Freie Grütze: Ein Kommentar zur Open Access Week in der FAZ

Posted in Kommentar, Open Access on October 20th, 2009 and tagged , , , , ,

Gerade auf die Kosten von Open Access, aber auch auf die Folgen einer Monopolstellung elektronischer Medien und auf urheberrechtliche Bedenken verweisen die Kritiker dieses Ansatzes [OA-Förderprogramm der DFG]. Solcher Skepsis setzen die Teilnehmer der Aktionswoche Vorträge und Informationsstände entgegen. Wenn das beide Seiten darüber ins Gespräch bringt, wie und um welchen Preis Open Access die Wissenschaftslandschaft verwandelt, dann hätte sich der Einsatz schon gelohnt. Dass Open Access niemanden hungern lässt, beweist bereits die Universitätsbibliothek Kassel. Dort will man Grütze verteilen, deren Farbe und Form dem Logo der Bewegung nachempfunden sind. Natürlich kostenlos.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentiert in ihrer morgigen Ausgabe auf den Seiten zum Thema Forschung & Lehre (leider nur) kurz die Open Access Week. (Grütze gegen Zweifel, Seite N 5, bislang nicht frei im Netz) An andere Mittwochen hat sie allerdings schon sehr prägnante Beiträge zur Debatte beigesteuert. Diesmal preist sie eher allgemein die Diskursivität der Woche und die Kassler OrAnge-Grütze (so wäre wohl die passende Schreibweise).

Der Untertitel des kleinen Zweispalters – “Eine Woche für das kostenlose Lesen im Internet” – zeigt jedoch, dass hier (wahrscheinlich mehr noch in der FAZ als in der OA-Bewegung) die Auswirkungen von Open Access mit der rein ökonomischen und publikationsbezogenen Sicht nicht ganz ausgeschöpft und behandelt wurden. Da wird das aktuelle Hauptthema der Pressewelt zuungunsten anderer Effekte des Open Access überbetont, denn der freie Zugang, der genau genommen für all diejenigen, die ihren Netzanschluss selbst bezahlen, auch nicht kostenlos ist, stellt nur eine der Folgen von Open Access dar. Und auch um das Lesen geht es nicht allein.

Letztlich scheint das Thema des offenen Lesezugriffs auf Aufsätzen sogar ein bisschen erschöpft: die Wissenschaftsverlage haben das Author-Pays-Model als Option übernommen, die Wissenschaft lässt sich darauf ein, und dass die Inhalte frei abgerufen werden können, wird außerhalb der Verwertungsindustrien übergreifend als erstrebenswert akzeptiert. Spätestens wenn die entsprechenden Modelle auch die letztgenannte Gruppe umsortiert haben, wird in der Wissenschaft der freie Zugang zu den Diskursen aller Erwartung nach ein Standard sein.

Interessanter als die Frage, ob man vor der Einsicht eines Textes bezahlen muss oder nicht, ist jedoch, wie sich das wissenschaftskommunikative Verhalten im digitalen Umfeld generell verändert und welche Rolle Open Access dabei spielt. Die freie Teilhabe an Wissenschaftsdiskursen drückt sich nicht zuletzt in neuen Möglichkeiten des Beisteuerns von Inhalten aus. Die zeitnahe Publikation von sich aufeinander direkt beziehenden Diskursbeiträgen, wie man sie in der Blogosphäre regelmäßig antrifft, könnte die kommunikative Praxis auch in der Wissenschaft auf längere Sicht durchaus gehörig umgraben. Zu Aufsatz und Monographie würden sich informellere und schnellere Formen des Austausches und auch des argumentativen Aushandelns gesellen.

Der freie Zugang zu diesen Diskursen (und nicht nur der Lesezugriff auf die Publikationen) verwischt die Grenze zwischen Experten und Laien. Das mag nicht jede Disziplin gleichermaßen und gleichschnell betreffen, aber gerade in weniger auf Entdeckung/Entwicklung als auf Argumentation bauenden Fächern könnte sich leicht das wiederholen, was man an populären Mediendiskursen wie dem um den Heidelberger Appell beobachten konnte. Wie man in solchen Kommunikationsräumen ein gewisses Qualitätsniveau sichert, ist übrigens eine Frage, mit der die deutsche Presse mit ihren Leserkommentaren Tag für Tag nicht unbedingt erfolgreich kämpft…

Die traditionellen Formen der Wissenschaftskommunikation orientieren sich darüber hinaus nach wie vor an der Fassbarmachung über Papier. Auch digitale Publikationen werden bisher zumeist in Seitenform gesetzt, sind dadurch nicht zuletzt als Einzeldokument indentifizierbar und lassen sich hinsichtlich des Zugriffs überschauen bzw. auch mittels Social-DRM u.ä. kontrollieren. Ob die digitale Kommunikation allerdings langfristig viel vom wissenschaftlichen Aufsatz mit im Schnitt 10 Seiten Länge übrig lassen wird, ist nicht vorhersehbar. Vielleicht entsprechen die tradierten Formen wie z.B. die Geschlossenheit eines publizierten Textes auch langfristig einem kognitiven Optimum und werden sich halten. Vielleicht etablieren sich aber auch völlig andere Strukturen für die Abbildung des Diskurses.

Dass die Bereitstellung von Primärdaten mittlerweile zu einem Thema auch für Verlage geworden ist, zeigt dagegen, wie sich auch auf dieser dokumentenstrukturellen Ebene Formvorgaben aus der analogen Praxis aufzulösen beginnen. Stoffliche Zwänge und drucktechnische Notwendigkeiten für die Abbildung von Inhalten gibt es dafür nicht mehr.

Ungeklärt ist bisher, inwiefern sich die Wissenschaftsverlage in diesem Zusammenhang tatsächlich positionieren können und inwieweit die öffentlichen Wissenschaftsinstitutionen und neue Akteure (vielleicht auch Google) an dieser Stelle die Plattformen und digitalen Kommunikationswerkzeuge entwickeln. Und natürlich, wie diese Entwicklungskosten finanziert werden. Womit sich der Kreis in gewisser Weise doch wieder schließt. Für die Wissenschaftsförderung wird es zweifellos sinnvoll sein, Open Access langfristig nicht nur in Hinblick auf das elektronische Publizieren, sondern direkt in Bezug auf die Entwicklung von Diskursinfrastrukturen zu betrachten. Diese werden sicher aus mehr als Repositorien und Zeitschriften bestehen.

Adé Serendipity? Die New York Times berichtet vom Ende des Zufallsfundes und was ihn retten soll.

Posted in Medienverhalten on August 3rd, 2009 and

Die New York Times spürt in einem aktuellen Artikel (Darlin, Damon (2009):Ping: Serendipity, Lost in the Digital Deluge. In: New York Times, 02. August 2009) dem Verschwinden der Serendipity nach, das in Deutschland vorwiegend in der Wissenschaftstheorie bekannt ist, im englischen Sprachraum aber auch außerhalb des Wissenschaftskontextes Anwendung findet. Eine eindeutig Übersetzung zu finden, ist schwierig. Generell meint Serendipity das eher zufällige Entdecken von etwas, was sich als hochinteressant und relevant herausstellt.

„Wie weit Forschung ein systematisch-methodischer Prozess ist, wird bei dem in der Wissenschaft wichtigen Begriff Serendipity in Frage gestellt. Als Horace Walpole dieses Wort 1754 prägte, das er dem persischen Märchen „The Three Princes of Serendip“ entnahm, das 1557 in italienisch erschienen war, betonte man noch nicht so stark wie heute die Zufälligkeit mit der Entdeckungen oft geschehen.“ (Umstätter, Walther (2007): Qualitätssicherung in wissenschaftlichen Publikationen. (PDF) S. 16, sh. dort auch Fußnote 12)

In der Wissenschaft verschwindet das Phänomen der Serendipity schon etwas länger in der auf Erkenntnisplanung und Entwicklung orientierten so genannten Big Science. (vgl. ebd. S. 24) Bzw. versucht man, sie auszuschalten. Das ist insofern auch für die aktuelle Urheberrechtsdebatte im Anschluss an den Heidelberger Appell, die eigentlich und am Ende auch stärker in eine Digitalisierungsdebatte führt, relevant, da das Medium Internet im Umfeld dieser Big Science und aus dem Bedürfnis, großer Datenmengen Herr zu werden, entstand. Ähnliches gilt für das elektronische Publizieren in der Wissenschaft. So wie die digitalen Infrastrukturen die wissenschaftliche Medienkultur in diesem Bereich grundlegend veränderte, wirkt sie etwas zeitversetzt auf die Medienalltagskultur. Beiden gemeinsam ist die nun im Vergleich zur vordigitalen Medienrezeption ungleich höheren Datenorientiertheit und –präzision, die sich vor die ästhetisch orientierte Erfassung der Inhalte schiebt.

Damit lässt sich auch ein stückweit mehr Einsicht in das Grundproblem der unterschiedlichen wissenschaftlichen Kommunikationspraxen in der vorwiegend auf Big Science orientierten STM-Fächer und den nach wie vor starke Züge der Little Science, also des entdeckenden und interpretierenden Einzelwissenschaftlers, tragenden Idealtypus der Geisteswissenschaft gewinnen. Mehr als der Beweiskraft des Datums gilt hier die Überzeugungskraft des Arguments und zwar immer dann, wenn sich eine Aussage nicht in das Binärsystem wahr/nichtwahr reduzieren lässt.

So wäre durchaus zu überlegen, inwieweit hinter der weitaus stärker verbreiteten Ablehnung digitaler Kommunikationsmedien in den Geisteswissenschaften eine mehr oder weniger bewusst wahrgenommene Furcht vor dem Verschwinden der Serendipity steht. Oder anders: Inwieweit die bestehenden und bekannten Formen digitaler Kommunikation den interpretativen Erkenntnismethoden dieser Disziplinen weniger zuspielen, als dies bei datenintensiveren Forschungsansätzen der Fall ist. Und inwiefern sich manche Vertreter der Geisteswissenschaften die Struktur ihrer Wissenschaftspraxis durch die Struktur des Mediums bedroht sehen.

Sofern keine Notwendigkeit zum Wechsel des Kommunikationsmediums besteht und auch keine Verbesserung der praktischen Erkenntnismöglichkeiten zu erwarten ist, scheut man verständlicherweise den Umstellungsaufwand. Auch das Argument der freien Zugänglichkeit mittels Open Access erscheint zumindest solange irrelevant, solange eventuelle Unzugänglichkeiten kompensierbar sind. Da die Erkenntnisproduktion in interpretativen Disziplinen ohnehin über längere Zeiträume angelegt ist, scheint hier der Druck, eine Publikation zeitnah und möglichst noch als Preprint vor dem Erscheinen zur Kenntnis zu nehmen, nicht sonderlich hoch.

Zudem ist Doppelarbeit in interpretativ-argumentativ orientierten Wissenschaften im Gegensatz zu den erkenntnisorientierten Disziplinen weniger problematisch und häufig im Sinne einer Review bzw. eines mehrfachen Durchdenkens eines Arguments aus verschiedenen Perspektiven sogar erwünscht. Gründlichkeit geht hier vor Vollständigkeit. Denn gerade durch die Wiederbetrachtung eines Arguments und seine Rekombination, so die Überlegung, entdeckt man neue Relevanzen und zwar häufig an einer Stelle und in einer Form, die nicht erwartet wurde. Also als Serendipity.

Dieses Entdecken setzt allerdings die Möglichkeit der unerwarteten Variation voraus. Beim offenen Folgen von Hypertextspuren im WWW scheint dies allerdings gegeben zu sein und zwar in einem Umfang, der die Möglichkeiten einer klassischen Freihandaufstellung in einer Bibliothek weit übersteigt.

Die New York Times sieht die Serendipity dennoch gefährdet und zwar durch Empfehlungssysteme, die auf Verhaltensmuster anderer setzen und diese mit den eigenen abgleichen:

„But that isn’t serendipity. It’s really group-think. Everything we need to know comes filtered and vetted. We are discovering what everyone else is learning, and usually from people we have selected because they share our tastes.”

Das Regalbrowsen ist nicht mehr möglich, wo die Musiksammlung und die Bibliothek in einer Datenbank erschlossen über eine Klassifikation oder ein mehr oder weniger kontrolliertes Vokabular vorliegen. Ich glaube allerdings, dass sich hier etwas anderes auswirkt. Nicht die Serendipity geht verloren, sondern die unmittelbare Einbindung der Medien in die physische Lebensumwelt. Die digitale Medienrezeption ist immer materialunabhängig und bildschirmvermittelt:

„With an e-book reader, the person on the subway seat across from you will never know what you are reading.”

Dies aber nicht, weil der Text digital ist, sondern weil die Rückseite des Lesegerätes für alle Bücher gleich aussieht. Das Problem liegt also nicht in der Digitalität selbst, sondern in ihrem Rahmen.

Die Serendipity auf den Displays und in den vernetzten Systemen ist nicht zwangsläufig mehr Group Think, als die am Bücherregal, in dem Titel stehen, von denen einmal angenommen wurde, dass sie auf einem Buchmarkt Leser und damit Kunden finden werden. Im digitalen Umfeld erhalten sie allerdings eine ständig aktualisierte, eindeutig ausweisbare und in Empfehlungssystemen verwertbare Einbettung in einen Nutzungskontext, der die Zugriffe aller anderen Nutzer im System in Bezug auf den jeweiligen Inhalt erfasst und auswertet.

Die daraus ermittelte Präzision irritiert so manchen und dies ist der Anlass für den Artikel in der New York Times. Denn die dahinter stehenden statistischen Ausdifferenzierungen, die sich hervorragend für das zielgruppenspezifische Marketing eignen, führen in Kombination mit der im Internet im Vergleich zu physisch präsenten und nutzbaren Medieninhalten ungleich größeren Menge an vorhandenen und potentiell rezipierbaren digitalen Inhalten zu dem Phänomen, das man vor einigen Jahren Information Overload nannte:

„And there is just too much information. We can have thousands of people sending us suggestions each day — some useful, some not. We have to read them, sort them and act upon them.”

Genau genommen handelt es sich um einen “Communication Overload”, da wir uns zu den Empfehlungen positionieren müssen. Die privaten und die Gruppennutzungsstatistiken und die automatisch ermittelten Ähnlichkeiten führen zu einer Form von Metainformation, die aus dem physischen Medienumfeld kaum bekannt war, die im digitalen jedoch relativ gleichberechtigt neben den eigentlichen Inhalten steht. Wo in sozialen Netzwerken die eigenen Rezeptionsgewohnheiten und Geschmacksmuster zu eindeutig nachweisbarem Sozialen Kapital avancieren, gewinnt diese Form von Information noch stärker an Bedeutung. Den gesteuerten Zufall benötigt man eigentlich nicht als Zusatz: Die Aufmerksamkeitsfenster sind ohnehin schon ausgefüllt.
Innerhalb der elektronischen Systeme sind diese Strukturdaten eindeutig und schwer hintergehbar, fest dokumentiert und müssen, da automatisches „Vergessen“ zumeist nicht in der Systemplanung . vorgesehen ist, bei Bedarf per Hand korrigiert oder gelöscht werden. Daher geht in diesen auf Vollständigkeit orientierten Medienmanagementsystemen tatsächlich ein gewisses Maß an Unschärfe und „Eigensinn“ verloren. Die Informationsmenge ist zwar nach wie vor hoch, aber schwer verdaulich bzw. „boring“.

Um diesen Mangel zu kompensieren, versucht man, wie die New York Times berichtet, die Zufälligkeit wieder als Eigenschaft zu berücksichtigen und zwar nicht vorrangig, um hier eine Schwäche im System auszugleichen, sondern, um die Vorliebe für das nicht gezielte Entdecken als Marktlücke zu nutzen:

„As we pay for them with our time, the human need for surprise presents an opportunity for new businesses.”

Das Verfahren dieser Simulation von Ziellosigkeit nennt man übrigens „high-tech crowdsourcing“. Ob diese kontrollierte Erzeugung des Unerwarteten funktioniert, bleibt abzuwarten. Eigentlich ist sie nicht notwendig: Denn die Ubiquität symbolischer Strukturen bzw. die Dauerverfügbarkeit aus subjektiver Sicht unendlicher Informationsmengen, die Mythos und Ideal der Vollständigkeit auch in der Wissenschaft wohl endgültig erledigt haben, stürzen die Rezipienten in digitalen Medienwelten in eine Situation, in der Serendipity mehr als jemals zuvor zum zwangsläufigen Bestandteil des Informationsverhaltens geworden ist. So präzise digitale Daten- und Symbolstrukturen auch sein mögen: das menschliche Gehirn als primäres Verarbeitungselement enthält all die Unschärfe, die nötig ist, um weiterhin querbeet und wild zu denken. Das Internet ist eine Infrastruktur, die sich nur schwer regulieren lässt. Von der statischen HTML-Seite bis zu komplexen Ajax-Oberflächen, von Bittorrent-Downloads bis zu vielfältigen Blockierversuchen finden sich alle möglichen Merkmale nebeneinander. Das Nadelöhr, an dem man eingreifen kann, liegt nicht im Netz selbst, sondern in der Steckdose daheim. Der algorithmisch generierte Zufall ist eine weitere Variante der Nutzung dieser Infrastruktur, die parallel mit Bestrebungen, jeden Zufall auszuschließen existiert. Gelingen wird beides nicht in Vollständigkeit, denn der menschliche Faktor – egal auf Nutzer- oder Erzeugerseite – wird eher früher als später zureichend Defekte aufwerfen.

Die Aufgabe einer geisteswissenschaftlichen Praxis in digitalen Informations- und Kommunikationsumgebungen wird hoffentlich sein, genau diese Lücken zu thematisieren und zu fragen, was die digitalen Symbolmaschinen mit dem Animal Symbolicum macht und dieser mit ihnen. Dazu allerdings muss man beide Seiten kennen. In dem Maße, in dem die Digitalität den Alltag des Menschen prägt, wird sie tatsächlich zum Zwang der Geisteswissenschaften. Denn sie wird in der aktuellen Welt der Erzeugung und Gestaltung von Kultur, die in der westlichen Hemisphären fast immer irgendein digitales Element und sei es zu Dokumentationszwecken enthält, zum Kernbestandteil des Gegenstandes und damit zum Material dieser Disziplinen.

Nach der Debatte ist vor der Debatte? Von Heidelberg bleibt jetzt noch Google übrig

Posted in Diskurs, Markt, Open Access on July 18th, 2009 and tagged , , , , , , , , , ,

Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.

Richard Kämmerlings berichtete einmal in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Tagung zu den Auswirkungen der neuen Medien auf die Buchkultur. Auf dieser sprach laut Bericht u.a. der Soziologe Gerhard Wagner über die “Einfalt des vernetzten Hypertextes” im Vergleich zur Vielfalt einer “gewachsenen Buchkultur”. Graham Jefcoate äußerte in Hinblick auf den zunehmenden digitalen Nachweis und die elektronische Bestellbarkeit von Frühdrucken im British Museum, dass diese Titel nun intensiver genutzt und entsprechend abgenutzt, bzw. “zu Tode gelesen” werden und betonte, dass die Digitalkultur den Originalen den Garaus macht, wenn zum Nachweis nicht auch eine digitalisierte Arbeitsversion auf den Bildschirm kommt: “Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.”

Roland Reuss sah das in gewisser Weise anders: “Am Beispiel heute bereits wieder veralteter Medien wie Mikrofilm und Mikrofiche kann man sehen, wie rasch die Konvertierung von Beständen auf neue Speicherformate aktuell wird.” Auch seien die Fragen der Langzeitarchivierung und die Nutzungsdauer von Subskriptionen nicht geklärt. Auch Uwe Jochum betrachtete offenbar die Virtualisierung von Buchbeständen nicht gerade mit Enthusiasmus:

“So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich.”

So las man es im Oktober 1998 (Kämmerlings, Richard:Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1998, S.46) und heftete den Zeitungsausriss mit Randbemerkung in den Leitz-Ordner. Während die “Werkherrschaft” bereits auf dem Programm stand, fehlte vom Urheberrecht noch jeder Spur. Allerdings ging es in Wolfenbüttel auch direkt um die Auswirkungen der Digitaltechnologie auf die Bibliotheken. Dass Endkunden irgendwann elektronische Texte auf ihren Mobiltelefonen lesen wollen und Studierende Lehrbücher womöglich bis zum Tode der Publikationsform auf USB-Sticks aus den Universitätsbibliotheken tragen wollen würde, lag fern fast jeder Vorstellung. Die Suchmaschine “Google” war zu diesem Zeitpunkt in einer Testversion knapp einen Monat online und meldete auf ihrer Startseite: “Index contains ~25 million pages (soon to be much bigger)“. Die Frankfurter Allgemeine meldete ein Jahr später, dass die Suchmaschine „www.google.com“ mit neuen Algorithmen und der Anzeige von ähnlichen Ergebnissen in Betrieb gegangen ist (Ausgabe 14.10.1999, S.30)

Im Jahr 2008 kam das Unternehmen Google auf um die 21,8 Mrd. Dollar Umsatz und lag damit nicht mehr weit unter dem geschätzten Umsatz der US-Verlage, für die 24,3 Mrd. Dollar angegeben werden.

Man kann demnach durchaus von veränderten Vorzeichen sprechen, auch wenn Annabella Weisl von Google in der Diskussion vom Mittwoch ganz richtig betonte: “Wir sind nicht das Internet.” Aber angesichts der Zahlen vergleichsweise doch ein großer Spieler im Webgeschäft, der wahrscheinlich, wenn er wollte, eine ganze Reihe von Verlagen gar nicht zum Vergleich bitten müsste, sondern einfach aufkaufen könnte. Insofern kann man die Aufregung in der Buchbranche schon verstehen: Ein mächtiges Gewölk der digitalen Inhalte türmt sich am Horizont auf und man vermag nicht so recht abzuschätzen, ob es sich um Schön- oder Unwetterwolken halten und ob man demnächst nass bis auf die Knochen im Wolkenbruch steht oder einen Regenbogen ungekannter Schönheit bestaunen kann. Das akute Bedürfnis nach einem festen Dach über dem Kopf ist durchaus nachzuvollziehen, auch wenn in diesem Fall auf Deutschland noch nicht einmal feiner Niesel tropfte. Das Dach heißt in diesem Fall “Urheberrecht”. Google möchte, laut eines aktuellen Berichtes Richard Kämmerlings, die Axt, die laut allgemeinem Sprichwortschatz den Zimmermann im Haus ersetzt, nicht an dieses legen. Aber so richtig will der deutsche Buchhandel nicht an diesen Vorsatz glauben.

In gewisser Weise holt die Buchbranche eine Debatte nach, die vor wenigen Jahren die Bibliotheken stark beschäftigte: Ist Google eine Bedrohung? Davon ist mittlerweile wenig zu spüren, vielleicht weil die Bibliotheken merken, dass die Nutzer trotz Google nicht fortbleiben und vielleicht, weil die Nutzer genügend Erfahrungen mit den Leistungsgrenzen von Google gesammelt haben und beides, die Bibliotheksangebote und Internetsuchmaschinen, verschränkt und pragmatisch je nach Informationsinteresse nutzen. In der Wissenschaft haben sich Bibliotheken jedenfalls weder durch Google noch durch das Internet erledigt und es erscheint ebenso eher unwahrscheinlich, dass die wissenschaftliche Monographie tatsächlich ausstirbt, weil man über Google Books nach Textstellen suchen kann. Dass sich wissenschaftliche Publikationsformen generell verändern und die Druckausgabe eine Optionalform unter verschiedenen Repräsentationsmöglichkeiten von Inhalten darstellt, ist durchaus denkbar. Das entscheiden die Wissenschaftler als wissenschaftliche Kommunizierende. Sie wählen sich ihren Kanal und bestimmen die legitime Form.

Es erscheint aber nicht so, als würde sich gerade Google hier als treibende Kraft bei der Auflösung der Medienform Buch etablieren. Google bleibt auch mit dem Buchscanprogramm ein Akteur, dem es um den Zugang zu Information geht, nicht um die Gestaltung von Trägermedien. Insofern irrt man in der Annahme, dass Google, wenn es vergriffene Titel scannt und verfügbar macht als Verlag agiert. Es gleicht darin eher einem Antiquariat, dessen Regale sich nicht leeren. Oder einer Bibliothek mit Scans und dazu erschlossenen Volltexten. Mit viel Fantasie könnte man die Aktivitäten mit Google mit denen eines Reprint-Verlages vergleichen. Aber letztlich wird eine bisher nicht gegebene Form des Zugangs zu bereits Publiziertem geschaffen. Dahinter steckt immer noch ein Buch. Für die Wissenschaft ist dieses vor Jahren Publizierte zumeist als Quellensammlung interessant. Für die laufende Wissenschaftskommunikation sind dagegen andere Entwicklungen viel relevanter.

Die bisher etablierten Open Access-Verfahren teilen mit Google Books eigentlich nur die Gemeinsamkeit, dass sie dem traditionellen Dokumentenbegriff verhaftet sind: Sie beziehen sich auf Publikationen, die weitgehend analog zu Druckprodukten konzeptioniert und potentiell druckbar sind. Die beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von Primärdaten oder auch der Wissenschaftskommunikation über hypertextuelle Medienformen wie Wikis oder Weblogs vorliegenden Entwicklungen lassen parallel dazu auf Kommunikationsformen schließen, die sich dem Druckparadigma entziehen. Dass Hubert Burda vor einiger Zeit kräftig in Scienceblogs investierte, zeigt, dass auch Verlage hier nach Möglichkeiten suchen. Vielleicht ist das statische Lehrbuch tatsächlich ein Auslaufmodell. Dann aber vermutlich nicht, weil Bibliotheken es gescannt haben, sondern weil Lehrbuchinhalte in einer anderen medialen Form vermittelt werden.

Nachdem man mittlerweile wohl eindeutig geklärt hat, dass in Deutschland kein Wissenschaftler zu einer bestimmten Publikationsform gezwungen werden kann, wäre es für die deutsche Buchbranche an sich vermutlicher sinnvoller, die Kräfte auf den Aushandlungsprozess mit Google zu beschränken. Die Attacken gegen die offenen Kommunikationsformen der Internetkultur, die wenigstens im Zeitungsbereich von den Verlagen auf ihren Webauftritten selbst in großem Umfang und mit Bedacht eingerührt wurden, sorgen zwar nach wie vor für eine hohe weböffentliche Wirkung, sind ansonsten aber perspektivisch unfruchtbarer als jedes Blogposting. Solange Artikel 5 des Grundgesetzes in Kraft ist, wird es im Internet eine Auseinandersetzung mit Inhalten jedweder Art und auf jedweder Stufe intellektueller Feingliedrigkeit geben. Demnächst wird in LIBREAS ein Text von Joachim Losehand erscheinen, der sich mit dieser Kommunikationskultur intensiver befasst.

Richard Kämmerlings ist also nicht gänzlich zuzustimmen, wenn er aktuell Roland Reuß‘ mittlerweile eher peinlich wirkendem Wüten im Wasserglas gegen die DFG und diejenigen, die das Netz frisch, frei und von der Leber weg nutzen, weil sie es können, den Arm um die Schulter legt und schreibt: „Aber Versachlichung ist vielleicht auch nicht immer angemessen.“ Irgendwann wird sie eben doch notwendig, wenn man in der Debatte vorankommen möchte. Eine Fokussierung des Betrachtungsfeldes hilft dabei zusätzlich.

Die Situation stellt sich doch für die Buchbranche ganz gut dar: Das Problem mit dem Open Access ist im Großen geklärt und wird im Kleinen von den Autoren mit ihren Verlagen auf Einzelfallebene ausgehandelt. Als nächste Erkenntnis folgt hoffentlich, dass das Aufreiben an der Blog- und Netzkultur zwar eine fröhliche brancheninterne Bauchpinselei darstellt und vielleicht sozialpsychologisch als Gemeinschaft über Abgrenzung erzeugendes Element eine gewisse Funktion erfüllt. Daran, dass sich Adam Soboczynski und Kollegen an mehr oder unqualifizierten Kommentare zu ihren Artikeln gewöhnen müssen, wird das „Wörterbuch des neuen Unmenschen“ (Roland Reuß) nicht viel ändern. Der Leserkommentar wird so normal, wie es heute in den Bibliotheken die Online-Kataloge und elektronischen Zeitschriften sind. Vor elf Jahren durfte man hinter diese Selbstverständlichkeiten des Bibliothekswesens im frühen 21sten Jahrhundert noch ein Fragezeichen machen.

Übrig bleibt heute ein klarer Interessenkonflikt zwischen dem Einzelakteur Google und den deutschen Verlagen. Die können jetzt auf ihren Urheberrechtstagungen auf Frau Weisl einschimpfen, deren Rolle es wohl mehr der eines Frustfängers als eines Gegenübers entspricht, oder versuchen, sich noch einen anderen Verhandlungspartner aus einer anderen Etage des Unternehmens einzuladen und mit ihm auf einer Sachebene ihr Anliegen zu diskutieren. Die mediale Tingeltour mit Botschaftern wie Roland Reuß und Volker Rieble hat dagegen deutlich an Charme und Anziehungskraft verloren. Die Frankfurter Tagung war nun hoffentlich der letzte Höhepunkt dieser Tournee aus Polemik und haltlosen Ressentiments. Berichte zur Veranstaltung gibt es zahlreiche. Auch Richard Kämmerlings hat wieder eine Zusammenfassung für die FAZ verfasst. Diese kann man hier lesen und mit der eigenen Personomy erschlossen in die Social Bookmarking-Plattform der Wahl ablegen: Den Autor kann niemand entrechten.

Ausgeschwärmt. Zur Journalismusdebatte und der Unsinnigkeit einer Metapher

Posted in Journalismus, Web 2.0, Weblogs on June 8th, 2009 and tagged , , , , , , , ,

Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der “Schwarmintelligenz” ist. Kollektivintelligenz klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären Aufbruchs, den mancher angesichts der kollaborativen Plattformen ausrief, verlangt nach Schlagkraft und das Bild des Schwarms, der immer weiß, wohin er schwenken muss, hat sich irgendwie hineingedrängelt und etabliert. Das ermöglicht den Hütern des Qualitätsjournalismus wie Mathias Döpfner (Axel Springer Verlag) genauso wie diversen ZEIT-Autoren (vgl. auch hier), deftig aufzusatteln:

Einer undifferenzierten “Im Netz gehört allen alles”-Auffassung erteilt er jedenfalls eine Absage. Dies würde dem unabhängigen Journalismus, für den Blogger kein Ersatz sein könnten (”Neben Schwarmintelligenz gibt es im Internet auch Schwarmdummheit”), die wirtschaftliche Basis entziehen: “Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht”.

Man muss jetzt nicht weiter über das Leserreportertum sinnieren. Und auch nicht über die Vermengung einer so unsinnigen, undifferenzierten und inexistenten “Alles für alle”-Praxis. Im Netz ist mächtig viel gut reguliert und es gibt wohl niemanden, der von der WELT verlangt, ihr e-paper gratis zur Verfügung zu stellen. Bei einer anderen großen Springer-Publikation würde man sich mitunter gar wünschen, sie würde viel umfassender hinter einer Zugangsbarriere liegen.

Die Blogosphäre zieht jedenfalls nicht aus, um die Zeitungen zu bedrohen. Und die bloggenden Individuen in ihr schon gar nicht. Niemand liest Blogs, um sich die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung zu sparen. Vielmehr entstehen in der Blogosphäre eigene Formen von Inhalten wie auch von Journalismus, die manchmal Schnittmengen mit dem aufweisen, was Zeitungen bieten. Besonders wenn letztere eigene Blogs aufsetzen. Deren Inhalte finden ein Publikum, dem diese Medienform gefällt. Manche, eher wenige, verlieren darüber den Geschmack an der klassischen Zeitung. Die Ursachen dafür, dass den Zeitungen ihr Publikum verlustig geht, liegen nicht selten darin, dass viele Titel nicht mehr mit den Informationsbedürfnissen der Leser korrespondieren und sich z.B. in Scheindebatten, wie der unbegreiflichen Bedrohung der eigenen gesellschaftlichen Rolle durch das amorphe Internet ergehen. Zuviel Nabelschau macht sie für die potentiellen Zeitungskäufer auf Dauer einfach irrelevant. Genauso das oft gleichschrittige Hinterhereilen hinter vermeintlichen Markttrends. Am Urheberrecht und seiner angenommenen Aushöhlung im WWW liegt es dagegen vermutlich nicht. Die wirkliche Nivellierung erfolgt nicht durch die Blogs, sondern eher, wenn Mathias Döpfner ausruft:

“Für Partikularinteressen gibt es keinen Raum und keinen Anlass”

Wieso eigentlich nicht? Die plurale Wissensgesellschaft mit unterschiedlichsten Bedürfnissen hinsichtlich der Rezeption und Verwertung von Information führt zu einer Vielzahl unterschiedlicher Medienformen auch im Textbereich. Wissenschaftliches Publizieren folgt grundlegend anderen Gesetzmäßigkeiten als die Veröffentlichungspraxis der Publikumsverlage. Die Blogosphäre gehorcht anderen Regeln als der Magazinmarkt. Wenn Raum und Anlass für Partikularinteressen ist, dann jetzt. Während also der Springer-CEO zur Block- oder auch Schwarmbildung aufruft, erkennt man zunehmend, dass der Schwarmbegriff als Metapher ungeeignet ist. In einer Vorlesung vom 02. Februar 1977 bestimmte Roland Barthes sehr anschaulich das Phänomen des Schwarms, dieser “zusammenhängende[n], massive[n], gleichförmige[n] Ansammlung von Individuen derselben Größe, derselben Farbe und oft desselben Geschlechts, gleich ausgerichtet, in gleichem Abstand voneinander, mit synchronisierten Bewegungen”:

Wie sich Schwärme reproduzieren. Zum Laichen schieben sich Schwärme männlicher Tiere über die Schwärme von Weibchen. Die Eier steigen zusammen auf und durchqueren den Schwarm der Männchen, die ihre Milch ausstoßen. –> Vermehrung ohne Kontakt, reine Gattung, ohne Subjekte. Erotisches Paradoxon: Die Körper sind eng beieinander, jedoch ohne zu lieben. (Roland Barthes: Wie zusammen leben. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 83f.)

In der aktuellen Debatte um Blogs bzw. nutzergenerierte Inhalte im Internet und die professionelle/kommerzielle Produktion von Inhalten in den traditionellen Medien scheint es fasst, als seien erstere die Weibchen, aus denen zweitere unter Zugabe ihrer medialen Aufbereitungsmilch ihre Produkte hervorbringen. Die fallen dann zurück in den Reproduktionszyklus und weiter dreht der Kreisel. Beide Schwärme befinden sich allerdings in diesem Fall in einem Elitendiskurs, der eine ganze Reihe von Akteuren draußen lässt.

Gerade die Massenmedien, also die auf größere Lesermassen ausgerichteten Tageszeitungen, verlieren in diesem Balzkampf einen großen Teil der für sie relevanten Leserschaft aus den Augen. Sie erkennen zu wenig, dass sie in diesem Ententeich nur noch mitschwimmen und ihre gern postulierte Rolle des Schwarmführers längst im Primat der Verkaufbarkeit und der Anpassung an den antizipierten Massengeschmack verloren haben. Statt also von einer Beißerei in die andere zu stolpern, sollten sie in der Diversifikationstendenz, die im Internet eben auch und gerade existiert, das Leitmotiv für ihre eigene Perspektive sehen: Profilierung und zwar möglichst nicht über eine Abwehrhaltung, sondern über inhaltliche Qualität und Relevanz. Am besten in einer produktiven Verschränkung mit den neuen Medienformen, die mehr umfasst, als die Zugabe von etwas Milch. Und die Blogosphäre bzw. der Rest der Webgemeinschaft sollte sich vom Irrbild der Schwarmintelligenz lösen, die auch nur einem halbtrivialen ökonomischen Ansatz folgt. Roland Barthes stellte richtig fest:

“Menschen: individuelle, nicht gattungsspezifische Intelligenz [...] Ethologie liefert visionäre Bilder, nicht Argumente.” (ebd.)

Was dem Schwarmjournalismus wie der Schwarmintelligenz also fehlt, ist die Erotik, das Begehrenswerte, das Anziehende. Die Liebe zu dem/die Leidenschaft für das, was man tut.

Das Netz als Feind. Warum ein Intellektueller das Internet mit Wut verfolgt.

Posted in Diskurs, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on May 25th, 2009 and tagged , , , , ,

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Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)

Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), Online) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe des Kulturpessimismus: Die permanente Bedrohung, das “Unverstanden sein” durch die Masse, die am Ende über die Demontage des Intellektuellen sich selbst mit in den Abgrund stürzt. Das erwartet man schon mindestens hundert Jahre und jeder Popularisierungsschritt des Zugangs zu Medien hat den Wärmeofen des Lamentos neu befeuert. Die wahren Gefahren drohten eigentlich immer aus einer anderen Richtung und es gab Zeiten, in denen das kritische Hinterfragen, welches das Markenzeichen des Intellektuellen darstellt, tatsächlich und buchstäblich an die Existenz gehen konnte. Abgesehen von der konkreten Feindschaft solcher politischen Macht, die vom intellektuellen Widerspruchsgeist in ihrer Ausübung nicht gestört werden möchte, existiert eine latent immer präsente: Die der Masse. Man kann José Ortega y Gassets Klassiker zum „Aufstand der Masse“ dem Jahr 1930 an einer beliebigen Stelle aufschlagen und losjubeln: „Ja, genau so ist es!“ Zum Beispiel:

„Wenn man im Leben fortschreitet, bemerkt man bis zum Überdruss, wie wenig Menschen zu einer Anstrengung imstande sind, die ihnen nicht als genaue Antwort auf eine äußere Notwendigkeit auferlegt wird.“

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