Notizen zum BBK (13. Juni 2006)
Professor Umstätter heute bei seinem Vortrag “Ist es notwendig eine neue Zeitschrift für Informetrie zu gründen?” im BBK am Institut:
Der Begriff Cybermetrics ist an sich etwas unglücklich, denn eigentlich besteht hier terminologisch ein Bezug zur Kybernetik. Die Anwendung als Messung im Cyberspace ist daher nicht sonderlich sinnvoll. (sinngemäß)
Insgesamt sollten nach seiner Auffassung generell die Begriffe der *metrien (Bibliometrie, Scientometrie, Informetrie, Infometrie, Webometrie etc.) exakter differenziert/definiert werden.
Infometrie ist dabei als ein Oberbegriff (Messung von Information in bit) für die Informetrie zu verstehen (Messung von Dokumentationseinheiten), Szientometrie (Messung des wissenschaftlichen Outputs), Webometrie (Messung von Informationsangeboten im Internet).
Die Notizen zum Vortrag gibt es als PDF hier.
Anhand einer Analyse der Publikationsgeschichte von Zeitschrift aus den Bereichen der Szientometrie, Informetrie etc., allen voran Scientometrics, über SCI und LISA, überlegt Umstätter, ob die anstehende Gründung des “Journal of Informetrics” (mehr hier) eine sinnvolle ist.
Nach seiner Argumentation werden Zeitschriften häufig zu früh gegründet, was das “Zeitschriftensterben” von 3500-7000 Titeln/Jahr belegt.
Er geht davon aus, dass ein Potential von 300 Aufsätzen/Jahr zu einem Thema die Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu diesem Thema rechtfertigt. Zur Gründungszeit von Scientometrics jedoch bestand an dieser Stelle ein Aufkommen von etwa 100 Aufsätzen/Jahr gegründet. Die Zeitschrift wurde allerdings, so der Referent, durch den SCI und Eugene Garfield massiv gefördert und konnte daher überleben.
Begründet wurde dieses Argument über einen Abgleich der Zeitschrift über den Datenbestand bei LISA. Die Zeitschrift ist dort “überproportional zur Bradford-Verteilung” vertreten, was auf eine “Cover-To-Cover”-Indexing zurückzuführen ist.
Eine Kernzeitschrift benötigt etwa 200 Abbonenten und 50 Autoren.
Weitere (Kern)Zeitschriften mit der thematischen Ausrichtung sind:
- Journal of the American Society for Information Science (and Technology)
- Nauchno Tekhnicheskaya Informatsiya
- Revista Espanola de Documentacion Cientifica
- Journal of Information Science
- Information Processing and Management
- Journal of Documentation
- Annals of Library Science and Documentation
Für die Bibliometrie, Szientometrie etc. nimmt er ein Literaturaufkommen von ca. 600-700 Aufsätzen pro Jahr im Jahr 2006 an. Die Frage ist, wieviele Kernzeitschriften für diese Fachgebiete notwendig werden.
Wir brauchen dringend eine zweite Zeitschrift neben Scientometrics
Ein grundlegendes Problem ist die schwankende Qualität in Scientometrics, was z.B. der schwache Aufsatz “Bibliometric analysis – A new business are for information professionals in libraries?” von Rafael Ball und Dirk Tunger (Scientometrics 66 (3) 2006, S. 561-577) zeigt. Auch bei anderen aktuellen Beiträgen ist die Qualität der Publikationen eher fragwürdig.
Wichtig ist, dass nicht nur eine neue Kernzeitschrift gegründet wird, sondern dass eine stärkere Qualitätskontrolle erfolgt. Eine Möglichkeit dafür wären Referateblätter als Mittel der Qualitätssicherung, d.h. einer nachträglichen Auswertung von Publikationen in Hinblick auf die methodische/wissenschaftliche Korrektheit und der publizierten Ergebnisse. Ausgangspunkt dafür ist die Position, dass Wissenschaft nicht nur selbstorganiserend sondern auch selbstreproduktiv ist. Dies bedeutet, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis (eine wissenschaftliche Lösung eines Problems) grundsätzlich auf das gleiche Ergebnis hin reproduziert wird.
Dabei ist zu beachten, dass das System des Peer Reviewing als Instrument der Qualitätssicherung – so Umstätter – wissenschaftlich abzulehnen ist. Er stellt dabei das Peer Reviewing dem Verfahren der Referateblätter entgegen, wobei das Peer-Reviewing-Verfahren seiner Meinung nach den Niedergang des Referatewesens beschleunigte.
Wir brauchen keine Zeitschrift für Informetrics sondern eine Zeitschrift für Infometrics.
Umstätter entwirft eine Perspektive für LIBREAS. Die Zeitschrift sollte als öffentlich wirksames Organ des Instituts als eine Art erweitertes Referateblatt, in welchem Primär-,Sekundär- und Tertiärliteratur integriert werden, dienen.
Thematisch schwebt ihm die Zeitschrift als Publikationsorgan für die “eigentliche Infometrie” vor.
Zudem sollten Zusammenhänge in Gestalt von Reviews verknüpft und verständlich gemacht werden. Die Position des Referateblatts dient dem Controlling des Publikationsaufkommens im Bereich der Informetrie.
In diesem Zeitschriftentypus soll das “offene Referat” das “Peer Reviewing” ablösen. Das Peer Reviewing besitzt den Nachteil, dass die Reviewer im Anonymen agieren und entsprechend nicht für ihre Entscheidungen zur Verantwortung gezogen werden können. Dies erhöht die Gefahr des Missbrauchs. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass Peer Reviewing bestimmte wissenschaftliche Paradigmen fördert bzw. hemmt.
In der weiteren Argumentation ging es ihm um die Frage nach der Moral von Wissenschaft. Dabei verwarf er Rüdiger von Bruchs Ausspruch, dass Wissenschaft zwar nicht unmoralisch aber amoralisch ist.
Wahre Wissenschaft ist hoch moralisch, aus der Erkenntnis heraus, dass wir Verantwortung für unser Tun nur tragen können, wenn wir bewusstes Wissen besitzen.
Dieses ist die Voraussetzung für die Fähigkeit zum Unterscheiden von “richtig” und “falsch”.
Professor Umstätter plädiert explizit dafür, dass sich das Institut eine eigene Publikationsplattform im oben ausgeführten Sinne schafft, die als Organ zur Qualitätssicherung fungiert.
In Bezug auf Bibliothek geht er abschließend davon aus, dass es die Hauptaufgabe von Bibliotheken ist,
nicht nur “gute” oder sogar ideologisch einwandfreie Publikationen anzubieten, sondern in einer Synopsis richtiges und falsches [Wissen im Sinne von Aussagen] durch Kataloge, Bibliografien, Wissensorganisation bzw. Wissensrepräsentation vergleichbar zu machen.
Als Antwort auf die Titelfrage des Vortrags geht Professor Umstätter davon aus, dass die Neugründung zwar zum richtigen Zeitpunkt erfolgt und sicher wirtschaftlich erfolgreich sein wird, aufgrund ihres traditionellen Konzepts allerdings das, was für eine progressive Wissenschaftsauffassung denkbar und auch notwendig wäre, hier nicht abgedeckt wird.
June 13th, 2006 at 7:19 pm
[...] Für alle, die heute nicht beim Vortrag von Professor Umstätter im BBK anwesend sein konnten (und natürlich auch für mein Gedächtnis) habe ich die Ausführungen, so wie ich sie verstanden habe, live mitskizziert. [...]