kontext


Plagiat und Stil: Über Peter Sloterdijk, Karl-Theodor zu Guttenberg und die Wissenschaftskommunikation.

Posted in Wissenschaft with tags , , , , , on November 30, 2011 by

In ihrem Wissenschaftsteil berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung heute über die am zurückliegenden Wochenende am Bayreuther Graudiertenkolleg »Geistiges Eigentum und Gemeinfreiheit« durchgeführte Tagung Plagiate, Wissenschaftsethik und Geistiges Eigentum. Während Tanjev Schultz die dort präsentierten Thesen des Philosophen Peter Sloterdijk zum Thema zeitnah für Süddeutsche Zeitung referierte, fasst Martin Otto zusätzlich einige weitere Aspekte zusammen. (Martin Otto: Wehe, wenn einer liest, was sie schreiben. In: FAZ, 30.11.2011, S. N5) Am interessantesten erscheint dabei die Position des Rechtswissenschaftlers Haimo Schack:

“Mit Haimo Schack (Kiel) hielt auch einer der führenden deutschen Kunstrechtler das Urheberrecht für ein nur bedingt geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Plagiaten. Denn das Urheberrecht sei zunächst ein “privatnütziges Recht”, mit dem ein öffentliches Interesse wie die “Reinhaltung der Wissenschaft” allenfalls mittelbar geschützt werden könne. Stattdessen forderte Schack die Hochschulleitungen auf, mit dem Disziplinar-, Arbeits- und Beamtenrechts hier Maßstäbe zu setzen.”

Das Wissenschaftsplagiat als wissenschaftsethischer Verstoß scheint also mehr über die Handlungsnormen in den Wissenschaftsgemeinschaften bzw. Hochschulen adressierbar zu sein, als über die Berufung auf das so genannte Geistige Eigentum. Das verbindet sich recht stimmig mit dem Zweifel Peter Sloterdijks an gewissen idealen Vorstellungen von Wissenschaft und wissenschaftlicher Authentizität:

“In der Literatur hätten angesichts der Katastrophe des Ersten Weltkriegs Dadaisten wie Hugo Ball und Walter Serner die Vergeblichkeit des Vorspielens von Seriosität erkannt; ein wissenschaftliches Äquivalent zum Dadaismus sei eigenartigerweise nicht entstanden.”

Dass die Wissenschaft keine Verfahren zu ihrer eigenen Diskursbrechung entwickeln konnte, sondern beharrlich an ihrer Seriösität festhält, führt demzufolge zu einer Produktionen von an diesen seriösitätsgerichten Sozialnormen orientierten Publikationen, die sich einer kritischen Lektüre außerhalbe eines Spezialistenkreises entzögen. Sloterdijk, der womöglich in dieser Aussage berücksichtigt, dass er sich mit seinen Publikation einem solchen Prinzip nicht unbedingt unterordnet, meint nun, dass aus diesem Grund a) eher Nachahmung als Originalität gefördert wird und b) die auch zur Plagiatsaufdeckung notwendige Lektüre häufig schlicht unterbleibt. Denn sie lockt mit ihrer mutmaßlichen Redundanzsättigung nicht unbedingt und wird dort vermieden, wo man meint, dass man sie getrost vermeiden kann, weil sowieso alles in Ordnung ist. So geht dann aber auch schon mal eine nachweislich unwissenschaftliche Dissertation bei Duncker & Humblot in den Druck.

I

Das Dröge im Stil der Qualifikations- und Antragsprosa, so meine Anschlussüberlegung, dient demzufolge weniger der Kommunikation neuer Erkenntnis (oder ihrer Vorbereitung), sondern mehr zur Demonstration von Befähigung und Bereitschaft, sich dem Formalisierungsdruck in der Wissenschaftskommunikation zu beugen. Man beweist gerade im Fall der Qualifikationsarbeiten, wie bei Initiationen üblich, dass man bereit ist, die Spielregeln der Gemeinschaft, zu der man in einer bestimmten Form gehören möchte, befolgen kann und will.

Im Fall der Anträge (Sloterdijk: „Umgekehrt zahle sich etwa bei einem Projektantrag das Nachahmen früherer Anträge aus, denn sie böten die Gewähr, bereits bewährt zu sein.“) anerkennt man, dass man die formalen Vorgaben möglichst pedantisch einzuhalten hat, denn wie bei jeder hochentwickelten Bürokratie, bietet eine Abweichung im Zweifelsfall die erste Angriffsfläche. Die Variation erfolgt idealerweise dort, wo man die Entwicklungsvorstellungen der jeweiligen Förderinstitutionen antizipiert. Man demonstriert in dieser eigenartigen Kombination von Folgsamkeit und wissenschaftlicher Voraussicht, dass man die Rolle dieser Institutionen bei der Ressourcenallokation für die Wissenschaft zu akzeptieren bereit ist. Dass dies übrigens nicht unumstritten ist,  zeigt die jüngste, leider oft von Defiziten in der Rhetorik gekennzeichnete metawissenschaftliche Debatte zur Verfassung der DFG. Man muss es klar sagen: Förderantrag basierte Wissenschaft steht mit einem Bein außerhalb der gemeinschaftsinternen Wissenschaftskommunikation. Sie stellt damit einen Sonderfall des wissenschaftlichen Kommunizierens dar, der zu einem erheblichen Teil verwaltungsorientiert ist.

Allerdings gibt es, sofern das System funktioniert, eine gegenkontrollierend wirkende Rückbindung in Form der wissenschaftlichen Gutachter. Die formal korrekte Antragsprosa wird von diesen auf Vereinbarkeit mit den allgemeinen Erkenntniszielen der Wissenschaftsgemeinschaft geprüft. Wo sie überzeugt, fließen auch die Fördergelder. Diese Form der Wissenschaftsprosa ist insofern vielleicht die spannendste, weil sie – über die wissenschaftliche Existenz entscheidend – in einem engen Formkorsett eine grundständig überzeugende (besser noch: mitreißende) Botschaft vermitteln muss. Sloterdijk übersieht dieses Potential leider in seiner Aussage zur Nachahmung.

II

Nachahmungen, die zum Teil auch mit der Funktion einer Mimikry auftreten, vermindern selbstverständlich die Gefahr eines Ausschlusses schon aus formalen Gründen und erhöhen zugleich die Chancen des Bestehens in dieser Gemeinschaft. Das Plagiat, das die Nachahmung zur Übernahme überhöht, erscheint in diesem Zusammenhang als Versuch, diesen Zweck zu erreichen, obwohl man nicht in der Lage ist, es normkonform zu tun bzw. tun zu wollen.

Das Beispiel Karl-Theodor zu Guttenbergs, der zu diesem Zweck genrefremde Textsorten verarbeitete, bildet hierbei einen kuriosen Sonderfall. Sein Bricolage-Stil, so könnte man meinen, entspricht formal fast dem von Sloterdijk angesprochenen Prinzip eines Äquivalents zum Dadaismus. Wäre der Text mit Absicht so in den Diskurs geschleust worden, dann hätte der Promovend mit „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ einen den Diskurs transzendierenden Nachfolger für Alan Sokals berühmtes Werk „Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“ abliefern können. Aber daran lag ihm offensichtlich nicht.

III

Sowohl an den Ausführungen Sloterdijks wie auch an denen Schacks wird dessen ungeachtet meines Erachtens deutlich, wie sehr sich das Verfassen wissenschaftlicher Texte, die im Gegensatz zur Literatur selten mit einem herausgehoben ästhetischen Gestaltungswillen erstellt werden, von anderen Schöpfungsbereichen unterscheidet. Ob nun Argument, Messerkenntnis oder Beweisführung: In der Wissenschaft erfüllen Texte vorrangig die Funktion eines Vermittlungswerkzeugs für eine sehr begrenzte Leserschaft. Natürlich verfolgt der Stil einen Distinktionszweck, der im Ergebnis vor allem diese Begrenzung unterstreicht. Die Lektüre übernimmt also eine doppelte Form sozialer Abschätzung: Das lesende Individuum spürt, ob es zu der Gemeinschaft, auf die der Text gerichtet ist, gehört bzw. gehören kann. Die lesende Gemeinschaft kann gleiches hinsichtlich des Autors beurteilen. Allerdings führen interdisziplinäre Entwicklungen erfahrungsgemäß zu Verschiebungen in den Varietäten, so dass sich die Grenzen der Gemeinschaft nicht ausschließlich an denen der Disziplinen abtragen lassen können.

IV

Lektüren in der Wissenschaft dienen, um das festzuhalten, nicht dem Werkgenuss, sondern der Kommunikation. Die Sperrigkeit ist zumeist aus den genannten Gründen beabsichtigt. Wenn man einem Wissenschaftler sagte, sein Werk läse sich wie Belletristik, wäre dieser zu Recht getroffen. Nun kann man im Anschluss an Sloterdijk überlegen, ob eine Verliteraturisierung der Wissenschaftsprosa mitsamt einer dazugehörigen Praxis der Textkritik einen sinnvollen Schritt darstellt. Mehrheitsfähig sind solche Bestrebungen aber sicher nicht, solange das soziale System Wissenschaft Originalität – also den Beitrag zum „Fortschritt der Wissenschaft“ und somit den Wert für das System – und damit den Reputationsgewinn nahezu ausschließlich an der Botschaft und nicht in der Form verankert. Und solange die Form In- und Exklusionseffekte als Nebenwirkung hervorruft. Daher erfordert das soziale Kommunikationssystem Wissenschaft eine rigorose Anpassung an formale Normen, die bestimmten wissenschaftlichen Grundwerten entsprechen sollen. Zu diesen gehören die bekannten Kriterien der Objektivität, Eindeutigkeit und Nachvollziehbarkeit. Daraus folgen enge Grenzen für das formalästhetische Schöpfungsniveau wissenschaftlicher Texte.

V

Dass man dagegen den Ideen selbst seine buchstäbliche Referenz erweist, ist in diesem Normenkatalog tiefer eingebettet, als im Urheberrecht. Gerade die textstellenfixierte Begutachtung im Strafverfahren zu Guttenberg bestätigt Schack: die eigentliche Auseinandersetzung um solche Fälle kann nicht mit dem Urheberstrafrecht geleistet werden. Hier muss die Selbstorganisation der Wissenschaft aktiv werden (und sie wurde es ja auch). Unabhängig davon, wie sich Karl-Theodor zu Guttenberg positionieren lässt – ob als Plagiator oder als Konfusionist – hat er gezeigt, dass er entweder nicht willens oder nicht in der Lage war, die Regeln der wissenschaftlichen Kommunikation (seiner Community) einzuhalten. Mit dem Argument der Unsystematik auf Nachsicht zu hoffen zeigt zudem, dass er nach wie vor nicht verstanden hat, nach welchen Regeln das Sozialsystem Wissenschaft funktioniert: Es fordert im Normalfall von Doktoranden gleich welchen gesellschaftlichen Hintergrunds konsequente Kärrnerarbeit und eine gewisse Demut bzw. Unterordnung unter seine Regeln. Denn nur so kann es seinen akephalen Status legitimieren und sich so erhalten, wie es ist.

Ben Kaden

Berlin, 30.11.2011

Klosterfrei Ideengeist. Zwei Notizen zum digitalen Buch/Lesen.

Posted in E-Books, Medienverhalten with tags , , , , , on October 7, 2011 by

I.

In der Debatte um die Klage gegen den Hathi Trust ziehen die Kläger harte und sachlich mitunter ziemlich bedenkliche Bandagen auf:

“In statement, the new plaintiffs joined in harshly criticizing the libraries. “If they want a digital book, they should pay for it,” said Mats Söderlund, chairman of the Swedish Writers Union.

“They just wanted to release e-books for free,” Greg Hollingshead, chair of The Writers’ Union of Canada, said of the program. “They don’t take literary property rights seriously, why should any of us trust their security measures? If they’re hacked, and digital files of 40,000 Canadian books are released, how are Canadian authors ever again to receive significant revenues from those works?”

Trond Andreassen, president of the Norwegian Nonfiction Writers and Translators Association said HathiTrust was “one of the craziest things I’ve ever seen.”

Scott Turow, president of the Authors Guild, even accused the libraries of the p-word. “Universities are important cultural bastions, valued by all of us,” he said, “In this case, university defendants are using their immunity from money damages to act as pirates, rather than custodians, of our literary heritage.”  ( vgl. Andrew Albanese: Authors Guild Files File Amended Complaint Against Libraries. In: www.publishersweekly.com. 07.10.2011)   )

Natürlich gehört derartiges Geklappere zu solchen Verfahren. Aber wenn ein Kommentator fordert: “Time to make the libraries pay for present and former piracy.” dann schüttet er nicht nur das Kind mit dem Bade aus, sondern verkennt, dass sich der hochaggressive Sturmlauf gegen die Bibliotheken immerhin auch gegen die traditionell besten Kunden der Verlage richtet.

Ob es wirklich so klug ist, hier den Graben unbedingt weiter aufzureißen, ist leicht zu beantworten. Das Argument Mats Söderlunds ist schon deshalb unsinnig, weil verwaiste und vergriffene Werke nun gerade nicht weder als P- noch als E-Books irgendwie legal zu erwerben sind. Die beste Lösung läge wahrscheinlich darin, dass der von ihm vertretene Sveriges Författarförbund die betroffenen Titel selbst identifiziert, digitalisiert und dann auf dem Marktplatz für elektronische Inhalte anbietet.

II.

Insgesamt scheint mir die Welt angesichts solcher Wildwasserargumente allein urheberrechtlich noch nicht sonderlich reif für digitale Bücher zu sein. Schade das Kathrin Passigs fast wie eine Missionierungstour für E-Only anmutendes Agenda Setting diese Facette weitgehend auszublenden scheint. So zeigt sie sich im Tagesspiegel beim Dialog mit dem Verleger Matthias Rötzer (Matthes & Seitz) erneut ausgesprochen entschieden.  ( Diskussion Buch trifft Bildschirm. In: www.tagesspiegel.de. 07.10.2011 ) Was sie nicht erwähnt ist, dass ihr E-Only uns vielleicht den wechselnden Griff zum Band (=unpraktischen Gerätewechse) spart, ihr und uns jedoch zugleich die Lektüre extensiver Nutzungsbedingungen, die Kenntnis vertrackter rechtlicher Bedingungen und die totale Abhängigkeit von der Vermittlungs- und Anzeigetechnologie aufbürdet. Das mag für digitale Kommunikation an sich unvermeidlich sein. Für die Buchlektüre ist es aber ein überflüssiger Zuwachs an Komplexität.

Neben diesem blinden Fleck stört etwas anderes noch mehr am Ansatz ihrer Argumentation um die sterbende Buchbranche: Sie baut ihre grundlegenden Zukunftsprognosen umfassend auf ihre persönliche Wahrnehmung Kumuliert heißt die Botschaft: Kathrin Passig liest nur noch elektronisch und vermisst Papier kein bisschen. Ergo: Wir alle werden nur noch elektronisch lesen und Papier ist ein Anachronismus. Für das Feuilleton mag die eindimensionale Erfahrungsempirie reichen und es mutet bisweilen sogar recht neckisch an, Studienerfahrungen als Maßstab für eine ganze Kulturindustrie anzulegen:

“Überhaupt misstraue ich einem schönen Buch. Ich selbst habe das im Studium immer gern gemacht: Wenn ich einen Text von mir inhaltlich unzulänglich fand, habe ich ihn erst mal schön gesetzt. Gleich machte der Inhalt auch mehr her.”

Das kann man aber nur mit Geltungsanspruch tun, wenn man eine als Wahrheit akzeptierte Struktur jenseits der eigenen Meinungs- und Wahrnehmungswelt negiert. Womit man sich andererseits wieder selbst relativiert und es dem Leser schwer fällt, zu entscheiden, was wirklich Substanz und brauchbare Erkenntnis und was nur spontanes Aus-dem-Bauch-Geplauder ist.  Die derzeitige Debatte, die viele Branchenvertreter zur Buchmesse erneut in den Taumel des Zukunftsmediums E-Book stürzen wird, entpuppt sich so als Wandern im Treibsand.

Zweifelsohne eignet sich die digitale Kommunikationsstruktur des Web – also auch dieses Blog – exzellent für die Abbildung des Denkens im sich vollziehenden Prozess. Das Buch sollte jedoch meiner Meinung nach die Rolle übernehmen, Denken in raffinierterer Form abzubilden. Die analoge Fixierung ist dabei ein besonderer Veredelungsschritt, der ausdrückt, dass man hiermit wirklich etwas Bleibendes schaffen möchte. Der von Andreas Rötzer betonte Manufaktur-Gedanke weist in dieser Richtung. Ob es gelingt, ist eine andere Frage. Dass ein großer Teil der aktuellen Verlagsproduktion eher anderen, ephemereren Zielen folgt, ist leider in jeder Großbuchhandlung einsichtig. Am Prinzip des Mediums und seiner Wechselwirkung ändert dies jedoch nicht. Mein Blog ist ein Notizmedium. Wenn ich ein Buch schreibe, geht es mir darum, ein Werk zu verfertigen.  Daher schreibe ich auch vielleicht hundert Blogtexte im Jahr aber nur ein Buch im Jahrzehnt. Möglicherweise ist diese persönliche Wahrnehmung aber ebenso nur eine Nischenempfindung.

Möglicherweise klingt es auch deshalb in meinen Ohren ziemlich hoch vom Ross, wenn bei Kathrin Passig das Lesen von Büchern leichthändig als Kutschfahrt und Häkelclub beiseite gewischt wird und ein Hohelied auf die Ahistorizität erklingt:

 ”Ich glaube nicht, dass es das Qualitätskriterium für einen Gedanken ist, dass er auch in 300 Jahren noch richtig sein muss. Ich glaube, man kann sehr gute Ideen haben, die genau von jetzt bis nächsten Sommer richtig sind und danach nicht mehr. Die flüchtigen Medien eignen sich viel besser dazu, Themen in einer Konversation, in einem Prozess, zu behandeln. Wir leben nicht mehr in einem mittelalterlichen Kloster.”

Leben und besonders kulturelles Leben ist unzweifelhaft: Prozess. Es braucht aber Fix- bzw. Referenzpunkte und ob die immateriellen Ereignisse der zeitstempelmarkierten Web-Kommunikation als solche allein fixierend genug wirken, bezweifle ich doch sehr. Die Bibliothek ist ein hoch elaboriertes Referenzmedium für gedruckte Objekte und bildet für viele Facetten des Denkens, wie ein Blick in die Regalreihen im Grimm-Zentrum zeigt, immer noch eine wundervolle Infrastruktur. Digitale Verfahren haben die Findability und Verarbeitbarkeit der Bestände deutlich erhöht. Aktuell verschmelzen diese Nutzungswerkzeuge mit den Inhalten und welche Probleme daraus entstehen, ist noch gar nicht absehbar. Das sage ich aus der Bescheidenheit eines Bibliothekswissenschaftlers heraus, der sich professionell recht eingehend mit diesen Fragen befassen muss. Vielleicht bin ich deshalb zu vorsichtig und/oder womöglich scheint es nur mir aus  gerade dieser spezifischen Perspektive sinnvoll, den Prozess ohne die übertriebene Hast anzugehen, die den Diskurstriebmitteln bestimmter Akteure innewohnt.

Abgesehen davon gehe ich persönlich zusätzlich davon aus, dass Objekte bzw. materialisierte Manifestationen von Sinn (Bücher, Bilder, Skulpturen, Briefe) eine bestimmte Qualität auch für das Erinnern markieren, die weit über den Retrieval-Speicher Googles, der Kathrin Passig vorzuschweben scheint, hinausreicht. Auch hier stehe eventuell einen Schritt weit neben dem Zeitgeist, da mir ja auch eine dieser halbverschwommenen farbverschobenen Polaroid-Aufnahmen mehr am Herzen liegt, als die 2000 Digitalfotos auf der Speicherkarte, die während eines Urlaubswochenende so anfallen. Ich habe leider derzeit keinen Einblick, wie die Objektkultur der digitalen Jugend aussieht, welche Rolle (qualitativ-strukturell) Sinnlichkeit in ihrer Wahrnehmungswelt spielt und ob diese davon ausgeht, wovon ich ausgehe: Dass die Qualität solcher Objekte darin liegt, dass sie einen greifbaren Zeitschnitt darstellen. Sie binden das Denken und Schaffen und auch als Spur die Existenz eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer sinnlich komplexen Weise auf Dauer. Nicht unbegrenzt, nicht einmal unbegrenzter als digitale Spuren. Aber manifester. Diese Qualität reicht über den eigentlichen, wandelbaren Inhalt hinaus.

Vielleicht sind solche Formen und sinnliche Ansprüche in der Touchscreen vermittelten Welt des 21. Jahrhunderts wirklich ein nostalgieverseuchter Anchronismus und eventuell gefiel mir Gary Shteyngarts Lovestory besser als den meisten deutschen Rezensenten (die deutsche Übersetzung verzerrt allerdings auch sehr viel), weil mir der Touchscreen für bestimmte Belange eine zu glättende Oberfläche darstellt und Shteyngart diesen Gegensatz in scheußlicher Konsequenz auszuwalzen verstand. Möglicherweise liegt es auch an meinem generellen Interesse an Erinnerungskulturen und Spuren, dass es mir nicht genügt, meine zukünftige Erinnerung und mein aktuelles Erinnern allein über die flüchtige Infrastruktur einer Handvoll für mich nicht beeinflussbare Marktakteure zu definieren.

Es wird einen Grund geben, weshalb ich mich also weigere, mein kulturelles Handeln einzig auf das zukunftsjubilierende Pferd eines „Aber es geht ja doch immer in eine Richtung weiter, die auch ganz interessant ist.“ zu setzen und ihm die digitalen Sporen zu geben. Und bis ich den persönlichen benennen kann, liefern die Urheberrechtsakteure einen zum Vorschieben: Die undurchsichtige Situation des Digitalen Urheberrechts bringt einen im digitalen Raum schnell und fast zuverlässig an die Grenzen dessen, was eigentlich möglich ist. Man kann als fröhlicher Webrevolutionär sicher darüber hinwegsehen. Aber die rechtlichen Folgen sind nicht (nicht auf diese Art) virtuell. Sie sind handfest und beschäftigen die Betroffenen weitaus stärker, als der Kathrin Passig so lästige Medienwechsel zwischen Bildschirm und Buch.

14 % Wachstum. Eine Studie zur Entwicklung von Open Access-Zeitschriften, referiert bei Nature

Posted in Open Access with tags , , , on September 21, 2011 by

Die Anmerkungen John Whitfields zur Studie Mikael Laaksos et al. über die Entwicklung der Open Access-Zeitschriften in den Jahren 1993 bis 2009 (The Development of Open Access Journal Publishing from 1993 to 2009. In: PLoS One. 6 (6). http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0020961) erschien zwar bereits (zeitnah zur Publikation der Untersuchung) im Juni dieses Jahres (Open access comes of age. In: Nature 474, S. 428. http://dx.doi.org/10.1038/474428a) Er gelangte mir jedoch erst heute während einer klassischen Regalrundschau in einer Bibliothek zur Kenntnis. Und da dieses Blog auch schon länger auf Aktualisierung wartet, passt es vermutlich ganz gut, wenn ich hier notiere, was mir an dem Beitrag als interessant erscheint.

Zunächst einmal gibt es die Fakten: Die Zahl der reinen Open Access-Zeitschriften wuchs im untersuchten Zeitraum um ca. 15 %/Jahr. Neben der Neugründung gibt es auch den Fall, dass traditionelle Titel die Erscheinungsform ändern und auf Open Access umsteigen. Wuchtiger wirkt das Wachstum jedoch, wenn man das Publikationsaufkommen vergleicht:

“In 2000 we estimate that there were around 19 500 articles published OA, while the number for 2009 is 191 850 articles. The journal count for the year 2000 is estimated to have been 740, and 4769 for 2009; [...]” (Laakso et al.)

Allerdings wächst auch die Zahl der Subskriptionstitel. Nur eben nicht so rasant, sondern nur um ca. 3,5 %/Jahr. Dagegen beschleunigt sich die Zunahme der OA-Titel seit 2000. Zudem neigen diese nach dem so genannten goldenen Weg publizierten Zeitschriften dazu, größeren Zahlen von Beiträgen zu publizieren. Während die Zahl der Zeitschriftentitel für den zitierten Zeitraum um 18%/Jahr wuchs, lag das Wachstum der publizierten Artikel bei 30 %.

Interessant ist dabei die publikationsgeschichtliche Differenzierung des Gesamtuntersuchungszeitraums. Die Autoren sprechen für die Frühphase der Jahre 1993-1999 von den “Pioneering Years”, für den mitteleren Zeitraum 2000-2004 von den “Innovation Years” und für die restliche Zeit (2005-2009) von den “Consolidation Years”. Unübersehbar ist Open Access als gängiges Verfahren in der Wissenschaftskommunikation angekommen. Und hat, laut dem bei John Whitfield zitierten Peter Suber, entgegen mancher Befürchtung die kommerziellen Anbieter nicht gefährdet. Dass Whitfield den Beitrag nutzt, um ausführlich auf die jüngst von der Nature Publishing Group gestartete OA-Publikationsplattform Scientific Reports hinzuweisen, unterstreicht dies zusätzlich: Die kommerziellen Wissenschaftsverlage haben es vielmehr verstanden, mit dem Author-Pays-Verfahren Open Access in ein einträgliches Geschäftsmodell zu elaborieren. Scientific Reports ist dabei ausdrücklich als Mitwettbewerber zu PloS One konzipiert. Generell, so der Beitrag Whitfields, ist jedoch nicht geklärt, inwiefern Open Access-Zeitschriften direkt in Konkurrenz zu traditionellen Subskriptions-Titeln stehen oder ob das Open Access-Verfahren nicht als neue Form des wissenschaftlichen Publizierens zu verstehen ist.

Laut Stevan Harnad sind Open Access-Publikationen eher als neuartige Ansätze (“new ventures”) zu verstehen. Und da parallel die jeweiligen Kernzeitschriften auch als closed-access-Publikation bezogen werden müssen, stellt diese zweigliedrige Form des wissenschaftlichen Publizierens – hier Kosten für die Abonnements, dort Kosten für Author-Pays-Publikationen – tatsächlich auch eine doppelte Belastung für die Wissenschaftsfinanzierung dar. Ohnehin scheint ihm das Wachstum der Open-Access-Zeitschriften wenigstens dann nicht zureichend groß,  wenn man von dem Ziel der hundertprozentigen Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen ausgeht. Die Rate entspricht seiner Meinung nach also nicht dem, was Wissenschaft und Forschung eigentlich benötigen. Die Lösung, die ihm vorschwebt, sind Mandate, die Wissenschaftler verpflichten, Publikationen in Subskriptions-Zeitschriften zusätzlich nach dem so genannten grünen Weg in offenen Repositorien zugänglich zu machen.

Ein interessanter Aspekt, der zwar nicht bei Whitfield, aber in der Studie von Laakso et al. aufscheint und die Verbindung zur Findability von Open Access-Publikationen schafft (vgl. u.a. diesen Beitrag im LIBREAS-Weblog), ist die Annahme, dass sich die Nutzung von Suchmaschinen in der Praxis des wissenschaftlichen Recherchierens positiv auf die Popularisierung und damit die Entwicklung von Open Access-Zeitschriften auswirkt:

“OA journals also benefit from the fact that researchers and other potential readers increasingly use general search engines and free search engines like Google Scholar to search for articles, as their material then is on equal terms with traditional subscription articles.”

Interessanterweise widerspricht dies in gewisser Weise den Ergebnissen von King, Tenopir et al. (2009, Scholarly journal information-seeking and reading patterns of faculty at five U.S. universities. In: Learned Publishing. 2 (22) S. 126-144), wonach nur 14% der wirklich rezipierten Aufsätze über Suchmaschinen gefunden werden. Laakso et al. bringen also auch keinen Beleg für die zunehmende Benutzung von allgemeinen Suchmaschinen für die Suche nach Aufsätzen. Eventuell wird hier also ein subjektive Wahrnehmung generalisiert. Eventuell besteht aber auch eine Diskrepanz zwischen der Suche und der Rezeption: Man greift – vermutlich aufgrund der einfachen und schrankenlosen Nutzbarkeit – häufiger auf Suchmaschinen zurück, findet aber in den Resultaten weniger Beiträge, die man als relevant (bzw. lesenswert) erachtet. Und andere interessante Texte entdeckt man tatsächlich noch in der Zeitschriftenauslage einer nahen Universitätsbibliothek.

Confuzzly Logic. Ein eigenartiger Beitrag zum Copyright Discourse zwischen Tonband und Napster.

Posted in Sonstiges with tags , , , , , , on March 8, 2011 by

„The entertainment industry tells people they shouldn‘t steal music because they wouldn‘t steal a car, but has anybody ever downloaded a car?”

Peter K. Yu stimmt auf seinen Text Digital Copyright and Confuzzling Rhetoric zur Argumentationsführung des Urheberrechtsdiskurses mit einem so anschaulichen wie sympathischen Vergleich ein. Dann fügt er etwas Irritierendes an: „Music fans praise Napster.

Wäre ich Prüfer in Bayreuth, wüsste ich angesichts des offensichtlichen Anachronismus der Huldigungszuweisung was zu tun ist. Aber Peter K. Yu meint es ernst für das Jahr 2011 und verweist nicht etwa auf fast auch schon beinah altbackene Musik-Blog-Suchmaschinen wie hypem.com. Dafür legt er uns schon in der Überschrift ein neues Wort nahe: das etwas plüschige confuzzling, in dem sich verwirrt und perplex wunderbar zusammenfinden. Diejenigen, die die Lolcats-Szene verfolgen, kennen es vermutlich schon. Und diejenigen, die Peter K. Yus Aufsatz mit der lockenden Überschrift durchlesen, lernen es kennen.

„Confuzzling“ ist ein typisches Beispiel des sprachspielerischen Potentials von Internetgemeinschaften, die schneller als die Lexikographie eine neue Seite aufblättert, eine neue Benennung geprägt und verbreitet haben. Jede Verwendung bestätigt ihn und trägt ihn weiter. Aber nicht jede Verwendung muss ihn derart innig selbst praktizieren, wie es Peter K. Yus in seinem jüngst auf SSRN vorpublizierter Text ist für das Vanderbilt Journal of Entertainment and Technology Law (JETL) tut. Dabei ist der Ansatz durchaus nachvollziehbar. Denn das JETL ist ein law student journal der Vanderbilt Law School in Nashville, Tennessee und verfolgt den Ansatz, „to present an informative discussion of the contemporary legal issues that face the entertainment and technology industries.” (vgl. hier)

Der Beitrag dagegen verfolgt laut Abstract den Ansatz, „ to help the entertainment industry make its proposals for digital copyright reform more convincing.”

Die Übereinstimmung ist gegeben und scheint sich räumlich weiter zu bestätigen: Die Partnerstadt des durch Tokio Hotel ebenfalls popkulturell ausgezeichneten Magdeburgs trägt ja nicht ohne Grund den Beinamen Music City sowie, was möglicherweise etwas weniger bekannt ist, den des Athens des Südens. Der Blick auf den Globus zeigt, dass Nashville tatsächlich einen Breitengrad südlicher als Athen gegründet wurde. Den Anlass für die Umschreibung bot allerdings weniger die Geographie, sondern der Status als regionales Bildungszentrum. Nashville war, so die Stadtinformation, die erste Kommune der südlichen Vereinigten Staaten, die öffentliche Schulen betrieb und zu diesen noch einer Reihe von höheren Bildungseinrichtungen Heimat bot.

Wo akademische Tradition und Populärmusik derart zusammenfinden, ist eine rechtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Urheberrechtsrhetorik der Musik- und Unterhaltungsindustrie mehr als naheliegend. Dass diese zur Unterstützung dieses immaterialbegüterten Industriezweigs dienen soll, erhöht die Spannung der Lektüre noch.

Allerdings gehen zwei Rechnungen nicht auf. Zum Einen die geographische: Der Autor lehrt nicht im Geburtsort des Teenie-Überidols Miley Cyrus, sondern an der Drake University in Des Moines, einer Stadt, die musikalisch vorwiegend mit der von dort stammenden Band Slipknot Bekanntheit erlangte.

Zum Anderen erweist der Autor in seinem wenigstens in der Wahl seiner Kapitelüberschriften durchaus beschwingten Beitrag zur Kommunikationskultur des Copyright-Diskurses, der Industrie argumentativ etwas, was man gemeinhin als Bärendienst bezeichnet. Sofern er gelesen wird. Wer es wagen mag, findet den Beitrag unter http://ssrn.com/abstract=1775886.

Besonders bemerkenswert ist, wie sich Peter K. Yu als internetsoziologisch bestenfalls dürftig beleckt outet, wenn er eine Generationenkluft „between the copyright-abiding generation and Generation Y“ feststellt. Zur Generation Y bleibt, wahrscheinlich gar nicht mal verkehrt, zu sagen:

„Many members of this generation do not share the norms reflected in existing copyright law. Nor do they understand copyright law or see the benefits of complying with it.”

Er meint damit übrigens nicht etwa die Generation derer, die mit Digitaltechnologie aufwuchsen, sondern vermutlich generell Teenager. Alles andere wäre Unsinn. Denn wer selbst Teil der Generation Kassettenkultur ist, erinnert sich eventuell, dass sowohl die nicht autorisierte Kopie wie auch der dagegen ziehende Argumentationsfeldzug der Musikindustrie keine Erfindung des Internets ist. Man könnte nun streiten, ob diese älteren Geschwister der Digital Natives urheberrechtlich ähnlich gleichgültig an Medien herantraten oder, noch mehr skrupulös statt skrupellos, Träger erster normativer Erosionen waren, die später mit Napster ihre Sprengkraft wirklich entfalteten. Der Blick in Erich Schulzes Handbuch „Urheberrecht in der Musik“ spricht eher für Variante eins und eröffnet den Blick auf eine lange Traditionslinie der Debatte um die Privatkopie. Für das Geschäftsjahr 1978 verrechnet er die Einnahmen über die Geräteabgabe von 24 Millionen D-Mark mit Tonbandkassettenabsatz:

„Wird […] davon ausgegangen, daß im gleichen Jahr 100 Millionen Leerkassetten verkauft worden sind, so sind allein der GEMA für jede dieser Kassetten DM 0,80 Mindestlizenz – also insgesamt DM 80 Mio. – verlorengegangen. Da die Kassetten aber wieder gelöscht und neu bespielt werden können, ist der wirkliche Schaden natürlich viel höher. Die Selbstbedienungsläden des Geistesschaffens halten jedoch nicht nur Leerkassetten, sondern auch alle möglichen Werkzeuge für eine schrankenlose Fotokopierpraxis feil.“ (Erich Schulze: Urheberrecht in der Musik Berlin ; New York : De Gruyter, 1981, S. 86)

Interessanter als diese Rechnung ist jedoch die zuvor geäußert Feststellung, „daß die Einnahmen für die private Bild- und Tonträgervervielfältigung bei weitem kein Äquivalent für die wirtschaftlichen Verluste durch die nicht vorherzusehen gewesene Verbreitung der Leerkassette sind.“ (S. 39)

Die entscheidende Wortgruppe ist hier: „nicht vorherzusehen gewesen“. Man kann unzweifelhaft davon sprechen, dass das MP3-Format die Leerkassette des Millenniums wurde.

Die Argumentation der Industrie lief dereinst häufig analog zu der im Digitalen: Für jede Kopie wird ein Original nicht gekauft. Und schon in den 1970ern lieferten Fachleute die relativierenden Gegenargumente: „Früher habe ich auch immer die Hits auf Tonband aufgenommen. Bei den Single-Preisen von sechs Mark ist das auch mehr als verständlich“, bekannte Thomas Gottschalk, Platten-Jockey [sic!] beim Bayerischen Rundfunk in einer Ausgabe der Jugendzeitschrift Bravo aus dem August 1977 (vgl. hier). Die Sängerin Gilla, berühmt u.a. für die eingedeutschte Version des Lieds Voulez-Vous Couchez Avec Moi? (=Willst Du Mit Mir Schlafen geh’n?) meinte in der gleichen Ausgabe: „Wenn eine Platte ein Hit ist, wird sie auch gekauft. Ich kann bei mir keinen Umsatzrückgang feststellen.“

Man muss nicht Shirley Bassey im Ohr haben, um festzustellen: „but to me it seems quite clear/that it’s all just a little bit of history repeating.” Man kann aber auch an etwas anderes denken, was der spätere „Na sowas!“- und „Wetten, dass…?“-Star in seiner Aussage nahelegt: Die Kids dachten und denken einfach konsequent kostenrational und gehen den Weg des für sie günstigsten Zugangs. Dass die unsichtbare Hand am rec-Schalter bzw. der Mauszeiger auf dem Download-Button das Immaterialgüterrecht übergeht, kalkuliert ein normaler 14-Jähriger genauso wenig ein, wie, ob die im Lautsprechermodus aus dem Mobiltelefon erklingende Melodie, mit der sich jugendliche Nachtwandler am Samstagabend die U-Bahnfahrt beschallen, nicht sachverhaltlich § 19 Abs. 3 UrhG berührt. Das märchentraurige Beispiel der armen Samantha, das Peter K. Yu ausführt, dürfte daran nur ändern, dass er die Bedeutung einer einfältigen Redewendung („der Ehrliche ist der Dumme“) in vollem Umfang erfasst. Ungeachtet der Tatsache, dass man sich an der Stelle für mehr Urheberrechtspädagogik aussprechen könnte, wirkt Peter K. Yus Feststellung zum Verhalten der Generation Y etwas sehr geschichtsvergessen: „Before the arrival of the internet and new communications technologies, how this generation behaves was not commercially significant.”

Vielleicht reagierte die Musikindustrie in den prädigitalen USA anders, aber der Verband der British Phonographic Industry (BPI) wird nicht grundlos in den 1980ern mit großem Aufwand eine Kampagne „Home Taping is Killing Music“ initiiert haben. Genauso wenig wird sich 1982 der damalige WEA Manager Charles Levison nicht ohne Grund auf Konfrontationskurs zur englischen Musikpresse mit der Ankündigung begeben haben, keine Anzeigen mehr in Magazinen zu schalten, die „either piracy or home taping“ befürworten. (Billboard Magazine, 02.Oktober 1982, S. 4) Zur gleichen Zeit definierte die Electronic Industry Association „heavy music tapers“ als solche, die sechs oder mehr Musikkassetten innerhalb von drei Monaten kopierten. Verglichen mit der musikalischen Quantität, die sich auf einem Durchschnitts-iPod befindet, sind das tatsächlich Werte, die zum staunenden Schmunzeln anregen. Die Musikindustrie zeigte sich dennoch alarmiert, musste aber in der Erhebung zum Raubkopieren auch feststellen, dass genau diese Zielgruppe zugleich auch besonders intensiv Tonträger erwirbt. Dessen ungeachtet sprach Jim Bonk, zu dem Zeitpunkt Chairman vom Prerecorded-Tapeverband National Association of Recording Merchandisers, aus, was auch heute mit einer Verschiebung zum Filesharing nach wie vor durch Teile der Kreativwirtschaft wabert: „There is a great consensus among board members that home taping is one of our biggest enemies.”

Es ist äußerst erhellend, in alten Zeitschriften nachzulesen, wie dieses frühe Auftreten der Privatkopie diskutiert wurde. Peter K. Yu hat sich diese staubige Tätigkeit offensichtlich erspart und vielleicht tut er sogar recht, sich auf digitale Kontexte zu konzentrieren. Denn die Überführung aller medialen Inhalte in binären Code eröffnete dem Phänomen der Reproduzierbarkeit wirklich nicht vorherzusehen gewesene Portale.

Dennoch bewegt er sich in seiner Generationenanalyse nahe an der Realsatire. Die liegt nicht einmal darin, dass er schreibt, dass das Verhalten „Generation Youtube“ vor Eintreffen der Digitaltechnologie ohne wirtschaftliche Relevanz blieb. Denn konsequent gedacht ist die Aussage sogar korrekt. Sofern man guten Willen zeigt, sieht man ihm diesen Schnitzer sogar nach, denn es wird deutlich, dass er eigentlich allgemein die heimkopierende Kohorte meint, bei der für gewöhnlich Musikgenuss vor Urheberrechtskonformität rangiert. Eine Drehung zu grotesk erscheint am Ende jedoch der schlichte Weg, auf dem er die Lösung heran spazieren sieht: Entweder die eigene Beteiligung an der gesellschaftlichen Wertschöpfung bringt die Piraten auf den Pfad der Rechtskonformität oder aber – Obacht:

„Many of these youngsters may also view piracy differently after seeing their musician friends struggling to stay out of the poorhouse because rampant online filesharing has prevented them from earning their well-deserved royalties or obtaining the much-needed recording contracts.”

Die Industrie selbst kann natürlich nicht auf den einsichtigen Zeitpunkt warten, an dem die musizierenden Freunde als abschreckendes Beispiel vom Rapbattle zum Bettelstab weiterziehen: „After all, many constituents in the entertainment industry will suffer while they wait for this generation to grow up.“

Ich fürchte, sie wird zwar wütend schnaufen aber kaum staunen, wenn sie sieht, dass, solange die Technologie es zulässt, der nicht-rechtskonforme Genuss medialer Inhalte, von neuen Heerscharen juveniler Delinquenten gefeiert wird, bis sich die Ladebalken biegen.

Glücklicherweise stürzt nicht der gesamte Text Peter K. Yus derart aus der Logik, wie seine Conclusio. Die Aufarbeitung gängiger Argumente für oder gegen ein starkes Copyright verdeutlicht beispielsweise sehr anschaulich, wie schlicht die meisten Maschen sind, die in der Gesamtdebatte zusammengestrickt werden. Wenn das Ziel Peter K. Yus jedoch war, hinsichtlich seiner Zentralerkenntnis, die da lautet

„The more the industry can make its arguments convincing, the more likely it will be able to educate the public about the need for greater protection and enforcement, and the more public support for its proposed reforms the industry will secure.”

überzeugend voranzugehen, dann ist er mit dem Verweis auf Napster zu Beginn seines Textes ins falsche Jahrzehnt abgebogen und in einer Simpliziade gelandet, die man im Intellectual Property-Discourse amerikanischer Law Schools im Jahr 2011 genauso wenig wie in den Vorstandsetagen der Kreativwirtschaft erwartet.

Der bewusste Ausdruck. Acht Thesen zur Transformation der Buch-/Lesekultur.

Posted in Medienverhalten with tags , , , , on July 15, 2010 by

Berlin ist ja meistens eine kleine köchelnde Hauptstadt. Selten jedoch merkt man es deutlicher als in diesen Juli-Tagen in der Mitte und dort mitten in diesem schmalen, polyphonen Triangel zwischen Großer Hamburger, August- und Sophienstraße, der für jeden Auslandsreisenden, der hierher gespült wird, zum Besuchspflichtprogramm gehört.

Richtig metropolitan wird die Nachbarschaft allerdings erst, nachdem die Dunkelheit sich zwischen die Häuserzeilen gezwängt hat. Dann entfaltet sich vor dem Ballhaus ein von den Mühen des Tages gezeichnetes  Straßen-Soirée auf dem leicht dampfenden Asphalt und wer noch einen Sitzplatz sucht, um veträumt und von der Tropennacht aufgesogen in seinem  Passionsfrucht-Sorbet einzusinken, der muss auf den nahen Spielplatz ausweichen. So schwebt hier ein Potpourri verschiedenster Menschen (und einiger lose zwischengestreuter Rassehunde) durch die Nachbarschaft und über allem steht tatsächlich wohlgetroffen das sonst mitunter überscharfe Bild, welches die Reiseführer vom Mythos Berlin-Mitte zeichnen.

Entsprechend liegt das kulturwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität präzise am rechten Fleck der Stadt, nämlich dort, wo sich die hochkarätig bestückten Galerien, die eleganten Fachgeschäfte mit ihrem außerordentlich verfeinerten Sortimenten sowie das unaufhörliche Gespräch, welches über den Gehweg aus den Cafés in die Quasi-Fußgängerzone perlt, zu einem sommerwarmen Fluß aus Zeichen, Worten und Erfahrungen verbinden, der in seinem kleinen stadtkulturellen Staubecken auf entspannte Badegäste wartet.

Wer die Kulturwissenschaft studiert, möglichst mit Leidenschaft, kann also nahezu direkt aus dem Seminarraum in den wohltemperierten Pool gehobener Stadtkultur hechten und es sind Tage wie diese, die einem Jahre später helfen, die Studienzeit zur schönsten Lebensphase zu verklären.

Vor die Träumerei haben die Götter der Seminarplanung allerdings den Schweiß gesetzt und dies ist im konkreten Fall ganz buchstäblich gemeint. Der Seminarraum 3.01 unter dem Dach der kulturwissenschaftlichen Fakultät erwies sich all denjenigen, die sich vom Pflichtgefühl treiben oder vom Veranstaltungsthema locken ließen, als eine Art intellektuelle Garküche am Mittwochabend. Es ist daher den Teilnehmern der Veranstaltung nicht genug für ihre Ausdauer zu danken und auch wenn die Kompensation nur eine geringe ist, möchte ich das Manuskript zu meinen dargelegten Gedanken über die Zukunft der Buch- und Lesekultur an dieser Stelle allgemein einsehbar machen.

Dies erfolgt einmal mehr mit dem Hinweis auf die jedem Mutmaßen in ein Morgen hinein gegebene Eigentümlichkeit: Es könnte alles auch ganz anders kommen. Oder wie Vladimir Nabokov in Durchsichtige Dinge schrieb:

“Einige ‘künftige’ Vorkommnisse mögen wahrscheinlicher sein als andere. So weit so gut, doch alle sind schimärenhaft und jede Folge von Ursache und Wirkung ist immer eine Frage des Treffens und Danebentreffens.”

Und das gilt in vierlerlei Hinsicht.

Der bewusste Ausdruck. Acht Thesen zur Zukunft der Buch-/Lesekultur. als PDF oder nach dem Sprung als HTML-Volltext.

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