Ausgeschwärmt. Zur Journalismusdebatte und der Unsinnigkeit einer Metapher

Posted in Journalismus, Web 2.0, Weblogs on June 8th, 2009 and tagged , , , , , , , ,

Während wir auf die Veröffentlichung der Hamburger Erklärung des Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA warten, fällt dem genauen Beobachter der Debatte auf, wie zwiespältig und eigentlich ungeschickt der Begriff der “Schwarmintelligenz” ist. Kollektivintelligenz klänge schon etwas besser und ist als Begriff auch elaborierter. Er hat sich aber im allgemeinen Diskurs kaum duchsetzen können. Die Sprache des revolutionären Aufbruchs, den mancher angesichts der kollaborativen Plattformen ausrief, verlangt nach Schlagkraft und das Bild des Schwarms, der immer weiß, wohin er schwenken muss, hat sich irgendwie hineingedrängelt und etabliert. Das ermöglicht den Hütern des Qualitätsjournalismus wie Mathias Döpfner (Axel Springer Verlag) genauso wie diversen ZEIT-Autoren (vgl. auch hier), deftig aufzusatteln:

Einer undifferenzierten “Im Netz gehört allen alles”-Auffassung erteilt er jedenfalls eine Absage. Dies würde dem unabhängigen Journalismus, für den Blogger kein Ersatz sein könnten (”Neben Schwarmintelligenz gibt es im Internet auch Schwarmdummheit”), die wirtschaftliche Basis entziehen: “Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht”.

Man muss jetzt nicht weiter über das Leserreportertum sinnieren. Und auch nicht über die Vermengung einer so unsinnigen, undifferenzierten und inexistenten “Alles für alle”-Praxis. Im Netz ist mächtig viel gut reguliert und es gibt wohl niemanden, der von der WELT verlangt, ihr e-paper gratis zur Verfügung zu stellen. Bei einer anderen großen Springer-Publikation würde man sich mitunter gar wünschen, sie würde viel umfassender hinter einer Zugangsbarriere liegen.

Die Blogosphäre zieht jedenfalls nicht aus, um die Zeitungen zu bedrohen. Und die bloggenden Individuen in ihr schon gar nicht. Niemand liest Blogs, um sich die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung zu sparen. Vielmehr entstehen in der Blogosphäre eigene Formen von Inhalten wie auch von Journalismus, die manchmal Schnittmengen mit dem aufweisen, was Zeitungen bieten. Besonders wenn letztere eigene Blogs aufsetzen. Deren Inhalte finden ein Publikum, dem diese Medienform gefällt. Manche, eher wenige, verlieren darüber den Geschmack an der klassischen Zeitung. Die Ursachen dafür, dass den Zeitungen ihr Publikum verlustig geht, liegen nicht selten darin, dass viele Titel nicht mehr mit den Informationsbedürfnissen der Leser korrespondieren und sich z.B. in Scheindebatten, wie der unbegreiflichen Bedrohung der eigenen gesellschaftlichen Rolle durch das amorphe Internet ergehen. Zuviel Nabelschau macht sie für die potentiellen Zeitungskäufer auf Dauer einfach irrelevant. Genauso das oft gleichschrittige Hinterhereilen hinter vermeintlichen Markttrends. Am Urheberrecht und seiner angenommenen Aushöhlung im WWW liegt es dagegen vermutlich nicht. Die wirkliche Nivellierung erfolgt nicht durch die Blogs, sondern eher, wenn Mathias Döpfner ausruft:

“Für Partikularinteressen gibt es keinen Raum und keinen Anlass”

Wieso eigentlich nicht? Die plurale Wissensgesellschaft mit unterschiedlichsten Bedürfnissen hinsichtlich der Rezeption und Verwertung von Information führt zu einer Vielzahl unterschiedlicher Medienformen auch im Textbereich. Wissenschaftliches Publizieren folgt grundlegend anderen Gesetzmäßigkeiten als die Veröffentlichungspraxis der Publikumsverlage. Die Blogosphäre gehorcht anderen Regeln als der Magazinmarkt. Wenn Raum und Anlass für Partikularinteressen ist, dann jetzt. Während also der Springer-CEO zur Block- oder auch Schwarmbildung aufruft, erkennt man zunehmend, dass der Schwarmbegriff als Metapher ungeeignet ist. In einer Vorlesung vom 02. Februar 1977 bestimmte Roland Barthes sehr anschaulich das Phänomen des Schwarms, dieser “zusammenhängende[n], massive[n], gleichförmige[n] Ansammlung von Individuen derselben Größe, derselben Farbe und oft desselben Geschlechts, gleich ausgerichtet, in gleichem Abstand voneinander, mit synchronisierten Bewegungen”:

Wie sich Schwärme reproduzieren. Zum Laichen schieben sich Schwärme männlicher Tiere über die Schwärme von Weibchen. Die Eier steigen zusammen auf und durchqueren den Schwarm der Männchen, die ihre Milch ausstoßen. –> Vermehrung ohne Kontakt, reine Gattung, ohne Subjekte. Erotisches Paradoxon: Die Körper sind eng beieinander, jedoch ohne zu lieben. (Roland Barthes: Wie zusammen leben. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 83f.)

In der aktuellen Debatte um Blogs bzw. nutzergenerierte Inhalte im Internet und die professionelle/kommerzielle Produktion von Inhalten in den traditionellen Medien scheint es fasst, als seien erstere die Weibchen, aus denen zweitere unter Zugabe ihrer medialen Aufbereitungsmilch ihre Produkte hervorbringen. Die fallen dann zurück in den Reproduktionszyklus und weiter dreht der Kreisel. Beide Schwärme befinden sich allerdings in diesem Fall in einem Elitendiskurs, der eine ganze Reihe von Akteuren draußen lässt.

Gerade die Massenmedien, also die auf größere Lesermassen ausgerichteten Tageszeitungen, verlieren in diesem Balzkampf einen großen Teil der für sie relevanten Leserschaft aus den Augen. Sie erkennen zu wenig, dass sie in diesem Ententeich nur noch mitschwimmen und ihre gern postulierte Rolle des Schwarmführers längst im Primat der Verkaufbarkeit und der Anpassung an den antizipierten Massengeschmack verloren haben. Statt also von einer Beißerei in die andere zu stolpern, sollten sie in der Diversifikationstendenz, die im Internet eben auch und gerade existiert, das Leitmotiv für ihre eigene Perspektive sehen: Profilierung und zwar möglichst nicht über eine Abwehrhaltung, sondern über inhaltliche Qualität und Relevanz. Am besten in einer produktiven Verschränkung mit den neuen Medienformen, die mehr umfasst, als die Zugabe von etwas Milch. Und die Blogosphäre bzw. der Rest der Webgemeinschaft sollte sich vom Irrbild der Schwarmintelligenz lösen, die auch nur einem halbtrivialen ökonomischen Ansatz folgt. Roland Barthes stellte richtig fest:

“Menschen: individuelle, nicht gattungsspezifische Intelligenz [...] Ethologie liefert visionäre Bilder, nicht Argumente.” (ebd.)

Was dem Schwarmjournalismus wie der Schwarmintelligenz also fehlt, ist die Erotik, das Begehrenswerte, das Anziehende. Die Liebe zu dem/die Leidenschaft für das, was man tut.

Das Netz als Feind. Warum ein Intellektueller das Internet mit Wut verfolgt.

Posted in Diskurs, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on May 25th, 2009 and tagged , , , , ,

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Die Situation des Intellektuellen (unter dem Einfluss der Digitalität)

Adam Soboczynski bewegt sich mit seinem wuchtigen Vierspalter in der letzten Ausgabe der ZEIT (Soboczynski, Adam: Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird. In: ZEIT, Nr. 22 (20.Mai 2009), Online) durchaus auf einem den Intellektuellen vertrauten Terrain und auf der Höhe des Kulturpessimismus: Die permanente Bedrohung, das “Unverstanden sein” durch die Masse, die am Ende über die Demontage des Intellektuellen sich selbst mit in den Abgrund stürzt. Das erwartet man schon mindestens hundert Jahre und jeder Popularisierungsschritt des Zugangs zu Medien hat den Wärmeofen des Lamentos neu befeuert. Die wahren Gefahren drohten eigentlich immer aus einer anderen Richtung und es gab Zeiten, in denen das kritische Hinterfragen, welches das Markenzeichen des Intellektuellen darstellt, tatsächlich und buchstäblich an die Existenz gehen konnte. Abgesehen von der konkreten Feindschaft solcher politischen Macht, die vom intellektuellen Widerspruchsgeist in ihrer Ausübung nicht gestört werden möchte, existiert eine latent immer präsente: Die der Masse. Man kann José Ortega y Gassets Klassiker zum „Aufstand der Masse“ dem Jahr 1930 an einer beliebigen Stelle aufschlagen und losjubeln: „Ja, genau so ist es!“ Zum Beispiel:

„Wenn man im Leben fortschreitet, bemerkt man bis zum Überdruss, wie wenig Menschen zu einer Anstrengung imstande sind, die ihnen nicht als genaue Antwort auf eine äußere Notwendigkeit auferlegt wird.“

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In angenehmer Wissensgesellschaft: Eindrücke von einer Konferenz zum “Wissen und Eigentum im digitalen Kapitalismus”

Posted in Open Access on May 15th, 2009 and tagged , , , , , , , , ,

Es war schon ein stückweit Wohlfühlatmosphäre, die der Bundestagsfraktion DIE LINKE für die Suche nach der Antwort auf die Frage, wem denn das Wissen (im digitalen Kapitalismus) gehöre, gelang. Mittelhochoben im vierten Stockwerk des Filmhauses nahe dem Potsdamer Platz mit schönem Ausblick in den Innenhof des Sony-Centers und in die Wohnzimmer der Esplanade Residence fand sich der Besucher in einem weitgehend dissensarmen Raum – was die Panels vor 16 Uhr betrifft – mit recht üppigem Catering und vor einer guten Zusammenfassung dessen, was mehr oder weniger dieser Tage als zeitgemäße Sicht auf die Digitalität in Deutschland zu bewerten ist.

Hätte Matthias Spielkamp nicht während seines Panels zur Internetkultur, das in der Umsetzung den „Kommunismus“ im Titel zugunsten eines pragmatischeren Ansetzens an der Frage nach möglichen, sinnvollen und mehr oder weniger zweckgemäßen Vergütungsmodellen verlor, nicht darauf hingewiesen, dass es andernorts ganz andere Denkmuster gibt, die eben nicht, wie seine Panelpartner Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats und sogar Stefan Michalk, Geschäftsführer des Bundesverbands der Musikindustrie, dem Musiker Billy Bragg darin zustimmen – und zwar nicht einmal zähneknirschend – dass die Zahnpasta (=Inhalte) aus ihrer Dose (=materielle und daher halbwegs kontrollierbare Datenträger) unwiederbringlich in die Mundhöhle des Internets gedrückt wurde und dort auf Torrent- und anderen -basen vor sich hin schäumt, man hätte fast glauben können, die Zeitungen lögen wie gedruckt und es gäbe gar kein substantielles Problem zwischen der Netzkultur und der etablierten Kreativindustrie.

Kleine Differenzen gibt es schon. Stefan Michalk sieht z.B. erwartungsgemäß in der Remix-und Kreativ-Kultur bislang keineswegs den freien Nährboden für hochwertige und einer industriegeförderten Tonkunst vergleichbaren Leistungsmusik (die Arctic Monkeys explizit und zwei, drei andere implizit ausgenommen). Er hielt sich aber fernab davon, Zeter und Mordio und den Untergang des musikalischen Abendlandes in die Runde zu schmettern, und blieb durchgängig sachlich und fast pragmatisch. Da ist die Musikbranche doch mancher Stimme aus dem Verlagsumfeld tatsächlich ein paar Jahre voraus.

Das Realitätsbewusstsein war also in diesem Panel bei allen Teilnehmern etwa auf dem gleichen Niveau und in der nahezu gültigen Einschätzung des übergewichtigen Maßes an Ungewissheit, was denn morgen sein wird, ebenfalls. Die Kulturflatrate wurde hineinjongliert und hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzung fast schon wieder verworfen. Raubkopierer sind auch nicht mehr per se Verbrecher, sondern manchmal auch Söhne von Branchenrepräsentanten und aus dem Publikum kam die Anregung, Filesharing doch bitte als Kulturtechnik zu begreifen. Da ging dann nicht mehr jeder mit, aber begrüßt wurde die Überlegung als Beitrag zu Diskussion trotzdem und beinahe herzlich. Denn, so der Konsens, die Welt bewegt sich und wir sollten darüber reden, was wir mit dieser Tatsache anfangen können.
Herausgehoben interessant für diejenigen mit einem an der Frage nach der Wissenschaftskommunikation im Internet ausgerichteten Blick war natürlich das Panel zu „Open Access und Creative Commons“, dessen programmatische Nachfrage „Ende oder Beginn freier Wissenschaft?“ allerdings keine ausdrückliche Antwort fand.

Der Heidelberger Appell schwebte selbstverständlich über dieser Runde und Sabine Cofalla vom Berliner Akademie-Verlag lobte ihn noch einmal für seine in der Tat eindrucksvollste Leistung: die Debatte zu entzünden. Ansonsten ist aber über seinen widersprüchlichen Charakter und z.T. hanebüchenen Inhalt derart viel an anderen Stelle geschrieben und gesagt worden, dass er und sein Initiator Roland Reuß zwar als festes Symbol mit auf dem Podium sitzen, inhaltlich aber kein weiterer Kommentar notwendig erscheint.

Die mittelständischen Verlage, so Sabine Cofalla, haben eigentlich kein Problem mit Open Access, wohl aber mit einem pauschalen Ansatz, der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation als etwas Homogenes begreift. Denn es sind die Geisteswissenschaftler doch deutlich anders ausgerichtet, als die STM-Vertreter. Für die Erstgenannten geht die Sorgfalt der Publikation (auch in handwerklicher Hinsicht) in der Regel über die Publikationsgeschwindigkeit. Sie sind oft nach wie vor mit dem Medium Buch ganz zufrieden.

Man hätte obendrein auch einmal nachfragen können, ob die innovationsausgerichteten STM-Fächer nicht strukturell sogar weitaus stärker einem auf Funktionalität und Effizienz setzenden Muster folgen, also diskursökonomisch optimierter als die Geisteswissenschaften sind, deren Kommunikationsmuster sich zu einem gewissen Anteil auch an ästhetischen Kriterien orientieren und sich daher auch gern mit einem  adäquaten Rahmen präsentieren. Wo in der Naturwissenschaft einerseits der eindeutige Fakt zählt und andererseits – unter der Beachtung von Phänomenen wie dem Impact Factorwo er bekannt gemacht wird, sucht die Geisteswissenschaft das Argument, die Interpretation und achtet dementsprechend stärker darauf, wie etwas gesagt wird. Da diese Idee erst hinterher dazu perlte und auf dem Podium ohnehin die Zeit knapp war, bleibt nur, sie hier kurz zu notieren und weiter zu bedenken.

Abgesehen von der empirisch noch zu klärenden Frage, inwiefern Akzeptanzprobleme des Open Access in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten auf rezeptionsästhetischen Ursachen beruht, bleibt natürlich auch das Problem der Finanzierung. Zurecht wurde angemerkt, dass die Etats in den Naturwissenschaften und damit auch die finanziellen Mittel, um Publikationen auf dem goldenen Weg in die allgemeine Zugänglichkeit zu führen, ganz andere Dimensionen erreichen, als in geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

Was Christoph Bruch von der Max-Planck-Gesellschaft einfach als Umlagerung der Subskriptionskosten in Vorfinanzierung ansieht, also vom Ende der Publikationskette an ihren Beginn, funktioniert vielleicht in den Zeitschriftenwissenschaften. Bei den Buchwissenschaften scheint dagegen so manche Holprigkeit zu überwinden. Die Beispielrechnung, die Matthias Spielkamp einwarf, nämlich, dass bei einem Druckkostenzuschuß von 5000 Euro und den Absatz von 200 Exemplaren à 100 Euro an Universitätsbibliotheken die öffentliche Hand ja bereits 25.000 Euro an den geisteswissenschaftlichen Verlag auszahlt, ließ Sabine Cofalla souverän mit der Entgegnung abblitzen, dass die Bücher ihres Verlages eben keine 100 oder 150 Euro kosten und sie mit diesen dennoch gern die schwarze Null erreichen würde. Bei einem Modell, dass eine einmalig Zahlung für die Verlagsdienstleistungen vorsieht, wäre die Chance, weitere Exemplare auch an Privatpersonen abzusetzen und darüber Einnahmen zu generieren, dahin.

Nicht erwähnt wurde dabei, dass sich womöglich gar nicht 200 Bibliotheken finden, die das Buch erwerben, u.a. weil – wie der ebenfalls auf dem Podium anwesende Wolfgang Coy von der Humboldt-Universität einmal an anderer Stelle bemerkte - Akteure wie Elsevier versuchen, den gesamten Bibliotheksetat gleich auf ihr Konto umzuleiten. Da bleibt nicht mehr viel für Monographien des Akademie-Verlags. Die Zeitschriftenkrise ist auch in den Naturwissenschaften trotz relativ elaborierten OA-Formen noch längst nicht vorbei.

Überhaupt war die Verlagsleiterin des Akademie-Verlags eine Vertreterin, die nun nicht unbedingt ins initiale Problemfeld des Open Access passt: Ein hochsympathischer Verlag mit einem wunderbaren Programm, angefüllt mit Titeln, die man auch gern privat am Abend im Wohnzimmer zur persönlichen Wissenserweiterung lesen würde und dem man zweifellos ein langes und gedeihliches Leben wünscht, gehört kaum in die Reihe derer, die die Motivation zur Entwicklung alternativer Publikationsmodelle aufgrund ihrer Preispolitik nennenswert beschleunigt haben.

Unglücklicherweise hat man in Heidelberg den Ursprungshintergrund der OA-Bewegung nicht verstanden und unglücklicherweise hat vielleicht bei der DFG auch etwas Sensibilität gefehlt. Wenn die Sage denn stimmt, stellte sie eine Projektförderung für Roland Reuß in die Abhängigkeit davon, dass er sein Resultat auch frei zugänglich macht, wofür ihm sein Verlag den Korb gab und das Projekt platzte und darauf dem Abgelehnten der Kragen. Den Rest kann man in der FAZ und in der Frankfurter Rundschau nachlesen. Dafür, dass die Vorgeschichte so stimmt, übernehme ich keine Garantie, nur klingt das Lied der Spatzen von den Dächern so ähnlich.

Verbindlich ist dagegen, dass auch Christoph Bruch die Möglichkeit, nicht zureichend Aufklärungsarbeit hinsichtlich Open Access bei den Geisteswissenschaftlern (und ihren Stammverlagen) geleistet zu haben, einräumte. Das passt gut in die Forderung von Sabine Cofalla, dass Open Access in den Verträgen mit den Verlagen differenziert behandelt wird. Sehr viel ist möglich, man muss es nur absprechen und aushandeln.

Dies erfordert von den institutionellen Anbietern bei der Gestaltung von Mandaten einen flexibleren Ansatz, wobei angemerkt wurde, dass deutsche Mandate relativ zurückhaltend formuliert sind. Dass das Urheberrecht, welches man bei den Diskussion gern und oft mit dem Nutzungs- und Verwertungsrecht verwechselt, durch Open Access nicht verletzt wird, versteht sich eigentlich von selbst, muss wohl aber zur Präzisierung immer wieder mal klar gestellt werden. Die Einmengung des Ausdrucks Copyright in die Urheberrechtsdebatte, die immer zwangsläufig immer dann erfolgt, wenn die geographische Betrachtungsgrenze überschritten wird, ist natürlich wenig hilfreich und führt regelmäßig zu Missverständnissen. Für eine global orientierte Wissenschaft ist das natürlich sehr problematisch. Denn gerade Naturwissenschaftler publizieren vergleichsweise selten in deutschen Publikationen (selbst Springer Science+Business Media ist halb luxemburgisch). Deutsche Geisteswissenschaftler dagegen eher schon. Auch das wird häufig in der Diskussion übersehen.

Auf dem Podium wurde die Unveräußerlichkeit des Urheberrechts frühzeitig betont. Nicht so klar war dagegen so manchem im Publikum angesichts des freundlichen argumentativen Miteinanders der Diskutierenden, wo denn eigentlich das Problem sei. Jedenfalls merkte Olaf Zimmermann dies in seinem Zwischenruf an. Die grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit, so sein Argument, stelle doch jedem frei nach dem Open Access-Verfahren zu publizieren. Dass Wissenschaftler bisher dennoch zu den Verlagen gingen, läge wohl auch daran, dass die Wissenschaftsinstitutionen bislang keinen befriedigenden Ersatz für die Verlagsdienstleistungen entwickeln konnten. Wer einmal versucht hat, ein fertiges Dokument nach einer Formatvorlage für ein Repositorium anspruchsgerecht umzuformatieren, mag ihm zustimmen. Wer aber einmal seinen Text ebenfalls selbst nach Vorgabe formatiert und als druckfertiges PDF zu einem größeren Zeitschriftenverlag eingereicht hat, fragt zu Recht: welche Dienstleistung? Hier ist wirklich und dringlich zwischen den Zeitschriftenverlagen und den Buchverlagen mit den damit assoziierbaren Wissenschaftskulturen zu unterscheiden.

Ein weiterer Aspekt, den Wolfgang Coy in der Erwiderung in die Diskussion steuerte, ist das Argument, dass Wissenschaftsfreiheit nicht eine uneingeschränkte Publikationsfreiheit bedeutet. Das mag Volker Rieble (vgl. hier) ganz anders sehen, aber zu bedenken ist allemal – und besonders auch im Vergleich zu anderen Erzeugern von Kreativerzeugnissen – ob jemand, der als festangestellter Wissenschaftler dafür bezahlt wird, dass er publiziert, nicht auch darauf verpflichtet werden kann, wo er (parallel) publiziert. Wohlgemerkt: Nicht darauf, was er publiziert! Das Gelände ist verminter als man auf den ersten Blick annimmt, denn wie will man einem Hochschulprofessor nachweisen, dass er sein Lehrbuch nicht in seiner Freizeit, also unabhängig von seiner bezahlten Arbeitszeit, verfasst hat. Und wie will man die Autonomie der Wissenschaftsgemeinschaft, die auch auf die Strukturen der Wissenschaftskommunikation unabhängig von der konkreten institutionellen Anbindung ihrer Mitglieder zurückwirkt, an dieser Stelle berücksichtigen. Mit Zwangsmandaten wird man hier nicht allzu weit kommen. Da sind Embargo-Zeiträume schon eine bessere Alternative, die selbst bei eher konservativ eingestellten Wissenschaftsverlagen fruchten könnte.

Auch wenn allgemein angenommen wird, dass das Internet schon aus den Kinderschuhen heraus ist, zeigt es sich, dass es bei vielen Buchverlagen (meist jenseits der Wissenschaft) erst jetzt als potentiell primäre Textplattform erkannt wird. Auslöser ist wohl die Aussicht auf die kommerzielle Verwertbarkeit der vom Trägermedium losgelösten Inhalte, die Amazon und Sony mit ihren E-Book-Ambitionen in den letzten zwei Jahren massiv beförderten. Dass sich aber schon weitaus länger und spätestens mit der Durchsetzung des so genannten Web 2.0 eine unglaubliche Textproduktion ausschließlich im Web vollzieht, die auch die Wissenschaftskommunikation beeinflusst, dämmert den traditionellen Buchverlagen erst allmählich. Wenn Christoph Speer daran anschließend in seinem Zwischenruf aber davon ausgeht, dass Texte generell ins Internet abwandern und dann bei besonderer Popularität von Verlagen als „qualifizierten Druckereien“ in Bücher geformt werden, dann folgt er zwar einem naheliegenden Print on Demand-Gedanken, spannt den Bogen aber doch ein wenig weit ins Ungewisse. Und unterschätzt womöglich die Trägheit (buchstäblich und wertfrei gemeint) von bestimmten wissenschaftlichen Kommunikationspraxen.

Schließlich wurde noch sehr richtig angemerkt, dass ein Hemmschuh für das Open Access und gleichzeitig das Treibmittel für die Spirale der Preissteigerungen im Zeitschriftenbereich, in einem eigenwilligen bis „kaputten“ Zitationssystem zu suchen ist, das mithilfe eines „Impact Factors“ im Prinzip die Währung der Wissenschaft „Reputation“ in die Währung des Marktes „Geld“ übersetzt, an sich aber an Objektivität zu wünschen übrig lässt. Daran, dass die „Reputation“ ihren Stellenwert im Sozialsystem Wissenschaft behalten wird, zweifelt wohl niemand. Nur müssen, so die Ansicht, neue, am besten web-gerechte Ranking-Verfahren entwickelt werden.

Ebenfalls eindeutig ist, was Olaf Zimmermann weiterhin anmerkte: Der institutionell angestellte Wissenschaftler muss im Gegensatz zu den Künstlern nicht von seinen Publikationen leben. Er könnte es in der Regel auch nicht, denn im Normalfall bekommt er von den Verlagen sein Honorar nicht in Geld sondern in potentiellem Reputationsgewinn dank Verlängerung der Publikationsliste. Die Dienstleistungen zur formalen Sicherung der Wissenschaftskommunikation (inklusive der Begutachtungsverfahren) müssen natürlich erbracht und bezahlt werden. Darüber hinaus besteht aber eigentlich keine Notwendigkeit, Wissenschaftspublikationen den Bedingungen des allgemeinen Buchmarkts zu unterwerfen. Wohin die Debatte also führen sollte, ist eindeutig: Zu einer Differenzierung des urheber- und verwertungsrechtlichen Rahmens für wissenschaftliche Publikationen.

Und die Antwort auf die Frage, wem Wissen gehört? Bis 16 Uhr gab es sie nicht und danach musste ich fort. Ein klassischer Leitsatz der Informationsökonomie lautet aber: Information ist keine Ware wie jede andere. Wissen, das über die Verknüpfung von Informationen (und manchmal Bauchgefühl) und immer individuell erzeugt wird, ist noch weniger in einem Warenbegriff fasslich. Das Wissen gehört dem, der es hat und da es wunderbar dynamisch ist, kann selbst der es nicht festhalten. Nur versuchen, es aufzuschreiben. Während man also den Zugang zu Wissensrepräsentationen regulieren kann, scheint sich das Wissen an sich der Diskussion zu entziehen. Kurz: Wir verhandeln nicht das Wissen, wir verhandeln die Bedingungen für seine Entstehung. Und die sollten in einer Wissenschaftsgesellschaft möglichst für und nicht gegen die Allgemeinheit wirken.

Ein freier Download ist noch kein Open Access. Die FAZ zu einer Tagung.

Posted in Open Access on April 27th, 2009 and tagged , , , , , , , , ,

Oha! Der Wagen läuft und läuft und die Debatte zur Themenkonstellation Internet – Gratismentalität – Kulturverfall – Piraten gibt dem Betrachter das Gefühl, er taumele geradewegs über die Monkey Island. Dies gilt besonders und bedauerlicherweise für die Qualitätspresse, die hier Textbaustein an Textbaustein reiht um schließlich die LeChucks der sieben Webmeere mit Malzbier zu bezwingen. Man könnte nun sagen, dieses Schiff sei längst abgefahren.

Man könnte aber auch sagen, dass so mancher Journalist in seiner hanebüchenen Annäherung an das Thema dahingehend offenbart, dass er nicht einmal mit Wasser kocht. Heute ist in der Frankfurter Allgemeinen der erstaunlicherweise und sicher für einen Artikel aus seinem Fachgebiet mit dem Axel-Springer- Preis 2008 ausgezeichnete Germanist und Feuilleton-Mitarbeiter Thomas Thiel an der Reihe, mit bestenfalls Zehntelwissen über das, was „Open Access“ ist, zu brillieren. „Es ist nicht die Zeit für leichtfertige Reden.“ Recht hat er. Warum tut er’s aber?: Ein Handyton ist keine Symphonie.

Sein Bericht zur Brüsseler Goethe-Instituts-Konferenz über den „Schutz geistigen Eigentums im digitalen Raum“ beruht nämlich auf der irrigen Annahme, Open Access hätte irgendetwas mit der Musikindustrie zu tun. Den Tipp hat er wohl von seiner Kollegin Sandra Kegel, der ja bereits am Samstag ihr Kommentar auf der Titelseite der FAZ derart entglitten ist, dass man als Kioskleser gleich das ganze Blatt wieder auf den Stapel zurückwarf. Man kann, darf und muss sicher bei dieser Diskussion problematisieren, was das Zeug hält. Das befreit einen aber noch nicht davon, wenigstens einmal in der Wikipedia nachzulesen, was Open Access eigentlich bedeutet. Dann unterbietet man nicht noch Roland Reuß in Unkenntnis der Materie:

„Den Vertretern des Open Access reicht meist die Schreckkulisse der vier major labels, die den Musikmarkt im Würgegriff halten, der Medientycoone vom Format Berlusconis oder Murdochs, um mittelständische Betriebe, Kleinverlage oder Garagenlabels in Sippenhaft zu nehmen und die Abschaffung jeder Art von Vermittlungsinstanz zu fordern.“

Open Access pfeift auf Universal, Sony, Berlusconi und Rupert Murdoch. Und zwar nicht, weil es für freie Unterhaltung für freie Bürger eintritt, sondern weil diese Akteure nichts, aber auch rein gar nichts mit wissenschaftlicher Kommunikation zu tun haben. Und die Open Access-Bewegung möchte auch keinen mittelständigen Verlag und auch kein kleines Garagenlabel enteignen. Nein, wirklich nicht. Sie fordert nirgendwo die Abschaffung für Vermittlungsinstanzen für derartige Kulturprodukte. Sie möchte einzig (vorrangig natur-) wissenschaftliche Publikationen – und zwar nicht einmal ausschließlich sondern gern parallel zu einer Verlagspublikation – für andere Wissenschaftler und mittelbar natürlich für die interessierte Öffentlichkeit ohne große Hürden zugänglich machen.

Die Aussage Thomas Thiels, die Open-Access „favorisiert den Feierabendkünstler, den Sampler und Tüftler, den es vor urheberrechtlichen Behinderungen bei seinen Collagen zu schützen gilt“ zeugt also entweder von einem sehr abwertenden Verständnis von Wissenschaft oder schlicht von einer beeindruckenden Unbedarftheit gegenüber der Materie. Der Physiker als Feierabendkünstler. So dummdreist arrogant müsste man erst einmal sein.

Im Ernst: Natürlich mein der vielfältig studierte Feuilletonist etwas anderes, nämlich die Gruppe, die gemeinhin als Piraten gelabelt wird und zu denen streng genommen jeder gehört, der sich ein Bundesligator oder ein nicht autorisiert eingestelltes Musikvideo bei Youtube anschaut (bzw. entert). Also vermutlich jeden, vielleicht einige Mitglieder der FAZ-Redaktion ausgenommen, was ihren Informationsrückstand in Internetthemen erklären mag. Und eventuell Myriam Diocaretz vom europäischen Schriftstellerverband, die prophezeit:

„Open Access wird zum Aussterben des Schriftstellers führen, und zwar des ganzen Berufs“

und wohl auch noch mal zur Wikipedia muss. Vielleicht weiß sie aber auch mehr und die DFG zwingt jetzt auch Daniel Kehlmann zur Publikation seiner Wissenschaftsgeschichtsprosa auf freien Servern. Und Rowohlt alle Nabokov-Texte, in denen Anspielungen auf Lepidoptera zu entdecken sind, frei interessierten Zoologen zur Verfügung zu stellen. Was die Debatte anscheinend dringlich braucht, ist eine offene Open Access-Nachschulung und obwohl die dafür notwendigen Dokumente weitgehend frei im Internet verfügbar sind, werden sie anscheinend nicht heruntergeladen. So vervielfältigungsgeil scheint der normale Nutzer also gar nicht zu sein…

Ein anderer zentraler Aspekt, der auf den ersten Blick irritiert, weil er sich mit dem geläufigen Verständnis von Öffentlichkeit nicht deckt, betrifft ein Argument des Medienwissenschaftlers Geert Lovink, der laut Thomas Thiel davon ausgeht, dass

„Wenn die Arbeit von Autoren und Verlegern unbezahlt vervielfältigt würde, […] die Grundlage öffentlicher Meinungsbildung, damit auch die Demokratie bedroht. Es habe sich gezeigt, dass Blogs die umfassende Berichterstattung nicht übernehmen können, und gleichzeitig sorgfältiger publizistischer Arbeit zunehmend die finanzielle Grundlage wegfallen.“

Man kann es auch so lesen: Ausgerechnet der freie und damit konsequent öffentliche Zugang zu Information gefährdet die öffentliche Meinungsbildung und damit die Demokratie.

Ein Monatsabo einer der beste Tageszeitungen der Welt kostet immerhin etwa 25 Euro mit Monat, dass der FAZ 39,50. Damit werden bestimmte Gehaltsgruppen konsequent vom Zugang zu solcher „sorgfältigen publizistischer Arbeit“ zunächst einmal ausgeschlossen. Ob diese Zugangsgestaltung die Demokratie fördert, darf man ruhig mal hinterfragen. Ich würde jedenfalls jemandem, der 40 Euro im Monat für Berichterstattung auszugeben bereit ist, in jedem Fall eher zu einer Internet-Flatrate als zu einer Papierflatrate der FAZ raten.

Dass freier Zugriff die Demokratie bedroht, meint Geert Lovink hoffentlich nicht. Er weist wahrscheinlich irgendwie zu Recht auf das Grundproblem hin – und nicht ein Vertreter der Open Access-Bewegung wird ihm da widersprechen – dass auch Autoren, selbst Blogger von etwas leben müssen. Sonst können sie einfach nicht schreiben. Die Frage ist, ob dies im digitalen Umfeld über eine Exemplarabrechnung sein muss.

Diese Brüsseler Zuspitzung ist an sich natürlich fahrlässig, denn der Artikel suggeriert, dass keine Alternative zu den 1,90 Euro, die der FAZ-Leser am Kiosk mittlerweile für eine immer schmalere Handvoll Papier bezahlt, existiert. Dass bisher anscheinend kein anderes praktikables Geschäftsmodell für die Zeitungswirtschaft etabliert ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass das alte nun die ewiglich unumstößliche Variante ist. Thomas Thiel hat verständlicherweise in seinem Abschlusssatz Angst um seinen Lebensunterhalt:

„Weil es für all diese Modelle aber keine wirtschaftlichen Kalkulationen gibt, bleibt ihr Erfolg unsicher. Ob sie Autoren eine Lebensgrundlage bieten können, bleibt fraglich.“

Vermutlich wird er aber in fünf Jahren in irgendeiner Onlineredaktion zum Festgehalt sitzen und sich wundern, dass alles gar nicht so schlimm kam…

Und schließlich wird unterstellt, jemand hätte ernsthaft Lust, die Zeitungsinhalte zur Tagesberichterstattung raubzukopieren. Das ist doch gar nicht notwendig: Sie stehen oft ohnehin offen im Internet und ansonsten liest man in der Stadtbibliothek.

Es ist obendrein nicht so, dass Blogs unbedingt die umfassende Berichterstattung übernehmen wollen. Man wundert sich immer wieder, wie etablierte Medienwächter, allem, was sie nicht verstehen, den Griff nach der Weltherrschaft unterstellen. Wenn man aber erkennt, dass man sich ihr in der abendländischen Konflikttradition zwischen Orthodoxie und Ketzertum bewegt, ist eine derartige Spaltung der Auffassungen und die Vehemenz im Deutungsstreit wiederum fast vorhersehbar. (Wer es noch nicht erkennt, darf mal bei Carl Amery nachlesen.)

Die Beobachtung, die die FAZ und andere so kirre macht, ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die gern und viel schreiben und ihr Einkommen mit anderer Erwerbsarbeit verdienen und die anscheinend nicht durchgängig als so schlecht angesehen werden, dass man bei ihnen nicht eine Zuwanderung von Zeitungslesern vermuten würde. Das zeugt allerdings von einer sehr begrenzten Fantasie hinsichtlich dem kulturellen Gestaltungs- und Ausdruckswillens gebildeter Menschen. Es geht nicht mehr jedem um totale Verwertung. Der Homo Oeconomicus ist keine sinnvolle und befriedigende Vollzeiteinstellung in der Überflussgesellschaft. Manch einer hat einfach Freude an der Debatte. Manch einer schreibt gern. Dass man als engagierter Demokrat und Medienrezipient mit Interesse beides liest – auch die FAZ-Blogs sind oft weitaus lesenswerter als die Zeitung selbst – bemerkt man in den Gesprächen zur strategischen Produktentwicklung in den Pressehäusern offensichtlich bisher nicht.

Es ist dennoch gut vorstellbar, dass die FAZ der Zukunft ein Verfahren, wie man es schon beim Freitag angedeutet sieht, einführt: Man lädt Leute im großen Stil zum Bloggen ein, sucht sich die jeweils besten Texte für den Druck aus, zahlt eine kleine Aufwandsentschädigung und spart sich somit einen weiteren Teil der Redaktion. Der verbliebene ist den ganzen Tag mit Sichten, Lesen und Redigieren der Blogpostings beschäftigt, so wie er heute noch die Presse- und Agenturmeldung durchblättert. Das Zeitungsgeschäftsmodell der Zukunft wird sich also vor allem mit Anreizsystemen für gute, freie Autoren befassen müssen. Und dann die Überweisung der Kulturflatrate verteilen.

Im Gegenteil: Perspektiven auf den Umgang mit digitalen Texten und das Medium Buch

Posted in E-Books, Massenmedien, Medienverhalten, Uncategorized on April 23rd, 2009 and tagged , , , , , , , , , , , , ,

Debatten in digitalen Räumen

Die aktuelle und aus verschiedenen Gründen ausgesprochen interessant zu beobachtende Debatte um das „Buch“ im Zeitalter seiner beliebigen Reproduzierbarkeit, sprich: der Digitalität, zeichnet sich bemerkenswerter Weise durch etwas aus, was man vorsichtigen Futurismus nennen könnte.
Man weiß nicht so recht, wie es kommt, glaubt aber zu wissen, was kommt und die Lücke dazwischen reichert man mit einer hemdsärmeligen Analyse an, die zeigt, dass man sich lieber von der Rhetorik als vom Fakt leiten lässt. Gerade wenn sich der Kreisel der Gedanken um die Zukunft des Buches, der Autorenschaft und des Urheberrechts dreht, geht es selten unter dem manifesten Gesamtentwurf der Zukunft. Hier treffen sich das selbsternannte Qualitätsfeuilleton, die progressiven Netzdenker von perlentaucher.de mit den oft beschworenen Heerscharen von Bloggern, die allerdings weniger tatsächlich im Diskurs mitwühlen, als Vertreter der klassischen Medien gemeinhin zu glauben scheinen.

Das liegt wohl daran, dass sie weder Zeit noch Lust haben, die in sich nicht ganz linear und nach überlieferten Medienwahrnehmungspraxen überblickbare Blogosphäre permanent zu beobachten. Das muss auch nicht sein, denn die Konkurrenz zwischen „Güteklasse A“-Journalisten und „Güteklasse B“-Bloggern ist eine künstliche, keine zwangsläufige, die beiden Seiten nützt, wenn es darum geht, Inhalte zu finden.
Die Presselandschaft übersieht dabei gelegentlich, dass bei vielen Bloggern überhaupt gar keine Motivation besteht, irgendeinem Magazin die Leserschaft abzujagen. Es muss nicht immer Journalismus sein. Wohl aber die Fähigkeit, zu differenzieren, wie was warum und vor welchem Hintergrund geschrieben wird. Das Digiversum verwischt hier naturgemäß einst klare Trennlinien. Die rein rechnerische Gewichtungspraxis des Hauptzugangsmittels zu den digitalen Texten im Cyberspace (Google) wirkt in seinem die Inhalte nivellierenden Ansatz in der Tat etwas erschreckend.

Was die Zeitungen etwas verschämt durch die Öffnung für Prinzipien des Web 2.0 immerhin erreicht haben, ist, dass sich unter dem Deckmantel „Leserkommentar“ in ihren Webangeboten tatsächlich so einiges an Stammtisch und den Raum daneben (nicht die Küche) sammelt, was ansonsten in der Blogosphäre wenig Anklang fände. Alternativ zum Angebot der regulären Ausgaben hat man sich dazu oft kontrollierte Blogs ins Haus geholt, um Geschichten zu verwerten, die es sonst nicht ins Blatt schaffen. Erstaunlicherweise sind zum Beispiel die FAZ-Blogs oft lesenswerter als die Frankfurter Allgemeine Senior, die Beiträge aufgrund des Anspruchs einer Druckausgabe gern so zusammenkürzt, dass wenig von all den Hintergründen, die man gerade lesen möchte, bleibt. Andere Zeitungen gehen da ähnlich vor.

Contra: Susanne Gaschke und der Heidelberger Appell

Die aktuelle Ausgabe der ZEIT hebt diese Woche einen Beitrag von der bereits als Internet-Skeptikerin bekannten Susanne Gaschke (Wikipedia) auf die Titelseite, der von der Qualität durchaus auch in einem gehobenen Internetforum Heimat finden könnte, bei einem renommierten und sich seines Renommé bewussten Wochenblatt aber ähnlich die Erwartungen des anspruchsvollen Lesers verfehlt, wie die groteske BILD-Schlagzeile zum Leitthema des Chancen-Buches in der Ausgabe: Macht Studieren dumm? (Der Beitrag selbst ist dann weitaus besser als sein Titel..)

Differenzierungsvermögen im Thema beweist Susanne Gaschke leider nur bedingt und in ihrem letzten Abschnitt, dass sie es offensichtlich nicht nötig hat, sich mit der Sachlage tatsächlich zu befassen. Sonst hätte sie wenigstens darauf hinweisen müssen, dass die Open-Access-Passage im „Heidelberger Appell“ schlicht aus (hoffentlich) himmelschreiender Unkenntnis heraus formulierter Unsinn ist. Selbigen reproduziert sie natürlich, in dem sie „uneingeschränkt zustimmt“. Dass der Appell und seine Befürworter es nötig haben, immer dieselben dicken Namen als Autoritäten herauszukramen, auf die man gern verweist, denn diese „Repräsentanten des deutschen Geistesleben“ (hier wieder: Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und der obligatorische Daniel Kehlmann als Vertreter der erfolgreichen Geistesjugend) sollen wohl mit ihrem guten Namen für die Qualität stehen, zeigt eben, dass bei dürftiger Sachlage und im Kampf um die Deutungshierarchie der Verweis auf populäre Spitzenkräfte der Kulturlandschaft die Richtigkeit einer Aussage stärker zu unterstreichen vermag, als der Gehalt der Aussage selbst.

Natürlich ist die „Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft […] ein hohes Verfassungsgut“ und verfassungsrechtlich traditionell so gut und selbstverständlich geschützt, dass es eigentümlich wirkt, wenn man diesen Grundsatz herauspflückt und doppelt unterstreicht. An vielen leicht zugänglichen Stellen wurde aber doch nachvollziehbar gezeigt, dass es beim Open Access gerade darum geht, die Freiheit der Wissenschaft abzusichern. Dass sich der Heidelberger Appell – übrigens halbwegs nachvollziehbar – auf Google stürzt, aber auf dem wissenschaftlichen Auge die großen Spieler im Verlagsgeschäft wie Reed Elsevier oder Springer Science+Business Media (oder vielleicht auch den Fachinformationsgiganten Thomson) im toten Winkel belässt, mag vielleicht darin begründet sein, dass Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann oder Roland Reuß auch mal bei Google suchen, aber eben nicht ihre Bibliothek überzeugen müssen, 3300 Euro für das Jahresabonnement einer Zeitschrift zum Thema „Gene Regulatory Mechanisms“ zu zahlen.

Das OA-Problem

Das Open-Access-Problem liegt, so glaube ich, darin, dass einerseits einige besonders engagierte Vertreter der OA-Bewegung recht blauäugig das in den STM-Disiziplinen durchaus bewährte Prinzip in die Geisteswissenschaften, für die dieses vielleicht gar nicht analog notwendig (oder praktikabel) ist, zu tragen versuchen, und sich andererseits Literaturwissenschaftler sowie ZEIT- und andere Journalisten ein öffentlich kommuniziertes Kurzschlussurteil über etwas erlaubt haben, dessen Dimension sie nicht ganz erfassen. Natürlich muss sich Roland Reuß nicht mit der Zeitschriftenkrise in der Medizin befassen. Dann sollte er sich aber auch nicht dazu hinreißen lassen, das Problem mit zwei, drei Halbsätzen zu seinem eigenen zu machen.

Es wird sich wohl schwerlich jemand in Reihen der »Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen« finden lassen, der einfordert, geisteswissenschaftliche Publikationen aus den Programmen des Carl Hanser Verlags oder von Hoffmann & Campe oder aus dem Hause Felix Meiner oder vom Libelle Verlag, Lengwil (alles Unterzeichner des Appells) auf das nächstbeste digitale Repositorium zu zwingen.
Eigentlich müssten gerade die Buchverlage der Open-Access-Bewegung aufgeschlossen gegenüberstehen, belasten doch die mit den Preissteigerungen häufig einhergehenden Umverteilungen der Bibliotheksetats zugunsten des Zeitschriftenoligopols gerade das Budget für Monographieerwerbungen und damit deren Geschäft mit den Universitätsbibliotheken. In jedem Fall sollten sie aber wissen – ich bin überzeugt, sie tun dies auch – dass Open Access die Rechte des Urhebers bei zweckmäßiger Anwendung weniger aushöhlt, als der Verwertungsknebel, auf dem die großen Wissenschaftsverlage gemeinhin bestehen. Warum sich Roland Reuß dahingehend in diesem Punkt dermaßen aufklärungsresistent zeigt, bleibt bislang ein Rätsel. Und warum Susanne Gaschke gleich wieder programmatisch und wie im Rausch vom Verlust unserer kulturellen Zukunft donnert, ebenso. Natürlich muss ein Leitartikel nicht stocksachlich verfasst sein. Aber er muss auch nicht immer biblische Dimension annehmen.

Pro: Jürgen Neffe und das Ende des Buches

Mit ein wenig mehr Raum im Blatt stattet die ZEIT dagegen den Schriftsteller Jürgen Neffe (mehr in der Wikipedia) aus, der diesmal dran ist, über eine ganze breite Seite seine Vision vom Ende der „Ära des gedruckten Buches“ aufzuzeichnen. Dass er sich explizit für Open Access ausspricht, mag in seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund wurzeln. Genau kann man dies natürlich nicht sagen. Er sieht aber im Gegensatz zu seiner Kollegin von der Titelseite, darin „allen alle Texte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung [zu] stellen“ keineswegs eine kulturelle Katastrophe, sondern gar den möglichen Weg, „Lesen und Schreiben zu retten“. „Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung“ nennt er das und auch hier scheinen die Augen nun auch wieder etwas blau und sentimental. Den Unsinn mit der Piraterie hätte man dann natürlich erledigt. Den Buchmarkt, der wohl bald konsequenterweise eher „Text-Markt“ heißen sollte, allerdings auch.

Immerhin leistet sich die ZEIT zwei Extrempunkte in der Ausgabe, also eine gewisse Meinungsbalance, wobei Jürgen Neffe die bessere Wahl für die Titelseite gewesen wäre, denn im Vergleich zu Susanne Gaschke ist er einigermaßen originell, wenn auch mit gleichem weit ausschwingenden Deutungsanspruch. Das Leseland ist aber generell auch ein Fantasialand und insofern ist es durchaus legitim. Selbst macht man es als Autor auch nicht anders.

Unglücklicherweise fällt einem als Leser leider eine Inkonsequenz auf, die das Vergnügen an der Tröstung über das verfließende Medium Buch („Kein Grund zur Trauer“) eintrübt. Gleich am Anfang als rhetorischen Trommelwirbel nach dem Paukenschlag der Überschrift verabschiedet Jürgen Neffe nämlich das materielle Medium Buch und die Ära des Buchdrucks sowieso. Leider in der Gesamtschau nicht sehr schlüssig:

„Das Medium der Aufklärung verliert seine Message und mit ihr ein Stück Sinn und Sinnlichkeit. Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten. Selbst eisern Bibliophile werden Gutenbergs Erbe in seiner jetzigen Form nicht erhalten können. Der Niedergang von Buchherstellung und -handel, so bitter wir ihn beklagen, folgt der Logik einer langen Kette bereits untergegangener Handwerke, Manufakturtechniken und Handelsverfahren.“

Aus der Floskel- und Bastakiste stammt die Folgeaussage: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam.“ Die Belegbeispiele reißen einen nicht unbedingt aus dem Schreibtischsessel: „Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine [..]?“ Jawohl. Dass man auf der der Tastatur einer Schreibmaschine nachempfunden Tastatur eines Computers schneller und leiser tippt und dies zunächst provisorisch dank des von der Textverarbeitung simulierten weißen Blatts schneller und leiser und flexibler zu handhaben ist, steht außer Frage. Hier wurde aber das Schreibmedium optimiert, sowie sich der Gänsekiel zum Fineliner entwickelte. Das heißt jedoch zunächst noch nicht, dass man am Bildschirm auch schneller und leiser und flexibler liest.  Oder doch? In jedem Fall anders. Und: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Erleben wir nicht, wie schnell die Mail den Brief verdrängt?“ Dank Postcrossing.com sind aktuell 94.258 altmodische Post- und Ansichtskarten auf ihrem Weg durch die Welt, motiviert durch ein Internet-Portal. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der handschriftliche Gruß dennoch überlebt. Und selbst so etwas scheinbar Überflüssiges wie das klassische Glückwunschtelegramm kann man noch über die Post ausliefern lassen. Das zugegeben als Hochpreisprodukt. Und auch hier: Die Laserdrucker in den Büros rattern nach wie vor eifrig.

„Allenfalls die Älteren können sich noch eine Welt ohne Internet vorstellen.“ Die letzte ARD/ZDF-online Studie hat 42,7 Millionen Erwachsene (=65,8%) als wenigstens gelegentliche Internet-Nutzer ermittelt (vgl. hier). Das ist durchaus ein Pfund, zeigt aber, dass ein Drittel der Erwachsenen das Medium überhaupt nicht in den Alltag integriert hat. In anderen Teilen der Welt mag es noch eine größere Gruppe sein. Wie weit die Fantasie der Nutzer hinsichtlich der Vorstellung einer Internet-freien Welt reicht, lässt sich schlecht beurteilen. Ich denke aber, dass durchaus einige, nämlich die, die nicht wie wir permanent in Texten graben, sondern z.B. sinnvollerweise die Frühlingstage mit Gartenarbeit verbringen, keine derart große Bindung zum Medium Internet besitzen, wie sie Buch-, Leitartikel- und Blogautoren naturgemäß aufweisen. Man sollte hier und generell seinen persönlichen Standpunkt nicht zum allgemeinen Maßstab überbewerten.

Man nutzt als Feuilletonist und/oder Blogger oft wenig mehr Quellen als die Wikipedia, seine Peer-Medien, die Google-Volltextsuche und besonders seine eigene Erfahrungswelt. Es empfiehlt sich aber, sich dieser Begrenztheit immer bewusst zu sein, gerade die letztgenannte Quelle sehr bewusst einzusetzen und ihre Reichweite halbwegs realistisch abzuschätzen. Aktuell gibt es beispielsweise noch mehr Analphabeten als Arbeitslose in Deutschland (ca. 4 Millionen vgl. hier). Wenn sich dieses Verhältnis demnächst verschiebt, liegt es bestimmt nicht an besserer Nachschulung. Hier gibt es also stabil eine nennenswerte Bevölkerungsgruppe, der die ganze Debatte um die Zukunft des Buches und die Marktchancen von E-Books weitgehend egal sein dürfte. Dem Herzensdiskurs einer zwar recht breit aufgestellten, aber dennoch durchaus als Bildungselite zu bezeichnenden Bevölkerungsgruppe immer universelle Wirkmächtigkeit in die Kernsätze schreiben zu wollen, erscheint nicht immer angemessen. Aber die ZEIT ist nunmal Leitmedium genau dieser Elite und insofern ist es am Ende wahrscheinlich doch legitim, so etwas im Rahmen ihrer Reichweite zu tun.

Dass Jürgen Neffe das Verschwinden des Gedruckten selbst nicht so konsequent sieht, wie er zunächst andeutet, demonstriert er im Fortlauf seines Textes, wenn er das Szenario, was durchaus sinnvoller erscheint, als eine Parallelität von gedruckten und digitalen Texten beschreibt:

“Wir werden mit Büchern leben können wie nie zuvor – und dabei, wenn es uns gefällt, immer noch auf Papierversionen zurückgreifen und sie linear in einem Schwung zu Ende lesen. Solche Bücher wird es immer geben.“

Und später noch mal: „Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.“ Ich vermute sogar in stärkerem Umfang als wir Vinylsingles horten.

Wo ist also das Problem? Und warum soll sich ausgerechnet der Typ „Wörterbuch“ neben dem Roman und der Biografie am längsten gegen die Auflösung im Digitalen sträuben, wo es doch bereits hervorragend nutzbare Online-Nachschlagewerke gibt, die es ermöglichen, jedes Wort zu markieren und sofort die Bedeutung auf den Bildschirm zu bekommen? Erweist sich nicht eher der Coffee Table-Fotoband als am stärksten resistent gegen jede Umwandlung ins iPhone-Format?

Die Frage ist…

Die eigentliche Frage stellt Jürgen Neffe nämlich nicht: Ist das Buch, wenn es denn, wie er vorhersieht, mit dem Rest der Medienwelt verschmolzen ist, überhaupt noch ein Buch? Entspricht Lyrik auf dem Handy („Hauptsache, sie werden gelesen.“) überhaupt noch dem Paradigma des „Buches“?

Ich folge eher der These, dass sich in Webkommunikation ganz andere Textformen - aktuell z.B. Blogtexte, die auf die klassischen Presse- bzw. Massenmedien sowohl stilistisch wie auch in der Form deutlich zurückwirken - entwickeln und dass die Debatte, wie wir “Bücher” digital abbilden eine Zweitrangige ist. Das Hypertextsystem des Internets ist nunmal ein Textsystem. Musik und Film lösen sich in diesem nicht auf, sondern werden eingebettet. Eine Musikstück kann nicht im “Vollton” erschlossen werden, jedes Gedicht, jede Novelle, jeder Roman dagegen im Volltext. Schriftzeichen gehen im Medium Internet voll auf und gerade deshalb im Hypertext gern unter. Ausgerechnet durch die Hypertextifizierbarkeit, so meine These, bieten sich lineare Texte, also die meisten Bücher, bestenfalls als abgeschlossene Einheiten, z.B. in Gestalt von PDF-Dateien, für einen Vertrieb über das Netz an. Dieses bleibt aber die Nebenform, solange sie nach den Normen und Bedingungen, die die Form des Buches erfordert, erzeugt werden. Wird dieser formale Rahmen aufgebrochen, erscheint es mir wenig sinnvoll, noch von Büchern zu sprechen. Vor allem aber besteht wenig Anlass, vehement das Medium Buch ins Netz zu treiben, um es dort zu begraben. Wenn die Verlage sich aus dieser Richtung bedroht sehen, dann fehlt ihnen offensichtlich das Vertrauen in ihr robustes, nach wie vor nachgefragtes und recht zeitloses Produkt.

Die Reader

Die E-Book-Lesegeräte erscheinen in der Tat bestenfalls als Sonderfall der Veränderung im Umgang mit den Texten und haben den entscheidenden Nachteil, zwischen den Möglichkeiten der Digitalität und der Abgeschlossenheit und Linearität des Druckmediums in einer manchmal schmucken, oft schmucklosen Sackgasse zu stehen. Ob sie, wie Jürgen Neffe vermutet, als Türöffner geeignet sind, mag sich noch zeigen. Ich habe aufgrund der zuvor beschriebenen Überlegung meine Zweifel:

“Vielleicht sind die heutigen E-Books nur als trojanische Pferde zu verstehen, die in halbwegs vertrauter Verpackung neuartige Ideen unters Volk schmuggeln sollen. Wer sich einen Faust oder eine Kafka-Biografie herunterladen kann, vergisst leichter seine Berührungsängste.“

Die neuen Ideen sind bereits da und haben wenig mit Kafka-Biografien oder dem Buchmarkt zu tun.

Im Casus des Heidelberger Appells wurde allerdings der Initiator erklärtermaßen gerade erst durch die Konfrontation mit einem Digitalisates aus diesem literarischen Umfeld in seine Berührungsängste gestürzt. Also ist es in der Wirkung nicht jedesmal etwas mit dem “Türöffner”. Mitunter ist es ein Schock, der die Wahrnehmung verriegelt.  In jedem Fall ist das trojanische Pferd ein teures Ross, dessen Wert wohl darin besteht, dass bestimmte Grundprobleme (Preisgestaltung, Formate, rechtliche Grauzonen etc.) für die Verwertung von Textinhalten an ihm durchgespielt werden können, bevor irgendwann eventuell ein massenkompatibles Pony auf dem Hof steht.

Von einer schleichenden Durchsetzung der Lesegesellschaft ist im Alltag - Obacht: Persönliche Erfahrungswelt! - dagegen wenig zu merken und in den Thalia-Filialen oder auch im Kulturkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße stehen die Vorführgeräte mehr wie (nur einmal) bestellt und nicht abgeholt herum, denn wie heiß begehrt, während in den Lesesesseln des Zwischengeschoßes unvermindert eifrig in Papier geblättert und gar exzerpiert wird.

Der Niedergang des Buchhandels jedenfalls in der durchpolierten Variante, die natürlich nicht dem eigenartigen Ideal Jürgen Neffes von einer „Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentliche[m] Erlebnisraum“ entspricht, wird bislang nicht sonderlich spürbar, abgesehen davon, dass Buchhandlungen nie im Wortsinn öffentlich waren, manchmal über Lesungen etwas Kultur veranstaltet haben, vor allem aber verkaufen mussten und wollten. Angesichts der genannten drei Funktionen sollte man den Scheinwerfer vielleicht eher auf die öffentlichen Bibliotheken schwenken.

Ordnung und Aufmerksamkeit

Was Jürgen Neffe in seiner Digitalbuch-Euphorie leider auch übersieht, ist, dass Buchhandlungen wie Verlage eine zwar ambivalente, für den Kunden durchaus relevanter Filter- und Steuerfunktion übernehmen:

„Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen […]“

Hier erklingt ein leicht naives Hohelied auf die ICH-AG, das zwei Kleinigkeiten vernachlässigt:
Erstens den Faktor „Aufmerksamkeit“. Jürgen Neffe schreibt selbst, dass “das Buch als Datensatz im gleichen [sic!] technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.“ Neu ist hieran allerdings wirklich nur, dass Buchinhalte über die gleichen technischen Wege und natürlich nicht im gleichen Format auftauchen. Die Konkurrenz zu Bild und Klang gibt es dagegen schon länger, die zum allgemeinen Leben jenseits der Rezeption über Medien ohnehin.

Zweitens fragt man sich, ob die immateriellen und potentiell unendlich vielen Texte und Textkombinationen, die nach seinem Modell verkaufbar sind, tatsächlich allein über niedrigere Preise in einem Umfang absetzbar sind, dass die Urheber-Verleger davon wirklich leben können. Man kann durchaus auch annehmen, dass sich Akteure wie RandomHouse etc. im Internet zu den Selbstverlegern schlicht aufgrund ihrer Finanzkraft ähnlich durchsetzen, wie im realen Verlagsleben, wo man auch mit einer vergleichsweise kleinen Summe – zugegeben nicht ganz so klein wie im Cyberspace – seinen Text publizieren kann. Ob solche Publikationen – oder überhaupt mit Büchern vergleichbare Texte – wie von Jürgen Neffe vermutet im Netz tatsächlich mehr Leser finden, darf man aufgrund der schieren Größe und Unübersichtlichkeit des Textaufkommens im WWW ruhig noch einmal durchdenken.

Ein letzter Schwachpunkt gerade der wirtschaftlichen Argumentation Jürgen Neffes (und im Verständnis der Verlage) liegt in der Annahme, dass eine heruntergeladene Datei in einer direkten Relation zum Verkauf eines physischen Exemplars stehen muss:

“Jedes einzelne Buch, das als legale oder illegale Kopie oder als Download statt gedruckt über den Ladentisch bezogen wird, fehlt in den Bilanzen derer, die vor Kurzen noch Gutenbergs Erbe verbreitet haben.”

Es könnte auch sein, dass ein Buch, welches als Datei heruntergeladen wird, nie gekauft würde, man den Download aber, aus welchem Grund auch immer, einfach mal mitnimmt. Oder das ein Buch, welches sich nach dem Download als hochgradig lesenswert erweist, doch noch in der antiquierten Druckausgabe (”Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten.”) nachgekauft wird und zwar gerade, weil man den Text digital einsehen konnte. Menschen und damit Kunden und ihr Verhalten sind erfahrungsgemäß weitaus breiter gefächert und weniger berechenbar, als man in allgemeinen Prognosen gern annimmt. Manch einer entscheidet sich, wenn er die Wahl zwischen analog oder digital hat, doch gern für das Greifbare. Vielleicht wird offline lesen auch in 15 Jahren wieder so richtig Mode, so wie wir nach wie vor gern Radfahren, auch wenn das Auto bereit steht. Es ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Kulturgesellschaft, dass sie nicht nur dem Notwendigen folgt, sondern auch dem, was ihr einen erstrebenswerten Eigenwert zu haben scheint. Das Rational Choice-Modell, vorausgesetzt die Entscheidung zum Download gegenüber der Printausgabe wäre überhaupt die rationalere, greift bekanntlich nicht in jedem Zusammenhang. Der Schluß, dass jede Kopie im Netz ein verkauftes Realexemplar weniger darstellt, ist also ein reichlich kurzer.

Was bleibt

Entschieden ist hinsichtlich der Zukunft des Buches noch lange nichts, aber die Freude am diskursiven Kampf um die Zukunftsdeutung hält ungebrochen an. Während Jürgen Neffe den Einzug der Literatur dank Akteuren vom „Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe“ auf „iPhone und Co.“ als durchsetzungsfähige Variante erachtet, fragt in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Oliver Jungen: „Welche Konstruktionen gelingen einem Autor, der weiß, er schreibt für ein Handydisplay?“

Sicherlich ganz andere als jemandem, der auf einen sauberen Bleisatz mit schöner Type hinarbeitet. Es gibt Menschen, die kein Problem damit haben, auch 70-mm-Kinofilme im YouTube-Fenster anzuschauen. Dennoch wird hier ein Inhalt in eine Ausgabeform gebracht, die ihm nicht gerecht wird. Gleiches könnte für klassische Texte in digitalen Lesefenstern gelten. Die Literatur für Hypertext-Umgebungen muss jedenfalls in vielen Fällen noch geschrieben werden. Auch hierfür sind Ansätze im WWW zu sehen, die sich aber vor allem durch eines auszeichnen: Sie bilden sich jenseits der Vorstellung von Buch und Verlag.

Jürgen Neffes Fantasie eines postgutenbergschen Zeitalters, in dem immerhin „Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören“, lässt dagegen noch einige Lücken und stolpert über die unzweckmäßige Vorstellung, es ginge darum, das eine in das andere zu übertragen. Nicht zuletzt bleibt die Frage an ihn, warum die von ihm so gerühmten Kulturtechniken Schreiben und Lesen nicht ebenfalls durch technische Innovation genauso forttransformiert werden können, wie anscheinend ihre lange Zeit und im Sinne des Publizierens nach wie vor dominierende mediale Ausdrucksform: das Buch?