Überlegungen im Anschluss an dieses Posting.
O'Reilly TOC ist m.E. der momentan interessanteste und lesenswerteste unter den zahlreichen Weblogs, die sich mit den Möglichkeiten des elektronischen Publizierens bzw. von e-Books befassen. Und je intensiver man die Debatte dort (und auch anderswo) betrachtet, um so klarer wird, dass sich e-Books stärker als bisher vom Vorbild des Mediums Buch (inklusive dem linearen Paradigma) verabschieden müssen, um einen nennenswerten Mehrwert und damit eine Marktchance zu entwickeln. Man kann natürlich weiterhin einer i-Phone-etc.-Fixierung unterliegen und hoffen, dass man hier durchschlägt, zumal es mittlerweile iPhone-reader gibt. Ob allerdings die Tech-Geeks, die begeistert die High-End-Devices kaufen, auch die sind, die in großer Zahl Bücher kaufen und lesen, darf man bislang jedenfalls bezweifeln. Um die primär bücheraffinen (und nicht primär technikaffinen) Zielgruppen zu erreichen, bedarf es eher solider und verlässlicher, vor allem standardisierter Produkte, die sich intuitiv erfassen und mit zwei Blicken in ihrer Funktionstiefe durchschauen lassen.
Entscheidend wird am Ende jedoch sein, ob und wie e-Books einen Mehrwert gegenüber gedruckten Büchern aufweisen, der über die eher abgedroschenen und redundanten 30 E-Books-Benefits von Epublishers Weekly hinausreichen. Sehr nett ist z.B.:
28 Ebooks help paperbook publishers to sell paperbooks. Cory Doctorow has explained that the giving away of ebooks, for free, has helped to sell the paperback editions of his stories and novels.
Das zeigt, wie unüberlegt man hier von professioneller Seite (Epublishers weekly) an das Thema herangeht, fegt doch die Reduktion des Mediums e-Book auf ein Marketinginstrument für das gedruckte Buch all das vorher so mühsam zusammengeklaubte an Pro-Argumenten (Man kann viele Titel mit sich herumtragen; E-Books können automatisch gelesen werden; Während ein E-Book gelesen wird, kann man etwas anderes tun; E-Books sind für die Verlage besser, weil billiger zu produzieren...) wieder vom Tisch.
Mindestens zwei interessante Formen der Optimierung des Mediums, die bei O'Reilly TOC jüngst anklangen, gibt es jedoch, denen man dringlich Aufmerksamkeit schenken sollte:
Abgesehen von Elementen Inhaltsverzeichnissen, Registern und Fußnoten sind allerdings nur wenige Titel bisher überhaupt auf eine solche Funktionalität anpassbar. Dies erklärt sich schlicht aus der Tatsache, dass sie für den Druck geschrieben wurden und erst nachträglich für die elektronische Ausgabe optimiert werden.
Hypertextuelle E-Books würden dagegen eine weitgehend neue Form der Autorenschaft voraussetzen, was einen gründlicheren Bruch mit dem Paradigma "Buch" voraussetzen würde, als es die meisten Verlage (und Autoren) momentan vermutlich wollen. Am Ende stände ein völlig neues Textmedium, dass weitaus stärker auf aus dem WWW und Web 2.0 bekannten Rezeptionsmuster zurückgreift, als auf das Leseverhalten des gedruckten Romans oder Essays. Nicht ohne Grund sind Lehr- und Nachschlagewerke momentan die einzigen Formen, die sich halbwegs als e-Book verkaufen lassen. Vermutlich wird dies auch noch lange so bleiben. Umso wichtiger wäre eine Konzentration der Innovationsbemühungen auf solche Titel. Gerade hier sind Angebote, die nicht viel mehr als eine 1zu1-Übertragung vom Druck ins E darstellen, eher kontraproduktiv und ganz sicher eine verschenkte Möglichkeit.
2. Eine weitere, m.E. sehr sinnvolle Form ist die Anreicherung von E-Books mit umfassenden Zusatzinformationen. (vgl. auch hier).
Das Verfahren hat sich bei Film-DVDs exzellent bewährt und könnte E-Books für kritische Texteditionen durchaus relevant werden lassen. Hier wie dort könnte man einen Expertenkommentar und eine Art "Making of" erwarten. Warum nicht Rezensionen, Varianten, umfangreiche Autoreninformationen o.ä. mitliefern. In Verbindung mit der Hypertextualität könnte das Medium an dieser Stelle tatsächlich Stärke zeigen.
Die breite Leserschaft, die nach wie vor die Lektüre gerade mit Bleistift und Abnutzung des Umschlags, mit Umblättern und Eselsohren und mit dem Stapeln von Büchern auf dem Nachtisch (und im Regal und das damit vielleicht auch verbundene Symbolisieren von Lebensstilmerkmalen) bevorzugt, erreicht man damit auch nicht. Aber man könnte gerade mit umfänglichen textkritischen Ausgaben die bisher häufig dem digitalen Publizieren gegenüber skeptischen Geisteswissenschaften davon überzeugen, dass digitale Textmedien, wenn denn ihr Potential tatsächlich genutzt wird, für die wissenschaftliche Arbeit durchaus Vorteile bergen. Dazu muss man aber mehr bieten, als die PDF- (oder auch E-Pub-)Abbilder der Druckausgaben.
Posted by Ben on May 19, 2008
Tags E-Books


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