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Eine Art Dekonstruktion zu Jens Renners Kommentar „Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken.“ (erschienen in: BuB 59 (2007) 11-12, S. 812-813.) [diesen Text als PDF]

Vorbemerkung

Als jemandem, dem sowohl konkret Bibliothek, Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, wie auch allgemein die Welt, in der wir leben und obendrein die Wechselwirkungen zwischen beiden am Herz liegen, verspüre ich in letzter Zeit ein Unbehagen angesichts eines Teiles des Diskurses zu den Themen, die für mich maßgeblich Reflexions-Agenda stehen.

Das kann an mir liegen und daran, dass es mir nicht gelingt, eine entsprechend beruhigende Affirmation aufzubauen. Aber andererseits denke ich auch, dass ein sachbezogener Diskurs durchaus auch eine Gegenrede nicht nur aushält, sondern geradezu benötigt. Auch heute möchte ich „gegenreden“ – bzw. gegenschreiben – und das Medium Weblog bietet sich geradezu dafür an, zumal man hier auch noch absatzgenau gegen die Gegenrede halten kann. Es wäre sehr schön, wenn diese schmucke Innovation, die bislang eindeutig auf Kosten des angenehmen Äußeren geht, noch intensiver genutzt wird. Manches mag vielleicht überzogen klingen, aber ich bin der Auffassung, dass man der Phrase nur mit ihrer Umkehrung und Ironisierung beikommen kann.

Worum es mir also geht, ist das von mir wahrgenommene Phänomen eines Umgangs mit Themen, die mir wichtig sind und von denen ich als Bibliothekswissenschaftler wenigstens theoretisch etwas zu verstehen glaube, welcher sich zu einem leider sehr großen Anteil auf rhetorische Scharmützel mit Allgemeinplätzen beschränkt hinsichtlich der Frage, welche und wie viel Substanz sich dahinter verbirgt, dekonstruierend zu durchzusieben. Dies, verbunden mit dem Interesse an einem reflexiven Diskurs, steht hinter diesem kleinen Weblog-Eintrag.

Die Fame Generation

„Die Vermutung liegt nahe, dass es sich mit der Blogosphäre ähnlich verhält wie mit den allmählich abklingenden Reality-Shows, die nichts mit der Wirklichkeit und alles mit Exhibitionismus zu tun haben, dass nämlich vor allem jene, die mit ihrem Privatleben nichts anfangen können, sich ins Informationsmeer stürzen.“ – Felicitas von Lovenberg: Und wann steigen Sie aus? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10.11.2007, Nr. 262, S. Z1-Z2

Ich blogge, also bin ich. Und zwar Teil der „fame generation“, wie die Guardian-Kolumnistin Marina Hyde in ihrem Dreispalter in der letzten Samstagausgabe des britischen “Quality Papers“ titelt. Exhibitionistisch, „pooterisch“ und einer dieser jungen Menschen, – „broadcasting who I am“ – die sich nachhaltig mit ihrem „inneren Monolog“ um Kopf und Kragen schreiben, da die Personalchefs genauso wie die Geheimdienste Persönlichkeitsprofile aus Google-Resultaten ermitteln. Man glaubt fast nicht an Zufall, dass am vergangenen Wochenende einerseits in der „Bilder und Zeiten“-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Felicitas von Lovenberg eine argumentativ außergewöhnlich bodenlose Ode an die Webverweigerung publizieren durfte („Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis nicht nur die soziale Enklave, sondern gerade auch die digitale Abschottung vom Bewusstseinsstrom der Banalität überlebensnotwendig für jeden werden wird, der kreativ oder schlicht geistig gesund bleiben will.“) und andererseits im Guardian Marina Hyde die Peinlichkeit des geäußerten, inneren Monologs geißelt. Die vier Millionen britischen Blogger (sh. auch) wissen nicht, was sie tun, ihre deutschen Kollegen gleichermaßen, so der Eindruck nach der Lektüre des Textes von Felicitas von Lovenberg, und entäußern ihre Persönlichkeit (und Privacy) den 15 oder auch mehr Minuten „Fame“ bar jedes Blickes für mögliche Konsequenzen.

Und natürlich: „Ein Leben für den Fame“, wie es der Prenzlauer Berg-Rapper V-Mann näher am Leben als alle Hydes und von Lovenbergs auf den Qualitätspressebällen dieser Welt es beschreiben könnten, in einem kleinen Raptrack zusammenreimt, das bedeutet, wenn Ruhm gesellschaftlich wertvoll sein soll, erst einmal Schweiß und Tränen und vielleicht auch Blut fließen: „Watch the audition rounds of any television talent show, and it seems as if an entire generation now believes fame to be a basic human right.“ Warum eigentlich nicht.

Marina Hyde freut sich sicherlich auch, ihr Gesicht im Guardian zu sehen und auch bei Felicitas von Lovenberg (und anderen Deutungseliten) geht des Öfteren die Substanz merklich vor der Tinte aus. Auch dem sich selbst gern beschwörenden „Qualitätsjournalismus“ à la FAZ könnte man locker eine Art „Schwarzblog“ zur Seite stellen, wie es die Bildblogger zum großen Pendant auf dem Boulevard tun. Die Frequenz des Zeilenfüllens um jeden Preis ist vielleicht nicht ganz so hoch und man muss den dekonstruierenden Diskursschlüssel meist feiner justieren, aber dass nicht jeder Artikel einem Feuerwerk der Sachkenntnis gleichkommt, merkt man überraschend häufig. Indes: Stilistisch bleibt es meist stabil und somit die gute Form gewahrt. Und zugegeben: den Freizeitkolumnisten der Blogosphäre entgleiten nachweisbar um Potenzen häufiger sowohl Form wie Schreibstil.


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Gerade aus diesem Grund verwundert es zutiefst, wieso sich die Kommentatoren von Presseerzeugnissen, die Weltniveau als Aushängeschild ihre Zeitungen beschwören, immer wieder in grob undifferenzierter Art und Weise und manchmal fast hysterisch bemühen, über Blogger und der vermeintlich nach Fame-gierenden Masse des Web 2.0 den Stab zu brechen und dabei zu verkennen, dass gerade die, die sie zu treffen versuchen, sie gar nicht wahrnehmen. Man kann zwar, wenn man Watzlawick glaubt, nicht „nicht“ kommunizieren, aber durchaus in großer Entfernung aneinander vorbei.

Die Wikipedia ist die Wikipedia und kein Brockhaus und keine Britannica und ein Weblog ist keine Tageszeitung, sondern ein Werkzeug, das sich für alles Mögliche gebrauchen lässt, allerdings nicht, um mir die Tageszeitung zu ersetzen. Denn im Gegensatz zu den meisten Weblogs ist das Medium „Tagespresse“ von der Erscheinungsweise bis hin zum Tenor der Beiträge halbwegs berechenbar. Das WWW und die Blogosphäre sind mächtig gestreut, was ihren Reiz ausmacht, von mir als Informationsrezipient oft, aber nicht immer gewünscht ist. Manchmal sehnt sich der Mensch auch nach Begrenztheit und Bündelung, d.h. also nicht nach Hypertext und permanenten Datenstrom im RSS-Feed. Der zweite Vorteil der Tageszeitung liegt buchstäblich auf der Hand: sie ist ausgedruckt und schön gefaltet und auch offline - sogar in der Badewanne - lesbar, man kann sich etwas anstreichen, ausschneiden, ins Tagebuch kleben oder dem Kollegen auf den Schreibtisch legen und man sieht materiell konkretisiert an dem Stapel neben dem Sofa, wohindurch man sich gerade gelesen hat.

Kampf den Blogwindmühlen

Aus irgendeinem Grund reagiert das alte Medium Zeitung dennoch oft wie ein bedrohtes Tier und zeichnet gar düstere Visionen der Kids da draußen, die ihren Lieblingsfilm und ihre Lieblingsmusik und manchmal gar ihre Lieblingswochenendausschweifung ganz offen auf der Suche nach fälschlicherweise „Freunde“ genannten Identitätslinks zu anderen Nutzern bekannt geben. Das Feuilleton wundert sich, als hätte es noch nie etwas von Pierre Bourdieu und symbolischen und kulturellen Kapital bzw. dem Habitus-Konzept gehört, wobei sich all das irgendwie nachvollziehbar im WWW neue Bahnen bricht.

So schlingert der mehr oder weniger selbst beschworene Qualitätsjournalismus beinahe regelmäßig und immer dann, wenn es um Phänomene geht, denen sich Kolumnisten und Feuilletonisten erfahrungsarm gegenüber sehen, an seine Qualitätslimits. Anwendungen der Sozialen Software gehören eigenartigerweise zu diesen schwierigen Themen. Das ist bedauerlich, denn natürlich finden sich in den Druckzeilen, hinter denen sich (fast) immer ein kluger Kopf zu verbergen scheint, auch eine Reihe von das virtuelle Kommunikationserleben betreffenden Phänomenen, die einer sachlichen sowie lebendigen öffentlichen Diskussion bedürfen. Der Aspekt der „Privacy“ gehört ganz sicher dazu. Nur leider verschüttet man diese Ansatzpunkte dann gleich wieder unglücklich mit banalen Pauschalisierungen und Untergangsszenarien, dass einem um die FAZ und andere tatsächlich bange werden muss. Der Feind sitzt allerdings nicht irgendwo im WWW, sondern im eigenen Blatt bzw. Kopf. Statt z.B. auf eine (sozial)wissenschaftlich fundierte Basis zu warten und die Leser mit soliden Reflektionen zu versorgen, formuliert man Doppelseiten füllend eine dürftige Paraphrase von Andrew Keens „Cult of the Amateur“ herunter und bastelt sich aus dem Halbwissen der Nichtnutzer die Halbwahrheit über ein mediales und soziales Phänomen, die alles in einer Form über den feuilletonistischen Fabulierkamm schert, der prima ins Konzept einer sich – warum auch immer – in die Ecke gedrängt fühlenden Zunft darstellt.

Das Ende der Bibliotheken

Was die zitierten Vertreterinnen des Qualitätsjournalismus an die Haustür des potentiell wankelmütigen Abonnenten zu tragen gedenken, spielt rhetorisch mit einem Endzeitszenario, wie wir es leider – wenn auch mit anderen Vorzeichen – nicht selten im Bibliothekswesen hinnehmen müssen. Ein besonders unangenehmes Beispiel ist dabei der Kommentar von Jens Renner in der aktuellen Ausgabe der BuB. (Renner, Jens: Wer früher lehrt, ist später tot. Vom aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken. In: BuB 11/12 (2007) S. 812-813)

Jens Renner ist kein Journalist, sondern Diplom-Bibliothekar von Ausbildung, Leiter einer wissenschaftlichen Bibliothek von Beruf und stellvertretender Vorsitzender des BIB im Ehrenamt. Wenn sich also jemand in den aktuellen Entwicklungen des Bibliothekswesens auskennt, dann muss er es sein. Umso erschreckender ist sein Entwurf der deutschen Bibliothekslandschaft. Als Ausgangspunkt für seinen Kommentar zum „aufhaltsamen Ende der wissenschaftlichen Bibliotheken“ greift er auf das Zitat eines Nicht-Bibliotheksexperten zurück, was durchhaus sinnvoll ist, zeigt sich hier doch, wie die Außenwelt auf den offensichtlich wankenden Korpus des deutschen Bibliothekswesens blickt. Peter Weibel – so heißt der Stichwortgeber und gleichzeitig Vorstand des ZKM – geht davon aus, dass Bibliotheken „nur als virtuelle Dienstleistungen überleben“. Und die Bibliotheken glauben es ihm anscheinend.

Fassen wir also kurz den Einstieg in Renners Kommentar zusammen, damit deutlich wird, worum es geht: Es droht nichts Geringeres als das „Ende“, Bibliotheken werden überleben, aber nicht mehr als Häuser – wenn überhaupt, denn „am Ende könnten auch die Bibliotheken den Weg alles Irdischen gehen“ und damit uns das Abendland bzw. sein bibliothekarisches Erbe verloren. „Na und?“, mag man da sagen. Das Long Tail wird wohl eine oder zwei übrig lassen. Schließlich fahren wir Taxi und dennoch stehen in Wien am Heldenplatz die Fiaker fast wie ehedem. Zugegeben: einem überzeugten Bibliothekar langt diese nostalgische Nische nicht und für die Wissenschaft und ihre Kommunikation ist dies momentan jedenfalls ebenso keine akzeptable Option. Aber welche Ursachen stehen hinter dem beschriebenen Nahtoderleben?

Wir (bzw) sie virtualisieren uns zu Tode

Renner beschwört die fortrasende Virtualisierung, welche die wissenschaftlichen Bibliotheken gleich Lemmingen dem todbringenden Abgrund entgegenhetzt. Doch bevor wir alle Hoffnung fahren lassen, sind wir unseres Schicksals Lenker und können den Untergang aufhalten. Die Lösung heißt dieses Mal – nicht ganz überraschend passend zum Themenheft – „Teaching Library“. So auch der Haupttitel des Kommentars: „Wer früher lehrt, ist später tot.“ Sterben aber, so impliziert Renner, müssen wir in jedem Fall. Nur der Zeitpunkt, den können wir hinauszögern. Zum Beispiel, in dem wir Bibliothekswissen in die Curricula der Bachelorstudiengänge einbringen.

Man hätte natürlich auch weniger fatalistisch und ohne den pathetischen Endzeitschwulst formulieren können: ’Die Digitalisierung von Inhalten und die Möglichkeit der Virtualisierung von Kommunikationsprozessen bieten den Bibliotheken andere, nicht traditionelle Wirkungsmöglichkeiten, die es ihnen ermöglicht ihr Spektrum an Vermittlungsformen von Literatur bzw. wissenschaftlichen Inhalten maßgeblich zu erweitern. Damit können sie ihre Funktion (Sammeln, Schließen und Verfügbarmachen inklusive Vermitteln von Inhalten) noch besser auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer abgestimmt ausüben. Zudem kann man die Kommunikationstechnologien des Web 2.0 genauso wie Präsenzveranstaltungen für einen Dialog mit der Zielgruppe der Studierenden nutzen, idealerweise integriert in die Studienprogramme.’

Anscheinend geht Jens Renner aber davon aus, dass solch ein Positivszenario den Nerv seiner Adressaten nicht trifft und malt den Teufel in Gestalt eines aggressiven Unterhaltsträgers an die Wand und stellt sich und seine Berufskollegen dagegen prophylaktisch schon einmal in die Ecke des bitteren Klischees, dass alles vor der abgenudelten Kulisse des unbegreifbaren Dritten, der Über-Konkurrenz aus den Santa Cruz Mountains:

“Was tun, wenn der letzte Datensatz fremdübernommen, der letzte Aufsatz lizensiert und das letzte Buch von Google eingescannt ist? Unsere Unterhaltsträger werden dann einen Grund brauchen, die Bibliotheken nicht aufzugeben oder austrocknen zu lassen. Die Schönheit und Reinheit des Katalognachweises mag unsere Herzen zu entflammen vermögen, aber den Rektor der Präsidenten einer Hochschule interessiert es nicht.“

Und hat es nie interessiert, dies übrigens zu recht, denn der funktionalen Arbeitsteilung der Hochschulverwaltung wohnt schlichtweg inne, dass der Bibliothekar seinen Beitrag zum Funktionieren des Gesamtsystems seinem Aufgabenspektrum entsprechend leistet. Die tadellose Titelaufnahme gehört dazu. Die entflammenden Herzen waren dabei vermutlich schon immer ein Privatvergnügen, das mit der Aufgabe an sich nicht viel zu tun hat. Zudem stolpert Renner hier langfristig über die Stilblütenwiese, denn etwas später schreibt er: „Wofür der Bibliothekar nicht glüht, dafür wird sich der Finanzier nicht erwärmen.“ Wie denn nun: Soll er brennen oder soll er nicht?

Was das ach so übermächtige Google angeht, wird es sich, wenn es das letzte Buch gescannt hat, zunächst einmal die zahllosen Fehldigitalisierungen vornehmen müssen und eine Reihe von Titeln noch einmal angehen. Ob und wie das gedruckte Werk – auch im Bibliotheksregal – damit obsolet wird, kann man m. E. heute noch nicht absehen. Immerhin verkauft auch Amazon noch etliche Bücher in materieller Form, die man bequem auf der Amazon-Webseite „volltextdurchsuchen“ und häufig auch Blättern kann. Mein persönliches Kaufverhalten jedenfalls wird dadurch eher angeregt und je mehr die Menschen sehen, dass Offline-Zeit auch eine besondere Qualität besitzt – und zahllose Kolumnen in der Qualitäts- und anderer Presse aus den letzten drei, vier Jahren weisen auf das Umsichgreifen dieser Erkenntnis hin – desto öfter werden sie womöglich auch wieder etwas aus Papier zur Hand nehmen.

Die Lehre aus der Individualisierung der Lebensstile liegt nun mal in einem Verhaltenspluralismus, der sich vom entweder (gedruckt) oder (digital) zugunsten eines “sowohl als auch“ verlagert. Dass man als Bibliothek diese Entwicklung gestalten kann, kommt Jens Renner in seinem Kommentar nicht in den Sinn. Er hält es mit Klischees bibliothekarischer Arbeit, die vermutlich selbst der Feuilletonchef der FAZ seinen Feuilletonisten als zu einseitig rot anstreichen würde:

„Niemand weiß also, was wir letzten Sommer getan haben.“

Wir hoffen für die Hochschulbibliothek und Hochschule in Ansbach, dass hier Renner nur rhetorisch die Pferde durchgehen. Selbstverständlich gibt es in Hochschulverwaltungen mitunter die Position zu hören, dass nicht ganz eindeutig ist, warum die Bibliothek sehr viel Geld benötigt, um optimal ihre Aufgabe zu erfüllen. Und manchmal scheint gar ihre Aufgabe nicht eindeutig bekannt. Dass hier aber statt einer Selbstbezichtigung, die sich leider mehr oder weniger deutlich durch den Text zieht, fehl am Platze ist und man eigentlich auf ein in diesem Fall Verfehlen der Aufgabe durch die Hochschulleitungen und Unterhaltsträger hinweisen müsste, wird nicht geschlussfolgert. Denn – so müsste man annehmen – ist es die Aufgabe einer guten Führungsetage, dass sie über Funktion und Funktionsgüte der ihnen unterstellten Teilinstitutionen, d.h. also auch der Hochschulbibliotheken, im Bilde ist. Sollte einer Hochschulleitung also über Nacht wirklich auf einmal durch den Kopf schießen, dass ihre Bibliothek ein – wie Renner semantisch etwas unsauber schreibt – „Kostentreiber“ ist, oder ein, da es ohne Aufwand nicht geht, in jedem Fall zutreffender „Aufwandsverursacher“, und sie in Staunen versetzen, dann deutete dies auch irgendwie darauf hin, dass sie – die Leitung – ihr Handwerk nicht ganz nach Pflichtenheft versieht und daher nicht weiß, was im eigenen Hause vor sich geht.

Die Bibliothek in der Dauerwerbesendung

Die transportierte Befürchtung, dass eine Hochschulleitung leichtfertig ihre Bibliothek zusperrt, entspringt obendrein einer trivialen Vorstellung von Betriebswirtschaft, denn selbst wenn die Bibliothek suboptimal arbeitet, stellt sie doch einen Wert dar, den man lieber erst einmal sinnvoll zu nutzen versucht, als ihn einfach wegzuwerfen. Zudem sprechen mindestens zwei Gründe gegen eine derartige Geringschätzung der Bibliotheken durch ihre Mutterhochschulen: Einerseits wurden und werden diverse, z. T. enorm teure und repräsentationsorientierte Bibliotheksneubauten in die Campuslandschaften gebaut und zum anderen besitzen die großen „Leuchtturmuniversitäten“ der Ivy-League durchweg exzellente Bibliothekssysteme. Hier den Sonderweg zu gehen und Eliteuniversitäten ohne Bibliotheken heranzüchten zu wollen, ist der deutschen Hochschulpolitik nun wirklich nicht zuzutrauen. In das aktuelle Idealbild des Hochschulwesens ist die Bibliothek elementar eingebettet. Das „werbend für uns selbst eintreten“, welches Jens Renner als Losung der Stunde ausruft, könnte hier einen prima Ansatzpunkt finden.Die Betonung dieser Grundsätzlichkeit scheint in den offenbar auf große Vorbilder orientierten Universitätsleitungen in jedem Fall sinnvoller, als ihnen in einer falsch verstandenen Übernahme des Vokabulars der Unternehmenswelt einzureden, sie müssten sich als „Shareholder“ sehen.

Und auch innerhalb der Bibliothek wirkt die Radikalkur eher verunsichernd. Gleiches dürfte für den leider auch bei Renner deutlich werdenden Griff in die Anglizismenkiste gelten, der überflüssigerweise aus Zugang „Access“ und aus Inhalt „Content“ macht. Wer sich auch terminologisch so verwässert und damit auch die eigene Identität zur Disposition stellt, muss sich nicht wundern, wenn auf einmal ominöse „Mitbewerber um Geld und Ansehen“ auf den Plan treten, die „ihren Wert [zu] artikulieren wissen“.

Die Bibliothek wird jedenfalls nicht wertvoller, wenn sie bis in die Service-Point-Sprache versucht, genau wie diese Mitbewerber auszusehen – denn dann wird sie tatsächlich verwechsel- und austauschbar. Zudem wüsste man natürlich gern, welche feindliche Armada Renner konkret im Sturmritt auf die Bastion der Literaturversorgung zu galoppieren sieht. Dafür, dass sie sich nicht von der Verkaufsrhetorik der Wissenschaftsverlage kirre machen lassen, sollten die wissenschaftlichen Bibliotheken abgeklärt genug sein. Wie man Kunden gewinnt, hält und kontrolliert, können sie übrigens zumeist in den entsprechenden Sachgruppen ihres eigenen Bestandes nachlesen.

Studierende: Der Rohstoff der Bibliotheken

Die aktuellen Studierendengeneration dagegen scheint dies nicht mehr so richtig zu können – oder zu wollen. Das Bild, welches Renner von heutigen Hochschülern (bzw. in seiner Diktion: vom „nachhaltig nachwachsenden Rohstoff Studierende“) zeichnet, ist jedenfalls düster und wenn dies auf die FH Ansbach tatsächlich derart zutrifft, sollte sich die dortige Fachkoordination einmal zum Krisengipfel treffen und die Curricula umstellen:

“Es mag besonders motivierte Studierende geben. Ganz sicher aber gibt es viele nicht ganz so leistungsbereite Studierende, die sehr klug und zielgerichtet das Prüfungswissen punktgenau bereitstellen. Nicht weniger. Selten mehr.“

Im Anschluss wird wieder der üblich „Google-Hupf“ [sic!] beschworen und beklagt, dass man damit auch durchkommt. Wenn dies tatsächlich ausreicht, wird die Hyde’sche „fame generation“ allerdings auch nicht die „hilfsbereiten, empathischen und aus Steuermitteln halbwegs auskömmlich finanzierten Experten“ annehmen. Nebenbei: Was interessiert das dritte Merkmal eigentlich die Studierenden? Würden sie noch mehr Hilfsbereitschaft und Empathie einfordern, wenn sie beispielsweise über Studiengebühren die Bibliotheksmitarbeiter direkt finanzierten?

Dass Bibliotheken didaktisch aufbereitete Tutorials anbieten, ist ein willkommener, notwendiger und eigentlich auch selbstverständlicher Dienst. Ob sich daraus jedoch der Rettungsanker, wäre denn die Not so groß wie behauptet, schmieden ließe, bleibt fraglich.

Überraschenderweise nimmt Renner jedoch genau dies und nicht etwa die funktionsgebende Verpflichtung, optimale Dienstleistungen anzubieten, als Auslöser für einen Staffettenlauf des Marketingvokabulars gen Selbsterhaltung, der mitunter fast wie Satire klingt:

“Eine curricular eingebundene Lehrveranstaltung „Wissenschaftliches Arbeiten“ ist eine Dauerwerbesendung, besser noch: ein interaktiver Werbedialog für die Leistungen der Bibliothek. Daran lassen sich weitere Kundenbindungsmaßnahmen anschließen, etwa ein Diplomanden-vier-Augen-Service.“

Dauerwerbesendung? Interaktiver Werbedialog? Rufen sie jetzt an, gleich schlägt der Hot-Button zu? „Vier-Augen-Service“? Eine Stichelei gegen Brillenträger? Marketing schön und gut – aber man sollte vielleicht in der Wortwahl die Nähe zum Produkt und auch zur Zielgruppe suchen. Für eine wissenschaftliche Zielgruppe darf es ruhig ein wenig weniger phrasenhaft klingen und selbst Studierende fühlen sich wohler, wenn sie das Gefühl haben, dass die Leute wissen, wovon sie sprechen. Das zitierte Klangfeuerwerk verunsichert dagegen nicht wenig, wobei es spannend wäre, zu sehen, wie Studierende aus dem Bereich „Marketing“ auf so etwas reagieren:

„Eine Lehrveranstaltung ist Bibliotheksmarketing direkt am Kunden, den erst die drohende Klausur motiviert, bald aber die charismatische und interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin völlig begeistert.“

Das muss sich erst einmal setzen: „charismatische, interaktiv aktivierende Wissensshow der Bibliothekarin“. Was muss man sich hier vorstellen? Ein Nummerngirl mit Gnadengabe? Ein Entertainmentmodell mit Ratequiz? Die Verführung des Toren mittels des Apfels der Weisheit in „eine neue Welt, die er zugleich kritisch zu reflektieren lernt.“ Das ewig Weibliche (natürlich) zieht den faulen Studenten mit seinen Reizen hinan und hinein in die schillernde Welt des Bibliotheksbestands, damit nachher keiner der „Shareholder“ sagen kann, man wäre nicht ganz nah dran an der Zielgruppe. Dies alles wird eingekleidet in ein verbrämtes Aufklärertum, das so ein bisschen noch moralischen Zielen folgt, aber eigentlich nur neue Ernährer heranzieht, die im Gegensatz zu den heutigen, die Bibliothek zu schätzen wissen:

“Die co-finanzierenden Kunden, in die Rolle eines neuen Entscheiders aufgerückt, werden interessiert, informiert und überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Bibliotheksinstanz“.

Mit Charisma und Wissensshow. Wer wird Professor…

Ganz zu recht fragt Jens Renner, „Fürchten wir uns ein wenig davor?“ Bei prickelnden Sätzen wie „Sex up your library service“ ist die Furcht nicht nur „ein wenig“, sondern gewaltig, sofern man davon ausgeht, dass Bibliothekare auch in Zukunft solid und seriös Informationen vermitteln und wissenschaftliche Kommunikation unterstützen sollen, was wohl ganz zurecht nicht in die Kategorie „cooler Fun-Job“ à la Bademeister in St. Peter-Ording oder Projektentwickler beim StudiVZ passt. Das „neue und positive Licht“, welches Renner erstrahlen lassen will, wird den Bibliothekaren dann aufgehen, wenn sie sich „aus der Masse von Werbemüll [vergleiche: „…ist eine Dauerwerbesendung“] und ungeprüfter Behauptung die Rosinen picken können.“ Dazu zählt u.a. auch das Hinterfragen von Nachsätzen wie

„Wir sind es, die diese Rosinen in Rum einlegen helfen und daraus schmackhaften Kuchen zu machen [sic!], wir können elegante Tipps für eine geschmeidige schriftliche Arbeit geben.“

Die Sorge ums Selbst

Vielleicht bin ich mit meinen Wissenschaftsidealen ein Ewiggestriger, vielleicht auch nur humorlos. Aber für mich, der ich durchaus einer fröhlichen Wissenschaft etwas abgewinnen kann, ist die Aussicht auf eine Promotionsverteidigung als – wenn auch übertragen gemeint – von der Hochschulbibliothek beförderte Tortenschlacht ein Sahnhäubchen zuviel. Wer auf „Ideen wie Peer-Review“ als „Qualitätssicherung“ der Wissensbasis des Nutzers hinweist und betont

„Er wird erst dann wissenschaftlich geprüfte Quellen suchen und andere unbeachtet am Wegrand zurücklassen, wenn ihm der Unterschied zwischen beiden Welten verständlich wurde“

und gleichzeitig derart Phrasen plakatiert, zeigt leider deutlich, in welche der beiden Welten er sich manövriert. Das kann man natürlich machen und man kann den Studierenden auch dem Zeitgeist gemäß unterstellen, sie interessierten sich nicht für Wissenschaft und Bibliothek, wobei die Umsetzung des Bologna-Prozesses mit seinen Effektivstudiengängen im Gegensatz zu erkenntnisorientierten Programmen ein nicht zu kleines Schärflein zu solchen Zerrbildern beiträgt. Aber man sollte nicht die Gesamtheit der Fach- und Berufskollegen mit derartigen Droh- und Rettungsszenarien zum Folgen auffordern. Die Hochschulautonomie, Google und "Web’n’Walk" als „unterminierende Faktoren“ zu bezeichnen, ist schon ein deutliches Symptom für eine gewisse Ratlosigkeit, die in der entlarvend unterwürfigen Aussage resultiert:

“Wir tun unseren Entscheidern und Kunden etwas Gutes – damit sie uns nichts Böses tun.“

die sich mit einer ungeheuerlichen Selbstüberschätzung verbindet:

“Demokratisierende und oft inhaltlich verflachende soziale Welten a la Web 2.0 machen diese Erkenntnis [dass es zwei Welten gibt, nämlich die der bibliothekarischen Qualitätsinformation und den Rest] noch deutlicher.“

Hier treffen sich der Qualitätsjournalismus der Felicitas von Lovenberg und die Überlebensstrategie der wissenschaftlichen Bibliotheken, wie sie Jens Renner sieht, wieder. Und so wie man dennoch manchmal die FAZ, den Guardian oder die New York Times liest, da dort nach wie vor auch Autoren Raum finden, die die Darstellung eines Themas auf hohem Niveau beherrschen, wird man auch das Prinzip der Teaching Library begrüßen, dass, wie u.a.auch andere Beiträge dieses BuB-Heftes zeigen, mehr sein kann, als ein aus eine irrationalen Furcht entspringendes Rhetorikhülsengeklapper mit dem einzigen – trivialdarwinistisch angehauchten – Ziel der Selbsterhaltung um jeden Preis.

Posted by Ben on November 16, 2007
Tags Bibliothek, Kommentar, Presse, Web 2.0

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Ben on paragraph 1:

Da das Layout zugegeben bei längeren Texten nicht übermäßig lesefreundlich erscheint, gibt es den Text auch als PDF-Download.

November 17, 2007 8:50 pm
Ben on paragraph 11:

Ein weiteres Beispiel der Klage über den Kulturverfall im Internet - stilistisch solide, aber im entscheidenden Punkt leider wieder furchtbar pauschal - zeichnet eine Betrachtung zur “Schrift”, die der Germanist Klaus Laermann in der Merkur-Ausgabe 5-2007 publizierte und die auf Eurozine.com nachzulesen ist. Dort heißt es:

“[...]Nein, das gegenwärtig Sinnlose ist schriftlich kaum zu fassen; es ist konturenlos weich und scheinbar folgenlos.

Sein Medium ist das Internet. In dessen uferlosen Sphären kann jeder jederzeit schriftliche Verlautbarungen von sich geben, ohne Gefahr zu laufen, sich bloßzustellen. In seiner Banalisierung und Idiotisierung betreibt es Mimikry an den skripturalen Kosmos der Tradition, der durch die Karriere des Netzes entmächtigt erscheint. Noch der blühendste Blödsinn kann sich hier aufführen, als sei er ein Beitrag zu irgendeiner Sache. Spätestens mit dem Internet hat eine generelle Tendenz zu sprachlicher Regression und Infantilisierung Schriftform gewonnen.”

Schade, dass so oft nur die alte, die Tradition des allgemeinen Kulturpessimisus weiter tragende Klage durch die Weiten des WWWs hallt, die ebenso unproduktiv und indifferent erscheint, wie das Himmelhochjauchzen mancher O’Reilly-Apologeten und sich irgendwie kein Weg zu eröffnen scheint, aktiv und konstruktiv die mehr oder weniger neue Form mit dem tradierten hohen Gut des Sinns zu verbinden.

Ich denke nach wie vor, dass dort, wo der Wille zu einer derartigen Gestaltung da ist, auch zahllose Ansatzpunkte und Entwicklungslinien zu finden sind, die irgendwo zwischen Lamento und kritikloser Euphorie etwas sehr Vernünftiges ermöglichen. So möchte man Professor Laermann und den Kollegen, die ins selbe Horn stoßen, zurufen: Lasst sie doch schreiben, die sprachlich Regressiven, die infantilen Leetspeaker mit ihrer Inflation der Synkopen und Enklisen und beherzigt den eigenen Anspruch, in dem ihr das Medium sprachlich “gegennutzt”.

Manchmal - so der Eindruck - wird in den verteufelnden Stellungnahmen und Kommentaren zu diesen Themen vor allem die eigene Verunsicherung über das neue Medium zur Schau gestellt, was einer Wissenschaftselite, die analysierend-gestaltend wirkend sollte, nicht allzu gut ansteht.

Ein etwas gelassener Umgang, kritisch und spielerisch zu gleich und verbunden mit einer auf langfristige Prägung ausgerichteten Gestaltungsbereitschaft dürfte hier für alle Betroffenen sinnvoller sein, als ausformulierte Getroffenheit.

Eigentlich stehen uns angesichts der Pluralität der Äußerungsmöglichkeiten sehr gute Zeiten bevor. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft kann dabei ihren Beitrag dahingehend leisten, dass sie als traditionelle Wissenschaft der Ordnung und Strukturierung von Medien und vor allem den Inhalten (wenn sie es denn versteht, den Aspekt der strukturierten Darstellung bzw. Vermittlung noch ein wenig stärker zu elaborieren) mithilft, der eifrig sprießenden Pluralität und damit verbundenen Komplexität einen Rahmen zu geben, der sie auf das menschlich überschaubare Maß filtert.

November 18, 2007 1:42 am
Lambert on whole page :

Hi Ben, so richtig ausgereift ist dieses CommentPress aber noch nicht, oder? Ich kann den zweiten Kommentar nicht finden, der irgendwo sein soll. Was die Lesefreundlichkeit angeht hast du immerhin durch dein PDF Abhilfe geschaffen, das war gut. Jetzt muß ich nur noch Herrn Reners Artikel lesen. :-)

November 19, 2007 5:16 pm
Ben on whole page :

Ich kann Dir in Bezug auf CommentPress leider nur beipflichten.. Da ist sicher noch einiges von den Entwicklern zu leisten, um die sehr gute Idee des auf den jeweiligen Absatz bezogenen Kommentierens in eine für die Alltagsnutzung optimale Form zu bringen. Perpetual BETA wirkt oft dort besonders deutlich, wo wir uns ein Perpetual BETTER wünschten. Die Kommentare sind aber allesamt zu finden.

November 22, 2007 11:37 pm
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