Hunde, sollen sie ewig stehlen? Der Heidelberger Appell und sein argumentatives Umfeld
Posted in Diskurs on March 24th, 2009 and tagged Digitalität, Diskurs, Heidelberger Appell, Open Access——————————–
Ergänzung, 26.03.2009
Eine üppige Web- und Blogografie zum Thema gibt es auf infobib: Materialsammlung rund um den “Heidelberger Appell”
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Oh Schreck, wie infiziert die deutsche Sprache doch ist, wenn es um Heidelberger Appelle und das, was drum herum geschieht, geht.
Matthias Spielkamp teilt sich in seinem Text zum Thema auf perlentaucher.de mit mir den Topf mit dem Quirl und bei Roland Reuß nicht übermäßig überzeugender Replik auf Gudrun Gersmanns Kritik auf seinen eigenartigen Initialartikel findet man das Feuerbild wieder:
»Im Wald, da sind die Räuber« – aber wer kommt deshalb gleich auf den Gedanken, den ganzen Wald brandzuroden?”
Zum Glück ist man nicht bei Holger Fock angelangt, der sich in einer E-Mail bei Roland Reuß über eine File-Sharing-Plattform ausschimpft:
Ich hoffe, die gehen rechtlich gegen diese “onlinearchive” vor (auch gegen die mit jener Seite verlinkten). Das wird sicher nicht einfach: Glauben die Hunde[sic!] doch, sie seien rechtlich auf der sicheren Seite durch den Hinweis, der Download sei natürlich nur erlaubt, wenn der User das Buch in der gedruckten Fassung besitze – das schlägt dem Buch die Seiten weg.
Die Hunde, die! Das ist wirklich 08/15. Es werden also so langsam die härteren Saiten der Sprache aufgezogen. Zumal Roland Reuß quasi zum Festival der Polemik aufruft und sich beklagt, wenn die Gegenseite nicht einstimmt:
Zunächst dies, daß sie meint, es nicht nötig zu haben, auf »eine Polemik mit einer Gegenpolemik zu antworten«. Offenbar spürt sie den Wind des Fortschritts so sehr in den geblähten Segeln, daß sie sich in die staubigen Gefilde des Streites – und sind wir hier nicht tatsächlich auf solchem Terrain? – nicht zu bequemen braucht. Warum eigentlich? Was spricht gegen eine Polemik, wenn die Sache es gebietet?
Wer so das Visier aufklappt, ruft sich womöglich Geister, die er gar nicht rufen wollte. Aber sich selbst bloß stellen, indem man die Diskussion mit dem Argument hinter den Tjost mit der plumpen Zuspitzung zurückstellt, dient der Sache leider wenig. Spricht hier bereits die “gueule de métèque”? So fällt man jedenfalls schnell vom Pferd. Je länger man sich auf www.textkritik.de bewegt, desto weniger gelingt es, das Reuß’sche Rufen wirklich ernst zu nehmen. Fast erscheint es, als würde hier altgediente Wissenschaftler gerade erst verstehen lernen, was Digitalität und digitale Wissenschaft bedeuten. Die Dynamik und Strukturmerkmale der Prozesse sind allerdings offensichtlich noch immer nicht ganz verstanden.
So nimmt sich Uwe Jochum eine(!), im Umfang eher kleine und drei Jahre alte(!) Studie aus einem Repositorium(!) als einschlägige Versicherung dafür, dass Open Access zu teuer ist und ignoriert die vielzitierte Arbeiten John Houghtons (hier eine Präsentation als PDF), während Roland Reuß eine Coda lang an “technokratischem slang” verzweifelt und jedem, der das Wort “barrierefrei” benutzt schon angesichts dieses Sprachgebrauchs ein Legitimationsproblem unterschieben möchte.
Man fürchtet beinahe, ein Mob heißgelaufener Urheber marschiert demnächst mit lodernden Fackeln vor dem nächsten Server-Park auf, um ein Exempel zu statuieren. Wissenschaftlicher Diskurs sieht jedenfalls irgendwie anders aus. Aber darum geht es bei der Gruppenhysterie wohl auch nicht. Der Beobachter staunt leicht amüsiert über das Wüten am Neckar, versteht augenblicklich, dass die Wissenskluft auch generational ausgeprägt ist, und hofft einfach mal, dass es recht bald gelingt, Schimpf und Schande auf Pro und Contra herunterzukühlen.
Allen Unterzeichnern des Schnellschußappells aus Heidelberg sei nachdrücklich die Lektüre von Matthias Spielkamps Text empfohlen, der vielleicht doch die eine Irrung und die andere Wirrung im Verständnis dessen, was hinter Open Access steht, gerade rücken kann:
Dabei muss man wissen, dass die Open-Access-Bewegung in den Wissenschaften aus einer Not heraus entstanden war – und einer paradoxen Situation, die nicht im Sinne irgendwelcher Urheber war und ist. Wissenschaftler, vor allem in den so genannten STM-Disziplinen – Science, Technology, Medicine – erwerben wissenschaftliches Renommee in erster Linie durch Publikationen in Science Journals, Wissenschaftszeitschriften. Diese Zeitschriften erscheinen in zum Teil weltweit operierenden, oft börsennotierten Verlagen, wie dem Springer Wissenschaftsverlag in Heidelberg (der mit der Axel Springer AG nichts zu tun hat) oder Reed Elsevier, einem britisch-niederländischen Konzern.
Um in Zeitschriften solcher Verlage zu veröffentlichen, müssen Wissenschaftler in vielen Fällen den Verlagen die exklusiven Nutzungsrechte an ihren Artikeln abtreten. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Beiträge anschließend nicht mehr an anderer Stelle veröffentlichen dürfen, weder auf der eigenen Website noch der ihrer Universität. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht; im Gegenteil, die Peer Review, also die Begutachtung der Forschungsergebnisse, übernehmen Wissenschaftler ebenfalls ehrenamtlich, also in den meisten Fällen auf Kosten ihrer Arbeitgeber. Also auf Kosten der Steuerzahler, wenn sie an öffentlich geförderten Institutionen arbeiten, wie etwa Universitäten. Der Steuerzahler zahlt, der Konzern schreibt Gewinne: Wer enteignet hier wen?
Die Überschrift die Spielkamp verwendet, verheizt freilich den Urkalauer der Bewegung: Open Excess: Der Heidelberger Appell.