Adé Serendipity? Die New York Times berichtet vom Ende des Zufallsfundes und was ihn retten soll.
Posted in Medienverhalten on August 3rd, 2009 andDie New York Times spürt in einem aktuellen Artikel (Darlin, Damon (2009):Ping: Serendipity, Lost in the Digital Deluge. In: New York Times, 02. August 2009) dem Verschwinden der Serendipity nach, das in Deutschland vorwiegend in der Wissenschaftstheorie bekannt ist, im englischen Sprachraum aber auch außerhalb des Wissenschaftskontextes Anwendung findet. Eine eindeutig Übersetzung zu finden, ist schwierig. Generell meint Serendipity das eher zufällige Entdecken von etwas, was sich als hochinteressant und relevant herausstellt.
„Wie weit Forschung ein systematisch-methodischer Prozess ist, wird bei dem in der Wissenschaft wichtigen Begriff Serendipity in Frage gestellt. Als Horace Walpole dieses Wort 1754 prägte, das er dem persischen Märchen „The Three Princes of Serendip“ entnahm, das 1557 in italienisch erschienen war, betonte man noch nicht so stark wie heute die Zufälligkeit mit der Entdeckungen oft geschehen.“ (Umstätter, Walther (2007): Qualitätssicherung in wissenschaftlichen Publikationen. (PDF) S. 16, sh. dort auch Fußnote 12)
In der Wissenschaft verschwindet das Phänomen der Serendipity schon etwas länger in der auf Erkenntnisplanung und Entwicklung orientierten so genannten Big Science. (vgl. ebd. S. 24) Bzw. versucht man, sie auszuschalten. Das ist insofern auch für die aktuelle Urheberrechtsdebatte im Anschluss an den Heidelberger Appell, die eigentlich und am Ende auch stärker in eine Digitalisierungsdebatte führt, relevant, da das Medium Internet im Umfeld dieser Big Science und aus dem Bedürfnis, großer Datenmengen Herr zu werden, entstand. Ähnliches gilt für das elektronische Publizieren in der Wissenschaft. So wie die digitalen Infrastrukturen die wissenschaftliche Medienkultur in diesem Bereich grundlegend veränderte, wirkt sie etwas zeitversetzt auf die Medienalltagskultur. Beiden gemeinsam ist die nun im Vergleich zur vordigitalen Medienrezeption ungleich höheren Datenorientiertheit und –präzision, die sich vor die ästhetisch orientierte Erfassung der Inhalte schiebt.
Damit lässt sich auch ein stückweit mehr Einsicht in das Grundproblem der unterschiedlichen wissenschaftlichen Kommunikationspraxen in der vorwiegend auf Big Science orientierten STM-Fächer und den nach wie vor starke Züge der Little Science, also des entdeckenden und interpretierenden Einzelwissenschaftlers, tragenden Idealtypus der Geisteswissenschaft gewinnen. Mehr als der Beweiskraft des Datums gilt hier die Überzeugungskraft des Arguments und zwar immer dann, wenn sich eine Aussage nicht in das Binärsystem wahr/nichtwahr reduzieren lässt.
So wäre durchaus zu überlegen, inwieweit hinter der weitaus stärker verbreiteten Ablehnung digitaler Kommunikationsmedien in den Geisteswissenschaften eine mehr oder weniger bewusst wahrgenommene Furcht vor dem Verschwinden der Serendipity steht. Oder anders: Inwieweit die bestehenden und bekannten Formen digitaler Kommunikation den interpretativen Erkenntnismethoden dieser Disziplinen weniger zuspielen, als dies bei datenintensiveren Forschungsansätzen der Fall ist. Und inwiefern sich manche Vertreter der Geisteswissenschaften die Struktur ihrer Wissenschaftspraxis durch die Struktur des Mediums bedroht sehen.
Sofern keine Notwendigkeit zum Wechsel des Kommunikationsmediums besteht und auch keine Verbesserung der praktischen Erkenntnismöglichkeiten zu erwarten ist, scheut man verständlicherweise den Umstellungsaufwand. Auch das Argument der freien Zugänglichkeit mittels Open Access erscheint zumindest solange irrelevant, solange eventuelle Unzugänglichkeiten kompensierbar sind. Da die Erkenntnisproduktion in interpretativen Disziplinen ohnehin über längere Zeiträume angelegt ist, scheint hier der Druck, eine Publikation zeitnah und möglichst noch als Preprint vor dem Erscheinen zur Kenntnis zu nehmen, nicht sonderlich hoch.
Zudem ist Doppelarbeit in interpretativ-argumentativ orientierten Wissenschaften im Gegensatz zu den erkenntnisorientierten Disziplinen weniger problematisch und häufig im Sinne einer Review bzw. eines mehrfachen Durchdenkens eines Arguments aus verschiedenen Perspektiven sogar erwünscht. Gründlichkeit geht hier vor Vollständigkeit. Denn gerade durch die Wiederbetrachtung eines Arguments und seine Rekombination, so die Überlegung, entdeckt man neue Relevanzen und zwar häufig an einer Stelle und in einer Form, die nicht erwartet wurde. Also als Serendipity.
Dieses Entdecken setzt allerdings die Möglichkeit der unerwarteten Variation voraus. Beim offenen Folgen von Hypertextspuren im WWW scheint dies allerdings gegeben zu sein und zwar in einem Umfang, der die Möglichkeiten einer klassischen Freihandaufstellung in einer Bibliothek weit übersteigt.
Die New York Times sieht die Serendipity dennoch gefährdet und zwar durch Empfehlungssysteme, die auf Verhaltensmuster anderer setzen und diese mit den eigenen abgleichen:
„But that isn’t serendipity. It’s really group-think. Everything we need to know comes filtered and vetted. We are discovering what everyone else is learning, and usually from people we have selected because they share our tastes.”
Das Regalbrowsen ist nicht mehr möglich, wo die Musiksammlung und die Bibliothek in einer Datenbank erschlossen über eine Klassifikation oder ein mehr oder weniger kontrolliertes Vokabular vorliegen. Ich glaube allerdings, dass sich hier etwas anderes auswirkt. Nicht die Serendipity geht verloren, sondern die unmittelbare Einbindung der Medien in die physische Lebensumwelt. Die digitale Medienrezeption ist immer materialunabhängig und bildschirmvermittelt:
„With an e-book reader, the person on the subway seat across from you will never know what you are reading.”
Dies aber nicht, weil der Text digital ist, sondern weil die Rückseite des Lesegerätes für alle Bücher gleich aussieht. Das Problem liegt also nicht in der Digitalität selbst, sondern in ihrem Rahmen.
Die Serendipity auf den Displays und in den vernetzten Systemen ist nicht zwangsläufig mehr Group Think, als die am Bücherregal, in dem Titel stehen, von denen einmal angenommen wurde, dass sie auf einem Buchmarkt Leser und damit Kunden finden werden. Im digitalen Umfeld erhalten sie allerdings eine ständig aktualisierte, eindeutig ausweisbare und in Empfehlungssystemen verwertbare Einbettung in einen Nutzungskontext, der die Zugriffe aller anderen Nutzer im System in Bezug auf den jeweiligen Inhalt erfasst und auswertet.
Die daraus ermittelte Präzision irritiert so manchen und dies ist der Anlass für den Artikel in der New York Times. Denn die dahinter stehenden statistischen Ausdifferenzierungen, die sich hervorragend für das zielgruppenspezifische Marketing eignen, führen in Kombination mit der im Internet im Vergleich zu physisch präsenten und nutzbaren Medieninhalten ungleich größeren Menge an vorhandenen und potentiell rezipierbaren digitalen Inhalten zu dem Phänomen, das man vor einigen Jahren Information Overload nannte:
„And there is just too much information. We can have thousands of people sending us suggestions each day — some useful, some not. We have to read them, sort them and act upon them.”
Genau genommen handelt es sich um einen “Communication Overload”, da wir uns zu den Empfehlungen positionieren müssen. Die privaten und die Gruppennutzungsstatistiken und die automatisch ermittelten Ähnlichkeiten führen zu einer Form von Metainformation, die aus dem physischen Medienumfeld kaum bekannt war, die im digitalen jedoch relativ gleichberechtigt neben den eigentlichen Inhalten steht. Wo in sozialen Netzwerken die eigenen Rezeptionsgewohnheiten und Geschmacksmuster zu eindeutig nachweisbarem Sozialen Kapital avancieren, gewinnt diese Form von Information noch stärker an Bedeutung. Den gesteuerten Zufall benötigt man eigentlich nicht als Zusatz: Die Aufmerksamkeitsfenster sind ohnehin schon ausgefüllt.
Innerhalb der elektronischen Systeme sind diese Strukturdaten eindeutig und schwer hintergehbar, fest dokumentiert und müssen, da automatisches „Vergessen“ zumeist nicht in der Systemplanung . vorgesehen ist, bei Bedarf per Hand korrigiert oder gelöscht werden. Daher geht in diesen auf Vollständigkeit orientierten Medienmanagementsystemen tatsächlich ein gewisses Maß an Unschärfe und „Eigensinn“ verloren. Die Informationsmenge ist zwar nach wie vor hoch, aber schwer verdaulich bzw. „boring“.
Um diesen Mangel zu kompensieren, versucht man, wie die New York Times berichtet, die Zufälligkeit wieder als Eigenschaft zu berücksichtigen und zwar nicht vorrangig, um hier eine Schwäche im System auszugleichen, sondern, um die Vorliebe für das nicht gezielte Entdecken als Marktlücke zu nutzen:
„As we pay for them with our time, the human need for surprise presents an opportunity for new businesses.”
Das Verfahren dieser Simulation von Ziellosigkeit nennt man übrigens „high-tech crowdsourcing“. Ob diese kontrollierte Erzeugung des Unerwarteten funktioniert, bleibt abzuwarten. Eigentlich ist sie nicht notwendig: Denn die Ubiquität symbolischer Strukturen bzw. die Dauerverfügbarkeit aus subjektiver Sicht unendlicher Informationsmengen, die Mythos und Ideal der Vollständigkeit auch in der Wissenschaft wohl endgültig erledigt haben, stürzen die Rezipienten in digitalen Medienwelten in eine Situation, in der Serendipity mehr als jemals zuvor zum zwangsläufigen Bestandteil des Informationsverhaltens geworden ist. So präzise digitale Daten- und Symbolstrukturen auch sein mögen: das menschliche Gehirn als primäres Verarbeitungselement enthält all die Unschärfe, die nötig ist, um weiterhin querbeet und wild zu denken. Das Internet ist eine Infrastruktur, die sich nur schwer regulieren lässt. Von der statischen HTML-Seite bis zu komplexen Ajax-Oberflächen, von Bittorrent-Downloads bis zu vielfältigen Blockierversuchen finden sich alle möglichen Merkmale nebeneinander. Das Nadelöhr, an dem man eingreifen kann, liegt nicht im Netz selbst, sondern in der Steckdose daheim. Der algorithmisch generierte Zufall ist eine weitere Variante der Nutzung dieser Infrastruktur, die parallel mit Bestrebungen, jeden Zufall auszuschließen existiert. Gelingen wird beides nicht in Vollständigkeit, denn der menschliche Faktor – egal auf Nutzer- oder Erzeugerseite – wird eher früher als später zureichend Defekte aufwerfen.
Die Aufgabe einer geisteswissenschaftlichen Praxis in digitalen Informations- und Kommunikationsumgebungen wird hoffentlich sein, genau diese Lücken zu thematisieren und zu fragen, was die digitalen Symbolmaschinen mit dem Animal Symbolicum macht und dieser mit ihnen. Dazu allerdings muss man beide Seiten kennen. In dem Maße, in dem die Digitalität den Alltag des Menschen prägt, wird sie tatsächlich zum Zwang der Geisteswissenschaften. Denn sie wird in der aktuellen Welt der Erzeugung und Gestaltung von Kultur, die in der westlichen Hemisphären fast immer irgendein digitales Element und sei es zu Dokumentationszwecken enthält, zum Kernbestandteil des Gegenstandes und damit zum Material dieser Disziplinen.