Da die dafür eigentlich besser geeignete Blogplattform des ib.weblog (viel mehr Publikum) momentan wieder an der Altersschwäche des tragenden Servers leidet, wundere ich mich hier darüber, was eigentlich mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung los ist. Mittwoch schreibt Oliver Jungen eine bemerkenswert aufgeplusterte Suada gegen das deutsche Bibliothekswesen, das nicht so will wie er und deshalb derart mit Ressentiments zugeknallt wird, dass man es selbst als jemand, der durchaus der manchmal etwas ausgeprägteren Selbstgefälligkeit der Bibliothekswelt einen Tropfen Wermut in den Becher der Selbstbespiegelung wünscht, aber eigentlich eher mehr Mut, nur mit Kopfschütteln ob des hinterm Faust-Zitat lauernden Haudrauf-Journalismus reagieren kann (vgl. auch hier).
Was sich aktuell so an Beiträgen in der FAZ-Welt abspult, greift durchaus in die selbe Schlaufe, an der auch solche Phänomene wie Verringerung des Umfangs, weitläufige und textsparende Layout-Änderung sowie Erhöhung des Einzelverkaufspreises hängen. So hält man weder den Mythos “Qualitätsjournalismus” noch die Auflage hoch, denn weniger für’s Geld ist dem Leser, der sich natürlich auch mit den virtuellen Alternativen auskennt, eigentlich nicht zu vermitteln. Der holt sich dann ein, zwei Mal in der Woche am Zeitungsstand etwas aus Großbritannien und als FAZ-Feuilletonersatz Sinn und Form. Für die Nachrichten geht man heute gleich zu Reuters, da wartet man nicht auf Deutschland und die Welt von morgen. Wir halten keine Aktien an dem Blatt und das Abonnement wurde auch nicht verlängert, insofern könnte man kühl bleiben. Aber online liegt die Zeitung dann doch mit den anderen im Feed zu den Themen des Tages und so entdeckt man gerade, was der Popfeuilletonist Richard Kämmerlings zum Thema E-Books, Papier und Vinyl kommentiert.
Wir verstehen, dass das Feuilleton wie die tagesaktuelle Presse überhaupt am besten mit Alarmismus punktet und erinnern uns als einst treue Leser daran, dass derselbe Autor im Februar 2006 schon mal das Ende der Literaturgattung Lyrik aufziehen sah, wobei allerdings erst vor einigen Wochen der noch halbwegs junge deutsche Nachwuchsdichter Durs Grünbein in der WELT bewies, dass ihm sein Talent tatsächlich nass geworden ist.
Nun hat Richard Kämmerlings auch ein iPhone und zeigt uns, was schon letztes Jahr um diese Zeit problemlos möglich war, als eine die Medienwelt umstürzende Innovation: Er kann Shakespeare auf dem Telefon lesen. Auch unter der Bettdecke. Auch in “schummrigen Dichterkneipen”. Seit mindestens 12 Jahren konnte man Romeo and Juliet aber auch schon auf jedem transportablen Computer durch die Welt tragen, denn seitdem ist das “E-Book”, welches eigentlich eher ein E-Text ist, bei gutenberg.org verfügbar. Mittlerweile sogar auf Finnisch. Gratis zum Download oder zum Lesen am Bildschirm. Dennoch sind aktuell noch dutzende Printausgaben erhältlich. Eine Handvoll E-Book-Varianten ebenso. Das lässt eigentlich mehr auf eine friedliche mediale Koexistenz schließen, als auf eine Revolution, bei dem die Kindle an die Macht der Literaturvermittlung drängen.
Aus irgendeinem verrückten Grund, der seine Ursache wohl im abgrundtiefen Glauben an eine auf medienökonomischen Trivialdarwinismus justierte Wettbewerbsgesellschaft findet, ist Vielfalt für das Feuilleton nicht nur der FAZ selten eine respektable Option. Daher schreckt man dort auch mal hoch aus dem sinnlichen Vergnügen, welches der Apple-Touchscreen vermittelt, wenn Thalia groß verkündet, dass es die Restauflage des Sony-Readers der letzten Saison nun in Deutschland an den Mann zu bringen versuchen wird. Zwar hatte schon die Frankfurter Buchmesse im Herbst einen Showroom für elektronische Lesegeräte, aber da es sie damals schwerlich in Deutschland zu kaufen gab, muss man den Sensationsdiskurs vom Ende des Buchs aus dem Oktober für den März noch einmal aufwärmen. Seit letztem Jahr heißt es dazu so beständig “Amazon wird mit seinem ‘Kindle’ bald nachziehen.”, dass der Satz, besäße er mehr Biss, vielleicht schon zur Spruchweisheit ins kollektive Sprachgut übergewechselt wäre. Es stünde für eine Hornisse, die dem Buchmarkt als Kampfelefant angekündigt wird und irgendwann als etwas wintermüde Schwebfliege hereinflattern wird.
Nun schwächt sich eine nur über ein unbestimmtes “bald” terminierte Drohung mit den Monaten bis Jahren etwas ab, bis sie niemanden mehr stört. Denn selbst im erfolgreichen Amerika hat der Kindle zwar seine Lücke mit schätzungsweise 500.000 Nutzern gefunden aber keinesfalls dazu geführt, dass gerade Amazon keine gedruckten Bücher mehr verkauft.
“Die Medienevolution macht gerade einen Tigersprung” meint dagegen der schlagwortgeschulte FAZ-Kommentator und staunt, dass er überall mit seinem Telefon Texte aus dem Internet ziehen kann. Dass Google dabei sein gescanntes Bucharchiv beisteuert, ist auch nett. Aber beileibe kein “Tigersprung” und wer hier nicht folgen kann, hat einfach seit den 1990ern das Internet verpasst.
Zur Unpässlichkeit, die den Vergleich Buchbranche und Musikindustrie befällt, muss man eigentlich nicht viel sagen. Denn man vergleicht mit dem Buch als Trägermedium für Text und mit der Schallplatte als Trägermedium für aufgezeichneten Klang zwei in der Rezeption vollkommen unterschiedliche Medienformen: Während Lesen nämlich prinzipiell ein aktiver und bewusster Akt ist, bei dem das Auge selbst und ohne Hilfsmittel – es sei denn einer Brille für die Fehlsichtigen – den Datenbestand wenn man so will direkt von der Trägeroberfläche abnimmt, wird aufgezeichnete Musik auch passiv und unbewusst erfahrbar. Kein Ohr muss sich den Klängen nacheilend bewegen. Das Lesen fordert die Bewegung auch im stillsten Bibliothekszimmer. Die Musik versetzt im besten Fall in selbige. Dafür muss sie, wenn nicht zeitgleich dargeboten, aber schon seit der Edison-Walze mittels eines Abspielgerätes wiedergegeben werden. Dass selbiges heute iPod heißt und nicht mehr Technics 1210er bedeutet nichts anderes als eine konkret nicht ganz aber abstrakt durchaus vermutbare Entwicklung der Technik.
Dass sich das Medium Buch dagegen vergleichbar anfällig für einen plötzlichen Sprung auf die Anzeige vermittels Taschendisplay zeigt, ist nicht unbedingt ausgemacht. Der Vorteil der Lesegeräte liegt zweifellos in der Optimierung des Speicherbedarfs, die man sich aber mit dem Aufwand der Synchronisation und der generellen Fehleranfälligkeit digitaler Geräte bis hin zum Formatproblem und der auch und gerade für die Verlage hoch problematischen Rechtesituation erkauft. Datenschutzprobleme – wer liest welches Buch – kann man noch drauf addieren, wenn man denn möchte.
Blöd ist bloß, dass die wirklich schweren Folianten recht alternativlos an die Druckvariante gebunden sind, da der Helmut Newton aus dem Fotoband auf dem iPhone wirklich nur wirkt, wie ein Abziehbildchen aus dem WWW. Den Heinz Strunk als Paperback bekommt man dagegen meist doch noch in die Laptoptasche und wenn der im Zug liegen bleibt, dann ist es vielleicht sogar besser, in jedem Fall kein großer Verlust.
Wer also nicht den permanenten Zugriff auf eine halbe Million Bücher braucht, sondern auf ein bis drei, für den reduziert sich der Vorteil eines E-Book-Readers schnell auf das eingebaute Leselicht. Das kann nett sein und es spricht auch nichts dagegen, solch ein Gerät zu besitzen und zu benutzen. Jedoch die Pferde der Buchbranche immer wieder aufschrecken zu wollen und ihnen zuzurufen, dass ab morgen andere Sattel die einzig richtigen sind, wirkt mittlerweile ziemlich grotesk.
Denn abgesehen von Sony, Amazon und Thalia braucht diese Geräte aktuell fast niemand. Nicht einmal die Verlage. Der Markt für das gedruckte Buch ist im Gegensatz zum CD-Markt am Vorabend des mp3-Formats weitgehend intakt und kaum von Piraterie bedroht. Sinnvoll wäre es, sich ein wenig Zeit zu lassen und zu verstehen, dass die eigentlich relevanten digitalen Texte eigentlich die sind, die im Internet entstehen. Was der Markt für mobiles Lesen und Laden vielmehr sucht, sind nicht die Reader, sondern handliche, lesbare und kleine Sende-und-Empfangsgeräte. Mit denen sich auch schreiben und vielleicht fotografieren, in jedem Fall twittern und bloggen lässt. Das iPhone ist näher am Ball als der Sony Reader und insofern hat Richard Kämmerlings schon richtig investiert. Dass mit solch einem Multifunktionsgerät bei Bedarf auch mal einen Roman oder junge deutsche Lyrik lesen kann, nimmt man gern mit. Zum Weihnachtsfest greift man aber vorerst doch lieber zu einen Leinenbändchen voll mit junger deutscher Lyrik in Geschenkverpackung statt zu einer gezippten Datei mit Shakespeare-Medley.