Archive for June, 2006

Bemerkungen zu 3 Thesen von Susanne Riedel (BIB)

Posted in Bibliothek, Kommentar, Sonstiges, Susanne Riedel on June 27th, 2006 and

In der Ausgabe 06/2006 von BuB findet sich auf der Seite 479 ein kleiner lila farbener Kasten, in dem drei Thesen wiedergegeben sind, die die BIB-Vorsitzende Susanne Riedel auf dem letzten Bibliothekartag im Kongresszentrum am Dresdner Elbufer in Hinblick auf Rolle und Bedeutung der Bibliotheken in Deutschland äußerte.
 

These 1: „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
These 2: „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“
These 3: „Bibliotheken sind intergraler Bestandteil des Bildungssystems“
 

Ein wenig irritierend ist für mich die Erkenntnis, dass sich meine Vorstellungen von dem, was die Bibliothek sein soll, nicht so recht mit dem Geäußertem decken wollen.
 

Zur These 1 „Bibliotheken sind so vielfältig wie ihre Kunden“
 

Die Verwendung der Bezeichnung „Kunde“ halte ich, das als Einstieg, für unpassend. Kundschaft steht synonym für Käuferkreis, der Kunde ist jemand der „ein Geschäftsangebot wahrnimmt“ (Pfeifer, W.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Aufl., München, 1999, S. 744). Hier wird sofort die Box der Analogie zum Wirtschaftsunternehmen geöffnet, die uns die Pandora des „Effizienzmanagement“, welche durch so manche bundesdeutsche Amtsstube reitet, hinterlassen hat, die aber die Bedeutung der Bibliothek absolut verkennt. Eine Bibliothek lässt sich nicht in Hinblick auf Rendite verwalten: sie wird immer, besonders wenn sie ihrer Aufgabe einer Versorgung der Allgemeinheit mit Information, die letzterer bei der Bewältigung des individuellen Alltagslebens in einer Informations- oder Wissensgesellschaft hilft, gerecht werden möchte, ein Kostenfaktor sein. Sie kostet immer richtig viel Geld und das lässt sich auch durch ein paar Euro Gebühren für Zugang bzw. Bestseller- oder DVD-Ausleihe nicht kompensieren. Von den Bibliotheksnutzern Geld zu verlangen ist eine hilflose und ungeschickte Entwicklung, die letztlich vermutlich mehr kostet (nicht in Euro abrechenbar), als sie einbringt (in Euro abrechenbar).
 

Sollte obendrein irgendwann ein Schwellenwert in der Einnahmenhöhe erreicht werden, der tatsächlich einen „wirtschaftlichen“ (d.h. sich rechnenden) Betrieb der Einrichtung ermöglicht, wird dieses auch für private Anbieter interessant und es werden Geschäftsmodelle entstehen, die als Konkurrenz zur Bibliothek stehen und diese dann einfach locker ablösen – schlicht weil Bibliothekare (und Kommunalpolitiker) im Normalfall keinerlei Nähe zur tatsächlichen McK(insey)-Dynamik (in Bereichen wie Marketing, Marktanalytik etc.) aufweisen. Hier werden immer andere Akteure schneller, radikaler, direkter handeln.
 

Zudem ist es eine ethische Frage: Wie das Beispiel der Staatsbibliothek zu Berlin zeigt, werden durch die Gebührenerhöhungen bestimmte Nutzergruppen schlicht von einer Nutzung ausgeschlossen. Es gibt tatsächlich Personen, für die 25 EURO Bibliotheksnutzungsgebühr eine Nutzungshürde darstellen. Hier arbeitet man ganz kräftig in die Richtung der Verbreitung eines Knowledge Gaps, was man vulgärsozialdarwinistisch als normale Erscheinung abhaken kann, was aber dennoch moralisch höchst bedenklich ist. Für eine demokratische Gesellschaft mit sozialem Anspruch, wie sie die Bundesrepublik Deutschland darstellen möchte, ist der (fahrlässige) Ausschluss von Bevölkerungsgruppen von der Teilhabe an der Informations-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft über kurzsichtige Entscheidungen im Bereich des Bibliotheksbudgetmanagements sowohl seitens der Träger wie auch der Häuser selbst, schlicht unwürdig. Die Öffentlichen Bibliotheken verspielen, sobald sie hier ausschließend wirken, in meinen Augen ihre Existenzberechtigung.
 

Die Erläuterungen von Frau Riedel zur ersten These sind eher enttäuschend:
 

„Bibliotheken haben die Herausforderung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien frühzeitig und vor allem offensiv angenommen und erfolgreich bewältigt.“

 

Gerade vor dem Hintergrund der Virtualisierung menschlicher Kommunikationsumwelten wirkt dies doch etwas dick aufgetragen. Nimmt man das Web 2.0 und die sich daraus ergebenen Möglichkeiten einer Library 2.0 zum Maßstab, so hängt das deutsche Bibliothekswesen – bis auf wenige positive Ausnahmen – im Schnitt sicher einige Jahre hinter den technischen Möglichkeiten hinterher. Zudem ist das Grundprinzip des Geschehens offensichtlich gar nicht realisiert worden: die Herausforderung ist nicht bewältigt und abgeschlossen „und Punkt“, sondern sie stellt sich eigentlich fast täglich neu. Das rückschauende Sich-Selbst-auf-die-Schulter-Klopfen ist hier wunderbarer Ausdruck des Missverstehens der Entwicklungen in der Webgemeinschaft. Wichtiger, als sich ein paar CD-ROMs verkaufen zu lassen, wäre es eigentlich, hier noch stärker eine Position als Anschluss- oder Schnittstelle zwischen den heterogenen Nutzerschichten und der virtuellen „Wissens-Netzwerk-WWW-Gesellschaft“ auszubauen. Dass man sich 2006 – wie im Text zitiert – noch jubilierend die Integration von Video und DVD und Elektronischen Zeitschriften in die Bestände vorträgt, zeigt leider, dass hier nicht so radikal in die Zukunft gedacht wird, wie es eigentlich einem BIB anstehen würde. In der digitalisierten/digitalen Informationsumwelt relativiert sich das Erscheinungsbild des Datenträgers und statt sich beispielsweise der Erwerbung von DVDs zu rühmen, sollte man vielleicht bereits heute beginnen, sich darauf einzustellen, dass die Videodaten in wenigen Jahren sicher eher zentral auf Severn bereitliegen und im Zweifelsfall On-Demand auf eine Blue-Ray-Disc o.ä. gebrannt oder auf entsprechende Wiedergabegeräte gestreamt werden. Das Buch natürlich, das vielgeliebte, wird sicher länger überleben als die VHS-Kassette und länger als die DVD (oder auch die HTML-Seite). Aber auch hier wird die digitale Verfügbarkeit von Texten früher oder später zu On-Demand-Lösungen führen, wobei das Ausgabemedium auch ein Buch sein kann. Statt Vielfalt von „statischen“ Medien wird, so nehme ich an, die Zukunft von Flexibilisierung der Ausgabemöglichkeiten bestimmt sein. Dies kann auch der Druck auf Feinstleinenpapier mit Ledereinband sein. Muss es aber nicht.
 

Gegen die These 2 „Bibliotheken benötigen qualifiziertes Personal“ lässt sich an sich nicht viel einwenden. Allerdings fällt das Eigentor gleich bei der Erläuterung:

„Im Mittelpunkt bibliothekarischer Arbeit steht nicht die Beschaffung, Erschließung und Bereitstellung von Medien, sondern der Umgang mit Menschen, die mit ganz unterschiedlichen Erwartungen, Wünschen und Problemen in die Bibliotheken kommen.“

Natürlich ist die Bibliothek ein sozialer Ort, ein Treffpunkt u.ä. – aber dieser Anspruch überfordert wohl die kontaktfreudigsten Mitarbeiter. Die Bibliothek, so wie ich sie sehe, muss gerade die Informationsmenge sammeln, in ihrer Erscheinungskomplexität reduzieren, Informationsqualität absichern und entsprechend kompetent auf Informationsbedürfnisse(!) aber nicht auf „Erwartungen, Wünsche und Probleme“ an sich reagieren. Die Bibliothek ist weder Kulturhaus noch Selbsthilfegruppe. Sie ist ein Filter und eine Schnittstelle zwischen den Nutzern mit ihren Bedürfnissen und der Dynamik und Pluralität publizierter Information. (Erstaunlicherweise wird in den Erläuterung stillschweigend im Gegensatz zur These 1 auch im Originaltext vom „Kunden“ zum „Nutzer“ zurückgeschwenkt. Eventuell versteht Frau Riedel die beiden Termini auch als synonym – ich tue das nicht.) Dass hier nach der Ausbildung nicht Schluss mit der Kompetenzentwicklung der Bibliotheksmitarbeiter sein darf, wird sicherlich richtig betont, obwohl es eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte.
 

Die These 3 „Bibliotheken sind integraler Bestandteil des Bildungssystems“ ist dahingehend problematisch, dass man zwar die „PISA-Hysterie“ prima nutzen kann, um hier schnell in die Nische zu springen und sich als unabdingbar zu manifestieren, dass sich hier andererseits aber eine gewisse Realitätsferne offenbart. Auch hier bleibe ich bei meinem Standpunkt, dass Bibliotheken eher als Schnittstellen zwischen Nutzer und Information agieren müssen und weniger selbst Bildungsaufgaben übernehmen sollten. Sie sind per se keine Schulen und auch keine Nachhilfezentren: sie bieten den Zugang zu Information. Dies kann in Kooperation mit Schulen geschehen (und ist vielleicht sogar wünschenswert), eine solche Zusammenarbeit ist aber nicht Existenzbedingung. Sinnvoller wäre es obendrein, so meine ich, Bibliotheken gleich als Schulbibliotheken in die Bildungseinrichtungen zu integrieren.

Ich glaube nicht, dass Bibliotheken – außer als politisch vielleicht einzig möglichen Schachzug – ihre Legitimation auf diesem Wege suchen sollten. Bibliotheken sind in meinen Augen eher eine Form von „Infrastruktureinrichtung“, die genauso wenig eine Berechtigung aus ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die Öffentlichkeit schöpfen kann. Ihrer Unabdingbarkeit in einer (post-google) Wissensgesellschaft liegt eigentlich auf der Hand, ihre gesellschaftliche Bedeutung ebenfalls. Notwendig ist allerdings eine weitaus progressivere und offensivere Arbeit jenseits von zumeist eher hilflosen Konzepten, die einerseits ein verkehrtes Verständnis von „Wirtschaftlichkeit“ (inklusive der zumeist hochnotpeinlichen Versuche der Imitation von Marketingstrategien aus der freien Wirtschaft) und andererseits ein hilfloses Greifen nach dem Strohhalm „Bildungsmisere“ darstellen.
 

Es gibt viel Potential in den Bibliotheken und sicher lassen sich Überschneidungen mit den Bereichen Bildung und Kultur häufig und produktiv nutzen. Jedoch ist die Bibliothek weder eine Bildungs- und Kultureinrichtung, sondern in erster Linie Bibliothek. Ihre Aufgabe ist es, der Öffentlichkeit als ein Anschlussstück an die Vielfalt verfügbarer publizierter Information zu dienen. Dabei sollten komplexitätsreduzierende und informationsqualitätssicherende Aspekte, also die Konzeption der Zugänglichmachung der publizierten Information für die Nutzer, im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Hier – und nicht in der Bildung und auch nicht im Kulturmanagement liegen die genuinen Kernkompetenzen der Bibliotheken. Genau dessen sollte man sich m.E. stärker bewusst werden.

Notizen zum BBK (13. Juni 2006)

Posted in Journals, LiveBlogging, Peer Reviewing, Szientometrie, Walther Umstätter, cybermetrie on June 13th, 2006 and

Professor Umstätter heute bei seinem Vortrag “Ist es notwendig eine neue Zeitschrift für Informetrie zu gründen?” im BBK am Institut:

Der Begriff Cybermetrics ist an sich etwas unglücklich, denn eigentlich besteht hier terminologisch ein Bezug zur Kybernetik. Die Anwendung als Messung im Cyberspace ist daher nicht sonderlich sinnvoll. (sinngemäß)

Insgesamt sollten nach seiner Auffassung generell die Begriffe der *metrien (Bibliometrie, Scientometrie, Informetrie, Infometrie, Webometrie etc.) exakter differenziert/definiert werden.

Infometrie ist dabei als ein Oberbegriff (Messung von Information in bit) für die Informetrie zu verstehen (Messung von Dokumentationseinheiten), Szientometrie (Messung des wissenschaftlichen Outputs), Webometrie (Messung von Informationsangeboten im Internet).

Die Notizen zum Vortrag gibt es als PDF hier.

Anhand einer Analyse der Publikationsgeschichte von Zeitschrift aus den Bereichen der Szientometrie, Informetrie etc., allen voran Scientometrics, über SCI und LISA, überlegt Umstätter, ob die anstehende Gründung des “Journal of Informetrics” (mehr hier) eine sinnvolle ist.

Nach seiner Argumentation werden Zeitschriften häufig zu früh gegründet, was das “Zeitschriftensterben” von 3500-7000 Titeln/Jahr belegt.

Er geht davon aus, dass ein Potential von 300 Aufsätzen/Jahr zu einem Thema die Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu diesem Thema rechtfertigt. Zur Gründungszeit von Scientometrics jedoch bestand an dieser Stelle ein Aufkommen von etwa 100 Aufsätzen/Jahr gegründet. Die Zeitschrift wurde allerdings, so der Referent, durch den SCI und Eugene Garfield massiv gefördert und konnte daher überleben.

Begründet wurde dieses Argument über einen Abgleich der Zeitschrift über den Datenbestand bei LISA. Die Zeitschrift ist dort “überproportional zur Bradford-Verteilung” vertreten, was auf eine “Cover-To-Cover”-Indexing zurückzuführen ist.

Eine Kernzeitschrift benötigt etwa 200 Abbonenten und 50 Autoren.

Weitere (Kern)Zeitschriften mit der thematischen Ausrichtung sind:
- Journal of the American Society for Information Science (and Technology)
- Nauchno Tekhnicheskaya Informatsiya
- Revista Espanola de Documentacion Cientifica
- Journal of Information Science
- Information Processing and Management
- Journal of Documentation
- Annals of Library Science and Documentation

Für die Bibliometrie, Szientometrie etc. nimmt er ein Literaturaufkommen von ca. 600-700 Aufsätzen pro Jahr im Jahr 2006 an. Die Frage ist, wieviele Kernzeitschriften für diese Fachgebiete notwendig werden.

 Wir brauchen dringend eine zweite Zeitschrift neben Scientometrics

Ein grundlegendes Problem ist die schwankende Qualität in Scientometrics, was z.B. der schwache Aufsatz “Bibliometric analysis – A new business are for information professionals in libraries?” von Rafael Ball und Dirk Tunger (Scientometrics 66 (3) 2006, S. 561-577) zeigt. Auch bei anderen aktuellen Beiträgen ist die Qualität der Publikationen eher fragwürdig.

Wichtig ist, dass nicht nur eine neue Kernzeitschrift gegründet wird, sondern dass eine stärkere Qualitätskontrolle erfolgt. Eine Möglichkeit dafür wären Referateblätter als Mittel der Qualitätssicherung, d.h. einer nachträglichen Auswertung von Publikationen in Hinblick auf die methodische/wissenschaftliche Korrektheit und der publizierten Ergebnisse. Ausgangspunkt dafür ist die Position, dass Wissenschaft nicht nur selbstorganiserend sondern auch selbstreproduktiv ist. Dies bedeutet, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis (eine wissenschaftliche Lösung eines Problems) grundsätzlich auf das gleiche Ergebnis hin reproduziert wird.

Dabei ist zu beachten, dass das System des Peer Reviewing als Instrument der Qualitätssicherung – so Umstätter – wissenschaftlich abzulehnen ist. Er stellt dabei das Peer Reviewing dem Verfahren der Referateblätter entgegen, wobei das Peer-Reviewing-Verfahren seiner Meinung nach den Niedergang des Referatewesens beschleunigte.

Wir brauchen keine Zeitschrift für Informetrics sondern eine Zeitschrift für Infometrics.

Umstätter entwirft eine Perspektive für LIBREAS. Die Zeitschrift sollte als öffentlich wirksames Organ des Instituts als eine Art erweitertes Referateblatt, in welchem Primär-,Sekundär- und Tertiärliteratur integriert werden, dienen. 
Thematisch schwebt ihm die Zeitschrift als Publikationsorgan für die “eigentliche Infometrie” vor.
Zudem sollten Zusammenhänge in Gestalt von Reviews verknüpft und verständlich gemacht werden. Die Position des Referateblatts dient dem Controlling des Publikationsaufkommens im Bereich der Informetrie.

In diesem Zeitschriftentypus soll das “offene Referat” das “Peer Reviewing” ablösen. Das Peer Reviewing besitzt den Nachteil, dass die Reviewer im Anonymen agieren und entsprechend nicht für ihre Entscheidungen zur Verantwortung gezogen werden können. Dies erhöht die Gefahr des Missbrauchs. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass Peer Reviewing bestimmte wissenschaftliche Paradigmen fördert bzw. hemmt.

In der weiteren Argumentation ging es ihm um die Frage nach der Moral von Wissenschaft. Dabei verwarf er Rüdiger von Bruchs Ausspruch, dass Wissenschaft zwar nicht unmoralisch aber amoralisch ist.

Wahre Wissenschaft ist hoch moralisch, aus der Erkenntnis heraus, dass wir Verantwortung für unser Tun nur tragen können, wenn wir bewusstes Wissen besitzen.

Dieses ist die Voraussetzung für die Fähigkeit zum Unterscheiden von “richtig” und “falsch”.

Professor Umstätter plädiert explizit dafür, dass sich das Institut eine eigene Publikationsplattform im oben ausgeführten Sinne schafft, die als Organ zur Qualitätssicherung fungiert.

In Bezug auf Bibliothek geht er abschließend davon aus, dass es die Hauptaufgabe von Bibliotheken ist,

nicht nur “gute” oder sogar ideologisch einwandfreie Publikationen anzubieten, sondern in einer Synopsis richtiges und falsches [Wissen im Sinne von Aussagen] durch Kataloge, Bibliografien, Wissensorganisation bzw. Wissensrepräsentation vergleichbar zu machen.

Als Antwort auf die Titelfrage des Vortrags geht Professor Umstätter davon aus, dass die Neugründung zwar zum richtigen Zeitpunkt erfolgt und sicher wirtschaftlich erfolgreich sein wird, aufgrund ihres traditionellen Konzepts allerdings das, was für eine progressive Wissenschaftsauffassung denkbar und auch notwendig wäre, hier nicht abgedeckt wird.

Krise der Bibliothekswissenschaft, ein paar Gedanken

Posted in Bibliothekswissenschaft, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft on June 12th, 2006 and

Recent discussions of education for library professionals have strongly criticized the state of most Library and Information Science (LIS) schools, which are portrayed as techno-centric, male-dominated, and out of touch with the needs of practitioners. In the present essaywe examine the major claims for a new crisis in LIS education and conclude that the data do not supportmost of the popular criticisms made of this field. Instead, the notion of crisis is best understood as indicative of a moment of change and an opportunity to significantly affect the long-term future of the field.

Kann man mal lesen: das Essay von Andrew Dillon und April Norris, welches zeigt, dass im vermeintlichen LIS-Wunderland USA mittlerweile auch ein anderer Wind weht. Die Krise als Chance begreifen ist dabei ein lobenswerter und von mir dick unterstrichener Ansatz. Denn die Bibliothekswissenschaft (und Informationswissenschaft) steht vor ähnlichen Problemen, wie sie hier geschildert wird:

The crisis we face is less to make research more relevant to local concerns of practitioners, or to revamp once more a set of core classes or accreditation standards, but to demonstrate our authority as a profession in dealing with information issues at both theoretical and practical levels, within academia and beyond.

Für uns vor Ort in Berlin stellt sich allerdings das Problem einer zusätzlichen Vereinzelung (einziges Institut an einer Universität etc.), wobei nach meiner Ansicht eine internationale Anbindung an LIS-Institute weltweit und eine verstärkte Kooperation mit den wenigen, in Deutschland bibliothekswissenschaftlich Tätigen unabdingbar ist.

Bevor dies aber effektiv umgesetzt werden kann, ist es erforderlich, eine Entwicklungsrichtung zu fixieren. Dabei gilt es die Möglichkeiten des Faches an Erkenntnisleistung für Wissenschaft und (Informations/Wissens)Gesellschaft zu eruieren und auf dieser Grundlage potentielle Konzentrationspunkte zu fixieren, die in Rückgriff auf die Machbarkeit mit den bestehenden Ressourcen an der Humboldt-Universität angestrebt werden sollten. Für mich steht unabdingbar bei der inhaltlichen Ausrichtung eine Orientierung auf das größere Ganze im Zentrum aller Bestrebungen. Praxis heißt hierbei nicht exklusiv “Bibliotheks-Praxis”, sondern – so mein Standpunkt – jeder Praxis im Umgang mit (publizierter) Information.

Das Grundprinzip dessen, was Gegenstand des Faches ist, besteht traditionell aus den drei Aspekten “Sammeln”, “Erschließen” und “Verfügbarmachen” von (publizierter) Information. Durch das Internet und das web 2.0 sowie die mit dem technischen Wandel (”Digitalisierung”) vollziehen sich sowohl auf der Seite des “Informationshandelns” (Produktion, Distribution, Rezeption) wie auch im gegenständlichen Bereich (”Dematerialisierung der Texte”, Hypertext, Mixed-Media etc.) schwer kalkulierbare, aber in jedem Fall tiefgreifende Veränderungen und mit der Aufgabe, eine Wissenschaft zu sein, die diesen Wandel nicht nur begleitet und erfasst sondern idealerweise sogar zu strukturieren und lenken versucht, wäre die Bibliotheks- und Informationswissenschaft meines Erachtens weit entfernt von jeder Rechtfertigungskrise und hätte das ein unendlich fruchtbares Aktions- und Forschungsfeld.

Dass dabei eine Wechselwirkung mit anderen Disziplinen unabdingbar ist, dass also die Netzwerkgesellschaft in Form von Disziplinnetzwerken, in denen Wissenschaftler fachlich immer an Schnittstellen positioniert sind, auch in der Wissenschaft ihr Gegenstück finden muss, scheint beinahe zwingend. Daher muss eine zeitgemäße Ausbildung auch immer an diesen Schnittstellen angesiedelt und auf die Vermittlung einer Pluralität von Kompetenzen ausgerichtet werden. Die Wissenschaftsgebäude der Zukunft sind weniger starre Monolithen; sie sind dynamische Gebilde, flexibel, wachstumsfähig, sie müssen Spielräume und Entwicklungsnischen ermöglichen. Die z.T. sehr drastische Verschulung der universitären Ausbildung im Rahmen des Bologna-Prozess ist dabei eine eher kontraproduktive Variante, die quasi auf schnelle statistisch-verwertbare Rendite ausgerichtet bleibt, deren Nachhaltigkeit in Hinblick auf eine zeitgemäße und schöpferische Wissenschaft durchaus hinterfragbar bleibt. Ich glaube, dass eine universitäre (bibliotheks- und informationswissenschaftliche) “Ausbildung” eine Anleitung zum komplexen und kreativen Denken auf möglichst hohen Niveau darstellen muss. Es gilt hier, einen Think Tank zu entwickeln, bei dem Expertise gefördert wird, die Probleme dort aufgreifen, wo diese eine bibliothekarische Praxis verlassen. Sie muss reflexiv und perspektivisch strukturierend vorgehen. Selbstverständlich spielen konkrete praktische Fragestellungen eine Rolle, nur kann man von der akademischen Bibliothekswissenschaft hier keine konkreten Lösungen erwarten. Eine Bibliothekswissenschaft im Sinne einer Wissenschaft sollte, so ist meine Überzeugung, Konzepte entwickeln, die als Orientierung dienen.
Es wäre schön, trotz einer offensichtlich eher etwas anderen Orientierung, wenn sich dennoch dafür am Institut eine Nische offenhalten liesse. Denn ich wüsste nicht, wo sonst.

Den oben erwähnten Beitrag gibt es hier als PDF: Crying Wolf:An Examination and Reconsideration of the Perception of Crisis in LIS Education

(Dies ist eine grobe Skizze, mehr in Freewriting-Manier verfasst. Eine elaborierte Auseinandersetzung mit der Problematik wird an dieser Stelle folgen. Jetzt folgt aber Italien-Ghana und daher unterbreche ich auch ohne Korrekturlesen…)

Eingang

Posted in Sonstiges on June 7th, 2006 and

Diese kleine Webplattform wird eine Sammlung von Ideen/Gedanken/Fundstücken zu meinem wissenschaftlichen Denken, Fühlen und Handeln.