Die E-Books in der E-Bibliothek. Ein paar weitere Gedanken.
Posted in Bibliothek, E-Books, digitale Bibliothek on October 24th, 2008 and tagged Definition, Deutschlandfunk, digitale Bibliothek, E-Book, Michael KnocheDas e-book ist bereits heftig dabei, die Bibliotheken zu verändern. An vielen wissenschaftlichen Bibliotheken spielen e-books schon seit ein paar Jahren eine große Rolle. Was auf der Buchmesse nur neu war, war das Leseendgerät. Das hat sich eben weiter verbessert und ist jetzt so attraktiv geworden, dass auch die normalen Leser und Benutzer damit arbeiten können. Aber an den Hochschulen werden Texte schon seit einigen Jahren runtergeladen, aber dann eben auf die normalen Laptops und PCs.
Michael Knoche, Leiter der Herzogin Anna-Amalia Bibliothek in Weimar, äußert sich heute in einem ausführlichen Interview mit dem Deutschlandfunk u.a. recht zuversichtlich, aber definitorisch etwas unscharf, zum Thema E-Book. Denn abgesehen vom Project Gutenberg und einigen anderen Unternehmungen, war die Titelanzahl von elektronischen Büchern bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit nicht so breit gestreut, dass sie in der wissenschaftlichen Arbeit verstärkt zum Einsatz kamen. Natürlich gab es immer wieder mal ein paar PDF-Fahnen und manches auch auf CD-ROM. Aber das, worauf die Merkmale, die ich weiter unten als kennzeichnend für ein E-Book herausarbeite, passen, wird erst allmählich zu einem breiten Phänomen.
Aber ich denke, Michael Knoche meint eigentlich das Lesen elektronischer Texte allgemein, was sich mit den elektronischen Zeitschriften tatsächlich zur Standardtätigkeit im wissenschaftlichen Alltag sehr vieler (nicht aller) Disziplinen entwickelt hat.
Deutlich wird hier erneut, dass der Begriff E-Book eher schwierig ist und der Diskurs sich womöglich etwas geschmeidiger vollziehen würde, spräche man von elektronischen Texten und im Zweifelsfall von hypertextuell vorliegenden Inhalten oder von einer displayvermittelten Textrezeption, sofern man auf den Vorgang abzielt.
Der Ausdruck E-Book ist dagegen vor allem gut für das Marketing, denn er schafft die Verbindung zu etwas, was die Zielgruppe kennt und mag. Vielleicht wäre er auch sonst praktikabel, wenn es (a) eine präzise und verbindliche Definition gäbe und sich (b) eine tatsächliche und sinnvolle Entsprechung des Einem im Anderen fände. Wenn man kurz genug sucht, entdeckt man womöglich etwas, das passt. In der Wikipedia nämlich findet sich dahingehend ein ziemlich eindeutiger Ansatz. Dort heißt es aktuell, das E-Book “versucht im weitesten Sinne, das Medium Buch mit seinen medientypischen Eigenarten in digitaler Form verfügbar zu machen.”
Nun muss man sich fragen, (1) inwieweit das, was als E-Book bezeichnet wird, dieses erfüllt und (2) wie medial zweckmäßig solch ein Unterfangen ist. Warum legt man soviel Wert auf eine Imitation in der Form, wenn es nur der Content ist, auf den es ankommt?
Sofern wir tatsächlich am Bildschirm lesen, löst sich die Notwendigkeit zur Anpassung an die Druckseite auf. Textinhalte wie in diesem Weblog werden schon längst mich mehr auf Ausdruckbarkeit hin verfasst und sind in ihrer Hypertextualität oft auch gar nicht adäquat auf Papier abbildbar.
Entspricht also ein HTML-Text oder ein PDF tatsächlich den medientypischen Eigenschaften – gedruckt, gebunden (oder geklebt etc.), nicht periodisch, mindestens 49 Seiten? Die aktuelle Generation der Lesegeräte versucht sich durchaus, wenigstens das Element “Seite” zu erhalten, aber wenn man sich gleich nebenan anschaut, dass die Displays von Mobiltelefonen als Ausgabeoberfläche zunehmen Aufmerksamkeit bekommen, erscheint es fraglich, dass sich in diesem Umfeld das Paradigma Druckseite halten kann. Denn eine Druckseite ist für das iPhone auch auf A5 zu groß.
Für die Simulation der Seitendarstellung, wie sie das PDF als Format für die Druckvorstufe natürlich berücksichtigt, besteht bei der Rezeption am Bildschirm kein Grund. Alle medientypischen Eigenschaften des Buches, die in seiner Materialität gründen, sind ganz offensichtlich nicht digitalisierbar. Was momentan in meinen Augen als einzig gültiges Unterscheidungsmerkmal für das E-Book im Vergleich zum E-Journal herangezogen wird, ist, dass es nicht periodisch erscheint. Zu anderen elektronischen Texten im Internet sind die verlegerischen Berarbeitungen von der Manuskriptauswahl über das Lektorat bis hin zur Gestaltung der Ausgabeform kennzeichnend.
Ein E-Book wäre demnach, dies als eine Zwischendefinition, ein in sich abgegrenzter, nicht-periodisch erscheinender, distribuierbarer und von einem Verlag veröffentlichter Text.
Das E-Book bildet also die materiellen medientypischen Eigenschaften nur äußerst bedingt ab, dafür aber einige formale Entstehungs- und Vertriebskennzeichen. Dass E-Books oft als zu subskribierende Pakete angeboten werden, relativiert den Distributionsaspekt natürlich wieder. Besitzrecht oder Nutzungsrecht, das ist hier zu klären. Langfristig stehen die Zeichen wohl auf die zweite Variante gerichtet.
Auf der Ebene der formalen Imitation bieten die Lesegeräte abgesehen von dem ziemlich leichtgewichtigen Argument, dass man unbegrenzt viele Titel mit sich herumtragen kann, kaum Vorteile. Zwar relativiert sich das Problem des Lagerplatzes, wird aber – sofern man die Texte länger behalten mag – durch die Frage der Langzeitarchivierung, Langzeitlesbarkeit und Migration beim Gerätewechsel von einer neuen Schwierigkeit fast noch größerer Komplexität ersetzt. Perspektivisch werden sich, so meine aktuelle Vermutung, Geräte durchsetzen, die eine beliebige Rezeption und Bearbeitung und vielleicht sogar Produktion von digitalen Texten bzw. auch wieder multimedialen Inhalten zu lassen. Ein kleiner, leichter Laptop mit elektronischer Tinte wird sicher von der Masse der aktiven Leser eher gewünscht, als das Pendant zum digitalen Bilderrahmen.
Nun noch ganz kurz zur E-Bibliothek, auf die die Anschlussfrage des Interviewers abzielt, und die die große Diskrepanz zwischen Fachdiskurs und öffentlichem Diskurs entblößt:
Heinemann: Gibt es dann eines Tages die e-Bibliothek?
Knoche: Die wird es sicher geben. Es wird Bibliotheken geben, die praktisch nur noch einen Ort darstellen, wo man lernen kann, wo man einen Zugang zum Netz hat, aber die keine Bücher mehr enthalten. Es wird Bibliotheken geben, die beides haben, das elektronische Angebot, aber natürlich auch noch die alten Druckschriften. Ich glaube, die Herzogin Anna-Amalia Bibliothek wird zu der zweiten Kategorie von Bibliotheken gehören.
Die Beschreibung der ersten Kategorie passt übrigens auch auf eine Starbucks-Filiale und wer selbige in Universitätsstädten besucht, sieht, dass diese von den Studenten auch gern entsprechend genutzt werden. Natürlich meint Michael Knoche etwas anderes, nämlich das, was wir seit vielleicht einem Jahrzehnt als PC-Pools kennen, die man sicher noch gemütlicher gestalten kann. Die Idee, diese anheimelnder als e-Bibliothek zu bezeichnen ist gar nicht so schlecht, aber natürlich “lipstick on a pig”.
Aufgelöst würde die Bezeichnung aber elektronische Bibliothek heißen, was in der Bibliothekswissenschaft traditionell vor allem auf die Geschäftsgänge und die Katalogisierung ausgerechnet von physischen Medien bezogen war.
Was hier tatsächlich gemeint ist, nannte man virtuelle Bibliothek bzw. nennt man digitale Bibliothek, wobei der bücherlose Lernraum noch nicht einbezogen ist. Man sollte den allgemeinen Radiohörer sicher nicht überfordern, aber wenn man vom Fach kommt, dann ist man selbstverständlicher etwas pedantischer. Und daher soll abschließend vermerkt werden, dass wir die Herzogin Anna-Amalia Bibliothek korrekterweise als viergegliederte Bibliothek begreifen, die übrigens auch in ihrem famosen Studienzentrum die eine oder andere neuere Druckschrift bereithält. Hoffentlich setzt sich E-Bibliothek nicht durch…