Archive for October, 2007

Stadtraum, Stadtpark, Stadtbibliothek – eine Handvoll Überlegungen zur öffentlichen Bibliothek

Posted in Bibliothek, Kundenorientierung, Library 2.0 on October 25th, 2007 and

Eigentlich wollte ich nur aus einem Nebeninteresse heraus ein wenig in einem Aufsatz „zur Ökonomie der Stadtparkkultur“ blättern. (Axel Ostmann; Joachim Vogt: Ökonomie der Stadtparkultur. In: Zeitschrift für Sozialmanagement. 2 (2) November 2004, S. 97-121)

Einige Passagen lassen jedoch Parallelen zwischen “Stadtgrün” und öffentlichem Bibliothekswesen aufscheinen, die ich für festhaltenswert erachte.

So liest man:

„Stadtparks verursachen Kosten. Wäre ein Stadtpark ein privates, marktfähiges Gut, so wäre es wirtschaftlich, so viel davon zu produzieren, dass der Gewinn, also Erlöse minus Kosten möglichst groß wird Da ein Stadtpark jedoch ein nicht marktfähiges Kollektivgut ist, können wir die Nachfrage nur indirekt erschließen sehen keinen geldwerten Gewinn. Nun ist eine Stadt auch kein Wirtschaftsbetrieb, und schon ihr sozialer und kultureller Auftrag verbietet kostendeckende Eintrittsgelder für Stadtparks. Die Stadt gehört den Bürgern, also auch ihr Kapital und dazu gehört der Stadtpark.“ (S.118)

Man kann m.E. in diesen Zeilen das Wort „Stadtpark“ durch das Wort „(Stadt)Bibliothek“ ersetzen, ohne in allzu große argumentative Probleme zu geraten

Immerhin ist – trotz allem Bemühens weiter Zweige der Bibliothekstheorie der letzten Jahre, öffentliche Bibliotheken als „marktfähiges Gut“ mit „erschließbarer Nachfrage“ zu sehen und entsprechend mit Schlagwörtern wie Kundenbindung (mitunter sogar im Wettbewerb mit „Google“) und Kosten-Leistungsrechnung „Diensleistungen als Überlebenschance“ zu entwickeln – der Status der öffentlichen Bibliothek als Kollektivgut bislang kaum in Frage gestellt worden.

„Kollektivgut“ meint dabei im Anschluss an den Ökonomen Mancur Olson (Eintrag in der Wikipedia) ein Gut, „das den anderen … praktisch nicht vorenthalten werden kann“. (S. 98) Der Stadtpark ist eine Leistung der „kommunalen Daseinsvorsorge“, weshalb sich „ein Ausschluss von Bürgern der Stadt verbietet“.

Dies gilt hoffentlich auch für die Stadtbibliothek, deren Name sie bereits direkt als Institut für Stadtöffentlichkeit ausweist. Auch wenn öffentliche Bibliotheken, anders als die häufig als fixiert empfundenen Parkanlagen, in Hinblick auf eine mögliche direkte Gestaltungsinteraktion mit dem Bürger bevorteilt erscheinen, hat man auch bei diesen den Eindruck, dass “die Anerkennung eines positiven Gestaltungsrechtes bei Kollektivgütern” durch die Bürger auch dort lange Zeit nicht in jedem Fall zum Selbstverständnis gehörte.
Hinter dem Konzept der “Bibliothek 2.0″ verbirgt sich in gewisser Weise ein Versuch, an dieser Stelle konkrete Möglichkeiten zu entwickeln. Die massiv propagierte “Kundenorientierung” der letzten 10 bis 15 Jahre war ein anderer Ansatz, “die Bürger als Souveräne zu akzeptieren”. Allerdings verfehlte der Versuch das “der Kunde ist König”-Prinzip, also der “Konsumentensouveränität”, den eigentlichen Gegenstand und auch hier kann man auf eine Formulierung aus dem Aufsatz zurück greifen:

“Die Freiheit, alles kaufen zu können und über Zahlungskraft und Nachfrage die Produzentin oder die Dienstleisterin über ihr Gewinnstreben in die richtige Richtung zu lenken, mag für Märkte von privaten Gütern ein attraktives Leitbild sein, taugt jedoch nach weitverbreitetem Wissen nicht für politische Institutionen. … Auch lässt sich fragen, ob, wenn der Kunde König sei, der Dienstleister Untertan zu sein habe. …” S.113)

Die Autoren sprechen sich für das “Leitbild der verantwortlichen Teilnahme” aus und genau dieses sehe ich als fruchtbaren konzeptionellen Kern der “Bibliotheks 2.0″-Bewegung.

Das Wort “Kunde” impliziert in seiner aktuellen, personalisierten Verwendung unglücklichweise nicht mehr seine ursprüngliche etymologisch auf das “Bekanntsein” fußende Bedeutung, sondern die des Käufers. Ein Kunde ist jemand, der in einem Geschäft als Käufer bekannt ist, also immer wieder mal am selben Ort eine Ware oder Dienstleistung gegen Entgelt in Anspruch genommen hat. Dies erschwert m.E. die Übertragung des Ausdrucks auf den Bereich der Bibliotheken ungemein, weckt es doch bei vielen – besonders Außenstehenden – den Eindruck, die Bibliothek wäre ein Dienstleistungsgeschäft wie andere kommerziell betriebene auch. Als Kollektivgut kann sie dies aber nicht sein.

Vielleicht steht hinter der Verschiebung der Bezeichnung vom Nutzer vom Kunden auch der Gedanke, dass sich damit besser das Gestaltungsrecht des Bürgers besser kommunizieren lässt. Zu wenig berücksichtigt wird dabei jedoch, dass damit auch ein Konsumanspruch in den Vordergrund tritt und bestimmte stadtkulturelle Funktionen der Stadtbibliothek in der Wahrnehmung zurückdrängen. Nach meinem Verständnis lässt sich die Institution Bibliothek – genauso wie der Stadtpark – nicht nur auf eine Dienstleistungsfunktion reduzieren und jede Kommune täte gut daran, dies einerseits zu realisieren und andererseits ihre Bürgerschaft zu vermitteln.

Insofern leistet der Gedanke, Eintrittsgelder zu erheben, um damit Einnahmen für Haushalt zu gewinnen, der Stadtkultur eher einen Bärendienst. Zugangsbeschränkungen reduzieren den Raum, der als “öffentlich” wahrgenommen wird. Die Bibliothek erscheint verschwindet in der Wahrnehmung als Kollektivgut und erscheint in gewisser Weise als Konsumraum, in dem nicht Bürger als Bürger Nutzungsrecht hat, sondern er dann, wenn er zahlt und dadurch Kunde wird, “König” ist.

Wenn beispielsweise die Stadtbibliothek Magdeburg für „für 1 Tag Bibliotheksbenutzung ohne Entleihung“ 2 Euro berechnet (vgl. hier), dann bietet sie nunmal kein „vielseitiges Angebot für alle Bürgerinnen und Bürger“ (vgl. hier), sondern für die – wie umfänglich auch immer – exklusive Gruppe derer, die bereit sind diese zwei Euro für einen Tag Stadtbibliothek auszugeben. Will man dabei den Zugangspreis dennoch halbwegs allgemeinverträglich gestalten – was bei den 2 Euro in Magdeburg sicher auch mitschwingt – rechnet es sich offensichtlich kaum. Dies gilt jedenfals für Parkanlagen, wie die Autoren darstellen, da der „Beitrag […] nicht zu hoch veranschlagt werden [sollte], zumal der Tarif, des hohen Wertes der sozialen Kultur wegen, sozial verträglich gestaltet sein muss. Damit verschlingt die Erhebung der Eintrittsgelder einen erheblichen Teil der eigenommenen Gelder. Den eigentlichen Nutzen von Eintrittsgeldern kann man hingegen in der erzeugten Wertschätzug und in der Eindämmung von Vandalismus sehen.“ (S. 109f.) Eintrittsgelder haben also eher ein Wirkung im Bereich der Schadensabwehr (wie z.B. auch Überziehungsgebühren), was aber für öffentliche Bibliotheken in Hinblick auf den reinen Zugang kaum ein relevantes Argument sein dürfte.

Natürlich kann man argumentieren, dass eine Bibliothek ohnehin nur einen Bruchteil der Stadtbevölkerung erreicht, der hier postulierte allgemeine Anspruch also eher Augenwischerei ist. Aber es geht m.E. auch nicht um die tatsächliche Nutzung, sondern um die potentiell mögliche Nutzung. Bibliotheken sind, wie Stadtparks oder auch ein, zwei oder drei Opernhäuser, Teil der Stadtkultur, haben also Effekte, die über ihre Kernfunktion hinausweisen. Entsprechend sind sie nicht marktfähig:

„Das Dilemma ist, dass einerseits Stadtkultur das Leben in der Stadt erst lebenswert macht und ihre Bürger freundlich stimmt, andererseits Kultur gegenüber anderen Leistungen der Kommune für ihre Bürger, im Bewusstsein vieler gegenüber anderen dringenderen Aufgaben nachrangig erscheint.
Würden jedoch die Güter „Theater“, „Schule“, „Park“ [und „Bibliothek“] auf einem Markt gehandelt, so würden Angebot und Nachfrage zu Preisen führen, die großen Teilen der Bürgerschaft den Zugang de facto verwehren würden. Stadtkultur, in dem Sinne, dass alle in der Stadt daran teilnehmen können, würde aufgelöst. Mit dieser Kultur verschwänden Gemeinsamkeiten, die Freundlichkeit und Friedlichkeit in einer Stadt erst ermöglichen. Die Stadtkultur würde in viele „Teilkulturen“ zerfallen, fragmentiert werden. Öffentliche Parks sind sinnstiftend für die gemeinsame Stadtkultur: Darin liegt eine wesentliche Begründung ihres Unterhalts.“ (S. 97)

Für die Bibliotheken gilt dies ähnlich, auch wenn das Argument der „Sinnstiftung“ häufig etwas untergeht, besonders, da man es im Gegensatz zu konkreten Ausleihzahlen schwer messen kann. Allerdings liegt genau hierin das Potential für Bibliotheken. Da das Subsystem “Kommune” Teil des “Gesamtsystems” Gesellschaft ist, lässt sich die Wirkung eines gut ausgebauten öffentlichen Bibliothekswesens nicht nur auf stadträumliche und -kulturelle Effekte reduzieren, sondern wirkt gesamtgesellschaftlich. Der Bundespräsident hat in seiner Weimarer Rede sehr allgemeinverständlich darauf hingewiesen:

Die öffentlichen Bibliotheken sind weder ein Luxus, auf den wir verzichten könnten, noch eine Last, die wir aus der Vergangenheit mitschleppen: sie sind ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen.

Notwendig scheint es, dies stärker als bisher zu verankern und wo nötig Kommunen bei der Einrichtung, Erhaltung und Entwicklung des Kollektivgutes “Bibliothek” zu unterstützen. Schade ist, dass Horst Köhler in seiner Rede den Bildungsaspekt für Jugendliche ins Zentrum rückte:

Die Chance zur kulturellen Teilhabe, dass heißt der Zugang zu Kunst und Kultur, zur Geschichte und zu wissenschaftlichem Denken, ist das Recht eines jeden Heranwachsenden.

Denn eigentlich sollte dies das Recht jedes Bürgers sein.

Wir Minotauren? Gedanken zu Theseus und der Bibliothekswissenschaft.

Posted in Bibliothekswissenschaft, THESEUS, Web 2.0, Web 3.0 on October 9th, 2007 and

Mit vierteljährlicher Regelmäßigkeit schickt mir Fraunhofer-Gesellschaft ihr Forschungsmagazin, was ich nicht als erstes lese, wenn ich die Post sichte, aber ganz gern mal in der S-Bahn, zumal man, nachdem sich der “Souverän” (wer es in diesem Fall auch immer sein mag) durchgesetzt hat und die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überzeugte, die FAZ schnellesiger zu gestalten, was zwar trotz der eher grotesken Argumentation Werner D’Inkas jedenfalls für mich unverständlich bleibt und völlig überflüssig war, aber am Ende mehr Zeit für das Fraunhofer Magazin u.ä. lässt. Außerdem ist so Forschungsmagazin in der Regel etwas schneller an den aktuellen Entwicklungen dran, als es die Wissenschaftsteile der Tageszeitungen sein können.

Mit sehr großem Interesse habe ich natürlich sofort den Beitrag “Werkzeuge für das Web 3.0″ (hier als PDF), in dem es um das THESEUS-Programm  – von dem nicht jeder viel hält – geht, das mit keinem geringen Ziel im Titel auszieht, als einer “neuen internetbasierten Wissensinfrastruktur”. Nur kann und sollte man vom Branding eines Projektes nicht zwingend auf die Qualität schließen. Aber das, was geschildert wird, verspricht auf jeden Fall eine Menge. So findet sich unter dem Programmpunkt ALEXANDRIA – eine Endnutzer orientierte Wissensplattform folgende Beschreibung:

Das Forschungsvorhaben widmet sich auch der Frage, auf welchem Wege sich von Experten aufgebaute Ontologien mit so genannten Folksonomies verknüpfen lassen. Folksonomien sind durch gemeinschaftliches Indexieren erstellte Sammlungen von Tags. Dabei stehen Forschungsarbeiten zur einfachen und intuitiven Nutzbarkeit einer solchen Plattform, zur Überprüfung und Erhöhung der Informationsqualität der verfügbaren Informationen und zum Management einer aktiven Alexandria Community im Vordergrund.

Damit würde man ein elementares Desiderat der Bibliothek 2.0 aufgreifen. Was bedauerlicherweise ins Auge fällt, ist, dass bis auf die Deutsche Nationalbibliothek soweit ich es überblicke keine weiteren bibliothekarischen oder bibliothekswissenschaftlichen Akteure beteiligt sind. Das ist insofern bedauerlich, als man eigentlich annehmen sollte, dass vor dem Hintergrund der genuinen Aufgabe von Bibliotheken bzw. der Dokumentation bei der Beschreibung und Zugänglichmachung von Dokumenten hier durchaus die Chance bestanden hätte, die Bibliotheken nicht nur als Nachnutzer von Innovation, sondern als Mitgestalter einzubinden.

Im Zentrum des THESEUS-Programms stehen semantische Vernetzungsmöglichkeiten – also das Web 3.0 – wobei die Verknüpfung über die Metadaten erfolgt. Ein Teil der Projekte ist auf die automatische Metadatengenerierung ausgerichtet (vgl. auch hier, Punkt a), wovon man sich beispielsweise konkret in der Medizin bei der Auswertung von Computertomographie aufnahmen viel erhofft (vgl. Anwendungsszenario Medico). In Anbetracht der Tatsache, der prospektiv großen Bedeutung z.B. der Digitalmikroskopie (hier ein Beispiel) in der medizinischen (und biologischen etc.) Forschung steht hier vielleicht eine kleine Revolution bei Nutzung bildgebender Verfahren ins Haus. Dass solche diese Bilderkennungsmöglichkeiten irgendwann auch bei Flickr auftauchen und endnutzerfreundlich die Erschließung der eigenen Digitalfotosammlung ermöglich ist sicher nur eine Frage der Zeit.

Die Mitwirkung der Bibliotheken bezieht sich dagegen – fast möchte man sagen: dem Klischee entsprechend – auf den Aspekt des besseren Bewahrens und Verfügbarmachen des Bewahrten:

“Bibliotheken, Sendeanstalten, Archive und Museen stehen vor der Herausforderung, digitale Kulturgüter einem beitem Publikum zugänglich zu machen.”

heißt es im Text des Magazins. Die Bibliothek bleibt als Sicherer des kulturellen Vermächtnis. (Anwendungsbeispiel CONTENTUS – Sicherung Kulturerbe) Ihre mögliche aktive Rolle in der Wissenschaftskommunikation oder in Hinblick auf spezielle (nicht für das “breite Publikum”) Informationsbedürfnisse findet dagegen keine explizite Beachtung. Nicht dass diese Aufgabe der Sammlung und (Langzeit)Archivierung nicht hoch ehrenswert und sehr notwendig ist. Aber eigentlich sollten m.E. Bibliotheken (2.0) über den Umgang mit Artefakten hinaus weitaus direkter in die Koordination wissenschaftskommunikativer Strukturen eingebunden agieren. Die Frage, wie man neu publizierte wissenschaftliche Erkenntnis möglichst in Echtzeit, wenigstens zeitnah, mit Metadaten erschließt und idealerweise semantisch verknüpft, um die Wissenschaft mit entsprechenden hoch aktuellen Zugängen zur Forschungsliteratur und vielleicht auch Rohdaten zu versorgen, scheint mir momentan durchaus zentral für die Bibliothekswissenschaft.

Das Internet erodiert in gewisser Weise die Vorstellungen vom abgrenzbaren Dokument, wie es die Monographie oder der Zeitschriftenaufsatz waren. Es ist/wird nun möglich, Textschnipsel, Bilder, Einzelaussagen, Formeln etc. aus den Texten zu extrahieren und neu zu Hyperdokumenten zu kombinieren, die anfragenspezifisch erzeugt werden. Das ist ein schöner Vorteil der Verknüpfung, der Nachteil ist allerdings, dass der menschliche Nutzer u.U. bei gänzlicher Auflösung jeder für ihn erkennbaren Grenze – “lost in hyperspace” – seine Rezeptionsgewohnheiten erfahrungsgemäß nicht im Gleichschritt mit den technischen Möglichkeiten umstellen kann. Die sich hier ergebende Herausforderung, die wiederum ebenfalls auch für die Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft zentral erscheint, ist die Frage nach der “Form” der entsprechenden Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Welche Form müssen die (personalisierten) Dokumente aufweisen, um optimal für den Erkenntnisprozess nutzbar zu sein? Wohl dem, der neben der Bibliothekswissenschaft auch ein bisschen Wahrnehmungspsychologie studieren konnte…

Aber auch dafür gibt es im THESEUS-Programm einen Baustein, der den schönen Namen “ORDO – Ordnung digitaler Information” trägt:

Im Rahmen des Anwendungsszenarios ORDO sollen durch Erforschung und Entwicklung von semantischen Technologien neue Dienste und Softwarewerkzeuge entstehen, die dem Benutzer eine übersichtliche und mühelose, weil automatisch erstellte, Ordnung seiner gesamten digitalen Informationen ermöglichen. Eine hohe Skalierbarkeit ermöglicht die problemlose Verarbeitbarkeit sehr großer Datenmengen und deren grafische Visualisierung als Wissensmodell. Im Gegensatz zu bestehenden Lösungen ermöglicht die personalisierte Verknüpfung der Inhalte eine einheitliche Ordnung unstrukturierter und strukturierter Daten, so dass ein effizientes, individuelles Wissensmanagement möglich wird.

Dass (subjektiv empfundene) Übersichtlichkeit wirklich kausal mit der automatischen Generierung einhergeht, wie das Zitat suggeriert, bezweifle ich, bis ich durch Anschauung belehrt werde. Aber die Stoßrichtung ist klar und ebenso, dass die Fantasie der Bibliothekswissenschaftler sich doch sehr rotieren muss, um irgendetwas in ihrem Metier zu finden, was nicht potentiell unter Theseus subsumiert wird.

Es wird also eng, für die deutsche Bibliothekswissenschaft innerhalb dieser Forschungsziele, die allerdings zunächst hauptsächlich den STM-Bereich zu bedienen scheinen, denn bis die argumentativen und interpretativen Wissenschaften in ganzer Tiefe ebenfalls mit Web 3.0-Technologie befriedigend erschließbar und visualisierbar sind, müssen auch die Maschinen noch sehr viel lernen. Für das Retrieval potentiell relevanter Quellen werden sich die Ergebnisse des THESEUS-Programms selbstverständlich aber auch ganz gut nutzen lassen. Was bleibt unserem Fach also außer einer fachlich fundierten kritischen technik- und wissensphilosophischen Begleitmusik?

Wenn denn tatsächlich die gesamte entworfene Palette von ALEXANDRIA bis TEXO wie geplant verwirklicht wird, kann man vermutlich die Virtuellen Fachbibliotheken ganz neu aufrollen. Wo man heute kaum etwas, aus dem Bereich des Web 2.0 findet, erscheint eine Umstellung auf das Web 3.0 als eine noch ganz andere Herausforderung. Ich selbst finde mich gerade ein bisschen ratlos ob der Frage, wie Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft mit den Trends, die an ihnen etwas vorbeizugehen scheinen, umgehen. Vielleicht ist eine Möglichkeit, die Entwicklung des maschinenbezogenen Web 3.0 tatsächlich weitgehend anderen Experten zu überlassen und sich erst einmal auf das Web 2.0 und die analog nummerierte “Bibliothek” zu beziehen. Zusätzlich wäre es in der Tat vielleicht nicht verkehrt, dass Geschehen um eine reflektive Ebene zu erweitern. Die Bibliothekswissenschaft könnte im Erkennen der Geschehnisse und im Entwickeln von Folgeszenarien für die Nutzer, in informations- oder wissensethischen Fragestellungen und auch in Strukturfragen hinsichtlich der von Gesellschaft und Wissenschaft mit den sich eröffnenden wissensinfrastrukturellen Möglichkeiten eine Perspektive finden. Verstehen, Kommentieren und Vermitteln – diese drei Pfeiler sind m.E. eine Option, die übrigens auch das Formulieren von Entwicklungszielen und das Aufzeigen von Leerstellen beinhaltet.

Unter dem, was häufig als “Bibliothek 2.0″ bezeichnet wird, verbirgt sich eine Facette, die Theseus zwar berührt (”Im Fokus stehen dabei Verfahren des Text- und Multimediamining, die qualitätsgesteuert Änderungen durch den Benutzer zulassen.”), dies allerdings nur von der technischen Seite und auf die Vernetzung von Nutzer und Inhalt bezogen. Die Facette der Sozialen Software, die kollaboratives Arbeiten fördern und Individuen – unter welcher Zielstellung auch immer – vernetzen soll, ist hier vielleicht implizit enthalten, könnte aber für die bibliothekswissenschaftliche Forschung weitaus stärker in den Vordergrund rücken. Die Inhalte sind dabei das Mittel zum Zweck. Wenn man dafür dann keine “Universalbibliographie” nebst Vollmedienzugriff entwickelt hat, dafür aber den Nutzer nicht nur als Informationsnutzer sondern als – auch in der Wissenschaft – von Mensch zu Mensch Kommunizierenden begreift und diese Richtung stärker ausbaut, wäre auch einiges (an Profil) zu gewinnen.

Sehr traurig wäre es jedoch, wenn die Mythologie am Ende eine analoge Umsetzung findet. Nimmt man das Bild der Bibliothek von Babel eines Borges als Labyrinth und stellt man sich den Bibliothekar in diesem als Minotaurus vor (und den Nutzer als athenisches Jungvolk), so kann man sich leicht ausmalen, was mit dem Eindringen des Theseus in dieses mit dem Web 3.0 als Ariadnefaden so alles geschehen kann.

Bei Dürrenmatt ließt man übrigens folgende erstaunliche Überlegung zum Thema:

Daß alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen von Minos ins Labyrinth geschickt wurden, daran läßt sich nicht zweifeln, wohl aber an der Weise, wie sie den Tod gefunden haben sollen. Natürlich lag es nahe, Minotaurus als ihren Mörder zu betrachten, wenn ich nicht so recht überzeugt bin, so nur, weil die Unmöglichkeit aus dem Labyrinth zu entweichen, der Möglichkeit entspricht, in sein Inneres zu gelangen: Minotaurus konnte weder fliehen noch gefunden werden, auch von seinen Opfern nicht. Möglich, daß diese, einmal ins Labyrinth eingedrungen, manchmal das bald ferne, bald nahe Brüllen des Stiermenschen vernommen haben, aber auf ihn werden sie nie gestoßen sein. Das wochenlange Herumirren und die ständige Furcht, doch auf die Bestie zu stoßen, wird sie aber ermattet oder in den Wahnsinn getrieben haben; vielleicht daß sich die sieben Jünglinge und die sieben Jungfrauen selbst zerfleischten, nach und nach; … (Dürrenmatt, Friedrich: Labyrinth Turmbau Stoffe I-IX. Zürich: Diogenes, 2002 S. 92)

Alles nur ein Missverständnis? Immerhin hätte hier vielleicht mehr Dialog zwischen dem Stiermenschen, den Jünglingen und Jungfrauen die Tötung durch Theseus, der dadurch eine endgültig verwaiste Labyrinthstruktur zurücklies, zugunsten einer fruchtbareren Lösung verhindert…. Soviel zur mythologischen Überspitzung einer realen Beobachtung.

Ich werde noch ein wenig mehr über die mögliche Rolle und die möglichen Forschungsfelder, der Bibliothekswissenschaft nachdenken und hoffe, mit dieser Beschäftigung nicht allein zu sein. Dringend notwendig erscheint mir auch gerade am Berliner Institut eine intensive(re) Fortsetzung der begonnenen Profilierung des Faches. Auch hier gilt: Mehr Dialog bzw. Diskurs wäre hilfreich. Die vor ein paar Jahren konkret aufgeworfene Frage “Bibliothekswissenschaft – quo vadis?” ist für mich jedenfalls noch nicht befriedigend beantwortet.

Die Schweden hinterfragen das Medium Weblog (via euro|topics)

Posted in Massenmedien, Presse, Web 2.0, Weblogs on October 8th, 2007 and

In der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter ist aktuell ein kleiner Artikel über Sinn und Unsinn von Weblogs zu lesen, den euro|topics als symptomatisch für eine beginnende Debatte über Sinn und Unsinn von Blogs sieht. Auslöser ist, dass Schwedens wohl meistgelesener Blogger, Alex Schulman, sein Weblog beim Aftonbladet geschlossen hat, da ihm das eigene Niveau wohl zu gering war:

er sei “angeekelt von sich selbst”, begründete Schulman seinen Schritt.

euro|topics übersetzt freundlicherweise die Gretchenfragen der DN-Journalistin Maria Schottenius:

Maria Schottenius bezeichnet es als einen großen Irrtum, “dass Blogs bahnbrechend für unsere Zeit sind, vergleichbar mit dem Einzug von Internet oder Radio. Dieser Wahn hat eine Hysterie bei ansonsten seriösen Journalisten ausgelöst. Es ist betrüblich, dass respektable Journalisten sich so krampfhaft Unwesentlichem widmen. Klatsch lockt Leser. Aber wie viele Blogger werden eigentlich gelesen? Und welchen Schluss sollen wir daraus ziehen, dass die populärsten Worte bei Blog-Suchen ‘Sex’ und ‘Porno’ sind?”

Vielleicht sollte man aber auch einfach eine differenzierte Sicht auf das Medium gewinnen. Immer sind es die respektablen Journalisten, die die Inhalte gestalten.

Dass dafür die Zugriffszahlen ausschlagebendes Benchmark sind und nicht journalisitische Wertarbeit, ist am Ende dann doch weniger am Medium Weblog, als einer anscheinend von manchen Webjournalisten gepflegten, etwas eigenartigen Vorstellung von dem, was man mit diesem tun kann (und sollte) festzumachen.

Die zitierte Argumentation Maria Schottenius’ wirkt dabei jedenfalls in gewisser Weise ähnlich überzogen, wie all die zuvor geäußerten Revolutionsszenarien des neuen Partizipations- und womöglich Massenmediums.

PmbH – Persona mit beschränkter Haftung als Datenschutzmodell, in der New York Times vorgestellt

Posted in Datenschutz on October 7th, 2007 and

Bei Seminaren zur Sozialen Software, auf denen wir uns bemühen, den nicht immer unbedingt Web 2.0-affinen Teilnehmern ein wenig Begeisterung in Bezug auf diese neuen Kommunikationsformen zu vermitteln, stoßen wir oft bei der Frage nach Überschaubarkeit der daraus resultierenden Inhaltsmengen und der Komplexität der Anschlüsse, Verknüpfungen und Bezugnahmen an unsere Grenzen.
Als Nebeneffekt stolpere ich regelmäßig in die Frage, warum es sinnvoll ist, als Einzelperson mehrere Weblogs zu betreiben bzw. an mehreren mit zu wirken. Das griffigste Argument dafür liegt sicherlich in einer jeweils unterschiedlichen thematischen Ausrichtung des Weblogs oder, wie im Fall des ib(i)-weblogs einer traditionellen und organisationellen Anbindung, die selbst dann fortwirkt, wenn sich die Bindung an die Institution naturgemäß irgendwann zu lockern beginnt.

Die Ursache, warum ich heute nicht im ib(i)-weblog sondern hier auf einen Artikel in der New York Times hinweise ist allerdings eine ganz andere, nämlich rein technische. Aus irgend einem für mich nicht erklärbaren Grund verschwinden alle Beiträge, die ich dieser Tage dort zu schreiben versuche, beim Versuch des Speicherns ins Nimmerwiedersehen und wenn man dreimal hintereinander diese frustrierende Erfahrung machen durfte, freut man sich, an einen anderen, nämlich diesen, Ort ausweichen zu müssen und hofft auf schnelle Wiederherstellung der Schreibfähigkeit am dortigen.

Wie in allem scheinbar Negativen auch ein Körnchen Positives angelegt ist, dass vielleicht sogar am Ende das Negative überflügelt, nutze ich die Gelegenheit, hier einmal mit CommentPress herum zu probieren. Das Theme des kontext-Blogs ist also umgestellt und nun gibt es den Hinweis auf den Artikel, der dieser langen Vorrede natürlich nicht bedurft hätte.

Das Thema ist Privacy und die recht prominente Frage was mit all den persönlichen Daten geschieht, die die Nutzer all dieser Web 2.0-Anwendungen, welche unser soziales Kommunikationserleben weitgehend virtualisieren, recht freimütig freigeben und die selbstverständlich auch von Unternehmen wie Amazon etc. in Profilen abgespeichert und ausgewertet werden, damit die Kunden noch präzisere Empfehlungen bekommen, was in gewisser Weise das Phänomen der Serendipity stimulieren soll.

An sich scheint dieses nicht prinzipiell verkehrt, ergeben sich für den Nutzer/Kunden gewisse Vorteile. Beispielsweise steigt bei Web Communities im Geschäfts- oder auch Partnerschaftsbereich etc. die Wahrscheinlichkeit, auf Menschen mit ähnlichen Interessen und Zielen zu stoßen – sofern dies aus den erfassten und erfassbaren Daten berechenbar ist. Der Sinn von Sozialer Software ist ja durchaus, Menschen, die – sei es über den Musikgeschmack, den Lieblingshandballverein oder andersherum aufgrund auf geschäftlicher Ebene durch Angebot und Nachfrage – gut zueinander passen oder auch zwingend zueinander gehören, sich aber so nie kennenlernen würden, zu verknüpfen. Das dafür gewisse Angaben erhoben werden müssen, versteht sich schon aus der Sache heraus, da diese notwendig sind, um entsprechende Gemeinsamkeits- oder Bedürfnismuster zu berechnen. Das Problem dabei ist jedoch, (a) dass all das, was einmal irgendwo im Web ist, im Normalfall auch dort bleibt und nicht mehr einzufangen ist und (b) dass es aufgrund der einfachen Reproduzierbarkeit und Verknüpfbarkeit digitaler Datenmengen ganz ohne Kontrolle durch den, zu dem die Daten gehören, für alle möglichen Zwecke instrumentalisiert werden können:

As a result, some security experts are starting to ask whether the “identity data-for-services” business model, which is the engine for virtually all e-commerce companies, is a fair trade — not just for consumers, but for business as well.

Der Diebstahl von Daten durch Hacker und der dadurch möglich werdende Missbrauch ist sicher die prominenteste aber nicht einzige Facette. Andererseits ist der Verzicht auf die Teihabe an Web-Diensten für viele keine zeitgemäße Lösung. Die Generierung virtueller Identitäten, d.h. erfundener Namen, Adressen und anderer Angaben ist bei vielen Anbietern in den Terms of Service ausdrücklich untersagt und im E-Business weitgehend unmöglich. Bislang. Denn eines der in dem Artikel vorgestellten Konzepte, den Nutzern und Kunden mehr Kontrolle über ihre persönlichen Daten zu erlauben, greift den Gedanken der “Virtuellen Identität” in Gestalt einer L.L.P. (Limited Liability Persona) ganz konkret auf:

This persona would be a legally recognized virtual person in which users could “invest” the financial or identity resources of their choosing.Once their individual personas are created, consumers would be able to use them as their legal “alter ego,” even in financial transactions. “My L.L.P. would have its own mailing address, its own tax ID number, and that’s the information I’d give when I’m online”

Dadurch, dass die L.L.P. eine Art “Organisation” darstellen, entstehen für die Nutzer theoretisch rechtlich bessere Handhabungsmöglichkeiten gegenüber Unternehmen. Damit lässt sich Digital Rights Management in gewisser Weise als Datenschutzinstrument aufgreifen, bei dem das Individuum das Copyright zu seinen persönlichen Daten hält:

But if a company loses or tampers with an L.L.P’s data, “the law allows me to sue them because it’s corporate information,” Mr. Neuenschwander said. “It’s digital-rights management,” he added, referring to the access control technologies used by publishers and other copyright holders to limit use of digital media, “only you’re acting on behalf of your own organization.”

Ob dieses Modell das Zeug zum Erfolgsmodell hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Ohne Zweifel besteht aber die Notwendigkeit vor dem Hintergrund einer wachsenden Zahl von insgesamt verfügbaren Spuren und Daten, die zur Profilgenerierung über Individuen zur Verfügung stehen,

- einerseits Wissen über die Problematik zu verbreiten,

- zweitens eine Sensiblisierung in Bezug auf entsprechendes Handeln in virtuellen Räumen zu vermitteln (was man gemeinhin unter “Informationskompetenz”) zusammen fasst und

- drittens eindeutige und wirksame Möglichkeiten zur Kontrolle über die Verwendung persönlicher Daten zu schaffen sowie die Option hier idealerweise global Mindeststandards an den sorgfältigen und vertrauensvollen Umgang mit Personendaten auch rechtlich einfordern zu können.

Weiteres in der New York Times: Securing Very Important Data: Your Own (von Denise Caruso, Published: October 7, 2007)

P.S. Was mir gerade beim Verlinken auffällt, ist, dass es eigentlich ganz schön wäre, auch für Zeitschriftenartikel aus webarchivarischen Gründen eine Art Identifikationssystem a la DOI zu entwickeln. Bei der New York Times ist das Problem nicht unbedingt virulent, aber bei anderen Titeln mache ich häufiger die Erfahrung, dass Artikel zwar über die einschlägigen Zeitungsarchivsuchmethoden nachweisbar aber nicht mehr auffindbar sind, z.T. weil sich schlicht ein Detail in der Adresse verändert hat. Dabei sind gerade Zeitungsdiskurse bei der Rekonstruktion der Entstehungsbedingungen und des Aufkommens von Trends eine äußerst fruchtbare Erkenntnisquelle.