Wir Cybernauten: Ein paar Gedanken zur Bibliothek als “content architecture”.




Damit das Unterfangen dieses persönlichen Fachblogs nicht völlig abstürzt, gibt es das folgende Fundstück aus dem heutigen Webrundflug und meinen dazugehörigen Assoziationen hier und nicht etwa im Multi-User- und Multi-Reader-IB.Weblog:

Momentan weilt der BBC Nachrichtenchef Richard Sambrook mit einer ganzen Reihe von anderen herausragenden Medienvertretern im schönen Davos beim Weltwirtschaftsforum (WEF) und rapportiert in seinem Weblog SacredFacts. Im Media Leaders Council geht es besonders um ein Thema, was uns aus dem Bibliothekswesen recht vertraut klingt:

The discussion is about how media companies can adapt to the internet…

Auch wenn es im Geschäft der Medienindustrie sicher um andere Zielstellungen geht (Umsatz, Rendite etc.), sitzen die beiden Arten von “Content Providern” gewissermaßen in einem Boot. Denn beide fürchten ein bisschen darum, ihre Zielgruppen zu verlieren und bei beiden beobachtet man mitunter entweder eine mehr oder weniger drastische Verweigerungshaltung oder übertriebenes Adaptionsverhalten. Der Axel Springer Vorstandschef Mathias Döpfner bringt es schön flockig auf den Punkt:

“We must be careful not to commit suicide for fear of dying”.

Entsprechend gilt es – im Bibliothekswesen wie im Medienbusiness – Ruhe zu bewahren, ein bisschen auf Distanz zu gehen und dann zu versuchen Trends und Gestaltungsmöglichkeiten zu erkennen. Und genau zu diesem Aspekt, den Trends, zitiert Richard Sambrook etwas überaus Merkenswertes:

“The challenge isn’t content anymore. It’s organising it, the architecture of content is the new challenge.”

Da sollten eigentlich ganz schöne Zeiten für die im Bibliothekswesen geschulten Information Professionals anbrechen, ist doch ein Kernbestandteil ihres Wirkens nicht anderes, als die Architektur von Inhalten, was man traditionell als “Sacherschließung” bezeichnet. Eine Klassifikation und noch greifbarer eine Aufstellungssystematik sind exzellente Beispiele für die inhaltsarchitektonischen Strukturprinzipien. Die Schwierigkeit, die ich dabei sehe, ist allerdings die, dass sich Bibliotheken in der Vergangenheit häufig auf die Statik des Gebäudes konzentrierten und erst an zurückgesetzter Stelle mit der “Behaglichkeit” befassten. Ich denke, das was die Nutzer als Bewohner dieses großen “Hauses”, dem man manchmal “Weltwissen” ans Türschild schreibt, wollen, ist sowohl eine statische Zuverlässigkeit, die dafür sorgt, dass die Architektur nicht im Information Overkill über ihren Köpfen zusammenstürzt als auch, dass die Atmosphäre auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten leicht und so bequem als möglich bewohnbar ist.

Da sich hier dank Web 2.0 bzw. Library 2.0 besonders seit dem letzten Jahr in gewisser Weise ein Mentalitätswandel in den Bibliotheken zu vollziehen scheint und Aspekte wie Nutzerpartizipation (oder wenigstens -freundlichkeit) in das Zentrum der Aufmerksamkeit in die Fachwelt drängen, sehe ich für das Bibliothekswesen eigentlich alles andere als schwarz. Die Lösung scheint mir in der Idee der strukturellen Zweigleisigkeit zu fahren: Einerseits die Stabilität im Hintergrund im Sinne von entsprechenden intellektuellen und vielleicht auch irgendwann semantisch automatisierten Erschließungsverfahren und im Vordergrund ein flexibel an den “Geschmack” der Benutzer anpassbares Interface (als virtueller Arbeits- oder auch Wohnort), in welchem eine Vielzahl von eigenen Ausgestaltungsmöglichkeiten wie z.B. die Erschließung über Folksonomies, Kommunikation mit den näheren und entfernteren Nachbarn und letztlich auch die eigene Produktion von Content gegeben sind.

Vorläufer und Ideen dafür gibt es schon allerhand, nur wäre es schön, wenn es gelänge, diesen weitgehend dezentralen Prozess an einer Stelle immer mal wieder zu clustern. Dahinter steht nicht das Bedürfnis nach Zentralismus, sondern die täglich neu gemachte Erfahrung einer begrenzten rezeptiven bzw. kognitiven Verarbeitung dessen, was in diesem Bereich geschieht, zumal es eine doppelte Ernüchterung gibt: Einerseits darüber, was man immer wieder redundant wahrzunehmen und auszusortieren gezwungen ist und andererseits darüber, was man trotz allem Bemühen übersieht.
Ich denke, dass dies generell im Bereich der Content-Architektur ein Hauptfeld der bibliothekarischen Arbeit sein sollte: aus dem rhizomatischen Ganzen, in dem sich die unzähligen Fäden aus Information bzw. Content miteinander verknüpfen und verknoten, Cluster zu isolieren und Zugangskanäle zu schaffen, die zwar flexibel, aber nicht beliebig und damit nahe am Verrauschen sind. Wir werden sehen, welche Rolle der anstehende Bibliothekskongress in dieser Richtung übernehmen kann.

Anders als der kommerzielle Journalismus, der seine “Inhaltsarchitektur” vorwiegend dahingehend gestalten muss, dass sie auch gut verkaufbar ist, sehe ich es als Aufgabe der bibliothekarischen Arbeit sowohl für die Wissenschaft wie auch für die Öffentlichkeit, allgemeine Optimalstrukturen zu schaffen, die den Benutzern den jeweils passenden und schnellen Zugang zu den jeweils relevanten “Räumen”, d.h. Informationen und Inhalten zu eröffnen.

Gerade um dieses Optimum, d.h. die Mitte zwischen dem Rauschen der Überkomplexität und dem Verrauschen in der Banalität, zu erkennen, bedarf es der partizipativen Einbindung der Benutzer in dieses System aus der eine Art elaborierter Rückkopplungsprozess resultiert. Der Bibliothekswissenschaftler/Bibliothekar wird in diesem in gewisser Weise kybernetischen Modell zum modernen Kybernetes, d.h. Steuermann, der die Entwicklung des Systems bzw. der auf ihm aufgesetzten Angebote (möglichst unauffällig) lenkt und koordiniert. Durch Technologien wie die des semantic web erhält er die Möglichkeit, Routinen zu automatisieren und kann seine Aufmerksamkeit stärker z.B. auf die Folgen seiner “(cyber)nautischen” Manöver lenken.
Denn als Steuermann (oder eben Schiffsbaumeister) übernimmt er eben auch Verantwortung für die, die sich auf seine Fertigkeiten verlassen. Selbstverständlich betrifft dieser berufsethische Aspekt wieder die Bibliothekare wie die Medienproduzenten gleichermaßen: Welche Inhalte machen wir wie zugänglich? Die Beantwortung dieser Frage ist mehr als ein Forschungsgebiet für die Usability, hier zeigt sich die (potentielle) gesellschaftliche Wirkmächtigkeit, in der es meiner Meinung nach auch darauf ankommt, dass die Bibliotheken den Inhalten gegenüber interessenlos (alles ist potentiell relevant) einen neutralen allumfassenden Versorgungsanspruch zu realisieren versuchen, was auch als Gegenentwurf zu den nach kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählten Zugangsstrukturen der Medienindustrie zu verstehen ist, zumal sich Bibliotheken und Medienunternehmen dem oben zitierten Statement zufolge in gewisser Weise ähnlicher zu werden scheinen.

Dies alles vor Augen erscheint es schade, dass eine Vielzahl der Impulse, die momentan die “Gestaltungsnormen” der “Content Architektur” prägen, nicht aus dem bibliothekarischen Bereich kommen. Von ihrem grundsätzlichen Aufgaben- und Tätigkeitsfeld liegen Bibliotheken als tradtionelle “Architekten durch Inhaltserschließung” mehr denn je “im Trend”. Allerdings könnte man meiner Meinung nach die Innovationsfreudigkeit und besonders die Bereitschaft, dem Nutzer selbst mehr Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen, weitaus mehr intensivieren. Wenn man hier nachlegt und sichtbarer wird, würde es mich nicht wundern, wenn irgendwann in nicht allzuferner Zukunft auch Vertreter des Bibliothekswesens als Trendsetter und Experten beim WEF Media Leaders Council in Davos anwesend sind.

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