue, ziemlich andere Verkörperung verpaßt worden. Von manuellen Abschriften und Exzerpten mal ganz zu schweigen.

  2.   Ben Says:

    Hallo Lambert,

    vielen Dank für den Kommentar. Du hast natürlich recht: Unsinnlich geht es nie. Der Unterschied liegt für mich eigentlich genauer in der Reduktion der Sinnlichkeit auf Visualität. Diese ist bei Netzpublikationen sogar weitaus üppiger gestaltbarer. Alle anderen sinnliche Eindrück werden jedoch auf die Sinnlichkeit des Wiedergabegerätes reduziert, also auf den Bildschirm und vielleicht noch auf die Tastatur. Mit den Multi-Touch-Displays wird die Haptik noch stärker auf eine Simulation von Berührung eingeschränkt.

    Man muss dieser Art von sinnlicher Erfahrung nicht zwangsläufig soviel Wert beimessen, wie ich es in meinem kleinen Vortrag getan habe. Für viele Alltagskommunikationen ist es auch gar nicht notwendig. Aber persönlich bevorzuge ich für bestimmte Arten des Austausches eine andere Art von, sagen wir mal, Berührbarkeit, als es alle Screens, die ich kenne, zulassen. Das ist die Erfahrung mit der Literatur und das ist die persönliche Kommunikation über Postkarten oder Briefe. Gerade bei Letzterem bemerke ich aber immer stärker, dass dies durchaus eine hoffnungslos nostalgische Position ist (vgl. auch hier).

    Letztlich ist die nicht selten vertretene, bibliophile Sicht auf den Buchmarkt mit den Idealen der kleinen, unabhängigen Buchhandlungen und den hochwertig gestalteten Buchtiteln eine hoffnungslos verklärte Position. Jeder, der einmal bei Thalia vor dem Regal stand, weiß, dass es für vielleicht 90-95 % des Ausstoßes an Buchpublikationen gar keinen Unterschied macht, ob man sie auf dem Bildschirm liest, über CD hört oder eben als Paperback durchblättert. Oder als Fotokopie abheftet.

    Ich denke aber, dass es einen kleinen Anteil von gedruckten Ausgaben gibt, die so gestaltet sind, dass exakt ihre Form einen entscheidenden Mehrwert darstellt. So ist es nach meiner Erfahrung beispielsweise ein Unterschied, ob man sich David Foster Wallace’ Unendlichem Spaß auf dem Handy-Display nähert, das PDF durchscrollt, die glatte Kiepenheuer & Witsch-Ausgabe heranzieht, die amerikanische Paperback-Edition aufschlägt oder den gelben Ziegel der Büchergilde zur Hand nimmt. Alle Varianten sind mir bekannt und als Sinnesmensch begeistern mich zwei überhaupt nicht und eine sehr.

    Allerdings sprechen wir hier von einem Segment, um das man sich keine Sorgen machen muss. Denn es ist schon heute eher ein Nischenmarkt mit wenigen Ausreißern. Bei diesem kommt es jedoch genau auf diese Festlegung, auf die One-Way-Form an. Bei diesen möchte ich gerade nicht das Schriftbild und die Anzeigeart manipulieren können.

    Die handschriftlichen Abschriften und Exzerpte würde ich übrigens als Sonderfall betrachten, denn sie sind die aktivste und körperlichste Form in der Reihe. Tatsächlich vertrete ich die Auffassung, dass es einen maßgeblichen Unterschied für das Denken macht, ob ich per Hand, per Schreibmaschine oder per Computer-Tastatur schreibe. Beides ist möglich und beides ist sogar kombinierbar. Aber je nach Variante stellt sich – wiederum nach meiner Erfahrung – eine ganz andere persönliche Beziehung zum Text ein.

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